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Symboliken des Bösen
Böse Wesen gibt es mengenweise in der heidnisch-antiken Literatur und Bildwelt, in der Bibel, in neuzeitlichen Romanen, und vermutlich auch in der gegenwärtigen Politik... Hier interessieren aber insbesondere die Bösewichter, die sich in Symbolen und Allegorien und Personifikationen camoufliert haben. Das Böse sei in einem weiteren Sinn gefasst; auch: übel, schlecht, fies, schurkisch, zynisch, perfid; lat. malum, nefas, pravitas, improbum, maleficium ... Einige erste Beispiele:
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| links | rechts |
| Ähnlich wie die Soldaten, die das Grab Christi bewachen sollten: schlafendene Wächter und die regierungsfreundliche Zeitungen wie »Le Constitutionnel«, »Le Moniteur« und »Le Messager«. »Le Constitutionnel« schläft in einem Sessel und presst Geldbeutel an sich. – Im Hintergrund alte Frauen, die die legitimistische Presse verkörpern. | Oppositionelle Zeitungen, welche versuchen die Auferstehung zu verhindern. Ein Vertreter der republikanischen Zeitschrift »La Tribune« greift nach dem missgestalteten Fuß d'Argouts, dessen Aussehen an den Bockfuß des Teufels erinnert. »Le Figaro« (mit einer Schreib-Feder bewaffnet) |
Zusammenfassung aus:
> https://www.parismuseescollections.paris.fr/fr/maison-de-balzac/oeuvres/resurrection-de-la-censure#infos-secondaires-detail
> https://www.staatsgalerie.de/de/sammlung-digital/wiederauferstehung-zensur-la-caricature-nr-62-511831
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/caricature1832/0009
Aber nicht nur bei Ovid!
In etlichen Gattungen kommen beide Medien simultan vor und unterstützen sich gegenseitig.
Eine Blütenlese steht zunächst einmal hier.
Erste Überlegungen dazu auf dieser Seite
Thomas Theodor Heine, in »Simplicissimus« 1901 [?]
Um dem dritten Gebot (Exodus 20,7; vgl. Lev. 24,16) nicht zuwiderzuhandeln, werden im Judentum Ersatzwörter für das im Bibeltext geschriebene JHWH verwendet. Früh schon beispielsweise Adonai ("mein Herr"); vgl. > https://www.die-bibel.de/stichwort/10865
Theologische Übelregungen führen sodann dazu, dass eine Creatur nichts über den Creator aussagen kann.
Augustinus (354–430) :
Ac per hoc ne ineffabilis quidem dicendus est Deus, quia et hoc cum dicitur, aliquid dicitur.
≈ Und daher darf Gott nicht einmal der Unaussprechliche genannt werden, weil ja doch schon dadurch, daß er nur so genannt wird, etwas von ihm ausgesagt wird.
(doctrina christiana I,vi,13)
Thomas von Aquin (1225/6 – 1274)
illud est ultimum cognitionis humanae de Deo quod sciat se Deum nescire, ...
≈ Das ist das Äusserste menschlicher Gotterkennens: zu wissen, dass wir Gott nicht kennen.
(De potentia, q. 7 a. 5 ad 14)
Angelus Silesius [Johannes Scheffler 1624–1677]:
GOtt ist ein lauter nichts / Jhn rührt kein Nun noch Hier:
Je mehr du nach Jhm greifst / je mehr entwird Er dir.
(Cherubinischer Wandersmann [1675] I. 25)Mensch so du wilt das seyn der Ewigkeit außsprechen/
So mustu dich zuvor deß Redens gantz entbrechen.
(Andertes Buch, 68)
Dionysius Areopagita (Schriften datierbar auf ca. 485–515) sieht die symbolische Umsetzung als eine Möglichkeit, über das Göttliche zu sprechen:
Es ist gar nicht möglich, dass der urgöttliche Strahl in uns hereinleuchte, es sei denn, dass er durch die bunte Fülle der heiligen Umhüllungen, welche einen höhern Sinn enthalten, verdeckt und in väterlicher Fürsorge unseren Verhältnissen naturgemäß und entsprechend angepasst sei. (De caelesti hierarchia I, ¶ 2)
Jetzt geschieht [die Erkenntnis] in der uns entsprechenden Weise durch die heiligen Schleier, indem die menschenfreundliche Güte der Schriften (Offenbarungen) und hierarchischen Überlieferungen sich bedient, das Geistige im Sinnlichen und das Überseiende im Seienden verhüllt und Gestalt und Bild um das legt, was weder Gestalt noch Bild hat, und die über Natur und Konfiguration erhabene Einfachheit durch die bunte Mannigfaltigkeit der Teilsymbole vervielfältigt und ausgestaltet. (De divinis nominibus I, ¶ 4)
Nicht bzw. nur symbolische Darstellbares gibt es aber, abgesehen von dem weiten Gebiet der "apophatischen" Theologie, auch in anderen Bereichen.
Einige Anregungen stehen bereits hier:
Gottesbilder — Seelenbilder — geheime Botschaften — Zeit — Diabolisches — Tabuisiertes — usw. —
Techniken: Projektionen — Personifikationen — usw.
Immer wieder (vgl. die Zusammenstellung hier) haben wir
• die Leistungen von "Signifiants" untersucht: der Raum, Kleider, der Leib, der Spiegel, das Buch usw;
• oder wir haben gefragt, wie ein "Signifié" symbolisch repräsentiert werden kann: Darstellung von Identität, von Emotionen, von sozialen Gruppen;
• einige Kolloquien führten zu theoretischen Aspekten: Missgeschicke beim Symbolgebrauch, Projektionen, Allegorie.
Aufgrund von welchem Vorverständnis* wird etwas überhaupt als Symbol wahrgenommen – und dann interpretiert – oder als nicht-symbolisch aufgefasst?
*) Begriff der Hermeneutik, Vgl. H.G-Gadamer, Wahrheit und Methode II,1,a) (3.Aufl. 1972, S. 250ff.)
Anders gesagt: Was sind die "Trigger" (oder: was ist ein "élément déclencheur") / was sind die "Inhibitoren" einer Deutung? Was veranlasst bzw. was verhindert eine symbolische Deutung?
Beispiele: Soziokulturelle Auslöser bzw. Blockaden? "Tiefenpsychologisch" angelegte Auslöser (vgl. C.G.Jungs Archetypen)? Durch Bildung antrainierte Auslöser bzw. Blockaden? Von den Erzeugern geforderte Blockaden oder nahegelegte Auslöser?
Deux erreurs: 1° prendre tout littéralement; 2° prendre tout spirituellement. (Blaise PASCAL, Pensées, Nr. 648 [Brunschvicg])
Was geschieht bei der Ablehnung des symbolischen Verstehens? Und was, wenn man alles als symbolisch auffasst?
Das Wort Symbol haben wie im Wettstreit heute alle sich zum Gegenstande des Gebrauchs genommen, die aus der Mitte unserer Landsleute sich nur in der Anwendung dieses einen Wortes klug vorkommen.
Friedrich Creuzer 1808Alles was geschieht ist Symbol, und, indem es vollkommen sich selbst darstellt, deutet es auf das Uebrige. In dieser Betrachtung scheint mir die höchste Anmaßung und die höchste Bescheidenheit zu liegen.
Goethe an Carl Ernst Schubarth 2. April 1818
> http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Briefe/1818
Das soll nicht im luftleeren Raum, sondern anhand konkreter Beispiele diskutiert werden. Nach gewalter Diskussion wissen wir vielleicht mehr über dieses seltsame Phänomen namens "Symbol".
Einige Texte dazu:
• Auslöser für eine symbolische/allegorische Deutung ist die Schwerverständlichkeit einer Textstelle: Obscurus locus est, et acrius attendemus (, Migne PL 26,407A).
Studien zu diesem Thema:
Julia Frick, Pluralisierung von Sinn. Obscuritas als textinterpretative Kategorie in Kommentar und Übersetzung der Frühen Neuzeit
Carmen Cardelle de Hartmann, Obscuritas bei Augustin
beides in: Wolfram-Studien XXV, hg. Susanne Köbele / Julia Frick, Berlin, E.Schmidt-Verlag 2018.
• Der Text der Bibel ist nie obskur.
: per sese certissima, facillima, apertissima, sui ipsius interpres (WA, 7. Band, Schriften 1520/21).
• Für (profane) Gesetzestexte gilt nach alter Auffassung:
Interpretatio est, quae exponit id, quod dictum vel scriptum est aliis verbis, quae idem valeant.(Interpretation bedeutet die Erklärung von Gesagtem oder Geschriebenem durch andere Worte, welche das Gleiche bedeuten)
Simplex interpretatio est adhibenda, si ex verbis legis tam aperta sit legislatoris voluntas, ut de ea dubitari non possit. (Die einfache Interpretation ist anzuwenden, wenn aus den Worten des Gesetzes der Wille des Gesetzgebers so deutlich hervorgeht, dass darüber nicht gezweifelt werden kann.)
Beide Zitate aus: Clausdieter Schott, "Interpretatio cessat in claris". Auslegungsfähigkeit und Auslegungsbedürftigkeit in der juristischen Hermeneutik. In: "Theorie der Interpretation vom Humanismus bis zur Romantik – Rechtswissenschaft, Philosophie, Theologie", hg. von Jan Schröder, Stuttgart 2001, S. 155–189.
• Bei den rabbinischen Auslegungsregeln (Middot) gibt es eine zum Thema der allegorischen Exegese (Maschal). Hier wird strikt verboten, Bibeltexte, welche Gebote und Gesetze formulieren, allegorisch auszulegen.
In den 32 Interpretationsregeln des R. Eliezer ben Jose ha-Gelili [2. Jh. CE] steht in Nr. 26: "This method can only be used in interpreting passages of the Scriptures which do not express laws, but in those passages of the Scripture that contain laws and commandments you cannot interpret the words in a figurative and allegorical sense, …"
Jacob Z. Lauterpach, The Ancient Jewish Allegorists in Talmud and Midrash, in: The Jewish Quarterly Review , Jan., 1911, Vol. 1, No. 3 (Jan., 1911), pp. 291–333 (Zitat auf S. 329).
Beispiele: Unkraut jäten für Aszese • Iatromechanik • die mystische Mühle • Wahlverwandtschaften • der rasende Webstuhl der Zeit • Überdruckventil der Emotionen • Hardware/Software im Gehirn • Gleichschaltung • ...
Anregungen (chronologisch):
Im Aufbau … Holzschnitt des Petrarkameisters, aus: Officia M. T. C. Ein Buch So Marcus Tullius Cicero der Römer zu seynem Sune Marco. Von den tugentsamen ämptern vnd zugehörungen eynes wol vnd rechtlebenden Menschen ..., Augspurg: Steyner, 1531, fol. XLVIverso