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Kolloquien

Ideen für ein Kolloquium zum Thema »Artifizielle Menschen« (geplant für 2021)

Wer einen künstlichen Menschen fabriziert, reflektiert zwingend auf die Natur / Organisation / Eigenart des wirklichen Menschen. Insofern ergeben Roboter u.ä. Gestalten eine Erkenntnisform der Anthropologie im Spiegel ...

Der (wirkliche) Mensch ist bereits artifiziell, ein Geschöpf des Prometheus

Nach Ovid, Metamorphosen I, Vers 76ff. ist nicht genau festzustellen, ob der Mensch aus göttlichem Samen oder aus der Erde stammt, oder ob er ein ›artifizielles‹ Gebilde von des Iapetos Sohn (= Prometheus) ist.

aus: Metamorphoseon libri XV. Raphaelis Regii Volaterrani luculentissima explanatio, cum nouis Iacobi Micylli... additionibus. Venedig: J.Gryphius 1565.

aus: Die Verwandlungen des Ovidii in zweyhundert und sechs und zwantzig Kupffern. In Verlegung Johann Ulrich Krauß, Kupferstechern in Augspurg [ca. 1690].

Ovid schreibt: Während die Erde gebückt ansehen die andern Geschöpfe, gab er (Prometheus) dem Menschen erhabnes Gesicht und ließ ihn den Himmel Schauen und richten empor zu den Sternen gewendet das Antlitz.

Der Fabeldichter Babrios (2. Jh. u. Z.?) weiß mehr:

Der Götter einer war Prometheus in der Urzeit. Er schuf den Menschen, sagt man, als der Tiere Herr, aus Ton. Darauf baute er zwei Ranzen (lat. pera aus dem Griech.) und hängte sie ihm um, gefüllt mit aller Bosheit im vordern Ranzen mit der fremden, im hintern mit der eigenen, die weit größer. So kommt's, daß wir die fremden Schwächen scharfsichtig sehen, die eigenen aber ignorieren.

Und Francis Bacon in »The Wisdom of the Ancients« (1609): The ancients relate that man was the work of Prometheus, and formed of clay; only the artificer mixed in with the mass, particles taken from different animals. — Vgl. auch seine Explanation.

Homunculus

Goethe, Faust II (1832 erschienen), Zweiter Akt. Laboratorium = Verse 6’818–7’004. Vgl. dazu den Kommentar von Albrecht Schöne (Deutscher Klassiker-Verlag 1999), S.508–518.

Wagner: […] Nun läßt sich wirklich hoffen,
Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen
Durch Mischung – denn auf Mischung kommt es an –
Den Menschenstoff gemächlich komponieren,
In einen Kolben verlutieren Und ihn gehörig kohobieren,
So ist das Werk im stillen abgetan.
> http://www.zeno.org/nid/20004853121


Wagner mit Homunculus in der Phiole, dahinter Mephistopheles. – Holzstich, um 1880/90, nach einer Zeichnung von Franz Simm (1853–1918); aus: Goethes Werke, Hg. Heinrich Düntzer, Stuttgart und Leipzig: Dt. Verlags-Anstalt o. J.
> www.goethezeitportal.de

Pygmalion von Ovid (Metamorphosen 10, Verse 243 ff.) über die literarischen Bearbeitungen des Stoffs bis zu »My Fair Lady«

Kupfer von Crispijn de Passe (1589–1637), hier aus: Les Metamorphoses d’Ovide. De nouueau traduites en françois, Et enrichies de figures chacune seolon son subiect. Avec XV. Discours, Conenans l’Explication morale des fables. A Paris Chez la veufe M. Guillernot... 1622.

Die Terracotta-Armee des Kaisers von China.

Die rund 9000 Teracotta-Krieger sind ›artifizielle Menschen‹, die als symbolische Armee dem Ersten Kaiser möglicherweise die Eroberung der jenseitigen Welt sichern sollten. (M.Winter)


Bild aus Wikipedia

 

••• Sind nicht auch Götter, die sich in Menschen verwandeln, artifizielle Menschen? Beispiel: Jupiter besucht in Gestalt ihres Gatten Aphytrio die Alkmene ...

Misslungene Metamorphose

Die (blinde) Glücksgöttin hat hier einen Affen in einen Menschen, und zwar in einen gekrönten König verwandelt – aber seine Art bleibt erhalten.

Fortuna non mutat genus

Q. Horatii Flacci emblemata. Imaginibus in æs incisis, notisque illustrata, studio Othonis Væni, Batauolugdunensis. Antverpiæ ex officina Hieronymi Verdussen 1607. — Kupfer von Otto van Veen (1556–1629); Ausschnitt
> https://archive.org/stream/qhoratiflacciemb00veen#page/155/mode/2up

Bunte Liste von künstlichen Menschen

Johannes Praetorius (1630–1680), Anthropodemus plutonicus. Das ist eine neue Welt-Beschreibung , Magdeburg: Johann Lüderwald 1666/67

1. Teil, Kap. 5: Von Erzimmerten Menschen
> http://www.zeno.org/nid/20005493315

Humanoide Roboter

 

Jacques de Vaucanson (1709–1782) konstruierte einen flötenspielender Schäfer, einen Trommler und eine Ente und führte sie 1738 vor:

Le Mécanisme Du Fluteur Automate. Avec La description d'un Canard Artificiel, mangeant, beuvant, digerant & se vuidant ... imitant en diverses manières un Canard vivant ... ; Et aussi Celle d'une autre figure ... jouant du Tambourin & de la Flute, suivant la rélation, qu'il en a donnée dépuis son Mémoire écrit, Paris: Guerin 1738.

Beschreibung eines mechanischen Kunst-Stucks und Avtomatischen Flöten-Spielers, so denen Herren von der Königlichen Academie der Wissenschaften zu Paris durch den Herrn Vaucanson Erfinder dieser Machine überreicht worden, samt Einer Description sowohl einer künstlich-gemachten Ente, die von sich selbst das Essen und Trincken hinein schluckt ... und all dasjenige verrichtet/ was eine lebendige Ente thun kan: Als auch Einer andern gleichfalls wunderbaren Figur, welche mit der einen Hand die Trommel rühret, und mit der andern 20 unterschiedliche Arien auf einer Provence-Pfeiffe spielt und bläset. Nach dem Pariser-Exemplar übersetzt und gedruckt ... Augspurg : Maschenbaur 1748.
> http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001C42C00000000

• Der Schachroboter, der 1769 von Wolfgang von Kempelen konstruiert wurde, vgl. den interessanten Artikel auf Wikipedia

A. de Roches, L’automate joueur d’échecs, in: La Nature. Revue des sciences et de leurs applications aux arts et à l'industrie. Journal hebdomadaire illustré. Deuxième année 1882, p. p.397.
> http://cnum.cnam.fr/CGI/fpage.cgi?4KY28.19/401/100/432/8/420

• Schon früh karikiert:

Beide Abb. aus: Hans Wettich, Die Maschine in der Karikatur. Ein Buch zum Siege der Technik, Berlin: Verlag der Lustigen Blätter 1916.

• KENGORO
> https://techxplore.com/news/2017-12-team-japan-advanced-humanoid-robot.html

• Boston Dynamics Robots (auf YouTube zu sehen).

• Mini cheetah is the first four-legged robot to do a backflip {Mai 2020}
> http://news.mit.edu/2019/mit-mini-cheetah-first-four-legged-robot-to-backflip-0304

Womit man beschäftigt ist, dazu wird man...

Giuseppe Arcimboldo ca. 1565:

> http://www.zeno.org/nid/20003868583

Nicolas II de Larmessin (1632–1694) hat – in der Nachfolge von Arcimboldo – eine Reihe von Handerwerker-Bildern gezeichnet, die aus deren Werkzeugen zusammengesetzt sind:

L’Arcimboldo dei Mestieri. Visioni fantastiche e costumi grotteschi nelle stampe di Nicolas De Larmessin, Prefazione di Stefano Benni, Milano: Mazzotta 1979.

Romane, Novellen, Schauspiele, Filme

 

Mary Shelley, »Frankenstein or The modern Prometheus« (1818)

Beate Schappach (Institut für Theaterwissenschaft der Universität Bern) weist hin auf die die Inszenierung »Frankenstein« des National Theatre London. Sie wird derzeit (Mai 2020) online gezeigt:

https://www.youtube.com/channel/UCUDq1XzCY0NIOYVJvEMQjqw

»Diese Bühnenadaption ist interessant, weil sie die Geschichte aus Sicht der Kreatur erzählt. Frankenstein ist für einmal nicht Protagonist der Handlung, sondern sein Geschöpf. Indem die Inszenierung die Kreatur nicht in den Bereich des Monströsen verbannt, wie das viele Verfilmungen getan haben, kommt das Potential des Romans wieder zum Vorschein.

Desweiteren ist es eine interessante Arbeit, weil die beiden Schauspieler, die Frankenstein und sein Geschöpf spielen, sich jeweils abgewechselt haben. Es gibt also zwei Versionen der Inszenierung jeweils mit vertauschten Rollen. Dieser Ansatz setzt einen Akzent darauf, dass Schöpfer und Geschöpf spiegelbildlich lesbar sind.«

E.T.A .Hoffmann, »Der Sandmann« (1816): Der musizierende Automat Olimpia – vgl. die Oper von Jacques Offenbach »Les Contes d’Hoffmann, zweiter Akt.

 

Auguste de Villiers de L’Isle-Adam [1838–1889], L’Ève future, 1886. — Edisons Weib der Zukunft, [Übers. von Annette Kolb] München: Weber, 1909.

https://blog.hnf.de/die-eva-der-zukunft/

Karel Čapek, R.U.R. – Rossum’s Universal Robots (tschechisch: Rossumovi Univerzální Roboti), 1920 — Karel Čapek: W.U.R., Werstands universal Robots: Utopistisches Kollektivdrama in 3 Aufzügen (Übersetzt von Otto Pick). Prag: Orbis, Prag / Leipzig: Cnobloch 1922.

https://de.wikipedia.org/wiki/R.U.R.

Fritz Lang, »Metropolis« 1927

Ian MacEwan, »Machines like me« (2019)

https://www.perlentaucher.de/buch/ian-mc-ewan/maschinen-wie-ich.html

Emma Braslavsky, »Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten«, Berlin: Suhrkamp 2019.

https://www.perlentaucher.de/buch/emma-braslavsky/die-nacht-war-bleich-die-lichter-blinkten.html

Jeanette Winterson, »Frankissstein. Eine Liebesgeschichte«, Zürich: Kein und Aber 2019.

https://www.perlentaucher.de/buch/jeanette-winterson/frankissstein.html

Literaturhinweise

 

Peter von Matt, Die Augen der Automaten. Tübingen: Niemeyer 1971 (Studien zur deutschen Literatur 21)

Peter Gendolla, Die lebenden Maschinen. Zur Geschichte der Maschinenmenschen bei Jean Paul, E.T.A. Hoffmann und Villiers de l’Isle Adam, Marburg/Lahn: Guttandin und Hoppe, 1980 (Reihe Métro; Bd. 10).

Stefan Hesse: Golems Enkel. Roboter zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Urania Verlag: Leipzig/Jena/Berlin 1986.

Klaus Völker: Künstliche Menschen. Dichtungen und Dokumente über Golems, Humunculi, liebende Statuen und Androiden. Hanser: München 1971.

[verschiedene Autoren]: »Wir und die Maschinen« im Magazin der Universität Zürich, Heft 2019/2, Seiten 28–48 > https://www.magazin.uzh.ch/de/issues/magazin-19-2.html#0-0

 

 

Weblinks

https://en.wikipedia.org/wiki/Cyborg

https://dt.wikipedia.org/wiki/Androide

https://de.wikipedia.org/wiki/Roboter#/media/Datei:Ars_Electronica_2008_Kotaro.jpg

https://vimeo.com/291694284

 

 

 

 



///\\ Schräge Parallelen: Überbietungen – Rekreationen – Variationen

In allen Medien kommt das vor: Ein Text, ein Bild, ein Musikstück, eine Handlung wird überboten, das heisst: das Motiv, die Struktur, das Handlungsschema wird übernommen und neu geformt: mit sinnfälligen Änderungen,ernst oder witzig, oft schräg.

Der Ausgangs-Element kann dabei als Autorität eingeschätzt werden, die man noch überbieten will; oder als roh und stümpferhaft, was man verbessern möchte; oder als altmodisch, was man aufdatieren möchte usw.

Transformationstechniken / Medien:

  • in der Literatur: Parodie und Kontrafaktur; Adaptation courtoise
  • im Medium Bild: Karikatur
  • in der Musik: Kontrafaktur (Melodie übernommen; neuer Text dazu)
  • in der christlichen Theologie: typologische Deutung des NT auf der Grundlage des AT (Matthäus 12,40 — vgl. Jona 2,1)
  • generell: das Ausgangs-Element wird allegorisiert und so in eine andere \ analoge Welt versetzt

iWelche neue Aussage entsteht so?

 

Beispiele

➜ Goyas ›Nackte Maja‹ und Picassos Variation davon (1964) waren 2019 im Prado nebeneinander ausgestellt. Mehr zu dessen Überarbeitungen hier.

➜ Bekannte Gemälde und Skulpturen werden in die Welt der Enten von Walt Disney versetzt: www.duckomenta.com

➜ Der babylonische Turm variiert

➜ Das Verkehrte-Welt-Motiv:

Des abenteuerlichen Simplicii verkehrte Welt. Nicht/ wie es scheinet/ dem Leser allein zur Lust und Kurtzweil: Sondern auch zu dessen aufferbaulichem Nutz annehmlich entworffen von Simon Lengfrisch võ Hartenfels*. Gedruckt im Jahr 1672.
*) Anagramm für Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen

Der von seiner Geliebten betrogene Hirt Damon (Vergil, Bucolica, Ecloga VIII,53ff.):

Jetzt soll fliehen vor Schafen der Wolf, jetzt trage der harte Eichbaum goldene Äpfel, Narzissenblüten die Erle, aus Tamariskenrinde soll goldig quellen der Bernstein, streiten soll gegen Schwäne der Kauz, sei Tityrus Orpheus, Orpheus in Wäldern und sei Arion unter Delphinen. Alles zerfliesse und werde zu Meer! ... Jäh vom Gipfel des ragenden Bergs hinab in die Fluten stürz ich mich nieder.

Alice hinter den Spiegeln (Lewis Carroll, »Through the Looking Glas and What Alice Found There« 1871)

➜ Typologischer Bezug von Szenen zwischen dem Altem und dem Neuen Testament

links: Enrückung des Enoch (Genesis 5, 24)
rechts: Himmelahrt des Elia (2 Könige = 4 Reg. 2, 11–12)
im Medaillon in der Mitte: Christi Himmelfahrt (Apostelgeschichte 1,9–11)

Biblia Pauperum Codex Pal. Lat. 871, Fol. 18v, Ausschnitt; Reprod. mit Transkription der Texte von Heike Drechsler, Stuttgart: Belser 1995.

➜ Lucas Cranach d.Ä. setzt die Szene des demütig auf einer Eselin in Jerusalem einreitenden Jesus (Matthäus 21) derjenigen der prunkvoll einherreitenden katholischen Geistlichkeit (erkennbar der Papst, ein Kardinal, ein Bischof) gegenüber, die auf die Hölle zureiten:

Passional Christi und Antichristi, Wittenberg 1521.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0002/bsb00027007/images/

➜ Gryllus (Tierkarikatur): Aeneas mit Anchises und Ascanius als Kynokephaloi (Hundsköpfige) auf der Flucht aus dem brennenden Troja (Wandmalerei in Pompei):

Umzeichnung in: A. Springer, Handbuch der Kunstgeschichte, I: Altertum, 9. Auflage, Leipzig 1911, Abb. 718. —
Vgl. das antike Relief (Fundort Ungarn): F. und O. Harl, Ubi Erat Lupa > http://lupa.at/5921

➜ Napoléon III (1808–1873) in der Karikatur.

Portrait von Frédéric Adolphe Yvon (1817–1893)

Karikatur von Paul Hadol (1835-–1875) in »La Ménagerie impériale« und hier

➜ Après avoir lu Télémaque, L'Iliade et L'Odyssée … Honoré Daumier (1808–1879) entreprend une suite de cinquante lithographies (publiées dans Le Charivari, entre décembre 1841 et janvier 1843), consacrées à l'histoire et à la mythologie antiques. La caricature, alliée à la parodie, lui permet de tourner en dérision tout l'arsenal conventionnel de l'académisme de la peinture néo-classique.
> http://expositions.bnf.fr/daumier/grand/034.htm
> http://arts.mythologica.fr/artist-d/daumier.htm

 

➜ Das »Evangelium secundum marcam argenti« (Carmina Burana Nr. 44); eine Satire auf die Herrschaft des Gelds in der Kirche aus der 2. Hälfte des 12. Jhs.; zusammengestoppelt aus — Bibelzitaten !

Carmina Burana. Texte und Übersetzungen [und Kommentare] , hrsg. von Benedikt Konrad Vollmann Bibliothek des Mittelalters, Band 13, Frankfurt am Main, 1987 ( Deutscher Klassiker-Verlag im Taschenbuch Bd. 49). Nr. 44

➜ Die Bibel nacherzählt mit lauter Vergilzitaten: der sog »Cento« (Flickengedicht) der Proba (2. Hälfte des 4. Jhs.)

Faltonia Betitia Proba: Die Heilige Schrift kurz erzählt mit den Worten des Vergil - Cento Vergilianus. Übersetzt und kommentiert von Wolfgang Fels. Mit einem einleitenden Essay von Katharina Greschat (= Bibliothek der Mittellateinischen Literatur, Band 13). Hiersemann, Stuttgart 2017.

➜ Umformung eines weltlichen Gedichts / Anlasses in einen mytagogischen Text. Beispiele:

• Das Badliedli Woluff, im geist gon Baden!

• Murners Badenfahrt:

Thomas Murner, Ein andechtig geistliche Badenfart/ des hochgelerten Herren Thomas murner/ der heiligen geschrifft doctor barfüser orden/ zuo Straßburg in dem bad erdicht/ gelert vnd vngelerten nutzlich zu bredigen vnd zu lesen. Straßburg: Johannes Grüninger 1514.
> bei GoogleBooks
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00083105/image_5

➜ Die Laokoongruppe als Affen

Die Laokoongruppe wurde am 14. Januar 1506 in Rom wiedergefunden. Die zugrundeliegende Szene wird geschildert von Vergil: Laokoon mahnt die Trojaner, dem Pferdder Griechen nicht zu trauen (timeo Danaos et dona ferentes), dann kommen Schlangen aus dem Meer und bringen ihn und seine Söhne um (Aeneis II,200–233): et primum parva duorum corpora natorum serpens amplexus uterque implicat.

Vgl. die frühen Stiche von Marco Dente (* um 1490 in Ravenna; † 1527 in Rom) um 1520
> https://de.wikipedia.org/wiki/Marco_Dente und https://en.wikipedia.org/wiki/Marco_Dente

sowie Federico Zuccaro (ca. 1542 – 1609) beim ehrfürchtigen Abzeichnen der Plastik:

> http://www.wga.hu/frames-e.html?/html/z/zuccaro/federico/index.html

Irgendwann taucht dieser nicht signierte Holzschnitt auf:

Quelle: British Museum > http://tinyurl.com/y6knvtko

Die wahrscheinlichste Deutung der Karikatur stammt von H.W.Janson (1913–1982), dem besten Kenner der Affen-Ikonographie: Horst W. Janson, Apes and ape lore in the Middle Ages and Renaissance, (Studies of the Warburg Institute 20), London 1952; Appendix, pp. 355–369 (Erstdruck in The Art Bulletin XXVIII, 1946, p. 49ff.).

Hauptmann Hammer und Josef

Urs Josef Hammer (1779–1843) hatte ein bewegtes Leben; er stand 25 Jahre lang in fremden Diensten. (Vgl. Jules Pfluger in: Jurablätter, 52.Jahrgang / Heft 4, April 1990.)

Die satirische »Kurze und faßliche Beschreibung der Lebensgeschichte meines Herrn Vetters«, erschien im »Schweizerischen Bilderkalender für das Jahr 1839«, S.31–36; der Text stammt von von Peter Felber (1805–1872; tatsächlich verwandt mit Hammer) / die Bilder hat Martin Disteli (1802–1844) als Federlitho realisiert. (Im Kalender für 1846 erscheinen S. 34–37 Die letzten vier Kapitel).
Digitalisat > http://doc.rero.ch/record/209269

Der Text zum Bild:

Daneben hatte Keiner seiner Mitsoldaten die Knöpfe so blank geputzt wie er, und hatte er die Polizeimütze auf's linke Ohr gesetzt, so sah gar manches Mädchen mit gierigen Augen auf den gattlichen [= für eine Liasion passenden] Soldaten, auf den wohl genährten runden Kreuzwirthssohn von Egerkingen. Nicht ohne Gründe sagt daher mein Vetter (siehe Figura Nro. 1): „Das ist bi Gott selb mol ne G'spaß gsy.”

(Hammer zieht mit Teresina nach Italien und blufft vor ihr mit seinen bisherigen Taten. Er war 1806–1811 in französischen Diensten und machte Kriegszüge in Italien mit.)

Das Alles scheint dein üppigen Mädchen nichts Neues zu seyn und sie hört ihm mit südlicher Bequemlichkeit zu, während das Hündchen, das mein Vetter damals immer mit sich führte, seine ungeduldige Eifersucht laut werden läßt.

Raffe dich auf, Krieger! Ein höheres Ziel ist dir gesteckt! — Und wirklich, er raffte sich auf aus dieser und mancher anderen Gefahr; wirklich, er floh, wie Joseph aus den Händen der Putipharin, aber klüger als Joseph, ließ er niemals den Mantel dahinten.

Das Bild zeigt den bramarbasierenden Hauptmann unter dem Bild mit der Szene, wo Josef vor Potifars Weib flieht (1.Moses 39,12: da ergriff sie ihn bei seinem Gewand und sagte: Liege bei mir! Er aber ließ sein Gewand in ihrer Hand, floh und lief hinaus.)

Detail:

Vorgeschwebt hat Disteli ein Bild dieser Szene evtl. aus einer Bilderbibel — eine schräge Parallele:

Biblische Figuren des Alten und Newen Testaments gantz künstlich gerissen. Durch den weitberhümpten Vergilium Solis zu Nürnberg (1562)

 

➜ Lebensschicksale einer Heuschrecke

Die »Lebensschicksale einer Heuschrecke« von Martin Disteli (1802–1844) waren für den »Schweizerischen Bilderkalender« 1840 angekündigt, erschienen aber erst postum im Jahrgang 1848 des »Illustrierten Schweizer-Kalenders« (S.8–30) als »Ein Mann von Welt oder Der Grashüpfer von Maler Disteli«. (Von wem stammt der Text? Peter Felber? Der Holzstich sit signiert von einem Formschneider CB.)

➜ Bracelli

Giovanni Battista Bracelli, Bizzarie di Varie Figure, Livorno 1624.

> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k3175268

> https://publicdomainreview.org/collection/bracelli-s-bizzarie-di-varie-figure-1624

➜ Grandville

Aus der »Geschichte einer weißen Amsel«: Je suis, répondit l’inconnu, le grand poëte Kacatogan.

Scènes De La Vie Privée Et Publique Des Animaux. Études De Mœurs Contemporaines, Publiées Sous La Direction De M. P.-J. Stahl, Avec La Collaboration De Messieurs De Balzac ... Vignettes Par Grandville, Paris: J. Hetzel Et Paulin, Éditeurs 1867 [EA 1842].

➜ Das Sternbild des Schwans als Text

Eine Visualisierung des Sternbilds mit zugehörigem Text aus Hyginus, Poeticon Astronomicon, Venedig: Ratoldt 1482 sieht so aus:

> http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0005/bsb00054123/images

Ein Codex aus dem 9./11 Jh. enthält 22 solche Figuren, in denen das Bild als Text gestaltet ist:

British Library, Harley MS 647, fol. 5v
> http://www.bl.uk/manuscripts/FullDisplay.aspx?ref=harley_ms_647

Die Figur ist mit dem Text gestaltet, der entnommen ist Hygin, De Astronomia II, viii.

OLOR. Hunc Graeci cygnum appellant; quem conplures, propter ignotam illis historiam, communi genere avium ornin appellaverunt. De quo haec memoriae prodi est causa. Iuppiter cum, amore inductus, Nemesin diligere coepisset neque ab ea ut secum concumberet impetrare potuisset, hac cogitatione amore est liberatus. Iubet enim Venerem aquilae simulatam se sequi; ipse in olorem conversus ut aquilam fugiens ad Nemesin confugit et in eius gremio se collocavit. Quem Nemesis non aspernata, amplexum tenens somno est consopita; quam dormientem Iuppiter compressit. Ipse autem avolavit, et quod ab hominibus alte volans caelo videbatur, inter sidera dictus est esse constitutus. Quod ne falsum diceretur, Iuppiter e facto eum volantem et aquilam consequentem locavit in mundo. Nemesis autem, ut quae avium generi esset iuncta, mensibus actis, ovum procreavit. Quod Mercurius auferens detulit Spartam et Ledae sedenti in gremium proiecit; eo quo nascitur Helena, ceteras specie corporis praestans, quam Leda suam filiam nominavit. Alii autem cum Leda Iovem concubuisse in olorem conversum dixerunt; de quo in medio relinquemus.

(Hier in der modernen Ausgabe > https://www.thelatinlibrary.com/hyginus/hyginus2.shtml)

Deutsche Übersetzung von Jürgen Wüllrich, Hyginus. Von der Astronomie BoD 2009:
Die Griechen nennen ihn Kyknos, doch einige kennen seine Geschichte nicht und nennen ihn wie mit dem Oberbegriff für Vögel Ornis. Seine Geschichte ist aus dem folgenden Grund überliefert. Jupiter verliebt sich in Nemesis und begann ihr nachzustellen, aber er hatte bei ihr keinen Erfolg mit seinem Wunsch, dass sie mit ihm schlief. Da dachte er sich etwas aus, um seine Leidenschaft zu stillen. Er befahl Venus, ihn in der Form eines Adlers zu verfolgen. Er selbst nahm die Gestalt eines Schwans an und tat so, als flöhe er vor dem Adler und suchte bei Nemesis Unterschlupf, in deren Schoß er sich niederließ. Nemesis war dies nicht unrecht, sie umarmte ihn und schlummerte wie betäubt rasch ein. Kaum schlief Sie, da schwängerte sie Jupiter. Dann flog er auf, und die Menschen sahen ihn so hoch am Himmel fliegen, dass sie sagten, der Schwan sei unter die Sterne gekommen. Um sie nicht Lügen zu strafen, stellte Jupiter danach den fliehenden Schwan und den nachsetzenden Adler ans Himmelsgewölbe. — Weil Sich Nemesis jedoch mit einer Vogelart verbunden hatte, kam sie nach den Monaten der Schwangerschaft mit einem Ei nieder. Dieses Ei entwendete Merkur, brachte es nach Sparta und warf es Leda in den Schoß. Daraus wurde Helena geboren, die alle anderen an körperlicher Schönheit übertraf. Leda nannte sie ihre eigene Tochter. Andere berichteten jedoch, dass es Leda war, mit der Jupiter als Schwan verwandelt schlief. Dies lassen wir dahingestellt.

Unter dem Bild-Text steht in normaler Schreibung der entsprechende Text aus Cicero, Aratea:

Namque est Ales avis lato sub tegmine caeli
Quae volat et serpens geminis secat aera pennis.
Altera pars huic obscura est et luminis expers,
Altera nec parvis nec claris lucibus ardet,
Sed mediocre iacit quatiens e corpore lumen.
Haec dextram Cephei dextro pede pellere palmam
Gestit; iam vero clinata est ungula vemens
Fortis Equi propter pennati corporis alam.

Cicéron, Aratea, Fragments poétiques. Texte établi et traduit par Jean Soubiran, Paris: Les Belles Lettres, 1972, p. 169 = 47ff. (275ff.).

Literatur hierzu mit vielen weiteren Beispielen bis in die Moderne: Jeremy Adler / Ulrich Ernst: Text als Figur. Visuelle Poesie von der Antike zur Moderne, Weinheim 1987 (Ausstellungskataloge der Herzog August Bibliothek 56).

 

➜ ➜ ➜ Generelle Hinweise:

Karl Eric Maison, Bild und Abbild. Meisterwerke von Meistern kopiert und umgeschaffen, München 1960 (Themes and variations. Five centuries of interpretations and re-creations, London: Thames and Hudson [1960]).

Reinhold F. Glei / Robert Seidel (Hgg.), Parodia: Aspekte intertextuellen Schreibens in der lateinischen Literatur der Frühen Neuzeit (Frühe Neuzeit Band 120) de Gruyter 2012.

 


Handwerk, Technik, Maschinen als Modelle für Lebendiges

Beispiele: Unkraut jäten für Aszese • Iatromechanik • die mystische Mühle • Wahlverwandtschaften • der rasende Webstuhl der Zeit • Überdruckventil der Emotionen • Hardware/Software im Gehirn • Gleichschaltung • ...

 


Was geschieht beim Verlust des Symbols? Und was, wenn man alles als symbolisch auffasst?

»Deux erreurs: 1° prendre tout littéralement; 2° prendre tout spirituellement.« (Blaise PASCAL, Pensées, Nr. 648 [Brunschvicg])

zu 1°

  • Postmoderne: Es gibt nur das unendliche Spiel der Signifikanten
  • Fundamentalismen aller Schriftreligionen
  • abstrakte Kunst (Malevitsch, Schwarzes Quadrat 1915)
  • Programm-Musik vs. Ornament (Hanslick: Musik besteht aus "tönend bewegten Formen")
  • Wörtlichnehmen von Mythen: was für ein Fisch verschlang den Jonas?

zu 2°

  • Kirchenväter-Exegese
  • Traumdeutung von Artemidor bis Freud
  • evtl. psych. Störungen > http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_psychischer_Störungen ? ("überwertige Ideen")

Welche "Zeichen" leisten (was) bei der "Kommunikation"?

Sprache (in allen Ausfächerungen: proprie, metaphorice) — Mimik (vgl. Charles Darwin, The Expression of the Emotions in Man and Animals, 1872) — Bildmedien — Programm-Musik — Kommunikation im Tierreich — ......

 


Psychoanalytische Deutungen von Narrativen

Anregungen (chronologisch):

  • Sigmund FREUD, Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva, Leipzig und Wien: Heller 1907.
  • Carl Gustav JUNG, Psychologie und Alchimie, Zürich: Rascher 1944.
  • Linda FIERZ-DAVID, Der Liebestraum des Poliphilo. Ein Beitrag zur Psychologie der Renaissance und der Moderne, Zürich: Rhein-Verlag 1947. [Zusammenfassung und Kommentar der »Hypnerotomachia« im Lichte der Psychologie von C.G.Jung]
  • Antoinette FIERZ-MONNIER, Initiation und Wandlung, Zürcher Diss., Bern 1951. [zum Artusroman aus Sicht von C.G.Jung]
  • Hedwig VON BEIT, Symbolik des Märchens, Bern: Francke 1952.
  • Emma JUNG / Marie-Louise VON FRANZ, Die Graalslegende in psychologischer Sicht, Zürich 1960.
  • Eugen DREWERMANN, Tiefenpsychologie und Exegese, Olten: Walter (2 Bände) 1984/85.
  • Aron Ronald BODENHEIMER, Der Waldgänger. Wenn die Melancholie dichtet, Wien: Passagen-Verlag 1993.
  • Brigitte BOOTHE, Das Narrativ. Biografisches Erzählen im psychotherapeutischen Prozess, Stuttgart: Schattauer 2010.
  • Peter VON MATT, Literaturwissenschaft und Psychoanalyse, Freiburg/Br.: Rombach 1972.
  • Freiburger Arbeitskreis Literatur und Psychoanalyse: http://www.litpsych.uni-freiburg.de/wp/
  • Frauke Berndt, Eckart Goebel (Hgg.), Handbuch Literatur & Psychoanalyse, Handbücher zur kulturwissenschaftlichen Philologie 5, De Gruyter 2017.

Darstellung des Nicht-Darstellbaren

GottesbilderSeelenbilderEmotionen — Tabuisiertes — die Entscheidunggeheime Botschaften — usw. —

 

 

Exkursionen

 

Embleme der Wallfahrtskirche Hergiswald. Link

Die romanische Bilderdecke der Kirche St. Martin in Zillis. Link

Die Felszeichnungen von Crap Carschenna. Link

Führung durch das Money Museum (Zürich) Link

 


Im Aufbau … Holzschnitt des Petrarkameisters, aus: Officia M. T. C. Ein Buch So Marcus Tullius Cicero der Römer zu seynem Sune Marco. Von den tugentsamen ämptern vnd zugehörungen eynes wol vnd rechtlebenden Menschen ..., Augspurg: Steyner, 1531, fol. XLVIverso