Satyrn und verwandte Gestalten in der Antike und ihre Rezeption

 

Siehe unser Buch: »Spinnenfuß & Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen«
Schriften zur Symbolforschung, hg. von Paul Michel, Band 16, 472 Seiten mit 291 schwarz-weißen Abbildungen, PANO Verlag, Zürich 2013 — ISBN 978-3-290-22021-1


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Antike Mythen und ihre Rezeption

Ursprünglich waren Pan, die Faune und Satyrn unterschiedliche Gestalten; die römischen Schriftsteller haben sie durcheinandergebracht und stellen sie dar mit Hörnern und vom Bauch an abwärts als Ziegen.

Übersicht bei Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon (1770):

http://www.zeno.org/Hederich-1770/A/Pan?hl=pan
http://www.zeno.org/Hederich-1770/A/Satyri?hl=satyr
http://www.zeno.org/Hederich-1770/A/Favni?hl=faun

Die Doppelnatur des Pan ist bereits früh Thema. Sokrates (gest. 399 v.u.Z.) nimmt sie zum Anlass einer Neckerei: Er provoziert den Hermogenes, dessen These es ist, das die Beziehung zwischen den Wörtern und ihren Bedeutungen auf Übereinkunft gründen, indem er ihm weiszumachen versucht, dass der Name des Halbgottes Pan sich zwingend aus dessen Charakter ergebe:

Sokrates: Dass Pan, der Sohn des Hermes, so zwitterhaft ist, das lässt sich sehr gut begreifen. […] Du weisst doch, dass die Rede Alles, ›pan‹, andeutet, und immer umher sich wälzt und geht, und daß sie zwiefach ist, wahr und falsch? […] Also das wahre an ihr ist glatt und göttlich, und wohnt oberhalb unter den Göttern; das falsche aber unterhalb unter dem großen Haufen der Menschen, und ist rauh und böckisch, […]. Mit Recht also ist der Alles andeutende und immer wandelnde ›Pan‹ genannt worden, der zwitterhafte Sohn des Hermes, oberhalb glatt, unterhalb aber rauh und bocksähnlich. Und offenbar ist doch Pan die Rede oder der Bruder der Rede, wenn er ein Sohn des Hermes ist, und daß Geschwister einander ähnlich sehn, ist ganz natürlich.

Platon, Dialog »Kratylos« 408 b–d; Übersetzung von F. Schleiermacher. (Die Etymologie ist von heute aus gesehen falsch: der Gott Πάν – aber το πᾶν ›alles‹; der Götterbote Hermes galt als für die Redegabe zuständig.)

Silius Italicus (um 25 bis um 100 n. Chr.), der Verfasser des mit viel gelehrtem Wissen aufgeputzten 14’000 Verse langen Epos »Punica« (das wohl kaum je im Lateinunterricht gelesen wird), beschreibt eine kriegerische Szene, die Einnahme der (zu Hannibals Truppen übergelaufenen) Stadt Capua, wo plötzlich die siegreichen römischen Soldaten Bedenken tragen, Stadt und Tempel in Asche zu legen, weil Jupiter ihnen das eingibt. Dazu hat er Pan geschickt, der folgendermaßen beschrieben wird:

Jupiter schickt den Pan […], der beinahe keine Spuren mit seinem Bocksfuß auf den Erdboden setzte […]. Aus der rötlichen Stirne sprießen winzige Hörner, die Ohren stehen empor, von der Kinnspitze geht ein struppiger Bart aus. Einen Hirtenstab hat der Gott, und an der Seite umhüllt ihn das Fell eines zierlichen Hirschkalbs. Keine Klippe so steil, dass der darauf nicht […] den Hornfuß setzte […]. Manchmal schaut er lächelnd nach hinten und freut sich über das Spiel des Schwanzes am Rücken.

Titus Catius Silius Italicus, Punica. Das Epos vom Zweiten Punischen Krieg; lateinischer Text mit deutscher Übersetzung von Hermann Rupprecht, Mitterfels: Stolz, 1991. XIII. Gesang, Verse 302 ff.

Diese Stelle zitiert Vincenzo Cartari (ca. 1531 – ca. 1569) in seinen epochemachenden Werk »Imagini De Gli Dei Delli Antichi« (Erstausgabe 1556). Seit der Ausgabe von Bolognino Zalteri 1571 ist das Buch mit Bildern ausgestattet. Diese Bilder haben auf die Darstellung antiker Götter einen gewaltigen Einfluss gehabt.

Le Imagini dei de gli Antichi. Nelle Quali Si Contengono gl'Idoli, Riti, Ceremonie, & altre cose appartenenti all Religione de gli Antichi, Racolte dal Sig. Vincenzo Cartari, con la loro espositione, & con bellissime & accommodate figure […], in Lione apresso Stefano Michele 1581. – Links ist Jupiter dargestellt, ws hier nicht interessiert.

Für die Erschaffung einer Bildtradition des Satyrs ist aber wohl ebenso bedeutsam die Szene, die Ovid (43 vor bis 17 nach Chr.) in den »Metamorphosen« (I, 691–712) erzählt: Die Nymphe Syrinx wird vom Gott Pan erblickt, der, enflammiert, ihr folgt; sie flieht und gelangt zu einem Fluss; wie Pan nach ihr greifen will, hält er nurmehr Schilfrohr in den Händen. Er seufzt, sein Atem fährt durch die Halme, und so erfindet er die Panflöte.

P. Ovid Nasonis XV. Metamorphoseon librorum figurae elegantissime, a Crispiniano Passaeo laminisaeneis incisae. Quibus subiuncta sunt epigramata latine ac germanice conscripta, ... fabularum omnium summam breviter ac erudite comprehendentia, autore Guilhelmo Salsmannos ... prostant (etc.). Coloniae: Passaeus / Arnhemiae: Janssonius [1607 als Chronogramm].

Die Tradition dieses Bildes ist mächtig; viele Zeichner haben den Kontrast der beiden Figuren ausgekostet. Her ein weiteres Beispiel. Zeichner: Hubert-François Gravelot (1699 –1773) / Stecher J.F.Rousseau:

Les Métamorphoses En Latin Et En François, De la Traduction de M. l'Abbé Banier, de l'Académie Royale des Inscriptions & Belles-Lettres; Avec Des Explications Historiques Paris: Hochereau 1767ff. (Band I, S. 56 gegenüber)
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00010012/image_1
> https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1997-0928-259
> auch auf Wikimedia

Ovid erwähnt in den »Metamorphosen« (VI,110f.), dass Jupiter in Gestalt eines Satyrs (satyri celatus imagine) die schlafende Antiope – ohne sie zu nennen – überrascht und schwängert. Der eine Satz genügt den Ovid-Illustratoren, um die Szene darzustellen.

Die Verwandlungen des Ovidii in zweyhundert und sechs und zwantzig Kupffern. In Verlegung Johann Ulrich Krauß, Kupferstechern in Augspurg [ca. 1690].

Diese Szene mag der Autor der »Hypnerotomachia Poliphili« (Der Traumliebeskampf des Vielliebenden bzw. Polia Liebenden) vor Augen gehabt haben. Der Protagonist namens Poliphilo erzählt einen Traum, in dem er den Weg zu seiner Geliebten findet. Er durchwandert eine Kunst- und Architekturlandschaft, durch zauberhafte Wälder, Grotten, Ruinen, Triumphbögen, ein Labyrinth; er begegnet Elefanten und Drachen, Göttern und Göttinnen, Personifikationen. Die Orte, Gebäude und Kunstwerke werden ausführlich beschrieben und mit mit bedeutungsvollen Anspielungen versehen. Ein Erotizismus durchwaltet das Werk; alle Schattierungen der vielgestaltigen Liebe klingen an. Einmal gelangt er an einem wonnevollen Ort in einer Waldlichtung zu einem Marmorgebäude, an dem ein in Stein gehauenes Relief angebracht ist (J. Godwin p. 70ff.) Es zeigt eine wunderschöne, unter einem Arbutus-Baum schlafende Nymphe – die detailreich geschildert wird – und zu ihren Füßen einen in geiler Lust entbrannten Satyr (in lasciuia pruriente & tutto commoto) mit Bocksfüßen und und Ziegennase, ein Mischwesen aus Mensch und Ziege (effigie tra caprea & humana adulterata). Mit der einen Hand hebt er galant Zweige des Baums empor, um der Nymphe Schatten zu spenden, mit der andern zieht der den Vorhang vor der Schlafenden weg. Das zugehörige Bild zeigt noch ein zusätzliches Detail. 

Francesco Colonna (1433–1527) zugeschrieben: Hypnerotomachia Poliphili, Aldus Manutius, 1499 – Francesco Colonna, Hypnerotomachia Poliphili. The strife of love in a dream; the entire text translated for the first time into English with an introduction by Joscelyn Godwin.With the original woodcut illustrations,  London: Thames & Hudson 1999. 
> http://diglib.hab.de/inkunabeln/13-1-eth-2f/start.htm?image=00001

Fast beeindruckender ist der Holzschnitt in der französichen Ausgabe: Hypnerotomachie, ou Discours du songe de Poliphile, Déduisant comme Amour le combat à l'occasion de Polia. Soubz la fiction de quoy l'aucteur monstrant que toutes choses terrestres ne sont que vanité, traicte de plusieurs matieres profitables, & dignes de memoire, Combat d'amour en songe, Paris: Pour Iaques Kerver, imprimé par Marin Massellin 1546 (Faksimile Paris: Payot 1926).

Die Inschriften: Im Text steht: ΠΑΝΤΑ ΤΟΚΑΔΙ ("alle Dinge der Mutter [Dativ]; von τοκάς ›geboren habend‹) – die Bildunterschrift dagegen lautet: ΠΑΝΤΩΝ ΤΟΚΑΔΙ ("der Mutter [Dativ] aller Dinge"). Deutung?

Isidor von Sevilla († 636) beschreibt in seinem Kapitel über die ungeheuern Wesen (de portentis) auch die Satyrn. Interessanterweise bezieht er sein Wissen nicht direkt aus dem heidnisch-antiken Schrifttum, sondern aus des Hieronymus »Vita sancti Pauli primi eremitae« Kap. 8. Die Stelle wird von mittelalterlichen Enzyklopädien und Wörterbüchern weitertradiert.

Satyri homunciones sunt aduncis naribus; cornua in frontibus, et caprarum pedibus similes, qualem in solitudine Antonius sanctus vidit. Qui etiam interrogatus Dei servo respondisse fertur dicens: ›Mortalis ego sum unus ex accolis heremi, quos vario delusa errore gentilitas Faunos Satyrosque colit.‹

Die Satyrn sind Menschlein mit gekrümmten Nasen, Hörnern auf der Stirn, und an den Füßen den Ziegen ähnlich. Sie sah der heilige Antonius in der Einöde. Einer soll, so wird berichtet, auf die Frage eines frommen Mannes gesagt haben: ›Ich bin ein Sterblicher, einer der Wüstenbewohner, welche die Heiden verehren.‹ (Etymologiae XI,iii,21)

Auch Pierre Boaistuau kennt diese Geschichte und lässt den Satyr in den »Histoires prodigieuses« (1560; Chapitre XIIII: Histoire d’un Monstre … lequel apparut à sainct Anthoine au desert) abbilden. Sie gibt ihm Gelegenheit über Incubi zu sprechen.

Pierre Boaistuau, Histoires prodigieuses, (Édition de 1561), édition critique établi par Stephen Bamforth et annoté par Jean Céard, Genève: Droz, 2010 (Textes littéraires français 605): p. 451ff. 

Faun bereitet ›panische Schrecken‹ (man erkennt, dass die Gestalten Satyr – Pan – Faun nicht deutlich unterschieden werden.) Andrea Alciato in seinem Emblembuch:

(Holzschnittt von Virgil Solis)

In subitum terrorem

Effuso cernens fugientes agmine turmas,
Quis mea nunc inflat cornua? Faunus ait.

In der Übersetzung von Wolfgang Hunger, Paris 1542:

Unversehlicke erschreckung

Der waldgot Pan sein horn erhelt
So laut, das er die Rysen jagt
Sein feind, den doch sunst gar nicht felt,
Und wurden anders nit geplagt:
Wie noch zu zeiten wierd verzagt,
Und erschrickt ein ganntz hoer von nicht
Als dan der Got Pan billich sagt,
Mein horn mit disen leuten ficht.

In der Übersetzung von Jeremias Held, Franckfurt am Main 1567:

Wider den jähen schrecken.

Als Faunus der Wald Gott ersach
Ein hauffen Volcks fliehen, er sprach
Wer blast also mein Horn auff?
Das also fleucht ein grosser hauff?

> https://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A67a175

Satyrspiel

Horaz (65 – 8) erzählt in seinem berühmten Brief (II,3) an die Pisonen, der sog. »Ars Poetica«, wie die Dichter auf die Idee gekommen seien, den ernsthaften Tragödien heitere, unproblematische Nachspiele beizugeben:

Der Sänger, der am Bacchusfeste,
um einen schlechten Bock, mit Heldenspielen
zu streiten pflegte, kam bald auf den Einfall,
das ernste Stück mit etwas abzuwechseln,
das, ohne völlig aus dem vorigen Ton
zu kommen, muntern Scherz mit Ernst vermählte;
und so entstand ein neues Spiel, worin
halb nackte Satyrn, vom Silen geführt,
den Chor vertraten. Denn es war dem Dichter bloß
darum zu tun, ein ro
hes trunknes Volk,
das, nach vollbrachtem Gottesdienst, den Rest
des Feiertages sich erlustigen wollte,
durch etwas Neues, seinen bäurischen
Geschmack piquierendes, zu seiner Bude
herbei zu locken. 

(Verse 220ff.; in der Übersetzung von Ch. M. Wieland – Am Bacchusfeste: Horaz spielt darauf an, dass die Tragödien ursprünglich an den Dionysoskult geknüpft waren. Die Herkunft des Worts ›Tragödie‹ ist umstritten, am meisten Wahrscheinlichkeit  hat die Annahme, dass man den Ausdruck mit ›Gesang anlässlich eines Bock-Opfers‹ wiedergeben kann.)

Bildvorlagen für Künstler in Renaissance und Barock

Der Herausgeber des Werkes von Vitruv, »Zehn Bücher über Architektur« (1. Jh. v.u.Z.), Walter Hermann Ryff (†1548), hat das Buch ins Deutsche übersetzt, kommentiert und mit Holzschnitten versehen. Im ersten Buch fordert Vitruv vom Architekten, dass er umfassend gebildet sein müsse, dazu gehört neben Geometrie u.a. Wissensgebieten auch die Geschichte, da die Erbauer öfters Zierate an den Bauwerken anbringen, deren Bedeutung der Architekt kennen muss und aus der Geschichte erfährt. Als Beispiel erwähnt er die Karyatiden. Ryff bildet einige solcher stützender Frauengestalten ab, und darüber hinaus quasi als Zugabe noch eine Künstliche auffreissung der beyden Satyri/ welche als sonderliche künstliche Antiquitet/ noch heutigs tags zu Rom gesehen werden.

Es handelt sich um eine abgewandelte Darstellung zweier antiker Skulpturen aus dem 2. Jh. u.Z., die schon im 15. Jahrhundert in Rom belegt sind, bekannt als »Satiri della Valle«. Etwa 1490 sind die Satyrn im Cortile des Palazzo della Valle zu besichtigen. Es gibt auch schon frühe Skizzen. Es sind karyatydenähnliche, ursprünglich in die Architektur eingebundene Skulpturen und sie eignen sich bestens als Beispiel im Vitruv-Kontext. (Freundlicher Hinweis von Darko S.)
 

Vitruvius Teutsch: Nemlichen des aller namhafftigisten vnd hocherfarnesten, Römischen Architecti, und Kunstreichen Werck oder Bawmeisters, Marci Vitruuij Pollionis/ Zehen Bücher von der Architectur vnd künstlichem Bawen. Ein Schlüssel vnd einleytung aller Mathematischen künst/ […]. verteutscht vnd in Truck verordnet Durch D. Gualtherum H. Rivium, Nürnberg: Johan Petreius 1548; fol. XIX recto. – Hier nach der Ausgabe Basel: Henricpetri 1614; S. 36 --- Frühere lateinische und italienische Ausgaben enthalten zwar die Karyatidenbilder, aber nicht die Satyrn

Allegorisierung von Pan

Bereits in Platons »Kratylos« (408 b–d) erscheint die (falsche) Etymologie (der Gott Πάν –  πᾶν ›alles‹).

Der spätantike Mythologe Cornutus (fürher auch Phurnutus genannt; wirkte zur Zeit von Kaiser Nero) entwickelt diesen Gedanken weiter:

27. [Man sagt, dass] dieser [der Kosmos] auch PAN (Pán) sei, weil er mit dem All (pân) identisch ist. Sein unterer Teil sei behaart und einem Ziegenbock ähnlich, weil er die dichte Materie der Erde darstellt; sein oberer Teil habe Menschengestalt, weil sich im Äther das leitende Element des Kosmos befindet, das eben der Vernunft gehorcht (logikón). Er werde als wollüstig und als brünstiger Bock dargestellt auf Grund der großen Menge vo Vernunftkeimen (lógoi spermatikoí), die er empfangen hat, und an Dingen, die aus deren [der Keime] Mischung entstanden sind. usw.

Cornutus, Die Griechischen Götter. Ein Überblick über Namen, Bilder und Deutungen, hg. von Heinz-Günther Nesselrath, [aus dem Griechischen] übersetzt von Fabio Berdozzo, Tübingen: Mohr Siebeck 2009.

Bei Giovanni Boccaccio (1313–1375), Genealogie deorum gentilium libri [erster Druck 1472], Lib. I, Cap. iv wird diese allegorische Deutung von Pan auf die gesamte Natur wiederholt: Restat videre quid sensisse potuerint circa Panis ymaginem, in qua ego arbitror veteres universale nature corpus tam scilicet agentium quam patientium rerum voluisse describere, [usw. vgl. unten bei Ripa].

Von einer Auflage an (Emblematum libellus, Venedig 1546) erscheint im Emblemuch von Andrea Alciato Pan als Allegorie der Natura: Pana colunt gentes, naturam hoc dicere rerum est […]

Hier aus der Ausgabe Emblemata Andreae Alciati …, cum facili & compendiosa explicatione, per Claudio Minoeum. Leiden, Plantin-Raphelengius, 1599. (Holzschnitt von Lucas d’Heere, 1534–1584)

Der zugehörige Text in der deutschen Übersetzung von Jeremias Held in: Andrea Alciato’s Liber Emblematum / Kunstbuch, Frankfurt am Main: Sigismund Feyerabend 1567:

Die Natur oder deren macht.

Die Heyden ehren ein Geiß Mann
Den ich aller ding Natur kan
Nennen, so ist ein Mensch halb Geiß
Und ein halber Mann der Gott weiß
Ein Mann ist er biß auff den Nabl
Dieweil der tugent eigner zabl
Und ursprung in dem Hertzen ist
Und in dem Haupt sie hat ir nist
Daher aber ist er Geiß art
Dieweil nur sie in dieser fart
Alle so an die Welt zeigt werdn
Wie dVögel, dFisch, und sGwild auff erdn
An dem er ander ist gemein
Zeigt an der Bock on keusch und grein
Der dann kundtbarn zeichn tragen thut
Der lieb, geilheit und freyen muth
Die weißheit eigen etlich zu
Das in dem Hertzen hab ir rhu
Etlich aber in dem Kopff frey
Dem undn wont wedr maß noch weiß bey.

> http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A67a057

Auch Cesare Ripa (um 1555 – 1622?) sieht Pan in seinem für die Bilderwelt des 17. Jhs. wichtigen Buch »Iconologia« als Verkörperung des Alls: Pan è voce Greca, & in nostra lingua significa l’universo.

Man könne MONDO allegorisieren als Pan, wie ihn Boccaccio in der »Genealogia Deorum« beschrieben und gedeutet hat. Come dipinto dal Boccaccio nel primo libro della Genealogiae delli Dei, con le quattro sue Parti: Die himmelragenden Hörner bedeuten den Einfluss von Sonne und Mond; der fleckige Pantherüberwurf die achte Himmelssphäre mit den Fixsternen; sein Stab das Regiment über die  Natur; die Panflöte mit den sieben Rohren bedeutet die himmlische Harmonie, das struppige Ziegenfell unterhalb des Nabels bedeutet die irdische Welt mit ihrer höckrigen Oberfläche, Sträuchern und Bäumen; usw. Alle Züge Pans werden so auf das All hin gedeutet, und wenn ein Maler dieses symbolisch darstellen will, kann er einen Satyr darstellen.

 

Iconologia. Overo descrittione di diverse imagini cavate dall'antichità, e di propria inventione trovate et dichiarate da Cesare Ripa […]. Di nuovo revista. Roma: Lepido Faci, 1603 unter dem Stichwort MONDO

Mehr zu Ripa hier (WIKI der Universität Zürich)

Naturkunde

Selbstverständlich fehlen die Satyrn nicht in der »Monstrorum Historia« des Ulisse Aldrovandi (1522–1605; 1642 postum erschienen). Er zitiert antike Quellen und meint dann erleichtert, solche Halbmenschen oder Halbgötter seien ja zum Glück für Christen als Einbildungen des Teufels durchschaubar. Dann plagt ihn aber doch ein Bedenken (nos premit difficultas): Zur Zeit des Kaisers Constantin sei ein in Salz konservierter Satyr in Antiochia gezeigt worden. Albertus Magnus berichtet, dass in den sächsischen Wäldern ein behaartes Monstrum aufgegriffen worden sei, das er in die Gattung der Satyrn einordne. Dem Antonius sei in der Wüste ein Satyr begegnet. Jesiais (13, 21–22) propehezeit, dass im vom Herrn dereinst zerstörten Babylon haarige Wesen hüpfen werden (Et pilosi saltabunt ibi), die von den Auslegern als Satyrn gedeutet werden. – Und so bildet er einen Satyr ab, damit der Leser selbst abklären könne, ob es sich bei den von Ptolmäus beschriebenen Wesen in Indien tatsächlich um Satyrn handle: ad superandem hanc difficultatem aliam Satyri speciem eleganter delineatam lectori offeremus, ut illa diligenter examinata videat num ... Sehr seltsam.

Vlyssis Aldrovandi Patricii Bononiniensis Monstrorvm Historia. Cvm Paralipomensis Historiæ Omnivm Animalivm Bartholomaeus Ambrosinvs […], Bononiae: Marco Antonio Bernia 1642; Seite 23–26, insbes. 26B.
> Digitalisat der UB Göttingen

Satyr als Figur im Theater

Battista Guarini (1538–1612) dichtete die Tragicomedia Pastorale »Il Pastor Fido«, die von Christian Hoffmann von Hofmannswaldau (1616–1679) übersetzt wurde (Erstpublikation 1679). Die Handlung ist sehr komplex, vgl. die Zusammenfassung > https://de.wikipedia.org/wiki/Il_pastor_fido_(Guarini); ein Satyr spielt auch eine Rolle.

In der Ausgabe 1704 (vielleicht auch in früheren, die Druckgeschichte ist verworren) steht zu Beginn ein Kupferstich, der die handelnden Personen simultan zeigt, darunter auch den Satyr:

C. H. V. H. Deutsche Ubersetzungen Und Gedichte, Breßlau: Verlegts Esaiä Fellgiebels sel. Wittib und Erben 1704.
> https://gdz.sub.uni-goettingen.de/id/PPN670445444

Die literarische Gattung ›Satire

Um zu wissen, was die Satyrn auf den Titelblättern von Schriften des 17. und 18. Jahrhunderts zu suchen haben, braucht man nichts über die Satyrspiele im antiken Griechenland zu wissen (die ohnehin nur fragmentarisch überliefert sind) und sich nicht allzu ernsthaft um eine moderne Gattungsbestimmung des Satirischen zu kümmern. Es standen andere Quellen im Vordergrund.

Die Literaturtheoretiker der Barockzeit gingen von einem Satz des Evanthius (oder Euanthius, gest. 358 u.Z.), eines Kommentators der antiken Komödien des Terenz aus. Er schrieb:

Die literarische Gattung der Satire (satyra) wird von den Satyrn her so bezeichnet, von denen wir wissen, dass es immer zu Scherzen und Frechheiten  aufgelegte Götter sind. Die Satire war nämlich von der Art, dass sie mit sehr hartem und derbem Spott von den Lastern der Bürger – wenn auch ohne deren Namen zu nennen – dichtete.

Der Traktat »De fabula« (auch »De comoedia« genannt) wird zusammen mit dem Terenz-Kommentar des Donat überliefert. Ausgabe: Aeli Donati qvod fertvr Commentvm Terenti, hg. Paul Wessner, Leipzig: Teubner 1902, Bd. I, S. 16f.

http://www.archive.org/stream/aelidonatiquodf00donagoog#page/n66/mode/2up

Johann Michael Moscherosch (1601–1669):

[Johann Michael Moscherosch; genauer: ein Fortsetzer]: Wunderliche und warhafftige Gesichte Philanders von Sittewald/ Das ist Straff-Schrifften Hanß-Michael Moscherosch von Wilstädt : In welchen Aller Weltwesen/ Aller Mänschen Händel ... als in einem Spiegel dargestellet und gesehen werden. Jetzo wider von neuem auffgelegt/ vermehret/ gebessert/ mit Bildnussen gezieret/ und ... in Truck gegeben, Straßburg: Städel 1677.
> http://diglib.hab.de/drucke/xb-6652-1s/start.htm?image=00009

Sätze wie der von "Moscherosch" sind Erweiterungen des Texts von Evanthius:

Solcher Satyren oder Heydnischer Wald-Götter Art war: daß sie jedem Mänschen was jhm übel anstunde/ alle Laster und Untugenden/ ungeschewt under gesicht sagten: und was sonst Niemand auß forcht sagen dorffte oder sagen wolte/ das thaten Sie/ mit lächerlichen hönischen geberden/ mit grossem gelächter/ sperrten das Maul auff spannenweit. (Vorrede 1650; zitiert bei W.E.Schäfer S. 259)

Eine andere Herleitung der Gattung ›Satyre‹ bietet Magnus Daniel Omeis, Gründliche Anleitung zur Teutschen accuraten Reim- und Dicht-Kunst […], Nürnberg 1704 (S. 223): Es seien in alten Zeiten Hirten in die Städte gekommen, hätten dort das  üppige Leben gesehen und die Bürger mit solchen Gedichten gefoppt. Dargegen diese/ weil ihnen die Ausfilzung weh getan/ die Hirten mit dem Namen der Satyren beschimpfet; als von welchen hernach diese Gedichte ihren Namen empfangen.

Sehr hübsch ist die Begründung, die der berühmte Dichtungstheoretiker Scaliger (1484–1558) gibt. Die Satyrn im Gefolge des Dionysos führen ja den Thyrsos-Stab mit sich. Die Thyrsosspitze war mit Efeu bedeckt, den man nicht fürchtete;  mit der Spitze, die man nicht sah, wurden die Einsichtslosen gezüchtigt. Genau so bringt die Satire – getrarnt durch die freimütige Rede – ihre ›Pointe‹ an. 

Iulius Caesar Scaliger, Poetices libri septem [1561 postum veröffentlicht] = Sieben Bücher über die Dichtkunst, lat. / deutsche Parallelausgabe, übersetzt von Luc Deitz, Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog 1994–2011; Band 1 (Liber I, Caput xii)

Wie immer dem sei. Der aus menschlichen und animalischen Teilen zusammengesetzte Satyr als Symbol des Satirischen: er sieht mit der rationalen Seele die viehischen Begehrlichkeiten des (ebenfalls komponierten) Menschen.

Satyrn bevölkern in der Renaissance- und Barockzeit und in der Aufklärung die Titelblätter satirischer (und auch auch nicht-satirischer) Texte. (Die Datenbank des British Museum bringt mit den Schlagwörtern ›Satyr‹ und ›title-page‹ 58 Einträge, <Zugriff 12.2.12>) 

Beispiele:

Martial (40–193/4) stellt in seinen Epigrammen das Leben der Römer satirisch dar. Die Illustratoren der Titelblätter im 17. Jh. verwenden die Figur des Satyrs:

M. Valerii Martialis Epigrammata cum notis Farnabii et variorum geminoque indice tum rerum tum auctorum, accurante Cornelio Schreveli, Lugd. Batavorum: F.Hackius 1656.
> https://www.e-rara.ch/zut/content/zoom/10410957

Martialis Epigrammata, com Notis Th. Farnabii, Amstelodami: Jansssonius-Waseebergius 1670. Die Inschrift Irridens cuspide figo. (Spottend durchbohre ich mit meinem Stachel.) stammt nicht von Martial.

Paul Flemming (1609–1640). In der Ausgabe seiner deutschen Gedichte ist kein ›satyrisches‹ zu finden (vgl. das Digitalisat der Ausgabe von Lappenberg 1865 > http://www.zeno.org/nid/20004763203). Ob der Illustrator von den lateinischen angeregt wurde? (vgl. das Digitalisat der Ausgabe von Lappenberg 1863 > http://mateo.uni-mannheim.de/camena/fleming1/te05.html)

Paul Flemmings teutsche Poemata, Lübeck: Jauch, [erschlossen: 1646].

1658 erscheint anonym ein Werk, als dessen mutmaßlichen Autor die Forschung Franciscus Veiras, einen in der protestantischen Schweiz im Exil lebenden Glaubensflüchtling, erschlossen hat. Der Text gibt sich als eine Reise durch die Schweiz (HELVETIA, im Titel absichtlich entstellt zu HEVTELIA). Veiras entwirft die Utopie einer einheitlichen reformierten Kirche und – trotz satirischer Invektiven gegen das Pappsttum – eines Friedens zwischen Katholiken und Protestanten. Die Reiseteilnehmer diskutieren auch die beste Regierungsform, wobei freilich nur Details wie die Verhinderung des Practicirens, geheime Wahlen u. dgl. behandelt werden, nicht wirklich andere Staatsformen als das Regiment der Patrizier.

Die Reisebeschreibung und die Dialoge der Reisegefährten untereinander und mit den lokalen Kommunikationspartnern sind eine literarische Technik, die es dem Autor ermöglicht, zurückzutreten und einerseits möglichst unbefangen ein detailliertes Bild der Gesellschaft zu schildern, anderseites auf satirische Weise seine Ansichten darzustellen.

Kupfertitel von: Heutelia, das ist: Beschreibung einer Reiß, so zween Exulanten durch Heuteliam gethan […], Getruckt im Jahr nach Christi Geburt M.D.C.LIIX. [auf dem Kupertitel: Lutetiae Anno M.DC.LVIII]

Hans Franz Veiras, »Heutelia«, herausgegeben von Walter Weigum, München: Kösel 1969. [Nachdruck in Antiqua-Neusatz mit Nachwort, Anmerkungen und Auflösung der Deckwörter S.404–428]

Walter Weigum, "Heutelia". Eine Satire über die Schweiz des 17. Jahrhunderts, Frauenfeld/Leipzig: Huber, 1945. [S. 11–42 Inhaltsangabe und S. 193–207 Liste aller Deckwörter]

Joseph B. Dallett, „er begehrte Heuteliam zusehen“: Die Veiras-Rezeption bei Grimmelshausen, Simpliciana XII (1990), S.267–290.

Rosmarie Zeller, Heutelia zwischen Reisebeschreibung, Utopie und Satire, in: Simpliciana XXII (2000), S.291–311.

1667 erscheint, anonym, ein seltsamer Text, als dessen Autor Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622–1676) erweisbar ist.

Der seltsame Traktat umfasst in kunterbunter Reihe zwanzig Artikel. Diese sind jeweils dreigliederig: Im Ersten Satz werden die positiven Eigenschaften (Güte, Nutzen) einer Sache (von den Bauern; vom Geld; vom Tanzen; vom Wein; von der Schönheit; von den Priestern; von den Weibern usw.) zusammengetragen; im Gegensatz die negativen (Schädlichkeit,und Missbrauch); dann folgt ein Nachklang, in dem der Autor seine unmäßliche Meinung auch darzu nennt; die sprachlogische und funktionale Bestimmung dieser dritten Partie ist etwas unklar und differiert von Kapitel zu Kapitel; gelegentlich erhebt sich der Text auf eine höhere Ebene.

In der Vorrede tritt Momus (die Personifikation des Tadels) auf und verspottet den Autor, indem er auf die oben erwähnten Erzählung Bezug nimmt:

Man solt diesen ja so elenden als frevlen Schreiber jenem Satyro schicken/ welcher einen Pilger den Er zuvor freundlich zur Herberg uffgenommen / keiner andern Ursach halber wider außjagte/ als weil er zu erwärmung seiner erstarreten Händ warm hauchet: und zur kühlung der heisen Speis kalt bliesse; Damit er ungehobelter Schreiber der Gebühr nach auch mit Spott und Schaden von Ihm lernete/ was es sey/ Schwart und Weiß auß einer Feder schreiben/ und Kalt und Warm auß einem Mund blasen. Gleichwie nun anfangs der Titul eine schändliche Mißgeburt ist/ als wird ohnzweiffel das Corpus selbst ein erschrecklichs Monstrum seyn […].

Satyrischer Pilgram / Das ist: Kalt und Warm/ Weiß und Schwartz / Lob und Schand / über guths und böß / Tugend und Laster ... der Zeitlichen und Ewigen Welt / ... von Neuem zusammen getragen durch Samuel Greifnson, vom Hirschfeld, Daselbst druckts Hieronymus Grisenius, und in Leipzig Bey Georg Heinrich Frommanne Buchhändlern zufinden/ Anno 1667.
> http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=drucke/lo-2305

Im oberen Bereich des Titelkupfers erkennt man den Pilger und den Satyr. Während der tadelnde Momus die Position des Satyrs vertritt, stellt sich der autor auf die Seite des Pilgers und ist der meinung, man müsse von jeder Sache die Vor- und Nachteile benennen. (Eine detailliertere Interpretation bei Schäfer.)

Johann Burckhardt Mencke (1674–1732, Pseudonym: Philander von der Linde):

Philanders von der Linde Schertzhaffte Gedichte, Darinnen So wol einige Satyren als auch Hochzeit= und Schertz=Gedichte, Nebst einer Ausführlichen Vertheidigung Satyrischer Schfifften enthalten. Andere und vermehrte Auflage, Leipzig, bey Joh. Friedrich Gleditsch und Sohn 1713.

Das Titelkupfer könnte sich auf Die erste Satyre. Wieder die weiblichen Mängel beziehen. Die Hand-Gebärde des Satyrs ist das ›Hahn-Zeigen‹: Die untreue Gattin hat dem Mann ›Hörner aufgesetzt‹, er ist ein (italienisch) cornuto.

Interessant sind seine Ausführungen zur Satire in diesem Kapitel.

Johann Jacob Bodmer und Johann Jacob Breitinger u.a

Gegenstand der Discourse sind – nebst vielem andern – die Capricen, Laster, Torheiten (Sottisen) wie Kleiderpracht, Komplmentier-Gehabe, Gespensterfurcht u.a.der Zeitgenossen, die hier ›abgemahlt‹ werden; sie werden hier ausgelacht. Der Illustrator des Titelblatts meint: ›satyrisch‹. Das Wort kommt in den Paratexten nicht vor, der erste programmatische Discours indessen hat als Motto ein Zitat des Satirikers Persius (Quis leget haec! Sat. I,2) — Vgl. den Kommentar in der Ausgabe von Ferdinand Vetter, Frauenfeld 1891.

Die Discourse der Mahlern, Zürich: Joseph Lindinner 1721/1723.

Bodmer und Breitinger haben eine Edition der Fabeln von Ulrich Boner (bezeugt zwischen 1272 und 1349) herausgegeben. Die Fabeln geißeln (insbesondere in den Epimythien) Untreue, Übermut, Undankbarkeit, Schmeichelei, Ungehorsam, Lüge; insofern ist der Satyr auf Titelblatt passend:

Fabeln aus den Zeiten der Minnesinger, Zürich: Orell, 1757.
> https://www.e-rara.ch/zuz/content/zoom/17910958
> http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/urn/urn:nbn:de:gbv:3:1-251393

David Fassmann (1685–1744)

David Fassmann, Der Gelehrte Narr, Oder Gantz natürliche Abbildung solcher Gelehrten, Die da vermeynen alle Gelehrsamkeit und Wissenschafften verschlucket zu haben, auch in dem Wahn stehen, daß ihres gleichen nicht auf Erden zu finden, wannenhero sie alle andere Menschen gegen sich verachten [...] Nebst einer lustigen Dedication und sonderbaren Vorrede, Freiburg: Fassmann 1729.
> http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/fassmann_narr_1729?p=6

Erklährung des Kupffers:

Der Gelehrte Narr sitzet in seinem Museo, mit einem Schlaff-Peltz bekleidet, und eine grosse Peruque aufhabende.

Etliche Affen und Haasen geniessen seines Unterrichts, und suchen von seinen gelehrten Discoursen zu profitiren.

Ein Affe ist besorget, die Peruque des Gelehrten Narrn auszukämmen. Der Satyr Silenus, von dem man lieset, daß er des Bacchi Pfleg-Vater gewesen, ihn auch auf seinen Zug nach Indien begleitet, hält dem Gelehrten Narrn ein grosses Buch vor, aus welchem ein unartiger Affe ein Blat reisset, und seinen Hintersten damit wischet. Von diesem Sileno ist hierbey noch dieses zu mercken, daß er sonst auf einem Esel reitende, und stets truncken, pfleget vorgestellet zu werden.

Der Gelehrte Narr will dem unartigen Affen, seiner Boßheit wegen, mit einem Stecken auf den Kopf schlagen. Ein anderer Satyr aber præsentiret dem Gelehrten Narrn eine angesteckte Pfeiffe Toback, seinen Zorn dadurch zu besänfftigen.

Unten beym Gelehrten Narrn stehet eine Bouteille mit Bier und ein Glaß, weil er immer durstig ist, und sehr gerne zu trincken pfleget.

Johann Christian Günther (1695–1723)

Zweÿ Satÿrn bringen hier auf einer Schaale Früchte:
Von gleicher Gattung sind auch Folgende Gedichte.

Sammlung von Johann Christian Günthers, aus Schlesien, bis anhero edirten deutschen und lateinischen Gedichten, Auf das neue übersehen, Wie auch in einer bessern Wahl und Ordnung an das Licht gestellet. Nebst einer Vorrede von den so nöthigen als nützlichen Eigenschafften der Poesie, Breßlau: Hubert, 1735.

Gottlieb Wilhelm Rabener (1714–1771) – Die Details der vier Titelbilder müssten ikonographisch bestimmt werden.

Gottlieb Wilhelm Rabeners Satiren Leipzig: Johann Gottfried Dyck 1751ff.
> http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/rabener_sammlung01_1751

Auflage 1755
> http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30-1137417

Zweyte Auflage [oder Raubdruck?] 4 Theile, Wien: Trattner 1768.
> Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt

Titel der Ausgabe Frankfurt/Leipzig [ohne Angabe eines Verlags] 1764

Titel des vierten Theils: Der Satyr zeigt auf die Narren
> http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd18/content/pageview/6207028

Die Inschrift Nec lusisse pudet sed non incidere ludum (Horaz, Epist I,xiv,36: Nicht gespielt zu haben ist beschämend, aber auch, mit dem Spielen nicht [zur rechten Zeit] aufzuhören.) bezieht sich wohl darauf, dass Rabener nach 1755 keine neuen Satiren mehr publizierte, weil er kein "Märtyrer der Wahrheit" werden wollte. (Vgl. https://www.deutsche-biographie.de/sfz75447.html)

Kalt und warm aus einem Munde blasen

Seit Avianus (um 400 u.Z.) wird die Geschichte vom Satyr erzählt, der einen Wanderer in seine Höhle einlädt, um sich zu wärmen, und ihm eine heisse Mahlzeit vorsetzt. Der Wanderer bläst zuerst in die Hände, um sie zu wärmen, dann auf die Speise, um diese abzukühlen. Der Satyr erschrickt über die Fähigkeit, aus einem Munde zwei so verschiedene Dinge tun zu können, und jagt den Wanderer davon. (Äsop-Corpus, Perry # 35 »de viatore et satyro«)

 

Holzschnitt des Virgil Solis (1514–1562) aus: Fabulæ variorum auctorum nempe Aesopi […] Francofurti, apud Christ. Gerlach & Sim. Beckenstein MDCLX

Die Geschichte ist während des ganzen Mittelalters bekannt. Der Berner Dominikaner Ulrich Boner (bezeugt zwischen 1324 uns 1350) nimmt sie in seine Fabelsammlung auf (Ulrich Boner, Der Edelstein, hg. Franz Pfeiffer, Leipzig 1844; Nr. XCI). Bei Boner ist es ein Mann, der im strengen Winter im Wald arbeitet, der von einem waltman aufgenommen wird, welcher ihm heissen Wein anbietet. Boner moralisiert so: Der Mensch solle sich vor zweizüngigen Leuten hüten: wie mag ieman sicher sîn | vor dem, der ganzer triuwe schîn | vor [vorne] in dem munde treit | und hinden nicht wan arges seit [sagt].

Im der frühen Neuzeit werden die antiken Fabelsammlungen intensiv rezipiert und in die Volkssprachen übersetzt. Und selbstverständlich bearbeitet auch Hans Sachs (1494–1576) diesen Stoff.

Hans Sachs erzählt in seiner am 3. Januar 1559 abgefassten »Fabel vom waldtbuder mit dem Satyrus« (Werke, hg. von Adelbert von Keller und Edmund Goetze, Stuttgarter Litterarischer Verein 105; 1870, S. 180ff.) dass ein Pilger in einen Schneestrum gerät und kurz bevor er erfriert von einem Satyr gefunden wird:

Das gar kleine waldtmännlein sein | Die haben geißfüß all gemein | und kleine hörnlein an der stiern. Er führt ihn in seine Hütte, wo der Pilger in die Hände haucht, um sie zu erwärmen. Der Satyr bringt un einen Becher mit heissem Wein, den der Pilger mit Blasen abkühlt. Dar Satyr darauf: »Ich merck, das dein mund auff den tag | Widerwertige ding vermag, […]: Das kalt das kanstu machen heiß | Und das heiß kanstu machen kalt. | Darumb raum mir mein hütten baldt […] Du machest uns wol alle yrr | Mit deiner zwyfachen zungen gschirr« [›Organ‹].

Auch Hans Sachs moralisiert, dass man sich vor zwyzüngigen lewten hüten soll, die einerseits schmeicheln  und hinterrücks Böses reden.

Die barocken Prediger verwenden den Stoff, wenn sie das Laster der Zweizüngigkeit anprangern wollen.

Moderne Forscher nehmen auch den Satyr ins Visier und erkennen so eine zweite Pointe der Geschichte: Er durchschaut die unterschiedliche Wirkung des physikalischen Phänomens nicht, sondern ahnt sofort etwas Zauberisches am Verhalten des Gastes. Der Satyr macht sich vor allem dadurch lächerlich, dass er – der dem Gast das Doppelwesen vorwirft – selbst zwei Gestalten hat.

Auf dem Bild von Dietricÿ scheint gerade der Satyr die lächerliche Person abzugeben.

Kupferstich von Christian Wilhelm Ernst Dietrich (auch Dietricy, 1712–1774), 1764. Privatbesitz R.St. in Z.

Die Fassung von Wenzel Hollar (1607–1677)

Jean de La Fontaine erzählt 1668 die Geschichte, ohne zu moralisieren, aber gegen die katzbuckelnden und tratschenden Höflinge gewandt (Fabel V,7: »Le Satyre et le Passant«).

Hier die erste Strophe in der genialen Übersetzung von Ernst Dohm, 1877:

Saß 'ne muntre Satyrngruppe
In der wilden Höhle Grund,
Führten traulich ihre Suppe
Und den Zubiß in den Mund.

> https://www.projekt-gutenberg.org/fontaine/fabeln1/chap090.html

Grandville zeigt in seiner Illustration die Bild- und die Sach-Sphäre gleichzeitig:

Fables des La Fontaine. Illustrations par Grandville, Paris: Garnier 1852 (Erstausgabe 1838/39)


Es gibt auch "Satyrinnen"!

rechts: Satyra cum infante

Griechische und Römische Alterthümer, welche der berühmte P. Montfaucon ehemals samt den dazu gehörigen Supplementen in zehen Bänden in Folio, an das Licht gestellet hat ... Auszugsweise ... in Deutscher Sprache herausgegeben von M. Johann Jacob Schatzen ... ; … Nürnberg, in Verlag Georg Lichtenstegers 1757, Tab. XXX / 14.


Literaturhinweise

Erika Simon: Silenoi. In: Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae (LIMC). Band VIII, Zürich/München: Artemis 1997, S. 1108–1133.

Roscher IV (1915), Spalte 444–531.

http://www.theoi.com/Georgikos/Satyroi.html

Walter Ernst Schäfer, Der Satyr und die Satire. Zu Titelkupfern Grimmelshausens und Moscheroschs; in: Literatur im Elsass von Fischart bis Moscherosch. Gesammelte Studien, hg. von Wilhelm Kühlmann / Walter E. Schäfer, Tübingen: Niemeyer 2001; S. 245–287. (Zuerst erschienen in: Rezeption und Produktion zwischen 1570 und 1730. Festschrift für Günther Weydt zum 65. Geburtstag, hg. von Wolfdietrich Rasch, Bern: Francke 1972.)

Elfriede Moser-Rath, Artikel »Heiß und kalt aus einem Mund«, in: Enzyklopädie des Märchens, Band VI (1990), 717–721. 

Stefan Trappen: Grimmelshausen und die menippeische Satire. Eine Studie zu den historischen Voraussetzungen der Prosasatire im Barock. Tübingen 1994.

[Pan — pan: Im Buch »Spinnenfuß« sind die Akzente verwechselt; Druckfehler]