Tiere als moralische Exempel

Der Tintenfisch

Des Ambrosius von Mailand (um 340–397) »Exameron«. Aus dem Lateinischen übersetzt von Dr. Joh. Ev. Niederhuber. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 17) München 1914. Der fünfte Tag. Siebte und achte Homilie. (Gen 1,20–23); VIII. Kapitel, 21. > https://www.unifr.ch/bkv/buch61.htm

Weil wir gerade auf die Hinterlist zu sprechen kamen, mit der ein jeder seinen Bruder zu täuschen und hintergehen trachtet, um auf neuen Trug zu sinnen, ihn, den er mit Gewalt nicht fassen kann, mit List zu umgarnen und gleichsam mit einem Trick zu betören, will ich das bekannte Verstellungsvermögen des Tintenfisches nicht unerwähnt lassen. Errreicht nämlich derselbe am seichten Gestade eine Felsenbank, so klammert er sich daran fest, nimmt durch ein rätselhaftes Anpassungsvermögen dessen Farbe und am Rücken felsenähnlich Gestalt an. Ohne die geringste Ahnung des Truges gleiten nun die Fischlein, indem sie sich vor den ihnen gewohnten Stellen nicht in acht nehmen und Felsengestein vermuten, heran, da schließt der Polyp sie in das Fangnetz seiner Verstellungskunst und sperrt sie gewissermaßen in den Behälter seines Leibes ein. So kommt von selbst die Beute heran und lässt sich durch ähnliche Vorspiegelungen in die Falle locken, wie sie jene belieben, die häufig in der Gesinnung die Farbe wechseln und verschiedene verfängliche Machinationen anwenden, um Geist und Sinn eines jeden zu ködern: in Mitte von Enthaltsamen voll des Lobes auf die Enthaltsamkeit, in Gesellschaft von Unenthaltsamen weit entfernt vom Streben nach Keuschheit und versunken in Schlamm der Unenthaltsamkeit. Wer sie folglich mit unachtsamer Leichtfertigkeit hört oder sieht, traut ihnen und kommt umso rascher zu Fall. Er weiß dem, was sein Verderben ist, nicht aus dem Weg zu gehen und sich davor zu hüten, während doch die Ruchlosigkeit doppelt gefährlich und verderblich ist, wenn sie sich in die Maske der Leutseligkeit hüllt. Auf der Hut darum vor jenen, welche die Fangnetze und Fangarme ihres Truges weit und breit ausstrecken und alle möglichen Farben annehmen! Denn Polypen sind sie. Über tausend Schlingen und Schliche verfügt ihr verschlagener Sinn, um wo möglich alles, was sich in die Klippen ihres Truges verirrt, zu umgarnen.

Das Emblem bei Matthias Holtzwart besagt: Wie der Polyp sich seiner Umgebung anpassen kann, um den Fischer beim Fang zu überlisten, so üben sich die Heuchler in betrügerischer Schmeichelei.

(Holzschnitt von Tobias Stimmer; deutsche Knittelverse von Johann Fischart)

Es ist kommen auff dise Erd
Auß Hellen grund gantz vnbegert
Eyn gschlecht das heyßt der schmeychler schar
Des Fischs Polypi art hands
[haben sie] gar/
Derselb verkehrt sein farb zu stund
[sofort]
Gleichfoermig dem darzu er kompt/
Damit er also fah die Fisch
Mit betrug vnd geschwindem list/
sich müssig ohn arbeyt zunehren:

Also die schmeychler sich auch kehren
Mit dem Mantel gegen dem Wind
Ir Herren zubetriegen gschwind
Damit jn davon eyn Raub werd
sıch müssig nehren on beschwerd
[mühelos].

Matthias Holtzwart: Emblematum Tyrocinia, sive picta poesis Latinogermanica, das ist eingeblümete Zierwerck oder Gemälpoesy innhaltend allerhand Geheymnußlehren durch kunstfündige Gemäl angepracht und poetisch erkläret, Nun erstmals inn Truck kommen, Straßburg 1581.
> http://diglib.hab.de/drucke/t-355-helmst-8f-2/start.htm


Affen

Der Affe gilt als unter anderem als dumm und lüstern, geil. Auf Bildern, die eine dumme oder unzüchtige Handlung darstellen, wird er deshalb gerne hineingesetzt. Dadurch, dass er dort kaum hinpasst, wird die Hinweisfunktion deutlich.

Dass Spielen eine Torheit darstellt, wird vom Petrarkameister so dargestellt, dass den beiden spielenden Paaren ein Paar Affen beigesellt ist. Bei Petrarca wird das Brettspiel bezeichnet als Narrheit/ kinderwerck/ zeit verderbung/ fantasey u.a.m. Petrarca verweist darauf, dass nach Plinius Affen das menschliche Spiel nachahmen (nat. hist. VIII, lxxx, 215: latrunculis lusisse). Er beschreibt anschließend das Verhalten der Spieler als affen-artig: sie können auff den widersacher springen/ zürnen/ Zeen wetzen/ trauren/ haderen/ grißgramen/ im kopff kratzen/ die Negel beissen... Das heisst: sprachlich wird der Bezug zwischen der Spielerwelt und der Affenwelt zusätzlich ausgebaut.

 

Aus: Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen, Augspurg: H. Steyner MDXXXII.  I, Kapitel 26.

Dass David sündigte, als er Bathseba begehrte (2.Samuel = II. Reg, Kapitel 11), wird von Tobias Stimmer (1539–1584) dadurch kommentiert, dass er einen Affen bei der Szene zuschauen lässt, wie David die Badende betrachtet.

Der Affe kommt in der Bibel in dieser Szene nicht vor. Der Betrachter muss die Einschätzung dieses Tiers als töricht kennen.

 
Aus: Neue Künstliche Figuren Biblischer Historien, Basel 1576.

Frau Venus (mit Esel und Affe) fesselt Narren, aus: Sebastian Brant, lat. Übersetzung »Stultifera nauis«, Augsburg 1497.

Horst W. Janson, Apes and ape lore in the Middle Ages and Renaissance, (Studies of the Warburg Institute 20), London 1952.


Esel

Der Ultimus (der schlechteste Schüler der Klasse oder wenn einer Deutsch statt Latein sprach) musste sich einst zu Beginn der Schulstunde einen Eselskopf (Asinus) umhängen oder aufsetzen oder sich auf einen hölzernen Esel setzen. 

Rodericus Zamorensis, Spiegel des menschlichen Lebens, Augsburg 1497

 

De fide concubinarum in sacerdotes, Questio accessoria causa ioci […] a Paulo Oleario, [Basel, ca. 1501]
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00004315/image_46

Bild eines Esels zur Abschreckung fauler Kinder; Flugblatt des 17.Jhs., aus: Emil Reicke, Magister und Scholaren. Illustrierte Geschichte des Unterrichtswesens, Leipzig 1901, Abb. 40.

Grandville gibt dem Esel eine satirische Pointe mit seiner Zeichnung  Les Savants envoyèrent un académien armé des ses ouvrages:

Scènes De La Vie Privée Et Publique Des Animaux. Études De Mœurs Contemporaines, Publiées Sous La Direction De M. P.-J. Stahl, Avec La Collaboration De Messieurs De Balzac ... Vignettes Par Grandville, Paris: J. Hetzel Et Paulin, Éditeurs 1840–1842.

 

Gabrielle Oberhänsli-Widmer, »... so sind wir Esel«. Die Eselin des Rabbi Pinchas ben Ja’ir (BerR 60,8) und die Rolle der Esel im Judentum von biblischer Zeit bis in die Gegenwart, in: Studium in Israel: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext […], Weihenzell: Wachowski 2009, S. VII-XVII.  > urn:nbn:de:bsz:25-opus-75653  > https://www.freidok.uni-freiburg.de/data/7565

Vgl. die großartige Sammlung von "Amicus Asini" > http://equusasinus.blogspot.ch

Weitere Hinweise und Bilder zum Eselreiten als Schandstrafe standen auf der interessanten Website  http://eselwelt.org , die leider am 3. Juli 2016 aus Kostengründen vom Netz genommen wurde. Schade!

 


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