Pfeile

 

Einleitung

Die Erfindung von Pfeil und Bogen in prähistorischer Zeit – ein aus verschiedenen Teilen zusammen funktionierendes Werkzeug-Set, mit dem man auf Distanz und zielgenau jagen kann – war ein kulturhistorischer Quantensprung.

Die Technik erfordert nicht nur handwerkliche, sondern auch kognitive Fähigkeiten: Nicht sofort auf das Beutetier losrennen, sondern besonnen warten können, um zu zielen (›nicht zu schnell dreinschießen‹). Man kann auch aus dem Hinterhalt zielen. Der Bogen darf nicht überspannt werden.

Cueva de los Caballos del Barranco de Valltorta (nach Hugo Obermaier)

Selbstverständlich haben Pfeil und Bogen bald eine symbolische Bedeutung für allerlei wirkungsmächtige psychische Phänomene und soziale Handlungen bekommen: die Liebe, die Erkenntnis, die Schöpferkraft, das gesprochene Wort, die Wirkung der Schönheit, die Ausübung von Macht, das Verhältnis zum Numinosen.

Wenn wir uns nur schon in der älteren abendländischen Kultur umschauen, erkennen wir, wie reichhaltig diese Symbolik ist. Was ist mit dem Pfeil / Bolzen jeweils gemeint? (Ein Gefühl, ein Wort, eine Sünde?) – Wer schießt? (Amor, ein Narr, der Tod, das Laster) – Auf wen oder worauf? (Auf das Herz, auf die Donnergötter, auf einen Amboss) – Wozu? – Mit welchem Erfolg? Mit welchen Nebenwirkungen?

Löwenjagd als doppelsinnige Herrschaftssymbolik

Der assyrische König Assur-Nasirpal II. (883–859) festigte das Neuassyrische Reich durch grausame Feldzüge und Massendeportationen; dann versuchte er, den Besitzstand durch Verwaltungspolitik dauerhaft zu machen.

In den Reliefs seiner prunkvollen Paläste sollte seine Kraftfülle wirkungsvoll zum Ausdruck gebracht werden. Themen sind Kulthandlungen, Dämonen in Kompositgestalt, kriegerische Kampfszenen – und hier das eine Löwenjagd darstellende Relief aus einem Audienzsaal.

Herrscher auf der Jagd möchten entweder zeigen, dass sie allen Abtrünnigen und Feinden den Garaus machen können – oder zeigen, dass sie den Frieden gewähren, in dem sie symbolisch Raubtiere niederringen. Assur-nasirpal will 370 Löwen erlegt haben. Er brüstet sich in einer Inschrift damit, Löwen und andere Großtiere in einem zoologischen Garten zu halten. Die Tiere wurden für inszenierte Jagden gebraucht, wie das im antiken Rom in der Kaiserzeit in der Arena auch der Fall war.

Relief aus dem Nordwestpalast von Nimrud (antiker Name: Kalchu). Reproduktion nach Austen Henry Layard, The Nineveh Court in the Crystal Palace, London 1854, S. 77 in: Spamers illustrierte Weltgeschichte, 3. Auflage: Geschichte des Altertums, Leipzig: Spamer 1893/1896. – Band I, Abb. 254. — Ähnliche Darstellung im Vorderasiatischen Museum Berlin.

Vogeljagd aus freiem Gemüt

Der (spätere) Kaiser Maximilian I. (1459–1519) lernt als Jugendlicher bei den Husaren das Jagen.

Nun war aber under den hussaren der gebrauch, mit Irem schiessen, welcher annderst beruembt wolt sein, das derselb ain frey gemuet muesset haben, mit dem hantpogen, zu Roß die Vögl in den lufften zu schiessen, das kam allein mit vil schussen, aus der behendigkait, Sölichs schiessen lernet der Jung weiß künig, in kurzer zeit […].

Die idealisierende Lebensbeschreibung war als Propagandaschrift konzipiert. Sie blieb zu Lebzeiten Maximilians unvollendet.

Der Weiß-Kunig. Eine Erzehlung von den Thaten Kaiser Maximilian des Ersten. Von Marx Treitzsaurwein auf dessen Angeben zusammengetragen, nebst den von Hannsen Burgmair dazu verfertigten Holzschnitten. Herausgegeben aus dem Manuscripte der kaiserl. königl. Hofbibliothek, Wien 1775. – S. 83

Schlaue Hirsch-Jagd in Florida

Thema ist hier, dass die Natur den Amercianischen Wilden nicht günstig sei, indem sie ihnen keine Pferde gegeben. Die Geschicklichkeit der Americaner ist indessen so, wie man sie in Europa kaum sieht. Für die Hirschjagd nehmen sie

die Häute der allergrösesten Hirsche/ so jemals von ihnen gefangen/ und legen sie geschicklich an den Leib […] damit sie durch die Augen-Löcher/ als wie durch eine Larve sehen können.

Dann nähern sie sich den Hirschen, die zum Trinken kommen, und die so nicht scheuen. Damit sie aber im Schiessen durch die Bogen-Sehne am lincken Arm nicht verletzet werden: verwahren sie denselben mit einer Baum-Rinden.

Erasmi Francisci Ost- und West-Indischer, wie auch Sinesischer Lust- und Stats-Garten, Nürnberg/ In Verlegung Johann Andreæ Endters / und Wolfgang deß Jüngeren Sel. Erben. Anno M.DC.LXVIII. – S. 1242.

Das Bild bereits in: Von dreyen Schiffahrten, so die Frantzosen in Floridam (die gegen Nidergang gelegen) gethan […] jetzt auß dem Latein in Teutsch bracht, […] zum andern mal an Tag gegeben, durch Dieterich de Bry, Franckfort am Mayn 1603.

Wettstreit zwischen Apollo und Cupido

Nach der großen Flut beklagen Deucalion und Pyrrha die Öde. Sie säen Steine, aus denen ein neues Menschengeschlecht wird. Aus Feuchte und Wärme der Erde entstehen unzählige Arten von Lebewesen, darunter auch die Schlange Python, die von Apollon getötet wird (Ovid, Metamorphosen I, 438ff.). – Wie Apollo den Cupido einen Bogen spannen sieht, prahlt er mit dieser Tat. Cupido wettet, dass sein Pfeil sogar den Apollo besiege. Er hat zwei Pfeile und erörtert deren Wirkung: einen mit einer goldenen (die Liebe entzündenden) und einen mit einer bleiernen (die Liebe verscheuchenden) Spitze. Er verschießt sie auf Apollo und Daphne. Die Wirkung stellt sich sofort ein: Apollo verliebt sich in die Nymphe Daphne und verfolgt die vor ihm Fliehende, die ihren Vater bittet, sie in einen Lorbeerbaum zu verwandeln.

eque sagittifera prompsit duo tela pharetra
diversorum operum: fugat hoc, facit illud amorem;
quod facit, auratum est et cuspide fulget acuta,
quod fugat, obtusum est et habet sub harundine plumbum.
hoc deus in nympha Peneide fixit, at illo
laesit Apollineas traiecta per ossa medullas …
(I, 553–567)

Zwei der Geschosse entnimmt er (Cupido) dem pfeilumschließenden Köcher,
Ungleichartig an Kraft. Eins scheucht, eins wecket die Liebe.
Welches sie weckt, ist golden und glänzt mit spitziger Schärfe;
Welches sie scheucht, ist stumpf, und Blei ist unter dem Rohre.
Dieses versendet der Gott zur peneischen Nymphe;
das andre schnellt er durch das Gebein ins innerste Mark dem Apollo.

Hier eine Darstellung der beiden konkurrierenden Schützen:

Amorum emblemata, figuris aeneis incisa. studio Othonis Væni, Emblemes of Loue, with verses in Latin, English, and Italian, Antwerpiæ 1608. – Nr. 21.

Das alle Formen der Liebe evozierende Emblembuch wurde gestaltet von Otto van Veen (1556–1629) und Cornelis Boel (ca. 1576 – ca. 1621).

Hier dieselbe Szene ohne den getöteten Drachen:

Isaac de Benserade, Métamorphoses en rondeaux, illus. Le Clerc / Chauveau / Le Brun (Paris, 1676); neue Fassung von C. van Hagen, Amsterdam 1679/1697.
> https://ovid.lib.virginia.edu/1697r/1697r011.html

Und hier die Wirkung des goldenen und des bleiernen Pfeils von Amor (oben am Himmel fliegend). #Daphne ist bereits halb zum Lorbeerbaum verwandelt:

 

Kupfer von Isaac Briot (1585–1670), in der Ovidausgabe mit der frz. Übers von Nicolas Renouard 1637; wiederabgedruckt in: Les Métamorphoses d’Ovide, traduites en François, avec des remarques et des explications historiques par M. l’Abbé Banier. Nouvelle édition […], Paris 1738.

Reflex im Mittelalter bei Heinrich von Veldeke im Eneasroman (verf. 1170 bis 1188):

Die Königin-Mutter belehrt ihre Tochter Lavinia über die Minne:

dû hâst dicke wol gesehen,
wie der hêre Amôr stêt
in dem templô, dâ man in gêt
engegen der ture inne,
daz bezeichent die Minne,
diu gewaldech is ubr alliu lant.
ein buhsen hât her an der hant,
in der ander zwêne gêre:
[Pfeile]
dâ mite schûzet er vil sêre,
als ich dir sagen wolde.
ein gêr is von golde,
des phleget her alle stunde.
swer sô eine wunde
dâ mite gewinnet,
vil starklîch er minnet
und lebet mit arbeite.
neheiner unstâticheite
ne darf man in zîen.
der ander gêr is blîen,
von deme tûn ich dir kunt:
swer dâ mite wirdet wunt
in sîn herze enbinnen,
der is der rehten minnen
iemer ungehôrsam,
her hazet unde is ir gram.
swaz sô von minnen geschiht,
des ne lustet in niht.

Ausgabe von Ludwig Ettmüller, Leipzig 1852 (digital hier) 264,18ff. entsprechend Vers 9’910ff. — Vgl. die Übersetzung in heutiges Deutsch von Dieter Kartschoke 1986 = Reclam, RUB 8303.

Minne-Pfeile im Mittelalter

In der Manessischen Handschrift (Cod. pal. germ. 848; entstanden nach 1314; Fol. 183 v) wird der Minnesänger Wachsmuot von Mülnhusen (Mitte 13.Jh.) so dargestellt:

Das Bild ist inspiriert von seinem in derselben Handschrift überlieferten Lied (Carl von Kraus, Deutsche Liederdichter des 13. Jahrhunderts, 1952; 61, IV,1)

[an die geliebte Dame:] diu liehten ougen dîn
eine strâle hânt geschozzen
in daz herze mîn
des muozs ich vil unverdrozzen
dîn endelicher dienest sîn.
[dein beharrlicher Dienstmann]

In der Manessischen Handschrift (Fol. 237 r) wird der Minnesänger Uolrich von Liechtenstein († 1275) so dargestellt:

••• Die Helzimier ist ein Frauenfigur, die einen Pfeil (mhd. strâl) und eine Fackel (mhd. brant) in Händen hält. Das Motiv ist in der Minnedichtung des Hochmittelalters verbreitet, vgl.

Wirnt von Grafenberg, »Wigalois« 830ff. (vor 1230 — Ausgabe von Kapteyn 1926 — Text, Übersetzung, Stellenkommentar von Sabine Seelbach und Ulrich Seelbach, De Gruyter 2014):

An ir houbetloche [Halsauschnitt] vor
was der herre Âmor
ergraben
[in Stein geschnitten] meisterlîche,
rehte dem gelîche
als ez leben solde;
eine strâle von golde
hêt er in der zeswen hant,
in der andern einen brant;
daz werc was guot und kleine,
ûz einm karfunkelsteine
ergraben harte schône.

Minneleich des Wilden Alexander (letztes Viertel des 13.Jhs. — Carl von Kraus, Deutsche Liederdichter des 13. Jahrhunderts, 1952; 1, Nummer VII > digitale Ausgabe): Beschreibung des Wappens der Minne und dessen Deutung:

Strophe X: Nu nemet war, dâ ist der schilt
dar under manger hât gespilt:
ûf rôtem velde ein nacket kint
daz ist gekrœnet unde ist blint; [blind Cupid!]
von golde ein strâle in einer hant
und in der andern ist ein brant.

[…]
Strophe Xb: Vür wâr hie kumt Amor gevlogen
der bringet vackeln unde bogen.
sîn strâle vert durch ganze want;
dar nach sô wirfet er den brant.
so kumt ein viur und ein gelust
balde under minne gernde brust.

••• Unter dem Pferd – im Wasser kämpfen diabolische Gestalten gegeneinander, deren eine mit Pfeil und Bogen. Das bezieht sich wahrscheinlich auf Ulrichs v. L. »Frauendienst«, wo Venus (der als Venus verkleidete und ausstaffierte "Autor", vgl. den Helm auf dem Bild) den Rittern, die in der Lombardei und in Friaul und in Kärnten und in Steiermark und in Österreich und in Böhmen sitzen, einen Brief schreibt und kund tut, dass sie zu ihnen kommen und sie lehren wird, wie man die Liebe von Frauen erwirbt.

Si tuot in kunt, daz si sich hebet des næhsten tages nâch sande Georjen tage ûz dem mer ze Meisters [moderner Orstname: Mestre], und wil varn unz hin ze Bêheim mit sôgetânen dingen. Prosabrief B, Ausgabe Bechstein I,181.

Welche Tiere sich im Meer tummeln, das hat Konrad von Megenberg (1309–1374) im Kapitel Von den merwundern in 29 Kapiteln aus Thomas von Cantimpré, »iber de natura rerum« (1225–1241) zusammengetragen. Es sind bösartige Viecher, aber mit Pfeil und Bogen gehen sie nicht aufeinander los. (K.v.M., »Buch der Natur«, hg. Franz Pfeiffer, 1861, II C = S.230–259.)

Amor trifft alle

Sowohl Knaben als auch zarte Mädchen treffe ich durch mein unumschränktes Walten; der grimmige Amor werde ich genannt; mich fürchten die Götter.

Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim / Utrecht 1611/1613. – II, 69 (Faksimile unter dem Titel: Sinn-Bilder, hg. Carsten-Peter Warncke, Dortmund 1983: Bibliophile Taschenbücher 378).

Vgl. den Aufsatz von Erwin Panofsky, »Blind Cupid« = Chapter 4 of »Studies in Iconology: Humanistic Themes in the Art of the Renaissance« (1939, 1962, New York, 1967), p. 95–127.

Die Illustration zum Planeten Venus im sog. ›Hyginus Mythographus‹ zeigt Venus und Amor (mit Augenbinde), beide mit Pfeilen bewaffnet:

Clarissimi Viri Hyginii Poeticon Astronomicon. Opvs Vtilissimum Foeliciter Incipit De mundi & sphaerae ac utriusque partium declaratione, Venedig: Erhard Radtolt 1485.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00054124/image_1

Kampf für die Konzeption

Am 20. August 1913 erließen die deutschen Bischöfe in Fulda einen Hirtenbrief, der die geschlechtliche Unmoral beklagte, welche die Heiligkeit der christlichen Familie bedrohe, und der vor allem die Verbreitung der Empfängnisverhütung geißelte. Diese sei eine Folge des Wohllebens.

Schwere Sünde aber ist es, die Vermehrung der Kinderzahl dadurch verhüten zu wollen, dass man die Ehe zu bloßer Lust missbraucht und dabei mit Wissen und Willen ihren Hauptzweck vereitelt. Hauptzweck der Ehe sei es, Kindern das Leben zu schenken, die Fortpflanzung des Menschengeschlechts, den Fortbestand der Kirche und des Staates zu sichern.

Simplicissimus empfiehlt:
Man muß dem Gott die Pfeile schleifen
Die Kinderzahl soll um sich greifen!

Karikatur von Thomas Theodor Heine (1867–1948) in: SIMPLICISSIMUS, 18. Jahrgang, Nr. 51 (16. März 1914)

Literaturhinweis: John Thomas Noonan, Empfängnisverhütung. Geschichte ihrer Beurteilung in der katholischen Theologie und im kanonischen Recht, Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag 1969 (Walberberger Studien der Albertus-Magnus-Akademie. Theologische Reihe; Bd. 6)

Pfeile als Briefträger

••• Für den Minnesänger Rubin zeigt die Manessischen Handschrift (Cod. pal. germ. 848, Fol. 169 v) eine Szene, die darstellt, wie ein Mann mit einer Armbrust einen am Pfeil befestigten Brief zu seiner Angebeteten auf der Zinne oben schießt:

••• Heinrich von Veldeke im Eneasroman (verf. 1170 bis 1188) erzählt, wie Lavinia von einem hochegelegenen Saal auf der Burg den Aeneas erblickt. Da schôz si fouwe Vênûs mit einem scharphen strâle (10’036). Folgt ein langer innerer Monoleg der verliebten Lavinia, darin: Amôr hât mich geschozzen mit dem goldînen gêre … mit dem heizen fiure brennet mich frou Vênûs. (10’110f). Probleme mit der Mutter. Lavinia möchte dem Aeneas ihre Liebe kundtun. Sie greift zu Tinte und Pergament und schreibt eine Brief. Diesen befestigt sie an einem Pfeil

si erwarb eine strâle,
ich ne weiz wâ sie si nam
diu junkfrouwe lussam.
daz gevidere si abe bant,
den brief si umb den zein
[Schaft] want,
daz lêrde sie diu Minne.
die scrift kêrde s enbinne
unde bant dô die veder
sô gefûchlîche weder,
daz daz nieman ne sach,
daz der brief drunder lach.

Einem Junker überredet sie, den Pfeil auf die außerhalb der Burg Herumlungernden zu schießen und sie so zu verjagen. Der tut das und Aenas nimmt den Pfeil an sich und vernimmt die Botschaft. Beim Anblick der Lavinia: dô schôz in Amôr sâ ze stunt mit dem glodînen gêre eine wunden sêre

Ausgabe von Ludwig Ettmüller, Leipzig 1852 (digital hier) 287,2ff. = Vers 10’785ff. — Vgl. die Übersetzung in heutiges Deutsch von Dieter Kartschoke 1986 = Reclam, RUB 8303.

In der Berliner Handschrift wird die Szene so illustriert:

Berlin, Staatsbibliothek Ms. germ. fol. 282, Fol. 71r
> https://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN833652451

••• Pfeile zwecks Kommunikation verwendete bereits der alttestamentliche Jonatan, allerdings ohne angeheftete Briefe, sondern mit einer vorgängigen Abmachung, was die bedeuten.

David wird von König Saul auf den Tod verfolgt. Der Sohn des Königs, Jonatan, ist mit David befreundet. Am Neumondsfest sollte David am Königshof präsent sein, möchte aber sicherheitshalber unter einem Vorwand fernbleiben. Er bittet Jonatan, ihm mitzuteilen, ob Saul ihm gegenüber, wenn er ihn am Fest vermisst, gut oder böse eingestellt ist. Jonatan schlägt vor: David soll sich verstecken; Jonatan wird Pfeile in die eine oder andere Richtung abschießen; ein Diener (ein Knabe) wird sie auflesen, und je nachdem woher er sie bringt, wird Jonatan sagen: "Sie liegen von dir aus gesehen herwärts" – das bedeutet es liegt nichts Schlimmes vor – oder "Sie liegen weiter draußen" – das bedeutet: Geh weg! –– Beim Fest erzürnt Saul und möchte David töten lassen. Jonatan handelt wie abgemacht, schießt die Pfeile ab und fragt den Diener (der von dem Geheimcode nichts weiß) laut, ob die Pfeile nicht weiter draußen liegen. David verlässt sein Versteck und flieht. (1.Samuel, Kapitel 20 Luthers Übersetzung 1545)

Biblia ectypa. Bildnußen auß Heiliger Schrifft deß Alten Testaments, Erster Theil. in welchen Alle Geschichten undErscheinungen deutlich und schriftmäßig zu Gottes Ehre und Andächtiger Seelen erbaulicher beschauung vorgestellet worden. Hervorgebracht von Christoph Weigel, Regensburg 1697.

Jägerinnen und Jäger und Verwandlungen

Ovid erzählt in den »Metamorphosen« (II, 401–507) die Geschichte von Callisto (ohne den Namen zu nennen). Sie ist Jägerin im Gefolge der Diana und wird von Jupiter – der sich dazu in Diana verwandelt – vergewaltigt und geschwängert. Sie gebiert einen Sohn: Arcas.

Juno, die Gattin Jupiters, nennt Callisto eine Ehebrecherin (adultera, dann paelex; es ist auch von culpa und poena die Rede), die mit ihrer schönen Figur ihren Mann verführt habe. Sie verwandelt Callisto in einen Bären mit Pelz und Klauen – einzig den menschlichen Geist behält Callisto (mens antiqua manet).

Nach manchen Jahren des Lebens im Wald erscheint der Sohn Arcas als jugendlicher Jäger. Sie erkennt ihn – doch der verängstigte Junge die Mutter nicht, und er will dem Bären mit dem Pfeil die Brust durchbohren. Jupiter vereitelt das, indem er die Bärin und ihren Sohn in den Sternenhimmel versetzt.

Holzschnitt von Virgil Solis (1514–1562) in: PVB. OVIDII NASONIS Metamorphoseon libri XV. In singulas quasque fabulas argumenta, Francofurti ad Moenum MDLXVII.

Eine ähnliche Geschichte: Aurora entführt den Jäger Cephalus, Gatten der Procris, der aber standhaft bleibt. Die Göttin verheißt den beiden ominös, dass ihre Ehe nicht glücklich sein werde. Procris, misstrauisch, folgt ihm heimlich auf die Jagd und verbirgt sich in einem Busch. Cephalus, in der Meinung ein Tier zu finden, tötet Procris versehentlich mit seinem Speer. (Ovid, Metamorphosen VII, 690–865.)

Metamorphoseon sive transformationum Ovidianarum libri quindecim, aeneis formis ab Antonio Tempesta florentini incisi et in pictorum antiquistatisque studiosorum gratiam nunc primum exquisitissimis sumptibus a Petro de Iode Antverpiano in lucem editi Aº 1606.

Die Gottlosen spannen den Bogen

Psalm 11,2: Siehe, die Gottlosen spannen den Bogen, haben ihren Pfeil auf der Sehne gerichtet, im Finstern zu schießen auf die von Herzen Aufrichtigen (Vulgata 10,2: ecce peccatores intenderunt arcum; paraverunt sagittas suas in pharetra, ut sagittent in obscuro rectos corde)

Den Vers illustriert der Stuttgarter Psalter (entstanden um 820/830) so:

> https://archive.org/details/StuttgarterPsalter

Mit der strâl schüßet si in

Aus dem Traktat »Christus und die minnende Seele«; Einsiedeln, Stiftsbibliothek, Codex 710 (322):

Das wil sy han für gewin.

Sy [die Seele] spricht: Ich wil in schießen,
Ob ich sin iena mug genießen.

Cristus sprach: Verwundet ist das hertze min.
Da hastu, lieb, geschossen in,
Das ich muoß tuon den willen din.
Das mag wol werden din gewin.

Text: Romuald Banz, Christus und die minnende Seele. Untersuchungen und Texte (Germanistische Abhandlungen 29), Breslau 1908. – Verse 1316 ff.

Bild (Ausschnitt): https://www.e-codices.unifr.ch/de/sbe/0710/13v

Cordis Vulneratio – Verwundung deß Herzens

Das pfeilschießende mit strahlendem Nimbus ausgezeichnete Engelchen ist eine Personifikation der göttlichen Liebe; das Herz gehört der Seele, die als Mädchen personifiziert ist und spricht.

Hertzen Schuel oder Des von Gott abgefüerten Herzens, widerbringung Zu Gott vnd vnderweisung. Durch Benedictvm Haeftenvm ... Lateinisch beschriben, nun aber verteutscht Durch Carolvm Stengelivm, Augspurg: Johann Weh 1664. – Die XIV Lection.

Die Bildunterschrift ist ein Zitat aus Klagelieder 3,12: Er hat seinen Bogen gespannet/ und mich dem Pfeil zu eim Zihl gesetzt. – Sodann: Mein Licht, durchdringe dieses Herz mit tausend kräftigen Pfeilen; die Wunden, die mir Deine Hand zugefügt haben, sind Heilmittel. – Der folgende Text dekliniert das Thema über mehrere Seiten hinweg.

Das Laster schießt Pfeile ohne Erfolg

Das Pfeile schießende Laster ist als Kompositwesen dargestellt, wie das in spätmittelalterlichen Allegorien üblich war; die einzelnen Teile lassen sich indessen nicht bestimmten Sünden zuordnen. Dass sich die Szene vor einem Palast-Eingang abspielt, mag ebenfalls bedeutsam sein.

Das erneurte Stamm- und Stechbüchlein: Hundert Geistliche Hertzens Siegel / Weltliche Hertzens Spiegel zu eigentlicher Abbildung der Tugenden und Laster vorgestellet/ und mit hundert Poetischen Einfällen erkläret durch Fabianum Athyrum, der loblichen Sinnkünste Beflißnen. Nürnberg/ In Verlegung Paulus Fürsten/ Kunsthändlers im Jahr 1654.

Das Buch – der Verfasser ist Georg Philipp Harsdörffer, wie Henri Stegemeier 1970 herausgefunden hat – umfasst 100 Embleme; bei allen steht das Herz im Zentrum. Allen ist eine Überschrift und ein Gedicht mit einer Deutung des Bilds beigegeben, nur diesem ersten nicht. Der Titel »Stechbüchlein« leitet sich vom Brauch her, mit einer Nadel zwischen die Blätter eines Buches zu stechen und beim Aufschlagen die Stelle als Orakel zu betrachten, so wie das die Herrenhuter mit der Bibel machen (sog. ›Losungen‹).

Literaturhinweis: Henri Stegemeier, The Identification of Fabianus Athyrus and an Analysis of His Emblematic »Stechbüchlein« (1645; 1654), in: Festschrift für Detlev W. Schumann zum 70. Geburtstag; hg. von Albert R. Schmitt, München: Delp, 1970, S. 3–27.

Deine Pfeil stecken in mir/ vnd deine Handt drücket mich. (Psalm 38,3)

Im Emblembuch von Daniel Cramer († 1637) ist hier vom leidgeprüften Herzen die Rede: vulneror – ich werde verwundet.

Emblemata Sacra, Das ist: Fünfftzig Geistliche in Kupffer gestochene Emblemata, oder Deutungsbilder/ aus der Heiligen Schrifft/ von dem süssen Namen und Creutz Jesu Christi. Erstlichen inventiert vnd angegeben durch den Ehrwürdigen und Hochgelehrten Herrn Daniel Cramern […]. Fast dienstlich vnd bequem zu einem Gottseligen Stam- und Gesellen-Buch. Franckfurt am Mayn: in Verlegung Lucæ Jennis. M.D.C.XXII.

Das Bild zeigt nur die halbe Botschaft; die Inschrift unter dem Bild formuliert eine Symmetrie:

Er schießt nicht, um zu verletzen, sondern stellt wieder her, wenn er zunichte macht. Mag ich auch das Ziel von Gott sein, so möge er auch mein Ziel sein.

(scopus meint im eigentlichen Sinn die anvisierte Zielscheibe; religiös das Lebensziel des Christen, vgl Philipperbrief 3,14). Vgl. auch die Stelle Hiob 6,4: Die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir.

Verfolgung — Verstand

Zwei Personifikationen, welche die Pfeile zu ganz verschiedenen Zwecken handhaben:

Persecutione

Donna vestita del colore del verderame, accompagnato col color della ruggine, alle spalle porti l’ali et nella sinistra tenghi un arco, stando in atto di voler colpire et haverà a’ piedi un Cocodrillo. […] L’ali significano che la persecutione è sempre presta et veloce al male altrui. Tiene l’arco per ferire etiandio di lontano con parole malediche.

Ingegno

Un giovane d’aspetto feroce et ardito, sarà nudo, haverà in capo un elmo et per cimiero un’Aquila, a gl’homeri l’ali di diversi colori.

Terrà con la sinistra mano un arco et con la destra una frezza, stando con attentione in atto di tirare. Ingegno è quella potenza di spirito che per natura rende l’huomo pronto, capace di tutte quelle scienze ond’egli applica il volere e l’opera. Giovane si dipinge, per dimostrare che la potenza intellettiva non invecchia mai. Si rappresenta con la testa armata et in vista fiero et ardito, per dimostrare il vigore et la forza.

Iconologia. Overo descrittione di diverse imagini cavate dall‘antichità, e di propria inventione trovate et dichiarate da Cesare Ripa […], Di nuovo revista. Roma: Lepido Faci 1603.

Literaturhinweis: Alice Thaler, Die Signatur der Iconologia des Cesare Ripa: Fragmentierung, Sampling und Ambivalenz. Eine hermeneutische Studie, Basel: Schwabe-Verlag 2018.

Der Zorn verschießt gleich mehrere Pfeile

Die Darstellung der Ira ist angelehnt an die sog, Etymachie-Traktate, wo die Tugenden und Laster auf entsprechenden Tieren reiten und Wappen mit sich tragen. So steht der Eber (aper) in der mittelalterlichen Tiersymbolik für die stets wütigen und tobenden Menschen (homines semper saevi et feroces).

Heinrich Aldegrever (* 1502; † zwischen 1555 und 1561), Kupferstich aus einer Serie der Tugenden und Laster 1552.

Præcipiti nullus furor est rabiosor Ira
 Tempore quæ patrat mille nefanda breui

Keine Wut ist wilder als kopfüber stürzender Jähzorn,
 der in kurzer Zeit tausend Verbrechen begeht.

(Dank an Thomas G. in W. für die Übersetzung)

Ehrfurcht auch vor dem toten Vater

Das Kapitel in Petrarcas »Trostspiegel« nennt Trostgründe beim Verlust des Vaters: War es ein herrischer Vater, so soll man froh sein, dass man jetzt ruhig leben kann. War es ein liebenswürdiger Vater, so möge man sich mit der Erinnerung an die vergangene Zeit trösten.

Trostspiegel in Glück vnd Vnglück. Francisci Petrarche, des Hochberümpten, Fürtrefflichen, vnd hochweisen Poeten vnd Oratorn, zwey Trostbücher, Von Artznei vnd Rath, beydes in gutem vnd widerwertigem Glück [...]; Allen Haußuättern, vnd Regimentspersonen sehr nützlich vnd tröstlich zuwissen. Jetzund von newem widerumb zugericht vnd in Truck verfertiget, Franckfort am Meyn: Egenolff 1572. – Erstausgabe (mit denselben Holzschnitten des unbekannten Künstlers) Augsburg: Steiner 1532. – Kapitel II, 46.

Das Bild, das der Zeichner (wahrscheinlich unter Anweisung von Sebastian Brant) dazu gibt, hat keinen Anhalt im Text von Petrarca († 1374). Die literarische Quelle ist wohl die seit der Mitte des 14. Jahrhunderts kursierende Exempelsammlung »Gesta Romanorum« (Nr. 45):

Drei (auf dem Bild nur zwei) außereheliche Söhne und ein leiblicher Sohn eines Königs streiten um die Herrschaft. Ein Sekretär empfiehlt, sie sollen auf ihren toten Vater schießen, um die Nachfolge zu klären. Der beste Schütze soll das Reich erben. Die Bastardsöhne führen die Tat aus; der Jüngste weigert sich, die Leiche zu schänden und erweist sich dadurch als der eine echte Sohn. – Der Zeichner stellt den entscheidenden Moment dar, in welchem der Sohn den Bogen zerbricht.

Die Geschichte wird hier ausführlich erzählt:

Eine Probe / wer unter drey Brüdern des Vatters eheliches Kind.

Man lieset in Theat. Vitæ Human. lib. 4 tom. 2. eine Historie oder Geschicht / die sich in Scythia soll zugetragen haben. Es war ein Vatter / der hatte drey Söhne / unter welchen zween unehliche / der dritte aber ehelich gebohren war: Aber diß war niemand /auch den Söhnen selbst nicht bewust. Der Vatter stirbet / er macht sein Testament / und setzet den einen zum Erben ein; Aber die beyde Unehliche schliesset er aus / doch machte er keinen nahmhafftig / welchen unehlich / und welcher ehelich gezeuget wäre. Nach des Vatters tödtlichen Hintritt wird das Testament eröffnet / und erfahren die Söhne aus den beyliegenden Schrifften / wie die Sache mit ihnen beschaffen sey. Sie erstarren darüber / sehen einander an / verwundern sich / und konte kein Richter sie in dieser Streit-Sache entscheiden. Die Unehlichen sagten / sie wären eheliche und rechtmäßige Kinder: Der rechte und Eheliche wolte beweisen / daß er / und kein ander / der rechte und echte sey. Wie sie sich über diesen Streit nicht vergleichen können / lassen sie endlich die Sache an den König und das Gericht gelangen / welche / nachdem sie die Sache eingenommen / die drey Söhne lassen zu sich fordern. Sie werden ernstlich vermahnet nach Warheit auszusagen / wer unter ihnen der ehelich-Gebohrne sey. Wie aber diese Streitigkeit zu keinem Ausschlag kan gebracht werden / da lasset der König des Vattern todten Leichnam herbringen /denselbigen an einen Baum binden. Darauf wird einem jeden Bogen und Pfeil gegeben / und ihnen[865] befohlen zu schiessen / welcher des Vatters Hertztreffen würde / der solte der rechte und nechste Erbe seyn. Der gantze Königliche Hof kommet zusammen / diesem Werck beyzuwohnen / und sammlet sich von allen Orten ein grosses Volck bey einander: Der erste nimmt seinen Bogen / legt den Pfeil darauf / schiesset und trifft nahe bey dem Hertzen / das thut auch der ander / und fehlt auch des Hertzens nicht weit. Es war nunmehr an dem dritten / welcher / wie er seinen Bogen gespannet / die Pfeile darauf geleget / erinnert er sich der vielen Wolthaten / die ihm vom Vatter erwiesen / hebet an bitterlich zu weinen / legt den Bogen nieder und saget: Ey / das sey ferne von mir /daß ich um des liederlichen Geldes willen solte meine Hände verunreinigen an meines Vatters Blut. Er ist mein Vatter / ich sein Sohn. Der König mache und setze zum Erben / welchen er will. Ich will lieber den Pfeil mir selbst in meinen Leib schiessen / als daß ich solte nach meinem Vatter zielen. Wie dieses der König gesehen / und seine Erklärung angehöret / hat er denselbigen / als rechten Erben erkläret / die andern beyden aber hat er ausgeschlossen.

Besser ist ein Ding verschweigen / als Dinge schreiben / daraus nur Uneinigkeit entspringet. Uber zeitliches Gut werden offt die besten Freunde uneins. Ja um Geldes willen tragen Kinder keine Scheu / ihre leibliche. Eltern zu schimpffen und zu verunglimpffen. Was aber fromme Kinder seyn / die leiden lieber Schaden / als daß sie sich an den Ihrigen solten vergreiffen.

Peter Lauremberg, Neue und vermehrte Acerra philologica, Das ist: Sieben Hundert auserlesene, nützliche, lustige und denckwürdige Historien und Discursen, aus den berühmtesten griechischen und lateinischen Scribenten zusammengetragen [...], Frankfurt am Main, Leipzig, 1717, Das sechste Hundert; Nr. 92
> http://www.zeno.org/nid/20005239850

Heulen – Begierden – Seufzen als Pfeile zum Herrn

Das 1624 erstmals erschienene Werk von Hermann Hugo S. J. (1588 – 1629) ist eines der erfolgreichsten Erbauungsbücher. Der Erfinder der Bilder ist Boëtius a Bolswert (ca. 1580–1633).

Die mädchenhafte Figur symbolisiert die Seele. Ihre drei Pfeile, die hier in den Himmel auf einen Wolkenkranz zufliegen, symbolisieren die religiösen Emotionen, anhand derer das Buch aufgebaut ist: Das Heulen der Büßenden Seelen – Begirden der heiligen Seel – Seufftzen der Liebhabenden Seel.

Die zwei Ohren und das Auge in den Wolken lassen sich beziehen auf Psalm 33 (34), 16: Die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören seine Bitten. – Dass die Herrlichkeit Gottes in einer Wolke erscheint, ist biblisch häufig, vgl. 2. Mos. 16, 10.

Gottselige Begirde. Aus lautter sprüchen der Heÿligen Vättern Zusamen gezogen Vnd mitt schönen figuren gezieret / durch R. P. Hermannum Hugonem ... Verteütscht Durch R. P. F. Carolum Stengelium, Augspurg: Schönig, 1627.

Literaturhinweis: Gabriele Dorothea Rödter, Via piae animae. Grundlagenuntersuchung zur emblematischen Verknüpfung von Bild und Wort in den »Pia desideria« (1624) des Herman Hugo S.J. (1588-1629), Frankfurt am Main: Lang 1992 (Mikrokosmos 32).

Verlorene Müh’

Georgette de Montenay (ca. 1540 – 1606/07) bezieht die Torheit des viele Pfeile auf den Amboss (l’enclume) Schießenden allegorisch auf den Wahnwitz, ein Feind Christi und der Kirche sein zu wollen:

Gleich wie ein Amboß hart vnd fest/
    Von lauterm Staal/ sich nirgends lest
Durch scharpffe Wehr/ vnd spitze Pfeil
    Zerschlagen: sondern bricht in eyl
Alles was wider jhn sich legt:     
    Also vergebens auch sich regt
Die gantze Welt mit jhrm Gesind
    Wider Christum/ vnd seine Kind.

Georgiae Montaneae, nobilis Gallae, Emblematum christianorum centuria cum eorundem Latina interpretatione – Cent emblemes chrestiens de Damoiselle Georgette de Montenay, Tiguri [i.e. Lyon]: apud Christophorum Froschouerum [i.e. Jean Marcorelle] 1584.
Die deutschen Verse aus der mehrsprachigen Ausgabe: Stammbuch, darinnen Christlicher Tugend Beyspiel / Einhundert außerlesener Emblemata, Franckfurt am Mayn MDCXIX.

Kein Pfeilschuss kann die Sonne treffen

Im Emblembuch von Jacob Bruck ist damit die Narrheit gemeint:

Es kommt auf die Absicht an

Die Macht ist schwach/ die Sonn ist hoch
    Will dieselbe erreichen doch Mit Pfeiln:
Abr auff sein eignen Kopff
    Sie jhm fallen/ dem Närrschen Tropff.
Der Gottloß Hauff widr Gotts Worts Schein
    Streitet: Zu Lohn hat Hellische Pein

(Text aus Henkel/Schöne, Emblemata, Sp. 1510)

Jacobus à Bruck, Emblemata pro toga et sago. Norimbergae : Prostant apud Pauli Fürstii, b.m. viduam & haeredes, [1690?]
> https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=gri.ark:/13960/t16m3mb1p&view=1up&seq=17

Wiederholt in Iacobi â Bruck Angermundt Cogn. Sil. Emblemata moralia & bellica. : Nunc recens in lucem edita, Argentorati: Per Iacobum ab Heyden 1615.

Ein Glasfenster in der Kaplanei in St. Jost in Blatten (Kanton Luzern) zeigt das fruchtlose Unterfangen deutlicher in einem religiösen Sinn:

Wer auff die hälle Sunnen zilt
Umbsonst Er jn den Lüfften spilt
Die ware So[n]n der Grehtigkeit
(vgl. Maleachi 3,20 [Lutherbibel u.a.] / 4,2 [Vulgata u.a.])
Kein pfeilshutz noch kein Treffen leidt

Quelle: Dieter Bitterli, Angewandte Emblematik in der Schweiz

Die Jesuiten beziehen die Torheit der Schützen auf die Gegner ihres Ordens:

Solem nulla sagitta ferit. — Die Sonne trifft kein Pfeil.

Johannes Bolland, Jean de Tollenaer [et alii], Imago primi saeculi Societatis Iesu, a prouincia Flandro-Belgica eiusdem Societatis repraesentata Antwerpen: Plantin 1640; pag. 565

Die Donnergötter werden beschossen

Olaus Magnus (1490 – 1557) charakterisiert den Aberglauben, die Abgötterey der Völker im Norden unter anderem damit, dass sie, so offt es getonnert/ Pfeil vbersich in die lüfft geschossen/ damit anzuozeigen/ das sie jhren Göttern beystand thuon/ vnnd helffen wölten/ vermeinten die von andern Göttern vber zogen vnd bekrieget werden. Auch meinten sie, sie könnten die jhenigen Götter/ so jren Kriegßwaffen zuwider oder vngünstig weren/ vndertrucken mit außgestreckten Waffen vbersich gegen dem Himmel.

Historia de gentibus septentrionalibus, earumque diversis statibus, conditionibus, moribus, ritibus ... necnon universis pene animalibus in Septentrione degentibus, eorumque natura […] Autore Olao Magno, Romae M.D.LV.
Deutsche Übersetzung: Olaj Magni historien Der mittnächtigen Länder […] transferiert durch Johann Baptisten Ficklern, Basel 1567. – III. Buch, Kap. 8.

Der treffsichere Alcon

Vergil zählt in der fünften Ekloge eine Reihe von Stoffen auf, mit denen man im Dichterwettbewerb auftreten könnte, darunter erwähnt er kurz die Geschichte von Alcon. Der Vergil-Kommentator Servius (4. / 5. Jh.) – von dem wir viele Mythen überliefert bekommen haben – erklärt dazu:

Hic Cretensis sagittarius fuit, comes Herculis, ita peritus, ut ictus eius non falleretur. Namque positos supra capita hominum anulos traiciebat, capillos spiculis sagittarum rumpebat, sagittas sine ferro, positis ex adverso gladiorum lancearumve mucronibus, findebat.

Cuius cum filium draco invasisset, tanta arte direxit sagittam, ut ea currens in serpentis deficeret vulnere nec transiret in filium. …

Der war ein kretischer Bogenschütze, ein Gefährte des Herkules, so geschickt, dass sein Schuss nie fehlte. Denn durch (Arm-)Ringe, die man Menschen auf den Kopf gestellt hatte, schoss er hindurch, Haare zertrennte er mit der Spitze der Pfeile und Pfeile ohne Eisenspitze spaltete er, wenn Klingen von Schwertern oder Lanzen gegenübergestellt waren.

Als seinen Sohn ein Drache angriff, lenkte er den Pfeil mit solcher Kunst, dass der seinen Lauf in der Wunde der Schlange endete und nicht in den Sohn eindrang.

Alcon. Chiaroscuro-Holzschnitt von Hans Wechtlin (aktiv zwischen 1502 und 1526), Ausschnitt; Quelle: British Museum.

(Dank für den Hinweis und die Übersetzung an Thomas G. in W.)

Tells Geschoß

Die Szene mit dem Apfelschuss von Wilhelm Tell wird in der Bilderchronik von Petermann Etterlin (1507) – der frühesten gedruckten Fassung des Stoffs – erstmals visualisiert. Die Szene darf selbstverständlich in der Chronik von Johannes Stumpf (1550 – 1577/78) nicht fehlen. Im 4. Buch, 53. Kapitel wird der Anfang der Eydgnoschafft behandelt.

Die Stange mit dem Hut steht prominent vorn, und im Hintergrund ist gezeigt, wie Tell vom Boot springt und dann in der Hohlen Gasse mit der Armbrust den reitenden Landvogt erschießt.

Vnd dieweyl der Vogt wol wußt daß Wilhelm ein guoter armbrostschütz was/ und jm seine kinder seer lieb warend/ vnderstuond er durch sölich mittel in zereitzen/ ließ im fürbringen seinen jüngsten sun/ vnd nötiget jn demselbigen einen öpffel ab dem haupt zeschiessen. […] Wilhelm aber stecket noch einen pfeyl hinden in sein göller/ im fürrsatz/ wo er das kind träffe/ alsbald auch den tyrannen zerschiessen.

Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten / Landen vnd Völckeren Chronik wirdiger thaaten beschreybung […] durch Johann Stumpffen beschriben […], Zürich bey Christoffel Froschouer M.D.XLVII. – Band I, fol. 328 verso.

Mehr zu diesem Bildmotiv >>> hier.

De Morte et Cupidine – Von dem Tod und Liebs-Gott

Was passieren kann, wenn man die Waffen unachtsam velwechsert: Der Tod und Cupido machten ein Mittagsschläfchen auf einer Wiese und legten ihre Geschoße ins Gras. Beim Erwachen griff jeder ohne Bedacht zu seinem Gewehr, und sie verwechselten die Pfeile. Der Tod schoss nach einem Greis, den sogleich die Brunst des Verliebten packte; Cupido schoss nach einem Jüngling, der sofort ins Grab fiel.

Kupfer von Gerard de Jode (1509–1591), neu von Jacob de Zetter in:
Μικροκόσμος Parvvs Mvndvs. Francofuri Apud Lucam Iennis, anno 1618. — Der Mensch/ Die kleine Welt/ Der Grossen/ In mancherley Kupffer-Figuren und Lateinischen Getichten/ durch außerlesene Fabeln der alten Poeten/ wie auch etliche anmuthige Historien/ auf sinnbilder-Art/ vorgestellet […] erlaeutert durch Martin Meyern, Franckfurt 1670. – Emblem Nr. 13.

Das Emblem erscheint bereits im frühesten Emblembuch, dem von Andrea Alciato 1531. Hier aus der Fassung »Liber emblematum ... Kunstbuch«, Franckfurt am Main 1567, mit der deutschen Übersetzung von Jeremias Held 1567:

Der Tod und Knab Cupido gnannt
Zogn mit einander umb im Land
Der Tod trug mit im sein geschoß
Der Knab Cupido sein Pfeil bloß
In einr Herberg sie kerten zgleich
Und lagen znachts beysamen leich
Zu dieser zeit warend beyd blind
Der Tod und Knab Frauw Venus Kind
Auß unbedacht und auß unfleiß
Nam einer deß andern gschoß leiß
[unbemerkt]
Der Tod erwüscht die güldin Pfeil
Die Beynerin
[beinernen] der Knab in eil
Daher gschachs daß ein alter Mann
Der auff der Gruben gieng fieng an
Zu bulen und schmuckt sein grauwen Kopff
Mit grünen krentzen der alt tropff
Aber dieweil Cupido mich
Hat hart versehrt, so nem ab ich
Von tag zu tag, muß mit gwalt
Mein leben lassen also bald.

Verschon verschon mein lieber Knab
Der Tod der hat dir gsiget ab
Mach daß ich werd in lieb entzünd
Und hinnunder wusch der alt gschwind.

> http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/facsimile.php?id=sm45_R7r

Rudolf Meyer (1605–1638) kennt eine einfachere Variante:

Zweÿ Liebende.

Cupido spannet auf inn Eÿl,
   Der Todt rüst auch sein scharpffen Pfeil,
Cupido trifft,    doch vbertrifft
   Der Todt,   vnd vns zu Boden wirfft.

Sterbensspiegel, das ist sonnenklare Vorstellung menschlicher Nichtigkeit durch alle Ständ’ und Geschlechter; vermitlest 60. dienstlicher Kupferblätteren/ lehrreicher Uberschrifften/ und beweglicher zu vir Stimmen außgesetzter Todtengesängen / vor disem angefangen durch Ruodolffen Meyern S. von Zürich etc. jetz aber ... zu End gebracht und verlegt durch Conrad Meyern, Maalern in Zürich und daselbsten bey ihme zufinden, Getrukt zu Zürich: bey Johann Jacob Bodmer 1650.

Fleuch wa du wilt, des todtes bild stätz auff dich zielt.

Der mit der Armbrust auf den Betrachter zielenden Tod scheint eine Travestie der Idee von Nikolaus von Kues (1401 – 1464) zu sein: ein Christus-Bild zu malen, dessen Blick dem Betrachter stets folgt, wo dieser auch immer steht; das wäre bei ihm ein Modell für die all-sehende Gottheit.

Hier indessen gilt: Wachet, dan ihr wisset nicht welche stunde ewer Herr kommen wird (Matth. 24,42).

Gerhard Altzenbach (1608 – 1672), Flugblatt. (Harvey Cushing / John Hay Whitney Medical Library /Yale University) — Vgl. das Flugblatt von Jakob von der Heyden (ca. 1615/17)? bei W. Harms, Deutsche Illustrierte Flugblätter, Band III, Abb. 125.

Militärischer Vormarsch

Noch mörderischer als der Tod, der auf einen einzelnen Menschen zielt, sind die diagrammatischen Pfeile zu verstehen, mit denen Truppenbewegungen markiert werden:

Der große Herder Band 12 (1935), Tafel 16 zum Artikel "Weltkrieg", Russischer Angriff 1916

Spruchweisheiten

Man kann den scharffen Pfeil zwar aus der Wunde kriegen/
doch bleibt darin der Schmertz/ der Groll im Hertzen liegen.
(Saadi, »Gulistan«, übersetzt von Adam Olearius 1654)

Zu weit getrieben verfehlt die Strenge ihres weisen Zwecks,
und allzu straff gespannt zerspringt der Bogen.
(Schiller, Tell, III, 3)

Es ist wirklich Luxus vom Schicksal, dass es Pfeile schleudert; an seinen Fügungen sieht man ohnedem, dass es das Pulver nicht erfunden hat.                     
(Johann Nepomuk Nestroy)

Letzte Fassung im November 2020 PM