Symboliken der Waage

Einleitung

Wenn man sich fragt, wie man moralisch gut oder politisch klug handelt, so ist man normalerweise überfordert. Eine Reduktion von Komplexität ergibt sich, wenn das Problem auf eine einfache Alternative mit deren Konsequenzen vereinfacht wird. Eine noch stärkere Simplifizierung besteht darin, dass man die urteilende Instanz in einen Mechanismus auslagert, der die Entscheidung objektiv trifft.

Dies gelingt, wenn man die Entscheidung für und wider auf eine zweischalige Waage legt und deren Zünglein den Ausschlag dafür geben lässt, was man tun soll.

Zum Bildfeld der Waage gehört das ›Gleichgewicht‹. Ein Gleichgewicht der Mächte wurde von den italienischen Stadtstaaten als Ideal angenommen und dann vor allem in der Epoche der militärisch starken Nationalstaaten Frankreich (unter den Ludwigen), England und den Habsburgern zu einem politischen Leitbild. Auch innenpolitisch ist das Gleichgewicht der Kräfte seit der Aufklärung ein wünschenswertes Ideal. Die Verhältnisse zwischen Mächten und Ständen sollen ausgewogen sein.

Für die biologische Oekologie ist das Gleichgewicht beispielsweise zwischen Räubern und Beute eine zentrale Vorstellung. Ein Überwiegen der einen oder anderen Population führt zum Untergang beider. Der Gedanke kehrt wieder in der Oekonomie mit den Faktoren Produktion und Konsum.

Die aufklärerische Psychologie postuliert ein Gleichgewicht von Leidenschaften und Vernunft – heute geht es etwas trivialer um die Work-Life-Balance.

Die Waage-Metapher impliziert – wie jede symbolische Denkfigur – Fehler. Sind die Phänomene, die man damit zu erfassen versucht, so geartet, dass das Modell einer primitiven, auf Gravitation beruhenden mechanischen Wechselwirkung taugt? Was kann in der Realität tatsächlich mit ›Übergewicht‹ gemeint sein? Ist es so, dass das Nachlassen auf der einen Seite zwingend automatisch eine Förderung der anderen Seite bewirkt?

Übel ist es, wenn die Metapher im moralischen Sinne zur Diffamierung von Menschen oder ganzen Gruppen verwendet wird. Der Mächtige rechtfertigt sich damit, dass die Waage des Schicksals die Unterlegenen als zu leicht befunden habe, die Störung des Gleichgewichts nun behoben sei.

Wenn man bedenkt, wie intensiv seit der Zeit der Kirchenväter und dann in der Scholastik über das Phänomen der Sünde nachgedacht wurde, so ist die in der Volksfrömmigkeit verbreitete Vorstellung der Sünden auf der Balkenwaage eine terrible simplification, bei der die Metaphern der schweren und leichten Sünde verabsolutiert werden.

In der Rhetorik und insbesondere in der Karikatur mögen solche Polarisierungen angehen: Die reiche Braut hat eben nur diesen einen Vorzug; die Protestanten lassen nur die Bibel gelten; das Abstimmungsresultat entscheidet numerisch zwischen Tories und Whigs.

 

Übersicht

(auf das Symbol klicken!)

  Wortfeld

  Seelenwaagen: Was wiegt schwerer? (Psychostasie)

  Kaiserliche Seelen auf der Waage

  Luxus in der Waagschale

  Hektor oder Achill? (Kerostasie)

  Der Narr wägt

  Lieber den Tod als in der Knechtschaft leben

  Moralische Güterabwägungen, v.a. in der Emblematik

  Der Weise aequilibriert die Waage

  Justitia

  Gesetz vs. Gnade

  Der Herr wägt die Herzen

  Gut ausbalanciert?

  Gleichgewicht bei der Freundschaft

  Wäge-Technik moralisiert

  Wörter auf der Goldwaage

  Gottes Wort überwiegt

  Vergleich von Weltmodellen

  Aequinoctium, die Tag-und-Nacht-Gleiche

  Die Heurathswage

  Politische Karikaturen (I)

  Balance of Power Politische Karikaturen (II)

  Visualisierung von Daten

  Jux

  Weiterführende Literaturhinweise

Psychostasie

In den Ägyptischen Totenbüchern erscheint die Idee, dass nach dem Tod das Herz des Verstorbenen mit einer Balkenwaage gewogen wird. Der schakalköpfige Totengott Anubis legt das Herz auf eine Waagschale, als Gegengewicht liegt eine Feder als Symbol der Ma‘at (Prinzip der Gerechtigkeit) auf der anderen. Der Verstorbene muss nun darlegen, dass er nichts Unrechtes getan hat. Die Mitglieder des Totengerichts beobachten währenddessen die Waage.

Papyrus von Ani (19. Dynastie) > https://en.wikipedia.org/wiki/Papyrus_of_Ani

  • Derjenige Tote, dessen Herz leichter ist als die Feder der Maat, wird zum Gott Osiris in die Unterwelt geführt.
  • Ist das Herz schwerer als die Feder der Maat, so frisst das dämonische Scheusal Ammit das Herz, und dieser Tod löscht alle Erinnerung an den Verstorbenen aus, was für einen Ägypter das schlimmste ist.

Bei der altägyptischen Wägung der Seele beim Totengericht gilt also die Parallele ▼ schwer ≈ schlecht.

In den Darstellungen von Erzengel Michael als Seelenwäger am Jüngsten Gericht (nicht biblisch) ist umgekehrt die schwere Waagschale die bessere; in ihr sitzt die zur ewigen Seligkeit gelangende Seele.

Das Jüngste Gericht von Hans Memling (ca. 1466/1473), Ausschnitt
> http://www.zeno.org/nid/20004178777

Dies mag zurückgehen auf das ›Mene Tekel‹ Der Prophet Daniel legt den Begriff Tekel so aus: Gewogen wurdest du auf der Waage und zu leicht befunden. (Vulgata: thecel, appensus es in statera et inventus es minus habens, Dan 5,27). Es obwaltet mithin die Vorstellung ▲ schwer ≈ gut.
(Hinweis > http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/26881/)

Diabolische Intervention

Oft werden Teufelchen dargestellt, welche sich an die eine Waagschale hängen, damit die Seele in der anderen Waagschale nach oben schnellt, das heißt: für die Hölle gewonnen wird. Gelegentlich werfen sie etwas plump einen Mühlstein darein; etwas gescheiter: sie werfen Dinge in die Waagschale, mit denen der Verstorbene gesündigt hatte: gestohlene Dinge wie z.B. Vieh, oder bei Frauen Kleider, mit denen sie Luxus getrieben haben; gewisse Sünden wie Gewalttaten oder Ausschweifungen muss der Maler künstlich materialisieren. – Die Vorstellung hat kein biblisches Fundament.

Lucas Cranach d. Ä. zeigt 1506 den Erzengel Michael mit der Seelenwaage. Fratzenhafte teuflische Wesen hängen sich an die eine Waagschale, damit die zu wägende Seele des Verstorbenen in der anderen nach oben gerät, das heißt dann: dieser Mensch ›für zu leicht befunden‹ wird und in die Hölle kommt. Dieses Motiv ist sehr häufig.


> http://www.zeno.org/nid/20003959937

Kaiserliche Seelen auf der Waage

›Wiedererwägungsgesuche‹ beim Jüngsten Gericht

••• Der Erzähler der »Historia Caroli Magni« (Mitte 12. Jh. Kapitel XXXII) schildert, wie er am ›himmlischen Geburtstag‹ des Kaisers des Großen, 28. Januar 814, in einer Kirche, ins Gebet versenkt, in einer Vision ungezählte Scharen schrecklicher Kriegergestalten erblickt. Einer von ihnen, der etwas langsamer folgt, ist schwarz wie ein Aethiopier. Ihn fragt er, wohin sie gehen. »Nach Aachen, zu Karls Tod ziehen wir, um seine Seele in die Hölle zu stürzen«. Kaum hat der Erzähler das Gebet beendet, kommt die teuflische Schar wieder zurück, und er fragt den Schwarzen, was sie erreicht hätten? Der Teufel erwidert:

»Ein Galizier ohne Kopf hat so viele und so große Steine und Bauholz für Kirchen in die Waagschale geworfen, dass Karls gute Taten seine Vergehen überwogen. So hat er uns seine Seele entrissen und den Händen des größten Königs übergeben.«

Gallecianus, inquit, capite carens, tot ac tantos lapides et ligna innumera basilicarum suarum in statera suspendit, quod magis appenderunt bona quam eius commissa. Et idcirco eius animam a nobis abstulit et summi regis manibus tradidit.

Der Galizier ohne Kopf ist der Apostel Jacobus, der im Jahr 43 enthauptet wurde; sein Leichnam soll in einem Schiff ohne Besatzung an der Küste Spaniens, in Galicien, angelandet sein, wo er beerdigt wurde. Nach der Wiederentdeckung seines Grabes wurde dort im 9. Jahrhundert Santiago de Compostela gegründet. Die spanischen Könige führten ihre Siege auf das Eingreifen des heiligen Jacobus zurück.

Die Steine und das Bauholz beziehen sich auf die vielen Kirchengründungen von Kaiser Karl. Er war berühmt als Erbauer von Kirchenbauten (templorum Domini magnus fabricator), man denke an Lorsch, Fulda, Germigny-des-Prés, Steinbach, Centula, Corvey, Müstair und Aachen. Diese guten Werke kommen ihm nun bei der Seelenwägung zugute: Quod magis appenderunt (haben mehr gewogen) bona quam eius commissa.

Und was liegt in der anderen Waagschale? Welche Sünden (commissa) ziehen seine Seele nach oben? Kaiser Karl der Große war bekannt für seine Konkubinate; sein Biograph Einhard nennt vier Frauen namentlich: Madelgard – Ruothild – Gerswinda – Adelind. Noch im Jahre 824 hatte der Reichenauer Mönch Wetti in einer Vision den Kaiser im Fegefeuer gesehen, wo er an jenen Gliedmaßen bestraft wird, mit denen er gesündigt hatte. Im 12. Jahrhundert überwiegen die guten Taten des 1165 heiliggesprochenen Kaisers.

Quelle: Hans-Wilhelm Klein (Hrsg.): Die Chronik von Karl dem Grossen und Roland. Der lateinische Pseudo-Turpin in den Handschriften aus Aachen und Andernach, München 1986.

••• In der Vita des heiligen Laurentius wird berichtet, dass Kaiser Heinrich II. (1146 heiliggesprochen), vom Teufel gereizt, seine Ehegattin scheußlich zu peinigen versuchte. Nach seinem Tod vernimmt ein Einsiedler von einer Schar von Teufeln, dass sie es nicht vermochten, die Waagschale des Kaisers herunterzudrücken, weil auf der anderen Seite der hl. Laurentius jenen schweren goldenen Kelch in die Waagschale legte, den der Kaiser für die Kirche Sanct Laurentio in Eichstädt hatte anfertigen lassen. (Tag des Heiligen ist der 10. August; Die Legenda Aurea des Jacobus a Voragine, aus dem Lat. übersetzt von Richard Benz, Heidelberg 1955, S. 572.)

Bild aus: Passional. das ist der heyligen leben, Nürnberg: Koberger 1488; Sommerteil, fol. LXI verso
> Zentralbibliothek Zürich Signatur 4.27
> https://haab-digital.klassik-stiftung.de/viewer/image/935259635/137/

Schwer wiegende Sünden einer luxus-süchtigen Dame

Im Exempelbuch »Der Ritter vom Turm« wird erzählt, dass ein Ehemann nach dem Ableben seiner Frau einen Einsiedler herauszufinden bittet, ob syner frowen sele verloren oder behalten were. Dieser hat im Gebet eine Vision, in der er sant Michel und den Teufel beim Wägen der Seele mitsamt den im Leben begangenen guten und schlechten Taten sieht.

Der Teufel wirft der Frau unter anderem vor, zehn Röcke besessen, statt das Geld den Armen gespendet zu haben, die im Winter ohne gute Kleider froren.

Mit dem bracht der tüfel die selben röck vnd legt die vff de wag mit sampt iren fingerlyn und kleinoten […]. Das selb wurde nun alles gewegen der massen/ das daz übell am letsten daz guot übertroffe/ Unnd der tüfel die sele zuo sinen handen genomen hette.

Das Bild zeigt die Seele, bevor sie weggeführt wird, in der oberen, leichteren Waagschale.

Geoffroy de La Tour Landry, »Livre pour l’enseignement de ses filles« (1371/2); deutsche Übersetzung durch Marquard vom Stein: Der Ritter von Turm von den Exemplen der gotsforcht und erbarkeit, Basel: Michael Furter 1513.

Kerostasie

Gegen Ende des Trojanischen Kriegs kommt es zu einem Duell zwischen dem Trojaner Hektor und dem Griechen Achilles. Jetzt stehen nicht mehr bloß Männer einander gegenüber, sondern die Götter schalten sich ein.

Da spannte der Vater [Zeus] die goldenen Waagschalen auseinander, und legte zwei Lose hinein des starkschmerzenden Todes, eines für Achilleus und eines für Hektor, den Pferdebändiger, fasste sie in der Mitte und zog sie hoch. Da senkte sich Hektors Schicksalstag und kam hinab bis zum Hades; und da verließ ihn Phoibos Apollon. (Homer, »Ilias«, 22. Gesang, Verse 208ff., Übersetzung W. Schadewaldt; vgl. Ilias 8, 69ff.)

Auf der kampanischen Schale ist als Wägender freilich Hermes abgebildet (erkennbar an seinem Stab Kerykeion und den Flügel-Schuhen); auf den beiden Waagschalen die Eidola (kleine Figürchen, welche die Seele darstellen) von Achill und Memnon; das stammt aus einer anderen Quelle. Bild aus: W.H.Roscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie, III/2 (1902–1909), Sp. 3225f.

Vergil nimmt das Bild auf für den Kampf zwischen Aeneas und Turnus; hier ist der Entscheid durch Juno bereits gefallen und das Bild der Waage wird zu einem bestätigenden Symbol (»Aeneis« 12, Verse 725ff.):

Iuppiter ipse duas aequato examine lances
sustinet et fata imponit diversa duorum,
quem damnet labor et quo vergat pondere letum.

Jupiter selbst hält die beiden Waagschalen, nachdem das Zünglein justiert, und legt darauf die ungleichen Schicksale der zwei Helden, um zu ermitteln, wen der qualvolle Kampf dem Tod weiht, und unter welchem Gewicht das Todeslos sich senkt. (Übersetzung von E. und G. Binder)

Jupiter selbst hält die beiden Waagschalen bei ausgeglichenem Ausschlag im Gleichgewicht und legt darauf die ungleichen Schicksale der zwei Helden, <um zu ermitteln,> wen das Sinken <seiner Schale> verdammt und wohin durch das Gewicht sich der Tod neigt. (Übersetzung von Th.G. inW.)

Publij Virgilij maronis opera […] expolitissimisque figuris atque imaginibus nuper per Sebastianum Brant superadditis, exactissimeque revisis atque elimatis, Straßburg: Grüninger 1502.

Der Narr wägt

Der Narr bei Sebastian Brant betrachtet nur das Weltliche und achtet nicht auf das Ewige; er rühmt sich, dass er das Himmelreich Gott anheimstelle und einfach freudig-wollüstig dahinlebe. Das wird damit veranschaulicht, dass auf seiner Waage das Irdische – dargestellt als Stadt mit Türmen – überwiegt, während in der obenaus-schwingenden Waagschale eine Sphäre mit Sternen liegt, die das Himmlische darstellt. (Für den Narren gilt halt eben fälschlich die Parallele ▲ schwer ≈ gut.)

Das Narren Schyff, Basel: Jo. B. von Olpe 1494. (Kapitel 43; Text hier online)

Lieber den Tod als in der Knechtschaft leben

Cicero schreibt in »de officiis« (Vom pflichtgemäßen Handeln I, xxiii, 81): mors servituti turpitudinique anteponenda. In der frühen deutschen Übersetzung des Johann von Schwarzenberg (1463–1528): Es ist fechten/ vnnd auch der leyblich todt schnöder dienstbarkeit fürzuosetzen.

Das Buch mit der Übersetzung wurde vom Petrarcameister illustriert. In der höheren Schale kniet ein kampfbereiter Mann in Rüstung; in der tieferen liegt ein Gefesselter (die servitus / dienstbarkeit darstellend).

Der Illustrator hat sich wohl an der Metapher der ›Schwere‹ inspiriert, die in der Versüberschrift des Bilds vorliegt: Wol krieg und streyt hat vil gefer/ [Gefährdung] – Noch mer ist boeser zwangksal [Not, Bedrängnis, Ungemach] schwer. (Es liegt also das ▼ heidnisch-antike Modell vor.)

Officia M. T. C. Ein Buoch/ so Marcus Tullius Cicero der Römer/ zuo seynem sune Marco Von den tugentsamen ämptern […] in Latein geschriben […] verteütschet […], Augsburg: H. Steyner MDXXXI.

Moralische Güterabwägungen

••• Cicero spricht in »De officiis« II, xxv, 88–90 kurz den Konflikt verschiedener Güter an: äußere Güter und innere. Das führt er dann im dritten Buch aus, wobei er dann feststellt, dass utilitas (Nutzen) und honestas (Ehrenhaftigkeit) praktisch gar nicht getrennt werden können. – An der genannten Stelle spricht Cicero nur von einem Vergleich (comparatio); im dritten Kapitelblock verwendet er dann Begriffe wie praeponderari (III, 18) und pondere gravior habenda (III, 35). Die Metapher der Waage verwendet er explizit in andern Büchern: tusc. disp. V,51 (lanx animi) und in de finibus V, xxx, 91 (in librae lance ponere).

Der Übersetzer Johann von Schwarzenberg formuliert in der Randglosse zu II,88: Wie zwischen zwaien nutzen dingenn das nützer zuo erwölen. Der Illustrator (der Petrarcameister) visualisiert das als eine Frau, die eine Balkenwaage hält, auf deren Waagschalen die Güter liegen. Diese sind angeschrieben mit Innerliche güeter / Eüsserliche güeter:

Officia M. T. C. Ein Buoch/ so Marcus Tullius Cicero der Römer/ zuo seynem sune Marco Von den tugentsamen ämptern […] in Latein geschriben […] verteütschet […], Augsburg: H. Steyner MDXXXI; fol. LXII verso.

Das Motiv hält sich in der Emblematik lange Zeit, in profaner wie religiöser Schattierung. Hier nur eine kleine Auswahl.

••• Carolus Musart, S.J. (1582–1653) beginnt sein Emblembuch mit dieser Mahnung: Minerva (mit Helm und Speer und dem Schild mit dem Medusenhaupt) fragt den höfisch gekleideten Jüngling, was ihm wertvoller sei: delicias (rerpesäentiert durch Krone, Degen und Schmuck) an honores (Lorbeerkranz in der schwerer wiegenden Waagschale).

Aestimatio Sapientiae

Est aliquid gemma et rutilo pretiosius auro

Kupfer von Martin Baes (Bassius; fl. 1604–1637) aus: Adolescens academicus sub institione Salomonis, Douai: B. Bellère 1633.
> https://archive.org/details/adolescensacadem00musa
> http://diglib.hab.de?grafik=graph-a1-81

••• Noch eine profane Moralisation: Josephus Melchior Franciscus Tschudi de Greplang

Das Motto Vendidit hic auro patriam dominumque potentem <imposuit> (Aeneis VI, 621) bezieht sich auf einen in der Unterwelt bestraften Verbrecher, der für Gold das Vaterland verkaufte und einen Gewaltherrscher an die Macht brachte. — Das Wort <imposuit> der nächsten Verszeile ist vergessengegangen, und so ist auch die Übersetzung missverständlich; es fehlt: <setzte er ein>.

Die Unterschrift enthält ein Wortspiel:
Nunquid: respondere velis, RES PONDERE pendam?
     Impia te juxta pondera poena manet.

Wie denn, du möchtest dich rechtfertigen und ich soll die Taten nach ihrem Gewicht wägen?
     Gemäß den Gewichten erwartet dich eine schlimme Strafe.

Auf den Geldsäcken steht: Wuchergeld – Baurenschweiß – Weisengut

Was auf der Waage geschieht, erkennt man aus dem Inhaltsverzeichnis zu Lib. IV, Cap xvi: Potens in staterâ ponderatus judicatur: Der Herrscher, auf der Waage gewogen, wird taxiert – und für zu leicht befunden.

Confusio disposita. Rosis rhetoricò-poëticis fragrans. Sive Quatuor lusus satyrico morales. Qui septuaginta quinque sententiosis iconibus exhibiti, in totidem Diaereses, & paraeneticas scenas distributi, nec non festivîs Germanicò-Latinis versibûs, lepidísque paraemiîs venustati:
Miram erudito lectori delectationem:
Multam studiosæ juventuti eruditionem:
Magnam cuivis curioso diversionem parient.
Quorum comprehendit Lusus
I. Filium bene imbutum.
II. Puerum male edicatum.
III. Inversum huius mundi cursum.
IV. Fallacem Mundanorum eventum.
Autore Josepho Melchiore Francisco à Glarùs. Dicto Tschudi de Greplang, &.c, aVgVstœ VInDeLICorVM. typIs LabhartII [= Augsburg: Labhart 1725 als Chronogramm].

> https://archive.org/details/confusiodisposit00tsch/page/294/mode/2up

Verfasser noch nicht eruiert; Schloss Gräpplang bei Flums war Familienbesitz der (Glarner) Familie Tschudi bis 1767. — Der moralische Text auf S.295–297 ist hier nicht berücksichtigt. — Besten Dank an Thomas G. in W. für philologische Hilfe und die Übersetzung der Verse!

•••• Zur Lesung der Bibelstelle Römerbrief 8,18–23: Denn ich halte es dafur/ Das dieser zeit leiden der Herrligkeit nicht werd sey/ die an vns sol offenbaret werden. Denn das engstliche harren der Creatur wartet auff die offenbarung der kinder Gottes […] (Luther 1545) ersinnt Johann Michel Dilherr (1604–1669) folgendes Emblem:

Was ist leiden dieser Zeit,
Gegen jene Herrlichkeit
?

Erklärung des Sinnbildes: Ungleichheit deß jetzigen Leids/ und der zukünftigen Freud.

Stößt dir hier viel Trübsal zu:
    So bedenck die süsse Ruh/
        Die wir solln dort empfangen.
        Ach! der wart ich mit Verlangen.
[usw.]

Seltsamerweise wird hier die Variante ▼ verwendet: die Waagschale mit dem Kreuz (im Hintergrund eine Kirche) schwingt obenauf; die Krone (im Hintergrund ein Palast) wiegt schwer.

Kupfer von Melchior Küsel (1626–1683) in: Heilig-Epistolischer Bericht/ Licht/ Geleit und Freud. Das ist: Emblematische Fürstellung/ Der Heiligen Sonn- und Festtäglichen Episteln: In welcher Gründlicher Bericht/ von dem rechten Wort-Verstand/ ertheilet; Dem wahren Christenthum ein helles Licht furgetragen; Und ein sicheres Geleit/ mit beigefügten Gebethen und Gesängen/ zu der himmelischen Freude/ gezeiget wird,/ von Johann Michael Dilherrn …, Nürnberg: Endter 1663; S.254ff.

••• Zu Jakobusbrief 4,4: Der Welt Freundschaft ist Gottes Feindschaft ersinnt der Illustrator von Arndts Erbauungsbuch folgendes Emblem. (Die emblematischen Bilder zuerst in der Ausgabe Leipzig 1678/9).

Wan diese steigt muß jene fallen

Hier ist eine Waage, da die eine Waagschale steigt, die andere fällt; damit wird abgebildet, daß, wenn die Liebe der Welt in uns steigt und wächßt, die Liebe GOttes bey uns falle und aufhöre. Wer nun GOtt recht lieben wil, der muß die Welt-Liebe fallen und fahren lassen weil GOtt neben sich die Welt durchaus nicht will geliebet haben.

Hier aus der Ausgabe: Des hoch-erleuchteten Theologi, Herrn Johann Arndts, ... Samtliche Sechs Geistreiche Bücher Vom Wahren Christenthum : Das ist:Von heylsamer Busse, hertzlicher Reue über die Sünde, wahren Glauben, auch heiligen Lebenund Wandel der rechten wahren Christen. Neue Auflag mit Kupferen, Samt Richtigen Anmerckungen, kräfftigen Gebätteren über alle Capitel, und einem sechsfachen Register, Zürich, in Bürcklischer Truckerey getruckt 1746. Zu Buch II, Kap. 25, Emblem Nr. 26

••• Selbst-verständlich ist das Emblem hier (▲) :

Wolfgang Christoph Dessler, Gott-geheiligter Christen nutzlich-ergetzende Seelen-Lust Unter den Blumen Göttliches Worts; Oder Andächtige Betrachtungen und Gedancken über unterschiedliche erläuterte Schrifft-Sprüche […], Nürnberg: Felsecker, 1692.
> http://diglib.hab.de/drucke/th-523/start.htm

••• Der Tod hält eine Waage; in der einen liegen Harke und Rechen / in der andern liegen Krone und Szepter. Am Ende sind beide von gleichem Gewicht.

La morosophie de Guillaume de la Perriere Tolosain contentant cent emblemes moraux, illustrez de cent tetrastiques latins, reduitz en autant de quatrains francoys, Lyon 1553.
> http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k311208r

Der Weise aequilibriert die Waage

Vor dem Text des Buchs »Von der Artzney bayder Glück» (in den sog. ›Paratexten‹) plaziert der Verleger die deutsche Übersetzung eines Lobgedichts auf Petrarca von Sebastian Brant, zu dem der Petrarcameister einen Holzschnitt beigibt: Ein Mann mit dem typischen Barett der Gelehrten hält eine Waage, in deren einen Schale defekte Gefäße liegen, in der anderen Schale intakte. Darüber gießt er aus einer gediegen gestalteten Kanne einen Strahl einer Flüssigkeit.

Vorred Sebastiani Brandt/ in das buoch des Hochgelerten Francisci Petrarche/ von der haylsamen Artzney vnd mittel/ wider bayde wolgefallende/ auch widerwertige glück zuo felle. [Ausschnitt]

Der Verfasser (Petrarca) nimmt im unter dem Bild gesetzten Gedicht Bezug auf das Thema des Buches, in dem der doppeldeutige Begriff fortuna ›Glück‹ / ›blindwütendes Geschick‹ nach seinen beiden Aspekten behandelt wird: Im ersten Teil weist die personifizierte Vernunft (Ratio) nach, dass alles, was den Menschen glücklich zu machen scheint, eitel ist; im zweiten Teil führt die Vernunft Trostgründe gegen das vermeintliche Übel an: Darumb will ich hie außwegen/ Fall vnd vnfall […] Gesuntheit/ lust/ freüd/ kranckheit/ tod.

Deutung des Bilds: Die intakten Gefäße (das bedeutet das Glück im positiven Sinne) versuchten obenauf zu schwingen (d.h. positiv ▼ gewertet zu werden), aber der Gelehrte gießt jetzt die allegorische Ratio darüber, so dass sich die Waagschale senkt. — Gemäß der Anlage des ganzen Buchs, wo sich Mahnung und Trost die Waage halten (außwegen Fall vnd vnfall) müsste vor dem zweiten Teil Petrarca die defekten Gefäße begießen; dieses Bild existiert aber nicht.

Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen, Augsburg: Steiner MDXXXII.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00084729/image_12

Dem Graphiker hat evtl. ein Bild des Erzengels Michael vorgeschwebt wie hier in der ›Elsässischen Legenda Aurea‹. Was gießt er hier über die fromme Seele? Taufwasser oder Messwein können es kaum sein, aber evtl. allegorisch die Gnade, so dass sich ihre Schale senkt (▲).

Cod. Pal. germ. 144, Fol 135r > https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg144/0285

Justitia

••• Die Figur der Justitia mit der Waage kennen wir bis zum Überdruss. Sie urteilt nach sorgfältiger Abwägung der Sachlage. Hier im Buch von Christian Sambach (1761–1797) del. und Jos. Stöber (1768–1852) sc.:

(Zu Füßen der Betrug)

Iconologie oder Ideen aus dem Gebiete der Leidenschaften und Allegorien. Wien: Anton Doll 1801.

••• Im religiösen Bereich gibt es dagegen die Bitte: Gehe nicht in das Gericht mit deinem Knecht, denn keiner, der lebt, ist gerecht vor dir (Psalm 142,2 Vg. = 143,2 MT).

Hermann Hugo S.J. (1588–1629) legt der büßenden Seele diesen Vers in den Mund.

Die bittende Seele (als kleines Kind) vor der nimbirten göttlichen Liebe (mit dem Buch des Lebens vor sich), dahinter die Gerechtigkeit mit den Attributen Augenbinde, Waage und Schwert.

Himmlische Nachtigall, singend gottseelige Begirden, der büssend- heilig- und verliebten Seel, nach denen drey Weegen der Reinigung, Erleuchtung, und Vereinigung mit Gott. In Hoch-Teutscher Sprach verfaßt/ und mit anmuthigen Kupffern gezieret Durch Johann Christoph Hainzmann, Augsburg: Kroniger u. Göbel 1699; I, Nr. 10 (Kupfer von Melchior Küsel, 1626–1683).


Gesetz vs. Gnade

Daniel Cramer († 1637) stellt das AT und das NT (nach Römerbrief 6,14) so gegenüber:

Ich vberwiege.

Christi Noht/ Creutz und schmehlich Todt
    Meim Hertzen gibet Krafft.
Des Gsetzes Fluch hier leidet Spott/
    Hat weder Macht noch Safft.

Emblemata Sacra, Das ist: Fünfftzig Geistliche in Kupffer gestochene Emblemata, oder Deutungsbilder/ aus der Heiligen Schrifft/ von dem süssen Namen und Creutz Jesu Christi. Erstlichen inventiert vnd angegeben durch den Ehrwürdigen und Hochgelehrten Herrn Daniel Cramern / Theol. Doct. […] Franckfurt am Mayn: in Verlegung Lucæ Jennis. M.D.C.XXII.
> http://diglib.hab.de/drucke/th-469/start.htm

Der Herr wägt die Herzen

In der lateinischen Bibel (Vulgata) lautet dieser Satz so: Appendit autem corda Dominus. (Proverbia = Sprüche Salomonis 21,2)

Der Benediktiner Benedictus van Haeften (1588–1648) hat 1629 ein Gebet-Buch mit 55 Emblemen verfasst, in dessen Betrachtungen der Bezug des Menschen zu Gott anhand der schon biblisch ausgebildeten Symbolik des Herzens breit entfaltet wird.

Hertzen Schuel oder Des von Gott abgefüerten Herzens, widerbringung Zu Gott vnd vnderweisung. Durch Benedictvm Haeftenvm […] Lateinisch beschriben, nun aber verteutscht Durch Carolvm Stengelivm, Augspurg: Johann Weh 1664

Auf dem Bild zeigt der Schutzengel der (als Mädchen gestalteten) Seele eine Waage, in deren einen Schale das Gesetz (in Form der von Moses empfangenen steinernen Tafeln, vgl. 2. Moses 34,1) liegt, in der anderen das Herz.

Im Text wird immer wieder wird Bezug genommen auf ähnliche Bibelstellen wie z. Bsp. Hiob 31, 6: Er wäge mich auff rechter Wage, so wird GOtt erfahren mein Einfältigkeit.

Gut ausbalanciert?

Das Bild (Holzschnitt von Tobias Stimmer 1539–1584) sagt mehr als der Text:

In der einen Waagschale liegt ein Geldbeutel, aus dem Münzen quellen; in der anderen eine Flasche (eine Art Bocksbeutel), ein gebratenes Täubchen (?) und ein Saiteninstrument. Die Waage scheint im Gleichgewicht.

Eyn frommer Man.

Der hat den Armen offt genehrt
Gott mit Reynem Hertzen verehrt /
Gerechtigkeit geliebet fast
Keyn vnrecht vrtel nie nit sprach /
Zanck Neid vnd Haß hat er geflohen /
Fürsichtig des er hoch zuloben /
Mit auffrichtigen Leuten er
Sein zeit allwegen auch verzert.
Red auch mit Mund / wie jm umbs hertz
Ist jederzeit / treibt keynen schertz /
Der lesterlich vnd vnzucht vol
Sei / vnd eym Weisen nicht steh wol.

Matthäus Holtzwart, Emblematum Tyrocinia, sive picta poesis Latinogermanica, das ist eingeblümete Zierwerck oder Gemälpoesy innhaltend allerhand Geheymnußlehren durch kunstfündige Gemäl angepracht und poetisch erkläret, Nun erstmals inn Truck kommen, Straßburg: B.Jobin 1581. Vgl. die Ausgabe von Peter von Düffel / Klaus Schmidt, (RUB 8555–57), Stuttgart 1968.

Gleichgewicht bei der Freundschaft

••• Guillaume de La Perrière (1499/1503 – 1565) warnt vor Freundschaften, die sich im Unglück nicht bewähren:

In der nach oben strebenden Waagschalee liegen zwei im Handschlag verschränkte Hände; in der nach unten ziehenden liegt eine Feder. (Typ ▼ mit der Paradoxie, dass die Feder schwerer ist.)

Aus geringfügigem Anlass schwankt ein oberflächliches Vertrauen und schnellt auf der Waage durch ein Nichts in die Höhe. Ein Federchen, ein Hanfkorn haben mehr Gewicht. Wir sollen uns davor hüten, mit Leuten zu verkehren, die nur im Glück Freunde sind. Wahre Freundschaft ist immer bereit, und man erkennt sie in schweren Zeiten. Gute Freunde, heißt es, sassen sich in der Not erkennen. (Übersetzung in Henkel/Schöne S. 1431)

Le théâtre des bons engins, auquel sont contenus cent emblèmes, Paris: Denis Janot [1539].
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8626159x.image
Vgl. > https://www.emblems.arts.gla.ac.uk/french/books.php?id=FLPa

••• Das Emblem von Otto van Veen (1556–1629) beruht auf einem Text von Horaz (Satire I, 3, Vers 68ff.):

amicus dulcis, …
cum mea conpenset vitiis bona, pluribus hisce,
si modo plura mihi bona sunt, inclinet, amari
si volet: hac lege in trutina ponetur eadem.

Ein lieber Freund soll, wenn er … meine Vorzüge gegenüber meinen Fehlern abwägt, sich der größeren Zahl von ihnen [den Vorzügen] zuneigen, … wenn er geliebt werden möchte. Unter dieser Bedingung wird er von mir auf dieselbe Waage gelegt werden.

Zesens Fassung:

Wägt aus Gebrechlichkeit des freundes tugend minder/
 so leg’ ihm deine lieb’ in seiner schale zu.
Dan stehn sie beide gleich. dan komt der schwache sünder/
 wan du ja frömmer bist/ gleich from zu sein als du.

Bild: In der einen Waagschale liegt ein in Federn gehüllter Pfau, in der anderen liegen grobe Werkzeuge und ein Vogel – bedeutet der die zusätzliche Liebe? Ob die Federn und der Handschlag inspiriert sind von de La Perrière?

Text aus: Moralia Horatiana: Das ist die Horatzische Sitten-Lehre […] in reiner Hochdeutscher sprache zu lichte gebracht durch Filip von Zesen, Amsterdam: Kornelis de Bruyn 1656; Nr. 22: Amicitiæ Trutina.

Das Bild hier aus der Erstausgabe: Q. Horatii Flacci emblemata. Imaginibus in æs incisis, notisque illustrata, studio Othonis Vænii, Batauolugdunensis. Antverpiæ ex officina Hieronymi Verdussen 1607.

Wäge-Technik moralisiert

Die folgenden Bilder zeigen Schnellwaagen. Deren Technik: Am langen Arm, in dem eine Skala eingraviert ist, kann ein Gewicht verschoben werden; die Last wird an den Haken am kurzen Arm gehängt; infolge des Hebelgesetzes vermag ein geringes Gewicht am langen Hebel ein großes Gewicht am kurzen Hebel aufzuwiegen; das Laufgewicht wird verschoben, bis der Waagbalken horizontal steht; dann kann die Last an der Skala abgelesen werden.

 

Das Emblem hat das Motto A mas distancia mas peso. Je größer die Entfernung, desto stärker das Gewicht. Es macht hier nicht eine religiöse Aussage (wie bei Johann Arndt), sondern lehrt eine allgemeine Lebensweisheit:

Glaube, Ehrenhaftigkeit, Klugheit und Verstand ermisst man im allgemeinen erst, wenn sie fern sind, genau so wie auf der Schnellwaage das Gewicht vor der Begegnung mit einer großen Last davonläuft. Wenn man sie ins Gleichgewicht bringt, zeichnet sich eine derart große Entfernung ab, dass, auf das Zünglein eingestellt, ein Pfund hier dort zehn Zentner ausmacht.

Emblemas morales de Don Sebastian de Couarrubias Orozco, Madrid: Luis Sanchez, 1610; I, 38. (Übersetzung bei Henkel / Schöne, Emblemata, Sp. 1437)

Seit der Ausgabe 1678/79 steht in den »Büchern vom Wahren Christentumb« des protestantischen Theologen Johann Arndt (1555–1621) dieses Emblem:

Text dazu: Hier ist eine Waage, da man mit einem kleinen Gewichte sehr viel wägen kann, als wie man es zu sehen hat an einer Heuwaage, da mit einem einzigen kleinen Gewichte ganze Wagen mit Heu, etliche Centner schwer, gewogen werden. – Hiemit wird angedeutet, daß bei einem gläubigen Christen die Geduld und Gelassenheit, einer sehr großen Noth und Kreuzeslast gewachsen ist, und sie überwägen oder ertragen kann. – Ein Geduldiger ist besser denn ein Starker. (Spr. Salom. 16.32)

Erbauliche Sinnbilder. 56 Bilder mit Reimdeutungen und Bibelsprüchen entnommen den alten Ausgaben von Johann Arndt’s wahrem Christenthum. Neu gezeichnet von J. Schnorr, Stuttgart: Steinkopf 1855.

Wörter auf die Goldwaage – oder eher nicht?

Jesus Sirach 21, 27: Die vnnützen Wesscher plaudern/ das nichts zur sachen dienet/ Die Weisen aber bewegen jre wort mit der Goldwaage.

Jesus Sirach 28, 29: Du wegest dein gold vnd silber ein/ Warumb wegestu nicht auch deine wort auff der Goldwage? (Übersetzungen der Luther-Bibel 1545)

Du wägst dein Goldt vnd Silber eyn/
    Nicht laß es daby gwenden:
Dein Wort solln auch gewogen seyn/
    Auff daß sie dich nicht schänden.

Sollicitat dubium digitis librantibus aurum:
    Cur non & linguae verba profusa librat?

Daniel Cramer, Octoginta Emblemata Moralia Nova : E Sacris Literis Petita, formandis ad veram pietatem accommodata, & elegantibus picturis aeri incisis repraesentata, Francofurti: Jennisius 1630; Emblem XL

Cicero wendet sich gegen die dialektischen Spitzfindigkeiten der Stoiker, die den Rhetor nur behindern:

Unsere Rede hat sich den Ohren der Menge anzupassen, ihre Gemüter zu erfreuen, sie anzutreiben, sie von Dingen zu überzeugen, die man nicht auf der Goldwaage, sondern auf einer gewöhnlichen Waage prüft. (ad ea probanda quae non aurificis staterā, sed quādam populari trutinā examinantur. de Oratore 2, 38, 159)

"Hier werden Waagen gegeneinander aufgewogen." (Hinweis, Zitat von und Dank an Andreas H. in Z.!)

Gottes Wort überwiegt

Die Überlegenheit der protestantischen Lehre über die katholische wird so gezeigt, dass die Waagschale, auf der einzig die Bibel liegt (angeschrieben mit Verbum Dei), schwerer wiegt als die andere, auf der sich die Dekretalien (päpstliche Entscheidungen von Rechtsfragen), liturgische Geräte und Ablassgelder befinden und die vom Teufel nach unten gezogen wird. – Auf der Seite der Protestanten steht Jesus (mit Nimbus) mit reformierten Märtyrern; auf der Seite der Katholiken sind erkennbar: der Papst, ein Kardinal, ein Bischof, Mönche.

Den theologischen Hintergrund bildet der Grundsatz »sola scriptura«: Die Botschaft des Heils wird einzig durch die Heilige Schrift verkündet und bedarf keiner Vermittlung durch kirchliche Autoritäten und Praktiken.

John Foxe (Ed.), The whole workes of W. Tyndall, Iohn Frith, and Doct. Barnes, three worthy martyrs and principall teachers of this Churche of England, London J. Daye 1573; zuhinterst. (Bild bei https://de.wikipedia.org/wiki/Sola_scriptura)

Die Idee mit der Wägung der Konfessionen hat Tradition. Auf dem polemischen reformatorischen Traktat werden der Papst und ein Kardinal, die den Teufelchen Ablassbreife zugeworfen haben, als zu leicht befunden; während in der anderen Waagschale Gottvater sitzt; das von ihm präsentierte (warum leere?) Blatt hat auf dem Siegel das ein Kreuz tragende und segnende Jesuskind:

Ein schöns tractetlein von dem Götlichen/ vnd römischen Ablas. vffs gegenwürtig Jubel jar/ yetzt zuo Rom/ gemacht durch ein vngelärten Leyen. [Speyer: Schmidt] 1525.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00088963/image_3

Die Wägung der Konfessionen, ausgestaltet: Luther und die anderen Refomatoren rechts mit ihrer Bibel auf der Waagschale – auf der anderen Seite versuchen vor dem Papst und seinem Hofstaat katholische Geistliche ihrer Waagschale mehr Gewicht zu verleihen.

Kupferstich Amsterdam nach 1638, in: Wolfgang Harms (Hg.), Illustrierte Flugblätter aus den Jahrhunderten der Reformation und der Glaubenskämpfe. Bearb. v. Beate Rattay 1983, Nummer 35 = S. 70.
> http://www.kunstsammlungen-coburg.de/downloads/katalog-illustrierte-flugblaetter.pdf

Vergleich von Weltmodellen

Giovanni Battista Riccioli S.J. (1598–1671) wandte sich in seinem Buch gegen das heliozentrische astronomische Modell von Kopernikus. Hier das Frontispiz:

Almagestum novum astronomiam veterem novamque complectens observationibus aliorum et propriis novisque theorematibus, problematibus ac tabulis promotam, Bononiae [Bologna]: ex typographia haeredis Victorii Benatii 1651.
> https://www.metmuseum.org/art/collection/search/813076
> Ein anderes gutes Digitalisat hier.

Der Illustrator signiert: F. Curtus Bon. Incid. = Francesco Curti (1610–1690) aus Bologna hat es graviert.

Die heliozentrische Theorie von Kopernikus wird für zu leicht befunden gegenüber Tycho Brahe's Modell, in dem der Mond, die Sonne, Jupiter und Saturn die Erde umkreisen und Merkur, Venus und Mars die Sonne. (Das ptolemäische geozentrische Modell liegt am Boden.)

Auf dem Waagbalken steht: Ponderibus librata suis

Aus Ovids Kosmogonie in den Metamorphosen I,13: nec circumfuso pendebat in aere tellus ponderibus librata suis:

In verschiedenen Übersetzungen: Die Erde hing noch nicht in der Mitte umströmender Lüfte ausgewogen mit ihren Gewichten. — Not yet did the earth hang poised by her own weight in the circumambient air.

• Die Waage wird gehalten von der personifizierten Astronomie oder evtl. von der dafür zuständigen Muse Urania; sie hält in der anderen Hand eine Armillarsphäre. Die Waage und die geflügelten Füße verweisen auch auf Astraea, d.h. die Gerechtigkeit (Dike), die nach dem Einbruch des Eisernen Zitalters unter die Sterne versetzt wurde (das Sternbild Jungfrau, Virgo), vgl. Ovid, Met. I,150; Hygin, Astronomica II,25. — Sie zitiert aus Psalm 103 (Vg.), 5: Qui fundasti terram super stabilitatem suam non inclinabitur in saeculum saeculi. (Der du die Erde auf ihre Grundfeste gegründet hast, dass sie in Ewigkeit nicht wanke.)

• Die andere Figur ist Argos. Argos hat am ganzen Köper Augen, daher sein Beiname ›Panoptes‹. Vgl. Apollodor, Bibliotheke II,4; Hygin Fabulae 145: Argus, cui undique oculi refulgebant. (In den Ovid-Illustrationen wird jeweils die Szene dargestellt, wo Hermes/Mercur den Argus tötet, vgl. Metamorphosen I, 713ff.). Der Illustrator von Riccioli könnte das Fresko von Bernardino Pinturicchio (1454–1513) in den Appartamenti Borgia, im Vatikan gekannt haben. — Gemeint ist wohl, dass die ständige optische Beobachtung der Weg zum richtigen astronomischen Modell führt. — Er zitiert aus Psalm 8,4 Quoniam videbo caelos tuos, opera digitorum tuorum, lunam et stellas quae tu fundasti. (Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast …) — In der linken Hand hält er ein Helioskop, wie es Christoph Scheiner S.J. für die Beobachtung der Sonnenflecken (1626/30) verwendet hatte.

• Kopernikus, unter seinem Modell sitzend, sagt: erigor dum corrigor (Ich werde mich erheben, wenn ich verbessert werde.)

Aequinoctium, die Tag-und-Nacht-Gleiche

Cesare Ripa (um 1555 – 1622) visualisiert das Equinotio dell’Autunno:

Iconologia Overo Descrittione Di Diverse Imagini cavate dall’antichità, & di propria inuentione, trovate et dichiarate da Cesare Ripa […]. Di nuovo revista, Roma: Lepido Faci 1603; p. 132.

Die Figur hält con la destra mano il segno della libra, cioè un paro di bilance egualmente pendenti, con due globi, uno per lato in dette bilancie, la metà di ciascun globo sarà bianco et l’altra metà negro, voltando l’uno al roverscio dell’altro.

Die zusätzliche Pointe: La libra, overo bilancia, è uno de i dodici segni del Zodiaco, nel quale entra il Sole il mese di Settembre et fassi in questo tempo l’Equinotio.

Hier das Sternzeichen Libra im Zodiak auf der Sternkarte Dürers:


> http://www.zeno.org/nid/20004001621

und das Pictogramm des Sternzeichens:

Die Heurathswage

Das in Aussicht gestellten Geld der Dame scheint den Ausschlag zu geben; Cupido macht sich indessen davon.

Mit Geldt bekompt man offt ein Weib/
 Mit einem geraden stoltzen Leib/
Doch wird das Geldt gewogen wol/
 Zu beyden Seiten offtermahl.

Einfacher sagt das die Überschrift einer französischen Fassung (1613): Povr se marier on balance – A qvi aura plvs d’opvlance

Johann Theodor de Bry (1561–1623), Emblemata sæcularia mira et jucunda […], Weltliche, lustige neuwe Kunststück/ der jetzigen Weltlauff fürbildende/ mit artlichen Lateinischen/ Teutschen/ Frantzösichen vnd Niderländischen Carminibus vnd Reimen gezieret/ […] Frankfurt 1596.

Politische Karikaturen (I)

••• Die politische Schaukel. Zeitgenössische Karikatur über die Zustände in der Helvetischen Republik 1803 von David Hess (1770–1843):

Napoleon hält auf einer Schaukel die aristokratisch-föderalistischen und die revolutionär-unitarischen Kräfte im Gleichgewicht, während er das Wallis besetzt. Auf der Schaukel steht hodie mihi, cras tibi (heute mir, morgen dir).

Text und Bild > https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Karikatur_Politische_Schauk.png

••• Irdische Gerechtigkeit

Auf der schwereren (schlechten ▼) Waagschale versuchen ein Mann mit Schmiergeldern und ein Cupido mit amurösen Pfeilen in den Händen, den (ihnen zulächelnden) Richter zu bestechen — auf der leichten Waagschale versucht die Wahrheit – mit dem Spiegel in der Hand – dem Richter das Ohr (audiatur et altera pars!) zu öffnen. Justitia ist in Wolken weit entfernt

Eduard Fuchs, Die Karikatur der europäischen Völker. 1: Vom Altertum bis zur Neuzeit – 2: Vom Jahre 1848 bis zur Gegenwart, Berlin: Hofmann 1901/03, Band 1, Bild Nr. 440: Französische Karikatur aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts.

••• Benjamin Disraeli, 1. Earl of Beaconsfield (1804–1881), war seit 1874 erfolgreicher konservativer Premier; 1880 wurde der liberale William Ewart Gladstone (1809–1898) wieder Premier.

Der Sieger Gladstone sitzt in der schwereren Waagschale.

Text dazu: Bei den neuen Parlamentswahlen sinkt die Wagschale der Whigs, der Liberalen, und die Wagschale der Tories, der Konservativen, schnellt in alle Lüfte und mit ihr der arme Lord Beaconsfield. Und was hatte der alte Benjamin nicht alles in seine Wagschale geworfen, um sie schwer zu machen! ... die Kaiserkrone Indiens, die Insel Cypern und die die herrlichen Siege über die Zulus und Afghanen. In der andern Wagschale aber sitzt Lord Gladstone und mit ihm das englische Volk, das den Glanz von Kaiserkronen und Zulustriumphen und anderem Flitter doch etwas zu kostspielig findet, und mit der Herrschaft der Tories hat es ein Ende.

Des Lahrer Hinkenden Boten neuer historischer Kalender für den Bürger und Landmann auf das Jahr 1881; S. 45.

Balance of Power

Die in der Schlacht an der Allia (365 a.u.c. / 387 oder 390 v.u.Z.) siegreichen Kelten plünderten in der Folge die Stadt, und nur die Burg auf dem Kapitol konnte von den Verteidigern gehalten werden. Für den Rückzug verlangten die Kelten ein Lösegeld.

Livius, »Ab urbe condita«, 5.Buch, Kap. 48, ¶ 7–9; überliefert, der Gallierkönig Brennus habe nach der Schlacht, als die besiegten Römer sich sträubten, die auferlegten 1000 Pfund Kriegskontribution in Gold nach den zu schweren Gewichten der Feinde abzuwiegen, höhnend auch noch sein Schwert in die Waagschale geworfen und dabei ausgerufen: »Wehe den Besiegten!«. Danach sagen wir heute noch: Sein Schwert in die Waagschale werfen, wenn von gewaltsamen Entscheidungen die Rede ist.

Die Gallier hatten sich nicht undeutlich verlauten lassen, sie würden sich für einen nicht hohen Preis zur Aufhebung der Belagerung geneigt finden lassen. Der Senat wurde berufen und den Kriegstribunen der Auftrag gegeben einen Vergleich einzugehen. Der Kriegstribun Quintus Sulpicius und der Fürst der Gallier Brennus brachten die Sache in einer Unterredung zu Stande, und der Preis des Volkes welches demnächst die Welt beherrschen sollte, wurde zu tausend Pfund Gold bestimmt. Die darin liegende Schande wurde noch durch eine Unwürdigkeit erhöht: Die Gallier brachten falsche Gewichtsstücke her, und da sie der Tribun nicht gelten lassen wollte, warf der übermütige Gallier noch sein Schwert zu den Gewichten und fügte den einem Römischen Ohr unerträglichen Ausruf hinzu: »Wehe den Besiegten!« — pondera ab Gallis allata iniqua et tribuno recusante additus ab insolente Gallo ponderi gladius, auditaque intoleranda Romanis vox, vae victis.

›Historische‹ Illustratíonen dieser Szene:

Francesco Bartolozzi nach Sebastiano Ricci, 1763
> https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1892-0714-145

Paul Lehugeur, 1886
> https://en.wikipedia.org/wiki/Vae_victis#/media/File:Brennus_and_Camillus.jpg
> https://www.ancient.eu/uploads/images/5246.jpg?v=1600401615

Dazu: Politische Karikaturen (II)

••• 1867 versuchte Giuseppe Garibaldi nach seinem vorübergehenden Rückzug, neuerlich, Rom einzunehmen. Seine Einheiten wurden jedoch am 3. November 1867 durch Truppen des Papstes und ihre französischen Hilfstruppen zurückgeschlagen. Diese wurden entsandt von Napoleon III. (1852 bis 1870 Kaiser der Franzosen, Beschützer des Katholizismus).

Bild: Napoleon legt das Schwert auf die Waagschale, auf der die Tiara liegt. In der anderen Schale stehen Büsten von Garbialdi und König Vittorio Emmanuele, dem Vertreter der italienischen Einigungsbewegung.

Brennus-Bonaparte, or the Gaul again in Rome

Karikatur von John Tenniel (1820–1914) im »Punch« 21. Dezember 1867.
> https://heidicon.ub.uni-heidelberg.de/detail/904212

••• 1885/86 zerbrach der Dreikaiserbund; die Sicherheit des Deutschen Reiches war gefährdet. Reichkanzler Otto von Bismarck (1815–1898) versucht, die Balance zu bewahren.

Brennus Pacificus

Deutschland wirft sein Schwert in die Wagschale des Friedens

Karikatur von Wilhelm Scholz (1824–1893) in: Kladderadatsch XXXIX. Jahrgang, Nr. 57 (12. Dez 1886) S. 228.
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kla1886/0522/image

Im Hintergrund stehen uniformiert Personifikationen von Russland, dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn. In der linken Waagschaale liegt bereits das Bündnis mit Österreich. Das Schwert ist beschriftet mit Heeresvorlage; gemeint ist wahrscheinlich dies: Ende 1886 forderte Bismarck eine Aufstockung des Heeres um zehn Prozent (und löste den Reichstag auf, als er dafür keine Mehrheit erhielt).

Überraschend für uns ist, wie schnell die Karikaturisten auf die politischen Ereignisse reagierten. Und: Wie gebildet die Leser der Journale waren und die Anspielung auf Brennus verstanden. (In der Erstausgabe von Büchmanns »Geflügelten Worten« 1864 erscheint S.139 nur des Brennus Spruch Vae victis, ohne die Schwert-Waage-Szene.) Und: Woher die Leser die Portraits der karikierten Politiker kannten? (Münzen, Briefmakren, Journale?).

Visualisierung von Daten

Handels-Bilanz: Hier werden nüchterne Zahlen miteinander verglichen: Die Schweiz hat 1929 Waren im Werte von 2’783 Millionen Franken gekauft und Waren im Werte von 2’104 Millionen Franken verkauft. Vor allem Rohstoffe müssen importiert werden; den Hauptbestandteil der Ausfuhr bilden Fabrikate. Mit Säulengraphiken werden, nach Artikelgruppen differenziert, die Einfuhr von und die Ausfuhr nach einzelnen Ländern visualisiert. Für die jugendliche Leserschaft zeigt ein Bild eine Waage; in der einen Waagschale importierte Artikel, in der andern exportierte – wobei nicht deutlich wird, dass das Übergewicht der Einfuhr ein ▼ Handelsbilanzdefizit bedeutet.

Schatzkästlein, Pestalozzi-Verlag Bern 1931, S. 98f.

Man müsste 81 Monde auf die Waagschale legen, um Gleichgewicht mit der Erde zu erhalten.

(Schülerkalender) Mein Freund 1952, S. 89.

 

Jux

»Mein Herr, für einen Menschen haben sie merkwürdig große Ohren.«
»Und Sie, mein Herr, haben für einen Esel merkwürdig kleine.«

Des Lahrer Hinkenden Boten neuer historischer Kalender für den Bürger und Landmann auf das Jahr 1881; S. 9

Wortfeld

Das deutsche Wort Waage (seit 1927 mit aa geschrieben) stammt von einer indogermanischnr Wurzel "bewegen".

Viele Wörter im Umfeld stammen aus der Antike.

Lat. lībra: die Waage, das Gewogene = das römische Pfund; die italienische Währung £ Lira (bis 2001)

(libra) bi-lanx: Waage mit zwei Schalen; daraus unser Bilanz

aequilibrium (frz. l’équilibre) das Gleichgewicht; der Aequilibrist ist ein Seiltänzer; vgl. dt. egal, engl. equal von. lat. aequalis

examen: das Abwägende, Prüfende, das Zünglein an der Waage

ex-pendo, -pendī, -pēnsum: gegen einander aufwägen; vgl. engl. expensive aufwendig

praepondero: überwiegen, dem einen od. dem anderen den Vorzug geben

ausgewogen; den Ausschlag geben; etwas in die Waagschale werfen; Wiedererwägung

lat. trutina: ein Paar von Waagschalen

lat. statēra: die Waage; eine Münze

Zerbrecht die Waagen!

Bem daoistischen Philosophen Zhuangzi (4. Jh. v.u.Z.) heisst es: Macht man Scheffel und Eimer, dass die Leute damit messen, so macht man gleichzeitig mit diesen Scheffeln und Eimern die Leute zu Dieben. Macht man Siegel und Stempel, dass die Leute treue Urkunden bekommen, so macht man gleichzeitig mit Siegeln und Stempeln sie zu Dieben [...] Werft weg die Edelsteine und zertretet die Perlen, die kleinen Räuber werden nicht aufstehen! Verbrennt die Stempel und zerstört die Siegel, und die Leute werden einfältig und ehrlich. Vernichtet die Scheffel und zerbrecht die Waagen, und die Leute hören auf zu streiten. (Mitgeteilt von Marc Winter)

Aber wer trotzdem eine bauen möchte – hier eine Betriebsanleitung:

Jacob Leupold, Theatrum staticum, Das ist: Schau-Platz der Gewicht-Kunst und Waagen. Enthält nicht nur die nöthigsten Fundamenta solcher Wissenshaft und Kunst, sondern erkläret auch selbige durch unterschiedliche Machinen und Instrumenta [……] ,Leipzig: Gleditsch 1726.
> Digitalisat

Weiterführende Literaturhinweise:

Karl Friedrich Wilhelm Wander, Deutsches Sprichwörter-Lexikon, 1866ff. hier

Grimmsches Wörterbuch, Artikel »Wage III« = Band 27 (1922), Spalte 348–269.

Herbert Butterfield, »Balance of Power«, in: Dictionary of the History of Ideas, 1973, p. 179–188 (online).

Alexander Demandt, Metaphern für Geschichte, München: Beck 1978; darin S. 301–311: Das Bild der Waage.

Arthur Henkel / Albrecht Schöne (Hgg.), Emblemata. Handbuch zur Sinnbildkunst des XVI. und XVII. Jahrhunderts, Stuttgart 1967; Supplement 1976; Spalten 1430–1439.

Leopold Kretzenbacher, Die Seelenwaage. Zur religiösen Idee vom Jenseitsgericht auf der Schicksalswaage in Hochreligion, Bildkunst und Volksglaube, Klagenfurt 1958.

W. Till, Artikel »Waage, Wägung« in: E. Kirschbaum / W. Braunfels u.a. (Hgg.), Lexikon der christlichen Ikonographie, Freiburg: Herder 1968–1976; Band 4 (1972), Sp. 475f.

Fritz Wagner, Artikel »Seelenwaage« in: Enzyklopädie des Märchens, Band 12 (2007); Spalten 497–502.