Symbolik der Glorifizierung, der Macht, der Gewalt

 

M.W. Gewalt zwischen Individuen, Gewalt zwischen Staaten, Gewalt zwischen Mensch und Umwelt. Menschen tun anderen Menschen sowie der sie umgebenden Natur ständig Gewalt an, das beginnt mit der Kindererziehung und endet mit Weltkriegen

Der Umgang mit der Gewalt kann vorausschauend sein, wenn man die symbolische Androhung derselben erkennt und vorwegnimmt.

Die Gewalt, die Menschen einander zufügen, ist momentan und kurzzeitig – aber die symbolische Markierung der Gewaltbereitschaft ist es, die aus einem kurzzeitigen Ausbruch einen dauerhaften Terror macht. Die symbolische Androhung ist es, die den Unterschied macht zwischen einem Wutausbruch und der systemischen Gewalt.

Symbolik der Gewalt ist etwas anderes, wenn auch eng verwandt, weil ein Teil der Symbolik der Macht. Die Symbolik der Macht setzt zumeist eher auf Pracht und Dominanz, Staatskarrossen, Ehrengarden, Ewige Flammen sind Machtinsignien, und darin ist die Gewalt präsent (sonst hätte die Ehrengarde keine Gewehre sondern Luftballons).

Das (deutsche) Wort Macht changiert zwischen den Bedeutungen "reines Vermögen" – "Stärke" – "Herrschaft" – "Gewaltausübung".

--------

Die folgende Ideen-Sammlung dient als Anregung; sie ist fokussiert auf die ältere Zeit, ist etwas eurozentrisch ausgefallen – und bedarf dringend der Erweiterung. Es fehlen insbesondere noch die Dichtung der Moderne sowie Machtsymboliken im persönlichen Bereich.

--------

Es gibt gewisse Gesetzmäßigkeiten, die dem Machthandeln zugrunde liegen. Nicolò Machiavelli (1469–1527) hat sie analysiert. Und insbesondere im 20. Jahrhundert wurden diese Techniken praktiziert.

Ein Beispiel: Machiavelli, »Il Principe«, Erster Druck: Rom 1532; Text in der Übersetzung durch Johann Gottlob Regis von 1842 hier > http://www.zeno.org/nid/20009213643

Siebzehntes Kapitel. Von der Grausamkeit und Milde, und ob es besser ist, geliebt, oder gefürchtet zu werden.

[Ausschnitt] Es darf daher ein Fürst um den Namen des Grausamen sich nicht kümmern, wenn er seine Unterthanen einig und treu erhalten will; denn mit Statuirung sehr weniger Exempel wird er gütiger seyn als Jene, die aus zu großer Güte die Unordnungen einreißen lassen, aus denen Mord und Raub entspringt: denn diese pflegen eine ganze Gemeinheit zu kränken: jene Executionen aber, die vom Fürsten ausgehen, kränken nur einen Einzelnen.

Eine einfache emblematische Umsetzung einer solchen Empfehlung findet sich bei Diego de Saavedra Fajardo (1584-1648), »Idea de un principe politico christiano«, 1640 im Abschnitt: Qualem se Princeps in regimine Regnorum & Statuum suorum exhibere debeat. (Wie sich ein Fürst bei der Regierung seiner Reiche und Länder verhalten soll.), Emblem LXIX: FERRO ET AURO. (Mit Gold und Eisen).

Ein Abriss Eines Christlich-Politischen Printzens, In CI. Sinn-bildern und mercklichen Symbolischen Sprüchen gestelt / von A. Didaco Saavedra Faxardo ... Zu vor auß dem Spanischen ins Lateinisch; nun ins Deutsch versetzt, Zu Amsterdam, Bey Johann Janßonio, dem Jüngern, 1655.

Diderot schreibt in der »Enyclopédie« (Band 1; 1751, p. 898) den Artikel Autorité politique. Der beginnt mit:

Aucun homme n’a reçû de la nature le droit de commander aux autres. La liberté est un présent du ciel, & chaque individu de la même espece a le droit d’en joüir aussi-tôt qu’il joüit de la raison.

Der ganze Text hier.

--------

In unserem Projekt soll es vor allem um die Symbolik der Macht-Androhung oder Macht-Rechtfertigung gehen. Es stellt sich die Frage, welche Aspekte der Macht wie umgesetzt und verstanden werden.

--------

Der mächtigste Waltende ist der Erschaffer der Welt. Ovid schildert in »Metamorphosen« eine Kosmogonie: Im ursprünglichen Chaos (I,4) waren die Elemente zwar schon vorhanden, aber nicht funktionsfähig, und sie hemmten einander. Diesen Zwist schied ein Gott, eine höhere Wirkkraft (hanc deus et melior litem natura diremit I,21), so dass die Elemente entwirrt wurden. Über die Gottheit schweigt sich Ovid aus: wer auch immer von den Göttern es war (quisquis fuit ille deorum I,32).

Virgil Solis 1514–1562 stellt das so dar – die Gottheit anthropomorph mit dem Gestus des Zerteilens:

PVB. OVIDII NASONIS Metamorphoseon libri XV. In singulas quasque fabulas argumenta, Francofurti ad Moenum MDLXVII. (Erstausgabe der Holzschnitte 1563)

Der HErr der hebräischen Bibel zeigt seine Macht dem Volk Israel/Juda immer wieder.

Literaturhinweis:

Walter Dietrich, Artikel »Allmacht Gottes« (2006)
> https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/13033/

--------

Der gute Herrscher wird charakterisiert in sog. Ständebüchern — die Texte wären noch genau zu studieren:

[Tommaso Garzoni] Piazza universale, Das ist: Allgemeiner Schawplatz / Marckt / vnd Zusammenkunfft aller Professionen / Künsten / Geschäfften / Händeln vnd Handtwercken/ &c. Wann / vnd vom wem sie erfunden: auch welcher massen dieselbige von Tag zu Tag zugenommen: Sampt außführlicher Beschreibung alles dessen / so darzu gehörig […] Allen Politicis, auch jedermänniglich weß Standes der sey / sehr nutzlich vnd lustig zu lesen. Eerstmaln durch Thomam Garzonum, Italianisch zusammen getragen: anjetzo auffs trewlichste verteutscht […] Franckfurt am Mayn / In Verlag Matthæi Merians Sel. Erben 1659. (Das Bild aus dem Ständebuch von Jost Amman 1568) — Welche Symbolik hat der Hund?

Der Regent
Zähmt Herr-Rebellen, die euch nachstellen.

Wen man soll Herr und Edle nennen,
der muß zuvor in sich erkennen,
ob er kein Laster-Knecht nicht sey.
Nur Adler Herrschen, nichrt die Eulen.
Die Herrschaft ohne Tugend-Seulen
ist eine güldne Sclaverey.

Abbildung Der Gemein-Nützlichen Haupt-Stände Von denen Regenten Und ihren So in Friedens- als Kriegs-Zeiten zugeordneten Bedienten an/ biß auf alle Künstler Und Handwercker/ Nach Jedes Ambts- und Beruffs-Verrichtungen/ meist nach dem Leben gezeichnet und in Kupfer gebracht/ auch nach Dero Ursprung/ Nutzbar- und Denkwürdigkeiten/ kurtz/ doch gründlich beschrieben/ und ganz neu an den Tag geleget von Christoff Weigel / in Regenspurg 1698.

Das Gegenbild:

Wir haben leyder inn vnserer gemein/ statt vnnd landt einen unverechten/ grimmigen/ bösen Herrn vnd Tyrannen:

Der Tyrann steht vor seinem Thron und hat statt Szepter und Reichsapfel ein Schwert, ein Rutenbündel und eine Peitsche in seinen Händen. Er wendet den Blick von seinen Untertanen ab, die verzweifelt zu ihm schauen. — Über ihm baumelt das Damoklesschwert.

Trostspiegel in Glück vnd Vnglück. Francisci Petrarche, des Hochberümpten, Fürtrefflichen, vnd hochweisen Poeten vnd Oratorn, zwey Trostbücher, Von Artznei vnd Rath, beydes in gutem vnd widerwertigem Glück ... ; Allen Haußuättern, vnd Regimentspersonen ... sehr nützlich vnd tröstlich zuwissen. Jetzund von newem widerumb zugericht vnd in Truck verfertiget, Franckfort am Meyn: Egenolff 1572; II, Nr. 39 [Erstausgabe 1532|

--------

Wer regieren will, muss über die richtigen Insignien verfügen.

Vgl. dazu den Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Reichskleinodien

Heutzutage (Januar 2021) verfügen gewisse Putentaten über eine vergoldete Klobürste als Szepter:

--------

Marc Winter: Wenn Macht zur Materie wird – das ruyi-Zepter in China

Unter den verschiedenen für europäische Augen vielleicht befremdlichen Gegenständen der chinesischen Kultur sticht eines besonders hervor – das ruyi-Zepter, das wenig mit einem tatsächlichen Zepter der europäischen Herrscher gemein hat. Dieser in einer Vielzahl von Materialien geschaffene Gegenstand beeindruckt neben seiner handwerklichen Fertigung vor allem als Symbol – denn es ist die Nutzlosigkeit par excellence, hat doch dieses eigentümliche Ding keinerlei praktische Anwendung und keinen Nutzen. Dennoch waren Mensch hoch erfreut, wenn sie ein ruyi als Geschenk erhielten, und so setzte sich dieser Gegenstand durch als ein institutionalisiertes Geschenk für die Mächtigen in China, und er wurde dadurch zu einem Symbol der Herrschermacht, ohne allerdings diese zu verkörpern.

Der Beitrag wird der Frage nachgehen, wie sich der (oder das?) ruyi von einem profanen Rückenkratzer zum Symbol der Kaisermacht entwickelte und wie ein Ding, das keinerlei praktische Nutzanwendung hat, zum ultimativen Symbol der Herrschaft werden konnte.

--------

Kleider dienen als Machtsymbol. Beispiel Elizabeth I. (1533–1603):

Crispijn de Passe nach Vorzeichung von Isaac Oliver 1603
> https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1868-0822-854

Julius Bernhard von Rohr, Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft der großen Herren (1733):

Der gröste Pracht den die höchsten Standes Personen in ihrer Kleidung bey den solennesten Festivitäten erweisen, kan in nichts anders bestehen als in Kleidern von Sammet oder golden und silbern Stück, die mit Garnituren von Diamanten die bißweilen zu vielen Tonnen Goldes auch Millionen werth, besetzt sind. Die Schleppen des Fürstlichen Frauenzimmers werden entweder von Pagen oder Cavalieren auch wol gar bey grossen Solennitäten von hohen Standes Personen männlichen oder weiblichen Gesschlechts getragen (S.28).

--------

Desiderat:    Heraldik

> https://www.heraldik-wiki-de

--------

Herrschende haben sich immer gerne als Reiter hoch zu Ross darstellen lassen. Hier als Bespiel das Reiterstandbild von Louis XIV, das der Zürcher Bronzegießer Johann Balthasar Keller (1638–1702) 1693 verfertigte:

Joh. Caspar Füeßlins Geschichte der besten Künstler in der Schweitz. Nebst ihren Bildnissen, Zweyter Band, Zürich, bey Orell, Geßner und Comp., Zweyter Band 1769.

Sehr prägnant ist das Denkmal von König Johann III. Sobieski (1629–1696) auf einem sich aufbäumenden Pferd, der über zwei besiegte Türken hinwegreitet > hier auf Wikipedia.

Sobieski gilt als Retter Wiens während der Türkenbelagerung 1683. Der König von Polen ließ das Denkmal 1788 – es herrschte wieder ein Türkenkrieg – in Erinnerung an diese Tat errichten.

Nicht nur Männer: Auch die Freiheitskämpferin Anita Garibaldi (1821–1849) bekommt in Rom auf dem Gianicolo 1932 eine Reiterstatue.

Literaturhinweise speziell hierzu:

Harald Keller, Artikel "Denkmal", in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. III (1954), Sp. 1257–1297 > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=92988

Achim Aurenhammer / Ralf von den Hoff, Aufsatz zum Reiterstandbild (2020)
> https://www.compendium-heroicum.de/lemma/reiterstandbild/

Das Reiten auf einem Pferd ist eine herrschaftliche Gebärde:

Vgl. hierzu die Studie von

Andreas Hebestreit hier >>> als PDF

--------

Der König von Siam benutzte eine Elefanten als Reittier zur Repräsentation der Macht:

Guy Tachard, S.J. (1651–1712), Voyage de Siam, des pères jésuites, envoyez par le roy aux Indes & à la Chine, avec leurs observations astronomiques, et leurs remarques de physique, de géographie, d’hydrographie, & d’histoire, Paris 1686. — Pierre Paul Sevin (Zeichner) / Cornelis Vermeulen (Stecher) > Digitalisat

Herrschende verwenden zum Ausdruck Ihrer Macht gerne Staatskarossen.

Die antiken Götter benutzen Wagen – hergeleitet ist die Vorstellung vom Lauf der Gestirne am Himmel; hier Venus:

Heydenweldt vnd irer Götter anfängklicher vrsprung, durch was verwähnungen denselben etwas vermeynder macht zugemessen, vmb dero willen sie von den alten verehret worden, pp. pp. auß vieler glerten thewrn männer schrifften, […] Durch Johann Herold beschriben vnd ins teütsch zuosammen gepracht, Basel: Henrich Petri 1554.

Die irdischen Herrscher ebenso:

[Johann Ludwig Gottfried] Historische Chronica. oder Beschreibung der Fürnemsten Geschichten, so sich von Anfang der Welt, biß auff das Jahr Christi 1619 zugetragen. [Auflage:] Frankfurt/Main, M. Merians Erben, MDCLVII; S.120. — Dargestellt ist wohl der Triumphzug des Spurius Lucretius Tricipitinus (nach Livius, ab urbe condita III,10)

 

In einem Mercedes G4 (W31), am Heldenplatz Wien, 15. März 1938 — (Hinten das Denkmal von Erzherzog Carl – dem Besieger Napoleons bei Aspern 1809.)
Quelle: www.tracesofwar.com; hier leicht retuschiert.

Einige – insbesondere wenn sie Nähe zur Bevölkerung demonstrieren wollten – fielen im Wagen auch einem Attentat zum Opfer, wie Erzherzog Franz Ferdinand 1914 und President Kennedy 1963 …

--------

Apotheose des Prinzen Eugen (1663–1736):

Radierung von Salomon Kleiner (1700–1761) [und Jeremias Jakob Sedelmayr?], Augsburg 1731. — Ausschnitt; das ganze Bild hier
> https://sammlung.belvedere.at/objects/17424/glorifikation-des-prinzen-eugen?#

Vorlage ist die 1721 entstandene Statue von Balthasar Permoser (1651–1732)
> https://sammlung.belvedere.at/objects/3013/apotheose-des-prinzen-eugen-von-savoyen

--------

Eberhard G. Happel zitiert (»Denckwürdigkeiten« III, 696ff.) einen Bericht des Orientreisenden Jean Baptista Tavernier (1605–1689) zum Thema von den Asiatischen Potentaten und ihrer Macht, wo insbesondere die Prachtentfaltung des grossen Mogol geschildert wird.

E. G. Happelii grösseste Denkwürdigkeiten der Welt Oder so genannte Relationes Curiosæ. Worinnen fürgestellet/ und auß dem Grund der gesunden Vernunfft examiniret werden/ allerhand Antiquitäten/ Curiositäten/ Critische/ Historische/ Physicalische/ Mathematische/ Künstliche und andere Merckwürdige Seltzamkeiten/ Welche auff dieser Unter-Welt/ in der Lufft/ auff der See oder Land jemahlen zu finden gewesen/ oder sich noch täglich zeige. Dritter Theil/ Einem jeden curieusen Liebhaber zur Lust und Erbauung in Druck verfertiget/ und mit erforderten schönen Kupfern und andern Figuren erläutert, Hamburg: Wiering, 1687.

> https://archive.org/stream/imageGIX360cMiscellaneaOpal#page/n821/mode/2up

--------

Huldigungen dienen der Macht-Repräsentation. Hier einige Auschnitte aus dem entsprechenden Kapitel von Julius Bernhard von Rohr:

Die Huldigung ist eine eydliche Versicherung von der Unterthänigkeit und Treue, welche ein Unterthan seinem Landes-Herrn leistet, und sind hierzu alle Unterthanen Landsaßen und Einwohner, von was für Condition sie auch seyn mögen, so offt verbunden, als sich eine Veränderung mit der Person des Landes-Herrn begiebt.

Die meisten Ceremonien bey den Huldigungen werden durch die Observanz determiniret; Je grösser die Liebe und Zuneigung der Unterthanen gegen ihren Landes-Herrn, ie mehr Solennia werden von ihnen freiwillig dabei vorgenomnen. Die Anzahl der Stände ist stärcker, die Præsente ansehnlicher, das Vivat frolockender, ihr Bezeugen devoter und ihre ganze Handlung solenner.

Die Gassen in Städten werden vor der Huldigung auf das zierlichste ausgeschmückt Auf den Haupts-Plätzen und Strassen richtet man prächtige Triumph-Bögen und Ehren-Pforten auf. Die Häuser und Ercker werden mit Schildereyen und Tapezereyen behangen, die Gassen mit grünen Tannen-Bäumen, mit Orengerien, mit Blumen, perspctivischen Gemählden und auf andere Weise ausgeziert. Die Bürgerschafft und Zünffte erscheinen in sauberer Kleidung mit ihren Fahnen und mit guten Ober- und Unter-Gewehr versehen.

Nach abgelegten Huldigungs-Eyde erschallet allenthalben das Vivat, und dieses wird um desto starcker, williger und öffterer ausgeruffen, ie mehr natürliche Zuneigung die Unterthanen in ihren Herzen gegen ihre hohe Landes Obrigkeit tragen. Bißweilen wird auch der Vermahnung zum Eyde mit angehangen, daß sie das gewöhnliche Frolockende Vivat dreymahl auf iedes gegebenes Zeichen mit freudiger heller Stimme aus den innnersten Kräfften eines wahren teutschen Hertzens ausruffen sollen.

So wird auch dem gemeinen Pöbel bey dergleichen Solennitäten mit Essen und Trincken manche Lust gemacht. Man läst ihnen in Quantität Fleisch, Bier und Brod austheilen; so läst man ihnen auch wohl einen oder ein paar Tage Fontainen mit Wein springen oder ihnen Geld aiswerffen, […]

III. Theil, VII. Capitul: Von der Huldigung (S.657–681)

Julius Bernhard von Rohr, Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft Der großen Herren, Die in vier besondern Theilen Die meisten Ceremoniel-Handlungen, so die Europäischen Puissancen überhaupt, und die Teutschen Landes-Fürsten insonderheit ... zu beobachten pflegen, Nebst den mancherley Arten der Divertissemens vorträgt ... und ... aus dem alten und neuen Geschichten erläutert, Berlin: J.A.Rüdiger 1733.
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00080078

Die Huldigung der Reichsstadt Frankfurt am 9.1.1712 an Kaiser Karl II :

Digitalisat der HAB Wolfenbüttel > http://diglib.hab.de?grafik=graph-c-175b
Vgl. auch > http://diglib.hab.de?grafik=graph-a1-723

Im Hintergrund der 1856 erschienenen Illustration zu Goethes »Reineke Fuchs« (zuerst 1794) ist wohl die politische Restauration jener Zeit mitzudenken: Louis Napléon begründet 1851 das sog. Zweite Kaiserreich; Franz Joseph I. formiert ein absolutistisches System.

Über dem Thron der Spruch: Gebt mir das Eure und laßt mir das Meine. – Der Fuchs fehlt bei den Huldigenden.

Gezeichnet von Wilhelm von Kaulbach (1804–1874); in Holz geschnitten von Julius Schnorr (1826–1855)
> https://archive.org/details/reinekefuchs00goet/page/2/mode/1up

Zu gewissen Zeiten nehmen Huldigungen auch andere Formen an.

Männer des Spatens. Postkarte aus: Wilhelm Stöckle, Deutsche Ansichten. 100 Jahre Zeitgeschichte auf Postkarten, München 1982 (dtv 10041), Abb. Nr. 100.

(Skeptiker munkelten, als sie 1937 die jungen Männer des Arbeitsdiensts sahen, es brauche nur wenig, um die Spaten durch Gewehre auszutauschen.)

--------

Architektur ist ein beliebtes Mittel der Zurschaustellung von Macht.

Der Babylonische Turm:

Genesis 11, 1 ES hatte aber alle Welt einerley zungen vnd sprache. 2 Da sie nu zogen gen Morgen / funden sie ein eben Land / im lande Sinear / vnd woneten daselbs. 3 Vnd sprachen vnternander / Wolauff / lasst vns Ziegel streichen vnd brennen / Vnd namen ziegel zu stein / vnd thon zu kalck / 4 vnd sprachen / Wolauff / Lasst vns eine Stad vnd Thurn bawen / des spitze bis an den Himel reiche / das wir vns einen namen machen / Denn wir werden vieleicht zerstrewet in alle Lender. 5 DA fur der HERR ernider / das er sehe die Stad vnd Thurn / die die Menschenkinder baweten. 6 Vnd der HERR sprach / Sihe / Es ist einerley Volck vnd einerley Sprach vnter jnen allen / vnd haben das angefangen zu thun / sie werden nicht ablassen von allem das sie furgenomen haben zu thun. 7 Wolauff / lasst vns ernider faren / vnd jre Sprache da selbs verwirren / das keiner des andern sprache verneme. 8 Also zerstrewet sie der HERR von dannen in alle Lender /das sie musten auffhören die Stad zu bawen / 9 Da her heisst jr name Babel1 / das der HERR daselbs verwirret hatte aller Lender sprache / vnd sie zerstrewet von dannen in alle Lender. (Lutherbibel 1545)

Biblia ectypa. Bildnußen auß Heiliger Schrifft deß Alten Testaments, Erster Theil. in welchen Alle Geschichten u: Erscheinungen deutlich und schriftmäßig zu Gottes Ehre und Andächtiger Seelen erbaulicher beschauung vorgestellet worden. ... hervorgebracht von Christoph Weigel in Regensburg. Anno M.D.C.xcvii.

Hier der Konstantinsbogen in Rom:

Familien der Oberschicht zeigen mittels Architektur, dass sie dazu gehören – aber noch elitärer sind, was die Höhe des Turms zeigen soll.

›Geschlechtertürme‹ in Bologna (Rekonstruktion von Angelo Finelli, 1917)

Der Deutsche Pavillon an der Weltausstellung Paris 1937. Architekt: Albert Speer (1905–1981). Nicht-funktional, kolossal, pathosgeladen, effekthascherisch, leeres Gepränge:

Quelle? Bei Pinterest heruntergeladen … Vgl. das Bild > hier

Literaturhinweis:

Christian Welzbacher, Monumente der Macht. Eine politische Architekturgeschichte Deutschlands 1920–1960, Berlin: Parthas 2016.

Auch die Inneneinrichtung sollte (bei einigen Fürsten) der Macht-Bestätigung dienen, bei goldenem Stuhl-Gang...

--------

Ein Feuerwerk am Fest für die Majestät: glanzvolle Vergeudung zwecks Repräsentation

Das vom Kurfürsten Johann Georg II. 1678 arrangierte Feuerwerk auf dem Wall in Dresden zeigt die herkulische Vertreibung des Bösen, dieses verkörpert durch die Furien und den Höllenhund Cerberus:

Herculis Feuerwerck auf dem hohen Walle in der churfürstlich sächsischen Residenzstadt Dresden verbrennt den 28. Februarij A. 1678. [Zum Drucke befördert Durch Gabriel Ttzschimmern, Nürnberg: Hoffmann 1680].
> Europeana

Literaturhinweise speziell hierzu:

Die schöne Kunst der Verschwendung. Fest und Feuerwerk in der europäischen Geschichte, hg. von Georg Kohler unter Mitarb. von Alice Villon-Lechner, Zürich: Artemis 1988. (hier das Bild auf S.126/27)

Karl Möseneder, Artikel »Feuerwerk«, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. VIII (1983), Sp. 530–607. > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=88954

Der ›Lichtdom‹ in Nürnberg 1936 (Bild > Wikipedia)

--------

Sitzordnung Wer sitzt wo? / Wer steht?

Das Thema ist durch die "Sofagate"-Affäre vom 6.4.2021 wieder aktuell geworden.

 

Römische History vß T. Liuio. Straßburg: J. Grüninger 1507; fol. CLXIIIr

Kaiser Maximilian I. (u.a.), Die geuerlicheiten vnd einsteils der geschichten des loblichen streytparen vnd hochberümbten helds vnd Ritters herr Tewrdannckhs, Nürnberg 1517.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00013106/image_17

Des Hochberümptesten Geschicht schreybers Justini warhafftige Hystorien/ die er auß Trogo Pompeio gezogen: … Die Hieronymus Bonder auß dem Latein inn diß volgend Teütsch vertolmetscht hat/ welche nit allein zuo lesen lustig/ sondern einem yeden menschen zuo wyssen nutzlich vnd not ist. … Gedruckt zuo Augspurg durch Heynrich Steyner M.D.XXXI.

Heydenweldt vnd irer Götter anfängklicher vrsprung, durch was verwähnungen denselben etwas vermeynder macht zugemessen, vmb dero willen sie von den alten verehret worden, pp. pp. auß vieler glerten thewrn männer schrifften,… zusamen getragen. … Durch Johann Herold beschriben vnd ins teütsch zuosammen gepracht, Basel: Henrich Petri, 1554 — Darin: Diodori des Siciliers / vnd berümptesten Geschicht schreybers/ vonn angfang der Weldt biß zuo jrer bewonung/ vnd rhuomreichen herrschunge fürgefallener geschichten; pag. lxv.

Dazu:

Hans-Werner Goetz, Der ›rechte‹ Sitz. Die Symbolik von Rang und Herrschaft im Hohen Mittelalter im Spiegel der Sitzordnung, in: Symbole des Alltags – Alltag der Symbole. Festschrift Harry Kühnel, Graz: ADVA 1992, S. 11–47.

Wolfgang Schild, Die Sitzhaltung des griesgrimmigen Löwen als Richtersymbol in: Symbole im Dienste der Darstellung von Identität, (Schriften zur Symbolforschung, Band 12,) Verlag Peter Lang, Bern 2000 S.145ff.

Projekt von Sabine Sommerer (Kunstgeschichte, Universität Zürich, in Arbeit)
Interview > https://www.news.uzh.ch/de/articles/2021/geschichte-der-sitzgelegenheit.html

--------

Tiere sind beliebte Symbole für die Macht (z.Bsp. Löwe, Adler) oder die zu überwindenden Mächte (z.Bsp. Drachen, Schlangen).

In der altorientalischen Glyptik (z.B. babylon. Rollsiegel) erscheint das Bild des Herrn der Tiere. Dieser bringt die dämonische Wildheit, das Chaos der Welt unter Kontrolle oder setzt ihm mindestens Grenzen. Othmar Keel: »Da die jeweilige Nationaltracht [des Herrschenden in der Mitte] eine bedeutende Rolle spielt, kann man sich fragen, ob da eine zeitloser ›Herr der Tiere‹ oder ob durch die Komposition der totale Herrschaftsanspruch der jeweiligen Supermacht, die sich ihn ihrem König konkretisiert, dargestellt werden soll.« Gott sagt von Nebukadnezar, er habe ihm die Tiere des Feldes gegeben, dass sie ihm dienen (Jeremia 27,6; vgl. 28,14).

Othmar Keel, Jahwes Entgegnung an Ijob. Eine Deutung von Ijob 38-41 vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Bildkunst Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1978 (Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments, Band 121), S. 86–125 zum Thema ›Herr der Tiere‹. – Bild Nr. 59, Text S. 123.

Der Löwe kann ebenfalls Symbol sein für die unterworfene Macht. Plinius (naturalis historia VIII, xxi, 55) schreibt über die Löwen:

Unter das Joch gebeugt und vor den Wagen gespannt wurden sie zuerst in Rom von M.Antonius, und zwar während des Bürgerkrieges nach der Schlacht auf den Pharsalsischen Feldern, nicht ohne eine gewisse Vorbedeutung für die zeit, da jenes Vorzeichen besagt, edle Geister würden unter das Joch gezwungen.

Die Schlacht fand 48 v.u.Z. statt; Andrea Alciato bezieht das in seinem Emblembuch auf die Ermordung von Cicero (43 v.u.Z.):

IIII. Zamung der gar fraydigen. [freidig: kühn, mutig, aber auch frech, unverschämt]

Als Antony het erschlagen
Cicero den beredten man,
Setzt er sich auff einen wagen,
Und spannet fraydig Lewen dran.
Wolt mit der hochfart zaygen an,
Gleich wie er die Lewen gezambt,
Also het er manch grossen man
Zu Rhom mit seinem gwalt gedambt.

Das Bild aus Liber emblematum ... Kunstbuch, Franckfurt am Main 1567;
Der Text in der Übersetzung von Wolfgang Hunger aus Andreae Alciati Emblematum libellus, Paris 1542.
> https://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A67a124

Wie sich die Diktaturen gleichen!

   

Links: Text (übers. aus dem Russischen): Rotten wir die Spione und Abweichler aus, die ... Agenten des Faschismus! (Website der Quelle nicht mehr aktiv).
Rechts: Plastik Der Rächer von Arno Breker

Der Drache ist der Widersacher schlechthin:

Sus au monstre! In: Le Petit Journal, 20 septembre 1914
> Wiki Commons

Der Tintenfisch / Polyp, der mit seinen Tentakeln zugreift, wurde in der Propaganda gerne als Symbol für eine feindliche Macht verwendet:

"Cinderella Stamp", Paris 1917/18 (Vorbild ist eine Graphik von Maurice Neumont.) Gefunden auf www.barronmaps.com

Mehr dazu auf dieser Seite hier.

--------

Ein Machtanspruch zeigt sich im Gesichtsausdruck. Johann Caspar Lavater (1741–1801) hat das physiognomische Konzept des ›Starken‹ so skizziert:

Stärke mit Feuer; Vordrang, Muth, Gefahrverachtung; Entschlossenheit des Gereizten und Leichtreizbaren. Diese Stärke ist weniger tragend; Weniger duldend, als zertretend. Sie kündigt sich an; Sie ist Ruhe, ehrwürdig, aufgebracht, furchtbar drohend. [Wessen Portrait ist es?]

J.C. Lavaters physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntniss und Menschenliebe, verkürzt herausgegeben von Johann Michael Armbruster, Winterthur, in Verlag Heinrich Steiners und Compagnie, Winterthur, 3 Bände 1783 / 1784 / 1787; Band 3, Beylagen zum dritten Kapitel, XX. (S. 248).

--------

Imponiergehabe ist im Homo "sapiens" erblich angelegt. Die Schultern bei höheren Primaten-Männchen zeigen zu diesem Zweck mittels Haaren einen vergrößerten Umriss:

Die Menschen-Männer imitieren das mittels Kleidungstücken:

Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Liebe und Hass. Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen, München: Piper 1970, S. 28f. (Mit freundlicher Genehmigung des Autors IEE)

Eine beliebte Macht-Geste ist die geballte Faust, die bis in die jüngste Zeit, auch und gerade wenn die Macht schwindet:

(Mehr dazu im Kapitel zu den Händen)

--------

Das Imponiergehabe wurde gerne für Karikaturen verwendet.

Grandville (Jean Ignace Isidore Gérard, 1803–1847) zeichnet Monsieur Vautour:

Scènes De La Vie Privée Et Publique Des Animaux. Études De Mœurs Contemporaines, Publiées Sous La Direction De M. P.-J. Stahl, Avec La Collaboration De Messieurs De Balzac ... Vignettes Par Grandville, Paris: J. Hetzel Et Paulin, Éditeurs 1842.

Die in Wien erscheinende Satirezeitschrift »Kikeriki« karikierte am 29. August 1870 nach dem Deutsch-Französischen Krieg Bismarck als Pfau. Die Federn sind angeschrieben mit den Kriegsschauplätzen, an denen Preussen erfolgreich war: Wörth, Mars-la-tour, Gravelotte, Vionville, Metz u.a.

aus: Eduard Fuchs, Die Karikatur der europäischen Völker. 1: Vom Altertum bis zur Neuzeit – 2: Vom Jahre 1848 bis zur Gegenwart, Berlin: Hofmann 1901/03; Band 2, Abb. 247.

Lenin der Vielgewandte, Karikatur von Erich Schilling in: Simplicissimus Jahrgang 27 (1922) Heft 1, S. 15

Auf der großartigen Online-Edition der Klassik Stiftung Weimar (www.simplicissimus.info) unter 27_01_015.jpg

Die Idee beruht auf der Vorstellung der viel-armigen mythologischen Gestalt Geryon, der in der Emblematik des 16.Jhs. freilich für die Unüberwindlichkeit der Einigkeit (Concordia insuperabilis) steht!
> https://emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/facsimile.php?id=sm45-D8r

1941 erschien in England eine der vielen Parodien auf der Grundlage von Heinrichs Hoffmanns »Struwwelpeter« (1845): der »Struwwelhitler«, in dem auch andere Ditkatoren karikiert wurden:

Hier in Analogie zu Hans-Guck-in-die-Luft.

https://de.wikipedia.org/wiki/Struwwelpeter#cite_ref-22

https://www.hs-augsburg.de/~harsch/anglica/Chronology/20thC/Struwwelhitler/str_hi00.html

Digitalisat des ganzen Buchs hier als PDF {Nov.21}

--------

In der Emblematik des 16./17. Jahrhunderts ist das Thema der Mächtigen omnipräsent. Teils wird Kritik geübt, teils werden die Herrschenden zu einem tugenhaften Verhalten ermuntert.

Beispiel: Der Kentaur Chiron wird in antiken mythologischen Quellen geschildert als ein Weiser, er ist Erzieher mehrerer Helden. Der Kentaur ist ein Mischwesen aus Pferd (steht für die Stärke, wie der Bogen in der einen Hand) und Mensch (steht für die Klugheit, wie die Schlange in der anderen Hand).

Viribus iungenda sapientia — Kraft muss mit Weisheit verbunden sein
Uti qui nescit robore saepe cadit — Wer die Stärke nicht zu gebrauchen weiß, stürzt oft.

Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim/Utrecht 1611, Nr. 91

--------

Eine Technik, um die eigene Macht zu demonstrieren, ist die Verunglimpfung der Opposition.

Beispiel: Bücherverbrennung

--------

Anerkennung des Machtsymbols verweigert

Der Landvogt Gessler verlangt, dass man seinen auf einer Stange angebrachten Hut grüße. Wie Wilhelm Tell diesen Unterwerfungsgestus verweigert, wird die Symbolik ersetzt durch aktuelle Gewalt (M.W.). Und das kann üble Folgen für den Machthaber haben.

Vnd dieweyl der Vogt wol wußt daß Wilhelm ein guoter armbrostschütz was/ und jm seine kinder seer lieb warend/ vnderstuond er durch sölich mittel in zereitzen/ ließ im fürbringen seinen jüngsten sun/ vnd nötiget jn demselbigen einen öpffel ab dem haupt zeschiessen. […] Wilhelm aber stecket noch einen pfeyl hinden in sein göller/ im fürrsatz/ wo er das kind träffe/ alsbald auch den tyrannen zerschiessen.

Auf dem Bild ist der Hut auf der Stange sichtbar, und im Hintergrund erkennt man, wie Tell vom Boot springt und dann in der Hohlen Gasse mit der Armbrust den reitenden Landvogt erschießt.

Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten / Landen vnd Völckeren Chronik wirdiger thaaten beschreybung […] durch Johann Stumpffen beschriben […] Zürich bey Christoffel Froschouer M.D.XLVII. I, fol. 328 verso

Mehr zum Tellenschuss auf dieser Website.

In Schillers »Wilhelm Tell« argumentiert Stauffacher naturrechtlich (2. Akt, 2. Szene, Rütlischwur) so:

Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht,
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last – greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel,
Und holt herunter seine ew'gen Rechte,
Die droben hangen unveräusserlich
Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst –
Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
Wo Mensch dem Menschen gegenübersteht –
Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr
Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben –
Der Güter höchstes dürfen wir verteid'gen
Gegen Gewalt – Wir stehn vor unser Land,
Wir stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder!

Im Kontext hier: http://www.zeno.org/nid/2000560950X

August Iffland war 1804 bezüglich einer Aufführung dieses Texts skeptisch und mutmaßte, er könne – als Aufruf zu politischen Widerstand im Stil der französischen Revolution aufgefasst – Anstoß erregen. Schiller änderte den Text.

Vgl. dazu den Aufsatz von Peter von Matt (2007), in: ders., Das Kalb vor der Gotthardpost, 2012, S. 245–255; dort Schillers urprüngliche und die für die Aufführung in Berlin überarbeitete Fassung synoptisch.

--------

Das Inverse zur Macht-Symbolik ist die Unterwerfungs-Symbolik. Demütigungen wurden von Machthabern gerne ausgeübt.

••• Der babylonische König Nebukadnezar wird vom HErrn wegen seines Hochmuts gedemütigt.

N.: ›Das ist die grosse Babel / die ich erbawet habe / zum königlichen Hause / durch meine grosse macht / zu ehren meiner Herrligkeit.‹ – Ehe der König diese wort ausgeredt hatte / fiel eine stim vom Himel / Dir könig NebucadNezar wird gesagt / Dein Königreich sol dir genomen werden / vnd man wird dich von den Leuten verstossen / vnd solt bey den Thieren / so auff dem felde gehen / bleiben / gras wird man dich essen lassen / wie Ochsen / Bis das vber dir / sieben zeit vmb sind / Auff das du erkennest /das der Höhest gewalt hat vber der menschen Königreiche / vnd gibt sie wem er wil. Von stund an ward das wort volnbracht vber NebucadNezar / Vnd er ward von den Leuten verstossen / vnd er ass gras /wie Ochsen / vnd sein Leib lag vnter dem taw des Himels / vnd ward nas / bis sein Har wuchs / so gros als Adelers feddern / vnd seine Negel / wie Vogels klawen wurden. (Daniel 4,28ff.; Lutherbibel 1545)

Biblia ectypa. Bildnußen auß Heiliger Schrifft deß Alten Testaments, Erster Theil. in welchen Alle Geschichten u: Erscheinungen deutlich und schriftmäßig zu Gottes Ehre und Andächtiger Seelen erbaulicher beschauung vorgestellet worden. ... hervorgebracht von Christoph Weigel in Regensburg. Anno M.D.C.xcvii

••• Der unterlegene Kaiser Valerianus (reg. 253–260), einst ein übler Christenverfolger, muss dem Perserkönig Sapor zur Schande auf allen Vieren als Schemel beim Besteigen des Pferdes dienen:

Boccaccio (1313–1375) beschreibt diese Szene in »De casibus virorum illustrium« VIII, Kap.1 und 2. Die Übersetzung von Laurent de Premierfait († 1418) ist illustriert:

Des cas des nobles hommes et femmes, ca. 1410 (Bibliothèque de Genève Ms. fr. 190/2)
> https://www.e-codices.unifr.ch/en/bge/fr0190-2//109v

Des Cas et ruyne des nobles hommes et femmes reversez par fortune depuis la création du monde jusques à nostre temps, translaté de latin en langage françois, Paris: impr. par Jean du Pré 1483
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k8712388k/f641.item

Qui cum victor illum traxisset in Persiam, in sempiternum romani nominis dedecus, honustum catenis damnavit ut non solum perpetuo servitio marceret, verum ut, quotiens ipse conscenderet equum, deiectissime sortis homo Valerianus curvatis poplitibus per tergum illi preberet ascensum. Quo in officio vite fuit residuum et tandem miserrime expiravit.
> http://www.bibliotecaitaliana.it/testo/bibit001350

In der Übersetzung von Hieronymus Ziegler (Augsburg 1545): Nach dem nun Sapor der Persier Künig den sig vnd Victori allenthalben erlangt het/ zog er widerumb in Persiam/ füeret den gefangenen Keyser zum ewigen spott des Römischen namens gefangen mit jm/ daselbst ließ er jn/ in die Ketten zur ewigen gefencknuß schmiden. Auff das er nit allein in seiner gefencknuß ewigklichen erschimelt/ so muost er/ Valerianus/ so offt der Persier Künig auff ein Roß sitzen wolt sich auff alle viere nider lassen/ vnd bucken/ jm zuo eynem Schemel/ das er der schendlich mensche dest leichter/ ohn ein besondren vorthayl auff sitzen möcht/ auff der erden hocken vnnd ligen.

Auch Hans Holbein d.J. hat diese Szene dargestellt: https://en.wikipedia.org/wiki/Valerian_(emperor)#/media/File:HumiliationValerianusHolbein.jpg

••• Kaiser Friedrich I. Barbarossa und Papst Hadrian IV. trafen am 8. Juni 1155 bei Sutri zusammen. Der Papst forderte vom Kaiser den sog. Stratordienst (lat. strator ist der Reitknecht, der das Pferd satteln und seinem Herrn beim Aufsteigen helfen musste). Dieser weigerte sich zunächst, weil dies eine vasallische Abhängigkeit zum Ausdruck bringe. Erst als er darauf aufmerksam gemacht wurde, dass anno 1130 bereits Lothar III. Papst Innozenz II. diese Ehre angetan hatte, willigte Barbarossa ein.

Neu-eröffneter Historischer Bilder-Saal, Das ist: Kurtze, deutliche und unpassionirte Beschreibung Der Historiae Universalis, Von Anfang der Welt biß auf unsere Zeiten, in ordentliche und mercksame Periodos und Capitul eingetheilet ... Dritter Theil, Sultzbach: Lichtenthaler 1694, S. 412 [hier aus der 3.Auflage 1733]

Es entstund aber unter Wegs [nach Rom] zwischen dem Pabst Adriano IV. und dem Käyser abermal ein kleiner Mißverstand in dem der Käyser recusirte dem Pabst beym Auf- und Absitzen vom Pferd dem Steigbügel/ wie die vorherigen Käyser zuthun gepfogen/ zuhalten/ in dessen Entstehung [Unterlassung vgl. Dt-RechtsWB] ihm der Pabst zu dem Kuß nicht admittieren wolte: Doch als man den Käyser repræsentirte daß diese Ceremonie also Herkommens wäre/ und daß alle seine Antecessores und noch gantz neulich der Käyser Lotharius solche unverweigerlich gethan/ so bequemte er sich auch darzu. (Kontext hier)

Im 12. Jahrhundert entstand diese Darstellung: Kaiser Konstantin der Große leistet den Stratordienst und führt Papst Silvester († 335) auf einem Pferd nach Rom:

Rom, Basilika Santi Quattro Coronati, Oratorium des Hl. Sylvester
> https://de.wikipedia.org/wiki/Santi_Quattro_Coronati#/media/File:00_Stirnwand_8.jpg

Literaturhinweise speziell hierzu:

Robert Holtzmann, Der Kaiser als Marschall des Papstes. Eine Untersuchung zur Geschichte der Beziehungen zwischen Kaiser und Papst im Mittelalter, in: Schriften der Strassburger Wissenschaftlichen Gesellschaft in Heidelberg, de Gruyter 1928.
> https://www.degruyter.com/view/journals/zrgg/50/1/article-p439.xml?language=de

Stefan Weinfurter, Die Päpste als "Lehnsherren" von Königen und Kaisern im 11. und 12. Jahrhundert? in: Ausbildung und Verbreitung des Lehnswesens im Reich und in Italien im 12. und 13. Jahrhundert, S. 17–40.
> http://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/vuf/article/view/33708/27405

Andreas Sohn, Bilder als Zeichen der Herrschaft. Die Silvesterkapelle in SS. Quattro Coronati (Rom), in: Archivum Historiae Pontificiae, Bd. 35 (1997,) S. 7–47.
> https://www.jstor.org/stable/23564493

••• Eine andere Art der Demütigung ist das Abschneiden des Kleids / des Barts

1.Chronik 19,1ff. Und danach geschah es, daß der König der Ammoniter starb, und sein Sohn Hanun wurde König an seiner Stelle. 2 Da sprach David: Ich will Güte erweisen an Hanun, dem Sohn des Nahas, wie sein Vater an mir Güte erwiesen hat! Da sandte David ⟨Boten⟩ hin, um ihn durch seine Knechte zu trösten wegen seines Vaters. Als aber die Knechte Davids in das Land der Ammoniter kamen, 3 da sprachen die Fürsten der Ammoniter zu ihrem Herrn Hanun: Meinst du, daß David deinen Vater … ehren will, wenn er Tröster zu dir gesandt hat? Hat er nicht vielmehr seine Knechte deshalb zu dir gesandt, um die Stadt auszuforschen und zu erkunden und zu durchstöbern? 4 Da ließ Hanun die Knechte Davids ergreifen und ihnen den Bart halb abscheren und ihre Obergewänder halb abschneiden, bis an ihr Gesäß; und er sandte sie fort. 5 Als dies David berichtet wurde, sandte er ihnen entgegen; denn die Männer waren sehr beschämt. Und der König ließ ihnen sagen: Bleibt in Jericho, bis euer Bart wieder gewachsen ist; dann kommt wieder heim! (Übersetzung der Schlachter-Bibel)

In der sog. ›Kreuzfahrerbibel‹ Pierpont Morgan Library, MS M.638, fol. 40v (Ausschnitt):

Von der prächtigen Hompage > https://www.themorgan.org/collection/Crusader-Bible

 

Biblia ectypa. Bildnußen auß Heiliger Schrifft deß Alten Testaments, Erster Theil. in welchen Alle Geschichten u: Erscheinungen deutlich und schriftmäßig zu Gottes Ehre und Andächtiger Seelen erbaulicher beschauung vorgestellet worden. ... hervorgebracht von Christoph Weigel in Regensburg. Anno M.D.C.xcvii

Mehr dazu bei der Kleidersymbolik

••• Der Mythos von der Sintflut könnte Ausdruck der ›Überflutung‹ einer alteingesessenen Kultur durch eine mächtige bedrohliche Bevölkerung sein.

Radierung von Antonio Tempesta (*ca. 1555–1630)

--------

Die Vergänglichkeit der Machthabenden wird durch verschiedene Einflüsse herbeigesehnt:

 

••• Sebastian Brant sieht 1494 im »Narrenschiff« (Kapitel 56) ein Einwirken der Fortuna als end des gewalttes. Das Bild zeigt die Esel, die glauben auf dem Rad der Fortuna hochzukommen, und den Narren der herunterstürzt:

So groß gewalt vff erd nye kam
Der nitt zuo zytten / end ouch nam
Wann jm syn zyl / vnd stündlin kam

Noch fyndt man narren manigfalt
Die sich verlont vff jren gwalt
Als ob er ewiklich solt ston
Der doch duet / wie der schne zergon

> http://www.fh-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/15Jh/Brant/bra_n056.html

Im Text, der viele Exempla von gefallenen Herrschern aufführt, spielt er an auf Verse von Juvenal:

Gar wenig sint jn ruowen dott
Oder die stürben an jrm bett
Die man nit sunst erdoettet hett

Juvenal X, 112/3:
Ad generum Cereris sine caede ac vulnere pauci /
descendunt reges et sicca morte tyranni.

(Wenige Könige steigen hinunter zum Eidam der Ceres [dem Höllengott Pluto], von Gemetzel und Wunden verschont; nur wenige Tyrannen ohne einen unblutigen Tod.)

••• Diese Verse zitiert auch Joachim Camerarius (1534–1598) in seinem Emblembuch II, 99 (Erstausgabe dieses 2. Bandes 1595). Hier werden die Gewaltherrscher durch listige Gegner beim Müßiggang überrascht und vernichtet:

Die Tyranney/
Ist nirgend frey.

Das kleine Thier Ichneumon kreucht dem Crododil in Rachen/
Damit es diesem Wüterich den Garaus möge machen/
So gehets den Tyrannen auch: Ihr Vntergang kompt schnell/
Alastor* eilet flugs hinzu/ und trägt sie in die Höll.

Vier Hundert Wahl-Sprüche Und Sinnen-Bilder / Durch welche beygebracht und ausgelegt werden Die angeborne Eigenschafften, Wie auch Lustige Historien / Und Hochgelährter Männer Weiße Sitten-Sprüch: Und zwar Im I. Hundert: Von Bäumen und allerhand Pflantzen. Im II. Von Vier-Füssigen Thieren. Im III. Von Vögeln und allerley kleinen so wohl fliegenden als nit fliegenden Thierlein. Im IV. Von Fischen und kriechenden Thieren, Mayntz 1715.

* Alastor ist ein antiker Fluch-Dämon.

Die alte Naturkunde weiß vom Ichneumon: Wenn das Krokodil am Gestade des Flusses gesättigt und mit offenem Maul einschläft, schießt das Ichneumon geschwind durch den Rachen in dessen Leib, frisstt sein Eingweide und bricht durch den Leib wieder heraus.

Quellen: Plinius, Hist.nat. VIII,90 — Strabo, Geographica XVII,1,39 — Physiologus Kap. 25.

--------

Desiderat:    Gewaltherrscher in Shakespeare’s Dramen – im barocken Trauerspiel – in der modernen Literatur

--------

Desiderat:    Elias Canetti (1905–1994), »Masse und Macht« 1960.

--------

Literaturhinweise:

Dietmar Peil, Untersuchungen zur Staats- und Herrschaftsmetaphorik in literarischen Zeugnissen von der Antike bis zur Gegenwart (Münstersche Mittelalter-Schriften 50), München: Fink 1983.
> https://epub.ub.uni-muenchen.de/4904/

Philipp Stoellger (Hg.), Sprachen der Macht. Gesten der Er- und Entmächtigung in Text und Interpretation, Würzburg: Königshausen & Neumann 2008 (Interpretation Interdisziplinär Bd. 5).

Handbuch der politischen Ikonographie, hg. Uwe Fleckner / Martin Warnke / Hendrik Ziegler, München: Beck 2011. Darin besonders die Artikel

  • Franz Matsche, »Apotheose«
  • Uwe Fleckner, »Bildnis, theomorphes«
  • Elke Anna Werner, »Feindbild«
  • Hans-Martin Kaulbach, »Friede«
  • Wolfang Brassat, »Heroismus«
  • Isabelle Rouge-Ducos, »Imperator«
  • Ulrich Keller, »Reiterstandbild«
  • Yvonne Rickert, »Triumph«