Hände, Hände, Hände

Einleitung

Die Hand des Menschen unterscheidet sich – weil sie unspezifisch ist – wesentlich von den Vorderextremitäten (Hufe, Grabschaufeln, Flügel usw.) der Tiere, was bereits Aristoteles feststellte. Insofern ist sie auch ein Symbol für die ›Weltoffenheit‹ (A.Gehlen und andere) des Menschen.

Veristische Darstellungen der Hand, sei es mit zeichnerischen Mitteln, sei es aufgrund technischer Apparaturen (röntgen) dienen dem Arzt, um das Organ genau zu kennen; der Künstler braucht die Vorlage, um eine Hand zeichnen zu können.

Hände sind individuell geformt; die Seelen / Charaktere auch. Sollte da nicht ein Zusammenhang bestehen? In der Chiromantie ist die Hand gleichsam ein Dokument, auf dem der dafür Ausgebildete Charakterzüge und die Zukunft ablesen kann.

Die Handgesten des Redens und des Segnens zeigen den Vollzug eines verbalen Vorgangs, der mitunter von einer Gebärde begleitet werden muss, um seine Wirkung zu entfalten.

Bei der Begegnung mit dem Numinosen werden die Hände teils geöffnet, teils gefaltet.

In Gebrauchsanleitungen wird mit einer (zeichnerisch freigestellten) Hand dargelegt, wie man ein Instrument handhaben soll.

Um Sachverhalte in Erinnerung zu behalten, kann man die einzelnen einzuprägenden Elemente einer räumlichen Struktur zuordnen. Die Anatomie der Hand (Fünfstrahligkeit; jeder Finger hat drei Glieder)  und die Tatsache, dass wir sie immer ›bei der Hand haben‹, machen sie als Mittel der Mnemotechnik (Erinnerungskunst) geeignet. Auch kann man sie einsetzen, um Zahlen oder Buchstaben zu visualisieren. Sogar als Sonnenuhr kann die Handfläche dienen.

Die Hand ist anatomisch so eingerichtet, dass nur bestimmte Stellungen der Finger möglich sind (Daumen, Zeigfinger, Mittelfinger weisen zwingend räumlich in drei Dimensionen). Diese Eigenschaft kann visuell ausgenutzt werden für technische Anleitungen.

Die Hand kann dennoch verschiedene Formen einnehmen (zur Faust geballt, ausgestreckt usw.). Diese Gestaltvielheit kann verwendet werden für geistliche Deutungen wie für Spiele.

Das Christentum hat eine gewisse Abneigung, Gott anthropomorph darzustellen; um zu visualisieren, dass Er die Menschen erhält, genügt es, eine Hand zu zeichnen; diese steht metonymisch für Gott, insbesondere wenn er die Welt erschafft.

Mechanische Arbeit, Schreiben, Zeichnen beruht auf handwerlicher Geschicklichkeit; der Meister zeigt stolz das Basis-Werkzeug.

Die Hand hat eine soziale, auch eine juristische Symbolik: Sie bedeutet Macht oder Machtverzicht; Bekräftigung eines Eids  u.a.m.

Dieselbe Form der Hand hat als Signal je nach Kultur eine andere Bedeutung, bzw. dieselbe Aussage wird anders  ge-handhabt. 

Der Handschlag als Begrüßungsritual, als Symbol des Vertragsabschlusses: Beruht das darauf, dass dann beide im Moment nicht handgreiflich werden können, friedlich bleiben müssen?

Es gibt Fälle, wo der nachbildende Charakter des Bilds gar nicht im Vordergrund steht, sondern wo das Bild die Hand stellvertretend repräsentiert ( Votivbild).

Mit der Hand zeigen wir auf Dinge, auf die wir andere aufmerksam machen wollen; das Bild einer Hand leistet dasselbe, sogar dauerhafter und wenn der Zeigende nicht anwesend ist .

(In diesem Kapitelchen über die Hand kommen ganz unterschiedliche Formen der Repräsentation vor, was aber hier nicht thematisiert werden soll. Vgl. dazu das Kapitel Zeichentypen).

Hinweise auf Websites und Literatur

 


Küss die Hand!

Der Herr beugt sich beim Handkuß über die Hand der Dame, die sie ihm ein wenig entgegenhebt, und deutet ihn mehr an, als daß er ihn wirklich gibt. – Der feinfühlende Herr wird am Verhalten der Dame, z.B. dem Gegendruck der Hand merken, wenn sie einen Handkuß nicht wünscht, und ihn selbstverständlich unterlassen.

Zeichnung von Gerhart Kranz (1909–1971), aus: Gertrud Oheim, Einmaleins des Guten Tons, Gütersloh: Bertelsmann 1955, S.78.

Zur Sozialgeschichte vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Handkuss

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Anatomie

Johann Vesling (1598–1649), Künstliche Zerlegung deß gantzen Menschlichen Leibes / Anfangs in Lateinischer Sprache beschrieben/ und mit vielen schönen Figuren gezieret von ... Joanne Veslingio ... Jetzo aber ... ins Teutsche übersetzt durch Gerhardum Blasium ... Nürnberg/ in Verlegung Johann Hofmanns/ Buch- und Kunst-Händlern. Anno MDCLXXXVIII; Seite 299.





Wilhelm Conrad Röntgen (184–1923) macht am 22. Dezember 1895 die erste Aufnahme am Menschen. 1901 bekommt er den ersten Nobelpreis für Physik.

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Vorlage für Zeichner

 

Handstudien, aus: Encyclopédie, Recueil de Planches, Seconde Partie/2, Paris 1763; Pl. XII: Dessein, Mains. Nach Charles Le Brun (1619–1690)

Fig. 1. Main ouverte, vûe par la paume. […] Les doigts sont divisés en trois parties inégales, pour indiquer les jointures des phalanges; la premiere phalange du côté de la paume de la main est plus grande que celle du milieu, & celleci plus grande que celle de l'extrémité du doigt.

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Rede-Gestus

In  mittelalterlichen bebilderten Handschriften wird oft mit einem sog. Redegestus angedeutet, welche Figur spricht.



••• Hier als Beispiel eine Szene aus dem mhd. »Rolandslied« (Mitte des 12. Jhs.; das Bild in der Gegend von Vers 1’620ff.): Der wegreitende Genelûn spricht zu seinen Gefolgsleuten. > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg112/0001

 

••• Der Rhetoriklehrer Quintilian (er lebte von ca. 35 bis ca. 96) nennt in seiner »Instiutio oratoria« mehrere die Rede unterstützende Handgesten. Hier ein Ausschnitt:

XI, iii, 92. Est autem gestus ille maxime communis, quo medius digitus in pollicem contrahitur explicitis tribus, et principiis utilis cum leni in utramque partem motu modice prolatus, simul capite atque umeris sensim ad id quo manus feratur obsecundantibus, et in narrando certus, sed tum paulo productior, et in exprobrando et coarguendo acer atque instans: longius enim partibus iis et liberius exseritur.

93. Vitiose vero idem sinistrum quasi umerum petens in latus agi solet, quamquam adhuc peius aliqui transversum bracchium proferunt et cubito pronuntiant. duo quoque medii sub pollicem veniunt, et est hic adhuc priore gestus instantior, principio et narrationi non commodatus.

92. Die allgemeinste Gebärde, den Mittelfinger mit dem Daumen zusammenzuschließen, während die drei anderen Finger entfaltet bleiben, erweist sich für den Redeanfang als brauchbar und erfolgt dann durch gemächliches Vorstrecken mit einer leichten Bewegung nach beiden Seiten […].

93 Verkehrterweise aber führt man diese Gebärde gern nach der Seite aus. […] Auch zwei Mittelfinger kann man unter den Daumen schieben, und dann wirkt diese Gebärde noch eindringlicher als die erster, weshalb sie für den Anfangs- und Erzählteil nicht passt.

Marcus Fabius Quintilianus: Ausbildung des Redners, hg. und übers. von Helmut Rahn, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1975 (lateinischer und deutscher Text parallel)

lat. Text online > http://www.thelatinlibrary.com/quintilian/quintilian.institutio11.shtml

englische Übersetzung > http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Quintilian/Institutio_Oratoria/11C*.html#3

 

••• Der Redner Aule Meteli (1.80m hohe etruskische Bronzestatue aus dem späten 2. Jahrhundert v. Chr.):

> https://de.wikipedia.org/wiki/Arringatore#/media/File:Arringatore.jpg

> http://www.ilcaffeartisticodilo.it/tag/arte-romana/

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Segens-Gestus

›Segnen‹ bedeutet: göttliche Lebenskraft mitteilen. Dies kann in Worten und/oder mit einem Gestus vollzogen werden. Es gibt verschiedene Segensgesten:

  • Der ›lateinische Typ‹: Daumen, Zeige- und Mittelfinger ausgestreckt; die letzten beiden Finger eingebogen
  • Der ›griechische Typ‹: Ringfinger und Daumen schließen sich zusammen; die andren drei Finger ausgestreckt
  • Papst Innonzenz III. schrieb das Ausstrecken dreier Finger vor (PL 217,825).

Holzschnitt von Christoph Murer (?) zu Lukas 1,28: Ave Maria

Literaturhinweis: Rudolf Suntrup, Die Bedeutung der liturgischen Gebärden und Bewegungen in lateinischen und deutschen Auslegungen des 9. bis 13. Jahrhunderts, (MMS 37), München 1978.

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Gefaltete Hände

Das Zusammenlegen der Hände (Conjunctio manuum) ist ein Zeichen dafür, dass der Geist nicht zerstreut, sondern zusammengehalten und gesammelt ist. Wann die Gebetshaltung in der christlichen Kirche aufgekommen ist, weiß man nicht; das früheste Zeugnis dafür ist Papst Nikolaus I. († 867), welcher das Falten der Hände als ein Zeichen dafür hielt, daß wir Knechte, Gefangene und Gebundene Christi sind, bereit zur Züchtigung. Nach: Pierer’s Universal-Lexikon, Band 6., Altenburg 1858.

 

Maria im Aehrenkleid, Salzburg um 1490 (Wiki Commons)

Dazu ein Kapitel aus Christian Scriver [1629–1693], Gottholds zufälliger Andachten Vier Hundert. Bey Betrachtung mancherley Dinge der Kunst und Natur/ in unterschiedenen Veranlassungen zur Ehre Gottes / Besserung des Gemüths/ und Ubung der Gottseligkeit geschöpffet […], Leipzig 1671. [PDF-Datei, 1 Seite]

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Die Hände ausbreiten zum Gebet

Als anthropologische Grundlage des Gebetsgestus, den man bereits aus dem Alten Orient kennt – die Hände werden vom Körper weggestreckt –, ließe sich vermuten der Ausdruck ›ich bin dir wehrlos ausgeliefert.‹

Sheshonq, Priester des Ptah in der 22. Dynastie; opfernd / anbetend. > https://fr.wikipedia.org/wiki/Sheshonq (grand_prêtre_de_Ptah)  

Die Hieroglyphe Gardiner A30 (phonetisch dwȝ) zeigt einen Man with arms raised in front of face: determinative of adore; praise, respect; beg.

Weiteres Bildmaterial hier > https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Man_worshiping_%28hieroglyph%29

Macrobius (Saturnalien III, ix, 12): Wenn er [ein Heerführer] eine Verfluchung ausspricht: Wenn er den Namen Tellus ausspricht, berührt der mit den Händen die Erde; wenn er Jupiter nennt, erhebt der die Hände zum Himmel (cum Iovem dicit, manus ac coelum tollit); wenn er sich durch das Gelübde verpflichtet, legt der die Hände an die Brust.

 

Betende Eidgenossen, aus: Diebold Schilling, Luzerner Chronik (Handschrift, 1513) > http://www.e-codices.unifr.ch/en/kol/S0023-2/608/0/

Literatur: Peter Ochsenbein, Beten ›mit zertanen armen‹, ein alteidgenössischer Brauch, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 75 (1979), S. 129–172. > http://doi.org/10.5169/seals-117313


Der Gestus wird auch angenommen von Menschen, die göttliche Stimmen vernehmen.

Zeichnung von Johann Jakob von Sandrart / Holzschnitt von Elias  Porcelius, in: Gantz neue Biblische Bilder-Ergötzung, Nürnberg, Endter, ca.1700; zu Joel 2 (Ausschnitt).

Aeneas erzählt in seinem Bericht von der Reise von Troja nach Karthago, wie ihm die Penaten in einer Vision kundgetan haben, dass er in Italien ein neues Troja gründen werde. Darauf: corripio e stratis corpus tendoque supinas | ad caelum cum voce manus … =  Reiße ich mich vom Lager auf und strecke meine Handflächen [supinas manus ≈ die Hände nach rückwärts gebogen] zum Himmel empor, mit [betender] Rede.  (Vergil, Aeneis III, 176 f.)

Thomas Murner, der 1515 die »Aeneis« ins Deutsche übersetzt hat, ersetzt diese antike Geste durch die christliche:

Gar bald ich von dem Bett auffsprang/
   Mein Hend all beyd zusammen zwang
/
Vnd sie auffwerts gen Himmel bot
   Mit Gaben/ Bitt dem hohen Gott 
(Text hier nach der Ausgabe 1606)

Hinweis darauf bei Julia Frick, Renaissance eines antiken Klassikers. Thomas Murners Übersetzung von Vergils Aeneis, in: Zeitschrift für deutsches Altertum 146 (2017/3), S. 366.


Literatur: Thomas Ohm, Die Gebetsgebärden der Völker und das Christentum, Brill Archive, Leiden: Brill 1948; S. 252ff. »Das Ausstrecken und Ausbreiten der Hände nach oben«

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Faust als Ausdruck des Protests

••• Die Faust als Pictogramm ist das Logo des »Roten Frontkämpferbundes«; die Idee dazu stammt von John Heartfield (1891–1968). Der Gruß der Mitglieder mit der angehobenen und geschlossenen Faust symbolisierte die ›geballte Kraft der Arbeiterklasse‹ – dass die Gruß-Gebärde das Gegenstück zu derjenigen einer anderen Partei ist, versteht sich. > https://de.wikipedia.org/wiki/Roter_Frontkämpferbund


••• Bald nu na Fuuscht! [Bald nur noch Faust].

Karikatur von Carl Böckli (1889–1970) im Satiremagazin »Nebelspalter« 1951 / Heft 44. – Thema war eine Resolution der westschweizerischen Produzenten: Entweder Übernahme der Weinüberschüsse durch den Bund, Erhöhung der Milch- und Brotgetreidepreise, Beschränkung der Einfuhr, oder Steuer- und Hypothekarzinsstreik.  

Digitalisat von www.e-periodica.ch: neb-001_1951_77__3041_d.pdf

(Wieder abgedruckt in: »So simmer«, 84 Zeichnungen und Verse von Bö, Rorschach: E.Löpfe-Benz 1953)

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Die Hand des Schöpfer-Gottes


Gott schafft (gemäß Genesis 1,3–26) die Geschöpfe durch sein Wort; die Schedelsche Weltchronik, Nürnberg 1493 fokussiert auf den Gestus der erschaffenden Hand:

(Ausschnitt; ganzes Bild hier )

Amm vierden tag sprach got. Es sollen liechter in den firmament des himels werden vnd den tag vnd die nacht teilen. vnd zu zaichen. vnd zeiten vnd tagen vnd iaren sein. das sie scheinen in den firmament des himels vnd erlewchten die erden. vnd es ist also geschehen.

Im Mittelhochdeutschen wird oft das Wort (gotes) handgetât verwendet, um die Geschöpfe, insbesondere den Menschen zu bezeichnen.

  • In einem Gebet aus dem 12. Jahrhundert bittet eine Frau Gott, sie vor Nachstellungen zu bewahren, denn sie sei ja sein Geschöpf: so schoue alle mine note. mit den ich pin bevangen. […] nu erchenne ane mir din handgetat. (F. Maurer, Relig. Dichtungen des 11. u.12. Jhs., Band III, 622)
  • Gîburc ermahnt die zum Kreuzzug bereiten Krieger, wenn die Heiden unterliegen sollten, sie ehrenhaft zu behandeln: Hœret eines tumben wîbes rât, schônet gotes handgetât! Ein heiden was der êrste man, den got machen began. (Wolfram von Eschenbach, »Willehalm« 306,27f.)

Die Hand Gottes als Synekdoche für Gott kommt biblisch oft vor: eine Hand schreibt das Menetekel an die Wand (Daniel 5,4 und 24); die Hand Gottes liegt Tag und Nacht schwer auf dem Sündigen (Psalm 31,4 Vg.); man soll sich unter die gewaltige Hand Gottes demütigen (1. Petrusbrief 5,16) — Vgl. Andreas Wagner, Artikel »Hand (AT)«, (2007), in: Lexikon Bibelwissenschaft > http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/40970/

Ein Flugblatt aus Nürnberg, das man auf vor 1627 datieren kann, zeigt eine Abbreviatur der Welt in der Hand Gottes (angeschrieben mit JHWH).

Schola Gentilium, Der Heyden Schul  vnd Vnterweisung/ wie sie in dem eusserlichen Erkaͤntnuß Gottes Staffelweiß auffsteigen koͤndten; in: Deutsche illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts / hrsg. von Wolfgang Harms und Michael Schilling, Band 1, Tübingen: Niemeyer, 1985, Nr. 8. Vgl. das Digitalisat des British Museum > https://tinyurl.com/mhcdox7

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Die Hand des Künstlers

In den »Hierogylphica« des Horapollon (> https://de.wikipedia.org/wiki/Horapollon ) wurde versucht, die Hieroglyphen auf eine allegorische Art zu verstehen. 

 

Quo modo hominem ædificandi studiosum. Aedificandi cupidum hominem volentes innuere, hominis manum pingunt. Haec enim omnia absolvit opera.
Wie sie einen Menschen [mittels einer Hierogylphe bezeichnen], der bestrebt ist zu bauen. Sie zeichnen die Hand eines eifrig bauen wollenden Menschen; diese [die Hand] vollendet alle Werke.

Ori Apollonis Niliaci, de sacris notis & sculpturis libri duo, vbi ad fidem vetudti codicis manu scripti restituta sunt loca permulta, corrupta ante ac deplorata, Parisiis, Apud Iacobum Keruer 1551. > https://archive.org/details/oriapollonisnili00hora

 

Zeigt Albrecht Dürer in seinem Selbstportrait (1493) nicht ganz prominent das Instrument, mit dem er seine Werke schafft? (Quelle: http://www.wikiart.org)

Vgl. das Selbstportrait von Parmigianino (1524):  https://de.wikipedia.org/wiki/Parmigianino#/media/File:Parmigianino_Selfportrait.jpg

 

Die an den Händen des Dirigenten befestigten elektrischen Birnen zeigen die Gesten am Beginn einer Symphonie von Brahms. – Der Musiker hat mit dem Maler und mit dem Bildhauer gemeinsam, dass seine Hände das Haupthandwerkszeug seiner Kunst sind. […] Die Hand, die den Stab des Dirigenten eines Orchesters führt, […] überträgt auf das spielende Orchester in gemessenen, aber spannungsgeladenen Bewegungen Gehalt, Geist und Stimmung des Musikstücks. […] (Pestalozzikalender 1952, S.251)

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Unterhalt

Französ. le maintien bedeutet ›Weiterbestehen, Aufrechterhaltung‹; engl. to maintain ›unterstützen, halten‹. Das hier gezeigte Emblem (eines von sehr vielen ähnlichen) besagt: Verlass uns nicht!

NE LINQUAS

Derhalben weil GOtt so groß ist/ seine Gnad uns elende Menschen erhält/ und seine unendliche Macht uns bewahret/ so müssen wir das allein von ihm bitten/ daß er uns nicht fallen lasse; Unser Seel/ indem sie von ihm bewahret wird/ ist gleichsam ein brennend Hertz/ welches eine liebreiche Hand in den Wolcken hält; aber unten fliesset ein groß Wasser/ so es außzulöschen und verderben wird/ wann es herab fällt. […]

Philothei Christliche Sinne-Bilder. Auß dem Lateinischen ins Teutsch gebracht. Heydelberg/ Bey Johann Peter Zubrodt. Anno MDCLXXIX, Symbolum XXXIX.

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Zähl-Finger

Das Zehlen mit den Fingern ist sonderlich gebräuchlich gewesen bey denen Römern: […] Wenn nur der Daumen und der Zeige=Finger in die Höhe stunden, und die andern drei eingeschlagen waren, so bedeutete es 3.

Neue Acerra Philologica Oder Gründliche Nachrichten Aus der Philologie Und den Römischen und Griechischen Antiquitaeten: Darinnen Die schweresten Stellen aller Autorum Classicorum Der Studirenden Jugend Zum besten In einer angenehmen Erzehlung kürtzlich und gründlich erkläret werden. Erstes Stück, Halle 1715.

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Finger-Alphabet

Seit dem 17. Jahrhundert sind Fingeralphabete für die Kommunikation mit und unter Hörgeschädigten in Gebrauch.

Michael Venus, Methodenbuch, oder Anleitung zum Unterrichte der Taubstummen. Mit 14 lithographischen Tafeln von Philipp Krippel, Wien: Carl Gerold 1826.

Hinweise:

John Bulwer (1606–1656), Chirologia. Or the naturall Language of the Hand. Composed of the speaking motions, and discoursing gestures thereof, 1644. > https://en.wikipedia.org/wiki/John_Bulwer#Chirologia_and_Chironomia  und  > https://archive.org/details/gu_chirologianat00gent

http://www.fakoo.de/finger.html

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Handhabung eines Geräts

Im englischen Begriff instruction manual steckt die Hand (manus) noch drin; das Wort kommt von lat. manuale = ein Buch, das schnell bei der Hand ist.


Wie man den Zügel hält. Aus: Francisci Philippi Florini Oeconomvs prvdens et legalis. Oder allgemeiner Klug- und Rechts-verständiger Haus-Vatter/ […], Nürnberg, Franckfurt und Leipzig. In Verlegung Christoph Riegels. Gedruckt bey Johann Leonhard Knorzen 1705; Band II, S. 908 > http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/pageview/3457078

 

Bedienungsanleitung der Leica Modell B, Wetzlar 1937: Kapitel Laden der Kamera bei gedämpftem Tageslicht. — Die erklärenden Bilder werden präsentiert, als wären die abgebildeten Hände die Hände des Benutzers.

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Handlesekunst

Chiromantie (Weissagung aus der Hand; engl. Palmistry) ist eine Praktik, um aufgrund der verschieden geformten Linien und Hügel der Handinnenfläche den Charakter und künftige Schicksale einer Person zu erkunden. Die Linien und Hügel sind grundsätzlich bei jedem Menschen vorhanden, indessen spezifisch ausgebildet. Die Instruktionen zeigen typische Linienmuster, die bestimmten Charaktertypen und Prognosen zugeordnet sind.

Einen falschen/ listigen und betrieglichen Menschen kan man bey folgenden Zeichen erkennen. […] 3. Wenn die [Linea] Mensalis Ramos über sich hat. – 4. Wenn die [Linea] Naturalis ab initio ist furcata.

Chiromantia Harmonica, Das ist/ Ubereinstimmung der Chiromantiae oder Linien in denen Händen/ mit der Physiognomia oder Linien an der Stirn / Mit Fleiß verfertiget Durch Johann Abraham Jacob Höping; Zum drittenmahl gedruckt/ Und durchgehends an allen Orthen ... vermehret. Jena: Birckner 1681; Nr. 61.

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Anhand der Finger sich das Credo und die 12 Apostel merken

Die Hand mit (ohne den Daumen) 4 Fingern zu 3 Gliedern eignet sich für die Repräsentation einer Menge von 12 Elementen, beispielsweise die zwölf Sätze des Credo.

Stephan Fridolin / Wilhelm Pleydenwurff und Michael Wolgemut [Illustratoren], Schatzbehalter, Nürnberg: Koberger 1491; Blatt Viij verso > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/is00306000/0514

Die Zuordnung zu den Fingergliedern ist so, dass auf den drei Gliedern des Zeigefingers die drei Sätze zur Trinität liegen. – Zu jedem Fingerglied wird auch einer der 12 Apostel assoziiert (beides rechts im Kommentar skizziert). Auf dem Daumen sind Christus und Maria abgebildet.

Vom selben Typ ist die »Guidonische Hand«, wo jedem Ton des (damaligen) musikalischen Systems ein Punkt auf der Hand zugeordnet ist. (Zum genaueren Verständnis muss man gute Kenntnisse in Musikgeschichte mitbringen.)

Dem sagt man ›Digitalisierung‹ von Information (von lat. digitus = Finger)!

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Die Rechte-Hand-Regel

Ein stromdurchflossener Draht in einem Magnetfeld erfährt eine Ablenkung. (Darauf beruht der Elektromotor.) Aber in welche Richtung?

Die Anatomie der Hand bedingt, dass die Finger nur auf eine Weise dreidimensional ausgestreckt werden können, darauf beruht die Rechte-Hand-Regel:

Der Daumen zeigt in Richtung des Stroms (von + nach –); der Zeigefinger zeigt in Richtung des Magnetfelds (von Nord nach Süd); der Mittelfinger zeigt die Wirkung (W) an.

Quelle: Kleine Enzyklopädie Natur, (Hauptredaktion Gerhard Niese), Leipzig: VEB Verlag Enzyklopädie, 1961; S. 219.

Hinweis: https://de.wikipedia.org/wiki/Drei-Finger-Regel#Elektrotechnik

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Immer dieselbe

Die Funktionalität der Hand verlangt und die Anatomie ermöglicht es, dass dieses Organ verschiedene Gestalt haben kann.

In der Emblematik wird das so moralisiert: Die offene Hand bedeutet das Glück (la prosperidad); die geschlossene die Widerwärtigkeit (la aversidad). SEMPER EADEM: Es ist immer dieselbe Hand, nur sieht sie einmal so, ein andermal anders aus. Das Gemüt des Beherzten nimmt die Wechselfälle gelassen hin.

Juan de Borja (* 1533), Empresas morales, Praga: Jorge Nigrin, 1581 (hier nach der Ausgabe 1680). Digitalisat > https://archive.org/stream/empresasmorales00borja#page/47/mode/1up

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Die Hand als Maß

Die Hand ist immer zur Hand, auch wenn man keinen Maßstab bei sich hat. Und der Finger (digitus), die Handfläche (palmus), die hohle Hand sind bei allen Erwachsenen mehr oder weniger gleich breit bzw. enthalten etwa gleich viel Korn... Und so können sie als ungefähres Maß dienen, ebenso wie der Fuß, der Schritt:

Quelle: Cosmographicus Liber Petri Apiani Mathematici studiose collectus, Landshutae 1524, Col. 34 >  http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00064968/image_44

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Schattenspiele

Weil die Hand ganz verschiedene Gestalt einnehmen kann, eignet sie sich für folgenden Spaß:

Quelle: Schatzkästlein, Jahrgang %%%%


Signale mit der Hand

Weil die Hand mit den Fingern so beweglich ist, kann man damit unterschiedlichste Formen bilden und diese als Zeichen definieren. Gelegentlich basieren diese Zeichen auf anthropologischen Grundlagen, oft sind sie kulturell-konventionell. Die Menge ist heutzutage enorm. — Überblick > https://en.wikipedia.org/wiki/Category:Hand_gestures

••• Eine barocke Anleitung zur Schauspielkunst sagt:

4. Wir leiden oder trauern, indem die Hände kammweise in einander geflochten […] werden.

6. Wir machen Vorwürfe mit drei eingebogenen Fingern und dem ausgestreckten Zeigefinger oder dem eingebogenen Mittelfinger und den übrigen drei ausgestreckten oder mit den beiden eingebogenen mittleren Fingern.

8. Wir fragen, indem wir die rechte, etwas gewendete Hand anheben.

9. Wir bereuen mit der geschlossenen gegen die Brust geführten Hand.

Aus: Franciscus Lang, Dissertatio de actione scenica, cum Figuris eandem explicantibus, et Observationibus quibusdam de arte comica, Monachii 1727 – Abhandlung über die Schauspielkunst, übersetzt und herausgegeben [und mit einem Nachwort versehen] von Alexander Rudin, Bern: Francke 1975.

••• Beim Pfadfindergruß weisen Zeige-, Mittel- und Ringfinger nach oben, und der Daumen legt sich auf den kleinen Finger. Die drei aufrechten Finger stehen für die drei Elemente des Pfadfinderversprechens (treu, ehrlich, hilfsbereit). Der Daumen (der Starke) schützt den kleinen Finger (der Schwache). > https://de.wikipedia.org/wiki/Pfadfindergruß

••• Zu den symbolischen Handgesten im Hinduismus und Buddhismus (Mudra) > https://en.wikipedia.org/wiki/Mudra

••• Mit den Fingern kann man auch Buchstaben formen. Winston Churchill hat so während des 2.Weltkriegs bekanntlich das V für ›Victory‹ signalisiert:

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Votivbild

Votivbilder sind Danktafeln für die Errettung aus Krankheit, Bedrängnis, Unglücksfall. Der Betroffene stellt die Notsituation oder den betroffenen Körperteil bildlich dar. Die Aufschrift »Ex Voto« rührt daher, dass der Gläubige in der Notlage gelobt (lat. voveo, votum ›etwas feierlich versprechen‹) hat, bei der Errettung ein Opfer darzubringen.

In diesem Fall ist der Betreffende von einem Hand- (und Fuß-) Leiden geheilt worden. Das Bild der Hand zeigt nicht, wie diese aussieht, sondern ist ein Stellvertreter für die bewahrte oder geheilte Hand.

Lenz Kriss-Rettenbeck, Ex voto. Zeichen, Bild und Abbild im christlichen Votivbrauchtum, Zürich: Atlantis 1972, Abb. 121.

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Die Hand als Sonnenuhr

Die Hand wird nach Osten ausgerichtet; zwischen Daumen und Handballen wird ein Stäbchen gehalten, das einen Schatten auf die Handfläche wirft; an den 12 Fingergelenken wird die Zeit abgelesen. (So ganz klar ist die Bedienungsanleitung freilich nicht...)

Der hundert-Augige blinde Argos, und zwey-Gsichtige Janus, Oder Latinum Chaos. Der andere Bettl-Hafen, König- oder Glücks-Hafen. Aus vilen Bücheren heraus gezogene Nutzlich, Geist- und Weltliche Ehr- und Lehr-Sprüch: Emplemata, Lemmata, seltzame Sprüchwörter, […] ab Andrea Sutore […] Augsburg und München, Mathæus Rieger, 1740. Zum Stichwort Tempus

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Abwehrzauber

Bei der nächtlichen Feier der Lemuria im Mai stand der Römer auf und ging barfuß durch das Haus und suchte sich vor einer unheilvollen Begegnung mit Gespenstern mit einer zauberabwehrenden Fingergeste zu schützen: er ›machte die Feige‹:

signaque dat digitis medio cum pollice iunctis,
     occurrat tacito ne levis umbra sibi.
(Ovid, Fasti V, 433f.)

Er macht das Zeichen des Daumens zwischen den Fingern,
     damit ihm in der Stille nicht ein unbeständiger Schatten begegnet.

Möglicherweise ist aus der Hand-Geste des Weg-Schiebens die Vorstellung entstanden, dass die Hand apotropäische Funktion haben kann.

Die vor Bacchus (rechts auf der anschließenden Wand) verängstigte (?) Frau in der Villa dei Misteri in Pompeij scheint so zu reagieren:

Hamsa – Die Hand der Fatima – getragen als Amulett/Talisman – gilt im islamischen Volksglauben als Schutz gegen die dämonenhaften Dschinn und den bösen Blick. Hamsa bedeutet fünf – das bezieht sich einerseits auf die fünf Finger, anderseits auf die fünf Grundpflichten des Islam. Das Zeigen der offenen Hand hat schützende oder segnende Kraft.

 

Ob diese Hände (Felszeichnung bei Bohuslän, Schweden) auch für die Abwehr bestimmt waren? Oder ist es ein Gestus der Scheu vor dem Numinosen (siehe oben )?

Hinweis: Irenäus Eibl-Eibesfeldt / Christa Sütterlin, Im Banne der Angst. Zur Natur- und Kunstgeschichte menschlicher Abwehrsymbolik, München: Piper 1992; Kapitel 13. 

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Handschlag

Von da zog Jehu weiter und traf Jonadab, der ihm entgegenkam. Er grüßte ihn und fragte: ›Ist dein Herz aufrichtig gegen mich wie mein Herz gegen dich?‹ Jonadab antwortete: ›So ist es.‹ [Da sagte Jehu:] ›Wenn es so ist, dann reich mir deine Hand!‹ Da reichte er ihm die Hand und Jehu nahm ihn zu sich auf den Wagen. (IV. Reg. = 2.Könige 10,15f., Einheitsübersetzung)

Das Ritual des Händegebens zum Gruß ist in allen Kulturen verbreitet. Die Verhaltensforschung* führt den Gestus zurück auf (a) das helfende, ermutigende Entgegenstrecken der Hand gegenüber Kindern, (b) das Füttern, wobei bei der Begrüßung statt Futter Kontakt geschenkt wird, (c; meine Ansicht PM) das offensichtliche Darstellen davon, dass man nicht zum Schlag ausholt oder gar eine Waffe in der Hand hat. (*vgl. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Liebe und Hass, 1970, 203ff.)

In diesem Emblem ist der Handschlag Symbol der Treue; weder Gold, noch Feuer und Schwert können den wechselseitigen Treueschwur trennen:

NEC FERRO VINCERE NEC AURO

Dise Trew sol nichts scheyden

Sihe da die Rechte Hand/
Was ich sage hat bestandt;
Weder streicheln weder beissen
Sol der Liebe Band zerreissen.

Julius Wilhelm Zincgref (1591–1635), Emblematum ethico-politicorum centuria, apud Iohann. Theodor. de Brij, 1619; Faksimile der Ausgabe Heidelberg 1664, Heidelberg: Winter 1986; Nr. LXXXV.

 

 

Diego de Saavedra Fajardo (1584–1648) bringt in siner »Idea de un principe politico christiano« (Erstausgabe 1640) ein Emblem, das zwei Hände zeigt, die zum Handschlag bereit sind, wobei aber die eine Hand mit Augen ausgestattet ist. Das Motto lautet Fide et diffide; die Augen bedeuten die ›Vor-Sicht‹, die man beim beim Vertrauen walten lassen soll:

 

Nichts iſt/ welches dem menſchen beſſer vnd nützlicher iſt/ als es ein kluges mißtrawen; es iſt ein verwarer vnſeres lebens vnd gantzen wolfart/ welche uns von der eigenen erhaltung eingegeben wirdt/ wo das nit iſt/ da mag keine vorſichtigkeit ſein.

Ein Abriss Eines Christlich-Politischen Printzens, In CI. Sinn-bildern und mercklichen Symbolischen Sprüchen gestelt / von A. Didaco Saavedra Faxardo ... Zu vor auß dem Spanischen ins Lateinisch; nun ins Deutsch versetzt, Zu Amsterdam, Bey Johann Janßonio, dem Jüngern 1655 ; Emblem 51.

 

Hinweise:

http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Handshakes_in_art

http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Handshakes_in_ancient_Greek_funerary_art

http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Handshakes_in_heraldry

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Eine Hand wäscht die andere

Die Redewendung kennen wir meist in einem misstrauischen Sinne: Eine Gefälligkeit wird mit einem Gegendienst belohnt; vgl. Wiktionary

Im Emblembuch von Rollenhagen bezieht sich indessen der Satz MANUS MANUM LAVAT auf die Ehe. Der Text zum Bild besagt: Die Gattin lebt mit dem Gatten in Harmonie, wenn eine Hand die andere wäscht.

Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim 1611/1613; unter dem Titel: Sinn-Bilder, hg. C.P. Warncke, (Bibliophile Taschenbücher 378), Dortmund 1983. — Band II, Nr.28.

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Aberglauben, und was er vermag

Peter Lauremberg (1585–1639), Neue und vermehrte ACERRA PHILOLOGICA. Das ist: Sieben Hundert Außerlesene, Nützliche / lustige und denckwürdigeHistorien und Discursen. Aus den berühmtesten Griechischen und Lateinischen Scribenten zusammen getragen. [Hier aus der Ausgabe 1717; das Kapitel erscheint bereits 1637.]

Das dritte Hundert nützlicher und lustiger Historien – 97. Von der Hand und den Fingern.

Nicht allein bey den weisen Römern und Griechen/ sondern auch bey den barbarischen Nimidiern/ hat mans dafür gehalten/ daß in der rechten Hand eines Mannes sonderliche Tugend und Autorität bestehe. Mit der rechten Hand haben sie den Frieden verkündiget und angedeutet. Wann sie dieselbe darreichten/ wars ein Zeichen einer demüthigen unterthänigen Bitte/ wie Turnus thate beym Virg. im 12. Buch Æneid.

Beym Euripide wolte Hecuba den Ulyssem um Gnade bitten/ auf daß sie ihre Tochter Iphigeniam wieder loß bekäme; Aber Ulysses zog seine rechte Hand, weg/ und verbarg sie/ damit sie nicht von der Hecuba angerühret würde.

Insonderheit war im Daumen eine Anzeigung der Gunst und Freundlichkeit. Wann man einem Gutes gönnete/ so drückete man den Daumen: Gönnte man Ubels/ so kehret man ihn um.

Der mittelste oder längste Finger ward für unehrlich oder schandbar gehalten: Ward auf jemand mit denselben ausgestreckt gewiesen/ so war es eine grosse Schande demselben/ dem es geschah: Und ward ihm hierdurch Schimpff und Unehr angethan.

Wann eine Frau in Kindes-Nöthen arbeitete/ und jemand zugegen/ der die Hände und Finger in einander geschürtzet/ gleich als ob er betete / das ward für eine Zauberey gehalten/ und könte die kreissende Frau nicht erlöset werden. Noch ärger aber war es/ wann man die also zusammen geschürtzte Hände sitzend über ein oder zwey Knie geschlagen und gehalten. Diß findet man beym Plinio im 17. und 28. Buch.

Aberglaube ist mancherley: Thut aber zu Zeiten auch etwas/ nach dem Sprichwort: Einbildung ist ärger als Pestilentz.

> http://www.zeno.org/nid/20005236878


Lehensübergabe

Immixtio manuum bei der Lehensübergabe:

Der künftige Lehensmann reichte dem, dessen Vasall er wurde, die Hände (in manus N. se commendare). Eine Quelle aus dem Jahr 826 beschreibt das so: Mox manibus iunctis regi se tradidit ultro … Caesar et ipse manus manibus suscepit honestis – Mit zusammengelegten Händen übergab er sich aus freien Stücken dem König … Und der Herrscher selbst empfing diese Hände in seinen ehrwürdigen Händen.  (vgl. François Louis Ganshof, Was ist das Lehnswesen? Darmstadt: WBG, 4.Aufl. 1975, S. 26f: Die Kommendation)

Eike von Repgow, Sachsenspiegel, Anfang 14. Jh. (Cod. Pal. germ. 164, 2verso) > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg164/0018

(Hier belehnt der Herr gleichzeitig zwei Mannen mit demselben Gut. Der eine bekommt den Besitz, was mit dem Griff auf die Ähren ausgedrückt ist; der andere die Anwartschaft, was durch die mit einem Kreis umschlossenen Ähren versinnbildlicht ist.)

vgl. auch: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg362/0095

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Schwurhand

Zur Bekräftigung oder gar zum Vollzug eines Geschäfts leistet man einen Eid. Dazu legt man eine Hand auf einen bedeutsamen Gegenstand (Schwert, Reliquie, Bibel, Verfassung, die Frauen auf den Haarzopf o.ä.); jünger ist die Geste des Erhebens der Hand gegen den Himmel. In Urkunden heisst das:

mit vferhabnen handen vnd gelerten worten gesworen (1475  Stadtrecht von Murten);

er bewisete dis mit sines selbist hant alleine, daz er ane sine wissenschaft wegkomen sy (Ende 14. Jh., Sächsisches Weichbildrecht)

Der Rütlischwur in der Stumpf-Chronik: Dry menner schweerend den ersten pundt
Gemeiner loblicher Eydgnoschafft Stetten / Landen vnd Völckeren Chronik wirdiger thaaten beschreybung […] durch Johann Stumpffen beschriben […] Zürich bey Christoffel Froschouer M.D.XLVII. Band 1, fol. 329r. > http://www.e-rara.ch/zuz/content/titleinfo/1525949

Ein schöne Außlegung deß Eyd-Schwurs hier

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Gelübde

Bei den alten Ägyptern waren die Hände, welche sie göttlich verehrten, nichts als die Denkmahle von gewissen Gelübden, so schreibt Johann Jacob Schatz in seiner komprimierten Übersetzug von Montfoucon.

Fig. 14 sehen wir mehrere dergleichen Zeichen, wobey aus der Aufschrift Cecropius V.C. Votum S., d.i. Cecropius ist »seines Wunsches gewähret worden und hat dieses Gelübde bezahlet« deutlich zu erkennen, daß auch diese Hand von einem Gelübde herrühre. Uebrigens stehet diese Hand auf einem runden Postement, auf welchem ein Schwibbogen, unter dem eine Weibsperson lieget, die ein Kind in den Armen hält. Vermuthlich ist es also ein Gelübde des Cecropius für seinen kranken jungen Sohn, nach dessen Wiedergenesung der Vater diese Hand zu einem dankbaren Andenken hat machen lassen. Ob aber gleich diese Hand mit mancherley Zeichen besetzet ist, so haben die Gelehrten doch kein Bedenken getragen, sich an die Erklärung derselben zu wagen. Da es die rechte Hand vorstellet, so schliesset man, daß das Kind männlichen Geschlechts gewesen. Daß dieses Gelübde dem Jupiter Ammon, der Isis und dem Aesculapius zu Ehren gewidmet gewesen, erkenne man aus dem Widders-Kopf, aus der Zirbelnuße und der Schlange, als denen gewöhnlichen Merkzeichen dieser dreyen Gottheiten. Die andere Schlange soll die wieder zu erlangende Gesundheit bedeuten, der Dreyfuß bedeutet […] die vergangene, gegenwärtige und künftige Zeit, welche von dem Lauf der Sonne, womit Jupiter Hammon übereinkommen soll, bestimmet wird. Der Topf oder das Wassergefäß zeigt den Serapis als den Beherrscher des Gewässers, und zwar insonderheit des Nils, an. Auf der andern Seite dieser Hand sehen wir ein Crocodil, welches so viel heissen soll, als daß die Isis als eine Liebhaberin dieses Thiers Hülfe leisten werde, dergleichen gezwungene Bedeutung auch dem Frosch beygelegt wird. Die Waage bedeutet, daß dieses Kind im Monat September wieder gesund worden. […] Andere noch mehr gezwungene Auslegungen übergehen wir billig mit Stillschweigen.

Griechische Und Römische Alterthümer welche der berühmte P. Montfoucon ehemals samt den dazu gehörigen Supplementen in zehen Bänden in Folio an das Licht gestellet hat, Nicht nur den Studierenden zu Gefallen, sondern auch den Mahlern, Bildhauern, Kupferstechern, Gold- und Silber-Schmieden, wie auch andern dergleichen Künstlern zu einem nützlichen Gebrauch, Auszugsweise in die Kürze und in das Kleine gebracht und in Deutscher Sprache herausgegeben von M. Johann Jacob Schatzen […]; anbey mit gelehrten Anmerkungen versehen von dem Hochwürdigen und Hochgelehrten Herrn Johann Salomon Semlern […], Nürnberg, in Verlag Georg Lichtenstegers,  MDCCLVII.  — Des zweyten Bands Anderer Theil, Des ersten Buches das eilfte Capitel: Von den Händen und andern menschlichen Gliedmassen welche von den Egyptiern Göttlich verehret wurden.

Die Vorlage bei Bernard de Montfaucon, L’antiquité expliquée et représentée en figures […], Paris 1719. > http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k114618r/f100.image


Meineid

In Rom soll eine Bocca della verità gewesen sein, in deren Öffnung der Eidleistende seine Hand legen musste; schwur er falsch, so schloss sich der Mund des Steins und biss sie ab.

Kupfer von Georg Pencz

Ein Keiserin stieß ir Hand in das Maul Vergilii.
Virgilius hat zů Rom ein Angesicht an einen Stein gmacht, da bewert man die, die da Eid schwüren. Wan einer unrecht geschworen het, so beiß das Angesicht dem die Hand, wan er im die Hand in das Maul stieß; het er recht geschworen, so geschach im nichtz. Also warden vil überwunden, das sie meineidig waren. Es begab sich, das ein Keiser die Keiserin in dem Argwon het, wie das sie schimpfft mit einem Ritter. Der Keiser strafft sie offt mit Worten, wan im etwas gesagt ward. Uff einmal sprach er: ›Frau, die Sachen gon nit recht zů. Wöllen ir euch vor dem Stein Virgilii purgieren und reinigen, das ir schweren und die Hand in das Maul stossen, so wil ich euch glauben.‹ Die Frau sprach Ja. Der Tag ward gesetzt, das es geschehen solt.

Johannes Pauli (* um 1455, † zwischen 1530 und 1533), »Schimpf und Ernst« (Straßburg, Johannes Grieninger 1522 u.ö.), Von Schimpff das 206. Wie die Geschichte ausgeht, erfährt man hier.

Literaturhinweis: Jacob Grimm, Deutsche Rechtsalterthümer [1828], vierte vermehrte Ausgabe besorgt durch Andreas Heusler und Rudolf Hübner, 2 Bde., Leipzig 1899; Band 2, S. 560.

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›Ich wasche meine Hände in Unschuld.‹

Passional in: Ein betbüchlin mit eym Calender/ hübsch zu gericht. M. Luther, Wittemberg [Hans Lufft] MCxxix.
 — Dürer hat die Szene in der »Kleinen Passion« dargestellt. > https://skd-online-collection.skd.museum/Details/Index/964889

Der Text auf der gegenüberliegenden Seite lautet (Matthäus 27,24): Da aber Pilatus sahe/ das er nichts schaffet/ sondern viel ein grösser getümel ward/ Nam er wasser/ vnd wusch die hende fur dem volck/ vnd sprach/ Ich bin unschuldig am blut dieses gerechten/ Sehet yhr zu. Da antwortet das gantze volck vnd sprach/ Sein blut kome vber vns vnd vber vnser kinder.

Die Vorstellung vom Waschen der Hände für die Bezeugung von Unschuld begegnet schon im Alten Testament: 5.Buch Moses 21,1–9; Psalm 26 und 73,13. – Pilatus vergegenständlichte die Redewendung in der Art der Propheten (vgl. die Geschichte vom zerschlagenen tönernen Krug Jeremia 19).

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Hand in der Weste

Napoléon lässt sich 1801 von Jean-Baptiste Isabey (1767–1855) in Malmaison mit der Geste ›La main dans le gilet‹ portraitieren. Damit inszeniert er sich als besonnenen Staatsmann im Gegensatz zum kühnen Feldherrn nach dem Ägyptenfeldzug. Die Geste hat eine Tradition seit der Antike.

Uwe Fleckner, Artikel ›Hand in der Weste‹ in: Handbuch der politischen Ikonographie, hg. Uwe Fleckner / Martin Warnke / Hendrik Ziegler, München: Beck 2011, s.v.

Handschuhe

Dass Handschuhe dem Schutz der Hände vor Schmutz, vor rauhen Oberflächen oder vor Kälte gedient haben, greift zu kurz. Sie hatten eine symbolische Funktion.

• Handschuh als Boten-Zeichen, als Zeichen der Beauftragung, Insignie der Bevollmächtigung durch einen mächtigen Herrn.

Hier bei der Beschlagnahme von Gütern:

Weistum von Lützelau (Grimm 211; Schwineköper 55f.): ein walpode [der Gesandte eines Grafen] der sal han zween wiße hantschuwe und sal treten mit sim rechten fuß auf den stein … und sal ufwerfen der hentschuwe einen und sal sprechen: ich sten hutzetage hie und beneme Heinzen oder Kunzen sin landtrecht ….

 • Fehdehandschuh: Wer dem Gegner den Handschuh zuwirft, fordert ihn damit zum Kampf auf.

sinen hantschuoch zôh er abe,
Er bôt in Morolde da
r (Gottfrid von Straßburg, »Tristan«, V. 6458)

 • Symbolik der Handschuhe bei der Liturgie:

Bild aus Joseph Braun, Die liturgische Gewandung im Occident und Orient, nach Ursprung und Entwicklung, Verwendung und Symbolik, Freiburg/Br.: Herder 1907.

Weil viele das gute Werk, das sie tun, durch leeren Gunsterweis beschmutzen, deshalb deckt der Pontifex gleich nach dem Anziehen der Dalmatik […] die Hände mit Handschuhen, damit seine Linke nicht weiß, was die Rechte tut (vgl. Matth 6,3). Durch den Handschuh wird also zutreffend die Vorsicht bezeichnet, die es so macht, dass sie das Werk derart in der Öffentlichkeit tut, dass sie die Absicht verborgen hält. […]

Die Handschuhe werden verglichen mit den Böckchen-Fellen, die Rebekka um die Hände Jakobs gewickelt hat, damit sie den behaarten Händen des älteren Bruders Esau ähnlich waren, so dass der altersblinde Vater (Isaak) vermeintlich den Erstgeborenen, Esau segnete (vgl. Genesis 27 –  Bild). Rebekka (allegorisch die Gnade des Heiligen Geistes) verwendet das Böckchen-Fell (das ist ein Betrug, eine Sünde), so wie Christus die Ähnlichkeit mit der Sünde ohne Sünde angenommen hat – Hunger und Durst gelitten, Schmerzen ertragen –, damit das Geheimnis der Menschwerdung dem Teufel verborgen bleibe; so geschehen bei der Versuchung, die dem Teufel aber nicht gelingt (Matth 4,1–11). – Eine etwas weit hergeholte Symbolik, um die Handschuhe des Bischofs zu erklären, der in der Nachfolge Christi steht  …

Durandus († 1296), Rationale divinorum officiorum : Übersetzung und Verzeichnisse von Herbert Douteil, mit einer Einführung herausgegeben und bearbeitet von Rudolf Suntrup, Münster: Aschendorff Verlag, 2016; I, 12.

Spezialliteratur:

Jacob Grimm, Deutsche Rechtsalterthümer [1828], vierte vermehrte Ausgabe besorgt durch Andreas Heusler und Rudolf Hübner, Leipzig 1899,Band I, 209–213.

Berent Schwineköper, Der Handschuh im Recht, Ämterwesen, Brauch und Volksglauben, Berlin 1938 und Sigmaringen: Thorbecke 1981. 

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Wegweiser

Mit der Hand zeigen wir die Richtung an. Alte Wegweiser haben die Form einer Hand; der abstrakte Pfeil ist jung. (Seit wann?)

Neuer Orbis Pictus für die Jugend, oder Schauplatz der Natur, der Kunst und des Menschenlebens […] eingerichtet von J. E. Gailer, Reutlingen: Mäcken 1832; Nr. 133.

Sebastian Brant verwendet den Wegweiser in Kap. 21 seines »Narrenschiff« (1494) symbolisch: Von Tadeln und Selbertun. Wer andern den guten Weg zeigt, selbst aber im Sumpf bleibt, der ist ein Narr. > http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/15Jh/Brant/bra_n021.html

Das Bild zeigt einen Narren, der in einen Sumpf geraten ist und mit der Hand den Weg daraus heraus zeigt. – Auch die (an einem Crucifix montierte) Hand an der Wegscheide zeigt einen Weg, den sie selbst nicht geht. (Dem Wegweiser wird man das nicht vorwerfen wollen; im Gegenteil: es ist gut, dass er am Ort bleibt – aber dem Narren schon. Insofern ist die Analogie etwas schräg...)

Hier zur Abwechslung der Holzschnitt aus »Das neue Narrenschiff«, Augsburg: Johann Schönsperger 1495 > https://archive.org/stream/OEXV4SUP33#page/n70/mode/1up

Anders verwendet das Gleichnis Johann Georg Hamann (»Sokratische Denkwürdigkeiten«, 1759, S. 55f.): Jch kann nichts mehr thun als der Arm eines Wegweisers und bin zu hölzern meinen Lesern in dem Laufe ihrer Betrachtungen Gesellschaft zu leisten.

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Schau da hin!

Ein kleines Händchen (lateinisch: manicula) haben die Leser einst an den Rand der Seite gezeichnet, um auf eine Stelle hinzuweisen, die sie in Erinnerung behalten wollten, oder um andere Leser darauf hinzuweisen.

Wir kennen das Händchen in der Typographie als ›white right pointing index‹ (Unicode U+261E ☞) und als ›pointer icon‹ von unseren Bildschirmen.

http://en.wikipedia.org/wiki/Index_(typography)

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Der Like-Button

Woher wissen wir, dass der nach oben gerichtete Daumen das Zeichen für »I like this XX« ist?

(Das emoji namens thumbsup)

Das kommt doch von den antiken Gladiatorenkämpfen! Aber da liest man in einem Lexikon, dass das Publikum, »wenn es ihn [den verwundeten Gladiator] gerettet haben wollte, den Daumen niederdrückte (pollicem premere); wollte es aber seinen Tod, den Daumen in die Höhe streckte (pollicem vertebant) und ihm befahl, sein Schwert wieder zu nehmen.« (C. P. Funke, Neues Real-Schullexikon enthaltend die zur Erklärung der alten Klassiker nothwendigen Hülfswissenschaften … , Zweiter Theil, Wien/Prag 1805, S.696).

Es gibt nur wenige Schriftstellen, wo diese Gesten erwähnt werden, und nirgends ist ganz klar, in welche Richtung der gedrehte Daumen (pollex) zeigt.

Juvenal, 3. Satire, Vers 36f.: verso pollice vulgus cum iubet, occidunt populariter — Horaz, Epist. I, 18, V 65f: consentire … laudit pollice — Plinius, hist nat. XXVIII,v,25 pollices, cum faveamus, premere etiam proverbio iubemur

Edwin Post, »Pollice verso«, in: American Journal of Philology Vol. 13, No. 2 (1892), pp. 213–225: »There is no doubt that pollicem vertere or convertere (lit. “to turn the thumb”) was the sign for death made in answer to the appeal for mercy. This is clear from Juvenal 3.34‑37, and from a passage in Prudentius Clemens […]. But this does not touch the question as to what this sign, or turn of the thumb, was. > http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Journals/AJP/13/2/Pollice_Verso*.html

Anthony Corbeill, Thumbs in Ancient Rome; “Pollex” as Index, in: Memoirs of the American Academy in Rome 42 (1997), pp. 1–21. > https://www.jstor.org/stable/4238745

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Das Handzeichen des Autofahrers

Pestalozzikalender 1930.

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Kulturelle Unterschiede

Die Geste des nach oben gestreckten Daumens für ›ok‹ oder ›super‹ kann in anderen Kulturkreisen eine Beschimpfung darstellen. Die Emoticons, die man per SMS verschickt, unterscheiden das nicht.

 Dazu der Hinweis auf eine Website von »Geo« {Mai 2017}

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Welche Symbolik?

••• In einigen wenigen Höhlen aus dem Gravettien (vor 31'000 bis  25'000 Jahren) sind Hände sichtbar – nicht als Abdrücke hergestellt, sondern so, dass die Hand wie eine Schablone auf den Felsen gelegt und dann rote oder schwarze Farbe darüber gespritzt wurde:

Quelle: https://archaeologynewsnetwork.blogspot.ch/2012/06/iberian-paintings-are-europes-oldest.html

Der Prähistoriker Jean Clottes dazu (2003): »Le but n’était pas de recréer une réalité, mais de passer ses doigts et de laisser ses traces partout où cela était possible, pour créer un contact direct avec les forces sous-jacentes à la roche, […] Une liaison avec le monde des esprits.« > https://histoire-cnrs.revues.org/553

••• In der Gegend des Plateau de Diesse im Berner Jura wurde 2017 eine Bronzehand mit Goldarmband gefunden. Sie kann mit C14-Methode in die Zeit von 1'500 bis 1'400 v.Chr. datiert werden. Die Archäologen sind ratlos.

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Fake-Hand

Irritierend ist es, wenn an einem Ort eine Hand erscheint, wo es gar keine geben kann. Das kann als bloße Spielerei der Natur aufgefasst werden, aber auch als Vorzeichen.
Text dazu:  Unter den grössesten Wunder-Bildungen der Natur in den Wurtzeln finde ich […] keine/ die so seltzam und sonderbahrer Betrachtung würdig ist/ als dieser seltzame Rettich. […] Er bildet eine mehr als natürliche Hand ab/ und ist 1558 bey Harlem in Holland/ in einem sandichten Grunde gewachsen.
 
Quelle: E. G. Happelii Gröste Denkwürdigkeiten der Welt Oder so genannte Relationes Curiosæ. Worinnen dargestellet/ und Nach dem Probier-Stein der Vernunfft examiniret werden/ die vornehmsten Physicalis. Mathematis. Historische und andere Merckwürdige Seltzamkeiten/ Welche an unserm sichtbahren Himmel/ in und unter der Erden/ und im Meer jemahlen zu finden oder zu sehen gewesen/ und sich begeben haben. Der Erste Theil. Einem jeden curieusen Liebhaber zu gut auffgesetzet/ in Duck verfertiget/ und mit vielen Figuren und Abrissen erläutert, Hamburg: Wiering 1683, S. 296. > https://archive.org/stream/imageGIX360MiscellaneaOpal#page/n383/mode/2up

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Epilog


Aristoteles (384–322)  über die Hand:

Indem der Mensch allein unter allen Lebewesen aufrecht geht, kann er die Vorderfüße nicht gebrauchen, und statt ihrer gab ihm die Natur Arme und Hände. […] Die Natur verteilt immer ein jedes Ding an den, der es benutzen kann. Denn es ist angemessener, dem Flötenspieler Flöten zu geben, als den, der eine Flöte besitzt, das Flötenspielen zu lernen. […] Wenn es nun so besser ist, und die Natur unter dem Möglichen immer das Beste schafft, so ist der Mensch nicht, weil er Hände hat, am vernünftigsten, sondern weil er das klügste Wesen ist, hat er Hände.

Denn je klüger jemand ist, mit desto mehr Werkzeugen versteht er umzugehen; die Hand scheint aber nicht nur  e i n  Werkzeug, sondern viele zu sein, denn sie ist gewissermaßen ein Werkzeug, das andere Werkzeuge ersetzt. Demjenigen Wesen nun, welches für die meisten Kunstfertigkeiten befähigt ist, gab die Natur die Hand, die unter allen Werkzeugen am vielseitigsten zu gebrauchen ist.

Es haben also diejenigen unrecht, die behaupten, der Mensch sei nicht zweckmäßig, sondern am schlechtesten von allen Tieren gebildet – sie sagen nämlich, er sei barfuß und nackt und habe keine Waffe zur Wehr. Denn die Tiere haben
[je] nur ein einziges Verteidigungsmittel und können dieses nicht mit anderen vertauschen, sondern müssen sozusagen immer mit Schuhen schlafen und tätig sein, dürfen auch die Hülle um den Leib niemals ablegen, noch können sie die Waffe, die sie einmal haben, vertauschen.

Der Mensch aber hat die Möglichkeit, viele Verteidigungsmittel zu besitzen und diese immer wieder auszuwechseln, ebenso jede Waffe, welche er nur will und wo er will, zu haben. Denn die Hand wird sowohl zur Kralle, zum Huf und zum Horn
[…] und zu jeglicher möglichen Art von Waffe und Werkzeug; sie kann ja zu allem werden, weil sie alles fassen und halten kann.

In dieser Beziehung ist denn auch die Gestalt der Hand von der Natur entsprechend gebildet. Sie ist vielgespalten und kann gespreizt werden; in der Spreizung liegt aber auch die Möglichkeit der Schließung.
[…] Auch eignen sich die Gelenke der Finger vorzüglich zum Festhalten und zum Drücken. Ein Finger liegt an der Seite und ist kurz und dick, nicht aber lang; denn wie man ohne Hand überhaupt nichts fassen könnte, so könnte man es auch nicht, wenn jener nicht nach der Seite abstünde. Denn dieser drückt das von unten nach oben, was die anderen Finger von oben nach unten drücken […]. Er heißt ›der Große‹ [der Daumen], wenn er auch nur klein ist, weil die anderen ohne ihn sozusagen unwirksam sind. Auch der letzte Finger ist mit Recht klein und der mittlere lang, wie das mittlere Ruder eines Schiffes, denn das Erfasste muss bei den Verrichtungen hauptsächlich rings in der Mitte umfasst werden.

»De partibus animalium«, Buch IV, Cap. 10 = 687a–b (nach: Aristoteles, Biologische Schriften, Griechisch und deutsch, hg. von Heinrich Balss, München: Heimeran 1943).

(Englische Übersetzung: https://archive.org/stream/worksofaristotle512aris#page/n188/mode/1up)

 

Ferner Nachklang bei Immanuel Kant, »Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht« (1784); Dritter Satz > http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3506/1

Die Erfindung seiner Nahrungsmittel, seiner Bedeckung, seiner äußeren Sicherheit und Verteidigung (wozu sie ihm weder die Hörner des Stiers, noch die Klauen des Löwen, noch das Gebiß des Hundes, sondern bloß Hände gab), alle Ergötzlichkeit, die das Leben angenehm machen kann, selbst seine Einsicht und Klugheit und sogar die Gutartigkeit seines Willens sollten gänzlich sein [des Menschen] eigen Werk sein. 

 

Skelette der Vorderextremitäten: 124 Fledermaus; 125 Wal; 126 Maulwurf; 127 Mensch — fehlt nur noch der Pferdefuß … Wilhelm Leche, Der Mensch, sein Ursprung und seine Entwicklung, in gemeinverständlicher Darstellung,  Jena: Gustav Fischer 1911; S. 128. > http://biodiversitylibrary.org/page/10784724

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Weiterführende Hinweise


Ludwig Rudolph, Die Hand. Eine populäre Vorlesung, Berlin, Nicolai, 1859.

Über: Handschmuck (Armbänder, Handschuhe und Fächer), die Hand als Vermittlerin zwischen uns und der Außenwelt, ihre Bedeutung für die Orientierung im Raume, ihre Hilfe zur Bestimmung von Maß- und Zahlenverhältnissen, ihre Rolle in der Musikgeschichte und beim ›geselligen Verkehr‹ (z.B. im Faustkampf), als ›Begleiterin unserer Gedanken‹, Aberglaube, Chiromantie, Gebärdensprache etc.

Artikel »Hand« und »Hand—« in: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Band IV / II, Leipzig 1877, Spalten 324–431. > http://woerterbuchnetz.de/DWB/

Artikel »Hand« in: Karl Friedrich Wilhelm Wander, Deutsches Sprichwörter-Lexikon, 1867–1880. > http://www.zeno.org/Wander-1867/A/Hand?hl=hand

Carl Sittl, Die Gebärden der Griechen und Römer, Leipzig 1890 > https://archive.org/details/diegebrdendergr00sittgoog

Abschnitt zu »Hand und Finger« in: Jacob Grimm, Deutsche Rechtsalterthümer, 4.Auflage Berlin 1899; Band I, S. 190ff.

Karl von Amira, Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels, München 1905. > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/amira1905

Karl Gross (1869–1934), Menschenhand und Gotteshand in Antike und Christentum; aus dem Nachlass hg. von Wolfgang Speyer, Stuttgart: Hiersemann 1985. — 537 Seiten und 17 Abb., alles genauestens dokumentiert. Beispielsweise: Gebetsgesten; Opfergesten; Segnen/Fluchen; Auflegen der Hand zur Rekonziliation; Reinheit der Hände; Verhüllen; Eid leisten; Gotteshand usw.

Henri Focillon (1881–1943), Éloge de la main (1934), in: Vie des formes, suivi de Éloge de la main, Paris, PUF 1943. > digitalisiert

Wilhelm Frenzen, Klagebilder und Klagegebärden in der deutschen Dichtung des höfischen Mittelalters, (Bonner Beiträge zur dt. Philologie 1), Würzburg 1936.

Berent Schwineköper, Der Handschuh im Recht, Ämterwesen, Brauch und Volksglauben, Berlin 1938 und Sigmaringen: Thorbecke 1981.

Hanna Jursch / Ilse Jursch, Hände als Symbol und Gestalt, Berlin: Evangelische Verlagsanstalt 1951 und Neuauflagen.

Anke Roeder, Die Gebärde im Drama des Mittelalters, (MTU 49), 1974.

Dietmar Peil, Die Gebärde bei Chrétien, Hartmann und Wolfram, (Medium Ævum 28), München 1975.

Rudolf Suntrup, Die Bedeutung der liturgischen Gebärden und Bewegungen in lateinischen und deutschen Auslegungen des 9. bis 13. Jahrhunderts, (MMS 37), München 1978.

François Garnier, Le Langage de l’Image au Moyen Age. Signification et Symbolique, Paris 1982; Chapitre IX: Gestes de la Main et du Bras.

Artikel von L. Kötzsche, Hand II (ikonographisch) – C. Vogel, Handauflegung I (liturgisch) – D. Korol, Handauflegung II (ikonographisch) in: Reallexikon für Antike und Christentum Band 13 (1986).

Jean-Claude Schmitt, La raison des gestes dans l’occident médiéval, Gallimard 1990.

Ilsebill Barta Fliedl / Christoph Geissmar, Hand und Erkennen – Hand und Handeln. Zur Bedeutung ihrer Posen und Gebärden, in: diess., Die Beredsamkeit des Leibes. Zur Körpersprache in der Kunst, Salzburg: Residenz 1992, S. 55–78.

Andreas Wagner, Artikel »Hand (AT)«, (2007), in: Lexikon Bibelwissenschaft > http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/40970/

Peez, Georg / Schacht, Michael: Die Zwischenräume begreifen. Ästhetische Zugänge zu unserem elementaren Wahrnehmungs- und Erkenntnisorgan Hand. In: PÄD Forum, Nr. 3, Juni 1999, S. 249-255. > http://www.georgpeez.de/texte/zwraeume.htm

Jörn Münkner, Eingreifen und Begreifen. Handhabungen und Visualisierungen in Flugblättern der Frühen Neuzeit, Berlin: Schmidt 2008 (Philologische Studien und Quellen; Heft 214).

Mariacarla Gadebusch Bondio (Hg.), Die Hand: Elemente einer Medizin- und Kulturgeschichte, LIT Verlag Münster 2010.

DRW = Deutsches Rechtswörterbuch > http://drw-www.adw.uni-heidelberg.de/drw-cgi/zeige   s.v. ›Hand‹ 

Musée de la Main  UNIL-CHUV [ Université de Lausanne / Centre hospitalier universitaire vaudois], Lausanne > http://www.museedelamain.ch

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P. Michel, eingepflegt im April 2016, zuletzt ergänzt im Oktober 2018 (im Mai 2018 hatte die Seite 12'813 Abrufe)