Hunde — symbolische und andere

• Hunde haben in gewissen fiktionalen Erzählungen eine Rolle als Handelnde oder sie sind als bedeutsame Realität wichtig oder sie offenbaren das Verhalten der Menschen, die mit ihnen umgehen.

• In gewissen Textgattungen (Fabel, Emblem) haben sie deutlich eine symbolische oder allegorische Bedeutung.

• Bei etlichen bildlischen Darstellungen fällt auf, dass die Hunde im Umkreis von mächtigen / reichen Personen vorkommen und evtl. ein Statussymbol sind.

• In anderen Kontexten sind Hunde aber bloße Zugabe, Kolorit, werden scheinbar "belanglos" abgebildet sind und der Text im Umfeld besagt nichts über sie. Oder sind sie doch irgendwie bedeutsam? Und aus welchem Grund könnte man ihnen eine Deutung zuordnen?

Wir konzentrieren uns auf ältere Texte und v.a. Bilder. Es ist keine wirkliche "Kynologie". Die Beispiele sind absichtlich nicht geordnet, bestenfalls assoziativ. Und kaum kommentiert, damit die geneigten Betrachter*innen etwas zu sinnieren haben.

 

❑ Zunächst einige weiterführende Hinweise zu symbolischen Bedeutungen:

• Eintrag zum Hund in: Willibald Kobolt (OSB), Die Groß- und Kleine Welt, Natürlich-Sittlich- und Politischer Weiß zum Lust und Nutzen vorgestellt. Das ist: Der mehrist- und fürnemsten Geschöpffen natürliche Eigenschafften, und Beschaffenheit, auf die Sitten, Policey und Lebens-Art der Menschen ausgedeutet. […], Augsburg 1738, S. 367–376
    > http://www.zeno.org/nid/20005181534

• Artikel zum Hund bei »animaliter« > https://www.animaliter.uni-mainz.de/hund/

• 1’889 Einträge in Karl Friedrich Wilhelm Wander, »Deutsches Sprichwörter-Lexikon« (1. Auflage 1867–1880) > http://www.zeno.org/Wander-1867/A/Hund?hl=hund

• Emblemdatenbank unter dem Stichwort "Hund"
     > https://embleme.digitale-sammlungen.de/emblmaske.html

• Der kathol. Geistliche Johann Lorenz Helbig (1662–1721) hat eine umfängliche Predigt-Sammlung unter den Titel gestellt:

Anatomia Canis Mystica Et Moralis, Das ist: Die Eigenschafft eines Hunds, gut und böse, Durch Sonntägliche Predig-Concept Auff Tugend und Laster, welche ein Christen-Mensch, sein Seelen-Heyl zu erwerben, üben und meyden solle also gerichtet, daß auf jeden Sonntag das Erste Concept von einer Eigenschaft des Hunds den Eingang machet, [2 Bände], Nürnberg [u.a.]: Lochner 1720.
> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11056601-5

• Hier ein Beispiel dafür, aus welchen Gründen der Hund den Prediger symbolisieren kann – und es gibt noch viele andere Bedeutungen!
Zuerst wird (mit lat. Propter … oder Quia …) das Vergleichsmerkmal angegeben, sodann eine stützende Bibelstelle, z.Bsp.:

6. Propter luporum odium, Psal.118. Iniquos odio habui.
6. Wegen dem Hass auf die Wölfe, Ps. 118 [Vg.],113: Ich hasse die Ungerechten.

Hermann Heinrich Frey, Therobiblia. Biblisch Thierbuch / darinne alle vierfüßige / zahme / wilde / gifftge und kriechende Ther / Vogel vnd Fisch (deren in der Bibel meldug geschiht) sampt jren Eigenschafften vnnd anhangenden nützlichen Historien beschrieben sind. Mit der alten vnd newen Kirchenlehrer Außlegungen fleissig erkleret […] Leipzig: Johann Beyer 1595; Fol. 113 verso.

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❑ In der heidnisch-antiken Mythologie war der Hund "kein grosser Symbolträger". Vgl. dazu die Website von Stefan Burkhart
> https://burkhart.jimdofree.com/der-hund-in-der-antike/

••• Homer. Der Hund Argos, erkennt seinen Herrn Odysseus bei dessen Heimkunft in Ithaka nach 20 Jahren wieder:

Aber ein Hund erhob auf dem Lager sein Haupt und die Ohren, Argos, welchen vordem der leidengeübte Odysseus selber erzog; […] Ihn führten die Jünglinge vormals Immer auf wilde Ziegen und flüchtige Hasen und Rehe; Aber jetzt, da sein Herr entfernt war, lag er verachtet auf dem großen Haufen vom Miste der Mäuler und Rinder, welcher am Tore des Hofes gehäuft ward, daß ihn Odysseus' Knechte von dannen führen, des Königes Äcker zu düngen; Hier lag Argos, der Hund, von Ungeziefer zerfressen. Dieser, da er nun endlich den nahen Odysseus erkannte, wedelte zwar mit dem Schwanz und senkte die Ohren herunter, aber er war zu schwach, sich seinem Herren zu nähern. Und Odysseus sah es und trocknete heimlich die Träne, … (Homer, Odyssee, 17. Gesang Verse 290ff. in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß > http://www.zeno.org/nid/20005097053)

In der Illustration der Ausgabe der ersten deutschen Übersetzung (Simon Schaidenreißer) ist Argos vorn zu sehen; hinten die prassendden Freier:

Odyssea / das seind die aller zierlichsten vnd / lustigsten vier vnd / zwaintzig bücher des eltisten kunst- / reichesten Vatters aller Poeten Homeri / von der zehen järigen irrfart / des Weltweisen Kriechischen Fürstens Vlyssis beschriben / vnnd erst / durch Maister Simon Schaidenreisser / genannt Mineruium … / mit fleyß zu Teutsch / tranßferiert / mit argumenten vnd kurtzen scholijs erkläret / auch / mit beschreibung des lebens Homeri gemeret / nit vnlustig zu lesen. ... Alexander Weissenhorn, Augustae Vindelicorum excudebat. Anno 1537. — Reprint Münster: Grimmelshausen-Gesellschaft 1986.

 

••• Der Name der Kyniker, dieser antiken Philosophenrichtung, wird (auch) vom Wort Hund (griech. kyōn) hergeleitet – diese Männer benahmen sich in den Augen der Zeitgenossen wie Hunde und haben evtl. diesen Spottnamen zum Ehrennamen gemacht. (Vgl. Georg Luck, Die Weisheit der Hunde. Texte der antiken Kyniker, Stuttgart: Kröner 1997).

Jean-Léon Gérôme zeigt 1860 den Erz-Kyniker Diogenes im Fass, umgeben von Hunden:

>https://de.wikipedia.org/wiki/Diogenes_von_Sinope

 

Plinius widmet dem Hund einen längeren Passus in seiner Naturkunde (naturalis historia, lib. VII, lxi, 142 – lxiii, 153). Er hebt vor allem die Treue der Hunde hervor, was er mit vielen historischen Beispielen stützt.

Der übersetzte Text aus Plinius: Soli dominum novere et ignotum quoque, si repente veniat, intellegunt; soli nomina sua, soli vocem domesticam agnoscunt.

Caij Plinij Secundi / Des furtrefflichen Hochgelehrten Alten Philosophi / Bücher und schrifften / von der Natur / art vnd eigenschafft der Creaturen oder Geschöpffe Gottes […] auß dem Latein verteutscht durch M. Johannem Heyden / Eifflender von Dhaun […] Frankfurt: Sigmund Feyerabend 1565; S. 196–207.
> http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10140858.html

 

❑ Wer hat die Schrift erfunden? Zur Illustration des Kapitels Wer erstlichen die geschichtbeschreybunge Hystoriam gemachet verwendet der Verleger Heinrich Steiner dieses Bild, den Geschichtschreiber bei der Arbeit:

Polydorus Vergilius Urbinas, Von den erfyndern der dingen. WIe und durch wölche alle ding / nämlichen alle Künsten / handtwercker / auch all andere händel / Geystliche und Weltliche sachen [...] von anfang der Wellt her / biß auff dise unsere zeit geübt und gepraucht [...] durch Marcum Tatium Alpinum grüntlich / vnd aufs fleissigst jnns Teutsch transferiret unnd gepracht / mit schönen figuren durchauß gezyeret, / jedem Menschen nutzlich und kurtzweylig zuo lesen. Augspurg: Heynrich Steyner MDXXXVII. (1. Buch, Kap. 12; fol. XVII recto)

Mehr zu diesem Buch hier > http://www.enzyklopaedie.ch/dokumente/Bildmigration.html#Steiner

 

❑ Unter diskutierenden Gelehrten:

Holzschnitt (Aus welchem Werk? Der Rahmen und das Motiv lässt Jost Amman vermuten. Nicht im New Hollstein [compiled by Gero Seelig] gefunden. Das Monogramm meint den Formschneider, allenfalls Christoph Murer.)
> https://www.britishmuseum.org/collection/image/87143001

 

❑ Aus dem (in der Septuaginta griechisch überlieferten, als deuterokanonisch und von den Reformatoren als apokryph eingestuften) Buch Tobit:

Als der Sohn alles für die Reise vorbereitet hatte, sagte sein Vater zu ihm: Mach dich mit dem Mann auf den Weg! Gott, der im Himmel wohnt, wird euch auf eurer Reise behüten; sein Engel möge euch begleiten. Da brachen die beiden auf und der Hund des jungen Tobias lief mit. (Tobit 5,17; Einheitsübersetzung)

Biblia ectypa. Bildnußen auß Heiliger Schrifft deß Alten Testaments, Erster Theil. in welchen Alle Geschichten u: Erscheinungen deutlich und schriftmäßig zu Gottes Ehre und Andächtiger Seelen erbaulicher beschauung vorgestellet worden. ... hervorgebracht von Christoph Weigel in Regensburg 1697.

 

❑ Der zwölfjährige Jesus im Tempel mitten unter den Lehrern. Das Lukasevangelium (2,46–52) nennt keine Hunde. – Aber der Hund gilt in der Bibel als unreines Tier, und die Jesus zuhörenden Lehrer (Vulgata: doctores) sind auch nicht gerade vorteilhaft gezeichnet. — (Einige Seiten vorher [Fol. XVI] begleitet indessen ein ähnlicher Hund die Drei Könige zum Stall in Betlehem …)

[Hans Wechtlin zugeschriebener Holzschnitt in: Johannes Geiler von Kaysersberg] Doctor keiserszbergs Postill Vber die fyer Euangelia durchs jor, sampt dem Quadragesimal vnd von ettlichen Heyligen newlich vßgangen, Straßburg, 1522. Fol. XXI
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00071017/image_45

 

❑ Hunde lecken die Wunden des Armen Lazarus in der Erzählung des Evangelisten Lukas (16,19–31):

Matthäus Merian: Icones biblicæ præcipuas sacræ scripturæ historias eleganter & graphice repræsentantes. Biblische Figuren/ darinnen die Fürnembsten Historien/ in Heiliger und Göttlicher Schrifft begriffen/ Gründtlich und Geschichtsmessig entworffen/ zu Nutz und Belustigung Gottsförchtiger und Kunstverständiger Personen artig vorgebilget [sic] / an Tag gegeben durch Matthaeum Merian von Basel; Des Newen Testaments … Fürnembste Historien, Basel 1629; Kapitel XXXII.

Literaturhinweis: Meinolf Schumacher, Ärzte mit der Zunge. Leckende Hunde in der europäischen Literatur, Bielefeld: Aisthesis-Verlag 2003.

 

❑ Matthäus 27,26 steht: Jesus aber ließ er [Pilatus] geißeln und lieferte ihn aus zur Kreuzigung. (vgl.Markus 15,15f.) Im Bild von Jost Amman ist wohl Pilatus links zu sehen – zusammen mit einem Hund:

Icones novi testamenti, Arte Et Industria Singulari Exprimentes, Tum Evangeliorum Dominicalium argumenta, tum alia quamplurima, in Evangelistarum & Apostolorum scriptis eximia, quae, ne muta essent, sua quoque tam Latina, quam Germanica carmina, singulis Iconibus adiuncta, habent […], Francofurti ad Moenum: Feyerabendt 1571.
http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00024383/image_208

 

❑ Beim Tischgebet der Hund am Boden – das könnte eine Anspielung sein auf den Satz der Jesus um Erbarmen anflehenden kanaanäischen || phönizischen Frau: »Die Hunde unter dem Tisch fressen von den Brosamen der Kinder ||, die vom Tisch ihrer Herrn fallen.« (Markus 7,28 || Matthäus 15,27) Diese Hunde werden in der Exegese positiv ausgelegt: Jesus möge sich auch um das Heil der gläubigen Heiden kümmern. (Freundlicher Hinweis von Florence Br.)

Johann Hoffer, ICONES CATECHESEOS, Wittenberg: Krafft, Johann d.Ä., 1560.
> http://diglib.hab.de/drucke/yv-1324-8f-helmst/start.htm

 

❑ In dieser Fabel zeigt der Hund, das man sein eigenes Gut verliert, wenn man nach fremdem hascht:

Der Hund, der Fleisch über den Fluss trägt, dieses im Spiegel des Wasser sieht und begierig danach schnappt, so dass er den Brocken verliert. Amittit merito proprium qui alienum appetit. (Phaedrus, Buch I, Fabel 4)

Holzschnitt von Virgil Solis aus: Fabulæ variorum auctorum nempe Aesopi s. graeco-latinae CCXCVII. ... Phaedri fabulae XC. Opera & Studio Isaaci Nicolai Neveleti, Francofurti: apud Christ. Gerlach & Sim. Beckenstein MDCLX.

 

• Der ausgehungerte Hofhund begibt sich auf eine Burg; dort wird er zunächst von den Hetzhunden geduldet. Er schmeichelt ihnen, schnappt Knochen auf, die von ihnen verschmäht werden. So kommt er zu Kräften; und während die Hetzhunde längere Zeit auf der Jagd sind und abgemattet heimkommen, hat er sich vollgefressen und wird anmaßend, überlegen. — So diejenigen, die niedriger Herkunft sind und sich eine herrschaftliche Position ergaunern...

Der Stricker (gest. um 1250), Fabeln und Erzählungen. Herausgegeben und übersetzt von Otfried Ehrismann, Stuttgart: Reclam 1992 (RUB 8797), Nr. 6 = S.53–59.
> http://www.fabelnundanderes.at/der_stricker.htm#Der_Hofhund_und_die_Jagdhunde

 

• Viele Hinweise auf der Homepage von Laura Gibbs > http://millefabulae.blogspot.com/ und http://aesopsbooks.blogspot.com/

 

❑ In der Emblematik wird Hunden eine moralische Symbolik zugeschrieben, positiv oder negativ, oder Dummheit andeutend:

••• Alius peccat, alius plectitur (Der eine handelt sträflich, der andere wird gestraft.)

Ein hunnd mit grossem zoren beyst
Den stain so im wird gworffen nach,
An den er billich aller meyst
Solt zurnen, da ist im nit gach:
Also suecht mancher grosse rach
Zu dem, der nicht umb in verschuldt,
Allein das er arm, bloß und schwach:
Da zorn het stat, tregt er gedult.
(Übersetzung von Wolfgang Hunger)

Andreae Alciati Emblematum libellus, Paris Wechel, 1542
> http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A42b070

 

••• Inanis Impetus

Emblemata Andreae Alciati …, cum facili & compendiosa explicatione, per Claudio Minoeum. Leiden, Plantin-Raphelengius, 1599. (Holzschnitt von Lucas d’Heere 1534–1584)

In der Übersetzung von Jeremias Held:

Vergebne mühe.

Als den Mon sach der Hund zu nacht
Und sich drinn als im Spiegel gdacht
Er es wer eins anderß Hunds Bild
Sprang ubersich und stalt sich wild
Aber sein bellen gieng in lufft
War vergebens und gar ein dufft
Der Mon dannoch sein lauff verricht
Last in bellen als ghör ers nicht.

LIBER EMBLEMATUM. Kunstbuch Andree Alciati von Meyland, […] verteutscht und an tag geben, durch Jeremiam Held von Nördlingen, mit schönen, lieblichen, neuwen, kunstreichen Figuren geziert und gebessert. Franckfurt am Mayn, M.D.LXVI
> https://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A67a131

 

••• Eher werde ich mein Leben aufgeben

POTIUS CESSERO VITA

Mir ist vertrawt meins Herren Gut/
Daß halt ich wol in acht vnd hut/
Viele ehe man mir das Leben nimt/
Solch trew eim frommen Diener zimt.

Julius Wilhelm Zincgref, Sapientia Picta. Das ist/ Künstliche Sinnreiche Bildnussen und Figuren; darinnen denckwürdige Sprüch und nützliche Lehren im Politischen und gemeinen Wesen durch hundert schöne newe Kupfferstück vorgebildet/ entworffen/ und durch teutsche Reymen … Franckfurt: Marschall 1624.
> http://diglib.hab.de/drucke/li-6643-2/start.htm

 

••• Undankbarkeit ist das größte Laster

Links oben wird der Kuckuck gezeigt, der seine Eier der Grasmücke unterschiebt, die sie ausbrütet; und wenn der Bastard ausfliegt, verschlingt er seine Pflegemutter. — Das Hauptbild zeigt einen Hund, der den Mann beißt, der ihn aufgezogen hat:

Also thuot es noch mangem gon
das jhn der hund jinn dwaden beißt
Den er vor von seim tisch hatt gespeißt.

Matthäus Holtzwart, Emblematum Tyrocinia, sive picta poesis Latinogermanica, das ist eingeblümete Zierwerck oder Gemälpoesy innhaltend allerhand Geheymnußlehren durch kunstfündige Gemäl angepracht und poetisch erkläret, Straßburg: B.Jobin 1581.
> http://diglib.hab.de/drucke/t-355-helmst-8f-2/start.htm

 

••• Bei Cesare Ripa trägt Fedeltà in weißem Gewand einen Siegelring und einen Schlüssel in den Händen; ihr zur Seite ein Hund. Den Hund bezieht Ripa auf unter anderem eine Geschichte bei Plinius (nat. hist. VIII,lxi,145) über Titus Labienus (falsch für Titus Sabinus), wo sich einer der Hunde nicht vom Kerker des Gefolterten wegtreiben ließ und auch nicht vom Leichnam des Hingerichteten, und in Gegenwart einer Menge römischen Volkes ein jämmerliches Geheul ausstieß usw.

Iconologia Overo Descrittione Di Diverse Imagini cavate dall'antichità, & di propria inuentione, Roma 1603.

(Mehr zu C.Ripa hier)

 

••• Auf den guten Geruchssinn spielt Ludovicus van Leuwen an: Die Seele wird vom Hund zur Betrachtung Gottes geführt, ohne geistige Bemühung (das bedeutet die Augenbinde), einzig durch den Glauben, unmittelbar durch den ›Geruch‹ der Liebe (odor dilecti):

Trahe me post te, curremus [so weit Cantica 1,3*] in odorem dilecti.
*Die Braut im Hohenlied verströmt den Geruch von köstlichem Salböl; aber eher nicht für Hunde. Der Rest des Satzes ist nicht biblisch.

Canis est symbolum odoris, odor est symbolum fidei; anima hoc cane ducitur, quae nudâ fide absque ullâ intellectus operatione, immediatè per ardorem amoris mouetur ad contemplandum Deum […]

Amoris divini et humani antipathia, sive effectus varii, e variis sacrae scripturae locis deprompti. Emblematis suis expressi... Editio II aucta et recognita. Les effects divers de l'amour divin et humain richement exprimez par petits emblemes, tirez des SS. Escritures et des SS. Pères et illustrez par vers françois, espagnols et flamends, [Antverpiae] 1629, Emblem Nummer XXXIII auf Seite 152ff. (falsch als 142 paginiert)
> http://catalogue.bnf.fr/ark:/12148/cb39338349v
> https://www.dbnl.org/tekst/leuv001amor01_01/leuv001amor01_01_0084.php

 

❑ In der Geschichte des Aktäon (Ovid, Metamorphosen III, 138–252) wird der Jäger Aktäon, von Diana in einen Hirsch verwandelt, von seinen eigenen Jagdhunden aufgefressen. Ovid sagt mit keinem Wort, dass Aktäon sich falsch verhalten hat, wenn er Diana im Bad überrascht hat; die Hunde – sie sind alle mit ihren Namen genannt! – sind kein Mittel der Strafe (at bene si quaeras, Fortunae crimen in illo, non scelus invenies), sondern verhalten sich ganz natürlich.

Les Métamorphoses d’Ovide; avec des explications à la fin de chaque fable. Traduction nouvelle par de Bellegarde Amsterdam: Etienne Roger 1716.

Andrea Alciato hat diese Szene als Emblem verwendet, mit seltsamer Symbolik. (Als wäre Actaeon ein Bösewicht, der sich willentlich als Hirsch verkleidet):

Gegen die, die Halsabschneidern Unterschlupf gewähren

Hier in der lat.-dt. Ausgabe: Kunstbuch, Franckfurt am Main 1567.
> http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/emblem.php?id=A67a117

En novus Actaeon, qui postquam cornua sumpsit,
In praedam canibus se dedit ipse suis

Sich an ein neuwen Actean
Welcher da er die Hörner gewan
Wurd er von seinen eigen Wind
[Hunden]
Zerrissen und gefressen gschwind.

 

❑ In der »Legenda Aurea« (Cap. 108) heißt es vom hl. Dominikus († 1221), dass seine Mutter vor seiner Geburt in einem Traum ein Hündlein in ihrem Leib sah, das eine brennende Fackel im Mund hatte; damit habe es nach der Geburt die ganze Welt entzündet: Cujus mater ante ipsius ortum vidit in somniis se catulum gestantem in utero, ardentem in ore faculam bajulantem, qui egressus ex utero totam mundi machinam incendebat. – Das wird auf die außerordentliche rhetorische Befähigung des Gründers des Predigerordens bezogen.

Ein Fresko in Santa Maria Novella in Florenz (Mitte 15. Jh.?) zeigt die Dominikaner mit Hunden – gemeint ist eine allegorische Selbstdarstellung als "domini canes" (pseudo-etymologisiert als Hunde des Herrn), welche die erjagten Füchse (Allegorie für die Feinde des Christentums; vgl. Lukas 15,32: Herodes als Fuchs) totbeißen:

 

❑ Im Maul der Hunde-Brüder

Heinrich Seuse O.P. (um 1295 – 1366) erlebt dies:

Do mornend ward na der mess, und er in der cell sass trurig und verdahte uf disú ding und in fror, wan es winter was, do sprach neiswas in ime: “tuo uf der celle venster, und luog und lern!” Er tet uf und luoget hin: do sah er einen hund, der lúf enmitten in dem krúzgang und truog ein verschlissen fuosstuoch umbe in dem munde, und hat wunderlich geberde mit dem fuostuoch; er warf es uf, er warf es nider, und zarte löcher dar in. Also sah er uf und ersufzet inneklich, und ward in ime gesprochen: “reht also wirst du in diner bruoder munde.” Er gedaht in im selb: “sid es anders nút mag gesin, so gib dich dar in, und luog eben, wie sich daz fuosstuoch swigende úbel lat handlen; daz tuo och du!” Er gie hin ab, und behielt daz fuostuoch vil jaren als sin liebes kleined [Kleinod] , und so er wolte us brechen mit ungedult, so nam er es her fúr, daz er sich selb dar inne erkandi und gen menlich stille swigeti. Vita, Kap. 20, hg. K.Bihlmeyer, Stuttgart 1907, S.58, vgl. Grosses Briefbuch, Brief XII, S. 443.

Bild: Stiftsbibiothek Einsiedeln, Codex 710 (322) (ca. 1490); Fol. 77verso (Ausschnitt. Dass der Hund schwarz-weiß gescheckt ist, verweist auf das Ordenshabit der Dominikaner; diese "domini canes" ≈ Hunde des Herrn sind gemeint. Die beiden Füchse rechts sind Zutat des Illustrators; vgl. die Anmerkung oben zum Fresko in Florenz). Text: Ein fuoßtuoch sol man hin werfen den hunden vff den mist wan es erelos vnd unsuber ist Das fuostuoch sol sich nit weren Es sol sich von billich lan mengtlich [zu Recht lassen jedermann] zerzerren.

 

❑ Erhard Schoen (1491–1542) hat (um 1525) ein Flugblatt geschaffen mit dem Titel »Das Münich vnd Pfaffen Haid, Niemand zu lieb noch zu laid«. Gezeigt wird eine allegorische Jagd, bei der teuflische Gestalten Menschen in den Höllenschlund treiben. Vier der Jagdhunde tragen Hüte. Wer ist gemeint?

Ganzes Bild ganz mit (nicht weiterfürhendem) Text > http://www.zeno.org/nid/20004286472

 

❑ Ein Hans Weiditz zugeschriebener Holzschnitt (im Todesjahr des Kaisers 1519): Kaiser Maximilian I., die Messe hörend, im Bild rechts im Gestühl kniend.

> http://www.zeno.org/nid/20004362861

 

❑ Der Petrarcameister zeigt einen Hund ausgerichtet auf den Wohlhabenden, der dem Wucherer eine Beutel Geld bringt, und nicht auf dem Mann, der beim Wucherer Geld ausleiht:

Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen, Augsburg: Steiner MDXXXII. Buch I, Kapitel LVI
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00084729/image_1

 

❑ Die Scipionen wollen in Afrika Krieg führen und mobilisieren dazu in Hispania Krieger. Das berichtet Livius. Jost Amman hat die Szene so dargestellt:

Von Ankunfft vnd Ursprung deß Römischen Reichs / der alten Römer herkommen /Sitten/Weyßheit/Ehrbarkeit / löblichem Regiment / Ritterlichen Thaten. Jetzund auffs neuw auß dem Latein verteutscht/ und mit ordentlicher verzeichnuß der fünemsten Historien/ Jarrechnung/ kurtzer Liuischen Chronica/ und Register/ in den Truck verfertiget Durch Zachariam Müntzer. Mit schönen Figuren geziert/ … Frankfurt/Main 1568 (zum Jahr 542 ub urbe condita, ¶ 36)

 

❑ Dido fleht ihre Schwester Anna an, sich bei Aeneas für sie zu verwenden, er möge ihr zuhören. Doch Aeneas bleibt hartherzig. Aeneis IV, 437 Doch wird er von keinen Tränen bewegt; es macht kein Wort ihn fügsam; das Schicksal hindert es, und es verschließt ein Gott sein empfindendes Ohr ihm. [Mercur hält ihm die Ohren zu.] (Text > https://www.gottwein.de/Lat/verg/aen04.php)

Erneuertes Gedächtnüs Römischer Tapferkeit/ an den unvergleichlichen Virgilianischen Helden Aeneas, und Seinen großmüthigen Thaten, Zu mehrer Erläuterung des hochschätzbaren Alterthums/ Der Edlen Jugend zum gemeinen Besten/ In 50. Kupfern vorgebildet von Georg Jacob Lang / und Georg Christoph Eimmart. In Nürnberg / Anno M.DC.LXXXIIX. Zu finden bei Leonhard Loschge.

 

❑ Esther bittet den persischen König Ahasver um Gnade für das jüdische Volk, und dieser streckt ihr sein goldenes Szepter entgegen und schenkt ihr das Leben (Buch Esther 5,2). Die Szene wird sehr oft dargestellt. Matthäus Merian zeigt im Hintergrund, wie Haman aufgehängt wird (Esther 7,10). Und was tut der Hund beim Thron?

[Johann Ludwig Gottfried] Historische Chronica. oder Beschreibung der Fürnemsten Geschichten, so sich von Anfang der Welt, biß auff das Jahr Christi 1619 zugetragen.Frankfurt/Main, M. Merians Erben, MDCLVII. [Erstauflage 1630], S. 110.

 

❑ Der Eynkäuffer der Speisen für das festliche Mahl im Kreise der Wohlhabenden – wacker/ arbeitsam/ unverdrossen/ holdselig/ höflich/ sittsam/ trew/ embsig und sorgfeltig – ist begleitet von einem Hund (mit edlem Halsband):

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gründtliche beschreibung wie man recht vnd wol/ nicht allein von vierfüssigen/ heymischen vnd wilden Thieren ... allerley Speiß/ als gesotten/ gebraten/ gebacken ... kochen vnd zubereiten solle ..., Franckfort am Mayn: Rumpolt und Feyerabendt 1581.
> http://diglib.hab.de/drucke/2-3-oec-2f/start.htm

 

Der Fürst. Holzschnitt von Jost Amman:

Eygentliche Beschreibung aller Stände auff Erden, hoher vnd nidriger, geistlicher vnd weltlicher, aller Künsten, Handwercken vnd Händeln &c. vom grösten biss zum kleinsten, auch von jrem Vrsprung, Erfindung vnd gebreuchen / von dem weitberümpten Hans Sachsen ganz fleissig beschrieben […]. Gedruckt zu Franckfurt am Mayn bey Georg Raben, in Verlegung Sigmund Feyerabents 1568.

 

❑ Auch die vom Tod überrraschte Königin ist von einem Hund umgeben, der ebenso wie das Hofgesind erschreckt ist:

Sterbensspiegel/ das ist sonnenklare Vorstellung menschlicher Nichtigkeit durch alle Ständ' und Geschlechter: vermitlest 60. dienstlicher Kupferblätteren/ lehrreicher Uberschrifften/ und beweglicher zu vier stimmen außgesetzter Todtengesängen. Vor disem angefangen durch Ruodolffen Meyern S. von Zürich etc. jetz aber […] zu End gebracht und verlegt durch Conrad Meyern, Maalern in Zürich und daselbsten bey ihme zufinden Getrukt zu Zürich/ Bey Johann Jacob Bodmer 1650.
> https://doi.org/10.3931/e-rara-9833

❑ Otto von Bismarck (1815–1898) ließ sich gerne mit seinen Doggen abbilden (> https://de.wikipedia.org/wiki/Reichshund)


❑ Jakob bringt seinen Bruder Esau im Tausch gegen ein Linsengericht um sein Erstgeburtsrecht (Genesis 25,29–34). Esau wurde ein jagdkundiger Mann, ein Mann des freien Feldes – sind das seine Jagdhunde? Oder sollen die (viel Raum einnehmenden) Hunde mit ihrer Eigenschaft, oft schmeichelnd mit dem Schwanz zu wedeln, aber unversehens zuzubeißen, das Verhalten Jakobs symbolisieren?

Neue Künstliche Figuren Biblischer Historien/ grüntlich von Tobia Stimmer gerissen: Und zu Gotsförchtiger ergetzung andachtiger Hertzen mit artigen Reimen begriffen durch J. F. G. M . Zu Basel bei Thoma Gwarin, Anno 1576.

 

❑ Jesus heilt einen Blinden (Lukasevangelium 18,35ff.). Christoph Murer (1558–1614) zeigt ihn zusammen mit seinem Hund. Künstlerisch gelungen ist die Darstellung der Gruppe um den Blinden im Schatten in Hinteransicht!

Novae sacrorum bibliorum figurae, versibus latinis & germanicis expositae.Das ist neue biblische Figuren mit latinischen und teutschen Versen aussgelegt […], Strassburg: Christoff von der Heyden 1625.
> http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-31324

 

❑ Im Bergwerksbuch von Georg Agricola laufen allenthalben Hunde herum, die für dieses Gewerbe nicht notwendig sind:

Vom Bergkwerck xij Bücher darinn alle Emter / Instrument / Gezeuge … vorbildet / vnd klärlich beschriben seindt / erstlich in Lateinischer sprach / durch den Hochgelerten vnd Weitperümpten Herrn Georgium Agricolam … jetzundt aber verteütscht / durch den Achtparen vnnd Hochgelerten Herrn Philippum Bechium … Getruckt zuo Basel durch Jeronymus Froben vnd Niclausen Bischoffen im 1557. jar. Pag. clx – Man beachte: Der Hund ist nicht mit einem Verweisbuchstaben markiert.

 

❑ In Jagdtraktaten erscheinen Hunde, wie nicht anders zu erwarten, als Helfer der Jäger:

Künstliche Wolgerissene Figuren und Abbildunge Etlicher Jagdbahren Thieren/ und andern zu Lustigem Weydwerck gehörenden Stücken. Weiland von den beyden Berühmten vnd Fürnehmen Malern/ Tobia Stimmern und Christoff Maurern zu Zürich/ gerissen: Itz aber/ zu mehr Belustigung/ mit Teutschen Reimen geziehrt vnd erklehrt. Straßburg: Johann Carolus 1605.
> http://diglib.hab.de/drucke/30-9-geom/start.htm

 

❑ Der Hund hat aber auch eine medizinische Verwendung:

Der Kopff eines Hunds/ gebrannt gestossen und gepulvert/ oder sein aderich Fleisch heilet den Bisß deß Hunds. Das Pulver von Hundszähnen ist gut für das Zahnwehe und Zahnfleisch. Sein Gall mit Honig gemischt/ ist ein bequem Arzney zu den blöden Augen/ übergestrichen. Sein Schmalz stillet das Podagram und Ohrenwehe. Mit Hundsharn und Nitro ein Arzney gemacht heilet die Aussätzigkeyt und das Jucken.

Adam Lonitzer / Peter Uffenbach, Kreuterbuch. Künstliche Conterfeytunge der Baeume, Stauden, Hecken, Krauter, Getreyd, Gewuertze [...] Item von den führnehmsten Gethieren der Erden […], Ulm: Matthäus Wagner 1679; Dritter Theil, Cap. 27 = S. 596f.

 

❑ Was mag der Hund auf dem Kupferstich »Ritter zwischen Tod und Teufel« von Albrecht Dürer bedeuten?

Das ganze Bild hier > https://de.wikipedia.org/wiki/Ritter,_Tod_und_Teufel

Überlegungen hierzu findet man bei Colin Eisler, Dürers Animals, Washington/London 1991, Chapter Seven = pp.163–183.


online Juni 2020 PM; mit späteren Ergänzungen

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