Symbol oder Ornament?

Das ist ein ewiges Problem. Einige Fallstudien mögen das erörtern.

(1) Rahmungen

(2) Initialen (wäre noch auszuführen ...)

 

Rahmen / Kartuschen von (inhaltlichen) Bildern

In Drucken v.a. des 16. Jahrhunderts werden Bilder oft mit Randleisten versehen. Die Verzierungen – rein ornamental oder floral oder wie im Beispiel hier mit Blattmasken und Karyatiden – haben mit dem Bild in der Regel überhaupt keinen inhaltlichen Bezug zum Bild, dem sie als Rahmen dienen:

Emblemata D. A. Alciati, denuo ab ipso Autore recognita, ac, quæ desiderabantur, imaginibus locupletata; Accesserunt noua aliquot ab Autore Emblemata suis quoque eiconibus insignita, Lugduni Batavorum: Rovilius 1551.
Thema des Bilds: Die Redegewandtheit ist schwierig. Mercur überreicht Odysseus das Kraut Moly….

Oft gibt es im Buch wenige Randleisten, die bei jeden Bild wieder verwendet werden.

❑ In der Bilderbibel von Tobias Stimmer (1539–1584 ) glaubt man mitunter Bezüge zwischen dem Thema des Bilds und Elementen des Rahmens zu erkennen. — Das brennende Herz und die beiden Putten im unteren Rand könnten ja symbolisieren, dass Salomo in Sulamit (die Braut des Hohenlieds) verliebt ist:

Neue Künstliche Figuren Biblischer Historien/ grüntlich von Tobia Stimmer gerissen: Und zu Gotsförchtiger ergetzung andachtiger Hertzen mit artigen Reimen begriffen durch J. F. G. M . Zu Basel bei Thoma Gwarin, Anno 1576.
(Schlechtes) Digitalisat hier > https://www.e-rara.ch/doi/10.3931/e-rara-431

Im Reprint München: Hirth 1881 (Neuauflage 1923) sind die Rahmen den Bildern anders zugeordnet. Es wäre interessant zu wissen, ob dem Nachdruck ein anderes Exemplar aus dem 16. Jh. vorlag; das würde die These der Auswechselbarkeit der Rahmen bestätigen. Paul Tanner in New Hollstein Vol. LXXX, p.219 kennt nur die eine Ausgabe a.d.J. 1576.

Derselbe Rahmen umgibt das Bild der Erschaffung Evas aus Adams Rippe (Genesis II); da könnte ein brennendes Herz ja auch passen:

Stutzig wird man, wenn man erkennt, dass es für das ganze Buch acht stets wiederholte unterschiedliche Randleisten gibt und die Leiste mit dem brennenden Herz 21 mal vorkommt.

So auch in diesen Szenen: Samsons Kampf mit dem Löwen (Iud XIIII); Absalom, der im Baum hängenbleibt (II Reg XVIII); Daniel im Feuerofen (Danielis III); Paulus vor Damaskus (Actorum IX). Ganz unpassend scheint das Motiv hier (Steinigung des Gotteslästerers (Leviticus 23,24):

Oder hier, wo in der Apokalypse (18,21) dargestellt ist, wie ein Engel einen Stein, schwer wie ein Mühlstein, ins Meer wirft:

Da erhält man doch den Eindruck, die Rahmen seien recht zufällig um die Bilder gelegt.

 

❑ In einer frühen gedruckten Bilderbibel sind die meisten Szenen aus dem Leben Jesu mit ornamentalen Randleisten versehen; pro Bild gibt es eine spezielle. Die Holzschnitte werden Hans Burgkmair d.Ä. (1473–1531) zugeschrieben. Der (lateinische) Text besagt, welche Szenen mit dem zentralen Bild gemeint sind.

Deuotissime meditationes de vita beneficiis et passione saluatoris Iesu Christi cum gratiarum actione, Augsburg: Grimm & Wirsung 1520.
> https://archive.org/details/deuotissimemedit00grim

Ein Bild kommt doppelt vor (vgl. dazu das Kapitel Bildmigration), mit verschiedenen Umrandungen.

Jesu Gefangennahme (Lukasevangelium 22,54: duxerunt ad domum principis sacerdotum)

Die Pflanzen und das Insekt rechts oben kann man als ornamental gelten lassen; aber passt der Storch, der einen Frosch packt, eventuell zur Szene der Gefangennahme Jesu? Dann aber das katzen- oder affenartige Tier (mit Gürtel!) daneben?

Jesus wird von Herodes zu Pilatus zurückgesandt (Lukas 23,11: Sprevit autem illum Herodes cum exercitu suo: et illusit indutum veste alba, et remisit ad Pilatum.)

Die Pflanzen, das Insekt oben rechts, die Körner pickenden Vögel kann man wiederum als ornamental hinnehmen. Aber passt der Pfau nicht recht gut zum Text des Evangeliums, wo es heißt, Herodes habe Jesus (um ihn als Pseudo-König zu verspotten) ein Prachtgewand umgelegt? — Der Pfau wird allegorisch breit ausgelegt bei Konrad von Megenberg (Buch der Natur III B 57), aber ohne Bezug auf Christus. — Und was bedeutet der kleine Putto, der den Pfauen-Schwanz mit einer Schere (?) attackiert?

 

Johann Ulrich Kraus (1655–1719) hat die in der unteren Hälfte der Folio-Seiten seiner Bilderbibel dargestellten Szenen mit üppig verzierten Rahmen versehen. Manchmal scheinen sie zum Bild-Inhalt zu passen, oft aber nicht.

• Thema hier ist: Den [an Aussatz erkrankten] Syrischen Hauptmann Naeman reinigt Elisa mit dem Wasser des Jordans (2. Könige 5, 10–14). – Die wie Neptun und die Personifikationen der vier Paradiesesflüsse aussehenden Gestalten im Rahmen passen einigermaßen dazu.

• Hier ist das Thema: Der Prophet Habacuc grämt sich/ daß Er sein Volkh nicht kan zur Busse bringen/ trohet mit starkhen Schrökhlichen Feinden (gemeint ist Habakuk 1,6ff., wo gesagt ist, dass JHWH als Werkzeug seiner Gerechtigkeit die Babylonier über das Volk Israel geschickt hat). – Die marine Szenerie im Ornament passt nicht zum Thema.

• Thema ist hier: Der belägerten Stadt Samaria weissaget Elisa und es geschiht das in einer Nacht grosse Theurung in grosse Wohlfeile sich verkehret. (2. Könige 7) Gezeigt wird das von den Aramäern in Zelten vor der Stadt belagerte Samaria; darüber die dunkle Wolken vertreibende Sonne. – Was sollen die Delphine und Indianer im Rahmen?

Historische Bilder-Bibel, welche besteht in Fünff Theil/ Als: Erster Theil/ der Patriarchen. Ander Theil/ der Richter in Israel. Dritter Theil/ der Könige in Jerusalem. Vierdter Theil/ der Propheten. Fünffter Theil/ der Apostel / [gezeichnet und in Kupffer gestochen von Johann Ulrich Kraussen], Augspurg 1705.

 

❑ Die Bilder in Johann Michael Dilherrs (1604–1669) Emblembuch hat Melchior Küsell (1612–1683/4?) mit bildlichen Rahmen versehen.

• Die Predigt zu Philipperbrief 3,17–21 (Viele leben als Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott ist der Bauch) ist einzig diesem Thema gewidmet:

Wer nur nach der Welt-lust trachtet
Seinen Bauch zum Abgott machet.

und zeigt einen Bauch-Diener inmitten von kulinarischen Köstlichkeiten; von unten steigt bereits der Höllenrauch auf.

Das Motto im Balken oben ist passend gerahmt von zwei fetten Schweinen. Aber was sollen die beiden in Blattwerk auslaufenden, als groteske Halbfiguren gezeichneten barbusigen Damen?

Heilig-Epistolischer Bericht/ Licht/ Geleit und Freud. Das ist: Emblematische Fürstellung/ Der Heiligen Sonn- und Festtäglichen Episteln: In welcher Gründlicher Bericht/ von dem rechten Wort-Verstand/ ertheilet; Dem wahren Christenthum ein helles Licht furgetragen; Und ein sicheres Geleit/ mit beigefügten Gebethen und Gesängen/ zu der himmelischen Freude/ gezeiget wird,/ von Johann Michael Dilherrn […], Nürnberg: Endter 1663. S. 390
Kontext > https://haab-digital.klassik-stiftung.de/viewer/image/1561179264/421/

• Die Predigt zur wunderbaren Befreiung von Petrus aus dem Kerker (Apostelgeschichte 12,1–12: Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen) fasst verallgemeinernd zusammen:

Schau doch/ was das Gebet verricht:
Davon die Ketten wird zernicht.

Das Bild (S.571) zeigt das Innere des Gefängnisses mit den gelösten Ketten.

Und wiederum zwei eher unpassende Figuren als Rahmen.
Kontext > https://haab-digital.klassik-stiftung.de/viewer/image/1561179264/602/

 

❑ Randleisten, die genaue Zitate von Fabel-Illustrationen enthalten, stehen in diesem Totentanz, zum Beispiel:

Zu: O HErr/ Ich leide Noth und Gewalt

Theatrum mortis humanæ tripartitum: I. pars. Saltum mortis. II. pars. Varia genera mortis. III. pars. Pœnas damnatorum continens. Figuris æneis illustratum. Das ist: Schau-Bühne deß Menschlichen Todts in drey Theil … mit schönen Kupffer-Stichen geziehrt und an Tag gegeben durch Johannem Weichardum Valvasor, Saltzburg: Johann Baptista Mayr 1682.
> https://gdz.sub.uni-goettingen.de/id/PPN796912483

Darauf hat in aufmerksam gemacht:

Martin Germ, Aesop’s Fables in Disguise: a Creative Interpretation of Gheeraerts’s Illustrations for De warachtighe fabulen der dieren in Two Early Publications by Johann Weichard Valvasor, in: Etudes Epistémè 31/2017
Digital > https://journals.openedition.org/episteme/1697 oder > https://doi.org/10.4000/episteme.1697

 

❑ In der »Physica Sacra« von Johann Jacob Scheuchzer (1672–1733) dienen die Randleisten oft dazu, die naturwissenschaftlichen (auch technologischen oder numismatischen) Details darzustellen, die der Text entwickelt, während die Bildtafel das biblische Geschehen darstellt, von dem er ausgeht.

Beispiel: Bei der Besprechung der Ägyptischen Plagen (Exodus 8,2–14) kommt Scheuchzer auf die Frösche zu sprechen, die auf den Wink Aarons erscheinen. Anlässlich dieser Stelle zeigt er die Entwicklung des Froschs vom Ei über die Kaulquappe zum adulten Tier; er legt dar, dass dies zu den übernatürlichen Wundern gehört. In der Randleiste stellt er die Entwicklungsstadien des Amphibs dar. Der Text verweist mittels Ziffern auf die Bilder.

Tab. CXXV: Ranarum Forma et metamorphosis – Frösch-gestalt und Verwandlung

Bilder auf der Tafel und im Rahmen von Johann Melchior Füssli; Zierrat im Rahmen von Johann Daniel Preissler; Kupfer von I[ohann] G[eorg] Pinz.

Kupfer-Bibel, in welcher die physica sacra, oder geheiligte Natur-Wissenschafft derer in Heil. Schrifft vorkommenden natürlichen Sachen, Deutlich erklärt und bewährt von Joh. Jacob Scheuchzer […]. Anbey zur Erläuterung und Zierde des Wercks in künstlichen Kupfer-Tafeln ausgegeben und verlegt durch Johann Andreas Pfeffel; Augsburg und Ulm: Ch. U. Wagner, 1731–1735.
> http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/2963181

Literaturhinweise:

Paul Michel, Batrachotheologia. Über Frösche und Wunder bei Johann Jakob Scheuchzer, in: LIBRARIVM, Zeitschrift der schweizerischen bibliophilen Gesellschaft II 1996, S. 129–145.
> https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=lib-006:1996:39::147#147

Jochen Hesse, «Zur Erlaeuterung und Zierde des Wercks»: Die Illustrationen der Kupferbibel «Physica Sacra», in: Urs B. Leu (Hg.), Natura Sacra. Der Frühaufklärer Johann Jakob Scheuchzer, Zug: Achius 2012, S. 105–128.



Initialen

Immer ist zu fragen: Haben die eingefügten Bilder einen echten Zusammenhang mit dem folgenden Text?

Beginn des Psalters. Initiale B des Texts Beatus vir qui non abiit in consilio impiorum, et in via peccatorum non stetit, et in cathedra pestilentiae non sedit; sed in lege Domini voluntas ejus, et in lege ejus meditabitur die ac nocte. Glückselig der Mann, der nicht nach dem Rat der Bösen geht und nicht auf dem Weg der Sünder steht und nicht auf dem Stuhl der Pestilenz sitzt, sondern am Gesetz des Herrn seine Lust hat und über seinem Gesetz Tag und Nacht sinnt.

Tripartitum Psalterium Eadwini (The Eadwine Psalter) Fol. 6 recto; besitzende Institution: Trinity College, Cambridge
> https://mss-cat.trin.cam.ac.uk/viewpage.php?index=1229

 


Literaturhinweise:

Owen Jones (1809–174) Grammar of Ornament. Illustrated by Examples from Various Styles of Ornament. One Hundred Folio Plates. London: Day & Son (1856)
> https://archive.org/details/grammarornament00Jone

ders., Grammatik der Ornamente, illustriert mit Mustern von den verschiedenen Stylarten der Ornamente in hundert und zwölf Tafeln, 4°, London: Day & Son / Leipzig [o.J.] Zitierlink:
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jones1856

Lilian M. C. Randall, Images in the Margins of Gothic Manuscripts, Berkeley 1966.

Christine Jakobi-Mirwald, Text – Buchstabe– Bild. Studien zur historisierten Initiale im 8. und 9. Jahrhundert, Berlin: Reimer 1998.


online Juni 2020 PM