Vierheiten

Symbolik der Vierzahl

Einleitung: Überlegungen zur Zahlenymbolik

Wenn in der Natur vorkommende Dinge (Pflanzen, Tiere, Mineralien usw.) oder einfachen Artefakte (z.B. der Stab) symbolisch gedeutet werden, so weisen deren Eigenschaften auf das Gemeinte hin: Der Diamant beispielsweise lässt sich nicht brechen und bedeutet deshalb die Unbezwingbarkeit.

Die Zahlhaftigkeit kann nun wie andere Qualitäten (Form, Farbe, Etymologie des Namens, u.a.) als eine proprietäre Eigenschaft eines Dings aufgefasst werden. Diese Einsicht ist der allegorischen/symbolischen Auslegung als Gedankenbrücke dienlich. (Es gibt vier Paradiesflüsse ≈ die Vierzahl kommt auch bei den Tugenden vor ≈ also bedeuten die Flüsse die Tugenden.)

Die Betrachtung der Zahl ist abgesehen davon, dass sie als symbolische Brücke dient, für andere Überlegungen brauchbar:

• Die Zahlhaftigkeit kommt allein schon dem Bedürfnis entgegen, ein Kontinuum zu strukturieren. Wir Menschen mögen Amorphes, Ungegliedertes nicht; vor Ungestaltetem empfinden wir leicht Ekel. (Vielleicht ist das ein Grund für die Abneigung vor Würmern und Schlangen.) Kann man das Jahr in 4 Saisons oder das Leben in 6 Altersphasen oder den mystischen Aufstieg in 7 Stufen einteilen, so ist das befriedigend; eine Erklärung, warum diese Gliederung so ist, lässt sich dann schon finden.

• Mittels Zahlensymbolik möchte man herausfinden, warum ein Ding gerade in Gestalt dieser Zahl strukturiert ist und nicht anders.

Zur Funktionsweise der Symbolik:

(a) Die Zahlensymbolik basiert auf einem zahlhaltigen Ding / Ereignis / Mythos usw.:

• Bezüge zur natürlichen Welt: Die (zwei mal) 5 Finger der Hand – Etwas ausgeklügelter: Unter den 613 religiösen Regeln des Judentums (mizwot) gibt es 248 Gebote, gleich der Anzahl der Glieder des menschlichen Körpers (bab.Talmud: Makkot 23b).

• Bezüge zum kulturellen Erbe: Dass Jesus in seinem dreiunddreißigsten Jahr gekreuzigt wurde, macht die Zahl 33 besonders würdig, deshalb die je 33 Gesänge von Dantes »Divina Commedia«.

(b) Den Zahlen selbst wird eine Symbolik zugeschrieben. Es gibt verschiedene Typen.

• Interessante mathematische Eigenschaften wie z.B. die: alle Zahlen bis 17 addiert bwz. die Summe der dritten Potenzen von 1, 5 und 3 ergeben die Zahl 153 (sog. Dreieckszahl, die die Fülle bedeutet; dabei steht dann zehn für die Gebote und sieben für die Gaben des hl. Geistes). Petrus hat 153 Fische aus dem See von Tiberias im Netz, siehe Johannesevangelium 21,11.

• Deutung aus der Schreibweise der Ziffern (Gematrie, Isopsephie): Im Hebräischen und Griechischen werden die Ziffern mit Buchstaben wiedergegeben. Wenn in einem Text eine bedeutungsschwangere Zahl genannt wird, wie z.B. die Zahl des Tiers – es ist die Zahl eines Menschennamens (Apokalypse 13,18) mit 666, so ruft dies Deutungen hervor: Wer ist mit dieser Zahl gemeint? > https://de.wikipedia.org/wiki/Sechshundertsechsundsechzig

(c) Es gibt auch konstruierte Zahlensymboliken, die an etablierte anknüpfen, wenn z.B. die 11 als Übertretung der Zehnzahl (10 Gebote) gedeutet wird. Vgl. Schiller, »Die Piccolomini« (II, 1):

Seni ([der Astrolog] zählt die Stühle).
Elf! Eine böse Zahl. Zwölf Stühle setzt,
Zwölf Zeichen hat der Tierkreis, fünf und sieben;
Die heil’gen Zahlen liegen in der Zwölfe.

Zweiter Bedienter: Was habt ihr gegen Elf! Das lasst mich wissen.
Seni: Elf ist die Sünde. Elfe überschreitet die zehn Gebote.

Freilich wird mit der Zahlensymbolik viel Schabernack getrieben. Wenn beispielsweise ein Weinhändler behauptet, dass die Sieben als heilige Zahl der Grund sei, warum er seine Weine nicht in Literflaschen verkaufe, sondern in solchen, die 7 Deziliter enthalten.


Übersichtstabelle zur Symbolik der Vierzahl

Die Liste ist alphabetisch geordnet und enthält Links zu den Unterkapiteln. Die Reihenfolge der jeweils genannte vier Teile ist willkürlich.

Die vermutlich auf natürlicher Basis beruhenden Symboliken sind mit einem * hervorgehoben.

Selbstverständlich ließe sich die Liste durch Beizug nicht-europäischer Kulturen vermehren; siehe hierzu den Beitrag über China von Marc Winter.

Es handelt sich um eine Revue, nicht um tiefschürfnde Interpretationen; dazu wird jeweils auf Forschungsliteratur verweisen.


ADAM

Apokalyptische Reiter: auf weißem — feuerrotem — schwarzem — fahlem Pferd

Buchstaben des G'ttesnamens : J — H — W — H 

Elemente: Erde — Wasser — Feuer — Luft

Erdteile: Europa — Asien — Africa — America

Erzengel: Gabriel — Raphael — Michael — Uriel

Euphratische Engel in der Apokalypse

Evangelisten ~ Attribute: Matthäus ~ Engel / Markus ~ Löwe / Lukas ~ Rind / Johannes ~ Adler

Gliedmaßen der Quadrupedia (engl. tetrapods) *

Gradus amoris (Richard von St.Viktor / Johannes Tauler) 

Heilige Bücher im Islam: Thora [thawrat] — Psalter [zabur] — Evangelium [injil] — Qur'an

Himmelsrichtungen*: Norden — Osten — Westen — Süden

Hörner des Altars

Hofämter: Truchsess — Marschall — Kämmerer — Mundschenk

Hogwarts: Gryffindor — Ravenclaw — Slytherin — Hufflepuff

Jahreszeiten: Frühling — Sommer  — Herbst — Winter

Kardinaltugenden: Klugheit — Tapferkeit — Gerechtigkeit — Mäßigung

Kleider von Jesus bei der Kreuzigung

Kirchenväter: Ambrosius — Augustinus — Hieronymus — Gregor

Körper-Säfte Blut — [gelbe] Galle — Schwarze Galle — Schleim

Lebensphasen: Adolescentia – Iuventus – Senectus – Senium

Letzte Dinge: Tod — Gericht — Himmel — Hölle

Liebe, ihre vier Arten

Minnesänger und andere 

Logisches Quadrat *: kontradiktorisch — konträr — subkonträr — Subalternation

Paradiesesflüsse: Phison — Geon — Tigris — Euphrat

Perckwerch: Vier Dinge verderben ein Bergwerk

Quadriga: vierspänniger Wagen

Quadrivium: Arithmetik — Musik — Geometrie — Astronomie

Quattro Santi coronati: Severus — Severianus — Carpophorus — Victorinus 

Rad der Fortuna: vier Phasen: regnabo — regno — regnavi — sum sine regno

Rechtgeleitete Kalifen (in der Sunna): Abu Bakr — 'Umar — 'Uthman — Ali

Regenbogen hat vier Farben

Schriftsinne: sensus historicus — allegoricus — tropologicus — anagogicus

Spielkarten

Stürzende Helden: Tantalus – Icarus – Phaeton – Ixion (Henrik Goltzius)

Tageszeiten : Morgen – Mittag – Abend – Nacht

Temperamente: Sanguiniker — Melancholiker — Phlegamtiker — Choleriker

Tetrapharmakos

Tetrarchen

Turnvater Jahn

Die vier Töchter Gottes: Misericordia — Veritas — Justitia — Pax (Psalm 84 [Vulgata], 11)

Ursachen nach Aristoteles: causa materialis — causa formalis — causa efficiens — causa finalis

Vierteilung als Leibesstrafe Trigger warning: Wer für Brutalitäten empfindlich ist, soll das nicht anklicken!

Weltreiche Daniel Kap. 2: der Koloss aus vier Materialien — Daniel Kap.7: Löwe — Bär — Panther — Elefant

Winde: Eurus — Notus — Boreas — Zephyr

Zeitalter: goldenes — silbernes — ehernes — eisernes Weltalter

 


Kombinationen von Vierheiten

Die Vierzahl in China

Was ist der Gewinn einer solchen Untersuchung?

Literaturhinweise zur Zahlensymbolik allgemein

 


 

Die 4 Buchstaben im Namen ADAM

Augustinus (354–430), Vorträge über das Johannes-Evangelium, 10. Vortrag (Übersetzung in: Bibliothek der Kirchenväter > http://www.unifr.ch/bkv/kapitel1783-12.htm):

… dass Adam auf dem ganzen Erdkreise ist, das habt ihr schon gestern in den vier griechischen Buchstaben der vier griechischen Wörter vernommen. Denn wenn man jene vier Wörter untereinander schreibt, nämlich die Namen der vier Weltgegenden: Ost, West, Nord, Süd, was der ganze Erdkreis ist (weshalb der Herr sagt, er werde, wenn er zum Gerichte kommt, seine Auserwählten von den vier Windrichtungen sammeln [Markus 13,27]), wenn man also jene vier griechischen Namen:
ἀνατολή [anatolē] d. h. Ost,
δύσις [dysis] d. h. West,
ἄρκτος [arktos] d. h. Nord,
μεσημβρία [mesēmbria] d. h. Süd,
untereinanderstellt, so geben die Anfangsbuchstaben dieser Worte ›Adam‹.

Bei Honorius Augustodunensis, im Kapitel über die Erschaffung des Menschen (»Elucidarum« Lib. I, ¶ 11) fragt der Schüler, woher Adam seinen Namen erhalten habe: Unde nomen accepit? Der Lehrer: Cum esset minor mundus, accepit nomen ex quatuor climatibus mundi, quae Graece dicuntur anatole, dysis, arctos, mesembria, quia genus suum quatuor partes mundi impleturum erat.  In hoc etiam similitudinem Dei habuit, ut sicut Deu praestat omnibus in coelo, sic omnibus homo praeesset in terra (Migne, PL 172, 1117A) Hier liegt der Gedanke von Marko- und Mikrokosmos zugrunde.

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Buchstaben des G'ttesnamens: Das Tetragramm J   H   W   H 

Der Herr erscheint dem Moses im brennenden Dornbusch (Exodus 3,1ff.) Bild aus: Biblia/ das ist alle Bücher Alts und Newes Testaments / den ursprünglichen Sprachen nach auff das trewlichst verteutschet unnd jetzt von newem wider ubersehen..., Getruckt zuo Zürych bey Johanns Rodolff Wolffen, im Jahr 1618.

Bob Becking, Artikel »Jahweh« (2006) in > http://www.bibelwissenschaft.de/de/stichwort/22127/

> https://de.wikipedia.org/wiki/JHWH

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❖ Apokalyptische Reiter

Johannes-Apokalypse / Offenbarung 6,1–8 in Luthers Übersetzung (1545):

1 VND ich sahe / das das Lamb der Siegel eines auffthat / Vnd ich höret der vier Thierer eines sagen /als mit einer donnerstim / Kom vnd sihe zu. 2 Vnd ich sahe / Vnd sihe / ein weis Pferd / vnd der drauff sass / hatte einen Bogen / vnd jm ward gegeben eine Krone  /vnd er zoch aus zu vberwinden / vnd das er sieget.

3 VND da es das ander Siegel auffthet / höret ich das ander Thier sagen / Kom vnd sihe zu. 4Vnd es gieng er aus ein ander Pferd / das war rot / vnd dem der drauff sass / ward gegeben den Friede zunemen von der Erden / vnd das sie sich vnternander erwürgeten / Vnd jm ward ein gros Schwert gegeben.

5 VND da es das dritte Siegel auffthet / höret ich das dritte Thier sagen / Kom vnd sihe zu. Vnd ich sahe / vnd sihe / ein schwartz Pferd / vnd der drauff sass / hatte eine Woge in seiner hand. 6 Vnd ich höret eine stim vnter den vier Thieren sagen / Ein mass Weitzen vmb einen grosschen / vnd drey mass Gersten vmb einen grosschen / vnd dem Ole vnd Wein thu kein leid.

7 VND da es das vierde Siegel auffthet / höret ich die stim des vierden Thiers sagen / Kom vnd sihe zu. 8 Vnd sihe / vnd ich sahe ein falh Pferd / vnd der drauff sass / des name hies Tod / vnd die Helle folgete jm nach. Vnd jnen ward macht gegeben zu tödten / das vierde teil auff der Erden / mit dem Schwert vnd Hunger / vnd mit dem Tod / vnd durch die Thiere auff Erden.

> http://www.zeno.org/nid/20005334195

Biblia germanica. Das ander teyl der Bibel, Augsburg: Johann Schönsperger, 9. November 1490

Holzschnitt von Hans Burgkmair d. Ä. (1473–1531) in der Nachfolge von Dürer und Cranach für die Ausgaben der Lutherbibel bei Silvan Othmar Augsburger 1523 und 1524.

Weitere Bilder:

Zürcher Bibel 1531 > http://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/5465799

Tobias Stimmer > http://www.e-rara.ch/bau_1/content/pageview/129375

Christoph Murer > http://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/10068137

Jost Amman > http://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/9193668

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❖ Elemente

Platons Dialog »Timaios« (vierziger Jahre des 4. Jahrhunderts v.u.Z.) hat als Thema die Entstehung des Kosmos. Er begründet hier, warum der Leib der Welt aus den vier Elementen bestehen muss.

Von diesen vieren nun hat das Weltgebäude ein jedes ganz erhalten. Denn aus allem Feuer und Wasser und aus aller Luft und Erde fügte es der Bildner (dēmiourgós) zusammen und ließ von keinem derselben irgend einen Teil oder eine Kraft außerhalb zurück, indem er dies dabei bezweckte: zunächst, daß es als organisches Wesen zu einem möglichst vollkommenen Ganzen durch sein Bestehen aus möglichst vollkommenen Teilen werde; … (32c [Stephanus-Numerierung]; dt. Übersetzung durch Franz Susemihl von 1856 > http://www.zeno.org/nid/20009262717)

Teile des Dialogs wurden bereits von Cicero ins Lateinische als »de universitate« übersetzt; für die Rezeption im Mittelalter ist bedeutend die lat. Teil-Übersetzung des Chalcidius.

Im »Elucidarium« des Honorius Augustodunensis (ca. 1080 bis ca. 1150 / 1151), Lib. I, Cap. xi De hominis formatione; et quomodo sit parvus mundus et ad imaginem Dei. fragt der Schüler, woraus der Mensch erschaffen sei. Der Lehrer unterscheidet ein geistige und eine körperliche Substanz, zur zweiten entwickelt er die Lehre vom Mikrokosmos:

De quatuor elementis: unde et microcosmus, id est minor mundus dicitur: habet namque ex terra carnem, ex aqua sanguinem, ex aere flatum, ex igne calorem. Caput ejus est rotundum, in coelestis sphaerae modum: in quo duo oculi ut duo luminaria in coelo micant; quod etiam septem foramina, ut septem coelum harmoniae ornant. Pectus, in quo flatus et tussis versantur, simulat aerem, in quo venti et tonitrua concitantur. Venter omnes liquores, ut mare omnia flumina recipit. Pedes totum corporis pondus, ut terra cuncta, sustinent. Ex coelesti igne visum, ex superiore aere auditum, ex inferiore olfactum, ex aqua gustum, ex terra habet tactum. Participium duritiae lapidum habet in ossibus, virorem arborum in unguibus, decorem graminum in crinibus, sensum cum animalibus: haec est substantia corporalis. (Migne PL 172, 1116 BC)

Herrad von [Landsberg, Äbtissin von] Hohenburg, († ca. 1196) kennt diese Vorstellung, zitiert diesen Text und fertigt dazu ein Bild an:

»Hortus deliciarum«, ed. Rosalie Green, M. Evans, C. Bischoff, M. Curschmann, (Studies of the Warburg Institute 36), 2 vols., London / Leiden 1979; Bild: Fol. 16v.

Texte im Bild:

  • Aer. Aer huic donet quod flat, sonat, audit, odorat.
  • Ignis fervorem dat visum, mobilitatem.
  • Aqua. Munus aquę, gustus humorem, sanguinis usus.
  • Ex terra carnem tactum trahit et gravitatem.

Diese und ähnliche Stellen werden häufig zitiert in der Forschungsliteratur zum Mikrokosmos:
• Rudolf Allers, Microcosmos. From Anaximandros to Paracelsus, in: Traditio II (1944), p. 319–407.
• Ruth Finckh, Minor mundus homo: Studien zur Mikrokosmos-Idee in der mittelalterlichen Literatur, Vandenhoeck & Ruprecht 1999 (Palaestra 306)

Bartholomaeus Anglicus spricht in deiner Enzyklopädie »de proprietatibus rerum« (nach 1235) zu Beginn des IV. Buchs (Über die Eigenschaften des Körpers) von den vier elementaren Qualitäten: De quattuor elementaribus qualitatibus: caliditas, frigiditas, siccitas, humiditas, aus denen die vier Elemente sowie die Leiber aller Lebewesen, insbesondere des Menschen konstituiert sind.

Liber de proprietatibus rerum Bartholomei anglici.  Impressus Argentine Anno domini M.cccc.xcj.  — Man ist dankbar für eine Ausgabe wie diese:

Bartholomaeus, Anglicus, On the properties of soul and body = De proprietatibus rerum, libri III et IV, edited from Bibliothèque Nationale MS. Latin 16098 by R. James Long, Toronto: Centre for Medieval Studies 1979 (Toronto medieval Latin texts 9).

Zur Konstitution der Elemente aus Sinnesqualitäten: 

   trocken
 feucht
 warm  Feuer  Luft
 kalt  Erde  Wasser

In der französischen Übersetzung von Jean Corbichon erscheint hierzu dieses Bild:

Le propriétaire des choses. Lyon; Mathieu Hutz 1482 > http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/inc/content/pageview/5405145corbichon_1482


Das Schema der vier Elemente dient immer wieder dazu, zu suggerieren, in einem Buch seien vollumfänglich alle Aspekte des Themas berücksichtigt.

• Der Kupfertitel einer späten Auflage des Hausväterbuchs von Johannes Coler (1566–1639) zeigt die vier Elemente in Gestalt von Personifikationen, die mit entsprechenden Attributen ausgestattet sind:

Johannes Colerus, Oeconomia rvralis et domestica. Das ist: Ein sehr nutzliches allgemeines Hauß-Buch vnd kurtze Beschreibung vom Haußhalten, Wein- Acker- Garten- Blumen vnd Feldbaw. Auch Wild- vnnd Voegelfang, Weidwerck, Fischereyen, Viehzucht, Holzfällungen vnd sonsten von allem was zu Bestellung vnnd Regierung eines wolbestellten Mayerhoffs, Länderey, gemeinen Feld vnd Haußwesens nützlich vnd vonnöhten seyn möchte ... / Hiebevorn von Johanni Colero, zwar beschrieben, jetzo aber, auff ein Newes in vielen Bücheren mercklich corrigirt, vermehrt vnd verbessert, in zwey Theil abgetheilt ... Gedruckt vnd verlegt in der Churfürstlichen Statt Mayntz, durch Nicolaum Heyl 1645.

• Auf dem Kupfertitel des Emblembuchs von Joachim Camerarius (1534–1598) sind die Elemente metonymisch durch mit dem Element verbundenen Berufe ausgedrückt: Vogelfänger — Schmied — Gärtner — Fischer:

Symbolorvm et Emblematvm Centuria vna / altera […] collecta Ioachimo Camerario, Francofurti Impensis Ioh: Ammonij 1654. > https://archive.org/details/symbolorumetembl131came

• Die vier Elemente werden gerne zu Serien von Kupferstichen zusammengestellt. Hier als Beispiel die Luft von Adriaen Collaert (1560–1618):

Mobilis, et rerum per cuncta meabilis AËR
Afflatu alituum promovet omne genus:
Commotus nimbos tempestatesque minatur,
Tranquillus terris aequoribusque fauet. 

Das Chamäleon auf der Hand lebt entspr. der zeitgenöss. Zoologie von Luft. (Plinius, hist., nat, VIII, li, 122: ipse celsus hianti semper ore solus animalium nec cibo nec potu alitur nec alio quam aëris alimento.)

Quelle: Britsh Museum > http://tinyurl.com/y92oobcy

 

• 1662 entwarf Charles Le Brun Tapisserie-Serien zur Verherrlichung Ludwigs XIV. Es handelt sich um einen Zyklus der vier Elemente und einen der vier Jahreszeiten. Sébastien Leclerc schuf Radierungen mit Gesamtdarstellungen der Teppiche, die zusammen mit den allegorischen Texten 1670 publiziert wurden. Der Augsburger Kupferstecher und Verleger Johann Ulrich Krauß (1655–1719) brachte – unter Mithilfe seiner Frau, Johanna Sybilla; Tochter von Melchior Küsel – 1687 eine verkleinerte Ausgabe mit deutscher Übersetzung heraus.

Tapisseries du Roy, ou sont representez les quatre elemens et les quatre saisons; avec les devises qui les accompagnent et leur explication = Königliche französische Tapezereyen, oder überaus schöne Sinn-Bilder, in welchen die vier Element, samt den vier Jahr-Zeiten, neben den Dencksprüchen und ihren Ausslegungen, vorgestellet werden. Aus den Original-Kupffern nachgezeichnet, und den Kunstliebenden zu Nutzen und Ergötzen an den Tag gegeben und verlegt durch Johann Ulrich Krauß, Gedruckt [in Augsburg] durch Jacob Koppmayer 1687. (und Neuauflagen) > https://archive.org/details/tapisseriesduroy00kraus   oder > http://diglib.hab.de/drucke/xb-4f-354/start.htm

Der Maler bedient sich eines Elements, um die vornehmsten Taten seiner Majestät (Ludwigs XIV.) anzuzeigen.

Auf einer großen Tafel (das Vorbild des Teppichs) sind für jedes der vier Elemente (hier herausgegriffen das Wasser) dargestellt: antike Gottheiten (hier: Neptun und Thetis) Landschaftselemente (das Meer bedeutet hier Friedens-Stille und Größe der Majestät), Tiere sowie weitere zum Element passende Dinge (Wappen u.a.)

In den vier Ecken stehen aus den Elementen hergeleitete Denck=Sprüche/ welche seine Majestät wegen dero vier Haupt=Tugenden/ so in dero hohen Person hervor leuchten/ einen sonderlichen Preiß zulegen/ die auch mehr als alle andere zu dem grossen Friedens=Wercke beytragen/ und seyn solche vornemlich die Gottseligkeit/ die Großmütigkeit/ die Gütigkeit und Tapfferkeit. (französ.: PIETÉ, MAGNANIMITIÉ, BONTÉ, VALEUR)

Herausgegriffen sei das Emblem unten links: Facit omnia læta. Der Bezug ist die BONTÉ. Ein grosser Strom sagt: Wo sich mein Lauf ergießt/ wird alles wol erfrisch. Dann die grosse Ströme bringen/ wo sie inkommen/ allen Uberfluß und Fruchtbarkeit/ also auch die gute Fürsten wie seine Majestät/ bringen ihren Völckern so ihnen gehorsamen/ Glück und Reichthum zuwegen. (Die drei den Rahmen haltenden Frösche sind reine Zier.)

• Der späte Herausgeber von Cesare Ripas »Iconologia« bringt die vier Elemente jeweils mit einem biblischen Bericht in Zusammenhang:

  • Wasser: Pharao mit seinem Heere wird ersäufft im rothen Meere (Exodus 14,27f.)
  • Luft: Elias fähret aus der Welt in Himmel wie es Gott bestellt (2 Kön 2,11f.)
  • Erde: Gott öfnete der Erden Mund, drum Korah Rott auch geht zu Grund (Numeri 16, 31ff.)
  • Feuer: Nadab und Abihu sterben durch ihr Schuld in dem Verderben (Leviticus  10,1f.)

Des berühmten Italiänischen Ritters, Cæsaris Ripæ, allerleÿ Künsten, und Wissenschafften, dienlicher Sinnbildern, und Gedancken, Welchen jedesmahlen eine hierzu taugliche Historia oder Gleichnis beÿgefüget. Joh. Georg Hertel, in Augspurg [vor 1761].

> https://archive.org/stream/parsidesberuhmte00ripa#page/n19/mode/2up

 

• Ein Kupfer von Dirck Volckertzoon Coornhert (1519–1590) nach einer Zeichnung von Martin van Heemskerck (1498–1574) »Circulus vicissitudinis rerum humanarum« (1564?) zeigt einen allegorischen Triumphwagen der Erde: Darauf ein transparenter Globus, in dem 7 Personifikationen von Sünden stehen; der Fuhrmann ist Tempus, die Pferde sind Tag und Nacht. Die Räder des Wagens sind gebrochen.

Auf dem Wagen sitzen die vier Elemente (FLAMMA, AVRA, TERRA et AQVA sorores quattuor) und halten entsprechende Attribute:

  • ein Flammenbündel in der Hand und als Kopfputz ein Phönix in brennendem Nest
  • ein Berg in der Hand, und eine Burg auf dem Kopf
  • ein Schiff in der Hand und ein Fisch auf dem kopf
  • ein Regenbogen in den Händen, ein Vogel als Kopfputz.

Um die Szene herum sind die Himmelsrichtungen (fratres ZEPHYRVS, AQVILO, EVRVS, NOTVS) dargestellt.

Digitalisat des British Museum > http://tinyurl.com/yb4dadjt


Petrarcas Buch »De Remediis utriusque fortunae«( ca. 1366/67) handelt I,3 von der Gesundheit. Die Figur, deren vier Extremitäten die vier Attribute der Elemente berührt, könnte einen Zusammenhang darstellen mit der (durch Paracelsus vertretenen) Galenischen Lehre, dass die vier Elemente die Gesundheit beeinflussen. Der bis heute unbekannte Illustrator (Notnamen ›Petrarkameister‹) stellt das – über den Text hinausgehend – so dar. »Es bedarf einer akrobatischen Geschicklichkeit, das Gleichgewicht des Wohlbefindens aufrechtzuerhalten.« (Walter Scheidig 1955). Zuversicht gibt, dass im Wirtshaus (unten rechts) ›ausgesteckt‹ ist...

Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner 1532. (Aus der Ausgabe 1572; vgl. das Digitalisat der BSB > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00084729/image_36 )

 

Georg Rollenhagen (1542–1609) lässt in seinem »Froschmeuseler« (1595) die Frösche über die beste Regierungsform (Policey) diskutieren. Der Frosch Grawkopff rät zur Aristokratie (Das ander buch; Das ander theil; Das XVI. capitel): Grawkopf lobet ein regiment/ darin ihr wenig der allerbesten die oberhand haben. Eines der Argumente ist: Das man einem das Regiment/ Nicht allein stellet in die hend/ Sondern von außerläsen Mannen Setzet eine anzahl beysamen/ Das ander stets zu wider sehen Denen/ die zu weit wolen gehen.

Dann – bei einer Randglosse: Das in der Welt die vier Element zugleich regieren – sagt Grawkopff, dass Gott selbst in dieser Welt / Diß für die beste Ordnung helt und argumentiert mit der Vier-Elemente-Lehre:

Denn als Gott von den Elementen/
Auch wolt eins setzen zum Regenten/
Vnter den vntersten Naturen/
Vorzustehen vns Creaturen/
Bedacht Er zu derselben Zeit/
Jn seiner höhesten Weißheit/
Es wer nicht gut/ das eins allein/
Mehr denn ander solt mechtig sein.
Denn daß Fewr würd alles verbrennen/
Das Wasser alles vberrennen/
Die Erd alles gantz vnterdrücken/
Der Wind alles reissen auff stücken.
Darümb solten sie in dem Reich/
Einer dem andern sein geleich.
Das die Erd kont den Winden wehren/
Das Wasser deß Fewrsflamm verzehren.
Dennoch die Lufft mit jhrem Odem/
Vnd die drey Wind vnd Nahrung geben/
Das Fewr alles wermte zum Leben.
Also getrew Brüderschafft spielten/Aller dinge Wesen erhielten.

Froschmeuseler. Der Frösch und Meuse wunderbare Hoffhaltunge/ der Frölichen auch zur Weyßheit/ und Regimenten erzogenen Jugend/ zur anmutigen aber sehr nützlichen Leer/ aus den alten Poëten vnd Reymdichtern/ vnd insbesonderheit aus der Naturkündiger von vieler zahmer und wilder Thiere Natur und Eigenschafft bericht/ in Dreyen Büchern auffs newe mit vleiß beschrieben/ vnd zuvor im Druck nie außgangen. Gedruckt zu Magdeburgk durch Andreas Gehn im Jahr M.D.XCV. — Text der Ausgabe von K.Goedeke (1876) > http://www.zeno.org/nid/20005546079 — Neuausgabe: Georg Rollenhagen, Froschmeuseler, hg. von Dietmar Peil (Bibliothek deutscher Klassiker / Bibliothek der frühen Neuzeit 12), Frankfurt/M. 1989; hier: II, Verse 4107ff. — Digitalisat der Erstausgabe: > http://doi.org/10.3931/e-rara-60061


• Der Tempelvorhang, den die Christen aus der Kreuzigungsszene kennen (Mt 27 50–51a und Parallelstellen) ist vierfarbig. In den Jahren 75–79 verfasste Flavius Josephus das Werk »Geschichte des jüdischen Krieges«. Darin beschreibt er den Vorhang. Möglicherweise ist damit gemeint, dass er die elementare Welt symbolisiert – dahinter befindet sich das Allerheiligste, Transzendente.

Vor diesen Flügelthüren befand sich ein Vorhang von gleicher Größe, eine aus Hyacinth, Byssus, Scharlach und Purpur buntgewirkte, sogenannte Babylonische Decke von wunderbarer Arbeit, deren Farbenmischung nicht ohne Bedachtnahme auf die Bedeutung des betreffenden Stoffes geschehen war; sie sollte damit gleichsam ein Bild des Universums bieten. Mit dem Scharlach sollte der Vorhang das Feuer, mit dem Byssus die Erde, mit der Hyacinthfarbe die Luft und mit dem Purpur das Meer andeuten, da zwei dieser Stoffe schon mit ihrer Farbenähnlichkeit, der Byssus und der Purpur aber durch ihre Herkunft an die ihnen entsprechenden Elemente gemahnen, indem den Byssus die Erde, den Purpur aber das Meer hervorbringt. (Buch 5, Kapitel 5,4, ¶ 212) Deutsche Übersetzung von Philipp Kohout, Linz 1901 bei: https://de.wikisource.org/wiki/Juedischer_Krieg/Buch_V_5-9


• Eine spezielle Bedeutung haben die vier Elemente im Neujahrsblatt der Zürcher Bürgerbibliothek auf das Jahr 1664 (variiert wiederholt 1665): »Türkischer Jamerspiegel oder Bůß-sporren«. Kupfer von Conrad Meyer (1618–1689).

(Der Haupttext unter dem Bild hier weggelassen, vgl. das vergrößerbare Digitalisat)

Das runde Bild in der Mittel zeigt einen Überfall der Türken. Um das Bild herum wird zitiert die Prophezeiung aus Jeremia 5,15f. und 6,22f. wo vom nahenden Gericht in Form eines fremden Volks die Rede ist, das über Juda kommen wird. – Damit sind die Türken gemeint, die 1663/64 Krieg gegen die Christenvölker führen.

Die vier Bilder in den Ecken zeigen die vier Elemente. Die ihnen zugeordneten Katastrophen-Ereignisse sind einerseits Vorzeichen (entsprechend der Theorie v.a. des 16.Jhs, wie sie etwa bei Conrad Lycosthenes 1557 und in der Flugblattliteratur erwähnt werden), welche die Menschen zu Buße antreiben sollen (daher der Titel Buß-Sporn); anderseits Strafen für die Sünden der Menschen.

◰ Feuer. Eine Stadt (die Zürich ähnelt) unter einem Feuerhagel; am Himmel ein Komet. Text: Helfend Warnungs-Zeichen nicht, so erfolgend Strafgericht.

◳ Luft. Ausgemergelte Menschen zerlegen einen Tierkadaver; im Hintergrund ein Sensenmann auf einem Pferd (vgl. die vier apokalyptischen Reiter). Text: Vergiffter Luft und Hungersnoth, seind Sündenfrücht und Sold von Gott.

◱ Wasser. Mehrere Menschen versuchen sich aus einer sintflut-artigen (vgl. den zeitgenössischen Ausdruck ›Sünd-Flut‹) Überschwemmung an Land zu retten. Text: Der Sünden über-fluß Bringt diesen Wasserguß.

◲ Erde: Erdbeben zerstört eine Stadt; von einem Berg bricht ein Felsen ab; am Himmel eine Feuer-Drache. Text: Die Erde, von der Sünd beschwert, erschüttet sich, und Rach begert.

Ausführlich zu diesem Blatt: Martina Sulmoni, »Einer Kunst- und Tugendliebenden Jugend verehrt«. Die Bild-Text-Kombinationen in den Neujahrsblättern der Burgerbibliothek Zürich von 1645 bis 1672, Bern: Lang 2007, S. S. 441–472.

Literatur zu den 4 Elementen:

Gerhard Frey / Ellen J. Beer / Karl-August Wirth: Artikel »Elemente«, in: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte (RDK), Bd. 4 (1957), Spalten 1256–1288 > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=88853

Adolf Lumpe, Artikel »Elementum« in: Reallexikon für Antike und Christentum (RAC), Bd. 4 (1959), Spalten 1073–1100.

Karl-August Wirth, Artikel »Erde«, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte (RDK), Bd. 5 (1964), Spalten 997–1104 > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=89080

Ursula Nilgen, Artikel »Elemente, vier«, in: Lexikon der christlichen Ikonographie (LCI), Bd. 1 (1968), Spalten 600–606.

Dietmar Peil, Das Schema der vier Elemente in der politischen Metaphorik. In: Francesca Rigotti / Pierangelo Schiera (Hgg.): Aria, terra, acqua, fuoco. I quattro elementi e le loro metafore = Luft, Erde, Wasser, Feuer. Die vier Elemente und ihre Metaphern, Bologna: Società editrice il Mulino 1996, S. 213–237.

Gernot Böhme und Hartmut Böhme, Feuer, Wasser, Erde, Luft. Eine Kulturgeschichte der Elemente, München: Beck 2004. 

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❖ Die vier (einst bekannten) Erdteile

Eine beliebte Darstellung ist die: eine Personifikation mit den Charakteristika der Ethnien des Erdteils ist umgeben von den dort ansässigen Tieren, Pflanzen, Gebräuchen usw.

• So sind die Kontinente typischerweise dargestellt bei Cesare Ripa:

Cesare Ripa, Iconologia ... Nella Qvale Si Descrivono Diverse Imagini di Virtù, Vitij, Affetti, Passioni humane, Arti, Discipline, Humori, Elementi, Corpi Celesti, Prouincie d'Italia, Fiumi, Tutte le parti del Mondo, ed altre infinite materie, Siena: Florimi 1613; II, 67 (Der Rahmen mit den antiken Gottheiten gehört nicht zum Bildinhalt.)

Adriaen Collaert (Antwerpen ca.1560 – 1618) hat etwa 1590 das etwas üppiger gezeichnet, hier Africa:

> https://en.wikipedia.org/wiki/File:Marten_de_Vos_Adriaen_Collaert_America.jpg

> https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marten_de_Vos_Adriaen_Collaert_Africa.jpg

Hinweis auf weitere > http://bibliodyssey.blogspot.ch/2007/12/allegory-of-continents.html {Juni 2017}

• Selbstverständlich dürfen die vier Erdteile bei einer Darstellung der »Geographie« nicht fehlen:

Neujahrsblatt der Bügerbibliothek in Zürich auf das Jahr 1706. — Bild größer als PDF

Stanislaus Reinhard Acxtelmeier (1649 – ca. 1715) vereinigt alle vier Erdteile in einem Bild, in den Zwickeln der Darstellung der Schöpfung. Auch diese Komposition beansprucht Totalität des Inhalts.

 

Stanislaus Reinhard Acxtelmeier, Des Aus der Unwissenheits-Finsternuss erretteten Natur-Liechts Oder Der vernünfftigen und Kunst-weisen Endledigungen aller würdigsten Wesens-Arten der Natur, Welt-Staats-und Kunst-Veränderungen, sambt deren Urheben, Umwechslungs-Ursachen, des Himels oder des Gestirns immerwährenden Verbund mit der Erden […], Druckts und verlegts Caspar Brechenmacher, [6 Bände] 1699–1700.

Giovanni Battista (Giambattista) Tiepolo (1696–1770) stellt die vier Erdeile 1752/53 im Deskenfresko der Würzburger Residenz dar.

 

Eine andre Überlegung führt zu einer Aufteilung der Erde in vier Zonen: In der »Consolatio« des Boethius († ca. 524/526) will die (personifizierte) Philosophie darlegen, wie nichtig  die Begierde nach Ruhm und der Ruf um Verdienste im Staat sind. Dazu führt sie aus, wie klein die Erde im Vergleich zum ganzen Himmelsraum ist und dass nur der vierte Teil der Erde von uns bekannten Lebewesen bewohnt wird (quarta fere portio est … quae nobis cognitis animantibus incolatur); wenn man dann noch abzieht, was davon Meer und Sümpfe bedecken, so bleibt für den Menschen ein sehr kleiner Raum. (Cons., 2.Buch, Prosa 7. – Vgl. dazu Joachim Gruber,  Kommentar zu Boethius, De consolatione philosophiae, 2. Aufl., Berlin: de Gruyter  2006.)

Der (unbekannte) Illustrator der Boethius-Ausgabe 1501 zeichnet eine durch Flussläufe aufgeteilte vierteilige Erde – waren die vier Paradiesesflüsse eine Inspirationsquelle? (Die beiden Figuren rechts unten im Bild: die Philosophie und Boethius.) Freilich hat der den Text nicht ganz verstanden: Er zeichnet auf drei der vier Teile Häuser. Boetius de Philosophico consolatu siue de consolatione philosophiae, cum figuris ornatissimis nouiter expolitus, Argentinae: Grüninger 1501; fol. XLIII recto.

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❖ Die vier Erzengel (Gabriel — Raphael — Michael — Uriel)

Die vier Erzengel (das Wort Erzengel wird erwähnt 1 Thessalonicher 4, 16) muss man sich in der Bibel zusammensuchen; das Quartett ist eine späte Zusammenstellung:

Gabriel Dann hörte ich eine Menschenstimme über dem Ulai laut rufen: »Gabriel, erkläre diesem da die Erscheinung!« (Daniel 8,15f.)

Gabriel kennt man v.a. aus der Verkündigung an Maria: Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt. […]  Der Name der Jungfrau war Maria. (Lukasevangelium 1,26–38)

Michael  Ein zunächst namenloser Engel spricht zu Daniel und verweist darauf, dass er durch Michael Hilfe erfahren habe, den er als einen ›unter den ersten Fürsten / Engelfürsten‹ tituliert (Buch Daniel 10,13)

Michael ist sodann bekannt aus der eschatologischen Gerichtsszene: Als aber Michael, der Erzengel, mit dem Teufel stritt und mit ihm rechtete … (Judasbrief Vers 9)

Raphael Raphael wird unerkannt zum Begleiter des Tobias auf dessen gefahrvollem Weg (Buch Tobit 3,16–17)

Uriel kommt nur in den Apokryphen vor > https://de.wikipedia.org/wiki/Uriel_(Engel)

Christian Schmid (gest. um 1700), Die vier heiligen Ertz-Engel (Holzschnitt, 17.Jh.) > http://images.zeno.org/Kunstwerke/I/big/HL80518a.jpg

Spezialliteratur:

Karl-August Wirth, Artikel ›Engelchöre‹, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. V (1960), Sp. 555–601. > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=93199

E. Lucchesi Palli, Artikel ›Erzengel‹, in: Engelbert Kirschbaum / Wolfgang Braunfels u.a. (Hgg.), Lexikon der christlichen Ikonographie, Band I (Freiburg 1968), Sp. 674–68.

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Euphratische Engel in der Apokylypse

Apokalypse 9.13ff.; Text aus der Zürcher Bibel 1531: Und der sechßt Engel pusaunet/ und ich hort ein stimm auß den vier ecken deß guldinen altars vor Gott/ die sprach zuo dem sechßten Engel/ der die pusaunen hatt: Löß auf die vier Engel gebunden an dem grossen wasserstrom Euphrates. Und es wurdend die vier Engel ledig/ die bereyt warend auff ein stund/ und auff ein tag/ und auff ein monat/ und auff ein jar/ das sy todtind das dritt teil der menschen.

Biblia/ das ist alle Bücher Alts und Newes Testaments / den ursprünglichen Sprachen nach auff das trewlichst verteutschet unnd jetzt von newem wider ubersehen..., Getruckt zuo Zürych bey Johanns Rodolff Wolffen, im Jahr 1618. Digitalisat > https://www.e-rara.ch/zuz/content/zoom/5515254

Alte Ausleger (zitiert bei Cornelius a Lapide ad. loc.) deuten die vier verderbenbringenden Engel beispielsweise moralisch als proprius amor – divitiarum cupiditas – inanis hominum existimatio – proprium judicium.

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❖ Evangelisten ~ Attribute

Ein Problem, das die frühen Christen umtrieb, war die Abgrenzung des Kanons, d.h. das Set derjenigen Texte, die normativen Rang beanspruchen dürfen. Es gab mehrere Texte, die von Jesus berichteten – welches sind die gültigen, welche müssen draussen bleiben? Es kristallisierte sich heraus: Es sind die vier Evangelien von Markus, Matthäus, Lukas, Johannes. Warum gerade diese und nicht etwa das Thomas-Evangelium, das Evangelium des Jakobus, das Nikodemus-Evangelium?

Vgl. Alfred Schindler (Hg.), Apokryphen zum alten und neuen Testament, Zürich: Manesse-Verlag 1988 und Neuauflagen.

Donatus minor expositione vulgari, Argentine 1511

Die frühen Bibelwissenschaftler haben – unter anderen – eine Lösung gefunden: Sie beziehen die vier Evangelien auf das viergestaltige Wesen, das Ezechiel in seiner Vision gesehen hat (Ezechiel 1, 4ff.) – Einheit in der Vielgestalt:

und sihe/ ein windsbraut kam von Mitnacht här mit einem grossen wolcken unnd flackenden fheür/ das alle ding ringsweyß herumb mit seinem glast erleüchtet. Mitten aber auß dem fheür glastet ein gestalt eines Haßmals/ unnd ein gleychnuß vierer thieren/ die warend gstaltet wie ein mensch/ außgenommen das ein yetlichs vier antlit hatt und vier flügel. Jre beyn warend gstracks: jre füeß aber warend wie rindsfüeß/ unnd die gabend einen glantz vonn jnen wie ein poliert ertz. Under jren flüglen auff alle vier ort hattend sy menschen hend. Dann jre angesicht und jre flügel hattend sy zuo allen vier orten/ doch warend die flügel also/ dz ye einer den anderen gegen jm anruort. Wenn sy giengend/ wandtend sy sich nit umb/ sonder ein yetlichs gieng zuo dem das stracks vor jm was. Jr angesicht was zur rechten eines menschen angesicht und eines löuwen/ doch hatt ein jetlichs sein ort in der vierecketen gstalt. Auff der lincken hattend sy eines ochsen unnd eines Adlers angesicht/ doch das yedes steyff in seiner vierecketen figur bleib. (Übersetzung der Zürcher Bibel 1531)

Icones biblicæ præcipuas sacræ scripturæ historias eleganter & graphice repræsentantes. Biblische Figuren/ darinnen die Fürnembsten Historien/ in Heiliger und Göttlicher Schrifft begriffen […], an Tag gegeben durch Matthaeum Merian von Basel, Pars III, Franckfurt am Mayn/ bey Erasmo Kempffern MDCXXVII. (Ausschnitt)

Holzstich von Alexander Strähuber (1814–1882); zur Vulgata-Übersetzung von Joseph Franz Allioli, Landshut 1851.

Weitere Informationen zum Tetramorph hier auf dieser Website.

Aber welcher der vier Evangelisten ist welchem der vier Teile zuzuordnen?

Bei Hieronymus (um 350 – 420) findet sich die Korrelation, die sich dann durchs Mittelalter bis heute hält. Er schreibt im Prolog zum Matthäus-Kommentar:

Das erste Gesicht eines Menschen bezeichnet Matthäus, der quasi sein Schreiben über den Menschen angehoben hat: »Das Buch des Stammbaums Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams« (Mt 1,1). Das zweite [Gesicht bezeichnet] Markus, bei dem die Stimme des brüllenden Löwen in der Wüste gehört wird: »Eine Stimme ruft in der Wüste, bereitet dem Herrn den Weg, ebnet seine Pfade« (Mk 1,3). Das dritte [Gesicht] eines Kalbes, welches darstellt, dass der Evangelist Lukas sein Evangelium mit dem Priester Zacharias begonnen hat. Das vierte [bezeichnet] den Evangelisten Johannes, der, nachdem er Flügel eines Adlers angenommen hat und Höherem entgegeneilt, das Wort Gottes erörtert. (Migne, Patrologie Latina  26, 19B/C)

Fol. 27 verso (Ausschnitt) im Book of Kells (um 800) > https://commons.wikimedia.org/wiki/Book_of_Kells?uselang=de#/media/File:KellsFol027v4Evang.jpg

Vier Evangelisten tragen das Lesepult mit den Attributen (Stadtkirche Freudenstadt, Mitte 12. Jh.) aus H. Fillitz, Das Mittelalter I, Berlin: Propyläen-Kunstgeschichte 1969, Tafel XXIV

Die vier Evangelisten / Attribute werden gerne in den vier Kappen eines Kreuzgrat- oder Kreuzrippengewölbes angebracht. Hier in der Kirche in Büren an der Aare:



Otfrid von Weißenburg († 875) schreibt eine Evangelienharmonie, d.h. ein Werk, in dem die vier Evanglien ineinander verwoben sind. – In der Zuschrift an Erzbischof Liutbert (seit 863 Bischof von Mainz) schreibt er der Vierzahl der Evangelien eine besondere Kraft zu.

Volumen namque istud in quinque libros distinxi. Quorum primus nativi- tatem Christi memorat; finem facit baptismo doctrinaque Iohannis. Secundus, iam accersitis eius discipulis, refert, quomodo se et quibusdam signis et doctrina
[…] – Das Werk habe ich in fünf Bücher zerlegt: Das erste erzählt die Geburt Christi und endet mit der Taufe; usw.

Hos, ut dixi, in quinque, quamvis evangeliorum libri quatuor sint, ideo distinxi, quia eorum quadrata aequalitas sancta nostrorum quinque sensuum inaequalitatem ornat et superflua in nobis quaeque non solum actuum verum etiam cogitationum vertunt in elevationem caelestium. Quicquid visu olfactu tactu gustu audituque delinquimus, in eorum lectionis memoria pravitatem ipsam purgamus: visus obscuretur inutilis, inluminatus evangelicis verbis; auditus pravus non sit cordi nostro obnoxius; olfactus et gustus sese a pravitate constringant Christique dulcedine iungant; cordisque praecordia lectiones has Theotisce conscriptas semper memoria tangent.

Übersetzug: Obwohl es vier Evangelienbücher sind, habe ich es [mein Werk] doch in fünf geteilt, weil die heilige gerade Vierzahl der ungeraden Fünfzahl unserer Sinne förderlich ist, und alles, was in uns nicht nur an Handlungen sondern auch an Gedanken überflüssig ist, zum Himmlischen emporhebt. Womit wir uns auch mit dem Geruchs-, den Geruchs-, dem Tast-, den Geschmacks- und dem Gehörsinn verfehlen – dadurch dass wir die Lektüre diese [Evangelien] bedenken, reinigen wir uns von diesen Unschicklichkeiten: das unnütze Auge soll dunkel werden [gegenüber verderbenbringende Eindrücke] dadurch, dass es erleuchtet wird durch die Worte des Evangeliums  […]

Literaturhinweis:

Ursula Nilgen, Evangelistensymbole, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. VI (1970), Sp. 517–572; online > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=89207

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❖ Gradus amoris

Richard von Sankt Viktor († 1173) schrieb einen Traktat über die Gewalt der Liebe, in dem er die Sehnsucht und den Weg der Seele zu Gott in vier Stufen (gradus) gliedert. (Vgl. die Einführung in der Ausgabe von M.Schmidt).

§ 4: Charitas vulnerat, charitas ligat, charitas languidum facit, charitas defectum adducit. Die Metaphern werden biblisch abgestützt: Die Liebe verwundet (Hoheslied/Cantica 4,9: vulnerasti) – fesselt (Hosea 11,4: In funiculis Adam traham eos, in vinculis caritatis / mit menschlichen Fesseln zog ich sie, mit Banden der Liebe) – macht krank (Hoheslied/Cantica 5.8 amore langueo / ich bin krank vor Liebe) – lässt schwach werden (Psalm 118,81 [Vg.]: meine Seele schmachtet nach Deiner Hilfe).

Johannes Tauler († 1361) übernimmt das Schema in einer Predigt zu Christi Himmelfahrt:

Von disem lebenden wasser [bezieht sich auf ein Zitat im Abschnitt vorher, wo auf das Wasser des Lebens angespielt wird] sprach ein meister, heisset Richardus, ein grosser meister der heiligen geschrift, das die minne hat vier grete.
• Der erste grat der minne heisset eine wunde minne, wan die sele mit der stralen der minne von Gotte wirt verwunt, das ir dis lebende wasser wirt geschenket der woren minne: so wundet si Got wider mit irre minne. Und von der minne sprach unser herre in der minne buͦch: »swester min, du hast min herze verwunt mit eime dinre oͮgen und mit eime hore dines halses«. [Cant 4,9] Das emzige oͮge das ist ein emzige angesicht des bekentnisse und des gemuͤtes das luterlichen uf Got gat. Und das emzige har das ist luter und unvermengte minne. Hie mit wirt Got verwunt von der selen.
• Der ander grat der woren minne, das nemmet diser meister eine gevangene minne. Es stet geschriben: »ich sol dich ziehen in dem seile Adams«. [Osee 11,4]
• Die dritte minne das ist ein qwellende minne. Von der sprach die brut in der minne buͦche: »ir toͤchteren von Jerusalem, vindent ir minen geminten, sagent im das ich von minne qwele«. [Cant 5,8]
• Die vierde minne das ist die verzerende minne. Von der sprach der prophete in dem salter: »defecit; min sele die ist verzert und ist ab genomen, herre, in dinem heile«. [Ps 118,81]

Richard von Sankt Viktor, Über die Gewalt der Liebe [de quattuor gradibus uiolentae caritatis], eingef. und übers. von Margot Schmidt, München u.a.: Schönigh 1969.

Johannes Tauler, Die Predigten, hg. Ferdinand Vetter, (Deutsche Texte des Mittelalters 11), Berlin 1910; Predigt 60b — Johannes Tauler, Die Predigten, übertragen und hg. von Georg Hofmann, Einsiedeln 1979; Nr. 18.

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❖ Gliedmaßen der Quadrupedia

Die höheren Wirbeltiere (Lurche, Reptilien, Vögel, Säugetiere) haben seit dem Devon (vor ca. 368 Millionen Jahre) vier Gliedmaßen (ausgestaltet als Füße, Flügel, Hände).

Paul Steinmann, Tierkunde (2. Teil von Biologie. Lehr- und Arbeitsbuch für schweizerische Mittelschulen), 2. Auflage, Aarau: Sauerländer 1948, Abb. 106.

Bilderbuch für Kinder enthaltend eine angenehme Sammlung von Thieren, Pflanzen, Blumen, Früchten, Mineralien, Trachten und allerhand andern unterrichtenden Gegenständen aus dem Reiche der Natur, der Künste und Wissenschaften; … verfasst von F. J. Bertuch, Band 1, Weimar 1790; 2. Auflage 1801; Tafel XIX.

Aristoteles hat sich über die Fortbewegung der Lebewesen Gedanken gemacht. In »de incessu animalium«) schreibt er in ¶ 14, die Vierfüßer können nur kontinuierlich und sicher gehen, indem sie nach dem rechten Vorderbein das linke Hinterbein, dann das linke Vorderbein und danach das rechte Hinterbein bewegen. Wenn sie nicht so diagonal schreiten (Passgang beim Pferd!), ist die Bewegung erschwert, oder sie müssen springen. (Man kann implizieren, dass dreibeinige oder fünfbeinige Lebewesen noch mehr Schwierigkeiten beim Gehen hätten.) — Die Schrift ist übersetzt und erläutert von Jutta Kollesch, Berlin: Akademie-Verlag, 1985; Anmerkungen S. 135.

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❖ Himmelsrichtungen

Wir Menschen haben ausgeprägt eine Dimension vorne—hinten und eine links—rechts. (Die Dimension oben—unten spielt, seit wir von den Bäumen heruntergekraxelt sind, nicht eine so eminente Rolle). Dieses Empfinden von zwei rechtwinklig zu einander stehenden Richtungen wird wohl unterstützt durch den Gang der Sonne von Ost nach West mit der Kulmination an Mittag (Süden).

••• Visionen von sakralen Bauten sind gerne quadratisch und nach den vier Himmelsrichtungen ›orientiert‹:

Ezechiels Vision des Neuen Tempels ist so strukturiert (Hesekiel 48,30ff. nach der Lutherbibel 1545):

Vnd die thor der Stad sollen nach den namen der stemme Jsrael genennet werden /
Drey thor gegen Mitternacht / Das erste thor Rubens / das ander Juda / das dritte Leui.
ALso auch gegen Morgen / vier tausent vnd fünff hundert Ruten / vnd auch drey Thor / nemlich /Das erste thor Joseph / das ander BenJamin / das dritte Dan.
GEgen Mittag auch also / vier tausent vnd fünff hundert Ruten / vnd auch drey Thor / Das erst thor Simeon / das ander Jsaschar / das dritte Sebulon.
ALso auch gegen Abend / vier tausent vnd fünff hundert Ruten / vnd drey Thor / Ein thor Gad / das ander Asser / das dritte Naphthali.

Biblia cum Postillis Nicolai de Lyra et Expositionibus Guillelmi Britonis in omnes prologos S. Hieronymi et additionibus Pauli Burgensis replicisque Matthiae Doering. Nürnberg: Anton Koberger 1487; Band 3.

• Ein Engel – der den Propheten Ezechiel offenbar genau gelesen hat – zeigt dem Seher Johannes das Neue Jerusalem; eine Stadt  mit 12 Toren für die 12 Stämme Israels: Apk 21,13: Vom Morgen drey thor / von Mitternacht drey thor / vom Mittag drey thor / vom Abend drey thor. 

Icones biblicæ præcipuas sacræ scripturæ historias eleganter & graphice repræsentantes. Biblische Figuren/ darinnen die Fürnembsten Historien/ in Heiliger und Göttlicher Schrifft begriffen […], an Tag gegeben durch Matthaeum Merian von Basel, Pars IV, Straßburg/ In verlegung Lazari Zetzners Seligen Erben 1629. > http://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/7589430

••• Die römischen Kolonisatoren haben mittels eines Visiergeräts (groma) ganz konkret Städte angelegt. (In Pompei wurde ein solches ausgegraben.) Das Kreuz zeigte, wie das Koordinatennetz zu liegen hatte. Das Rückgrat bildeten die rechtwinklig zu einander stehenden Hauptachsen: decumanus maximus (W—O) und cardo maximus (S—N).

Anlage eines Vermessungssystems, in welchem sich die Hauptachsen im Zentrum der Stadt kreuzen (Hinweis bei Alfred Stückelberger, Bild und Wort. Das illustrierte Fachbuch in der antiken Naturwissenschaft, Medizin und Technik, Mainz: von Zabern 1994):

Aus der Handschrift: Agrimensores veteres Romanorum (codex Arcerianus) aus dem 6. Jh.; Herzog Augsut Bibliothek Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 36. 23. Aug. fol. > http://diglib.hab.de/mss/36-23-aug-2f/start.htm?image=00160

Wie so eine Stadt aussah, ermisst man an den Ruinen der Stadt Timgad (Algerien), die von Kaiser Trajan um 100 u.Z. aus dem Boden gestampft wurde.

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❖ Hofämter im Mittelalter

Unter den Ottonen bildeten sich vier Haupt-Hofämter heraus: Kämmerer, Marschall, Truchsess, Mundschenk. Beim Krönungsmahl Ottos I. im Jahr 936 werden sie von vier Herzögen feierlich ausgeübt. Der Truchsess ist für die gesamte Hofhaltung zuständig, der Marschall für Pferdestall und Fuhrpark, der Schenk ist der F&B-Manager, dem Kämmerer obliegt die Sorge für die Finanzen.

Der Schwabenspiegel oder Schwäbisches Land- und Lehen-Rechtbuch: nach einer Handschrift vom Jahr 1287 (hg. F. L. A. Lassberg, 1840) sagt im Landrecht § 69: Wie fursten ampt gestiftet sint. Div geistlichen fvrsten ampt vnd div weltlichen fvrsten ampt div sin gestiftet von erste mit vier fvrsten ampten. mit einem trvhsæzen vnd mit einem marschalle vnd mit einem kamerær vnd mit einem schenchen. Die vier die müezen von erste Rehte vrie lvte sin.

Wolfram von Eschenbach, »Willehalm« 212,7ff.:

ein marschalc solde fuoter gebn;
die des trinkens wolden lebn,
die solden zuo dem schenken gên;
der truhsaeze solde stên
bî dem kezzel, sô des waere zît;
der kamerær sol machen quît
phant den dies twinge nôt.


Wolfram von Eschenbach, »Parzival« 666,23ff:

dô nam mîn hêr Gâwân
vier werde rîter sunder dan,
daz einer kamerære
und der ander schenke wære,
und der dritte truhsæze,
und daz der vierde niht vergæze,
ern wære marschalc. sus warp er:
dise viere leisten sîne ger.

> http://resikom.adw-goettingen.gwdg.de/abfragebegriffe.php?optionID=29

Werner Rösener,  Artikel ›Hofämter‹, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. V, (1991), Sp. 67f.

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❖ Hörner des Altars

Exodus 27,1f.: Dann mach aus Akazienholz den Altar, fünf Ellen lang und fünf Ellen breit – der Altar soll also quadratisch sein – und drei Ellen hoch. 2 Mach ihm Hörner an seinen vier Ecken – seine Hörner sollen mit ihm ein Ganzes bilden – und überzieh ihn mit Kupfer!

Bild aus > http://www.kchanson.com/PHOTOS/megiddoaltar.html (mit weitern Erläuterungen) Vgl. Othmar Keel, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament, Einsiedeln: Benziger 1972 (und Neuauflagen); Abb. 195.

❖ Jahreszeiten

Dass es distinkte Jahreszeiten geben soll, ist an sich unsinnig; es handelt sich um ein Kontinuum. Indessen bieten die Sommer- und Wintersonnenwende sowie die beidien Äquinoktien Anhaltspunkte zur Einteilung, die aber nicht mit den Jahrseszeiten in unseren Breiten übereinstimmt.

     

Wintersonnwende aus: Cesare Ripa, Iconologia Overo Descrittione Di Diverse Imagini cavate dall'antichità, & di propria inuentione, Roma 1603; p. 463. > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ripa1603

Bei Ovid stehen um den Thronwagen von Phoebus u.a. die Jahreszeiten: Der Frühling, mit einem blühenden Kranz geschmückt – der Sommer, mit einem Gewinde von Ähren – der Herbst, bespritzt von getretenen Trauben – der Winter mit grauen und struppigen Haaren:

Verque novum stabat cinctum florente corona,
stabat nuda Aestas et spicea serta gerebat,
stabat et Autumnus calcatis sordidus uvis
et glacialis Hiems canos hirsuta capillos
. (Metamorphosen II, 27ff.)

Immer wieder haben Dichter / Komponisten / bildende Künstler sich anregen lassen. Als Beispiele seien genannt:

Ausschnitt aus dem Kinderzirkus-Mosaik in der Villa Romana del Casale in der Nähe der Stadt Piazza Armerina auf Sizilien (Foto von P.M. aus dem Jahre 1979). In einer Zirkus-Arena (in der Mitte die mit einem Obelisk geschmückte Mauer und an deren Enden je eine Meta, d.h. Säulen, um welche die Wettfahrenden beim Wagenrennen herumkurven) ein Wettrennen: Vier von Kindern gelenkte Wägelchen werden von je einem Vogelpaar gezogen. Die vier Gespanne mit vier verschiedenen Vogelarten könnten die vier Jahrszeiten darstellen. (Die Idee könnte aus dem Gedicht von Ovid stammen [»Amores« I,2, Verse 23ff.], wo Amor einen von Tauben gezogenen Wagen lenkt. Apuleius schreibt im »Goldenen Esel« [6. Buch, ¶ 6], der Wagen der Venus werde von weißen Tauben gezogen.)
Gesamtansicht > whc.unesco.org/en/documents/159599

Giuseppe Arcimboldo (um 1526–1593) hat die vier Jahreszeiten (wie die vier Elemente und die vier Tageszeiten) auf seine Art dargestellt; hier exemplarisch der Winter:

 

Antonio Vivaldi, »Le quattro stagioni« (1725) – dazu hat er evtl. selbst vier Sonette geschrieben > http://userpage.fu-berlin.de/history1/bs/vivaldi/niemann/sonette.htm

Hier das Titelkupfer (Pfeiffer jun. del. / C.Fritsch fil. sc.) zu

Herrn B. H. Brockes [1680–1747], Com. Palat. Caes. und Rahts-Herrn der Kayserl. freyen Reichs-Stadt Hamburg, aus dem Englischen übersetzte Jahres-Zeiten des Herrn Thomson [1700–1748]: Zum Anhange des Jrdischen Vergnügens in Gott ; Mit Kupfern, Hamburg: Herold, 1745. (Dieses Frontispiz aus einer Privatbibliothek; es fehlt im Digitalisat der HAB > http://diglib.hab.de/drucke/lo-677-4-2/start.htm ) Bild größer als PDF

Text unter dem Bild:
Dies ist der Erden Wunder Bau, worauf, durch ihr beständigs Drehen
Wie Morgen, Mittag, Abens, Nacht, LENTZ, SOMMER, HERBST und FROST entstehen.

 
Baron Gottfried van Swieten hat den Text für Joseph Haydns Oratorium »Die Jahresezeiten» umgeschrieben (Uraufführung Wien 1801).

Die Darstellung der Jahrsezeiten bedient sodann die Gattung ›Genrebild‹. Hier eines von vielen Kupfern aus dem 17.Jh.: AESTAS (der Sommer)

Marten de Vos (1532–1603) inven.Philipp Galle (1537–1612) excud..

 

 

Spezialliteratur:

Alexander Demandt, Zeit. Eine Kulturgeschichte, Berlin: Propyläen 2015.; bes. S.272ff.

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❖ Kardinaltugenden

Zur Etymologie:
Lat. Adjektiv cardinalis ›zur Türangel (cardo) gehörig, um die sich die Tür dreht‹; also: ›zentral, hauptsächlich‹;
Tugend: Abstraktum zu mittelhochdeutsch touc- ›brauchbar sein‹; also: ›Kraft, Vortrefflichkeit‹.

••• In einem idealen Staat müssen nach Platon (428/427 bis 348/347) die vier Tugenden Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit praktiziert werden. (Politeia 427d–432b).

••• Bei Cicero  (106 – 43), »de officiis« I,v,15 sind die vier ehrenhaften Haltungen noch nicht terminologisch fixiert.

Sed omne, quod est honestum, id quattuor partium oritur ex aliqua.

Aut enim in perspicientia veri sollertiaque versatur
aut in hominum societate tuenda tribuendoque suum cuique et rerum contractarum fide
aut in animi excelsi atque invicti magnitudine ac robore
aut in omnium, quae fiunt quaeque dicuntur ordine et modo, in quo inest modestia et temperantia.

Quae quattuor quamquam inter se colligata atque implicata sunt, tamen ex singulis certa officiorum genera nascuntur, velut ex ea parte, quae prima discripta est, in qua sapientiam et prudentiam ponimus, inest indagatio atque inventio veri, eiusque virtutis hoc munus est proprium.

Übersetzung: Alles aber, was sittlich gut ist, entspringt aus einem der vier folgenden Teile: Es liegt nämlich

entweder in der Fähigkeit und Fertigkeit, die Wahrheit zu erkennen;

oder im Schutz der menschlichen Gesellschaft, in der Bereitschaft, jedem zu geben, was ihm zusteht und Treue und Glauben im Verkehr mit anderen zu beachten;

oder es liegt in der Erhabenheit, Größe und unbesiegbaren Stärke des Geistes;

oder in dem Sinn für Maß und Ordnung bei allem, was man tut und spricht, wohin die Tugenden der Mäßigung und der Selbstbeherrschung gehören.

Zwar sind die vier Stücke innig und unauflösbar ineinander verschlungen, dennoch aber ergeben sich aus jedem einzelnen gewisse bestimmte Gattungen des pflichtgemäßen Handelns. Aus demjenigen zum Beispiel, das in unserer Einteilung die erste Stelle hat, und das die Tugend der Weisheit und Klugheit in sich begreift, ergibt sich die Pflicht der Untersuchung und Erforschung der Wahrheit, und gerade hierin liegt die eigentümliche Aufgabe dieser Tugend. (Übersetzung > http://www.gottwein.de/Lat/CicOff/off1015.php)

••• Buch der Weisheit (ca. 50 v.u.Z.) 8,7: Und wenn jemand die Gerechtigkeit liebt, so ist sie es, welche die Tugenden hervorbringt; denn Maßhalten und Klugheit lehrt sie, Gerechtigkeit und Tapferkeit, die nützlichsten Besitztümer, die es für die Menschen in ihrem Leben gibt. (Übersetzung der Menge-Bibel; Original griechisch)

••• Philo von Alexandrien (ca. 15/10 vor bis nach 40 u.Z.), Allegorische Erklärung des heiligen Gesetzbuches, I, ¶ 63ff. interpretiert die vier Paradiesesflüsse:

»Ein Fluss aber geht von Eden aus, den Garten zu tränken; von dort scheidet er sich in vier Ursprünge.« [usw. Genesis 2,10–14] Hiermit will die Schrift  die Einzeltugenden bezeichnen, deren Zahl vier beträgt: Einschicht, Besonnenheit, Tapferkeit und Gerechtigkeit. Der größte Strom, von welchem die vier Arme ausgehen, ist die Tugend im allgemeinen, […]; die vier Arme sind die vier Einzeltugenden.  Die allgemeine Tugend nimmt ihren Ausgang von Eden, der Weisheit Gottes , die sich freut und ergötzt und erquickt und sich nur Gottes, ihres Vaters, stolz rühmt. Die vier Einzeltugenden gehen von der allgemeinen aus, die  einem Strome gleich  jeder Tugend die auf sie entfallenden ›vollkommenen Tagen durch eine reiche Flut guter Werke zuströmen lässt. […] Der eine Fluss heißt Pheison, dieser umspült das Land Evilat, dort wo das Gold ist; […]. Eine der vier Tugenden ist die Einsicht, die die Schrift Pheison nennt, da sie die Seele schont und vor Freveltaten hütet. In kreisförmigem Reigen umschreitet sie das Land Evilat, das heißt, sie umgibt sorgsam die wohlwollende, freundlich, sanftmütige Sinnesart.  [und so weiter; Gihon wird parallelisiert mit der Tapferkeit; Tigris mit der Besonnenheit; Euphrat mit der Gerechtigkeit]

Leopold Cohn, Isaak Heinemann, Maximilian Adler und Willy Theiler, Philo von Alexandrien. Die Werke in deutscher Übersetzung, Berlin 1909–1938; Band 2 (1919).

••• Ambrosius von Mailand (340 – 397), »Von den Pflichten der Kirchendiener« (De officiis ministrorum), Erstes Buch, XXIV. Kapitel, ¶ 115. Hier ist der Kanon terminologisch fixiert:

Quod his viris principalium virtutum officium defuit?

Quarum primo loco constituerunt prudentiam, quae in veri investigatione versatur, et scientiae plenioris infundit cupiditatem:

secundo iustiticam, quae suum cuique tribuit, alienum non vindicat, utilitatem propriam negligit, ut communem aequitatem custodiat:

tertio fortitudinem, quae et in rebus bellicis excelsi animi magnitudine, et domi eminet, corporisque praestat viribus:

quarto temperantiam, quae modum, ordinemque servat omnium, quae vel agenda, vel dicenda arbitramur.

Übersetzung: An welcher Förderung der Haupttugenden hätten es diese Männer [die erwähnten Abraham, Jakob, Joseph, Job, David] fehlen lassen?  An erste Stelle setzte man die Klugheit, welche sich mit der Erforschung des Wahren befaßt und den Trieb nach gründlicherem Wissen einflößt; an zweite Stelle die Gerechtigkeit, die jedem das Seinige zuteilt, kein fremdes Gut sich aneignet, vom eigenen Nutzen absieht, um die gemeinnützige Norm der Billigkeit zu wahren; an dritte Stelle den Starkmut, der im Feld wie zu Haus durch Seelengröße sich hervortut und durch Körperkraft sich auszeichnet; an vierte Stelle die Mäßigkeit, die in allem Maß und Ordnung hält, was wir tun oder reden zu sollen glauben. (Übersetzung in »Bibliothek der Kirchenväter« > http://www.unifr.ch/bkv/kapitel2721-23.htm)

••• Bei Isidor von Sevilla (um 560 – 636) ist das als Schulwissen auskristallisiert.

Ethicam Socrates primus ad corrigendos conponendosque mores instituit, […], dividens eam in quattuor virtutibus animae, id est prudentiam, iustitiam, fortitudinem, temperantiam. Prudentia est in rebus, qua discernuntur a bonis mala. Fortitudo, qua adversa aequanimiter tolerantur. Temperantia, qua libido concupiscentiaque rerum frenatur. Iustitia, qua recte iudicando sua cuique distribuunt.

Übersetzung: Die Ethik hat Sokrates als erster zur Berichtigung und Aufstellung von Sitten begründet, und deren ganzes Bemühen hat er auf die Erörterung des guten Lebens ausgerichtet, indem er dieses auf vier Tugenden der Seele verteilt hat, nämlich Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Die Klugheit liegt in den Dingen, wo Schlechtes von Gutem unterschieden wird, die Tapferkeit dort, wo Widriges gleichmütig ertragen wird, die Mäßigung, wo Wollust und die Begierde nach Dingen gebremst werden, die Gerechtigkeitt, wo durch gerechtes Urteilen jedem das Seine zugeteilt wird.  

Etymologiae II, xxiv, 3–5 – Deutsche Übersetzung: Die Enzyklopädie des Isidor von Sevilla, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Lenelotte Möller, Wiesbaden: Matrixverlag 2008.

Die Tugenden wurden als Personifikationen visualisiert und mit entsprechenden Attributen ausgestattet. Die Attribute wechseln gelegentlich.

  • Prudentia, Umsicht, Klugheit — Buch; Spiegel; Hirsch (?); Schlange, basierend auf Matthäus 10,16: »Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben!«
  • Fortitudo, Starkmut — Löwe (auch auf einem Schild gezeichnet); Säule (Oft kommt auch eine oben abgebrochene Säule vor – wie kann das ein Symbol für die Stärke sein? Weil Samson bei der Zerstörung des Tempels der Philister dessen Säulen zerstört hat; vgl. Buch der Richter 16,29ff. und das Bild)
  • Temperantia, Maßhalten — Zaumzeug; Ellenmaß; Schwingbalken einer Uhr; Krug, mit dem mäßig eingeschenkt wird; der sich mäßig nährende Elefant; mehr zur Temperantia hier.
  • Iustitia — Waage

Cambrai, Bibliothèque Mincicipale Ms 327; Fol 16 verso nach Katzenellenbogen, Abb. 32. {Dez. 2017 noch kein Digitalisat gefunden}

••• François Dumoulins, »Traité des Vertus« (illustrierte Prachthandschrift aus Lyon um 1510; BNF français 12274) stellt die vier Kardinaltugenden mit teils ungewöhnlichen Tierattributen dar.

Die Bildtafel ist nicht mit einem Text versehen, und die im Inneren des Buches dargestellten Personifikationen der Tugenden haben andere Attribute. > https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b6000782z.image

  • Die PRVDENCE hält nicht eigentlich einen Drachen, sondern (gemäß Matthäus 10,16 und somit passend) eine Schlange in der Hand. Serpens ist der Überbegriff für alle Kriechtiere in der alten Zoologie (von. lat. serpo ›kriechen‹); und der Drache ist das größte Kriechtier: Draco maior cunctorum serpentium, sive omnium animantium super terram. (Isidor von Sevilla, Etymologiae XII,vi,4).
  • FORCE (Fortitudo), ritterlich gerüstet, hält einen Löwen am Halsband; einleuchtend. Bei Cesare Ripa (1603, S. 165f.) heißt es und ist gezeichnet: FORTEZZA … nel bracchio sinistro vno scudo, in mezo del qvale vi sia dipinto vn leone che s’azzuffi con vn cignale [Wildschwein].
  • Dass der TEMPERANCE ein Einhorn beigesellt wird, könnte zurückgehen auf eine Umdeutung der Vorstellung, dass das Einhorn nur von einer Jungfrau gefangen werden kann; das würde aber besser zur Personifikation der Keuschheit (Castitas oder Pudicitia) passen. — Die vorzügliche Hompage der Graphischen Sammlung Stift Göttweig beschreibt eine solche Kombination Temperantia+Einhorn. Vgl. ferner hier > http://www.symbolforschung.ch/Einhorn.html
  • Der IVSTICE ist ein Kranich mit Stein beigegeben. Der ist genau genommen das allegorische Tier für die Wachsamkeit (Vigilantia). Auch das Szepter ist seltsam. Vgl. hier > http://www.symbolforschung.ch/Tier-Allegorien.html#grus

••• Selbstverständlich behandelt Cesare Ripa die Kardinaltugenden (erste illustrierte Ausgabe der »Iconologia« 1603)

Diese Bilder aus Nova iconologia, Paduva: Paolo Tozzi 1618. > https://archive.org/details/novaiconologia00ripa

••• Ausschnitt aus dem Titelblatt zu: Eustache de Refuge, A Treatise of the Court or Instructions for Courtiers, [London]: Imprinted by A. M. for Will Lee 1622.

Dank für das Bild an > https://georgegeoxers.wordpress.com/tag/feelings/

 

••• Die vier Kardinaltugenden sind in Wandmalereien und Statuen häufig anzutreffen. Hier eine Stukkatur aus der ›Sala terrena‹ im Freulerpalast in Näfels (Kanton Glarus): die Prudentia mit Spiegel und Schlange. (Die anderen drei Tugenden sind dort in den Ecknischen auch präsent.)

(Foto: PM)

 

Literaturhinweise:

Adolf Katzenellenbogen, Allegories of the virtues and vices in medieval art from early Christian times to the thirteenth century. London 1939 (Studies of the Warburg Institute, 10).

Sybille Mähl, Quadriga Virtutum. Die Kardinaltugenden in der Geistesgeschichte der Karolingerzeit Köln: Böhlau 1969 (Archiv für Kulturgeschichte; Beihefte, Heft 9).

Michael Evans, Artikel »Tugenden« in: Lexikon der christlichen Ikonographie (LCI), Bd. 4 (1972), Spalten 364–380.

Michaela Bautz, Artikel »Fortitudo«, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. X (2004), Sp. 225–271 > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=88950

Alice Thaler, Die Signatur der Iconologia des Cesare Ripa: Fragmentierung, Sampling und Ambivalenz. Eine hermeneutische Studie. Basel: Schwabe-Verlag 2018; zur Prudenza Kapitel 3.11 = S. 178–192.

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❖ Kleider von Jesus bei der Kreuzigung

Johannes 19,23 Nachdem die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen Teil, […] So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine Kleider unter sich und warfen das Los um mein Gewand. (Ps.21 [Vg.],19)

Die Ausleger interessieren sich mehr für den unteilbaren Leibrock, den die Soldaten unter sich verlosen. Immerhin: Augustinus (354–430), Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium), 118. Vortrag, ¶ 4:

Vielleicht fragt jemand, was die Teilung der Kleider in so viele Teile und die Losung um den Rock bedeutet. Das vierfach geteilte Gewand des Herrn Jesu Christi sinnbildete seine Kirche, sofern sie nämlich über den ganzen, aus vier Teilen bestehenden Erdkreis verbreitet und in all diesen Teilen gleichmäßig, d. h. einträchtig versammelt ist. Darum sagt er anderswo, er werde seine Engel senden, damit sie seine Auserwählten von den vier Windrichtungen sammeln [Mt. 24,31:  Er wird seine Engel unter lautem Posaunenschall aussenden und sie werden die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, von einem Ende des Himmels bis zum andern], und was heißt das sonst als von den vier Weltgegenden, Osten, Westen, Norden und Süden? – Der durch das Los verteilte Rock aber bedeutet die Einheit aller Teile, die durch das Band der Liebe bewirkt wird. (Übersetzung in »Bibliothek der Kirchenväter« > http://www.unifr.ch/bkv/kapitel1891-4.ht)

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❖ Kirchenväter

Einen ersten Beleg für die Kanonisierung der Vierzahl der Kirchenväter findet man bei Beda Venerabilis († 735). In einem Brief schreibt Beda, er habe sich habe sich eifrig bemüht zu untersuchen, was die vier genannten Autoren ausgesprochen haben: quid beatus Ambrosius, quid Augustinus, quid denique Gregorius vigilantissimus … , quid Hieronymus sacrae interpres historiae, quid caeteri patres in Lucae verbis senserint, quid dixerint, diligentius inspicere sategi (Migne PL 92 304D; nachgewiesen bei Henri de Lubac, Exégèse médiévale, I/1, Paris 1959; S. 26ff.).

Auf dem Frontispiz der Enzyklopädie von Gregor Reisch stehen sie zuoberst; in der Mitte die Philosophia divina (während im unteren Teil der Seite Aristoteles und Seneca die Philosophia naturalis und Philosophia moralis repräsentieren). Sie tragen die zu ihren Ämtern passenden Kopfbedeckungen:

  • Gregor der Große (er war  590 bis 604 Papst) mit Tiara
  • Hieronymus mit Kardinalshut
  • Ambrosius mit Mitra (er war Bischof)
  • Augustinus mit Mitra (er war Bischof)

 Aepitoma omnis phylosophiae. Alias Margarita Phylosophica tractans de omni genere scibili, Freiburg: Joh. Schott 1503. — Erklärung des ganzen Titelbilds hier.

Das Titelblatt des Basler Taulerdrucks – die Titeleinfassung stammt von Hans Holbein d.J. (1497–1543) – zeigt neben den Evangelisten-Attributen in den Ecken sowie Petrus (oben Mitte) und Paulus (unten Mitte) die vier Kirchenväter:



Joannis Tauleri des heiligen lerers Predig/ fast fruchtbar zuo eim recht christlichen leben […], Basel: Adam Petri, 1521. — Bild schwarz-weiß als PDF

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❖ Körper-Säfte

Isidor von Sevilla (um 560 – 636) schreibt in »Etymologiae« IV,v,3 zu den vier Körperflüssigkeiten, Gesundheit sei die richtige Mischung der Grundstoffe. Alle Krankheiten gehen aus den vier Körpersäften hervor, das heißt aus Blut (sanguis), Galle (fel), Schwarzer Galle (melencholia) und Schleim (phlegma). Jede der vier Körperflüssigkeiten ahmt eines der Elemente nach: Blut – Luft; Galle – Feuer ; Schwarze Galle – Erde; Schleim – Wasser.

Morbi omnes ex quattuor nascuntur humoribus, id est ex sanguine et felle, melancholia et phlegmate. Sicut autem quattuor sunt elementa, sic et quattuor humores, et unusquisque humor suum elementum imitatur: sanguis aerem, cholera ignem, melancholia terram, phlegma aquam. Et sunt quattuor humores, sicut quattuor elementa, quae conservant corpora nostra.

> https://www.hs-augsburg.de/~harsch/Chronologia/Lspost07/Isidorus/isi_et04.html#c05 – Deutsche Übersetzung: Die Enzyklopädie des Isidor von Sevilla, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Lenelotte Möller, Wiesbaden: Matrixverlag 2008.

Das ist freilich nur ein ganz kleiner Einblick in die lang andauernde Tradition der Humoralpathologie.

Spezialliteratur:

Walter Müri, Melancholie und Schwarze Galle, in: Museum Helveticum 10 (1953), S.21–38.

Erich Schöner, Das Viererschema in der antiken Humoralpathologie, Wiesbaden: Steiner 1964 (Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, Beiheft 4).

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❖ Lebensphasen

Ovid spricht im seltsamen 15.Buch seiner »Metamorphosen« davon, alle Dinge seien dem Wandel unterworfen, wobei aber nichts untergehe – insbesondere die Seele, die nur die Gestalt wechsle (Metempsychose). Als Argument bringt er das in vier Formen (species) gegliederte Jahr, die unser Leben wiederspiegeln: Quid? non in species succedere quattuor annum | adspicis, aetatis peragentem imitamina nostrae? (met XV, 199f.) – In der Übersetzung von Johann Heinrich Voss (1798):

Wie, und siehest du nicht in vier abwechselnde Formen
Treten das Jahr, nachahmend den Gang von unserem Leben?
Saftreich ist es und zart, ganz ähnlich dem Alter des Knaben (puer),
In dem erwachsenden Lenz. Dann strotzen die neuen Gewächse,
Kraft noch missend und Halt, und ergötzen mit Hoffnung den Landmann.
Dann blüht alles umher, und fröhlich im Schmelze der Blumen
Prangt das Gefild, doch fehlt noch festes Beharren dem Laube.
Tüchtiger geht nach dem Lenz nun über das Jahr in den Sommer,
Rüstigem Jüngling (iuvenis) gleich; denn es ist kein anderes Alter
Reicher in Fülle der Kraft, keins heißer in drängendem Streben.
Danach folget der Herbst, der ohne das Feuer der Jugend
Reif dastehet und mild und zwischen dem Greis und dem Jüngling
[für die zu erwartende virilitas bringt er kein Wort]
Mäßig in Mitten sich hält, schon grau an den Schläfen gesprenkelt.
Schaurig mit wankendem Schritt kommt endlich der greisende (senilis) Winter,
Völlig der Haare beraubt, und trägt er sie, weiß an dem Haupte.
An uns selber erfährt ja auch rastlose Verwandlung
Immer der Leib, und was wir gewesen und sind, wir verbleiben
Morgen es nicht.

Eine Vierteilung der Lebensphasen setzte sich in der Tradition nicht durch. Augustinus (354–430) kennt (analog zur Schöpfungsgeschichte) 6 Altersstufen plus die ewige Ruhe (»de vera religione« XXVI, xlviii, 130ff.) dieses Schema war erfolgreicher.

Der Arzt Johann Dryander (1500–1560) kennt vier Lebensalter: Darumb sag ich dir das alter vierley ist. Da erst heyßt Adolescentia/ das wachsend alter […] — Das ander alter heyßt Iuuentus/ ist Jugendt […] – Das dritt alter volgt hernach vnd heißyt Senectus/ Ist kalter vnd truckner Complexion/ wert biß auff achtzig Jar/ In disem alter faht der mensch an sichtbarlich abnemen/ an gesicht/ an gehör/ an stercke. […] – Das vierdt alter heysset Senium […]

Johann Dryander, Der gantzen Artzenei gemeyner Inhalt, Wes einem Artzt, bede in der Theoric vnd Practic zusteht, Mit anzeyge bewerter Artzneienn, zu allen leiblichen Gebrechenn, durch natürliche mittel, Hiebei beneben des menschen cörpers Anatomei, warhafft Contrafeyt, vnd beschriben; Allen Artzten, vnd eim ieden zu sein selbs, vnnd seins nehsten noturfft dienlich, wol zu haben vnd zuwissen, Franckfurt am Meyn: Ch. Egenolff 1542; Fol 25 recto. Gutes Digitalisat der BSB > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00087685/image_61

 

Das Neujahrsblatt der Zürcher Bürgerbibliothek auf das Jahr 1667, einer Kunst- und Tugend liebenden Jugend zugedacht, thematisiert die vier Lebensphasen. Diese werden mit den vier Tageszeiten und den vier Jahreszeiten korreliert. – Kupfer von Conrad Meyer (1618–1689).

• Oben links die Jugend / Morgen / Frühling. Der geflügelte Knabenputto mit Gloriole biegt einen Zweig, solange dieser noch jung ist – später lässt er sich dann nicht mehr biegen – und wird von der Hand Gottes gekrönt. Im Hintergrund pfropft ein Winzer Reben. (Wie die drei weiteren Putti zeigen, ist mit dem Knaben nicht das Jugendalter personifiziert.)
• Oben rechts die Zeit des Erwachsenen / Mittag / Sommer: Der Putto hält Spaten und Sichel; in der Hand eine Banderole mit dem Text Bätten und Arbeiten. Im Hintergrund Bauern bei der Kornernte.
• Unten links das angehende Alter / Abend / Herbst: der Putto mit einem Füllhorn und Fruchtschale.
• Unten rechts: das hohe Alter / Nacht / Winter: der Putto mit Kerze und Totenschädel fliegt himmelwärts. (Im Hintergrund erkennbar das Limmatquai mit der Wasserkirche, in der sich damals die Bürgerbibliothek befand.)

Vgl die detaillierte und kontextualisierende Beschreibung in: Martina Sulmoni, "Einer Kunst- und Tugendliebenden Jugend verehrt". Die Bild-Text-Kombinationen in den Neujahrsblättern der Burgerbibliothek Zürich von 1645 bis 1672, Bern: Lang 2007 (Deutsche Literatur von den Anfängen bis 1700; Band 46); S. 232–236.

 

1751 ließ Abt Coelestin I. das Schloss Leitheim im Stil des Rokoko ausschmücken. Die Fresken sind von von Gottfried Bernhard Göz: die fünf Sinne, die vier Elemente, die vier Temperamente, die vier Lebensalter, die vier Jahreszeiten und der Wechsel von Tag und Nacht und Nacht und Tag. Hier die Jugend. (Danke, Romy, für die Postkarte!):


 

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❖ Die vier Letzten Dinge

Die vier Szenen auf dem Titelkupfer eines barocken Emblembuchs sind angeschrieben:

  • Lessus mortualis (Totengeheul) mit dem Stundenglas über geflügeltem Totenkopf
  • Tribunal ultimum (Jüngstes Gericht) mit dem richtenden Christus auf den Regenbogen über den Auferstehenden
  • Æterna inferorum supplicia (Ewige Pein der in der Hölle Befindlichen) mit armen Seelen, die von Teufeln im Feuer geplagt werden
  • Æterna beatorum gaudia (Ewige Freuden der Glückseligen) mit Menschen im Himmel, die die drei Personen der Trinität anschauen.

Pia Desideria […], Auctore R.P. Herm. Hugone, Coloniæ: Ex Officina Metternichiana, Anno M.DCC.XLI

Angelus Silesius (1624–1677), Sinnliche Beschreibung der vier letzten Dinge, Schweidnitz: Zacharias Horn 1675. > http://www.zeno.org/nid/20004431936

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❖ Liebe, ihre vier Arten

Ein Adler und ein Löwe, ein Drache und eine Sirene sind durch eine Kette miteinander verbunden, vor einem Flammenmeer zu einem Quadrat aufgespannt. Lemma: Amor causa omnium (Die Liebe ist die Ursache aller Dinge).

Joachim Camerarius, Symbola et emblemata (1590–1604), [2. Band zuerst 1595] — deutsche Übersetzung: Vierhundert Wahl-Sprüche und Sinnen-Bilder, durch welche beygebracht und außgelegt werden die angeborne Eigenschafften, wie auch lustige Historien und Hochgelaehrter Männer weiße Sitten-Sprüch, Mainz 1671; II,100. —  Digitalisat der UB Erlangen-Nürnberg > http://digital.bib-bvb.de/webclient/DeliveryManager?custom_att_2=simple_viewer&pid=9017060&childpid=9018433

Das Bild geht gemäß dem langen Kommentar des Camerarius zurück auf Cæsar Trevisanus (wer war das? Das Zedlersche Lexikon kennt niemanden mit diesem Namen.), der diese vier Tiere hat malen lassen, um die vier Arten der Liebe vorzustellen:

  • der Adler bedeutet das Verlangen und die Lieb zu rechtschaffner Ehr und Ruhm … welches all niedriges in die Höhe führt;
  • der starkmütige Löwe bedeutet das Verlangen zu Tugend und zu wackerem Gemüht;
  • die Sirene mit ihrer lieblichen Stimme zeigt, wie man der rechten Schönheit begehren sol;
  • der als Schützer von Schätzen berühmte Drache ist eine Allegorie des Strebens nach Reichthumb und zeitlichen Gütern.

Die Eigenschaften der vier Wesen werden physiologus-artig bzw. nach Art der Poeten ausgelegt.

Dann werden sie parallelisiert mit Körperteilen: Adler ≈ Haupt wegen des Vertandes; Löwe ≈ Brust wegen der Stärke; Sirene ≈ Unterbauch wegen der Wollust; Drache ≈ Füße und Schenkel, weil er auf der Erde kriecht.

Die Ketten bestehen aus verschiedenen Metallen: Die Kette oben zwischen Adler und Löwe ist golden, weil die Liebe zu Gott die trefflichste ist; die Kette zwischen Sirene und Drache ist von Blei, was die menschliche-viehische Liebe bedeute. (Die anderen beiden Ketten bleiben ohne Deutung.)

Camerarius kritisiert die Allegorie dann gleich: Die Liebe zu Gott, zum Nächsten, zum Vaterland fehle in diesem Schema.

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❖ Logisches Quadrat

Das logische Quadrat dient der Veranschaulichung elementarer logischer Beziehungen von Aussagen mit jeweils demselben Subjekt und Prädikat. Der Ursprung dieser Aussagen findet sich in Aristoteles’ Werk »De Interpretatione« 6-7, welches im zweiten Jahrhundert n. Chr. von Apuleius von Madaura vervollständigt und graphisch in die quadrata formula, das logische Quadrat, umgesetzt wurden. Die bis heute gebräuchliche Terminologie der einzelnen Bestandteile geht auf Boethius und dessen Aristoteles-Kommentare zurück.

Georg Reisch, Margarita Phylosophica tractans de omni genere scibili, Basel 1517.

Die Darstellung in der »Margarita Philosophica« von Gregor Reisch verwendet als Subjekt bos (›Rind‹) und als Prädikat est animal (›ist ein Tier‹). Die beiden oberen Kreise enthalten die allgemeinen (omnis/nullus bos est animal – ›jedes/kein Rind ist ein Tier‹), die beiden unteren die partikulären Aussagen (quidam bos (non) est animal – ›ein gewisses Rind ist (nicht) ein Tier‹). Die Kreise auf der linken Seite enthalten die bejahenden, die auf der rechten die verneinenden Aussagen. Sätze, welche kontradiktorisch sind, d.h. sich gegenseitig ausschliessen, stehen sich diagonal gegenüber. Aussagen mit entgegengesetzten Quantoren sind zueinander horizontal angeordnet. Die Relationen zwischen diesen wird als konträr (allgemeine Aussagen) bzw. subkonträr (partikuläre Aussagen) bezeichnet. Die partikulären Aussagen sind jeweils logisch in den allgemeinen enthalten und werden daher als subaltern zu diesen bezeichnet.

Die logischen Beziehungen der Aussagen lassen sich auch in einer Tabelle auflisten. Die von Apuleius ersonnene Graphik ist jedoch viel kompakter und einprägsamer, nicht nur weil sie sämtliche Relationen der einzelnen Aussagen gleichzeitig abbildet, sondern auch, da es zu keinerlei Überschneidungen innerhalb der quadratischen Anordnung kommt.

Eine andre frühe Darstellung: Notker der Deutsche, Boethius’ Bearbeitung der »Categoriae« des Aristoteles   > http://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0818/167

Literaturhinweise:

›Quadrat, logisches‹, in Historisches Wörterbuch der Philosophie; Band 7 (1989), Sp. 1733-1736.

> http://plato.stanford.edu/archives/fall2008/entries/square/

> https://en.wikipedia.org/wiki/Square_of_opposition

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❖ Minnesänger im Wahrsagespiel

Um voraussagen zu können, ob ein gewünschtes Ereignis eintrifft, würfelt man und gerät je nach Zahl der Augen in den Sektor einer bestimmten Tafel; gegebenenfalls wird man von hier zu einer der Vierer-Tafeln weitergeleitet; je nach Wurf sagt der Text, was eintreffen wird.

Die vier Altväter – Die vier heidnischen Meister – Die vier Evangelisten – Die vier Kirchenlehrer – Die vier Einsiedler – Die vier Bischöfe – Die vier Laienfürsten – Die vier Grafen – Die vier Elemente – Die vier Gralsritter – Die vier Ritter von der Tafelrunde – Die vier Winde – Die vier Wälder – Die vier Heiden – Die vier Recken – Die vier Buhler [Minnesänger]

Ein Mittelalterliches Wahrsagespiel. Konrad Bollstatters Losbuch in Cgm 312 der Bayerischen Staatsbibliothek, kommentiert von Karin Schneider, Wiesbaden: Reichert 1978.
> bei wikimedia und besser hier > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00093677/image_312

Cgm 312, Fol. 142v: Die Vier Puoler  [gemeint sind Minnesänger; die Texte in der Paraphrase von K. Schneider S.68]:
Fuoß [ein der Forschung unbekannter Autor]: Du wirst von allen deinen Sorgen befreit.
Wolffram von Eschenpach: Deine Liebste ist völlig unzuverlässig, und nicht erst seit heute.
Moringer [Heinrich von Morungen]: Diene Liebste ist treu, aber du hast sie doch nicht recht lieb.
Prennberger [Reinmar von Brenneberg]: Deine Liebste ist treu, aber nicht dir, sondern einem anderen. Man könnte meinen, sie stamme aus Flandern.

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❖ Paradiesesflüsse

Genesis 2, 10–14: Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert; dort teilt er sich und wird zu vier Hauptflüssen. 11 Der Name des ersten ist Pischon; er ist es, der das ganze Land Hawila umfließt, wo es Gold gibt. 13 Der Name des zweiten Stromes ist Gihon; er ist es, der das ganze Land Kusch umfließt. 14 Der Name des dritten Stromes ist Tigris; er ist es, der östlich an Assur vorbeifließt. Der vierte Strom ist der Eufrat. (Einheitsübersetzung)

Vgl. die Auslegung von Philo im Abschnitt über die Kardinaltugenden. Von hier abhängig ist die Auslegung des Ambrosius, »de paradiso«:

14. Et dividitur, inquit, hic fons in quatuor initia. […] Sicut ergo fons vitae est Sapientia, fons gratiae spiritalis: ita fons virtutum est caeterarum, quae nos ad aeternae cursum dirigunt vitae. Ex hac igitur anima quae culta est, non ex ea quae inculta fons iste procedit, ut irriget paradisum, hoc est, quaedam diversarum fruteta virtutum, quarum sunt quatuor initia in quae sapientia ista dividitur. Quae sunt quatuor initia virtutum, nisi unum prudentiae, aliud temperantiae, tertium fortitudinis, quartum justitiae? Quae etiam sapientes istius mundi ex nostris assumpta, in suorum scripta librorum transtulerunt. Itaque sicut fons sapientiae, ita etiam flumina ista quatuor quaedam ex illo fonte manantia sunt fluenta virtutum. (PL 14,29)

• Für Honorius Augustodunensis (ca. 1080 bis ca. 1150 / 1151) bedeutet das Paradies allegorisch die Kirche; die Quelle Christus; die vier Flüsse bedeuten die vier Evangelisten, welche den Garten der Kirche bewässern, und zwar mit besonderen Wohltaten: einer mit Milch, einer mit Öl, einer mit Wein, einer mit Honig. Dann wird klargestellt, warum die vier Evangelisten für diese vier Wohltaten zuständig sind; dann wird die Zuordnung der vier Evangelisten-Attribute (Mensch / Stier / Löwe / Adler) begründet. (Honorius Augustodunensis, Speculum Ecclesiae, De nativitate Domini,  Migne, PL 172 833B)

Quatuor flumina quae inde oriuntur quatuor evangelistae intelliguntur, quia largifluo dogmate perfuderunt totum hortum Ecclesiae.

Hii quatuor fluvii spirituales dant Ecclesiae sapores tales:

Unus quidem lacus nutrimentum,

alter autem praebet olei fomentum,

tercius vini saporem;

quartus exhibet mellis dulcorem. […]

De Matthaei Evangelio lac Ecclesiae manat, dum Christum pro bonis parvulum factum et lacte nutritum clamat.

Oleo infirmi curantur. De luce Evangelio oleum Ecclesiae funditur, dum Christi cruore nostrae infirmitates curatae ab eo referuntur.

Vinum bibentes laetificantur. Marci Evangelium Ecclesiam vino potat, dum Christi resurrectione apostolos laetificatos memorat.

De Johannis Evangelio mel distillat, dum divinitatem, quae est dulcedo angelorum, dulciter Ecclesiae insinuat.

Quod quia propheta in eis significari praevidit, eos in quatuor animalium figuris describit.

Per formam hominis Mathaeus figuratur, per quem humanitas Christi stilo exaratur.

Per vituli speciem Lucas notatur, per quem Christus vitulus saginatus pro nobis mactatus praedicatur.

Per leonis figuram Marcus monstratur, a quo Christus a mortuis ut leo resuscitatus memoratur.

Per aquilae similitudinem Johannes declaratur, a quo Christus in gloriam Patris convolasse manifestatur.

• Bei Herrad von [Landsberg, Äbtissin von] Hohenburg, († ca. 1196) umgeben die Personifikationen der Flüsse Abraham, der die Seligen in seinem Schoße hält:

»Hortus deliciarum«, ed. Rosalie Green, M. Evans, C. Bischoff, M. Curschmann, (Studies of the Warburg Institute 36), 2 vols., London / Leiden 1979; Fol. 263 verso = in der Ausgabe Pl. 152 > https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham

Jean de Mandeville (14. Jh.) – der nie einen Fuß aus Europa gesetzt hat – will am Ende seiner Reisebeschreibung vom Hörensagen berichten, wie das Paradies beschaffen ist. Der Text ist nicht besonders interessant:

Das Paradies liegt sehr hoch, nahe beider Mondbahn. Es ist geschlossen in ein mur, es waiß aber niemen wa von die mur syge. […]. Und mitten in dem paradyß da ist der brunn da von die vier wasser komend die da iren loff hand durch menig land. [Folgt der Text der Genesis]. Das erst wasser, da da haisset Physon, das ist  […] als vil gesprochen als ›ain samnung‹, wan sich samlent gar vil wasser dar in. Etlich haissent das wasser Ganges, das ist davon das ain kú von Yndia was der hieß Gangeres [usw.] Uff den wassern die uß em paradyß koment mag man nit mit schiffen hin in kummen, wan sie vallend gar zehoch […]

Sir John Mandevilles Reisebeschreibung. In deutscher Übersetzung von Michel Velser, hg. von Eric John Morrall, Berlin 1974 (Deutsche Texte des Mittelalters, 66); S. 165f.

Eine Handschrift (1410/12) enthält dieses Bild:

Jean de Mandeville, Livre des merveilles, Bibliothèque nationale de France, Manuscrits, Fr. 2810 f. 222 > http://classes.bnf.fr/candide/grand/can_165.htm


Johannes von Salisbury († 1180) konterkariert in seinem »Policraticus« (1156–59) die vier Paradiesflüsse:

Im Gegensatz dazu hat die Quelle der Epikureer* als Ursprung die Lust (libido), welche Flüsse erzeugt, die das ganze Tal der Tränen (Ps 73,3) überschwemmen, in dem der Heimatlose ausgestoßen ist, der lieber  tut, wozu ihn gelüstet, als was der tun soll.
Einer der Flüsse ist das Besitzstreben (amor habendi), womit  ein Überfluss von Dingen gesucht zur Zufriedenheit wird,  wo die Habsucht (avaritia) sich anstrengt über das Erlaubte hinaus zu besitzen oder zu wissen.
Der zweite Fluss verströmt die Verlockungen der Prunkliebe (luxuria) und zerfließt in verschiedene Lustbarkeiten (voluptates) […]
Der dritte Fluss […] stürzt in die Wasserader der hassenswerten Tyrannei.
Der vierte Fluss schwillt ränkevoll an infolge des Begehrens nach Berühmtheit und Bewunderung.
Das sind die vier Flüsse, die sich in den Erdkreis ergießen und ihn überfluten, die hervorsprudeln  aus der Quelle eines verkehrten Willens.

Die Flüsse überfluten die ganze Welt und töten alles Lebendige.

*) Epikureer sind klischeehaft die Vertreter einer dekadenten sinnlichen Genussfreude. 

Ioannis Sareberiensis »Policraticus« sive »de nugis curialium et vestigiis philosophorum«, ed. Clemens Webb, London 1909; Lib. VIII, Cap. 16.

Spezialliteratur:

Ernst Schlee, Die Ikonographie der Paradiesesflüsse, Leipzig: Dieterich 1937.

Reinhold Grimm, Paradisus coelestis, paradisus terrestris. Zur Auslegungsgeschichte des Paradieses im Abendland bis um 1200, (Medium Aevum Bd. 33), München: Fink 1977.; insbes. S. 121–128.

Wolfgang Bietz, Ambrosius: De paradiso. Übersetzung mit Erläuterungen zum Inhalt und zum literarischen Hintergrund, Hamburg: Kovač 2013 (Studien zur Kirchen­geschichte, Band 17).

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❖ Perckwerch

Vier ding verderben ain perckwerch [Bergwerk|: Krieg – Sterben – Teuerung – Unlust

Aus dem »Schwazer Bergbuch« (1556), nach Gerhard Heilfurth, Der Bergbau und seine Kultur, Zürich: Atlantis 1981; S. 251.

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❖ Quadriga

Vergil erwähnt im Kapitel über die Pferde in seinen »Georgica« (III,113) mit zwei Zeilen, der Erfinder des vierspännigen Wagens sei Erichthonius.

primus Ericthonius currus et quattuor ausus
iungere equos rapidusque rotis insistere victor.


(≈ Erichthonius wagte als erster vier Pferde dem Wagen vorzuspannen und als Sieger ungestüm-schnell auf den Rädern sich zu halten.)

Auch Plinius erwähnt dies (nat. hist. VII, ¶ 202)

Es gibt zwei Männer dieses Namens. Die mythologische interessante Gestalt ist jenes Mischwesen mit einem Schlangen-Unterleib, dessen Geschichte auch Ovid schildert (Metamorphosen II, 551–561). Der Illustrator der Brantschen Vergil-Ausgabe (1502) jedenfalls zeichnet, inspiriert durch die Kommentare, diese Gestalt. (Wer sind die beiden dem Wagen folgenden Figuren?)

Publij Virgilij maronis opera cum quinque vulgatis commentariis […], expolitissimisque figuris atque imaginibus nuper per Sebastianum Brant superadditis, exactissimeque revisis atque elimatis, Straßburg: Grüninger 1502; fol. LXXXIX verso.. 

Helios fährt mit einer Quadriga über den Himmel:

Rotfiguriger attischer Krater, ca. 430 v.u.Z., British Museum; Catalogue No. London 1867,0508.1133 — Beazley Archive No. 5967 — http://www.theoi.com/Gallery/T17.1.html

Spätestens aus dem Film »Ben Hur« (1959) kennen ältere Leute die Vierspänner beim Wagenrennen im römischen Circus. So sahen sie wirklich aus:

Die Quadrigae oder mit vier Pferden bespannte Wagen waren der Sonne gewidmet, und stellten die vier Jahreszeiten vor.

Griechische und Römische Alterthümer,  welche der berühmte P. Montfaucon ehemals samt den dazu gehörigen Supplementen in zehen Bänden in Folio, an das Licht gestellet hat ... Auszugsweise ... in Deutscher Sprache herausgegeben von M. Johann Jacob Schatzen […], Nürnberg 1757; Tafel CI, 4; das Zitat S. 307.

Apoll im Strahlenkranz der Sonne mit Quadriga erscheint auf dem Titelbild von Jacobus Boschius S.J., Symbolographia, sive de Arte Symbolica, Augsburg / Dillingen 1701. > http://www.uni-mannheim.de/mateo/camenaref/boschius.html (auch OCR-erfasst)

 

Tertullian († um 220), Über die Schauspiele (De spectaculis), ¶ 9 > https://www.unifr.ch/bkv/kapitel61-8.htm

Die Viergespanne, die von solchen Erfindern ausgegangen sind, haben ihre Lenker nun auch in die Farben des Götzendienstes gekleidet. Denn anfangs waren es ihrer nur zwei, die weiße und die rote. Die weiße war dem Winter wegen der Weiße des Schnees, die rote dem Sommer wegen der Röte der Sonnenglut geweiht. Später aber, nachdem sowohl die Vergnügungssucht als auch der Aberglaube zugenommen hatte, widmete man die rote Farbe dem Mars, die weiße den Zephyren, die grüne aber der Mutter Erde oder dem Frühling und die blaue dem Himmel, dem Meere oder dem Herbste.

 

Hinweise auf mythologische Lexika:
http://www.mythindex.com/greek-mythology/E/Erichthonius.html
http://www.archive.org/stream/ausfhrlicheslexi11rosc#page/654/mode/1up

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❖ Quadrivium

Das Mittelalter erbt im wesentlichen eine gegen Ende des 1.Jhs. festwerdende Siebnerreihe von Wissenschaften, darunter vier, die ›naturwissenschaftlich‹ ausgerichtet sind. Beispielsweise

Cassiodor († um 580), »Institutiones« 2, praefatio

Isidor von Sevilla († 636), »Etymologiae« Lib I, ¶ 2: Quarta arithmetica, quae continet numerorum causas et divisiones. Quinta musica, quae in carminibus cantibusque consistit. Sexta geometrica, quae mensuras terrae dimensionesque conplectitur. Septima astronomia, quae continet legem astrorum.

Herrad von [Landsberg, Äbtissin von] Hohenburg, († ca. 1196), »Hortus deliciarum«, ed. Rosalie Green, M. Evans, C. Bischoff, M. Curschmann, (Studies of the Warburg Institute 36), 2 vols., London / Leiden 1979, § 115:

Über die Philosophie und über die Sieben freien Künste, in welchen einige nach der Sintflut gründliche Kenntnisse erlangt haben; nach der Sintflut nämlich befleissigten sich die einen der Philosophie, andere – an Erkenntnisvermögen erblindet – der Dichtkunst und Magie.

“Philosophie” heisst ‘Liebe zur Weisheit’, daher nennt man sie “Philosophen”, das ist ‘die Weisheit Liebende’. Die Philosophie teilt sich in drei Bereiche: Ethik, Logik, Physik. Physik ist die die Natur betreffende Wissenschaft, Ethik ist die Wissenschaft, die die Moral betrifft, Logik diejenige Wissenschaft, die Vernunft und die Rede betrifft.

Der Physik ist das Quadrivium unterstellt – gleichsam als die vier Wege um zur Weisheit zu finden: Geometrie, Astronomie, Arithmetik und Musik. Diese vier Künste erörtern Wesen und Natur der Dinge. Das griechische “Gene” bedeutet im Lateinischen ‘Erde’; “metron” ist ‘Messung’, daher ist die Geometrie Erd-Messung. Astronomie ist die Wissenschaft von den Sternen. Arithmetik ist Wissenschaft von den Zahlen: “Rithmus” bedeutet ‘Zahl’; “moys” bedeutet ‘Wasser’; daher [der Name] Musik, gleichsam als die zum Wasser gehörende Wissenschaft, weil die Musiker gleich wie das Wasser durch “arsis” und “thesis”, das heisst durch Emporheben und Herabsenken ihre Lieder modulieren und auch weil ohne Flüssigkeit die Stimme kaum oder nicht erklingt.

• In einer Handschrift aus der Mitte des 9. Jahrhunderts bezeichnen die vier Pfoten des Hundes die vier Disziplinen des Quadriviums: arithmetica — musica — geometria — astronomia. Damit scheinen die vier Künste naturgegeben, zwingend.

Cassiodor (ca. 485–580), »Institutiones saecularium litterarum« (Codex Sangallensis 855, fol. 276) > http://www.e-codices.unifr.ch/en/csg/0855/276/0/Sequence-686

 

Die vier Künste Muſica, Geometria [so korrigiert], Aſtronomia, Arſmetrica [sic], angetrieben von Petrus Lombardus, bewegen die Räder eines Wagens, auf dem die Theologie sitzt, und der von den drei Künsten Gramatica, Retorica, Loyca an der Deichsel gelenkt wird. (Handschrift M III 36, fol. 243 der Universitätsbibliothek Salzburg > http://www.ubs.sbg.ac.at/sosa/handschriften/MIII36%288r%29.jpg; vgl. die ausführliche Beschreibung von Maria Dorninger > http://www.ubs.sbg.ac.at/sosa/handschriften/MIII36artes.htm.

 

• Die auf dem Holzschnitt unten dargestellten allegorischen Darstellungen zeigen

  • für die Arithmetik (ariſmetrica) einen Kaufmann am Rechentisch mit Abakus —Text über dem Bild: Ich kan zelen meisterlich rechen vnd vberschlahen. Mit Bohecio wil ich die zal anfahen.
  • für die Geometrie einen Baumeister mit Zirkel und Winkelmaß — Ich kan pawen vnd wol messen. Darumb will ich Eclides nit vergessen.
  • für die Musik mehrere Schmiede, die mit verschieden schweren Hämmern ein Werkstück auf dem Aboss bearbeiten — Das schlahen auff dem ampoß clange Darnach Pictagoron die stimb fande; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Pythagoras_in_der_Schmiede
  • für die Astronomie einen Maler, der das Firmament malt — Deß hymles lauff mit farb ich zir. Den künig Pytholomeum ich signir.

Quellenmäßig nicht bestimmte Holzschnittfolge um 1500 in: Emil Reicke, Der Gelehrte in der deutschen Vergangenheit, mit 130 Beilagen nach den Originalen aus dem 15. bis 18. Jahrhundert, Leipzig: Diederichs 1900. (Monographien zur deutschen Kulturgeschichte Band 7); Abb. 27/28.

Die Gliederung des Studiums ist nicht trivial (!), vgl. hierzu etwa:
• Henri-Irénée Marrou, Saint Augustin et la fin de la culture antique, Paris: de Boccard 1938, pp. 211ff.
• Michael Stolz, Artes-liberales-Zyklen: Formationen des Wissens im Mittelalter, Tübingen: Francke 2004 (Bibliotheca Germanica 47).

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❖ Rad der Fortuna

Statt immer wieder das bekannte Bild aus dem ›Codex Buranus ‹ (Clm 4660) zu zitieren, weisen wir hin auf die Darstellung im Holkhalm Bible Picture Book (ca. 1330), British Museum Add MS 47682 > http://www.bl.uk/manuscripts/Viewer.aspx?ref=add_ms_47682_f001v

Die vier Phasen des Regenten [im Uhrzeigersinn bei 9 Uhr beginnend:] regnabo — regno — regnavi — sum sine regno.

Mit dem Bild der das Rad drehenden Fortuna sind schwierige Probleme verbunden: In der heidnischen Antike  ist Fortuna die blinde, unbeständige, wetterwendische Schicksalsgöttin – das ist im Christentum so nicht denkbar, wo der Lauf der Geschichte und des Menschenlebens durch die göttliche Providentia bestimmt gedacht ist.  Hier geht es einzig um die Aufteilung der vier Phasen.

Gregor Reisch († 1525) verwendet das Bild in seiner erstmals 1503 gedruckten Enzyklopädie in Buch VIII, Kapitel 16, wo von zufall und Glück nach der Meinung der heiden die Rede ist.

[im Uhrzeigersinn bei 9 Uhr beginnend:] Ad alta vehor — Glorio elatus — Descendo mortificatus — Axi rotor.

Aepitoma omnis phylosophiae. Alias Margarita Phylosophica tractans de omni genere scibili, Freiburg: Joh. Schott 1503. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00012346/image_368

Hier der Holzschnitt mit dem Fortuna-Rad, das ca. 1520 vom Petrarcameister für das Buch mit Rezepten für beiderlei Glück: des guten und des widerwärtigen gezeichnet wurde:

Franciscus Petrarcha, [Petrarca, »de remediis utriusque fortunae« in deutscher Übersetzung; Holzschnitte eines unbekannten Meisters:] Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner MDXXXII. > https://books.google.ch/books?id=DB14e6OOOIIC

Spezialliteratur:

Alfred Jakob Doren, Fortuna im Mittelalter und in der Renaissance In: Vorträge der Bibliothek Warburg Bd. 2,1 (1922/23), S. 71–144.

Gottfried Kirchner, Fortuna in Dichtung und Emblematik des Barock. Tradition und Bedeutungswandel eines Motivs, Stuttgart 1970.

Wolfgang Harms, Reinhart Fuchs als Papst und Antichrist auf dem Rad der Fortuna. In: Frühmittelalterliche Studien 6 (1972), S. 418–440.

Michael Schilling, Rota Fortunae. Beziehungen zwischen Bild und Text in mittellateinischen Handschriften. In: Wolfgang Harms und Peter Johnsson (Hgg.): Deutsche Literatur des späten Mittelalters. (Hamburger Colloquium 1973) Berlin 1975, S. 293–313.

Sibylle Appuhn-Radtke, Artikel »Fortuna«, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. X (2005), Sp. 271–401. > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=93777

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❖ Regenbogen

Bei Isidor von Sevilla (um 560 – 636) hat der Regenbogen vier Farben:

Quadricolor enim est, et ex omnibus elementis in se rapit species.

  • De coelo enim trahit igneum colorem,
  • de aquis purpureum,
  • de aere album,
  • de terris colligit nigrum.

Hic autem arcus, pro eo quod a sole resplendet in nubibus, Christi gloriam indicat in prophetis, ac doctoribus refulgentem. — Alii ex duobus coloribus ejus, id est aquoso et igneo, duo judicia significari dixerunt. Unum per quod dudum impii perierunt in diluvio; alterum, per quod postmodum peccatores cremandi sunt in inferno. (Isidor, »De Rerum Natura« XXXI,2 = Patrologia Latina 83,1004B)

»Die Skala Gelb bzw. Feuerfarben (igneus) – Purpur – Weiß – Schwarz widerspricht jeder empirischen Beobachtung und ist wohl nur als der Versuch zu verstehen, entsprechend der Tradition von Empedokles […], die gesamte Farbigkeit der Natur (bzw. ihrer gemalten Abbilder) aus der Mischung dieser vier Urfarben zu erklären; deren Rückführung auf die vier Elemente dürfte ein originaler Gedanke Isidors sein.« (Zitat aus dem Artikel Thomas Lersch, Farbenlehre, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. VII (1975), Sp. 157–274 > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=89346)

Die Schedelsche Weltchronik (1493), zitiert Isidors Bemerkung über diejenigen, die dem Regenbogen nur zwei Farben zuschreiben; der Holzschnitt hat indessen vier Felder, und die Kolorierung (in diesem Exemplar) zeigt die vier Farben:

fol. XI recto > http://dlib.gnm.de/item/2Inc266/45/jpg/2000

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❖ Schriftsinne

Eine Tradition der patristischen und mittelalterlichen Bibelauslegung kennt vier Schriftsinne. (Gewisse Autoren kennen eine andere Anzahl). Genau genommen ist das keine homogene Gruppe, denn der Litteralsinn ist die Basis der anderen drei durch Allegorese gewonnenen Schriftsinne.

sensus historicus
sensus litteralis
Das, wovon die Bibel erzählt; was der Fall war. Die Basis aller weiterer Abklärungen eines möglicherweise tieferen Sinns.
sensus allegoricusDie heilsgeschichtliche Bedeutung einer Stelle; das was sich daraus für die christlichen Glaubensinhalte ergibt.
sensus tropologicus, moralis
Die Bedeutung der Stelle für das rechte Handeln des einzelnen Christen in der Welt; das was sich für das Sollen ergibt.
sensus anagogicusDie Bedeutung hinsichtlich der letzten Dinge (Eschata); er gibt Antwort auf die Frage nach der letzten Erwartung himmlischer Vollkommenheit

 

Der Dominikaner Augustin von Dacien († 1282) hat dies in einen Merkvers (einen Hexameter) zusammengefasst:
Littera gesta docet, quid credas allegoria,
Moralis quid agas, quo tendas anagogia.

Der Buchstabe lehrt das Geschehene; was Du glauben sollst, die Allegorie;
was Du tun sollst, der moralische Sinn; wo Du hinstreben magst, die Anagogie.

Crash Kurs hier (PDF) — Genaueres hier: Regula Forster / Paul Michel (Hgg.), Significatio. Studien zur Geschichte von Exegese und Hermeneutik II, Pano-Verlag Zürich 2007.

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❖ Spielkarten

Beim Poker / Skat: Herz — Karo — Kreuz — Pik

Spielkarten in der Deutsch-Schweiz: Rosen — Eichel — Schellen — Schilten

Hans Leonhard  Schäufelein († um 1538), Kartenspiel > http://www.zeno.org/nid/20004277147

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❖ Stürzende Helden

Hendrik Goltzius (1558–1617) hat 1588 (nach Cornelis Cornelisz) die vier antiken vom Himmel stürzenden Helden gestochen: Tantalus, Icarus, Phaeton, Ixion. (New Hollstein 325–328)

Icarus (siehe Ovid, Metamorphosen 3,183–235)

Alle vier sieht man hier:

Baltimore Museum of Art > http://blog.artbma.org/tag/phaeton/

British Museum >  http://tinyurl.com/y7xef2ls

Die Texte auf den runden Rahmen:

TANTALVS IN MEDYS RESIDENS SITIT ARIDVS VNDIS,
QVAM MISER, INTER OPES QVI MALE VIVIT INOPS,
HAVD BONA FORTVNAE QVISQVAM PVTET ESSE BEATA,
ILLA BONIS PROSVNT, ILLA NOCENTQue MALIS.

NON AMBIRE PROBAT SAPIENS, SED LAVDAT HONORES,
LAVDA CONTINGANT SI TAMEN ILLA PROBIS.
SIC PHAETONTÆVS NIMIVM TEMERARIA LAPSVS
VOTA DOCET TANDEN FINE CARERE BONO.

SCIRE, DEI MVNVS, DIVINVM EST NOSCERE VELLE,
SED FAS LIMITIBVS SE TENVISSE SVIS.
DVM SIBI QVISQue SAPIT, NEC IVSTI EXAMINIA CERNIT,
ICARUS ICARYS NOMINA DONAT AQUIS.

CVI SIBI COR PRVRIT PLAVDENS POPVLARIBVS AVRIS,
QVEM FAMÆ STOLIDVM GLORIA VANA IVVAT,
EXEMPLO SIT EI IXION, CVI IVPPITER ATRAM
PRO IVNONE SVA SVPPOSVIT NEBVLAM.

Die vier Stürzenden (nach Vorlage von Goltzius) sind abgebildet auf einem Deckengemälde in der Ital Reding Hofstatt in Schwyz. Die frühneuhochdeutschen Texte auf den runden Rahmen hat Thomas Marti transliteriert (vielen Dank!). Darin wird Bezug genommen auf die vier Elemente, die im Hintergrund der Stürzenden (schon bei Goltzius) als Landschaften symbolisiert sind. (Worin der Bezug zwischen den Mythen und den Elementen begründet ist, ist nicht bei allen klar.)

[zu Ixion; im Hintergrund Feuerstürme]
Vier Schreÿbet mann der Element.
Das Fewr hierunder Wÿrdt genent.
Gleich wie es sich nit Wägen lasst.
So brennt es denn derselbes faßt.

[zu Icarus; im Hintergrund das Meer, in das er stürzt]
Der Brunnenquellen Anzahl bahr [bar i.S.von unbedeckt = vor Augen liegend?].
Wer wÿrdt sÿ Zellen
[zählen] ohngefahr?
Deß tieffen Meerß so im abgrund?
Denn nützent weder Jahr noch stund.

[zu Tantalus; im Hintergrund bewegte Wolken]
Was ist so gschwind als Wie der Wind?
Nichts bstendigs Mann darinen findt.
So du denn Luft west
[west evtl. verschrieben für welst = willst?] messen.
Bist deiner Sinn vergessen.

[zu Phaeton*] Der Erden gründ und ihr umbkreiß.
Mann biß dahin noch nit wohl weiß.
Deß Menschen Hertz war der geburth
Dyn Maaß und Zil gefunden wurd.

*) Das Deckengemälde hat hier ein anders Bild als das Kupfer von Goltzius. Auch der Hintergrund, eine Gartenanlage, ist anders.

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❖ Tageszeiten

Das Motiv (Quattuor Temporis Partes) ist  von den Künstlern der Barockzeit oft aufgegriffen worden. Gerne haben sie Genrebilder entworfen, wie beispielsweise

Matthäus Merian d.Ä (1593–1650):

VESPER (1624)

Adveniunt magnae celsis de montibus umbrae.
Montibus ad fontes te simul ire jubent.
Hic relevato sitim calefactag membra lavato.
Laetus et ad proprios hinc properato lares.

Der Abend
Von den hohen Bergen kommen große Schatten herbeigezogen,
sie heißen dich, die Quellen der Berge aufzusuchen.
Hier kannst du den Durst löschen und die erhitzten Glieder baden,
alsdann erfrischt und munter nach Hause eilen.

> https://www.aucklandartgallery.com/explore-art-and-ideas/artwork/5622/vesper-evening

Matthäus Merian, der Jahreskreis, Berlin (DDR): Volkseigener Betrieb Union Verlag 1978.

William Hogarth hat in seiner Folge »Die vier Tageszeiten« 1738 das Thema als Anlass genommen, die Sitten der Zeit zu geißeln, vgl. z.B. > http://www.zeno.org/nid/2000408120X


Sehr schön sind die vier Personifikationen von Alphons Mucha (1860–1939). In seiner Nachfolge hat Antonio de Grada (1858–1938) die Fresken an der Fassade des Hauses Bleicherweg 45 in Zürich Enge (erbaut 1905/06) gestaltet (Foto P.M.):

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❖ Temperamente

Zu den vier Temperamenten: Sanguiniker – Choleriker – Phlegmatiker – Melanchnoliker und den zusammenhängen mit den Elementen u.a.m. siehe die Seite hier. (Einiges daraus wird hier wiederholt.)

Kalender um 1480 (Schramm Frühdrucke)

[Matthäus Holtzwart] Emblematum Tyrocinia, sive picta poesis Latinogermanica. Das ist Eingeblümete Zierwerck/ oder Gemälpoesy. Innhaltend allerhand GeheymnußLehren/ durch Kunstfündige Gemäl angepracht/ und Poetisch erkläret. […]  Straßburg bei Bernhard Jobin M.D.LXXXJ [1581] > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00028624/image_1

Emblema LXVI. Quatuor affectus hominis

Johann Fischart († 1591) setzt dazu:

Vier Anfechtungen der Menschen.
Fräud vnd wunn ficht natürlich an
Auff Erd beyd Frauen vnd die Man/
Hoffnung die haben sie auch all
Es sei gleich wie groß der vnfall/
Forcht/ schrecken jn anboren ist
Schmertzen vnd hertzeleyd sie erwüscht:
Deßgleichen auch dise vier ding
Natürlich Anfechtungen sind
Doch ist mittel inn allen dingen
Hoch zupreisen mit Lob zusingen.


Der Holzschnitt von Tobias Stimmer (1539–1584) zeigt die vier Affekte, die auf den Menschen eindringen, in grotesken Verkörperungen: Oben links Schmertzen vnd hertzeleyd (haare-raufend; eine alte Klagegebärde, vgl. Hiob 1,20 [Luther-Übers.]); oben rechts die Hoffnung (mit einem Anker, fliegend); unten links die Forcht (die schon das Messer im Rücken spürt und ›Schiss hat‹); unten rechts die Fräud (als Dudelsack, der sich selbst spielt). Die einander entgegengesetzten Affekte (Schmerz ↔ Freude, Furcht ↔ Hoffnung) sind übers Kreuz angeordnet, womit das Spannungsverhältnis betont sein könnte.


Auf ein kurzweilig Gedicht hat 1850 der Sammler und Verleger Johann Scheible aufmerksam gemacht:

Das Blatt nimmt die Idee von Flugblatt mit Text von Hans Sachs 1528 wieder auf; es ist betitelt Ein kurzweilig Gedicht von den vier unterschiedlichen Weintrinkern, nach dem Complexionen der Menschen abgetheilt, aus welchem des edlen Rebensafts wunderliche Eigenschaft und Wirkung gar artlich zu ersehen. – Die Folgen sollen an den vier Figuren erkenntlich werden; ihnen sind beigesellt Lamm – Bär – Schwein – Affe. Oben verweisen vier Tiere auf die vier Elemente: Paradiesvogel (der fußlos immer in der Luft lebt) – Salamander – Fisch – Eichhörnchen (wohl weil es die Nüsse in der Erde vergräbt):

Textausschnitt:

Für’s ander ein Cholericus
   Vom Feuer hat seinen Einfluß,
So der zuviel Wein trinket aus,
   Im Kopf bald er nicht ist zu Haus,
Und wird ganz grimmig wie ein Bär;
   Zu Hader und Rach steht sein Begehr,
Ist tückisch trotzig und sehr frech,
   Auch wetterlaunisch bei der Zech,
Man red, schweig, oder was man thut,
   So hält er niemand nichts für gut,
Er kollert zanket schilt und gront,
  Ie mehr man sein darinnen schont,
Er schlägt darein und wüthet sehr
[…]

Die fliegenden Blätter des XVI. und XVII. Jahrhunderts, in sogenannten Einblatt-Drucken, mit Kupferstichen und Holzschnitten; zunächst aus dem Gebiete der politischen und religiösen Caricatur. Aus den Schätzen der Ulmer Stadtbibliothek. Stuttgart 1850; Nr. 35. — Bild größer als PDF > Digitalisat

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 ❖ Turnvater Jahn F F F F

Der Wahlspruch des ›Turnvaters‹ Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) war: Frisch, fromm, fröhlich, frei > https://de.wikipedia.org/wiki/Frisch,_fromm,_fröhlich,_frei_(Wahlspruch)

 

❖ Tetrapharmakos

Das vierfache Heilmittel (ursprünglich pharmakologisch, dann metaphorisch auf die Lehre der hedonê übertragen):

Diogenes Laertius, X, 139ff. »Epikurs Hauptlehren« (teils nach der Übers. von Otto Apelt)

  • Was glückselig und unvergänglich ist, ist frei von jeder Störung, bereitet keinem andern irgendwelche Störung. [D.h.: Fürchtet die Götter nicht!]
  • Der Tod hat keine Bedeutung für uns; denn was aufgelöst ist, ist ohne Empfindung; was aber ohne Empfindung ist, hat keine Bedeutung für uns.
  • Die Größe der Lust erreicht das Maximum bei der Beseitigung alles dessen, was Schmerz erregt.
  • Der Schmerz verweilt nicht lange im Fleische [ist also leicht zu ertragen].

Vgl. > https://en.wikipedia.org/wiki/Tetrapharmakos

❖ Tetrarchen

Bild aus: Micheael Grant, Die Welt der Antike, Knaur 1964, S. 329.

Unter Diokletian herrschten zwei Augusti über das Ost- bzw. Westreich; jedem stand ein jügerer, zu einem Nchfolger bestimmte Caesar zur Seite. 

Das Standbild aus rotem Porphyr (ein kaiserliches Material!) stammt aus der Zeit um 300. 1285 wurde es nach Venedig verbracht, wo es an der Südwestecke der Markuskirche steht.

Artikel »Tetrarchen« in: Der Neue Pauly, Band 12/1 (2002), Sp. 196–200.

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❖ Ursachen nach Aristoteles

Auf Aristoteles (384 – 322) geht die Unterscheidung von vier Ursachentypen zurück (»Metaphysik«, 5. Buch, 2. Kapitel = 1013a), die dann von der mittelalterlichen Scholastik übernommen wird. In modernen Lehrbüchern wird das meist so erläutert:
  • causa materialis (das, woraus das die Entität besteht; HAUS: aus Steinen, Zement, Balken)
  • causa formalis (das Muster, nach dem etwas hervorgebracht wird; HAUS: Fundament, Boden, Wände, Dach)
  • causa efficiens (das, woher der erste Anlass kommt; Beispiel HAUS: der Architekt)
  • causa finalis (der Zweck, um dessentwillen es geschieht; HAUS: Schutz, Bequemlichkeit)

Hier der originale Wortlaut aus »Physik«, 2.Buch, 3.Abschnitt (194 b 23–35):

(1. Stoffursache) Auf eine Art nennt man Ursache (aítion) das, woraus [...] etwas entsteht, z.B. das Erz der Statue und das Silber der Schale;

(2. Formursache) auf eine andere Art aber die Form (eidos) [...] – das ist der Begriff davon, was es sein sollte (ho logos ho tou ti ên einai), z.B. von der Oktave das [Teilungsverhältnis der Saite] zwei zu eins;

(3. Wirkursache) außerdem [das], woher der erste Anfang der Bewegung oder des Verharrens [kommt] – z.B. ist [...] der Vater [Ursache] des Kindes und alles Verändernde des Veränderten;

(4. Zielursache) außerdem [spricht man von Ursache] im Sinne des Ziels; dies ist das Deshalb (to hou heneka) – z.B. vom Spazierengehen die Gesundheit. Warum geht man spazieren? Wir sagen: Damit man gesund bleibt. Und indem wir so sprechen, meinen wir, die Ursache anzugeben.

(Vgl. > http://www.zeno.org/nid/20009148736)

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❖ Vierteilung als Leibesstrafe

Dass die Delinquenten gevierteilt wurden, liegt an der Anzahl der Gliedmaßen; entscheidend für die Strafe war das Prinzip des ius talionis: Wer durch (meist politischen, militärischen) Verrat die Treue gebrochen zerrissen hat, wird selbst zerrissen. Vgl. Grimmsches Wörterbuch, Bd. 26, Sp. 336f.

• Sebstian Münster berichtet im 5.Buch seiner seiner Kosmographie (Von den Lendern Asiæ), vom Land Bactria; und hier von der Hinrichtung des Bessus (Bessos), der Dareios III. umbringen ließ und den Königsgtitel usurpierte.

Hier der Holzschnitt in Cosmographia. Beschreibung aller Lender durch Sebastianum Munsterum in wölcher begriffen. Aller völcker Herrschafften, Stetten vnnd namhafftiger flecken / härkom(m)en…. Allenthalben fast seer gemeret und gebessert / auch mit einem zuogelegten Register vil breüchlicher gemacht. Basel: Heinrich Petri, 1546; pag. DCCXLII.

• In der Frühzeit Roms erscheint der Hochverräter Mettius oder Mettus. »An der Entscheidungsschlacht nahm er zwar zum Schein auf römischer Seite teil, ließ aber seine Truppen vor dem Beginn des Kampfes abziehen, um das römische Aufgebot zu schwächen und bei einer eventuellen Überlegenheit der Gegenseite die Fronten zu wechseln.« (Zitat aus https://de.wikipedia.org/wiki/Mettius_Fufetius). Livius berichtet darüber in »ab urbe condita«  1,28,11. In der ersten deutschen Übersetzung erscheint ein Holzschnitt dazu:

Romische Historie / Uß Tito Livio gezogen. Mentz: Schoffer, 6. März 1505; Fol IX verso.

• Johann Jakob Wick (1522–1588) bringt in seiner Nachrichtensammlung zum Jahr 1563 den Bericht über die Bestrafung des Attentäters, der den Herzog Franz von Guise (François de Lorraine) erschossen hatte:

Wickiana F 15, 351 > http://www.e-manuscripta.ch/zuz/content/pageview/4464 — Transkription des Texts bei Matthias Senn, Die Wickiana. Johann Jakob Wicks Nachrichtensammlung aus dem 16. Jahrhundert, Raggi-Verlag, Küsnacht/Zürich 197; S. 124f.

Spezialliteratur: Friedrich Ohly, Der Tod des Verräters durch Zerreißung in der mittelalterlichen Literatur, in: ders., Ausgewählte und neue Schriften zur Literaturgeschichte und zur Bedeutungsforschung, hg. von Uwe Ruberg und Dietmar Peil, Stuttgart/Leipzig: Hirzel 1995, S. 423–435.

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❖ Vision der vier Weltreiche (Prophet Daniel)

• Daniel, Kapitel 2, 28ff. (Text der Menge-Übersetzung)

31 [Daniel zu Nebukadnezar:] »Du, o König, hattest ein Gesicht und sahst eine Bildsäule; diese Bildsäule war gewaltig groß und von außerordentlichem Glanz; sie stand vor dir, und ihr Aussehen war erschrecklich. 32 Das Haupt dieser Bildsäule war von feinem Gold, ihre Brust und ihre Arme von Silber, ihr Unterleib und ihre Hüften von Kupfer [Vg:. ex ære, aus Bronze] 33 ihre Beine von Eisen, ihre Füße teils von Eisen teils von Töpferton.

34 Du warst im Anschauen versunken, bis ein Stein sich plötzlich vom Berge ohne Zutun einer Menschenhand loslöste; der traf die Bildsäule an ihre eisernen und tönernen Füße und zertrümmerte sie. 35 Da wurden auf einen Schlag das Eisen und der Ton, das Kupfer, das Silber und das Gold zertrümmert und zerstoben wie die Spreu im Sommer auf den Tennen, und der Wind verwehte sie, so daß keine Spur mehr von ihnen zu finden war. Der Stein aber, der die Bildsäule zerschmettert hatte, wurde zu einem großen Berge, der die ganze Erde erfüllte.«

38 »Du bist das goldene Haupt. 39 Nach dir wird ein anderes Reich erstehen, das nicht so mächtig ist wie das deinige, und dann noch ein anderes drittes Reich von Kupfer, das über die ganze Erde herrschen wird. 40 Darauf wird ein viertes Reich da sein, stark wie Eisen; und wie das Eisen alles zermalmt und zertrümmert, ebenso wird es wie zerschmetterndes Eisen jene alle zermalmen und zertrümmern.

41 Daß du aber die Füße und Zehen teils aus Töpferton, teils aus Eisen bestehend gesehen hast, (dies zeigt an, daß) es ein Reich von ungleicher Beschaffenheit sein wird; […]  44 Aber in den Tagen jener Könige wird der Gott des Himmels ein Reich erstehen lassen, das in Ewigkeit nicht zerstört werden wird und dessen Königtum auf kein anderes Volk übergehen wird.«

Holzschnitt der Lutherbibel 1545  (Links der den Koloss zerschmetternde Stein, rechts im Palast der träumende Nebukadnezar)

Die drei auf Nebukadnezar folgenden Reiche sind nicht näher bestimmt.

Ein Einblattdruck »Colossus vel Statua Regis Babylonici …« eines anonymen Künstlers (17.Jh) enthält in die Statue eingeschrieben Kommentare. Der Koloss hält das Symbol der Erdkugel ♁ in der Hand;  in den ihn zerschmetternden Fels ist die Geburtsszene Jesu eingezeichnet. Digitalisat der BNF > http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8401958p

Literaturhinweis: Dietmar Peil, Artikel »Koloss« in: Günter Butzer / Joachim Jacob (Hgg.), Metzler Lexikon literarischer Symbole, Stuttgart: Metzler 2008.

• Daniel, Kapitel 7 (Text der Luther-Bibel 1545 > http://www.zeno.org/nid/20005328683)

1 IM ersten jar Belsazer des Königes zu Babel / hatte Daniel einen Traum vnd Gesicht auff seinem Bette / vnd er schreib denselbigen Traum / vnd verfasset jn also. 2 Jch Daniel sahe ein Gesichte in der nacht / vnd sihe / Die vier Winde vnter dem Himel /stürmeten widernander auff dem grossen Meer. 3 Vnd vier grosse Thier stiegen er auff aus dem Meer / eins je anders denn das ander.

4 DAS erste wie ein Lewe / vnd hatte flügel wie ein Adeler / Jch sahe zu / bis das jm die Flügel ausgeraufft wurden / vnd es ward von der Erden genomen /vnd es stund auff seinen Füssen / wie ein Mensch /vnd jm ward ein menschlich Hertz gegeben.

5 UND sihe / Das ander Thier hernach / war gleich einem Beeren / vnd stund auff der einen seiten / vnd hatte in seinem Maul vnter seinen zeenen drey grosse lange Zeene / Vnd man sprach zu jm / Stehe auff /vnd friss viel Fleisch.

6 NAch disem sahe ich / vnd sihe / Ein ander Thier / gleich einem Parden / Das hatte vier Flügel / wie ein Vogel / auff seinem rücken / vnd dasselbige Thier hatte vier Köpffe / Vnd jm ward gewalt gegeben.

7 NAch diesem sahe ich / in diesem Gesicht / in der nacht / Vnd sihe / das vierde Thier / war grewlich vnd schrecklich / vnd seer starck / vnd hatte grosse eiserne Zeene / frass vmb sich vnd zumalmet / vnd das Vbrige zutrats mit seinen füssen / Es war auch viel anders / denn die vorigen / vnd hatte zehen Hörner.

Biblia germanica. Das ander teyl der Bibel, Augsburg: Johann Schönsperger, 9. November 1490.

Die vier Tiere werden gemeinhin gedeutet auf aufeinander folgende Reiche. In der Zusammenfassung der älteren Exegese bei Cornelius a Lapide: Leo ~ significat primam monarchiam scilicet Chaldaeorum; Ursus ~ hæc monarchia est Persarum; Pardus ~ hæc est monarchia Græcorum et Alexandri; bestia quarta ~ est Romanorum monarchia. Die im Bibeltext erwähnten Eigenschaften der Tiere werden als Stütze für die Zurodnung verwendet.

Im Bibelkommentar von Nikolaus von Lyra (um 1270/75–1349) liest man das so:

Quasi PARDUS: Pardus enim est animal velocissimum et ipse Alexander mirâ celeritate totum Orientem sibi subjecit quia in septem annis partem Europæ et totam Asiam obtinuit. Varietates autem pardi signant diversa regna et potestates quæ sibi subjecit […]

ET ALAS HABEBAT SICUT AVIS QUATTUOR SUPER SE: Istæ quatuor alæ sunt robur corporis, animositas, largitas et industria tam ex naturali ingenio quam ex studio armorumque exercitio quæ omnia fuerunt excellenter in Alexandro. Istis autem quatuor alis quasi volabat ad victorias propter velocitatem debellandi adversarios.

Et QUATUOR CAPITA: quia Alexander habuit quatuor successores quibus divisum fuit regnum ejus: Ptolomæus enim successit sibi in Ægypto, Seleucus in Syriâ, Antigonus in Asiâ, Philippus in Græciâ. 

Auch Martin Luther deutet in seiner »Vorrede auf den Propheten Daniel« (Text hier) auf die vier historisch aufeinander folgenden Weltreiche: der Löwe ~ Assyrien und Babylon; der Bär ~ Königreich der Persen und Meden; der Panther/Parde ~ das Reich Alexanders des Großen; das vierte Tier mit den eisernen Zähnen ~ das Römische Weltreich.  Zum vierten Tier heißt sagt er: VND das ein kleins Horn/ sol drey Hörner von den fordersten zehen Hörnern abstossen/ Das ist der Mahmet oder Türcke/ der jtzt Egypten/ Asiam vnd Greciam hat. […].

Lorenz Faust hat die beiden Prophetien in einem Bild vereinigt und Kommentare ins Bild eingefügt

Lorenz Faust, Anatomia Statvae Danielis, Kurtze vnd eigentliche erklerung der grossen Bildnis des Propheten Danielis, Darin ein historischer außzug der vier Monarchien, vnd aller ihrer HeuptRegenten, auff die glieder des Bildnis, oder eines menschlichen leibes gerichtet, vnd sonderlich vom angang vnd fortpflantzung des Reichs Jesu Christi, ordentlich mit gewisser jahr rechnung verzeichnet […], Leipzig 1586. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00024489/image_69

Auf dem Einblattdruck, unterschrieben von Tobias Conrad Lotter [1717–1777] (excudit) / August Scheller (delineavit) / Emanuel Eichel (sculpsit), betitelt:  COLOSSUS MONARCHICUS STATUA DANIELIS DAN. II. 21, Augsburg [nach 1765]

sind die vier Materielien durch Kolorierung verdeutlicht. — Hervorragendes Digitalisat der BSB (auf 300% vergrößerbar!) > http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0009/bsb00098903/images/

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❖ Die vier Winde

Obwohl der Wind grundsätzlich aus allen Richtungen wehen kann, haben sich (evtl. analog zu den Himmelsrichtungen) vier Hauptwindrichtungen eingebürgert.

Die Einteilung wird immer feiner, wohl erfordert durch die Seefahrt. In der griechischen Spätantike kennt man 8 Winde, in der römischen 24. >https://de.wikipedia.org/wiki/Anemoi

• Isidor von Sevilla (um 560 – 636) spricht in seinen »Etymologiae« (Lib. XIII, xi) ausführlich von vier Winden: Ventorum quattuor principales spiritus sunt. 

Subsolanus (aus Osten) — Auster (aus Süden) — Favonius (aus Westen) — Septentrio (aus Norden). Sie werden von je zwei Luftzügen begleitet.

Der lateinische Text hier. — Die Enzyklopädie des Isidor von Sevilla, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Lenelotte Möller, Wiesbaden: Matrixverlag 2008.

• Der Biograph Karls des Großen, Einhard († 840), schreibt, der Kaiser († 814) habe 12 Winde gekannt und sie mit einheimischen (althochdeutschen) Namen so benannt (§ 29):

Ventis vero hoc modo nomina inposuit, ut subsolanum vocaret ostroniuuint, eurum ostsundroni, euroaustrum sundostroni, austrum sundroni, austroafricum sunduuestroni, africum uuestsundroni, zefyrum uuestroni, chorum uuestnordroni, circium norduuestroni, septentrionem nordroni, aquilonem nordostroni, vulturnum ostnordroni.

• Ein sog. Windtafel einer Handschrift des 12.Jhs. zeigt die vier Winde als aus einem heraus blasenden Kopf mit vier Gesichtern; sie haben je zwei weitere Winde zur Seite:

Codex Vindobonensis Palatinus 395, 34b-35a: Tabulae ventorum et mensium.

• Gregor Reisch († 1525) spricht in seiner zuerst 1503 erschienenen Enzyklopädie von den Winden. Es gibt 4 Hauptwinde (venti principales), die von den 4 Seiten der Welt ihren Ausgang nehmen; jeder von ihnen hat zwei Nebenwinde (collaterales), welche die Hauptwinde erzeugen; man kann also zwölf Winde unterscheiden (Liber IX, Cap. xviij):

Zephyr (Westwind) —  Eurus (Ostwind) — Boreas (Nordwind) — Auster (Südwind)

Im Text steht ein Verweis auf das Bild: fiuntque numero xij. vt subjecta admonet descriptio. In den 4 Ecken personifizierte Winde.

Aepitoma omnis phylosophiae. Alias Margarita Phylosophica tractans de omni genere scibili, Cum additionibus ... Argentina: Grüninger, 1504. – Deutsche Übersetzung von Otto und Eva Schönberger, Würzburg: Königshausen & Neumann 2016.

• Vitruv (1. Jh. u.Z.) in seinem Werk über die Architektur (I, vi, 2) kennt eine Windrose mit 24 Winden, und der Illustrator der deutschen Übersetzung zeichnet sie so:

Vitruvius Teutsch: Nemlichen des aller namhafftigisten vnd hocherfarnesten, Römischen Architecti, und Kunstreichen Werck oder Bawmeisters, Marci Vitruuij Pollionis, Zehen Bücher von der Architectur vnd künstlichem Bawen. […]. verteutscht vnd in Truck verordnet Durch D. Gualtherum H. Rivium, Nürnberg: Johan Petreius 1548.

••• In der Bibel haben die Winde teils eine gute, teils eine schlechte Bedeutung:

Sacharja, Kapitel 6 [Die achte Vision] 1 Als ich dann abermals aufblickte und hinschaute, sah ich vier Wagen zwischen zwei Bergen hervorkommen; die Berge aber waren von Erz. 2 Am ersten Wagen waren rotbraune Rosse, am zweiten Wagen schwarze Rosse, 3 am dritten Wagen weiße Rosse und am vierten Wagen scheckige Rosse. 4 Als ich nun an den Engel, der mit mir redete, die Frage richtete: »Was haben diese da zu bedeuten, mein Herr?«, 5 gab mir der Engel zur Antwort: »Das sind die vier Winde des Himmels, die ausfahren, nachdem sie sich dem Herrn der ganzen Erde vorgestellt haben. 6 Der Wagen mit den schwarzen Rossen geht nach dem Lande im Norden, und das weiße Gespann fährt nach dem Osten; die scheckigen Rosse fahren nach dem Lande im Süden; 7 und die rotbraunen ziehen nach dem Lande im Westen aus und beabsichtigen auf ihrer Fahrt die Erde zu durchstreifen.« Als er ihnen dann zugerufen hatte: »Auf! Durchstreift die Erde!«, zogen sie auf der Erde umher.. [Menge-Bibel]

Der Prophet Sacharja hat den Zeitpunkt seiner Prophezeiungen genau angegeben: 521 v.u.Z. (Die ersten acht Kapitel des Buches werden ihm als echt zugeschrieben.) Es ging ihm darum, sein in einer schwierigen Situation befindliches Volk nach der Rückkehr aus Babylon zu ermutigen; er erwartete einen eschatologischen Herrscher. Die Zürcher Bibel 1531 kommentiert: Jn diser erscheynung wirt die macht unnd allmächtige krafft Gottes angezeygt/ der frid gibt/ wölichenn völckeren er wil/ und widerumb krieg er wil.

Illustration dazu von Gustave Doré um 1866 > http://www.zeno.org/nid/2000398947X  

4 Winde als vernichtend:

Daniel 7,1–3 Ich, Daniel, sah ein Gesicht in der Nacht, und siehe, die vier Winde unter dem Himmel wühlten das große Meer auf. Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ...

Apokalypse 7,1 Danach sah ich vier Engel stehen an den vier Ecken der Erde, die hielten die vier Winde der Erde fest, damit kein Wind über die Erde blase noch über das Meer noch über irgendeinen Baum [bis 144’000 Gläubige an ihren Stirnen versiegelt sind].

4 Winde als belebend:

Ezechiel 37,8 [Der Prophet sieht auf einer Ebene verstreut sehr viel Gebeine; damit die Macht des HErrn  erkannt werde, sollen diese wieder zu lebendigen Menschen werden.] Und ich sah, und siehe, es wuchsen Sehnen und Fleisch darauf und sie wurden mit Haut überzogen; es war aber noch kein Odem in ihnen. 9 Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden! 10 Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ...

Icones biblicæ præcipuas sacræ scripturæ historias eleganter & graphice repræsentantes. Biblische Figuren/ darinnen die Fürnembsten Historien/ in Heiliger und Göttlicher Schrifft begriffen/ Gründtlich und Geschichtsmessig entworffen/ zu Nutz und Belustigung Gottsförchtiger und Kunstverständiger Personen artig vorgebildet/ an Tag gegeben durch Matthaeum Merian von Basel –  Pars III, Franckfurt am Mayn/ bey Erasmo Kempffern MDCXXVII. — Bild größer als PDF

••• Auch in der heidnisch-antiken Dichtung spielen die Winde ein Rolle: Die Göttin Juno ist über die Seefahrt des Aeneis von Troja nicht Italien not amused; überhaupt ist sie seit dem Urteil des Trojaners Paris, der nicht sie, sondern Venus für die Schönste hielt, den Trojanern nicht hold. Sie bittet König Aeolus, der die in einer Höhle eingesperrten Winde beherrscht, die Winde zu entfesseln und die Schiffe der Trojaner zu versenken. Aeolus folgt der Bitte und stößt mit einer Lanze ins Gebirge, so dass die Winde hervorstürmen [!] und das Meer aufwühlen. Genannt werden Eurus, Notus und Africus, später dann noch Aquilo (Vergil, »Aeneis« I, 81ff.; 102). Der unbekannte Illustrator des Drucks von 1502 zeichnet das so:

Publij Virgilij maronis opera cum quinque vulgatis commentariis […], expolitissimisque figuris atque imaginibus nuper per Sebastianum Brant superadditis, exactissimeque revisis atque elimatis, Straßburg: Grüninger 1502


Im Emblem von G. Rollenhagen wird ein feuerspeiender Berg bestürmt von den vier Winden. Das Lemma: ADVERSIS CLARIVS ARDET – Das Epigramm: Der Aetna steht unerschüttert, er leuchtet heller, wenn ihm Unwetter entgegenweht (adversus) und verdoppelt seine Kräfte mit neuem Feuer.

Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim/Utrecht 1611/1613; unter dem Titel: Sinn-Bilder, hg. Carsten-Peter Warncke (Bibliophile Taschenbücher 378), Dortmund 1983; I (1611), Nr. 85.

Anton Ginther (1655–1725) hat 1711 ein Emblembuch zu Ehren der Gottesmutter Maria verfasst. Das Motto von Emblem XLV heißt: Concussio firmat (Die Erschütterung macht stark). Eine Zypresse wird von den vier Winden geschüttelt und bleibt dennoch unerschüttert. – So auch Maria unter dem Kreuz Jesu. (Dann folgen 6 Setien predigthafter Text.)

Mater amoris et doloris, quam Christus in cruce moriens omnibus ac singulis suis fidelibus in matrem legavit: Ecce mater tua. Nunc explicata per sacra emblemata. Ed. secunda. Augsburg: Schlüter u. Happach 1726. 


Spezialliteratur:

Barbara Maurmann, Die Himmelsrichtungen im Weltbild des Mittelalters: Hildegard von Bingen, Honorius Augustodunensis und andere Autoren, (Münstersche Mittelalter-Schriften 33), München 1976.


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❖ Weltalter nach Ovid und anderen

Der pessimistische Mythos von immer schlechter werdenden Zeitaltern steht zuerst bei Hesiod, »Werke und Tage« 106–201. Hier findet sich bereits die Parallelisierung mit den vier Metallen Gold — Silber — Erz [i.e. Bronze] — Eisen. > http://www.gottwein.de/Grie/hes/ergde.php

Bekannt ist die Fassung in Ovids »Metamorphosen« (I, 89–150). > http://gutenberg.spiegel.de/buch/metamorphosen-4723/3

Der Illustrator dieser Ausgabe, Johann Ulrich Krauß (1655–1719), zeigt alle vier Weltalter in éinem Bild:

Links vorne das straf- und gesetzfreie ›goldene‹ Zeitalter (besser: Menschengeschlecht), wo die von der Hacke noch unverwundete Erde alle Gaben frei hergibt — rechts im Mitttelgrund das ›silberne‹ Zeitalter, wo die Menschen sich in Häusern vor der Kälte schützen müssen und die Stiere unter dem Joch arbeiten — im Mittelgrund weiter hinten das ›eherne‹ Geschlecht (Ovid: aënea proles), wo die Menschen zu den Waffengreifen — im Hintergrund das ›eiserne‹ Zeitalter, wo die Laster gedeihen: Krieg, Raub, Mord. Bei Ovid  wird das Geschehen nicht aus schlechtem Verhalten der Menschen und strafenden Göttern hergeleitet; es ist ein Automatismus.

Die Verwandlungen des Ovidii in zweyhundert und sechs und zwantzig Kupffern. In Verlegung Johann Ulrich Krauß, Kupferstechern in Augspurg [ca. 1690]. 

Andere Illustratoren zeigen für jedes Zeitalter ein besonderes Bild, wie hier 

Les Métamorphoses d’Ovide : avec des explications à la fin de chaque fable. Traduction nouvelle par de Bellegarde Amsterdam: Etienne Roger, 1716. [Zeichner/Stecher?]

Auch Vergil kennt diesen Mythos, »Georgica« I, 125ff. Er sieht es allerdings so, dass Jupiter das Ausgeliefertsein des Menschen an die Widrigkeiten der Natur eingerichtet hat, um dessen intellektuelle Fähigkeiten zu entfalten.

Die Dichter zur Zeit des Augustus müssen propagieren, dass unter diesem Kaiser ein neues goldenes Zeitalter beginnt.

Spezialliteratur: Bodo Gatz, Weltalter, die goldene Zeit und sinnverwandte Vorstellungen, Hildesheim: Olms 1967 (Spudasmata Bd. 16).

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Kombinationen

Die Vierzahl kommt Deutungen der Vollkommenheit insofern entgegen, als Buchseiten viereckig sind, ebenso Kapitelle, in die Zwickel von Kreuzrippengewölben kann man malen.

Immer wieder werden Vierheiten miteinander kombiniert. Das Zusammenpassen – wenn nicht Systemzawng schuld ist! – könnte ein Argument dafür sei, dass es sich in den einzelnen Gegenstandsbereichen wirklich um Vierheiten handeln muss und dass damit die ganze Wirklichkeit erfasst ist.

Einige solche Darstellungen haben wir oben schon gelegentlich gezeigt, z.B. die Korrelation von Lebensaltern / Tageszeiten / Jahreszeiten auf dem Neujahrsblatt der Zürcher Bürgerbibliothek auf das Jahr 1667.

 

••• Isidor von Sevilla hat eine kleine Natur-Enzyklopaedie verfasst: »De natura rerum«, (hg. von J. Fontaine, Isidore de Seville. Traité de la nature, Bordeaux 1960). Die Vierheiten fasst er in einer Rad-Figur zusammen (die evtl. der spätere Herausgeber noch mit vier Lebensaltern ergänzt hat):

Mundus annus homo.

 4 Qualitäten > 4Elemente
 4Jahreszeiten 4TemperamenteLebensalter
 Siccus calidus ignisaestas
cholera rubea [calor]
iuventus / adolescentia
 Calidus humidus aeruersanguispueritia
 Humida frigida aquahiempsphlegmadecrepita aetas
 Frigida sicca terraautumnusmelancholiasenectus

 

[Isidorus, Hispalensis] Opera omnia quae extant emendata per fratrem Jacobum du Breul, Parisiis 1601.
 

••• Dialogus de laudibus sanctae crucis (um 1170/1180): Das Paradies in der Mitte (mit dem agnus Dei) ist umgeben von den vier Buchstaben A D A M, von ihm gehen die vier Flüsse aus, mündend in Portraits der vier Kirchenväter (z.B. phison – Ambrosius); ferner die vier Evangelisten-Attribute (mit Sinnsprüchen, z.B. steht auf dem Buch, das der Adler des Johannes hält: ad alta levatur); sowie die vier Kardinaltugenden.

Dialogus de laudibus sanctae crucis (BSB Clm 14159) > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00018415/image_14

••• Carl Gustav Jung verwies in seinem Buch »Psychologie und Alchemie« (1944) im Kapitel Mandalasymbolik [!] auf diese Kombination von 4 Paradiesesflüssen – 4 nimbierten Evangelisten, schreibend am Pult, mit den Attributen – 4 Kardinaltugenden (in den Medaillons in den Ecken):

Quellenangabe bei C.G.Jung (Abb. 62): K. Löffler, Schwäbische Buchmalerei in romanischer Zeit, Augsburg 1928, Tafel 20.

• Ganz ähnlich organisiert ist das Bild im »Speculum virginum« der UB Leipzig, Ms. 665 Blatt 19v.

• Ebenso hier: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bav_pal_lat_565/0035 (fol. 16r)

 

••• Albrecht Dürer hat – wohl in genauer Absprache mit dem Autor des Buches – den Titel gestaltet zu Conrad Celtis (1459–1508): Quatuor libri amorum secundum quatuor latera Germanie, Norimbergae: Sodalitas Celtica 1502.

> https://www2.uni-mannheim.de/mateo/camena/celtis1/jpg/s012.html

> https://archive.thulb.uni-jena.de/hisbest/receive/HisBest_cbu_00004778

> https://books.google.ch/books?id=SUHH-tQSCacC&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Hier das kolorierte Blatt in der Handschrift Clm 434 > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00066398/image_98

Im Zentrum ist die Philosophie dargestellt. (Zu ihrer Schärpe sowie Hinweise zur Forschung mehr hier). Die Bildunterschrift lautet: Was Himmel, Erde, Luft und Wasser an sich haben, was es in menschlichen Dingen geben kann, was der flammende Gott in dem ganzen [Erd-]Kreis bewirkt [die Schöpfung], das alles trage ich, die Philosophie, in meiner Brust.

Die in den vier Ecken die Winde darstellenden luft-blasenden Köpfe sind dem zugeordneten Temperament entsprechend gestaltet, ferner ist ihnen je eines der vier Elemente zugeordnet:


oben links: Eurus [Ostwind] — Ignis — Colericus
oben rechts: Zephirus [Westwind] — Aer — Sanguineus
unten links: Boreas [Nordwind] — Terra — Melancolicus
unten rechts: Auster [Südwind] — Aqua — Flegmaticus


Das passt zum im Buch gedruckten »Amores«: Quatuor libri amorum secundum quatuor latera Germanie, wo das autobiographisch stilisierte Ich in die vier Himmelsgegenden reist: nach Osten an die Weichsel (wo er Hasilina trifft); nach Süden an die Donau; nach Westen an den Rhein; nach Norden an die Ostsee.

Das Rankenwerk stellt die vier Jahreszeiten dar: Frühling, Sommer, Winter (mit Eiszapfen), Herbst (mit Trauben).

In den vier Medaillons sind dargestellt: Vier Typen und repräsentative Vertreter der Philosophie; gezeigt wird eine ›translatio sapientiae‹ von der Antike bis zur gegenwärtigen Epoche [von oben im Urzeigersinn]:

Priester der Ägypter und Chaldäer — [lies:] Ptolemaios
Philosophie der Griechen — Plato
Dichter und Redner der Lateiner — Virgilius – Cicero
Die Weisen der Deutschen — Albertus [gemeint ist wohl Albertus Magnus].

Die Philosophie ist mithin All-umfassend, das wird mit der mehrfachen Entfaltung von Vierheiten evoziert.

Vgl. auch die Ausfürhungen hier.

 

••• Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim (1486 – 1535) schreibt um 1510 in seiner »Occulta Philosophia«:

Boethius sagt: Alles von Anbeginn der Dinge Erschaffene scheint nach Zahlenverhältnissen geformt, die als ein Vorbild im Geiste des Schöpfers lagen. In ihnen haben die verschiedenen Elemente ihren Grund; der Wechsel der Zeiten, die Bewegungen der Gestirne die Umdrehung des Himmels, kurz der Stand aller Dinge besteht durch die Verbindung der Zahlen. Es wohnen deshalb den Zahlen große und erhabene Kräfte inne, und da schon in den natürlichen Dingen so viele und so große Kräfte verborgen sind, die sich durch ihre Wirkungen offenbaren, so darf man sich nicht wundern, daß in den Zahlen noch weit größere, verborgenere, erstaunlichere und wirksamere liegen, da ja die Zahlen an sich formaler, vollkommener, im Himmlischen begründet, nicht aus
verschiedenen Substanzen gemischt sind und in der nächsten und einfachsten Beziehung zu den Ideen der göttlichen Vernunft stehen, von denen sie ihre wirksamsten Kräfte erhalten.
 

Er stellt für verschiedene Zahlen je eine Tabelle zusammen (die er scala Leiter nennt); für die Vierzahl sieht das so aus – gleichsam eine Mise en abyme dieser Website …:

Henrici Cornelii Agrippae ab Nettesheym  De occvlta philosophia libri tres, Coloniae, 1533. Digitalisat der Library of Congress > http://hdl.loc.gov/loc.rbc/general.12345.1

Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim, De occulta philosophia. Drei Bücher über Magie; deutsche Übersetzung von Friedrich Barth, 1855; Neuausgabe bei Greno, Nördlingen 1987.

Texte auf dieser Website {Dez. 2017}

••• Auf dem Kupfertitel und noch ausführlicher in dessen Erklärung des »Mikrokosmos« genannten Emblembuchs von Laurentius van Goidtsenhoven (Laurens Van Haecht) und Gerard de Jode (Erstausgabe 1579) gibt es eine Korrelation der vier Elemente — metonymisch durch in/von ihnen lebende Tiere — die vier Komplexionen (mit falschen Zuordnungen) — der vier Himmelsrichtungen (Haupt-Winde) — vier Jahreszeiten — vier Lebensalter:

μικροκόσμος – Parvus Mundus. Frankfurt a.M.: Jennis, 1618.

Vgl. die Erklärung daß Kupffer- und Schrifft-Tituls in der deutschen Übersetzung von Martin Meyer (1630–1670) Homo, Microcosmus, Hoc Est: Parvus Mundus, Macrocosmo. Id est: Magno Mundo, in variis aeri incisis Figuris totq[ue] carminibus Latinis, per selectiores veterum Poetarum Fabulas, nec non elegantiores quasdam Historias, emblematice expositus, Francofurti: Fievetus 1670. > http://diglib.hab.de/drucke/ma-732/start.htm

DEr Menſch wird mit recht MICROCOSMUS, das iſt/ die kleine Welt/ genennet/ um der jenigen Gleich heit willen/ die er mit der Welt hat. […] in Summa alles/ was von der Welt geſagt wird/ kan auch mit gutem Fug und Warheit von dem Menſchen geſaget werden.

Daß aber/ gleichwie in der Welt/ alſo auch in dem Menſchen Lufft ſey/ wird durch die Ratten=Eydex °/ in deß Menſchen lincken Hand/ angezeigt/ ſo bloß von der Lufft leben ſoll/ wodurch die Choleriſche Complexion bedeutet wird.

Daß aber auch Feuer/ gleich wie in der Welt/ alſo auch in dem Menſchen zu finden ſey/ zeigt der Molch °°/ in deß Menſchen rechten Hand/ an/ der alleın vom Feuer leben ſoll/ durch welchen die Sanguiniſche Natur abgebildet wird.

Daß auch Waſſer/ wie in der Welt/ eben auch alſo in deß Menſchen Leibe ſey/ bedeutet der Stöer/ unter deß Menſchen lincken Fuſſe/ der nur vom Waſſer und Winde leben ſoll/ wodurch die Phlegmatiſche Complexion/ oder Natur/ verſtanden wird/ in dem Menſchen aber iſt der Harn an ſtatt deß Waſſers.

Daß endlich der Menſch auch Erde ſey/ wird durch den Maulwurff/ unter deß Menſchen rechten Fuſſe/ welcher in Ermangelung der Erd= oder Regenwürme/ von der Erde leben ſoll/ wodurch die Melancholiſche Natur vorgebildet wird.

Alſo werden auch die vier Haupt=Winde/ welche vom Aufgange und Niedergange/ vom Mittage und Mitternacht wehen/ wie auch durch die vier Jahrs=Zeiten/ die vier Haupt=Alter deß Menſchen/ nemlich die Kindheit/ als der Aufgang und Frühling/ die Jugend/ als der Mittag und Sommer/ die Mannheit/ als der Niedergang und Herbſt/ das hohe Alter aber/ als die Mitternacht und der kalte Winter/ bezeichnet.

° gemeint ist das Chamäleon

°° der Molch (im lat. Text: Salamandra solum, ut creditur igne vivens)

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Die Symbolik der Zahl 4 in China

Ein Beitrag von Marc Winter

Eine Zahl ist manchmal mehr als eine bestimmte Anzahl von Einzeldingen. Manche Zahlen nehmen eine darüberhinausgehende Bedeutung an. In der chinesischen Kulturgeschichte lassen sich es bereits in vorbuddhistischer Zeit eine ansehnliche Summe von bedeutsamen Zahlen nachweisen. Diese entstammen zum einen astronomischen Beobachtungen, aus denen kosmologische Konzepte hervorgingen (die Dualität von yin und yang, die Fünf Wandlungsphasen, Acht Trigramme des Yijing, bzw. Kardinalpunkte auf dem Kompass, die 12 Jahresstationen des Jupiters, die zehn «Himmelsstämme» und die zwölf «Erdzweige», die 28 Mondhäuser etc.), von denen aus der Literatur vor der Reichseinigung von 221 v.Chr. verschiedene nachgewiesen sind. Es ist davon auszugehen, dass analog zur Entwicklung von Schrifttypen, Dialektwörtern, Baustilen, oder Regionalküchen auch komplexere Gedankensysteme wie Kosmologien in unterschiedlichen Gegenden des chinesischen Kulturraums unterschiedlich entwickelten.

Im Chinesischen besteht ausser der kosmologischen Bedeutung einer Zahl zum anderen die Möglichkeit, mittels Homophonie eine weitere Bedeutungsebene zu verleihen. Die chinesische Sprache mit überdurchschnittlich vielen gleichlautenden Wörtern ist prädestiniert für auffällige Homophone. Und kulturell sind auch zahlreiche Homophone kodiert. So gilt es in China als unschicklich, in Gesellschaft Birnen (li 梨) mit dem Messer zu teilen (fen 分), weil dies eine Homophonie zur Trennung und dem Abbruch der Beziehung darstellt (fen li分离).

Die Möglichkeit der Homophonie gilt also für alle Wörter, somit ist dies auch für Zahlwörter eine zweite Möglichkeit, eine über die nummerische Bezeichnung hinausgehende Bedeutung zu erlangen. Zahlwörter sind in gewissen Dialekten homophon mit anderen Wörtern. Dies wird beispielsweise bedeutsam bei der Wahl eines «günstigen Datums», bei dem etwa Daten mit einer sechs bevorzugt werden, weil liu 六 (=> sechs) in gewissen Dialekten homophon ist mit li 利 (=> vorteilhaft, günstig), in anderen mit liu 流 (=> fliessen, gleiten). Die Drei san 三 wird phonetisch assoziiert mit sheng 生 (=> erschaffen, schöpfen, gebären). Auch die obsessive Fixierung in China auf die Zahl Acht bei Telefonnummern, Flugnummern oder der Festlegung von Daten geht zurück auf die im Kantonesischen existente Homophonie zwischen ba 八 (=> acht) und fa 发 aus dem Ausdruck fa cai 发财 (=> Geld machen, reich werden). So wurden die Olympischen Spiele in Peking am 8. 8. 2008 eröffnet, womit die kommunistische Führung augenscheinlich die Absicht verband, für China einen Gewinn zu erwirtschaften.

Die Zahl vier, chinesisch si 四, ist in beiden genannten Kategorien bedeutsam. Zum einen ist si homophon mit dem Wort für «sterben» 死, weshalb es in chinesischen Krankenhäusern keine Patientenzimmer im vierten Stock gibt. Auf die Frage «Wo liegt Onkel Wang?» möchte man nicht hören «Er ist auf dem Sterbegeschoss untergebracht» («ta zai si lou 他在四/死楼»). Die vier ist eine «Unglückszahl» wie die Dreizehn in der abendländischen volkstümlichen Wahrnehmung. Es ist nicht so, dass es in chinesischen Flugzeugen grundsätzlich keine vierte, vierzehnte, vierundzwanzigste Sitzreihe gäbe oder in Hotels keinen vierten Stock oder Zimmer 44, auch wenn die Seite zur Tetraphobie in der englischsprachigen Wikipedia (https://en.wikipedia.org/wiki/Tetraphobia) ein entsprechendes Bild eines Liftpanels zeigt. Solche Phänomene werden ebenso wenig als gewichtig erachtet wie die Triskaidekaphobia im Westen. Es ist gleichwohl festzuhalten, dass Peking sich für die Olympischen Spiele in den Jahren 2000 und 2008 bewarb, nicht aber für 2004.

Auch in kosmologischer Hinsicht ist die Vier bedeutsam, insbesondere im alten, d.h. vorkaiserlichen China. So wurden die vier Himmelsrichtungen mit vier Tieren, vier Farben und den Jahreszeiten korreliert, so dass in der Mythologie der Grüne Drachen des Ostens im Frühling, der Rote Vogel des Südens im Sommer, der Weisse Tiger des Westens im Herbst und die Schwarze Schildkröte des Nordens im Winter dominierten. Diese Wesen sind auch auf dem berühmten «Geisterbanner» aus dem Grab der Fürstin Dai aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert abgebildet.

Die Vier ist auch deshalb wichtig, weil im Alten China die Vorstellung der Welt jene einer quadratischen flachen Erde unter einer halbrunden Himmelssphäre war. Rund um das ebenfalls quadratisch idealisierte China gab es in chinesischer Vorstellung zunächst die «Vier Randvölker» (si yi 四夷) häufig auch als «Barbaren» bezeichnet. Wo das feste Land endete, kamen bis zum Rand des Himmels die «Vier Meere» (si hai 四海), welche nun ihrerseits die Gesamtheit der Welt bezeichneten (in der bildenden Kunst oft durch die homophonen «vier Knaben» si hai  四孩 substitutiert). Gruppen von vier Elementen drückten somit eine Gesamtheit aus, eine Vollständigkeit.

Es gibt zahlreiche weitere Gruppen von vier Aufzählungen aus unterschiedlichen Bereichen: Zusammenstellungen von moralphilosophischen Konzepten wie «Vier Tugenden» oder «Vier Weisheiten» sind deshalb problematisch, weil häufig auch parallele Kollektiveinheiten mit drei oder fünf Elementen in der Literatur zu finden sind. Die chinesische Medizintradition kennt ihrerseits zahlreiche Gruppen aus vier Elementen und mit dem Import des Buddhismus nach China kamen viele neue Gedankenkonzepte aus Indien, die ebenfalls in Vierergruppen auftraten. Entsprechend wurden ab dem 3. Jahrhundert Einheiten mit vier Elementen in China thematisiert wie die «Vier Entstehungsarten» von Wesen (si sheng 四生): lebend geboren, aus Laich oder einem Ei geboren, im Wasser geboren und durch Metamorphose geboren oder die vier «kalpas» (si jie 四刦) genannten universellen Phasen einer Existenz: Entstehung, Blüte, Zerfall und Leere.

Auch in der vorbuddhistischen Geisteswelt Chinas hatte sich die Symbolik der vier verändert: Mit der Reichseinigung 221 v.Chr. setzte auch in philosophisch-kosmologischer Sicht eine Vereinheitlichung der Lehrsysteme ein. Diese synthetisierte die zuvor wohl regional dominierenden Erklärungsmodelle für das Wirken der kosmischen Kräfte zu einer Gesamt-Kosmologie. Diese nun geltende Kosmologie war penta-dimensional, sie ging m.E. auf die Beobachtung der fünf von blossem Auge sichtbaren Planeten zurück. Die Fünf Wandlungsphasen (auch «Fünf Elemente») Holz, Erde, Feuer, Wasser und Metall, waren bereits im Kapitel «hong fan» des Buchs der Dokumente (Shangshu 尚书) erwähnt worden, und dieses Modell wurde grundlegend für die Kosmologie der frühen Kaiserzeit (2. Jh. v.Chr. bis 2. Jh. n.Chr.). Entsprechend musste die Symbolik der Vierzahl entweder angepasst werden oder in Vergessenheit geraten. Zwei Anpassungen seien hier zitiert: Die Vier Jahreszeiten wurden um den «Hochsommer» jixia 季夏 ergänzt, und die ursprünglich vier Klassen von Tieren (Geschuppt, gefiedert, gepanzert und Fellträger), wurden durch «nackte Tiere» guo 裸 erweitert.

Die Synthetisierung der kosmologischen Systeme in der Westlichen Hanzeit stellt einen grossen Erfolg der Gelehrtenschicht dar, denn sie bot Hand zur Etablierung des von diesem Zeitpunkt an als Norm betrachtete Herrschaft eines Kaisers über das gesamte chinesische Reich. Die Bedeutung der Vier nahm in dieser Phase zwar zwischenzeitlich ab, indem die Vier vorübergehend nicht mehr gebraucht wurde, um Elemente zu Gruppen zu bündeln. Mit dem Buddhismus und der Präferenz der chinesischen Ästhetik für Zentralperspektiven war der Zahl Vier aber dennoch ein prominenter Platz bestimmt unter den Zahlen, und schliesslich liess die Homophonie immer wieder aufhorchen.

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Was ist der Gewinn einer solchen Untersuchung?

Man hätte nach einer solchen panoramatischen Schau gerne eine Aussage formuliert wie: ›Die Vierheit ist eine Ganzheitsymbolik‹ (was Carl Gustav Jung immer wieder behauptet).

Allein: (erstens) der Satz kommt in den historischen Dokumenten nicht vor; und (außerdem) lässt sich das von jeder Zahl sagen: Die Eins ist natürlich ein besonderer Anwärter, sodann beispielsweise die 5 wegen der Anzahl unserer Finger oder Sinne) oder die 7 (Anzahl der Schöpfungstage, Sakramente, Gaben des Hl. Geistes, Planeten, usw.); die 12 wegen der Anzahl der Apostel, der Tierkreiszeichen, der Anzahl der Edelsteine auf dem Ephod des Priesters...).

Es fällt sodann auf, dass die Vierzahl teils Symbol in einem positiven Sinne ist (Evangelisten, Erzengel, Tugenden), teils in einem negativen (Letzte Dinge, Rad der Fortuna, Verschlechterung der Weltzeitalter; Flüsse der Libido).

Ein solcher Katalog kann indessen der ikonographischen Bestimmung von figürlichen Darstellung dienen, die ohne Text überliefert sind.

• Erstes Beispiel: Kapitell aus dem Kreuzgang des Großmünsters in Zürich (um 1200): 

Hinweis

 

• Zweites Beispiel: Kapitell aus Anzy-le-Duc (Burgund). Zu bedenken ist, dass das Kapitell angemauert ist, nicht freistehend, so dass deswegen evtl. nur 2 von 4 Wesen dargestellt sind:

Hinweis

 

Bislang Ungeklärtes

• Warum sind hier 4 Tode abgebildet, die zum Totentanz aufspielen?

Cy finist la danse macabre des femmes toute hystoriee et augmentee de plusieurs personnages et beaux dictz en latin et francoys. Imprimee A Paris par Guyot Marchant […] L'an de grace mil quatre cens quatre vingz et vnze Le second iour de may [1491]
Text OCR-erfasst hier > http://www.gutenberg.org/files/24300/24300-h/24300-h.htm

• Worum handelt es sich bei den vier nackten Frauen in Dürers Bild aus dem Jahr 1497?

»Die Szene hat alle ikonographischen Annäherungen scheitern lassen.«  schreibt Thomas Schauerte in: Dürer. Das ferne Genie. Eine Biografie, Stuttgart: Reclam 2012, S. 79.

 

❖  Gelegentlich ist kaum herauszufinden, wofür die (Vier-)Zahl steht. In den »Sprüchen Salomonis« (Proverbia) gibt es einen Passus, in dem Gruppen von jeweils vier Dingen zusammengestellt werden; daraus 30,24–28:

Vier sind klein auff Erden / vnd klüger denn die Weisen.
Die Eimmeisen ein schwach volck / Dennoch schaffen sie im Sommer jre speise /
Caninichen ein schwach volck / Dennoch legts sein haus in den felsen /
Hewschrecken haben keinen König / Dennoch ziehen sie aus gantz mit hauffen /
Die Spinne wirckt mit jren henden / vnd ist in der Könige schlösser.
(Lutherbibel 1545)

Dise vier ding sind die aller kleynsten under den yrdischen dingen/ aber in weyßheit übertreffend sy die weysen.
Ambeyssen/ ein schwachs völckly/ und tragend doch in der ernd jr speyß zuosamen.
Die Küngelin (nitt ein starcks völckly) unnd machend doch jre hülen in den felsen.
Die höwstöffel/ wiewol die keinen hauptman habend/ so ziehend sy doch alle scharecht daher.
Ein Spinnen fasset beid wend zesamen/ und das in der künigen sälen.
(Zürcher Bibel 1531)

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Literaturhinweise zur Zahlensymbolik allgemein

Pietro Bongo († 1601), De mystica quaternarii numeri significatione, Bergamo 1583 — Petri Bungi Bergomatis NVMERORUM MYSTERIA, Bergamo 1599.

In der Ausgabe Paris 1618 zur Vierzahl Seiten 193–249 > http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10053307_00295.html

Hieronymus Lauretus O.S.B., SYLVA, seu potius hortus floridus Allegoriarum totius Scaræ Scripturæ. Mysticos ejus senus, … complectens …, Köln 1681; Nachdruck München: Fink 1971. – Appendix: de allegoriis numerorum = pag. 1069–1096.

Franz Dornseiff, Das Alphabet in Mystik und Magie, Leipzig 1922; 2.Aufl. 1925; bes. S.91–118.

Franz Carl Endres, Die Zahl in Mystik und Glauben der Kulturvölker, Zürich: Rascher Verlag 1935 — überarbeitewt als: Franz Carl Endres / Annemarie Schimmel, Das Mysterium der Zahl. Zahlensymbolik im Kulturvergleich, Düsseldorf: Diederichs 1984.

Georges Ifrah, Universalgeschichte der Zahlen, Frankfurt: Campus 1986.

Heinz Meyer / Rudolf Suntrup, Lexikon der mittelalterlichen Zahlenbedeutungen, München: Fink 1987 (Münstersche Mittelalter-Schriften 56), Einleitung S. IX – XLIV; zur Vierzahl S. 335–402.

Website von Marten Kuilman > https://quadriformisratio.wordpress.com/contents/
 

Zuerst online gestellt von PM am 24.12.2017; zuletzt ergänzt im Juli 2018.