»Präsenz ohne Substanz«

 

Kolloquium vom 31. August / 1. September 2001 in Zürich

Spiegelsymbolik  2.Tagung

Aus: Franciscus Petrarcha, Von der Artzney bayder Glück / des guten vnd widerwertigen […]. Augspurg: H. Steyner MDXXXII.

 

Hier die Buchpublikation

 

Programm:

(Zum Betrachten der Exposés auf die Namen klicken)

   
Freitag, 31. August 2001
  09:15 Uhr   Begrüssung durch den Präsidenten der Gesellschaft
  09:30 Uhr Cornelia Rizek Zauberspiegel in mittelalterlicher Literatur
  10:30 Uhr Burkhard Hasebrink Ballspiele. Darstellbarkeit der Liebeseinheit im späthöfischen Erzählen
  11:30 Uhr Romy Günthart "wiltu wissen warumb so vil narren seind, frag den spiegel". Johann Geiler von Kaysersberg reflektiert
  Mittagspause
  14:30 Uhr Fritz Gutbrodt "Quam cernis, imaginis umbra est": Schatten und Spiegel.
  15:30 Uhr Penny Paparunas Spiegelsymbolik in der viktorianischen Dichtung von Frauen
  16:30 Uhr Max Nänny Funktionen der Figur des Chiasmus in der englischen und amerikanischen Literatur
  ca. 17:30 Uhr Ordentliche Mitgliederversammlung der Schweizerischen Gesellschaft für Symbolforschung
       
  Samstag, 1. September
  9:30 Uhr Ursula Renz Lebendige Spiegel oder Spiegel des Lebendigen? Überlegungen zur Frage des Subjektverständnisses bei Nicolaus Cusanus
  10:30 Uhr Philipp Michelus

Das Subjekt der Aufklärung und die Tragik des Spiegelblicks. – Zu Horkheimer/Adornos zentraler These

Referat entfällt 

  11:30 Uhr Thomas Krumm Spiegelmetapher und konstruktivistische Erkenntnistheorie
  Mittagspause
  14:30 Uhr Heiri Mettler Wiederholte Spiegelung … und kein Ende?
(Von Goethe bis Mani Matter)
  15:30 Uhr Franziska Krähenbühl Zum Spiegelbegriff in der Frühromantik und in der Dekonstruktion
  16:30 Uhr Wolfgang Marx Spiegelbild und Ichkonzept oder Der Blick des Anderen
       

 


 

Nicht nur die SUPERBIA (Bild oben) hält einen Spiegel in der Hand, sondern auch die PRUDENTIA.

 

Exposés

   
 

Romy Günthart

"wiltu wissen warumb so vil narren seind / frag den spiegel." – Geiler von Kaysersberg reflektiert

In den Jahren 1498/99 hielt Johann Geiler von Kaysersberg im Straßburger Münster einen Predigtzyklus über Sebastian Brants Buch "Das Narrenschiff", das vier Jahre zuvor mit grossem Erfolg erstmals gedruckt worden war. In der deutschsprachigen Fassung der Narrenschiffpredigten aus dem Jahre 1520, welche die primäre Textgrundlage dieses Beitrags bildet, werden der Predigtreihe über die einzelnen Kapitel des "Narrenschiffs" drei Homilien vorangestellt, die sich ausführlich damit auseinandersetzen, dass es sich beim Predigtanlass um einen volkssprachlichen, literarischen Text handelt, dessen Thema eine panoramaartige Präsentation aller erdenklicher Narren und Narrheiten darstellt. Für das Thema der Tagung besonders interessant ist die zweite dieser einleitenden Predigten, in der zum einen darüber gehandelt wird, dass und wie sich die literarische Vorlage in die Form einer Predigt umsetzen lässt. Zum andern wird Brants Buch, das vom Autor selber auch als "Narrenspiegel" bezeichnet wird, ebenso wie der geilersche Predigtzyklus, mit einem Spiegel verglichen, der dem Menschen seine Fehler aufzeigen und ihn damit zur Veränderung des makelhaften Zustandes führen soll. Johann Geiler von Kasersberg reflektiert in seinen Predigten Brants "Narrenschiff", reflektiert über diese Reflexion, entwickelt und benutzt den Spiegel als Metapher, die er auf verschiedenen Inhalts- und Reflexionsebenen neu und anderes gestaltet, immer mit dem einen Ziel, den Menschen zur Selbstreflexion und damit zur Erkenntnis seiner Fehler zu bewegen. Die verschiedenen Brechungen und Spiegelungen in den gedruckten "Narrenschiff-predigten" aufzuzeigen und zu interpretieren, soll Ziel dieses Beitrags sein

   
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Fritz Gutbrodt

"Quam cernis, imaginis umbra est": Schatten und Spiegel.

Ovids Erzählung von Narziss erzählt auf den ersten Blick die Geschichte einer Spiegelung. Allerdings sind bei ihm Spiegelbild und Schatten nicht deutlich voneinander zu unterscheiden. "Ista repercussae, quam cernis, imaginis umbra est": "Was du siehst, ist nur Schatten, nur Spiegelbild." Plato hat in seinem Höhlengleichnis den Schatten und das Echo als erste und stärkste Formen der Täuschung vorgestellt, die sich dem Menschen auf seinem Weg zur Erkenntnis der Wirklichkeit in den Weg stellen. Sollten die Menschen aus der Höhle ans Tageslicht gelangen, so würden sie zunächst - wie Plato ausführt - die Schatten sehen können, dann die Spiegelbilder der Menschen und Dinge im Wasser und erst allmählich die Menschen und Dinge selbst. Ganz am Schluss - und kaum ist es zu denken - würden ihre Augen die Sonne und ihr unvermitteltes Licht aushalten. Platos Warnung der Blinden vor der Blendung hat eine Stufenleiter der visuellen Wahrnehmung vorgezeichnet, in der das Spiegelbild eine Mittelposition einnimmt zwischen dem leeren Nichts des Schattens und der vollen Präsenz der Dinge. Die Reflektion und die Reflexion sind seither - und besonders seit der Aufklärung - zur Herrschaftsmetaphern der Wissenschaft geworden. Zu "privileged representations", wie Richard Rorty sie in Philosophy and the Mirror of Nature nennt. Dagegen gilt es mit Victor Stoichita zu erinnern, dass die Kunst ihren Ursprung gemäss Plinius im Schattenriss hat. Gemäss einer späteren Erzählung soll ein Mädchen den Schatten ihres Geliebten auf einer Wand festgehalten haben. Nicht das Spiegelbild, sondern der Schatten würde somit den mythischen Ursprung der Kunst entworfen haben. Wie im Mythos von Echo und Narziss ist es eine Geschichte von Liebe und Entbehrung. Nach einer Einführung zur philosophischen Fragestellung wird der Vortrag sich mit der romantischen Phantasie des Doppelgängers auseinandersetzen, in der Spiegel und Schatten als Doppelgänger einer Präsenz ohne Substanz auftreten.

   
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Burkhard Hasebrink

BALLSPIELE. Darstellbarkeit der Liebeseinheit im späthöfischen Erzählen

In der Nachfolge des Tristanromans stellen auch die späthöfischen 'Aventiure- und Minneromane' die Einheit der Liebenden in den Mittelpunkt ihrer Minnekonstruktionen. Doch wie 'Einheit' stets ihr Gegenteil mitzuführen scheint, geht es auch in der Darstellung der Liebeseinheit um eine Relation. 'Spiegelung' wäre nur eine Metapher für diese Relation; und auch diese Metapher will in einem Roman erst einmal erzählerisch umgesetzt sein. Ob man dabei auf eine 'Substanz' stößt, wird sich finden; sicher aber auf Formen der Textorganisation, die 'Liebeseinheit' nicht nur darstellen, sondern deren immanente Dynamik performativ umsetzen. Nicht zuletzt wäre zu überlegen, ob man dabei nicht Fragen (und Formeln) begegnet, wie sie außerhalb geistlicher unio-Modelle kaum erwartet worden wären.

   
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Franziska Krähenbühl

Präsenz ohne Substanz? Eine Untersuchung des Spiegelsymbols in der Frühromantik unter Bezugnahme auf Jacques Derridas différance.

In den Fichte-Studien von 1795/96 entwickelt Novalis die sogenannte Ordo-inversus-Lehre, wobei er sich auf die ursprüngliche Wortbedeutung von "Reflexion" besinnt. Diese bedeutet Spiegelung, d. h. Zurückwerfen von Licht und anderen Wellen an einer Körperoberfläche. Der Spiegel wird in der Frühromantik zu einem Schlüsselbegriff, da er ein Symbol für die intellektuelle Selbstbetrachtung, welche Friedrich Schlegel im 238. Athenäumsfragment "schöne Selbstbespiegelung" nennt, darstellt.
Die Spiegelung teilt zwei wesentliche Eigenschaften mit dem selbstreflexiven Denken. Betrachtet sich ein Ich im Spiegel, tritt eine Trennung zwischen dem betrachtenden Ich und dem betrachteten Ich ein. Zudem erscheint das gespiegelte Ich im Spiegel seitenverkehrt, da Rechts als Links und Links als Rechts reflektiert wird.
Wie in der Spiegelung spalten sich auch in der intellektuellen Selbstreflexion Subjekt und Objekt oder Betrachtendes und Betrachtetes, da Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas ist und somit eine Dualität impliziert. Aus diesem Grund ist absolute Identität reflexiv nicht erfassbar. Die Unangemessenheit der Reflexion gegenüber der Darstellung des Absoluten kann durch einen bewussten Umgang mit dieser Verfehlung relativiert werden. Dies ist der Kern der Ordo-inversus-Lehre. Analog zur Seitenverkehrung des Gespiegelten im Spiegel ist die intellektuelle Reflexion des Absoluten "verkehrt". Diese Verkehrung kann nach Novalis nur durch eine zweite Reflexion korrigiert werden, indem die Reflexion sich selbst reflektiert. Analog zu dieser Reflexion der Reflexion kann auch das verkehrte Spiegelbild durch eine Spiegelung des Spiegelbildes wieder aufgehoben werden. Friedrich Schlegel begnügt sich im 116. Athenäumsfragment allerdings nicht mit einer doppelten Reflexion. Er steigert die Spiegelung ins Unendliche, da er "diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen" will.
Der Gedankengang entlang des Spiegelsymbols führt von der Ontologie zur frühromantischen Sprach- und Kunsttheorie, denn der Spiegel als darstellendes Medium kann auch für die Sprache stehen. Doch die Sprache ist nach Auffassung der Frühromantiker nicht die "verkehrte" Darstellung des unfassbaren Absoluten, da es ausserhalb der Sprache kein Absolutes gibt. "Geist und Buchstabe", Stoff und Form oder, um mit Saussure zu reden, Signifikat und Signifikant sind untrennbar miteinander verbunden. Die Auffassung von Spiegelung der Ordo-inversus-Lehre muss also modifiziert werden.
Wie ist also das Spiegelsymbol in der frühromantischen Sprachtheorie zu verstehen? Welche Bezüge ergeben sich zu Derridas Konzept der différance? Ist der Spiegel letztlich gar als "Substanz ohne Präsenz" zu denken, da nach Derrida in der Sprache vielmehr die Präsenz als die Substanz verloren zu gehen scheint?

   
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Thomas Krumm

Spiegelmetapher und konstruktivistische Erkenntnistheorie

In unserer Argumentation soll aufgezeigt werden, daß das Spiegelsymbol keineswegs zwingend eine Korrespondenztheorie der Erkenntnis impliziert, sondern durchaus auch mit sog. konstruktivistischen Erkenntnistheorien kompatibel ist. Der Erkenntnisbegriff einer Abbildtheorie impliziert die Vorstellung, die Welt, die es zu erkennen gilt, liege für das erkennende Subjekt schon fertig vor, sie müsse nur noch wahrgenommen bzw. durch das Bewußtsein spiegelbildlich abgebildet werden. Sprechakttheoretisch geht es diesem Projekt um die Bedingungen der Möglichkeit der Formulierung wahrer, d.h. mit der Realität in spiegelbildlicher Übereinstimmung stehender Aussagen. Solche objektivistischen Vorstellungen sind in letzter Zeit vermehrt durch hermeneutisch, pragmatisch und konstruktivistisch arbeitende Autoren hinterfragt worden. Konstruktivistische Autoren stellen auf die Einsicht ab, daß das erkennende Wesen oder System nur dann über Wissen verfügt, wenn es dieses über eigene Operationen selbst hergestellt hat. Wissen bzw. Erkenntnnis ist für sie quasi Resultat selbstreferenzieller Beobachtungen. Nimmt man diese Perspektivität des Blicks ernst, können korrespondenztheoretische Erwartungen verabschiedet werden und gleichzeitig kann die Frage nach der erkenntnistheoretischen Funktion des Spiegels neu gestellt werden. Die Funktion des Spiegels scheint in der Brechung des Blickes zu liegen, die zugleich Sichtbares verdeckt und Unsichtbares sichtbar macht. Die Funktion des Spiegels liegt, so können wir schließen, in der Ermöglichung der Beobachtung des Unbeobachtbaren.

   
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Wolfgang Marx

SPIEGELBILD UND ICH-KONZEPT oder DER BLICK DES ANDEREN

Der entscheidende Durchbruch für die Entwicklung des Ichs beginnt, wenn das Kind imstande ist, sich selber im Spiegel zu erkennen. Von diesem Zeitpunkt ab wird das Kind fähig zur Empathie, zur emotionalen Perspektivenübernahme, und es setzt der Antagonismus von Scham und Schuld ein, der den Menschen zu einem sozialen und auch sozial akzeptablen Wesen machen soll. Ursprung der Scham ist der Blick des anderen, der mich zu einem Objekt macht, das taxiert, bewertet, gar abgewertet wird. Scham kann abgewehrt werden, aber auch entarten ("Ehre"). Das Schuldgefühl entspringt der Empathie für das Leid der anderen und soll eine spontane Bereitschaft zur Hilfestellung auslösen. Der Antagonismus dieser beiden Gefühle soll zu einer optimalen Ausbildung der Ich-Grenze führen: Scham soll vor zu grosser Öffnung und Schwächung bewahren, Schuld vor allzu grosser Verhärtung und Abschliessung. In diesem Wechselspiel soll das Kind zu einem eigenständigen und zugleich doch auch sozialen Wesen werden. Die Soziabilität ist keine Frage der Vernunft, sondern wesentlich eine des Gefühls ("Descartes' Irrtum"). Die Assoziation des Schuldgefühls mit Regelverstössen ist nicht naturgegeben, sondern Ergebnis einer konsequenten Konditionierung, die das Faktum ausnutzt dass Verhaltenskontrolle effektiver an Schuld als an Scham geknüpft werden kann. Abschliessend soll noch diskutiert werden, was der Verlust bzw. Verkauf des Spiegelbildes in psychologischer Sicht bedeutet.

   
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Heiri Mettler

Wiederholte Spiegelung ... und kein Ende? (Von Goethe bis Mani Matter)

Präsenz ohne Substanz. Die Definition des Spiegelbilds wird im Falle wiederholter Spiegelungen noch verwunderlicher. Weder im Spiegel noch mit ihm greife ich nach nach einem Etwas, das sich in ihm spiegelt, oder nach einem Jemand. Auch unterlasse ich es, auf dem Spiegel wie auf einer Leinwand nach einem Farbauftrag zu suchen.
In Geradehineinstellung von mir weg auf Körperliches ausser mir gerichtet, erfährt diese meine Intention mit der Spiegelung eine Brechung, eine radikale Hemmung, ja Unterbrechung. Ich werde mich und was mit mir zusammen neben und hinter mir ist, nicht los. Komme ich dabei einfach auf mich und meinen Hintergrund zurück, statt aus mir herauszugehen, auf andere und anderes hin? Die Gewohnheit des Autofahrens mit dem Blick durch die Frontscheibe in Fahrtrichtung einerseits und anderseits in der Gegenrichtung auf den Rückspiegel scheint ein einfaches Hin und Zurück nahezulegen.
Indem ich es mir vorstelle, räumlich vor mich hin stelle und diese Vorstellung umzukehren und lediglich zurückzubuchstabieren versuche, verstelle ich mir von vornherein als eine Angelegenheit innerhalb eines fix vorgegebenen Raumes, als eine Verschiebung auf dem selben Geleise vorwärts und rückwärts, was es heisst, aus mir heraus und in mich gehen zu können.
Goethe nennt die Spiegelung, insbesondere die Farberscheinung wiederholter Spiegelung innerhalb durchsichtiger Körper Symbol. Der Spiegel, der den Blick im Gegensatz zur Frontscheibe des Autos nicht durchlässt, diese manifeste General- und Radikalhemmung der Blickrichtung, der auf anderes und andere gerichteten Gerade- hineinstellung, die den Blickstrahl ineins mit dem Lichtstrahl aufhält und zurückzwingt, die Intention bricht und dabei nicht etwa schwächt, sondern zur Reflexion bringt, macht darauf aufmerksam, was das heissen könnte: aus sich heraus und in sich gehen, sich draussen beeindrucken lassen und dies sich selbst und andern wiederum zum Aus-druck, zur Sprache bringen und so mündlich und erst recht schriftlich ein Zeichen setzen, dass man sich fortan mit andern zusammen daran erinnern kann.
Erst die wiederholte Spiegelung zeigt, was Spiegelung sein könnte, seis mit Goethe die in der entoptischen Intensivierung der Farberscheinung erkannte Steigerung der ursprünglichen Wahr-Nehmung durch eigene Er-Innerung, verstärkt durch die Erinnerung anderer, seis mit Mani Matters berndeutschem Chanson "Bim Coiffeur" "es metaphysischs Grusle", der Abgrund des Selbstverlusts, der Endlosigkeit, dem sich nur ein Ende setzen lässt, indem man/frau fluchtartig den Salon verlässt.

  Heinrich Mettler (1939–2014)
Heinrich Mettler doktorierte 1968; 1976 habilitierte er sich an der Universität Zürich; von 1978 – 1994 war er als Gymnasiallehrer und Privatdozent tätig. Während dreier Jahrzehnte verband er die Lehrtätigkeit am Gymnasium mit jener an der Universität. Er veröffentlichte (zusammen mit seinem Kollegen Heinz Lippuner) mehrere Publikationen, in denen ein Zusammenwirken von Forschung, Lehre und Unterricht angeregt wurde. Legendär waren die Seminare, die von Studenten und Gymnasiallehrkräften mit Gewinn besucht wurden.
Aus seinen Interessensgebieten seien exemplarisch herausgegriffen die Disputationskultur bei Lessing (vgl. seine Studie »Lessings unabdingbares Bedürfnis, mit Freunden zu disputieren« 1985) und Schillers »Wilhelm Tell«, insbesondere die Wirkkraft der Identifikationsfigur Tell. Er war aber nicht nur ein profund ausgebildeter Germanist, sondern beschlagen in der Antike und in der italienische Renaissance. Er ging dem Einfluss der Psychoanalyse auf die moderne Literatur nach und umgekehrt den literarischen Wurzeln der Psychoanalyse.
Heiri Mettler hat regelmäßig an unseren Kolloquien teilgenommen; seine horizont-erweiternden Voten in den Diskussionen werden wir sehr vermissen.

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Philipp Michelus

Das Subjekt der Aufklärung und die Tragik des Spiegelblicks. – Zu Horkheimer/Adornos zentraler These

Einzelne philosophische Zeitschriften sind soweit, dass sie nicht mehr über den "Tod des Subjekts" selbst, sondern über Sinn und Unsinn einer Wandlung dieses Begriffs zum Schlagwort philosophieren; das Taschentuch zum Abschied vom Subjekt der cartesisch-kantischen Tradition flattert etwas müde im Wind - und jetzt kommt einer daher, der seine Stockflecken wieder aufbessern will? Die prägnanten Formulierungen einzelner Fragmente der Dialektik der Aufklärung sollen in diesem Beitrag wieder entschlüsselt werden, die geheimnisvolle Rede von einer Vernunft, deren Emanzipation von Natur sich in Abhängigkeit von naturbeherrschenden Mächten wandelt, die selbst naturwüchsige Gestalt annehmen, soll wieder nachvollzogen werden - allerdings nicht allein begrifflich argumentativ, sondern auch im Versuch, einige literarische Aufklärungssubjekte bei ihren Spiegelblicken zu beobachten. Der Spiegel als Interpretationsmetapher für einzelne Thesen der Dialektik der Aufklärung? Ja, so ähnlich. Und vielleicht wird es sogar möglich sein, einen Spiegelblick für jenes Subjekt zu konstruieren, das als ein mit der Natur Versöhntes im Sinne Horkheimers und Adornos der Tragik des aufgeklärten Subjekts entgehen soll? Das Schlimmste was dabei herauskommen kann: (m)eine Präsenz ohne Substanz.

   
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Max Nänny (1932-2006)

Sprachliche Spiegelungen von Spiegelungen

Spiegelungen als Motiv in Mythos und Literatur (Narziss, Eva) werden fast ausschliesslich thematisch oder komparatistisch angegangen. Mein Vortrag ist nun als Beitrag zur ikonischen (im semiotischen Sinne) Erforschung literarischer Texte gedacht. "Ikonische" Erforschung heisst hier, dass speziell auf die Beziehung von Inhalt und Form geachtet wird. Nach einer kurzen Einführung zu möglichen ikonischen Funktionen der rhetorischen Figur des Chiasmus (1-2-3 : 3-2-1) werde ich anhand einiger Beispiele aus der englischen und amerikanischen Literatur seit der Renaissance zu zeigen versuchen, wie in Prosa- sowie Gedichtpassagen, in denen es um eine Spiegelung geht, diese Passagen selbst einer formalen Spiegelung unterworfen werden, indem sie chiastisch strukturiert werden. Textbeispiele von folgenden Autoren sind vorgesehen: Shakespeare, Milton, Addison, Keats, Coleridge, Wordsworth, Joyce und Woolf.

   
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Ursula Renz

Lebendige Spiegel oder Spiegel des Lebendigen? Überlegungen zur Frage des Subjektverständnisses bei Cusanus im Ausgang von seinem Umgang mit der Spiegelsymbolik

Wer sich mit Nicolaus von Kues befasst, ist bald einmal mit vielen Mutmassungen über den philosophischen Ort seines Denkens im Übergang zur Neuzeit konfrontiert. Cusanus wird gern als einer der Väter neuzeitlichen Denkens in Anspruch genommen. Von besonderem Interesse ist dabei die These, dass sich in den cusanischen Denkfiguren ein neues Verständnis menschlicher Subjektivität anzeige. In meinem Vortrag möchte ich diese These anhand von Cusanus Umgang mit der Spiegelsymbolik diskutieren. Thematisiert Cusanus durch seine Verwendung des Spiegels als eines der vielen Bild-Modelle seines Denkens tatsächlich Aspekte der Subjektskonstitution? Und wenn ja - wodurch wird dann bei Cusanus Subjektivität konstituiert?

   
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Cornelia Rizek-Pfister

Zauberspiegel in mittelalterlicher Literatur

Präsenz ohne Substanz lässt sich durchaus auch ohne Spiegel denken; Schatten, Geistererscheinungen, Hologramme ... - Doch um ein Hologramm, also ein dreidimensionales Bild in der Luft, zu erzeugen, werden (unsichtbare) Spiegel benötigt; und raffinierte Spiegel-Anordnungen lassen scheinbar Geister erscheinen. Und um Gottesvorstellungen zu visualisieren, erfreute sich das Bild der gespiegelten Sonne grosser Beliebtheit. Der Spiegel ist kein Ding wie jedes andere, besonders wenn es um Geheimnisvoll-Göttliches oder um Zauberei geht. Spiegelungen sind das Mittel par excellence, um verformte, verzauberte Bilder zu schaffen. Sie sind ein wunderbares Werkzeug der Manipulation.
Zauberspiegel finden sich u.a. in Texten von Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Veldeke und Paracelsus; es gibt Spiegel ganz unterschiedlicher Ausrichtung und Machart. Mich interessiert allerdings jeweils besonders die Bedeutung und Funktion einer Spiegel-Erwähnung sowie deren Einbettung in den Gesamttext. Spiegel wurden sehr häufig im Zusammenhang mit dem Spannungsfeld Wahrheit / Täuschung gesehen; gibt es Hinweise, dass der Text selbst an dieser Stelle täuscht? Könnte man ihn als zweideutig lesen? Wird das Zauberhafte des Spiegels als Taschenspieler-Trick, als Wunder der Natur oder als Sichtbarmachung und Präsenz geisterhafter, dämonischer oder göttlicher Mächte verstanden? Welche Hinweise gibt der Text auf solche Deutungen? Gibt der Text Hinweise darauf, dass und wie das Spiegelbild gedeutet wird?

   
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Penny Paparunas

Trouble with the "I / Eye": Mirrors in Victorian Women Poetry

Victorian women poets have received - apart from the canonical 'big three', Elizabeth Barrett Browning, Christina Rossetti and the American Emily Dickinson (and to a lesser extent perhaps Emily Bronte) - little critical attention in the past. Its is only with the recent publications of the anthologies by Leighton / Reynolds (1995) and by Armstrong / Bristow / Sharrock (1996) that so-called 'minor Victorian women poets' such as Augusta Webster, Mary Coleridge, Constance Naden or Michael Field have reached a wider audience.
Three recurring and related images within Victorian women poetry - the mask, the picture and the mirror - point to the obstacles women encountered in establishing and identifying themselves as poets in a society which on the one hand labelled them as sentimental, 'writing from the heart' and which on the other hand was surprised at their mere existence. The mirror image prevails in the second half of the century. It seems as if the woman wants to free herself from the implicit Pygmalion-like, male observer / voyeur / artist who represents her "not as she is, but as she fills his dream" (Rossetti). In occupying the male's position, the woman can watch herself in the mirror and thus arises as both subject and (reflected) object. The looking-glass can take various forms, it comes to us as the conventional requisite in a woman's private room but it can also take, for example, the shape of a small cup or the eye; all of them thus constitute 'outward mirrors'. Mirrors can also appear as visual self-images created by the woman, that is, reflections which are not the origin of an outward, identifiable object; we may hence speak of 'inward, non-identifiable mirrors'.
The mirror serves to unite the divided I, subject and object, and this meeting may end in a reassertion of identity or in a trauma-like experience - a reflection which is unsettling, horrifying and uncanny. The various and often strange self-encounters Victorian women poets depict in their poetry indicate the deep-rooted split in the female self. This paper will draw attention to how women attempt to overcome this split which the Victorian age has fragmented or suppressed. At stake then is, whether the female gaze can return or overcome the determining male gaze (which turns women into an icon) and whether women can ultimately articulate their presence. This paper will particularly focus on these 'minor Victorian women poets' and terminology drawn from gender and psychoanalytic theory will be used.

   
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