Thema 2008 / 2009: Farbsymbolik

Farbensymbolik

 

Erklärung dieses Bildes (J. J. Scheuchzer, Regenbogen in einem Wasserfall, 1731)

 

 

Übersicht:

Einführung

Hinweise auf Websites

Bibliographie

 

 

Erste Arbeitstagung: 30. August 2008

Impulsreferat von Peter Peisl: Präludium über die Biologie des Farbensehens

Susanne Brügel: Farben in mittelalterlichen Minnereden

Franziska Struzek-Krähenbühl: Zur Farbsymbolik der blauen Blume von Novalis (PDF-Datei)

(ausserplanmässig:) Martin Städeli: Fensterfarben (PDF-Datei)

 

Zweite Tagung: 12. September 2009

Abstracts:

Andreas Hebestreit (Zürich): Gedanken zur Farbe der Aufklärung

»Man fühlt den Glanz von einer neuen Seite,
auf der noch alles werden kann.«

Was bedeutet die Farbe im Licht der Aufklärung? – Programmatische Ankündigung eines offeneres, angemesseneren contrat social. Am Anfang steht Newton mit seinem Farbkreis, aber dieser Farbkreis, der zunächst nur den engen Kreis der Physiker beschäftigt, strahlt aus. Er eröffnet neue Perspektiven, in der Ästhetik, in den Naturwissenschaften und nicht zuletzt im Umgang zwischen den Geschlechtern. Der Weg führt vom leuchtenden Spektrum über das irisierende Muschelwerk bis zum Begriff des Pittoresken und Malerischen, wobei der Regenbogen als das große Hoffnungssymbol stets im Hintergrund gegenwärtig bleibt.

Text als PDF-Datei

Literaturhinweis: Andreas Hebestreit, Die soziale Farbe. Wie Gesellschaft sichtbar wird, LIT-Verlag 2007.

Hans Jürgen Scheuer (Stuttgart): Painture et parole – varwe inde worde. Farbentopik, Erzählorganisation und Imaginationslenkung im höfischen Roman

Im »Bestiaire d’amour« Richards de Fournival wird unterschiedlicher Farbengebrauch auf ein Fundament zurückgeführt: auf die literarische Erzeugung und Steuerung innerer Bilder durch (afrz.) painture et parole – in der zeitnah entstandenen Formulierung der mittelniederfränkischen Übertragung heißt das: durch varwe inde word. Materialisiert in Schrift und Miniatur, descriptio und Blasonierung, sprechen sie über Auge und Ohr die inneren Sinne, die Urteilskraft und in letzter Instanz das Gedächtnis an. Sie legen so eine Erinnerungsspur, die in umgekehrter Richtung auf die primäre, auslösende Seelenbewegung zurückverfolgt und in der Imagination vergegenwärtigt werden kann. Nach Richard illuminieren solche Farben der Phantasie vor allem eines: die smerten van der minnen (trace del amour). 

Julia Pirschl (Freiburg/Br.): Arkane Farben – Zur Anwendung und Bedeutung von Farbsymboliken im Rahmen abendländisch-esoterischer Wissenssysteme

Symbolische Darstellungen sind ein wesentlicher Bestandteil esoterischer Wissensbestände – man denke dabei nur an die enigmatischen Bildwelten des Tarot, der Astrologie und der Alchemie bzw. der Hermetik. Untrennbar verbunden mit der jeweiligen Bildsprache und der den Symbolen zugesprochenen (magischen) Wirkungsweise ist dabei ihre Farbgebung, die nicht willkürlich, sondern im Rahmen spezifischer Farbsemantiken zu verstehen ist. Die nicht immer einheitliche Rolle und Bedeutung von Farben soll anhand einiger zentraler ›Lehrgebäude‹ und Wissenssysteme der abendländischen Esoterik vorgestellt werden. Ausgangspunkte eines kleinen Streifzuges durch das ›Dickicht der abendländischen Esoterik‹ nehmen dabei Beispiele aus dem Bereich der spekulativen und mystischen Alchemie ein: Der »rote« und der »grüne Löwe«, die »schwarze Sonne«, die »weiße Königin« sowie die farbliche Darstellung der Phasen des »Großen Werkes« sind einige der Konzeptionen, die hier skizziert werden, und deren zugrunde liegende Farbsemantik erläutert werden soll. Vergleichend und kontrastierend sollen im Anschluss Farbsemantiken moderner esoterischer Wissensbestände des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts betrachtet werden: Das Farbverständnis des initiatisch-rosenkreuzerischen »Hermetic Order of the Golden Dawn«, der mit den Farbsemantiken des »Golden Dawn« korrespondierende Tarot Aleister Crowleys sowie die Farbenlehre des Theosophen Rudolf Steiners sollen im Rahmen des weiteren Vortrags näher vorgestellt werden.

Dieses Refereat musste wegen Erkrankung der Referentin ausfallen.

Mirjam Lange (Zürich): Synästhesie: Wenn Gefühle farbig sind

Für viele Menschen mit genuiner Synästhesie spielen Farben eine tragende Rolle. Farbige Wochentage ersetzen die Agenda und Situationen verbinden sich mit Farben.Im Gegensatz zu synästhetischen Erscheinungen in der Literatur sind die Zuordnungen bei genuiner Synästhesie grundsätzlich willkürlich und für Nichtsynästheten nicht nachvollziehbar. – Vor dem Hintergrund der literarischen Synästhesie soll in diesem Vortrag versucht werden, die Bedeutung der Farbe innerhalb eines synästhetischen genuinen Systems zu skizzieren.

Rudolf Suntrup (Münster/Westf.): Liturgische Farben im Kontext der mittelalterlichen Farbendeutung

Die Deutung der Farben gehört zu den Kernbereichen der mittelalterlichen Allegorese. Farbenallegorie ist zunächst einmal die Bedeutung der farbigen Dinge, welche die Bibel benennt und die in den lateinischen Bibelkommentaren vom frühen Christentum bis zum 13.  Jahrhundert, also in einem Zeitraum von etwa 1000 Jahren, ausgelegt werden; diese bieten deren wesentliche methodische Voraussetzung und sachlich-stoffliche Grundlage. Von der Bibelexegese strahlt sie in benachbarte Felder und andere literarische Gattungen aus, zu denen die  mittelalterlichen Liturgieerklärungen zu zählen sind. Der Vortrag behandelt Prinzipien der mittelalterlichen Farbendeutung und erläutert anwendungsbezogen am Beispiel der mittelalterlichen Liturgie, wie der Farbigkeit etwa der liturgischen Gewandung nach dem Verständnis der Liturgiker des 9. bis 13. Jahrhunderts in besonderer Weise ein Zeichencharakter zuerkannt wird. 

Anne-Noëlle Menzel (Zürich): Variantenreiche Monochrome Malerei  

Für die Künstler haben nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl die traditionelle illusionistische als auch die abstrakte Malerei ausgedient. Das Aufkommen des Materialismus, »der in jedem Bewusstsein Fuss gefasst hat, bedarf einer Kunst, die allen ... darstellerischen Absichten fernsteht.« (Lucio Fontana) In der Folge entwickeln einige Künstler die Monochrome Malerei. Sie verzichtet auf Gegenstand, Symbol, Inhalt und Aussage im Bild. Trotzdem provoziert sie eine idealistische Wertigkeit, die im Absoluten liegt und nicht im sinnlich und gedanklich Fassbaren. – Monochromie, so einfarbig es klingt, ist doch variantenreicher als gedacht. An drei Künstlern sollen drei unterschiedliche Ansätze und drei unterschiedliche Ergebnisse von Monochromer Malerei gezeigt werden.

Samantha Foulger (Rheinfelden): Der Stier, der die schwarze Suppe isst. Die Grundfarben im Sumerischen

Einleitend werden die Theorien der Relationisten und Universalisten (Berlin & Kay, »Basic Color Terms« und Weiterentwicklungen) auf dem Gebiet der Farbensemantik diskutiert. Zur Abklärung der Bedeutung von vermuteten Farbwörtern im Sumerischen dienen einerseits Übersetzungen ins Akkadische, anderseits Kollokationen mit bekannten Materialien, Tieren, Nahrungsmitteln, Artefakten und auch Emotionen in verschiedenen Textsorten (oekonomische Literatur, poetische Texte). Ob mit bestimmten Wörtern der Farbton oder die Luminiszenz gemeint ist, ist schwer abzuklären. Bei allen Unsicherheiten und methodischen Zweifeln lässt sich immerhin zeigen, dass das Sumerische eine Sprache auf Stufe III nach Berlin/Kay ist. 

Dieser Beitrag wurde nicht als Referat am 12.9.09 präsentiert, er ist nachher dazugekommen.




Einführung (P.M.)

Wie immer wollen wir es nicht bei oberflächlichen Klischees (Grün ist die Farbe der Hoffnung) bewenden lassen, sondern historisch in die Tiefe und zu den Quellen vordringen und nach den Voraussetzungen und Bedingungen für die Zuordnung von Bedeutungen fragen.

Die Beschäftigung mit Farben führt in verschiedene Diskussionsfelder, die auseinandergehalten werden sollten.

  • die physikalische Dimension (Streuung, Brechung, Emisson, Remission, Interferenz; vgl. Newtons Farbentheorie)
  • die physiologische Dimension (drei Arten von Zäpfchen, Verarbeitung der Informationen zwischen Netzhaut, Areal V4 und Gehirn usw.)
Eigentümlichkeiten des Farbsehens: (1) Durch die sog. ›chromatische Adaption‹ nimmt der Mensch einen Wechsel der Farbtemperatur des Umgebungslichtes kaum wahr: ein weisses Blatt Papier wird sowohl unter Kunst- als auch unter Tageslicht als gleich weiss angesehen. (2) Ein-und-dieselbe Farbe kann unterschiedlich wirken, je nachdem, welcher Hintergrund sie umgibt. (3) Zwei Körper können unter einer Lichtart gleich aussehen, während sie unter einem anderen Licht unterschiedlich aussehen. Wer zu einem Kleidungsstück die gleiche Farbe dazu kaufen will, hält die Stoffe im Geschäft unter Kunstlicht nebeneinander; da sieht es gleich aus, aber bei Tageslicht ist die Farbe doch nicht identisch.

  • die psychologische Dimension, das Farb-Erleben
  • die technologische Dimension (Farbgewinnung und –herstellung, die Handhabung von Pigmenten und Bindemitteln); nicht ausser Acht zu lassen ist hier die Oekonomie, man denke an die Verdrängung des heimischen Waid-Anbaus durch das Indigo aus den Kolonien und dessen Verdrängung durch das synthetische Indigo.
  • die künstlerische Dimension (z.B. die Ausnützung von Komplementärkontrast und Simultankontrast im Impressionismus oder bei den Fauves)
  • die ikonographische Dimension (Zuordnung von Farben zu abstrakten Bedeutungen, der ›Ideengehalt‹ von Farben und Farbkombinationen)
  • die erkenntnistheoretische Diskussion. Farben sind ein klassisches Problem der Qualiadebatte: Wie kommt es, dass bei der Verarbeitung von bestimmten Lichtwellen Farberlebnisse entstehen? Vgl. den Artikel zu Qualia in der dt. Wikipedia.
  • und wohl noch mehr.

Reine Farben sind faszinierend

In der Natur kommen abgesehen von dem allgegenwärtigen Blau des Himmels und dem Grün von Laub und Gras nur wenige reine Farben vor. Der Normalfall ist ein Gemenge von Erdfarben, Beige und Grau.

Umso auffälliger und faszinierender sind die Phänomene der ›reinen‹ Farben, wie sie den Menschen noch vor dem 19.Jh. entgegentraten

  • in Blüten und Früchten; beim Herbstlaub
  • bei Schmetterlingen, Käfern, auch als Schreckfarben z.B. des Feuersalamanders
  • im Regenbogen oder in der Brechung des Sonnenlichts in Tautröpfchen
  • in der Iris von Augen (wobei die meisten Tierarten diese aus naheliegenden Gründen tarnen; ferner ist zu bedenken, dass blaue Augen eine Erscheinung bei Zuchtrassen sind; vgl. K.Lorenz: »Verhausschweinung«)
  • bei den ganz selten zu sehenden Edelsteinen.

Man muss sich vergegenwärtigen, dass vor der Synthese von Farben, die erst im 19.Jh. wirklich zur Geltung kam, nur wenige Farben in Artefakten zu sehen waren, so etwa in den Mosaiken der frühchristlichen Basiliken (Ravenna ), in mittelalterlichen Glasfenstern (Chartres, Königsfelden ) oder in den Werken der Maler (es handelt sich hier um anorganische Farben); in Textilien der adligen Klasse (organische Farben in beschränktem Umfang): blau aus Waid und Indigo – rot aus Krapp oder Cochenille oder Brasilholz – gelb aus Wau oder Saflor oder Safran – allerlei Zwischentöne).

Wie der Verlust der Farbigkeit der Natur im Winter die Menschen beeindruckte, ermisst man an einem Gedicht von Walther von der Vorgelweide L. 75, 25 (›Winterklage‹, 1. Strophe)

Diu werlt was gelf, rôt unde blâ,
grüene in dem walde und anderswâ.
die kleinen vogele sungen* dâ.
nû schriet aber diu nebelkrâ.

Hât si iht ander varwe? Jâ.

si ist worden bleich und übergrâ.

des rimpfet sich vil manic brâ.

*) Die Vergangnheitsform schreiben die modernen Herausgeber; die Handschrift hat singent.

Die Erfindung der Teer- (oder Anlilin-) farben (1856 Mauvein, Fuchsin, 1859 Magenta) füht zu einer Vermehrung der Buntheit der Welt .

Diese Faszination führt die Menschen schon früh dazu, der Farben habhaft werden zu wollen, abgelöst von deren natürlichem Vorkommen.

Man versuchte, die Farben zu isolieren oder durch irgendwelche Bearbeitung (kochen, vergären lassen, versetzen mit anderen Substanzen) Farben zu gewinnen. Bereits die Höhlenbewohner und Pfahlbauer taten das.

Man versuchte, Textilien, dauerhaft zu färben, d.h. so dass die Farbe beim Waschen nicht verschwand und lichtecht war. Direktziehende Farbstoffe gibt es nur wenige (Kongorot erst 1884); in der Regel muss das pflanzliche (Leinen) oder tierische (Wolle, Seide) Gewebe vorbereitet werden: Beize (für Krapp) / Küpe (für Indigo) / Entwicklung am Licht (Purpur).

Dass dabei ein Schmuckbedürfnis mitwirkte, ist anzunehmen.

Das Erlebnis der (subtraktiven) Mischung von Farben (Farbpigmenten) hat ebenfalls etwas Berückendes.

Dass aus einer blauen und einer gelben Substanz beim Mischen grün entsteht, ist ein beeindruckendes Phänomen, es grenzt irgendwie an Zauberei.

Ebenso ergreifend ist (erst mit technischen Instrumenten wie Projektoren und Farbfiltern machbar) die additive Farbmischung, bei der durch Überblendung von rot – grün – blau weiss entsteht.

Körperfarben oder Pigmente [Cyan-Magenta-Yellow-Key] werden ›subtraktiv‹ gemischt, im Malkasten oder mit dem Tintentstrahldrucker [damit ein wirklich sattes Schwarz zustandekommt, muss man dieses rein zumischen = Key] –— selbstleuchtende Lichtfarben [Rot-Grün-Blau] werden ›additiv‹ gemischt , z.B. beim Fernsehbildschirm.

Theorien darüber, wie der Farbeindruck zustande kommt

Es scheint eine höhere Kulturleistung zu sein, dass der Mensch die Farbigkeit nicht mehr bloß zur Orientierung in der Welt braucht (weil er z.B. weiss, dass gelb-schwarz gefleckte Tiere i.d.R. giftig sind), sondern sich über die Vielfalt der Farbnuancen, die er wahrnimmt, wundert.

Eine (von uns heutigen ach so ›Aufgeklärten‹ belächelte) Anschluss-Frage ist, zu welchem Zweck der Schöpfer die menschliche Natur mit diesem Farbsehen befähigt hat (sie gehört zur Physikotheologie).

Eine nächste Stufe der Kulturentwicklung ist dann, dass er über die Entstehung des Farbeindrucks nachsinnt und Theorien bildet.

  • Nach Platon (Timaios 67d–68d ) strahlen die Objekte Korpuskeln verschiedener Dicke zurück, die dickeren führen zu anderen Farbeindrücken als die dünneren.
  • Lukrez (ca. 94–55 vor Chr.) (De Natura Rerum II, 734ff. ) stellt die Theorie auf, die Atome selbst seine farblos, nur duch ihre besondere Zusammenstellung entstehe ein Farbeindruck. Dies leitet er her aus der Analogie mit der Brandung des Meeres, die weiss erscheint, obwohl das Wasser sonst grünblau erscheint.
  • Galilei behauptet im »Saggiatore«, die Eigenschaften seinem grundsätzlich nicht an die Stoffe gebunden, sondern entstünden beim Betrachter. Das ist eine Ansicht, die allmählich Fuß fasst. 
Johann Jacob Scheuchzer schreibt: Bey denen Stralen ist anders nichts, als eine Fähigkeit in unser Gesicht eine gewisse Eintruckung zu verursachen, welche der Seelen eine gewisse Farb vorbilde: Gleichwie der Don einer Glocke, oder Saite anders nichts ist, als eine zitternde durch die Luft fortgetragene Bewegung, in dem Gehör aber, oder vielmehr in dem Gemüth, vorgestellet wird als ein Don. (»PHYSICA Oder Natur=Wissenschafft«, Auflage von 1711; 1. Theil, Kapitel XIV, Abschnitt 13).

Diderot schreibt im Artikel »Couleur« (Encyclopédie, tome IV, 1754): Il est très évident, que le mot couleur […] ne désigne aucune propriété du corps, mais seulement une modification de notre ame; que la blancheur, par exemple, la rougeur, &c. n’existent que dans nous, & nullement dans les corps auxquels nous les rapportons néanmoins par une habitude prise dès notre enfance […].

Die Frage, wie der Farbeindruck entsteht, hat die Menschen immer wieder angeregt, genau hinzuschauen, z.B. zu beobachten, dass der Schatten von Bäumen auf einer weissen Wand im Abendrot grünlich erscheint u.a.m. Diese Frage hat stets zum Experimentieren angeleitet.

Inwiefern prägt unsere Semantik der Farbbezeichnungen unsere Farbwahrnehmung?

Das Altgriechische unterscheidet nicht zwischen der Farbe von Honig und von Gras: chloros. Es leuchtet zunächst ein, dass Menschen einer Sprachgemeinschaft, die mehr/weniger oder andere Farbbezeichnungen kennen, die Welt auch ›anders sehen‹. Im Anschluss an die amerikanische Ethnolinguistik (Sapir / Whorf) wurde das behauptet. — Brent Berlin / Paul Kay haben in ihrem Buch »Basic color terms« (1969) dagegen eine universalistische These aufgestellt: Es gebe eine sich historisch entwickelnde Reihe von Farb-Grundwahrnehmungen in allen Kulturen. — Neuere Untersuchungen (Jules Davidoff / Ian Davies / Debi Roberson) kehren nach Feldforschungen in Papua-Neuguinea wieder zur relativistischen Theorie zurück.

Vgl. die Home Page von Paul Kay , Berkeley. — Was ist blün und grue ? — Die Farbbezeichungen im Berinmo (wap, mehi, kel, wor, nol) nach Davidoff / Davies / Roberson

Ob Farben spontan eine Konnotation nahelegen, oder ob diese kulturell tradiert und erlernt ist – ein Problem, das sich bei allen Symboliken stellt

Einerseits scheint es ›naturgegeben‹, dass blaustichige Farben, wie wir sie im Winter und am Horizont wahrnehmen, als ›kalt‹ und ›fern‹ erscheinen, während braunstichige Farben, wie wir sie im Sommer und in der Nähe wahrnehmen, als ›warm‹. — Anderseits könnte z.B. die Verbindung von rosa und süß auch auf kultureller Erziehung beruhen. (Vgl. die Frage der Zuweisung von Packungsfarben zu Geschmäckern in der Werbebranche: Senf in rosa Tuben?)

Farben lassen sich in Reihen anordnen

Ein und derselbe Gegenstand kann verschiedene Farben haben. Dies ist bei der Allegorie von Wichtigkeit. Während z.B. bei der Allegorie eines Hauses jedes Element (Wand, Fenster, Tür, Kamin, Dach) eine spezifische Entität eine spezielle Deutung heischende darstellt, drängen sich z.B. bei der Allegorie des Regenbogens keine weiteren Elemente vor, sondern die Deutung beschränkt sich auf die Reihe der Farben.

Dies legt Parallel-Bildungen nahe (die dann gerne in Tabellen repräsentiert werden): 4 Farben ≈ 4 Basisemotionen oder ≈ 4 Temperamente oder ≈ 4 Elemente.

Bereits Empedokles hat die 4 Grundfarben weiss – schwarz – rot – ockergelb den 4 Elementen zugeordnet.— Bei Isidor von Sevilla finden wir (De rerum natura XXXI,2 = PL 83,1004 B) bei der Beschreinung des Regenbogens: De coelo enim [arcus] trahit igneum colorem, de aquis purpureum, de aere album, de terris colligit nigrum.

Damit lassen sich auch mit ein und demselben ›Träger‹ durch Abänderung einzig der Farbe Code-Systeme herstellen, z.B. die Farben für Waffengattungen auf den Kragen von Uniformen (gelb ≈ Infanterie; violett ≈ Heerespolizei usw.)

Überlegungen, wie man die Vielfalt der Farben logisch oder ›natürlich‹ ordnen kann

Warum hat Newton in »Opticks« 1704 das an sich lineare und an beiden Ende offene Spektrum zu einem Ring zusammengebogen? Hat ihn der Kreis der Urinfarben der Harnschau in der Medizin angeregt? (Vermutung von John Gage).

  • Philipp Otto Runge (1810) — Runges Farbkugel
  • Michel Eugène Chevreul (1839)
  • Albert H. Munsell (1905) — Der dreidimensionale Farbraum (HSV = Hue / Chroma / Value) im Munsell-Farbsystem
  • Wilhelm Ostwald (1917ff.) — Ostwalds Werk »Die Farbenfibel « eingescannt.

Wie kommt man von einer bestimmten Farbe zu ihrer ›symbolischen‹ Bedeutung?

Farben haben teils eine evokative Potenz / Farben werden aber auch ganz konventionell mit einer Bedeutung in Bezug gesetzt. Es gilt herauszufinden, welche ›Brücken‹ von der konkreten Farbe zu dem damit bedeuteten ›abstrakten‹ Konzept führen.

Beispiel: Petrus Berchorius (gest. 1362) sagt: rubor significat verecundiam, quae facit rubere (die Röte bedeutet das Schamgefühl, das erröten macht). Hier bildet die physignomische Erscheinung des Errötens die Brücke, die vom Farbeindruck rot zur Bedeutung verecundia führt.

  • Die Farbe kommt typischerweise an einem bestimmten Material oder Ding vor, dem gewisse geistige Eigenschaften zugeschrieben werden; diese Eigenschaften gelten dann als das ›symbolisch Gemeinte‹. BEISPIEL: Das Orange der Apfelsinen, die als fruchtbar gelten (Orangenbäume können gleichzeitig Blüten und Früchte tragen.)

  • Die Farbe wird aus einem bestimmten Material hergestellt, dem gewisse geistige Eigenschaften zugeschrieben werden. Auch der Herstellungsprozess kann deutungsstiftend sein; so wird der mühevolle Prozess der Herstellung von weissem Byssus-Garn als Symbol für den Akt der Selbstbesinnung der Diener Gottes genommen, die eine Albe tragen.

  • Die Farbe kann mit einer prominenten Person in Zusammenhang gebracht werden, der gewisse geistige Eigenschaften zugeschrieben werden… BEISPIEL: Der Engel, der die Auferstehung Jesu verkündigt, hat ein Kleid, weiss wie der Schnee (Matthäus 28,3), daher trägt der Priester an Ostern weisse Kleidung.

  • Die Farbe ist in einem geschichtsträchtigen Moment aufgetreten und übernimmt dessen Konnotationen… BEISPIEL: Der Regenbogen nach der Sintflut (Gen 9,13) hat den Menschen  verheissen, dass Gott nie mehr eine solche Flut niedersenden werde.

  • Die Farbe steht in einem Zusammenhang mit einer anderen Farbe (ist z.B. dazu komplementär), wovon gewisse geistige Eigenschaften hergeleitet werden. BEISPIEL:

  • Das Wort für die Farbe dient als Ausgangspunkt, es wird etymologisiert, so dass gewisse geistige Eigenschaften verknüpft werden können. BEISPIEL:

  • Es gibt auch sehr besondere Brücken. BEISPIEL: So leitet G.Heidegger (1692) die Charakter-Eigenschaften rothaariger Menschen von ihrer Säftezusammensetzung her, die auch physiologisch die Haarfarbe bestimmt.

  • Um einen eher zufälligen Bezug handelt es sich vielleicht bei der Farbe gelb für die Postkutschen und Briefkästen: diese Dinge wurden mit einer der heraldischen Farben der ›Firma‹ Thurn & Taxis bemalt, die vom Kaiser das Postregal erworben hatte; wäre es eine andere Adelsfamilie gewesen, so wären unsere Briefkästen möglicherweise blaugestreift.

Die Zuordnung von Farben zu Tönen in der Musik

Dies scheint eine prekäre Sache zu sein. Vgl. zur Farbsymbolik in der Musik die Website von Maura McDonnell oder die von William Moritz oder die von Niels Hutchison.

Farben können zur Kennzeichnung von Sachen und Personen in Dienst genommen werden

Farben wurden von den Machthabern immer gerne instrumentalisiert, einerseits um die eigene Vorrangstellung ostentativ herauszustellen (nur der Kaiser trägt eine Purpur-Toga; spätmittelalterliche Kleiderordnungen), anderseits um gewisse Gruppen sozial auszugrenzen (die Juden und die Prostituierten tragen ein gelbes Abzeichen).

Ein harmloseres Feld ist die Heraldik. Heraldische Farben . Hierzu gehört auch: Farbe als Ausdruck eines politischen Bekenntnisses: das Rot der Kommunisten (woher kommt es eigentlich?), das Braun der Nationalsozialisten, die Orange Revolution in der Ukraine, das Grün der Palästinenser …

Beispiele aus der Geschichte

Georg Philipp Harsdörffer 1607–1658) fasst ein Kapitel aus Athanasius Kircher, »Ars Magna Lucis et umbrae« (1646) zusammen:

Delitiæ Philosophicæ Et Mathematicæ. Der Philosophischen und Mathematischen Erquickstunden/ Dritter Theil; Bestehend in fünffhundert nutzlichen und lustigen Kunstfragen/ und deroselben gründlichen Erklärung: Mit vielen nothwendigen Figuren/ so wol in Kupffer als Holtz/ gezieret. Und Auß allen neuen berühmten Philosophis und Mathematicis, mit grossem Fleiß zusammen getragen. Nürnberg: Endter 1653, S. 233.

Kapitel Von der Seh= und Spiegelkunst, Die XVI. Frage. Wie die Farben gemischet werden?

Es werden die Farben in warhaffte und falsche abgetheilet/ unter den warhafften sind die äussersten Weiß und Schwartz/ deren mittelfarben Gelb / Rot / Blau/ aus welchen die andern gemischet werden.

Es geht sowohl um die Semantik der Farben als auch um die physikalische Mischung. So heißt es z.B. (S. 234): Der gemischten Farben sind heutzutage soviel worden/ daß kein Färber oder Tuchmacher kein Tuch mehr verderben kan. Man nennet sie meistentheils nach ihrer Gleichheit/ als Schneeweiß/ Dottergelb/ Sittiggrün/ Schwefelgelb/ […]

Die Verbindungsbogen bringen zusammen z.B.

albus + flavus = subalbum

albus + rubeus = incarnatus [fleischfarben, stimmt ja]

flavus + niger = fuscus [Georges: dunkelbraun, schwarzgelb, schwärzlich]

Es gibt aber auch einen Bogen, der nichts bezeichnet: albus + niger

viridis aus flavus + caeruleus [dunkelblau] hat keinen eigenen Bogen, sondern einen aus zwei anderen zusammengesetzten. 

Ungeordnete Hinweise auf interessante Websites

Ehrlich gesagt: Ich bin zu faul, um alle paar Monate zu checken, ob diese Links noch funktionieren. (Zuletzt überprüft am 6. April 2013)

Pigments through the Ages (eine Seite von http://www.webexhibits.org/; Danke für den Hinweis, Anja!)

Metropolitan Postcard Club of New York City hat eine sehr gute einführung gemcht:

David Briggs (Sidney), The Dimensions of Colour (reichhaltig und klar)

Arbeitsmaterialien zum Phänomen Farbe auf dem Lehrerfortbildungsserver der Lehrerfortbildung in Baden-Württemberg

Virtual Colormuseum von Urs Baumann

Haus der Farbe (Kompetenzzentrum für Farbe und Raum in Zürich)

Liz Elliott, Magenta Ain't A Colour

Kurs in allgemeiner Psychologie der Universität Heidelberg zum Thema Farbwahrnehmung

Anomaloskop   (Test auf Rot-Grün-Schwäche) von Daniel Flück (Zürich)

Wissenschaftstheorie der Farbenlehre (Linksammlung der Universität Bern)

Online-Magazin des Lack- und Farbherstellers Brillux: Farbimpulse

Guter Artikel über Farbtheorie in der englischen Wikipedia

FARBCODES (Diplomprojekt an der Filmakademie Baden-Württemberg)

Christoph Johannes Häberle, Zur Entwicklung individueller und kollektiver Farbpräferenzen (Diss. 1999) download hier

Artikel über Pigment und Pigmente in der deutschsprachigen Wikipedia

Thomas Seilnacht: Das Phänomen FarbeLexikon der Farbstoffe und Pigmente

Bei dieser Website sollte man sich durch die Heimwerkertips nicht ablenken lassen.

Für Fortgeschrittene die Website von Ludwig Gall

Benham-Kreisel auf der Homepage von Dietrich Zawischa (Universität Hannover)

Chris Mullen’s Collection of Books on Colour

Bedeutung der Farben in der Liturgie

Warum ist die Farbe Gelb als liturgische Farbe im Christentum verboten?

Dissertation von Sabine Doran, Gelbe Momente (FU Berlin, 2005)

Farben in sprichwörtlichen Redewendungen (Idioms )

Historische Pigmente bei der Firma Kremer in Aichstetten (Allgäu)

Color Wizard Erläuterung: Zuoberst befinden sich drei horizontale Schieberegler für Rot / Grün / Blau. Damit kann man prinzipiell jede Farbe additiv mischen. Zur intuitiven Bedienerführung sind unten die drei Dimensionen des HSV-Systems (vgl. das Munsell-Farbsystem) beigegeben: Hue Variation / Saturation Variation [Intensität] / Tint and Shade Variation [Vergrauung]. Eine weniger ausgefeilte Variante findet sich  hier .

Click & drag over the Color Wheel to make a color (Mit einer langen Liste phantasiervoller Farbbezeichnungen)

Web-Portal des Europäischen Informationszentrums Farbe

Color Chart : Reinventing Color from 1950 to Today (Ausstellung des MOMA)

Chemie und Kunst: Pigmente und Gemälde, eine Website von SwissEduc

Website der Restaurations-Werkstatt von Volkert Emrath, Berlin: alte Pigmente und moderne Pigmente (1780)

Goethes Farbenlehre ; ausführlicher die Website von Johannes Onneken

Nicht nur zu Goethes Farbenlehre: Farben-Welten

Die vier Decken der Stiftshütte

Joachim von Sandrart, »Teutsche Academie der Bau- Bild- und Mahlerey-Künste«, Nürnberg 1675–1680 über Der Farben Ursprung/ Natur und Bedeutung .

Die sieben Farbkontraste nach Johannes Itten; hier nochmals

Farb-Zuordnungen im Feng Shui .

Vieles Lustiges, inklusive Farben-Flirt-Barometer auf Farbenundleben .

Kleine Aufgaben zur Beurteilung von Beiträgen zur Farbsymbolik im Internet.

Was sagen Sie dazu ?  Oder hierzu ? Oder hier ?

 

Bibliographische Hinweise

Bibliothekskatalog www.gbv.de unter dem Schlagwort »Farbensymbolik« absuchen.

Literaturliste von Thomas Seilnacht

Ergänzungen von PM

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Handbuch der Farbenbedeutung im Mittelalter

Christel Meier-Staubach / Rudolf Suntrup, Handbuch der Farbenbedeutung im Mittelalter. 1. Teil: Historische und systematische Grundzüge der Farbendeutung; 2. Teil: Lexikon der allegorischen Farbendeutung. Köln Böhlau 2012 (Pictura et Poesis 30) (ISBN 978-3-412-20558-4) --- Voraus-Version als CD-ROM, Köln: Böhlau 2011 (ISBN 978-3-412-20560-7)

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Farbe im Mittelalter

Farbe im Mittelalter. Materialität - Medialität - Semantik. Akten des 13. Symposiums des Mediävistenverbandes vom 1. bis 5. Mai 2009 in Bamberg, hg. von Ingrid Bennewitz und Andrea Schindler, 2 Bde., Berlin: Akademie Verlag  2011. ISBN 978-3-05-004640-2

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Pigmente

Hugo Anthamatten, Stefan Muntwyler, Claudia Cattaneo u.a., Farbpigmente · Farbstoffe · Farbgeschichten, alataverlag 2011 — ISBN: 978-3-033-02968-2 — http://alataverlag.ch/index.php?id=4

 

 

 

 


 

Für Besitzer von Rathäusern: Rezept für Ochsenblutfarbe

100 Liter Rinderblut (am Montag im Schlachthaus abholen),
davon 30 Liter Serum am Donnerstag abgeschöpft
¼ Liter Nelkenöl zur Fäulnisverhütung zugesetzt
26 kg Sumpfkalk
5 kg Eisenoxidrot natur
3 Liter Kalkwasser
100 ml Entschäumer
glattgerührt und 5 Liter Leinölfirnis zugesetzt


Und bedenke: »Die Farben sind vom Gehirn generierte Erlebnisqualitäten bloßer elektromagnetischer Strahlung in einer absolut farblosen Welt.« (Eckart Volandt in: Spektrum der Wissenschaft 4/07 )

Oder so: »Farbe ist diejenige Gesichtsempfindung eines dem Auge strukturlos erscheinenden Teiles des Gesichtsfeldes, durch die sich dieser Teil bei einäugiger Beobachtung mit unbewegtem Auge von einem gleichzeitig gesehenen, ebenfalls strukturlosen angrenzenden Bezirk allein unterscheiden kann.« (DIN 5033, Blatt 1)

»Doch größern Ruhm wird der verdienen,
Der Farben kauft und malt mit ihnen.«
(Wilhelm Busch, Maler Klecksel)

letztes Update April 2013, PM