Scheuchzers Regenbogen

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Paul Michel, Erklärung des Bilds auf der Einladung zur Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für Symbolforschung vom 12.9. 09

Überarbeitete Version (danach wäre ggf. zu zitieren!) Johann Jacob Scheuchzer über den Regenbogen. Empirie – Physik – Frömmigkeit. In: vindærinne wunderbærer mære = Gedenkschrift Ute Schwab, hg. Monika Schulz, Wien: Fassbaender 2013 (Studia Medievalia Septentrionalia 24), S. 311–348.

Johann Jakob Scheuchzer über den Regenbogen

1701: Ein Lehrbuch der Naturkunde

Der Zürcher Universalgelehrte Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733) hat 1701 eine umfangreiche »PHYSICA Oder Natur=Wissenschafft« herausgebracht, bahnbrechend auf deutsch. Darin ist im Ersten Teil in Kapitel XIII die Rede vom Licht und den Farben und im 2. Teil in Kapitel XXIX Von denen Emphatischen / oder in blossem Schein bestehenden Lufftgeschichten / und vorderst zwahr vom Regenbogen.

In diesem Kapitel steckt schon vieles, was Scheuchzer später bis in die 30er Jahre rekapitulieren und entscheidend ergänzen wird. Er weist auf das in verschiedener Hinsicht Wunderbare der Erscheinung hin, weshalb die Heiden die Iris Tochter des Thaumas genannt haben; es werden Bibelstellen genannt, voran die Stelle aus Jesus Sirach 22:12 (wohl ein Fehlverweis; gemeint ist 43:11) mit dem Lobpreis Gottes aus seiner Schöpfung. Dann wird der sinnreiche Cartesius genannt, der nach der Epoche des unwissenden, finsteren Mittelalters gezeigt hat, dass die Farben durch Zuruck- und Bruchstralung in den Regentröpfchen entstehen, dass der Winkel, unter dem wir den Regenbogen sehen, 42˚ beträgt (6. Abschnitt), und es wird von seinem Experiment mit einer in die Höhe gezogenen, wassergefüllten Kugel berichtet. Dann:

Obschon das gemeine Volk, oder andere in der Natur unerfahrne sich ein bilden, es seye auf einmal nicht mehr als ein Regenbogen, so ist doch eben so gewiß, als verwunderlich, daß viel tausend in der Lufft auf eine zeit vorgestellt werden, ja daß jeder Zuseher, ob schon deren viel Millionen wären,  einen besonderen sihet […]. Die Ursach dessen ist gantz klar, wenn man nur gedenckt, daß die Gesichts-Ax durch drey Centra, der Sonnen, des Augs, und des Regenbogens, in grader Lini muß passiren, und folglich so viel Gesichts-Linien, als Augen sind. […] (9. Abschnitt) — Daher scheinet sich der Regenbogen zubewegen mit deme, der ihn sihet, und fortschreitet. Es muß einer lang, ja sich eher müde laufen, ehe er ihn erhaschet. Daher haben die alten Poeten von dem Regenbogen gedichtet, daß er Geschwind-Füßig seye. (10. Abschnitt)

Die Nebenbogen werden erwähnt, die Abfolge der Farben wird aufgezählt (Abschnitt 12):

Es bestehet die Schönheit des Regenbogens sonderlich in den Farben; welche aber so verwunderlich unter einander vermischt sind  oder so kunstlich sich in einander verlieren, daß kein Wunder, warum die Scribenten nicht unter sich übereinkommen wegen deren Anzahl, da einiche 2. andere 4. die dritten 5. 7. viel auch unzehlich viel Farben zusehen vermeinen.

Sodann verweist Scheuchzer auf die Mondregenbogen (18. Abschnitt) und schmettert – wie er das gerne tut – Abergläubisches im Zusammenhang mit Regenbogen ab (21. Abschnitt): diß ist erdichtet, daß, wo der Regenbogen mit seinen Enden, oder Füssen aufstehe, ein guldenes Schüsselein gefunden […].

Die Erfahrungen der Alpenreisen

Scheuchzer sammelte von 1702 bis 1711 auf neun Alpenreisen landeskundliches Material. Mit der Publikation und Auswertung begann er bereits 1705 in einer wöchentlich erscheinenden Fortsetzungsschrift Seltsamer Naturgeschichten des Schweizer-Lands wochentliche Erzehlung.
In den Heften vom 17. und 24. März 1706 berichtet er Von denen Regenbögen. Er geht wiederum aus von der Verwunderung, die das Phänomen erregt. Noch wunderbarer sind die Mondregenbogen, von denen er eine Reihe von Beobachtungen bis in die jüngste Gegenwart und örtliche Nähe aufzählt. Insbesondere erwähnt er einen Mondregenbogen mit Sekundärbogen über dem Vierwaldstättersee am 31. Oktober 1705. Er macht plausibel, warum solche Beobachtungen selten sein müssen. Die Subskribenten konnten sich für zusätzliche 2 ß einen Kupferstich mit mahlerischer Abbildung des Nacht-Regenbogens erwerben.

Im je darauffolgenden Jahr erscheinen die Texte als drei Sammelbände unter dem Titel »Beschreibung der Natur-Geschichten des Schweizerlands. Von Johann Jacob Scheuchzer, M.D., Zürich, In Verlegung des Authoris, 1706–1708«. (Hier: Band II, S. 41–47). Der Herausgeber der postumen »Natur-Geschichte des Schweitzerlandes, Samt seinen Reisen über die Schweitzerische Gebürge«, Zürich: Gessner 1746, Johann Georg Sulzer, druckt die Texte wieder ab (1. Theil. S. 251–255) – Den nachts über dem Vierwaldstättersee erscheinenden doppelten Regenbogen (mit dem aus der Publikation von 1706 wiederholten Kupferstich) lernte Schiller in dieser Ausgabe kennen und verwendete das Motiv im »Tell« (II. Akt, 2. Szene): Ja wahrlich! ein Regenbogen mitten in der Nacht! […] Das ist ein seltsam wunderbares Zeichen. […] Er ist doppelt, seht, ein blässerer steht drüber.

Sodann erwähnt Scheuchzer, dass der Sinnreiche Cartesius durch hilff seiner Erfahrenheit in Mathematischen Wissenschafften sich um eine Erklärung des Phänomens bemüht hat. Er zeiget in einer Gläsernen mit Wasser angefüllten Kugel / die er unter freyem Himmel bey hellscheinender Sonne an einem Faden auf- und abzeuhet / alle Farben des Regenbogens / je eine nach der anderen. Fürsten belustigen sich mit an Springbrunnen künstlich erzeugten Regenbogen. Dann: Uns Schweizeren gibet disen Vortheil an die Hand der gütige Schöpfer der Natur / in deme er uns sein schönes Geschöpft vorstellet bey allen Wasserfällen. Er nennt einige.

Ich habe in meinen Bergreisen bald so viel Regenbögen gesehen / so vil starke / endlich in Staub sich verwandlende Wasserfälle seyn / erinnere aber den geehrten Leser / und curiösen Seher / daß er in acht nemme die nothwendige stellung seines Leibs / welcher sich mit dem Gesicht muß wenden gegen dem staubichten Fall des Wassers / und Ruckwerts haben die Sonn. 

Gemeinhin bekommt man nur einen halben Circul vom Regenbogen zu sehen, weil dessen Mittelpunkt bestenfalls auf dem Horizont oder Gesichtsender zu liegen kommt. Nur von einem hohen Berg aus sieht man mehr vom Kreis, zu welchen Observationes wiederum die Schweizer auserwählt sind.

Und hier erlaubt sich Scheuchzer einen kleinen Scherz:

Es kommt ein unbekannter Parisischer Naturweiser / der sich unter dem Nammen Timonis bey der gelehrten Welt bekant gemachet hat / dahin, daß wir einen gantzen / oder vollkommen runden Zirkel sehen könnten, wann wir uns in die Luft so hoch erschwingen könten / als die Adler / welches aber mehr in der Einbildung / als Hoffnung beruhet. Mir ist An. 1703. dises Glück begegnet / ohne daß ich in P. Lanæ Flieg Schiffe mich gewaget / oder mit dem Simplicissimo unter Begleit eines angebundenen Vögel-Schwarms / in die Höhe geflogen.

Die beiden Flugmaschinen sind von verschiedener Fiktionalitätsqualität: 1670 veröffentlichte der Jesuit Francesco Lana de Terzi (1631–1687) ein Buch mit dem Titel »Prodromo ovvero saggio di alcune invenzioni nuove premesso all’arte maestra«, in dem er ein Fluggerät ersinnt, das mittels leergepumpter Kugeln, die ja leichter als Luft sein müssten, emporgetragen wird.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Francesco_Lana_di_Terzi

Scheuchzer könnte die Sache gekannt haben aus E. G. Happelii grösseste Denkwürdigkeiten der Welt oder so genandte Relationes Curiosæ […]. Dritter Theil, Hamburg: Thomas von Wiering 1687; S. 309ff.

Die andere, als literarischer Witz gedachte Maschine ist das von Vögeln emporgehobene Fluggerät aus Francis Godwins’s »The Man in the Moone«, London 1638, dessen deutsche Übersetzung »Der fliegende Wandersmann nach dem Mond«, Wolffenbüttel 1659 in die postumen Gesamtausgaben des Verfassers des »Simplicissimus Teutsch« (ab 1683) aufgenommen worden waren.  Francis Godwin, Der fliegende Wandersmann nach dem Mond, Faksimiledruck der ersten dt. Übers. Wolfenbüttel 1659, Wolfenbüttel: Herzog-August-Bibliothek 1993.

 

Auch ohne Adlerflug ist es möglich, einen geschlossenen Kreis zu sehen, nämlich in Wasserfällen, und so fährt er fort:

Zu unterst in dem Bergellerthal […] stürzt sich ab dem Berg Savogno ein schöner Wasserfall […] dessen Wasser sich hernach ergiesset in den Fluss Maira: An dem Fuß dieses Falls sahe ich mit verwunderung in mitten des Staubichten Wassers einen ganz runden Regenbogen Zirkel mit allen seinen Farben  / so nahe / daß ich selbs in dem Kreiß / oder peripheria, stuhnde / der durchmesser war ohngefahr 12. Schuhe.

Die Cascate di Piuro befinden sich zwischen Castasegna und Chiavenna. (Aufnahme des Verfassers)

 

Scheuchzer merkt an, dass auf ein Mal viele tausend Regenbogen gesehen werden, dann diskutiert er die Frage der Nebenbogen mit Zitaten vieler Autoritäten. Schließlich unterscheidet er Regenbogen von Halo-Effekten.

1708 bringt Scheuchzer die ersten drei Bergreisen auf lateinisch in London heraus unter dem Titel »Ουρεσιφοιτης Helveticus sive Itinera alpina«. Auch hier berichtet er vom Wasserfall im Bergell:

Irrorantur continuâ hâc adspergine vicina prædia, & qui adstant homines ab Aquâ in guttulas resolutâ brevi madent. Ast omne incommodum, quod sentit curiosus Aquâ perfusus, discutit tum Catadupæ  ipsius, tum Iridis circularis, & pulcherrimæ aspectus, cujus periperhiam ipse pedibus calcat. Catharactam ipsam cum Iride ad vivum delineat TAB. X.  (2. Reise, S. 36 deutsche Übersetzung folgt noch)

Er fügt ein ›nach der Natur‹ (ad vivum) gezeichnetes  Bild hinzu, das nicht übel getroffen scheint. – Die Vorzeichnung des Druckmanuskripts der Itinera bei Michael Kempe, Wissenschaft, Theologie, Aufklärung. Johann Jakob Scheuchzer und die Sintfluttheorie, Tübingen: Bibliotheca Academica Verlag 2003 (Frühneuzeit-Forschungen Band 10), Abbildung 39.

1711: Die Überarbeitung der Naturkunde

1711 bringt Scheuchzer eine überarbeitete Fassung der »Physica« heraus (die Ausgabe 1729 ist ein Nachdruck im Neusatz). Er sagt in der Vorrede (Seite *v), das Buch sei um viel geändert / verbesseret / vermehret / mit Figuren gezieret / und nach heutiger Mathematischen Art eingerichtet. Die empirischen Befunde der Bergreisen gehen in die Überarbeitung ein. Sodann hat Scheuchzer – seit dem 30.11.1703 Mitglied der Royal Society, obwohl er nie in England war – inzwischen auch Newtons Optik studiert (»Opticks or a treatise of the reflections, refractions, inflections and colours of light« englisch 1704; Scheuchzer las die 1706 erschienene lateinische Übersetzung ), die er sofort auch einarbeitet.

Im 1. Teil arbeitet er das Kapitel XIII Vom Licht / Schein / Farben und anderen sichtbaren Begebenheiten ganz um (sieben Abschnitte kommen hinzu; einer wird umgeschrieben).

Abschnitt 31 (1701) bleibt neu numeriert als 38 (1711) stehen; Scheuchzer referiert noch Descartes’ Auffassung, wonach die Farben durch eine modification des Lichts entstehen. Herr Cartesius

legt aber sie auß durch eine Umträhung der Himmels-Kügelein um ihre eigene Mittelpuncten (Rotatio globulorum cælestium circa propria centra), welche herrühre von finsterer oder durchscheinender Cörperen Aufstossung oder begegnuß: und zwahren geben die Stralen eine rothe Farb von sich, wann die bemelte Kügelein des zweyten Elements [sc. des Lichts?] sich geschwinder, und stärker, um ihre eigene Centra trähen, als aber nach der Länge ihrer Reyhen; eine Gelbe, wann bedeutete Umträhung der Himmels-Kügelein um etwas geringer als in der rothen Farb, […]

Descartes arbeitete mit einer Korpuskeltheorie des Lichts. Seine Modelle für das Phänomen der Brechung in einem dünneren bzw. dickeren Medium sind: Durchschlag einer Gewehrkugel durch ein Tuch mit Verlangsamung der Kugel; eine Billardkugel läuft über einen harten glatten Tisch schneller als über einen weichen, lockeren Teppich. (Die damals tumultuöse Geschichte der Lichttheorien – Fermat, Grimaldi, Rømer, Huygens – braucht hier nicht nachvollzogen zu werden.) – Im darauf folgenden Abschnitt nimmt Scheuchzer diese Lehre zurück:

Obschon aber Cartesius sich einbildet, daß man zu Erklärung der Farben nichts subtilers und füglichers könne erdenken, so wil doch diese Umträhung seiner kleinsten Himmels-Kügelein nicht jedermann in Kopf, so daß andere Naturweise getrachtet haben etwas anders und gewissers auszusinnen. Und er referiert umständlich andere Theoretiker (Gassendi, Mariotte, Malebranche).

Dann schiebt er ein ganzes neues Kapitel XIV ein: Von dem Liecht / und Farben nach Herren Nevvtons Meynung. Scheuchzer hat die zentralen Punkte von Newtons Lehre verstanden: Das experimentum crucis, wonach einerseits die im Prisma entstandenen Farbstrahlen nicht weiter zerlegt werden können; anderseits die verschiedenen Farben zusammen wieder weisses Licht ergeben; woraus folgt: Die weisse Farb des Sonnen-Liechts ist eine Vermischung der übrigen (Abschnitt 15). Sehr modern tönt auch der Satz: Bey denen Stralen ist anders nichts, als eine Fähigkeit in unser Gesicht eine gewisse Eintruckung zu verursachen, welche der Seelen eine gewisse Farb vorbilde: Gleichwie der Don einer Glocke, oder Saite anders nichts ist, als eine zitternde durch die Luft fortgetragene Bewegung, in dem Gehör aber, oder vielmehr in dem Gemüth, vorgestellet wird als ein Don. (Abschnitt 13).

Im Zweyten Theil, Cap. XXIX, Abschnitt 13 arbeitet er wörtlich zitierend Newtons Erkenntnisse über die Brechung im Regenbogen ein (»Opticks«, 1. Buch, 2. Teil, Proposition IX, Aufgabe 4); der Text verweist Punkt für Punkt auf den zugehörigen Kupferstich.

Auf mehreren Kupferstichen werden 1711 die Texte veranschaulicht. Dabei bedient sich Scheuchzer aus Descartes und Newton. Er rezipiert die verschiedenen Licht-Theorien eklektizistisch und übernimmt das Brauchbare. Hier nur zwei Beispiele, die nachher wichtig werden.

Physica, Pars II, TAB. VII. Fig. 23 (Strahlengang im Grundbogen) und 24 (doppelte Brechung des Strahls im Sekundärbogen) ist inklusive Beschriftung des Schemas mit Großbuchstaben aus Descartes’ »Météores« 1637 (Discours Hvictiesme; p. 251) übernommen. René Descartes, Discours De La Methode Pour bien conduire sa raison, & chercher la verité dans les sciences. Plus La Dioptriqve. Les Meteores. Et La Geometrie. Qui sont des essais de cete Methode, Leyde: Maire, 1637; Digitalisat: http://diglib.hab.de/drucke/64-25-quod-1/start.htm; das Bild ist reproduziert bei Blay p. 51

Physica, Tab. VIII, Fig. 25 (Haupt- und Neben-Bogen) ist eine Kopie aus Newtons »Opticks« 1704 bzw. 1706, Fig. 15; ebenfalls bis in die Beschriftung des Schemas mit Großbuchstaben hinein. Online-Faksimile: http://www.rarebookroom.org/Control/nwtopt/index.html – Die deutsche Übersetzung von Newtons Optik von Gaston William Abendroth, Leipzig 1898, ist neu aufgelegt: hg. Markus Fierz, Braunschweig / Wiesbaden: F. Vieweg 1983.

 

… und weitere Beobachtungen

In der »Meteorologia et oryctographia Helvetica, oder Beschreibung der Lufft-Geschichten, Steinen, Metallen … absonderlich auch der Überbleibselen der Sündfluth« 1718, S. 88–90 ergänzt Scheuchzer die Beobachtung betreffend die Wasserfälle durch eine weitere:

Es verdienet diß eine besondere Erklärung / daß man mit grössester Bewunderung unten an hohen Wasserfällen in Wasser-staubichten Lufft sehen kan / wiewol unter Benetzung der Kleideren / einen vollkommen runden Regenbogen / in gleicher Ordnung der Farben / ja auch den zweyten oberen Regenbogen; und solte keiner / der die Seltenheiten der Natur liebet / über den Wallenstatter-See fahren / ohne linker Seite auf den Platz / da ein sehr schöner staubichter Wasserfall abschiesset / auszusteigen / und dieses Wunder-Gemäld zusehen / welches Nachmittag bis gegen Abend am füglichsten geschehen kan / weilen man dannzumal die Sonne am Rugken hat.

Mit einer Graphik und zugehörigen Bescheibungen erklärt er das Phänomen. Das Auge befindet sich in der Spitze eines hohlen Conus und sieht am Saum von dessen Mantel den runden Bogen.

1721: Das System wird umgekrempelt

1721 publiziert Scheuchzer »Jobi Physica Sacra oder Hiobs Naturwissenschaft, vergliechen mit der heutigen«. Das ist beileibe kein Bibelkommentar im herkömmlichen Sinne, sondern Scheuchzer breitet ebenfalls naturwissenschaftliche Kenntnisse aus; er bringt sie bei jeder möglichen Gelegenheit an, wo im Bibeltext vom Meer, von einem Tier, einem Edelstein, einem menschlichen Organ usw. die Rede ist – und das Buch Hiob bietet viele solche Anlässe.

Er folgt bei diesem Unternehmen nicht dem Aufbau seiner »Physica« – wo die Materien geordnet sind von der Geometrie aufsteigend über die elementaren Erscheinungen (Licht, Ton, Bewegung), die Elemente, Astronomie, Phänomene der Erd-Sphäre, das Tierreich bis zum Menschen (der sich freilich mit nur einem Kapitel bescheiden muss) – , sondern er folgt dem Bibeltext. Im Vorwort legt er dar, dass man durchaus so verfahren könnte, indem er alle Aussagen Hiobs und seiner Freunde über 17 Seiten hinweg gemäß der »Physica« aufreiht. Warum diese Systemänderung?

Unsere Jobische Physica ist nicht Systematica. Es ist keine Abtheilung in eine General- und Special-Physic. Es sind auch die besondern Materien nicht jede unter ihrem behörigen Titel tractirt. Job und seine Freunde reden von den Werken GOttes / wie diese ihnen zu  Gesicht und Gemüth kommen. Es ist diese Jobische Lehr- und Schreib-Art auch der heutigen so delicaten Welt angemessen / und die besten Philosophi der Meinung / man habe in Schulen allzufrühe den Methodum Systematicam eingeführt / damit aber mehr verderbt / als gut gemachet / die Natur an das Systema gebunden / da diese vielmehr hätte sollen eingerichtet werden nach jener. (4. Blatt der unpaginierten Vorrede)

Nach bisher beschriebener / und mit Fleiß zusamen getragener / ordnung könte einer die Jobische Natur-Wissenschafft erklären / der an die Schul-Systemata gewehnet / und die Materien / so unter gleichen Titul gehören / gern beysamen hat. Ich hab aber lieber wollen / das Buch Hiobs selbs zum Führer nemmen; […] (zweitletztes Blatt)

1731: Die »Physica Sacra«

Das Hiobbuch bildet den Vortrab eines umfangreicheren Unternehmens; zehn Jahre später holt er aus zur »Physica Sacra«:

Kupfer-Bibel, in welcher die PHYSICA SACRA oder geheiligte Natur-Wissenschafft derer in Heil. Schrifft vorkommenden Natürlichen Sachen deutlich erklärt und bewährt von JOH. JACOB SCHEVCHZER Med. D. […] Anbey zur Erläuterung und Zierde des Wercks in Künstlichen Kupfer-Tafeln ausgegeben und verlegt durch Johann Andreas Pfeffel […] Augsburg und Ulm, gedruckt bey Christian Ulrich Wagner 1731, 1733, 1735

Mit dem Untertitel Natur-Wissenschafft derer in Heil. Schrifft vorkommenden Natürlichen Sachen sind Dispositionsprinzip wie Objektbereich umschrieben: Von der Genesis bis zur Apokalypse werden Naturphänomene erörtert, und zwar in der einzig sinnvollen Anordnung: derjenigen der Offenbarungsgeschichte. Scheuchzer macht mit dieser Anordnung des Wissens auch einen Universalitätsanspruch geltend: Wer alles, was die Bibel enthält, ihrer Ordnung gemäß bespricht, hat das ganze Universum besprochen und hat dargetan, dass das Buch der Offenbarung und das Buch der Natur von Anfang an immer kompatibel sind.

An der Stelle Genesis 9, 12–17 hat er in der »Physica Sacra« das erste Mal Gelegenheit, über den Regenbogen zu sprechen.

12 Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: 13 Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. 14 Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. 15 Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. 16 Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist. 17 Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden. (Text der rev. Lutherbibel)

Er bringt zunächst ein narratives Bild (Tab. LXV): die Arche sitzt auf einem Berg fest, die Wasser sind bereits zurückgegangen, Noah und die Seinen bringen Gott ein Brandopfer dar, über der ganzen Szene wölbt sich ein Regenbogen.

 

 

 

Das Motiv ist in der christlichen Ikonographie nicht sehr häufig:

  • Miniatur in der Wiener Genesis [Syrien in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts];
  • Ein Mosaik in Monreale [12. Jh.];
  • Bartolo di Fredi [San Gimignano 1367];
  • In der Froschauerbibel vom Jahr 1531 gibt es keine entsprechende Illustration, wohl aber in der Lutherbibel von 1534 (Lucas-Cranach-Schule);
  • Theodore de Bry , »Brevis Narratio Eorum Quae in Florida Americae Provincia« 1591;
  • Der Kupferstich in der Bilderbibel von Johann Ulrich Kraus, Band I, Tafel 6 dürfte die Anregung für das viel bewegtere Bild in der Physica Sacra gewesen sein, das gezeichnet ist mit  B. S. Sedlezky (Balthasar Sigmund Setletzky [Augsburg 1695–1771]) – [Johann Ulrich Kraus, auch Krauß], Biblisches Engel- u. KunstWerck: alles das jenige, Was in Heiliger Göttlicher Schrifft Altes und Neuen Testaments Von den Heiligen Engeln Gottes Dero Erscheinungen Verrichtungen Bottschaffte[n] u. Gesandtschaffte[n], Auf mancherley Art und Weise auß Göttlicher Verordnung zu finden ist ... / Mit Fleiß zusammen getragen, in Kupffer gestochen und verlegt von Johann Ulrich Krause[n] Burger und Kupffer-Stechern In Augspurg, Augspurg: CIƆ IƆ CCXV:

Scheuchzer bemerkt (S. 79b), dass es zunächst paradox scheint, wenn Gott sich seines Bundes ausgerechnet anhand des so flüchtigen Regenbogens erinnern will und dazu weder Erz noch Marmor verwendet, und Fürsten ihre Verträge auf Pergament schreiben. Aber solche Dokumente sind gerade dem Untergang geweiht durch Rost, Maden, – der Regenbogen dagegen währet so lange die Welt seyn wird.

Siehest du nun, daß die Wege GOttes gantz anderst sind, als die Weg der Menschen! Hier schreibet der grosse HERR den mit Noah und dem gantzen Menschlichen Geschlecht errichteten Bund  in dünne Thau-Wolcken; der Griffel, Pinsel oder die Feder sind die unter sich selbst unterschiedene und vielfärbige Sonnenstrahlen: statt der Dinten bedienet er sich der vorhandenen Regen-Tröpflein; die Linien machen die  darinn vorkommende, in gewisse Ordnung gestellte Farben von ausbündiger Schönheit; die Zierathen sind gebildet und ausgezogen von treflichen Zurück- und Bruch-Stralungen. Der Cantzler ist GOtt selbsten: »Ich will meinen Bogen in die Wolcken setzen.«

Bereits die Heiden haben sich über den Regenbogen gewundert und deshalb als eine Tochter der Verwunderung unter die Götter aufgenommen (vgl. Plato, Theaitetos u.a.). Aus Apollodor übersetzt er (oder sein Augsburger Korrektor und Verseschmied der Zwischentitel Johan Martin Miller aus Ulm):

Iris des Thaumas Kind von wunder-schnellen Füssen,
hat auf dem breiten Meer zur Bothin dienen müssen,
Wenn Zanck und Irrungen im Götter-Chor entspriessen.

Der Regenbogen übertrifft alle Kunstwerke, insofern er jedesmal ein Original ist; zur gleichen Zeit sind so viele Regenbogen vorhanden als Zuschauer; er ist unerreichbar, insofern er dem Betrachter stets davonläuft. Man erkennt im folgenden Textabschnitt, wie der ältere Scheuchzer die Texte aus seinen früheren Fassungen übernimmt und verdichtet; den folgenden Text versteht man kaum, wenn man die Wasserfall-Beobachtungen aus den Jahren 1706 und 1707 nicht kennt:

Dieses Gemählde ist mit solchen geschwinden Füssen versehen, daß keiner mit seinen Füssen solches erreichen wird, es seye dann daß er selbsten mitten in denen thauenden Staub-Tröpflein stehe, und ihme der Bogen selbsten über die Schuhe gehet. (S. 80 oben)

Der Kupferstich Tab. LXVI gehört zu den seltenen in der Physica Sacra, die ungerahmt sind. – Vgl. Irmgard Müsch, Geheiligte Naturwissenschaft. Die Kupfer-Bibel des Johann Jakob Scheuchzer, Göttingen 2000, S. 114–131. –  Es handelt sich um eine Überblendung von zwei Bildebenen: mimetisches Naturbild und Schemazeichnung.

 

 

Den malerischen Fond gibt die Szene des Mannes ab, der im stiebenden Wasserfall den kreisrunden Regenbogen sieht. (Scheuchzer oder sein Zeichner konzipierte das Bild für die Itinera 1708 nach der Natur (dort mit zwei Betrachtern); er verwendete den Stich abgeändert in der Physica von 1711, TAB. VI. Fig. 21; hier ist der Betrachter allein, der Schatten ist richtig gezeichnet, während er in der »Physica Sacra« – hier ist dem Betrachter ein Hündchen beigesellt – schräg nach links fallend = falsch gezeichnet ist. Scheuchzer wird sich geärgert haben.)

Die Darstellungen der sich in Wassertropfen brechenden Lichtstrahlen im oberen Viertel des Stichs sind Vereinfachungen der Zeichnungen von Descartes (vgl. Physica 1711, Pars II. Tab. VII, Fig. 23 und 24).

Die Graphik mit den beiden Regenbogen und dem sie sehenden Auge rechts unten stammt eindeutig aus Newtons Optik, Figur 15  (vgl. Physica, [Part. II], TAB. VIII. Fig. 28). In den mir bekannten Ausgaben der Physica Sacra sind die Regenbogen handkoloriert.

So hat Scheuchzer auf den beiden Kupfern sowohl die biblische Geschichte als auch die empirische Erfahrung als auch die physikalische Erklärung eingefangen, drei Gebiete, die er immer wieder zusammenzusehen bemüht ist. Dazu hat er Bilder aus der eigenen Erfahrung wie auch aus verschiedenen Autoritäten kombiniert.

Der dazugehörige Text verweist auf Cartesius, welcher der ersten einer gewesen, welcher die Regenbogens Zugehörden und Umstände zu Mathematischer und grundmässiger Gewißheit gebracht, worauf der unvergleichliche Natur-Kündiger Newton die Sache auf die oberste Stuffe gesetzet. (S. 80a)

Dann wird mit Bezugnahme auf die Verweisbuchstaben in der Schemazeichnung das Phänomen erklärt. Scheuchzer übernimmt den Text der »Physica« 1711, Zweyter Theil, Cap. XXIV, Abschnitt 13.

Schließlich wendet (S. 81a unten) sich Scheuchzer an Prediger, die er ermahnt, ihre Erbauung nicht auf Erdichtetes zu gründen, sondern auf die Grundlagen der Natur. Deme zufolge kan ein Lehrer Göttlichen Wortes bey Veranlassung des Regenbogens mit vollem Munde die unendliche Vollkommenheit GOttes, benantlich seine Weißheit, Macht, Gerechtig- und Barmhertzigkeit anrühmen. Nach der streng richtenden Sündfluth hat Gott den Bund und neu Gnade verkündet. Seltsamerweise bringt er nun – etwas halbbatzig; man hat den Eindruck, es handle sich um Reminiszenzen an Predigten – alte Deutungen aus der Tradition der christlichen Exegese an, ohne auf die ausführlichen naturwissenschaftlichen Darlegungen Bezug zu nehmen. Wichtig ist offenbar vor allem, eine Verbindung herzustellen zwischen Versprechen Gottes zu seiner Bundestreue im Regenbogen nach der Sinflut und dessen Einlösung in Christus.

  • Der Regenbogen ist Vorbild Christi, denn beide bedienen sich der Wolke (erinnert wird die Wolkensäule in Exodus 13:21 und an Christi Auffahrt in einer Wolke, vgl. Apostelgeschichte 1:9).  Die Wendung, dass sich Christus der Wolcken anstatt eines Wagens bedient, lässt stutzig werden: das erinnert an die Auffahrt des Elias zum Himmel (2. Könige 2:11). Die Kombination dieser Stellen kommt vor in der »Biblia Pauperum« und im »Heilsspiegel«. Es liegt eine klassische typologische Deutung vor.
Biblia pauperum. Faksimileausgabe des vierzigblättrigen Armenbibel-Blockbuches in der Bibliothek der Erzdiözese Esztergom. Text von E. Soltesz, Berlin: Union 1967; Blatt 34. — Heilsspiegel. Speculum humanae salvationis. Handschrift 2505 der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, hg. von Horst Appuhn, Dortmund 1981 (Die bibliophilen Taschenbücher, Nr. 267); Kapitel 31: Christi Himmelfahrt und Elias im Wagen.

  • Das Absteigen des Regenbogens von der obern Lufft bis auf die Fläche der Erden läßt sich vergleichen mit der Erniedrigung Christi von dem hohen Himmel auf die tieffe Erden […]. Christus, der in dem Stand der tiefsten Erniedrigung selbsten am Creutz erhöhet, zu einem Gegenbild der ehernen Schlangen (81b). Wiederum eine Reminiszenz an die »Biblia Pauperum«.
  • Die zierlichste Regenbogen-Farben geben einen Entwurff von unserem Heylande, der da ist der Schönste unter den Menschen-Kindern (vgl. Psalm 45:3; die Stelle wird seit alters auf Christus bezogen, im Kontrast zu Passions-Psalm 22 [Vulgata 21]:7–8). Abgesehen von der Schönheit gibt es in der älteren Tradition mehr Vergleichsmomente:
Der Meditierende wendet sich in der Passionsandacht an Gott: Gedenk, himelscher vatter, daz du hie vor Noe gelúbd und spreche [spræche = sprachst]: »Ich wil minen bogen zerspannen in die lúfte, den wil ich an sehen, und der sol sin ein suonzeichen enzwischen mir und dem ertriche.« Eya, nu sihe in an, zarter vater, wie zerspannen und zertennet er ist, daz man alles sin gebein und sin rippe möchti zellen! [vgl. Psalm 22 (Vg. 21) :18] Luog, wie gerötet, ergrüenet und ergilwet in dú minne [die Liebe zu den Menschen] hat. Heinrich SEUSE († 1366), »Büchlein der Ewigen Weisheit«, Kap. 5 = Deutsche Schriften, hg. K. Bihlmeyer S. 214, vgl. »Horologium Sapientiae«, ed. Künzle S. 401.

  • Sodann bringt Scheuchzer die Stelle Jesus Sirach 43:12 an (es stört ihn nicht, dass das Buch bei den Protestanten zu den AT-Apokryphen zählt): Sihe an den Regenbogen und lobe den, der ihn gemachet hat, sehr schön ist er in seinem Schein […]. Es ist eine Schlüsselstelle des physikotheologischen Gedankens.
  • Schließlich werden noch die Regen-Tröpflein bemüht, mit Bezug auf Jesaia 45:8: O! ihr Himmel treuffet von oben herab, regnet Gerechtigkeit O! ihr Wolcken. […].

Es erstaunt den Kenner von Scheuchzers Werk, dass er hier – wenn er schon die klassische Stelle Sirach 43:12 zitiert – nicht die Chance benützt, physikotheologische Überlegungen anzubringen. Die Gedanken, dass die überwältigende Schönheit sich nicht beim direkten Anblick, sondern im kleinsten Tröpfchen zeigt, so wie sich Gottes Allmacht, Weisheit, Güte in den Kreaturen offenbart, und dass Gott den Menschen mit den Farben sowohl Nutzen als Vergnügen bereitet hat, würden sich anbieten. Abbé Pluche hat dies in seinem »Spectacle De La Nature« dann ausgeführt.

Paul Michel, Physikotheologie. Ursprünge, Leistung und Niedergang einer Denkform. (Neujahrsblatt auf das Jahr 2008, Herausgegeben von der Gelehrten Gesellschaft in Zürich), Zürich: Editions à la Carte 2008.

Noël Antoine Pluche (1688–1761), »Le Spectacle De La Nature« (1732ff.) in deutscher Übersetzung: »Schau-Platz der Natur, oder: Untersuchungen/Gespräche von der Beschaffenheit und den Absichten der natürlichen Dinge«, Wien / Nürnberg, 1746-1753, 4. Theil, Neunte Unterredung.

Wissenschaftstheoretische Zwischenbilanz:

Das (symbolische, aber auch alltägliche und wissenschaftliche) Deuten von Erscheinungen ist nicht nur naturgegeben, sondern unterliegt auch der Geschichte;

und Geschichte ist kein ›Gänsemarsch‹.

Es gibt keine wissenschaftsgeschichtliche Abfolge

• zuerst Mythos, Religion
• dann Ablösung durch die Empirie (Erfahrung)
• zuletzt Erklärung durch rationale Theorie.

So viel vom Regenbogen, Genug erwogen. – könnte man mit Scheuchzer (oder wohl eher Pfarrer Miller) sagen, wenn da nicht noch ein weiterer Autor wäre.

Ein verwandter Geist 100 Jahre später

Ein ebenfalls die Schweiz bereisender, der Empirie zugetaner Geist, der sich intensiv mit dem Phänomen des Lichts und der Farbe auseinandergesetzt hat, verwendet die Erscheinung des Regenbogens symbolisch.

Goethe paralysiert Faust nach der Gretchentragödie, indem er ihm ein Bad im Thau aus Lethes Flut angedeihen lässt, aus dem Faust gereinigt von jeder Erinnerung hervorgeht. Am Morgen nach dem Heilschlaf erlebt Faust einen Sonnenaufgang.

Einige Bemerkungen zu Fausts Monolog (in Terzinen, Faust II, 1. Akt »Anmutige Gegend«, V. 4679–4727) vorweg (vgl. u.a. den Kommentar zu Goethes Faust von Albrecht Schöne, Frankfurt/M.: Deutscher Klassiker-Verlag 1999, S. 400–412):

Faust hat das vermessene Verlangen nach unmittelbarer Erkenntnis des ewigen Lichts (1813 im Gedicht »Regen und Regenbogen« lässt Goethe Iris sagen: Gott und sein Gesetz) preisgegeben und bescheidet sich jetzt mit der Form einer indirekten Erkenntnis. Im »Versuch einer Witterungslehre« formuliert Goethe 1825: Das Wahre, mit dem Göttlichen identisch, läßt sich niemals von uns direkt erkennen: wir schauen es nur im Abglanz, im Beispiel, Symbol, in einzelnen und verwandten Erscheinungen; wir werden es gewahr als unbegreifliches Leben und können dem Wunsch nicht entsagen, es dennoch zu begreifen.

Goethe kannte nachweislich Werke des Dionysius Areopagita (deutsche Übersetzung: Die angeblichen Schriften des Areopagiten Dionysius, übersetzt und mit einer Abhandlung begleitet von Johann Georg Veit Engelhardt, Sulzbach 1823; Engelhardt hat auch 1820 Plotin übersetzt). Nach des Areopagiten Ansicht hilft Gott in seiner Güte dem Menschen, ihn zu erkennen: er nimmt auf dessen kreatürliches Erkenntnisvermögen Rücksicht und gibt sich ihm in Symbolen – das heisst in den Dingen der Schöpfung – verschleiert zu erkennen.

Es ist nicht möglich, dass der urgöttliche Strahl in uns hereinleuchte, es sei denn, dass er durch die bunte Fülle der heiligen Umhüllungen, welche einen höheren Sinn enthalten, verdeckt und in väterlicher Fürsorge unseren Verhältnissen naturgemäß und entsprechend angepasst sei. (Himmlische Hierarchie I, 2)

Es ist unserem Geiste nicht möglich zu jener immateriellen … Schau der himmlischen Hierarchien sich zu erheben, wenn er sich nicht der ihm entsprechenden handgreiflichen Führung bedienen wollte. Und diese findet er darin, dass er die in die äussere Sichtbarkeit tretenden Schönheiten als Abbilder der unsichtbaren Herrlichkeit studiert, darin dass er … die materiellen Lichter als ein Sinnbild der immateriellen Licht-Ergießung betrachtet. (Himmlische Hierarchie I, 3)

Jedes Hervortreten der vom Vater erregten Lichtausstrahlung … führt uns wieder aufwärts und wendet uns wieder der Einheit des Vaters zu und zu seiner vergottenden Einfachheit zurück. (Himmlische Hierarchie I, 1)

Moderne Ausgabe: Des heiligen Dionysius Areopagita angebliche Schriften über die beiden Hierarchien, übers. Josef Stiglmayr, Kempten / München 1911 (Bibliothek der Kirchenväter). 

Goethe kennt die Erscheinung des Regenbogens im Wasserfall aus eigener Anschauung. An Schiller schreibt er aus Stäfa am 26. September 1797: Den 18. widmete ich ganz dem Rheinfall, fuhr früh nach Laufen und stieg von dort hinunter, um sogleich der ungeheuern Überraschung zu genießen. Ich beobachtete die gewaltsame Erscheinung, indeß die Gipfel der Berge und Hügel vom Nebel bedeckt waren, mit dem der Staub und Dampf des Falles sich vermischte. Die Sonne kam hervor und verherrlichte das Schauspiel, zeigte einen Theil des Regenbogens und ließ mich das ganze Naturphänomen in seinem vollen Glanze sehen.

Nach Fausts Ansicht lässt sich das Ewige nur auf symbolische Art erkennen, wobei hier ›symbolisch‹ im Sinne des Areopagiten zu verstehen ist. Der Regenbogen ist somit ein Symbol fürs Symbolische.

Lassen wir endlich Faust selbst zu Wort kommen:

Sie [die Sonne] tritt hervor! – und, leider schon geblendet,

Kehr ich mich weg, vom Augenschmerz durchdrungen.


So ist es also, wenn ein sehnend Hoffen
Dem höchsten Wunsch sich traulich zugerungen,
Erfüllungspforten findet flügeloffen;

Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen

Ein Flammen-Übermaß, wir stehn betroffen;

Des Lebens Fackel wollten wir entzünden,
Ein Feuermeer umschlingt uns, welch’ ein Feuer!
Ist’s Lieb? Ist’s Haß? die glühend uns umwinden,

Mit Schmerz und Freuden wechselnd ungeheuer,

So daß wir wieder nach der Erde blicken,

Zu bergen uns in jugendlichstem Schleier.


So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!
Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,

Ihn schau’ ich an mit wachsendem Entzücken.

Von Sturz zu Sturzen wälzt er jetzt in tausend

Dann abertausend Strömen sich ergießend,
Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend.
Allein wie herrlich diesem Sturm ersprießend,

Wölbt sich des bunten Bogens Wechsel-Dauer,

Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend,
Umher verbreitend duftig kühle Schauer.
Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.
Ihm sinne nach, und du begreifst genauer:

Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.

 

* * *

Literaturhinweise

Marcel Minnaert, Licht und Farbe in der Natur (Licht en kleur in het landschap, 1954), Basel: Birkhäuser 1992.

A. I. Sabra, Theories of Light from Descartes to Newton, London 1967.

Michel Blay, Les figures de l’arc-en-ciel, Paris: Belin 2005  (Première édition Paris: Carré 1995)

Bernard Maitte, Histoire de l’arc-en-ciel, Paris: Editions du Seuil 2005.