Merkmale zur Unterscheidung von Zeichentypen

 

Diesen Text hat Paul Michel geschrieben; er geht teilweise zurück auf dessen Aufsatz »Destruktion des Symbolbegriffs« in Band 9 der Schriften zur Symbolforschung: Die biologischen und die kulturellen Wurzeln des Symbolgebrauchs, Verlag Peter Lang, Bern 1994.  — Letztes Update Mai 2016.

 

Einleitung

Für eine seriöse Beschäftigung mit ›Symbolen‹ und ›Symbolik‹

 Einerseits sind emphatisch aufgeladene Gemeinplätze über das Symbol im Umlauf:

Das Symbol sei von unendlicher Sinn-Fülle.

Das Symbol sei nicht einfach eine Übersetzung eines schwer fassbaren Gedankens ins Sinnenfällige.

Das Symbol bringe das Gemeinte nicht zergliedernd-stückweise, sondern simultan-ganzheitlich zur Erscheinung; es wende sich an den ›ganzen Menschen‹, nicht bloß an seine rationalen Fähigkeiten.

Das sind allerdings eher Glaubenssätze als an den Phänomenen begründete Aussagen. Und diese für ›das Symbol‹ reklamierten Kriterien sind keineswegs Alleinstellungsmerkmale. Sie charakterisieren teilweise auch andere Zeichen.

Anderseits kann man am Bahnhofkiosk sogenannte ›Symbolfibeln‹ kaufen (und im WWW gibt es  ungezählte solche), in denen steht, welches Symbol was bedeutet, also eine schlichte (oft auch umkehrbare) Eins-zu-eins-Relation.

Beide Zugänge führen nicht recht weiter; sie werden der Fülle der einzelnen Symbole und ähnlicher Gestalten nicht gerecht.

So wollen wir eine simplifizierende Definition von ›Symbol‹ vermeiden und weiter ausholen, indem wir beginnen mit dem primitiven, aber tauglichen Schema »aliquid stat pro aliquo«:

Etwas [etwas Sinnenfälliges] <1> steht für etwas anderes [was derzeit oder überhaupt nicht erreichbar ist] <2>; dazwischen vermittelt eine Regel <4>; das Zeichen steht in einem bestimmten Kontext <5>; seine Deutung setzt bestimmte Kenntnise voraus <3> und hat eine bestimmte Funktion <6> für die, die es verwenden. Es sind verschiedene Gestaltungsformen, Präsentationsweisen <7> denkbar.

Damit kann jedes Zeichen gefasst werden. Die Bestandteile des Schemas lassen sich feiner differenzieren. Viellleicht lässt sich das ›Symbol par exellence‹ auf diese Weise besser bestimmen.

Wir sind nicht die ersten

Viele gelehrte Leute haben seit der Antike bis in die Gegenwart über den Zeichengebrauch nachgedacht. Sie haben dabei verschiedene Dimensionen beleuchtet und mitunter auch etwas verabsolutiert. Ich erwähne hier nur einige wenige:

  • Der Kirchenvater AUGUSTINUS (354–430) wies in seiner Schrift »de doctrina christiana« (II, i, 1; I,ii,2 und II,x,15) vor auf den Unterschied zwischen den natürlichen und konventionellen Zeichen hin.
Dinge (res)

Zeichen (signa):

= eine Sache, die ausser ihrer sinnenfälligen Erscheinung aus ihrer Natur heraus noch einen anderen Gedanken nahelegt

 

 natürliche Zeichen (signa naturalia)

Bsp.: Rauch als Zeichen von Feuer; Mimik, die den Zorn verrät

arbiträre Zeichen (signa data / instituta)

Ein Lebewesen koppelt ein Ding mit einer Bedeutung zwecks Übermittlung von Information

   

 signa translata

Der Dingcharakter steht neben dem Zeichencharakter: ita res sunt, ut aliarum etiam signa sunt rerum

 

 

signa propria

Das Ding erschöpft sich ganz in seiner Bedeutungsfunktion: signa quorum omnis usus est in siginificatione

 

 

     Alle geschaffenen ›Dinge‹, insofern sie von Gott mit Bedeutung versehen sind (z.B. der Stein Jacobs Gen 28,11) Vom Menschen gestiftete Zeichen (z.B. das Signal einer Kriegstrompete, der Kranz vor der Schenke.)
     Kenntnis der Sache nötig, welche die Ähnlichkeit zwischen Ding und Bedeutung enthält  Kenntnis des Code nötig

  • Der Philosoph Charles Sanders PEIRCE (1839–1914) entwickelte eine ausgeklügelte Philosophie des Zeichengebrauchs; er unterscheidet grundsätzlich drei hoch drei (d.h. 27) Zeichen-Arten; davon seien aber nicht alle realisiert. Die komplizierte Theorie von Peirce wird meistens in sträflicher Simplifikation (und für ein deutschsprachiges Publikum in verfänglicher Terminologie) auf drei Zeichentypen reduziert.
    • Modell: Die Landkarte bildet ein Stück Erdoberfläche ab. Zwischen der realen Erde und der gezeichneten Karte besteht eine Ähnlichkeitsrelation. (In Anlehnung an Peirce spricht man verkürzt von ICON.)
    • Symptom: Das Fieber lässt auf einen Infekt schließen. Zwischen der Krankheit und der Körpertemperatur besteht ein Kausalitätsverhältnis, eine logische Folge. (In Anlehnung an Peirce spricht man verkürzt von INDEX.)
    • Auf Konvention beruhende Zeichen: die Lautfolge »F - r - o - sch« bedeutet im Deutschen das Tier Rana. (In Anlehnung an Peirce spricht man von verkürzt SYMBOL [!].)

Es gibt wohl nur wenige Spezialisten, die die Theorie von Peirce (er unterscheidet z.B. das rhematisch‑iconische Quali-Zeichen / das dicentisch‑indexikalische Sin-Zeichen / das argumentisch‑symbolische Legi‑Zeichen) ganz durchschauen und zudem noch damit konkrete Symbole interpretieren können.

  • Der Linguist Karl BÜHLER (1879–1963) entwarf 1934 sein »Organonmodell der Sprache«. Danach hat jedes Zeichen eine dreifache Funktion:
    • Darstellung: die Beziehung zwischen dem Zeichen und dem damit gemeinten Gegenstand oder Sachverhalt;
    • Ausdruck: die Beziehung zwischen dem Sender und dem Zeichen;
    • Appell: die Wirkung, die das Zeichen auf den Empfänger ausübt.
  • Charles W. MORRIS (1903–1979) unterschied in »Foundations of the Theory of Signs« (1938) die drei Dimensionen Semantik, Syntax, Pragmatik:
    • die Syntax untersucht die Beziehungen zwischen Zeichen untereinander;
    • die Semantik untersucht die Beziehungen zwischen Zeichen und dem damit Bedeuteten:
    • die Pragmatik untersucht Verwendung von Zeichen durch ihre Benutzer.

Wie so oft wurde das Rad mehrmals erfunden.

Distinktive Merkmale zur Unterscheidung von Zeichentypen

Wir erstellen im folgenden einen Katalog unterscheidender Merkmale, mit denen wir konkrete Fälle von Symbolgebrauch beschreiben, gleichsam ein Signalement eines bestimmten Symbols abgeben können. Es handelt sich hier nicht um eine Zeichentheorie, sondern um einen Behelf, um die Sache genau zu betrachten.

Anmerkung: Zwischen Signifiant (das Bedeutende) und Signifié (das Bedeutete) zu unterscheiden, ist für einen an die Postmoderne gewöhnten Leser nicht auf der Höhe der Zeit. So zu unterscheiden ist aber für eine Einführung sehr praktisch.

<1> Signifiant

Was kann als bedeutsam auftreten? Was ist das Signifiant? Grundsätzlich alles!

  • Die Kreaturen: die Elemente (Feuer und Wasser), Steine, Pflanzen, Tiere, die Gestirne, insbesondere Sonne und Mond und damit die Tageszeiten (Nacht); Farben; — der menschliche Leib, die Gliedmaßen, die Physiognomie und Gestik —
  • Töne, Gerüche (Weihrauch)
  • Artefakte des Menschen: Musikinstrumente, Rad, Mühle, Webstuhl, Zaumzeug des Pferdes, Leiter / Treppe, —
  • menschliche Tätigkeiten wie die Jagd, der Bergbau, das Theaterspielen, der Handel (Tausch und Münze), der Tanz —
  • Sozial-Handlungen, z.B. Kuss, Handschlag, sitzen vs. stehen, jemandem den Handschuh zuwerfen —
  • Orte: Garten und Wüste, Wald, Berg, Aufstieg zum Berg, das Meer, der Weg, die Weggabelung —
  • ganze Szenen wie z.B. dass Jona vom Fisch verschlungen und wieder ausgespien wurde —
  • berühmte Leute: Alexander, Odysseus —
  • Abstraktes wie Zahlen, geometrische Figuren —
  • und anderes mehr.

Bei der Analyse eines Symbols muss grundsätzlich abgeklärt werden, wie das Signifiant beschaffen ist. Das heisst nicht: herumphantasieren, was einem so in den Sinn kommt, sondern möglichst genau aus (historisch abliegenden oder kulturell fremden) Quellen erschließen, was die Verwender dieser Symbolik über die bedeutsame Sache wissen oder wussten. Man sucht Quellen zu den der untersuchten Symbolik zeitgenössichen Vorstellungen über Tiere, Pflanzen, Maschine, Pesonen usw. Diese findet man leicht in Enzyklopädien der Zeit.

Beispiel für ein Artefakt: Das Zaumzeug — der Fürst regiert und korrigiert:

Quelle: Ein Abriss Eines Christlich-Politischen Printzens, In CI. Sinn-bildern und mercklichen Symbolischen Sprüchen gestelt / von A. Didaco Saavedra Faxardo ... Zu vor auß dem Spanischen ins Lateinisch; nun ins Deutsch versetzt, Zu Amsterdam, Bey Johann Janßonio, dem Jüngern, 1655 [zuerst: Diego de Saavedra Fajardo (1584-1648), Idea de un principe politico christiano, 1640]; Emblem XXI.

 Beispiel für eine soziale Handlung: der Herrscher sitzt / die Untertanen stehen:

Der thronende Herrscher; Evangeliar Kaiser Ottos III., etwa 1000, Bayerische Staatsbibliothek Clm 4453 – Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Meister_der_Reichenauer_Schule_00...

Literaturhinweis: Hans-Werner Goetz, Der ›rechte‹ Sitz. Die Symbolik von Rang und Herrschaft im Hohen Mittelalter im Spiegel der Sitzordnung, in: Symbole des Alltags – Alltag der Symbole = Festschrift Harry Kühnel, Graz: ADVA 1992, S. 11–47. 

<2> Signifié

Worauf verweisen diese Dinge, was ist das Signifié? (Damit ist impliziert: in welcher Lebenswelt bewegen wir uns?)

  • in der Welt des Sozialen und des Rechts (z.B. ein Strohhalm als Zeichen für die Übergabe eines Lehens; Stratordienst; immixtio manuum)
  • der Religion (Symbolik für Schuld / Sünde oder das Wirken der Gnade oder die unio mystica)
  • des Psychischen (Rotwerden als Symptom der Wut; Symboliken für das Verliebtsein wie z.B. Verwundung)
  • in der frei phantasierenden Poesie
  • ...

Hier gilt das gleiche wie zu <1> Gesagte. Man muss sich ein Bild machen von den möglichen Vorstellungen im Bereich des vermuteten Signifiants, also beispielsweise Quellen suchen zur Rechts- und Sozialgeschichte, zur Dogmatik, usw.

Beispiel: Die Liebe verwundet.

Bild zu Wachsmut von Mühlhausen aus der Manessischen Handschrift (UB Heidelberg, Cod. Pal. germ 848; fol. 183verso). Es ist angeregt durch den Text: diu liehten ougen dîn eine strâle [Pfeil] hânt geschozzen in daz herze mîn … (KLD Nr. 61 / IV)

Beispiel: Goethes »Wahlverwandtschaften« (1. Teil, 2. Kap.): Charlotte fügt dem Brief an den Hauptmann – in den sie sich später verlieben wird – eine Nachschrift hinzu, wobei der Erzähler kommentiert: Sie schrieb mit gewandter Feder gefällig und verbindlich, aber doch mit einer Art von Hast, die ihr sonst nicht gewöhnlich war! und was ihr nicht leicht begegnete, sie verunstaltete das Papier zuletzt mit einem Dintenfleck, der sie ärgerlich machte und nur größer wurde, indem sie ihn wegwischen wollte. Der Fleck ist ein Symbol für Charlottes Verfehlung; alle Signale, ihn so zu verstehen, sind im Text getilgt.

<3> Auslöser

Weshalb wird das erscheinende Phänomen überhaupt als Signifiant erkannt?

  • Das Zeichen ist stark konventionalisiert, und wir sind quasi dressiert, es sofort zu deuten. (Der Zebrastreifen als Verkehrssignal);
  • der Text / das Bild enthält eine explizite Deutung oder wenigstens eine Weckformel (»wer Ohren hat zu hören, der höre!«); Tituli (Schriftbänder) auf Bildern;
  • die Darstellung enthält Einsprengsel von habitualisierten Metaphern;
  • die Darstellung ist von einer sonderbaren Extravaganz, sie enthält innere logische Widersprüche, Inkompatibilitäten;
  • Text/Bild ergäbe wenn er/es ungedeutet stehenbliebe, keine Pointe; bliebe irgendwie witzlos.

Oft deuten wir Dinge als Zeichen, weil wir von der Erwartung ausgehen, es müsse hier etwas Bedeutsames vorliegen.

Oft aber merken wir gar nicht, dass z.B. mit einem Detail in einer Zeichnung oder mit einer Geste in einem Kommunikationsablauf ›etwas gemeint ist‹.

Blaise Pascal hat einmal formuliert: »Deux erreurs: 1º prendre tout littéralement; 2º prendre tout spirituellement.« (Pensées, Fragement Nr. 648 in der Edition von Brunschwicg) 

Beispiel für Überinterpretation: Es ist immer damit zu rechnen, daß eine ursprünglich keineswegs als Zeichen intendierte Struktur in einen Erwartungshorizont gerät, in dem vom Rezipienten alles als bedeutsam empfunden wird. Diesem Druck hält kaum etwas stand. Beispiel sind die am Kopf zusammengewachsenen zweileibigen Tiere in der romanischen Bauornamentik, welche in Kunstführern z.Bsp. als »Symbol der Überwindung der Gegensätze« oder als »Symbol für den Eros als der Einheit tragenden Grund« oder ähnlich gedeutet werden.

  

Romanisches Kapitell am Portal des Großmünsters in Zürich (Foto des Verf.) / Korinthisches Kapitell

Der Ursprung dieser Gestalten ist aber ein anderer: Die Skulpteure waren bestrebt, die Ecken der Kapitelle durch etwas Knaufartiges zu betonen. Im korinthischen Kapitell wächst der Akanthus in runder Form aus dem Säulenschaft; die ›Helix‹ betont die Ecke oben unter dem rechteckigen Kämpfer. Ein Kopf eines Tieres, dessen Leib auf dem Schild des Kapitells angeordnet ist, bietet sich genau so gut an. Zwei Löwenköpfe in der Ecke würden diesen Effekt aber gerade wieder zunichte machen. Was liegt näher, als die beiden Leiber unter éinem Kopf zu vereinigen? Das liebe Tier tut’s um der Ästhetik willen.

Beispiel für unerkannte Symbolik:

Ein Emblem zeigt als Pictura zwei Tauchervögel, einen eben untertauchenden und einen auf der Wasseroberfläche; im Hintergrund eine Uferlandschaft und ein Schloss. Das Lemma Mersus ut emergam (untergetaucht möge ich auftauchen) gibt der deutsche Übersetzer so wieder: Drumb hat mich der Trübsals=Bach gäntzlich überschwommen/ Daß ich freudiger empor wieder möge kommen.

 

Joachim Camerarius, Symbolorum et Emblematum ex Volatibilibus et Insectis desumptorum Centuria tertia, Nürnberg 1596. – Dritte Centurie, Nr. LVI

[deutsche Übersetzung:] Vier Hundert Wahl-Sprüche Und Sinnen-Bilder/ Durch welche beygebracht und ausgelegt werden Die angeborne Eigenschafften, Wie auch Lustige Historien/ und Hochgelährter Männer Weiße Sitten-Sprüch […] ; Mayntz 1671. Drittes Hundert, LVI
Vgl. http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10575869.html

Das Epigramm besagt: Offtmahls wird ein tapffrer Mann von den tieffen Unglücks Wasser/ unversehens überschwemmt/ und von vielen grimmen Hassern/ Angefeindet und verfolgt/ doch wird er nicht unterdrückt/ weil der güt’ge Himmel ihn mitten in der Flut beglückt. Die rhetorische Funktion ist mithin die des Trostes. Das wird dann mit weiteren Texten bestätigt.

Nimmt man den zunächst als malerisches Kolorit aufgefassten Hintergrund ernst, so erkennt man am Ufer Schilf und einen gebrochenen Baum. Das erinnert stark an die Fabel von Eiche und Schilfrohr (de quercu et harundine bei Avianus und Babrius; Perry 70), die schon 1566 von Virgil Solis illustriert wurde:

 

Hier geht es um die Schlauheit des sich beugenden Schilfs, das wartet, bis der Sturm vorbei ist, während die stramme Eiche widerstehen will und bricht. La Fontaine hat die Fabel auf das Leben am Hof bezogen.

So enthält das Emblem zwei Aussagen, eine explizite und eine verborgene, nur dem Verständigen im Bild erkennbare.

Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky stellte fest, daß holländische Maler im 17. Jahrhundert oft zeichenhaft gemeinte Gegenstände derart natürlich in die Welt des Bildes hineingewoben haben, daß sie nicht als solche auffallen; er spricht vom »principle of disguising symbols under the cloak of real things«. (E.P., Early Netherlandish Painting, 2. Auflage, Cambridge / Mass. 1964, S. 140ff.)

<4> Begründung des inhaltlichen Bezugs vom Signifiant zum Signifié

Das lässt sich auch so formulieren: Was muss der Interpret wissen, um vom Signifiant zum Signifié zu gelangen? Oder: Welche Brücken vermitteln vom Dargestellten zum Gemeinten?

  • Gesetzgeber können Zeichen durch eine Setzung konventionell festlegen (die Formen rund / dreieckig / viereckig bei den Verkehrsschildern).
  • Wir glauben gerne, dass viele Signifiants aufgrund anthropologischer Grundgegebenheiten etwas bedeuten: das Licht, die Nacktheit, die Quelle, der gebeugte Oberkörper haben eine immanente Symbolik. Vorsicht! Wieviel Natur / wieviel kulturelles Konstrukt ist wo am Werk? Gibt es Symbole, die wir ›ganz von innen heraus‹ so einfach verstehen? Hier setzt die Archetypenlehre an.
  • In der mittelalterlichen Zeichentheorie hat man die Signifiants (res) in ihre Eigenschaften (proprietates) zerlegt und von dort Brücken zu möglichen Signifiés geschlagen. Bei solchen Eigenschaften kann es sich handeln um: Zahlen (7 Laster), Farbe, Verhalten (eines Tiers), aber auch die Etymologie usw. – Diese Theorie ist keineswegs abwegig, sondern sehr patent.

Beispiel für eine mittelalterliche Auslegung des Verhaltens eines Tiers. Der Hase, von dem es im »Physiologus« (übers. O.Seel) heisst:

Des Hasen hat David gedacht: Der Felsen ist den Hasen eine Zuflucht [Psalm 104,18]. Der Physiologus sagt von ihm: Er ist ein guter Läufer. Wenn er gejagt wird, flieht er in felsiges und ansteigendes Gelände, und dann werden die Hunde samt dem Jäger müde und haben nicht Kraft ihn zu erjagen, und so kommt er heil davon. Wenn er sich aber zu abschüssigem Gelände wendet, kann er nicht so gut rennen, weil seine Vorderbeine zu kurz sind, und im Nu fasst ihn der Hund. Und deshalb sucht er die Stellen, wo es nach oben geht.

So auch du, Mensch, wenn du verfolgt wirst von den feindlichen Mächten samt dem Jäger, dem Teufel, der Tag für Tag danach trachtet, dem Menschen nach dem Leben zu stellen: Suche den Felsen und die Höhen, von welchen auch David sagt: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher mir Hilfe kommen wird [Psalm 121,1]. …

Bild: Kreuzgang des Großmünsters in Zürich; Aquatinta von Franz HEGI (1774-1850) 

Diese sog. ›Brücken‹ haben oft die sprachliche Form eines metaphernhaltigen Satzes (vgl.: die Seele ist ein *Spiegel* Gottes). Solche Sätze haben einerseits einen Bezug zur Welt des Signifiants (Spiegel – putzen, das Urbild wiedergeben …), anderseits einen Bezug zur Welt des Signifiés (Religion: Aszese treiben = wachen, fasten, enthaltsam sein usw; Gott in der Seele haben). Man sucht solche Sätze in der zeitgenössischen Literatur (für religiöse Texte zuerst immer die Bibel mit einer Konkordanz absuchen). — Manchmal ist die Sache aber einfacher, so zum Beispiel, wenn eine gemeinsame Zahl zwischen den beiden Welten vermittelt (die Säulen im Kirchenbau bedeuten die Apostel aufgrund der gemeinsamen Zwölfzahl).

Erster Exkurs: Der symbolische Syllogismus

Die Größen <1>, <2> und <4> sind in Form eines logischen Schlusses miteinander verknüpft, derart, dass

  • das Signifiant <1> den Obersatz abgibt,
  • die Brücke <4> den Mittelsatz abgibt,
  • so dass auf das Signifié <2> geschlossen werden kann.

Erst wenn alle drei Elemente bekannt sind oder zwingend erschlossen werden können, hat man einen plausiblen Deutungsansatz.

Beispiel: Johann Arndt, »Vier Bücher vom Wahren Christentumb« [1605/09; viele Neuauflagen]; die Embleme zuerst in der Ausgabe Riga 1669; zu Buch II, Kap. 21:

Hier sind Korn-Aehren auf dem Feld, da die niedrigsten die völlesten sind, und das beste Korn haben; da hingegen die Aehren, die hoch und aufrichtig stehen, leer sind, oder taub Korn haben. Also je niedriger und demüthiger ein Mensch ist, je völler ist er von der Gnade Gottes: da hingegen die Stoltzen und Hochmüthigen gantz leer von der Göttlichen Gnade, und vielmehr dem Herrn ein Greuel sind.

    

Beispiel für rein auf Konvention beruhende Zeichen: Beschauzeichen im spätmittelaltelichen Tuchhandel, die den Hersteller benennen und ein Gütesiegel der Zunft darstellen:

 

Quelle: Hans Conrad Peyer, Leinwandgewerbe und Fernhandel der Stadt St.Gallen von den Anfängen bis 1520, St.Gallen 1959/1960; II, S.37.

Beispiel für eine auf dem Alphabet beruhende Brücke:

Der Fisch ist ein altes christliches Symbol. Die Buchstaben, die das griechische Wort für Fisch – IΧΘΥΣ – bilden, lassen sich als Akrostichon eines Glaubensbekenntnisses lesen: »Jesus Christus, Theoú (Gottes) Hyiós (Sohn) Sōtér (Erlöser)«. Möglicherweise haben die verfolgten Christen in den ersten Jahrhunderten den Fisch als <6> Erkennungszeichen benutzt. 

 

Quelle: http://www.mc-rall.de/histjesu.htm

Zweiter Exkurs: Die erkenntnismäßigen Voraussetzungen

Voraussetzung für den Zeichengebrauch sind einige grundlegende Fähigkeiten (des Menschen, aber auch schon höher entwickelter Primaten):

  • die Fähigkeit, einen Gegenstand aus seinem angestammten Betrachtungs- oder Verwendungszusammenhang herauszulösen und etwas als etwas anderes aufzufassen, als wa er prima vista ist <1>;
  • die Fähigkeit, sich Nicht-Gegenwärtiges vorstellen zu können <2>;
  • die Fähigkeit, Assoziationen bilden zu können und Analogien zwischen ähnlichen Phänomenen aufzuspüren oder zu stiften <4>.

<5> Kontexte

Es heisst immer wieder, Symbole seien vieldeutig und dasselbe Ding könne ja alles meinen. Das ist eine Halbwahrheit: Je nach Ort der Anbringung / Textsorte / Verwendungszusammenhang kann dasselbe Signifié etwas anderes bedeuten und eine andere Funktion haben. Es ist wie bei der Homonymie im Wortschatz: der Kontext hat monosemierende Funktion.

Dieselbe lautliche Struktur (Beispiel: der Absatz) hat verschiedene Bedeutungen: Teil eines geschriebenen Textes, der mit einer neuen Zeile beginnt – der erhöhte Teil der Schuhsohle unter der Ferse – das mengenmäßige Verkaufsvolumen in einer Zeiteinheit.  Der Typograph versteht schon, was ich meine, wenn ich  ihm sage, er sole einen neune Absatz machen.

Nicht nur der unmittelbare Kontext (im Buch, auf einem Bild) ist zu berücksichtigen, sondern auch der kulturelle Kontext. Im Zeitalter der Multikulti-Bewegung, wo jeder aus Indien eine nette Statuette des elfantenköpfigen Gottes Ganesha heimbringt, muss man betonen: Ohne Kenntnis des kulturellen Umfeldes kann man kaum Aussgen über eine Gestalt machen, die man für irgendwie symbolisch hält.

Beispiel: Der Löwe

• Im Kontext von Stier, Adler und Engel: Attribut des Evangelisten Markus

 

 Quelle: Expositio himnorum cum notabili comento, Basel: Michael Furter 1504.

• Wenn er dargestellt wird, wie er die Welpen anhaucht: Allegorie Christi. Der »Physiologus« sagt: Die dritte Eigenart des Löwen ist: Wenn die Löwin gebärt, so wirft sie ein totes Junges, und es hütet die Löwin ihren Sohn, bis dass der Vater kommt am dritten Tage und ihm in’s Antlitz bläst und ihn erweckt. – Dergestalt hat auch der allmächtige Vater aller Dinge […], den Herrn Jesus Christus, am dritten Tage auferweckt von den Toten.

 

Bild: Sloane MS 3544 – http://bestiary.ca/manuscripts/manugallery1009.htm#

Vgl. Bern, Burgerbibliothek Cod. 318 (um 830) fol 8v: http://www.e-codices.unifr.ch/en/bbb/0318/8r/medium

• Wenn er zusammen mit Schlange, Basilisk und Drache dargestellt ist, wie ihn Christus (hier am Kreuz) zertritt: Symbol des Teufels, beruhend auf Psalm 90 [Vulgata], 13 = 91,13, der als  Vorausdeutung aufgefasst wurde: aspidem et basiliscum calcabis, conculcabis leonem et draconem (Über Schlangen und Basilisk wirst du schreiten, wirste zertrten Leuen und Drachen).

 

Quelle: Psalterillustration aus Dialogus de laudibus sanctae crucis - BSB Clm 14159 – Vorzüglich erschlossenes Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/~db//0001//bsb00018415/images/ (Bildnummer 13)

• Im Kontext von Bär, Krebs, Skorpion, Stier u.a.: Tierkreiszeichen

 

 Quelle: Albrecht Dürer, Sternkartehttp://uploads2.wikipaintings.org/images/albrecht-durer/star-map.jpg

• Vor einem Palast oder auf einer Münze angebracht: heraldisches Symbol: Heinrich der Löwe (* 1129/30; † 1195), Herzog von Bayern und Sachsen, ließ während seiner Regentschaft in seiner Residenz Braunschweig um 1166 als Zeichen seiner herzoglichen Herrschaft und Gerichtshoheit ein Löwenstandbild errichten.

 

 Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Braunschweiger_Löwe

<6> Funktionen

Was leistet das Zeichen? Welchen Erkenntniswert hat es? Welche sozial-pragmatische Leistung erbringt es? Welche (emotionale, ästhetische) Konnotation bringt es mit sich?

Landläufig sagt man einfach »das Zeichen <1> bedeutet dies oder jenes <2>«. Das ist aber zu primitiv. 

Stets zu bedenken ist: Metaphern, Symbole usw. können als Argumente eingesetzt werden.

  • Das als Zeichen gedeutete Phänomen ist ein Hinweis auf ein nicht beobachtbares Phänomen (Kometen deuten Künftiges an.)
  • Das Signifiant gewährt Einsicht in die Funktionsweise eines komplexen Vorgangs (z.B. wie wirkt die Sünde?) anhand eines weniger komplexen (man tappt in eine Falle, und die schnappt zu); Es liegt die Funktion des Modells vor.
  • Das Signifiant ist Beglaubigung für etwas schwer Fassliches (Der Löwe, der die totgeborenenen Jungen erweckt, beglaubigt, dass Christus von den Toten auferstanden ist.)
  • Das Signifiant ermächtigt bzw. verpflichtet seinen Besitzer oder den die bedeutsame Geste Ausübenden zu einer Handlung (Den Fehdehandschuh werfen ist eine Kriegserklärung.Wer einem Reitenden den Steigbügel hält, gibt sich als sozial Untergebenen zu erkennen.)
  • Das Signifiant hat eine mnemotechnische (= der Erinnerung dienende) Funktion (nach dem Zug durch den Jordan soll jeder der Stammesväter einen Stein auf einen Haufen legen zum ewigen Gedächtnis an diese Wohltat Gottes Josua 4,6ff.)
  • Der Ausdruck des Signifiants bereitet wegen seiner Verschlüsselung und dem gleichzeitigen Durchblickenlassen der Auflösung ästhetisches Vergnügen.
  • Das Signifiant springt da ein, wo das Signifié definitionsgemäß nicht fassbar ist. Das trifft für weite Bereiche der Religion zu. Dionysius Areopagita (Ende des 5. Jhs.) hat ausführlich dargelegt, dass Gott nur in symbolischer Gestalt dem Menschen erkennbar sei.
  • Das Signifiant hat Tabufunktion, es erlaubt das Umgehen von Zensur.

Beispiel für den Fall <1> verkündigt eine <2> Vereinbarung: die Zeremonie der immixtio manuum bei der Übergabe eines Lehens: Der Vassall verflicht seine Finger mit denjenigen des Herrn.

Quelle: Eike von Repgow, Sachsenspiegel, Anfang 14. Jh.,Cod. Pal. germ. 164, 2verso – http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg164

Vgl. Jacob Grimm, Deutsche Rechtsaltertüher, 4. Auflage (1899) Band I, S.192f.: regi manus complcare

Beispiel für den Fall <1> ermächtigt zu einer Handlung <2>: Der ausgesteckte Kranz zeigt, dass dieser Wirt das von der Stadt verbürgte Recht hat, Wein auszuschenken (im Gegensatz zu Privaten, wo der Stadt die Steuereinnahmen verlorengehen würden).   

Quelle: Matthias Trum, Diplomarbeit der TU München, 2002 – http://www.schlenkerla.de/biergeschichte/brauerstern/html/ausschankzeichen.html 

<7> Gestaltungsformen

Metapher – Vergleich – Gleichnis – Allegorie – Emblem –

Andeutendes — ausdeutendes Verfahren

Die Brücken zwischen Signifiant und Signifié brauchen im Text nicht genannt werden (in einem Bild ist das ohnehin schier unmöglich); dass sich beim Gesagten/Dargestellten um etwas zeichenhaft zu Deutendes handelt, wird mit zögerlichen Signalen angedeutet.

Die Beziehung kann auch ausgedeutet werden; dann spricht man (heutzutage) von Allegorie. (Vgl. mehr hierzu.)

Beispiel-Paar: 

Ausdeutend: Friedrich von LOGAU, Deutsche Sinn=Sinngetichte, 1654 (Viertes Hundert, Nr. 88):

Die Welt ist wie das Meer; ihr Leben ist gar bitter;
Der Teuffel machet Sturn; die Sünden Ungewitter;
Drauff ist die Kirch ein Schiff; vnd Christus Steuer-Mann;
Sein Segel ist die Rew; das Creutze seine Fahn;
Der Wind ist Gottes Geist; der Ancker das Vertrauen/
Dadurch man hier kan stehn vnd dort im Port sich schauen.

Andeutend: GOETHE, »Seefahrt« (1776/77):

Lange Tag’ und Nächte stand mein Schiff befrachtet;
Günst’ger Winde harrend, saß mit treuen Freunden,
Mir Geduld und guten Mut erzechend,
Ich im Hafen.
[das ganze Gedicht online]

Zusammenfassende graphische Übersicht

 

 

Die oben unter <6> genannten Funktion ist eine Funktion ad hoc, auf der Ebene der »parole« linguistisch gesprochen. Symbole haben aber auch eine soziale Funktion.

Wie alle kommunikativen Bräuche: Riten, Sitten, sprachliche Dialekte, tradierten Verhaltensmuster, Benimmregeln, ästhetische Moden u.ä. sind auch Symbole gemeinschaftsstiftend. Indem wir dies  diese … Symbole verwenden, signalisieren wir: Wir gehören zusammen zum selben Clan, Club, Cluster.

Freilich sind in der obigen Aufzählung auch Praktiken enthalten, die kein Signifié im Sinne von <2> haben. Bedingung ist nur, dass das Feature bewusst gewählt ist, nicht durch Zufall oder äußere Faktoren bedingt; und dass sich der Wähelnde so von anderen Gruppen unterscheidet. So inhaltsleer sind aber nicht immer.

Beispiel: Man möchte glauben, der 68er-Revulzzer trägt lange Haare, um zur Bewegung dazuzugehören. Die Tracht hat womöglich einen symbolischen Hintergrund: Haare wuchern im natürlichen Zustand ungeordnet, falls sie nicht geschnitten werden. Das Schneiden der Haare ist also (wie das Kochen der Nahrung) eine Äußerung der Kultur; wer geschnittene Haare trägt, bekundet damit, dass er Kulturträger ist. Es ergeben sich also polare Zuordnungsreihen: Haare wachsen lassen ≈ Triebhaftigkeit, rebellische Auflehnung, Grausamkeit, Abwendung von der Gesellschaft vs. Haare abschneiden ≈ Akzeptieren von Autorität, Sozialisierung, Disziplin. (Der in den Orden eintretende Mönch bekommt die Tonsur.) Vgl. Christopher Robert Hallpike, Die Grundlagen des primitiven Denkens [engl. 1979], München 1990, S.184ff.

Literaturhinweis: Andreas Hebestreit, Die Vielen, die Wenigen und die Anderen, Münster: Votum-Verlag 1995. 

Wird noch ausgeführt.

 

Irreführung durch Symbolik

Nicht alle Eigenschaften des Modells (signifiant) passen genau auf das Explanandum (signifié). Wie bei jeder Verwendung von Modellen, kann das i.d.R. vernachlässigt werden. (Dass im Flugzeugmodell für den Windkanal keine Passagiere sitzen.)

Dies muss aber von einer kritischen Warte aus bedacht werden. Insbesondere bei der Werbung und der politischen Propaganda spielen Insinuationen eine wichtige Rolle. – Das Buch von Vance Packard (1914–1996), »The Hidden Persuaders« (1957), war nur ein Vorgeschmack dessen, was uns heute zugemutet wird. 

Beispiel: Organismus-Symbolik

Wird noch ausgeführt.

 

Komplikationen

Mit den hier entfalteten distinktiven Merkmalen ist nur ein Inventar gegeben, mit dem ein einfaches (ein einfaches!) Zeichen genauer beschrieben werden kann.

Die Sache ist aber komplexer, weil Zeichen in verschiedener Weise miteinander kombiniert werden können und weil Zeichenbenutzer mit ihnen Spiel und Schabernack treiben können.

Oft kann man ein Zeichen nicht hinlänglich analysieren, indem man es gleichsam ›botanisierend‹ aus dem Pflanzenbestimmungsbuch klassifiziert. Dann muss man versuchen, die Genalogie zu rekonstruieren und aufzeigen, aus welchen einfacheren Bedürfnissen und aufgrund welcher Verschiebungen sich das Zeichen so darstellt, wie es sich zeigt und wirkt.

Zu diesem Zweck folgt hier ein zweiter (noch zu erweiternder) Katalog von Anregungen.

Polyseme Zeichen

Ein Zeichen kann mehrere Funktionen erfüllen (Polysemie, Polyfunktionalität). Eine Unterschrift beispielsweise ist sowohl ein striktes Kennzeichen für den Unterschreibenden, als auch eine Deklaration (der Unterschreibende verpflichtet sich zu etwas).

Zusammenwirken mehrerer Zeichen zur Erbringung derselben Funktion

Es kommt oft vor, dass dieselbe Leistung von mehreren verschiedenen Zeichen zugleich erbracht wird. So stehen beispielsweise im Dienst der Repräsentation von Herrschaft sowohl der Besitz der Insignien (Krone, Szepter, Sphaira, Mantel, Schwert), als auch das Herzeigen von Reichtum (Veranstaltung von Festen, Jagden, Turnieren, prächtige Ausstattung des Gefolges), als auch das Gründen von Städten.

Verschiedene Deutung je nach Interesse

Dieselbe Gaunerzinke wird von einem Strolch ganz anders gelesen wird – nämlich z.Bsp. als ›Hier bekommst du gelegentlich zu essen!‹ (d.h. ein Gauner gibt dem anderen ein Signal) – als von einem Gendarmen – nämlich: ›Es befinden sich Ganoven im Ort‹ (d.h. er nimmt das Zeichen als Symptom).

Aufeinander aufbauende Formen

›Huckepack-Symboliken‹.

Spielerischer Umgang mit Ableitungen von bekannten Symboliken

Usurpation von Zeichen

Felix Krulls epileptoider Anfall in der Musterungsszene (II,5): hier liegt Usurpation eines Symptoms vor. Die Ärzte erkennen die Gesichtsverzerrungen, die Krull simuliert, fälschlicherweise als Symptome für eine (wehrdienstbefreiende) Krankheit.

Kombination verschiedener Zeichen auf derselben Ebene

Beispiel: Schnitter Tod

 Verwandtes, Übergangsgestalten

Metonymie

Beispiel: Der Blinddarm (A) auf Zimmer 153 wird heute entlassen. Ersatzwort (A) und eigentlich Gemeintes (B: der Patient N.N.) lassen sich in folgendem Satz verknüpfen: ›Der Patient NN. (leidet an Blinddarm[entzündung].‹ – (Anders als bei der Metapher, wo man nur Sätze bilden kann vom Typ ›A ähnelt B.‹)

Es gibt eine ganze Reihe von Typen der Metonymie:

  • Person — Sache; zB Autor für sein Werk: Vergil lesen
  • Gottheit — deren Funktionsbereich: Mars hat das Land verheert.
  • Erfinder — seine Erfindung: wir fahren in einem Zeppelin
  • Gefäß — Inhalt: ein Glas trinken
  • Ort — das dort Befindliche: Moskau sagte njet.
  • Folge — Grund: gesunde Nahrung (der Gesundheit zuträglich)
  • Teil — Ganzes (pars pro toto): Ich habe mich in einen Blondschopf verliebt.
  • Ganzes — Teil (totum pro parte): einen Kuchen essen (ein Stück Kuchen)
  • Abstraktum — Konkretum: der Geiz hat dies zustande gebracht; die Jugend ist immer aufmüpfig
  • Rohstoff — das daraus Erzeugte: jemandem das Eisen in den Leib stoßen
  • Besonderes — Allgemeines: Wir müssen unser Brot verdienen.
  • Gattung — Art: die Sterblichen (die Menschen)
  • Eigenschaft — die damit bezeichnete Sache: der gelbe Riese erwacht (Hautfarbe für die Ethnie)
  • Beruf/Stand — ein typisches Attribut:  Ich habe den Talar gegen den Degen ausgetauscht. Unter dem Krummstab ist gut leben.
  • Organ — dessen Fähigkeit: eine feine Nase haben (einen feinen Geruchssinn haben)
  • u.a.m.

Die Leistung der Metonymie: Sie richtet den Blick auf das den Sprecher derzeit Interessierende, während die anderen Aspekte des Gemeinten werden ausgeblendet. Im Beispiel: das Pflegepersonal scheint sich vor allem für die Krankheit zu interessieren, nicht für den ganzen Patienten.

Strikt davon zu unterscheiden ist davon die (als Basis der Symbolik sehr wichtige) Metapher:

Metaphern sind Phänomene der Satzsemantik. Ein Wort, das gewohnheitsmäßig in einen bestimmten Weltausschnitt gehört, wird aktuell in einem anderen gebraucht, so, dass das dort zu erwartende in einem neuen Licht gesehen wird. Das metaphorisch vewendete Wort und das zu erwartende verhalten sich wie ein Modell zu seinem Explanandum (das, was damit erläutert werden soll). Mit dem metaphorisch verwendeten Wort und dem zu erwartenden Wort kann eine Satz gebildet werden von der logischen Struktur ›A ähnelt B.‹

Beispiel: In einem Bericht über Universitäts-Ereignisse steht: Nach der Vorlesung verließ Prof. M. den Tempel. Eigentlich zu erwarten wäre: den Hörsaal. Zum aktuell schräg verwendeten Wort Tempel assoziieren wir: priesterliches Gehabe; weihevolle Zeremonien, elitäre Sprache; diese Vorstellungen werden auf die Welt der Universität, insbesondere auf Prof. M. projiziert.

Wenn man länger im Spiel bleibt, entsteht aus der Metapher eine Allegorie (in der antiken Rhetorik ›metaphora continuata‹), im Beispiel: ... und er rollte die heiligen Schriften zusammen, während die Ministranten den Altar reinigten, d.h. die Tafel putzten ...

Literaturhinweise:

Max BLACK, Metaphor, in: Proceedings of the Aristotelian Society 55 (1954/55), S. 273-294 — web.stanford.edu/~eckert/PDF/Black1954.pdf

Gerhard KURZ, Metapher, Allegorie, Symbol. (Kleine Vandenhoeck-Reihe 1486), Göttingen 1982.

Amulett, Talisman, Fetisch, Apotropaion

Genau besehen handelt es sich hier nicht um Zeichen, denn diese Gegenstände bedeuten nichts, sondern bewirken etwas; wobei allerdings das Bewirkende und das Bewirkte in einem Analogieverhältnis gedacht sind, das wie ein Zeichenverhältnis aussehen kann. Ähnlich ist es auch bei den Wirkmechanismen der Naturheilmittel, bei denen der Bezug zwischen dem Medikament und dem Wirkungsbereich oft und gerne zusätzlich motiviert wird: Der Jaspis läßt, wenn er im Licht gebrochen wird, in seinem ›Bauch‹ mehrere andere Steine erkennen und hat deshalb gynäkologische Funktion. Die Wirkung geschieht nach dem Prinzip ›similia similibus‹; der Stein und das Organ stehen in ›Sympathie‹.

Theophanie / Hierophanie

Wenn Gott sich Moses im brennenden Dornbusch offenbart, kann man nicht von Symbolik sprechen, denn es besteht kein zeichnhafter Bezug zwischen der Pflanze und dem Göttlichen; der brennende Busch ist eine Erscheinugnsweise Gottes.

 

Exodus 3,2: Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. 3 Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. 4 Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. — Kupferstich von Melchior Küsel (1626–1683) aus: Icones Biblicae Veteris et Novi Testamenti. Figuren Biblischer Historien Alten und Neuen Testaments – Proprio aere aeri incisae, et venales expositae a Melchiore Kysel, Augustano. Impressum: Augustae Vind. anno Christiano XDCLXXIX.  

Konnotationen vermittelnde Inszenierungen

Ein Feinschmecker-Restaurant stellt einen Notenständer mit der Menukarte ins Schaufenster; intendierte Aussage: Hier isst man nicht einfach, sondern bei uns ist das Essen ein kulturelles Geschehen. — Der Marlboro-Raucher sitzt als Cowboy lässig auf einem Mustang und lässt den Blick über die Prärie schweifen; zum Marlboro-Typ paßt Weite und Freiheit. — Im 19. Jahrhundert wurden Bankgebäude im Stil der Renaissance-Palazzi gebaut; wer hier ein- und ausgeht, gehört zur Aristokratie, ist mächtig und vornehm. Die genannten Dinge (Notenständer usw.), werden mitunter auch als ›Symbole‹ bezeichnet; es handelt sich indessen bloß um Beigaben, welche assoziativ eine konnotative Aura heraufbeschwören.

Kennzeichen des Symbols par exellence

Problematisch ist, ob wir hier den üblichen Sprachgebrauch (seit der Goethezeit? seit dem Expressionismus? in der Postmoderne?) nachvollziehen wollen, oder ob wir präskriptiv bestimmen wollen, wie der Begriff verwendet werden soll.

 <1> das Signifiant ist faszinierend [eine Schuhschachtel taugt kaum]; es ist einfach, d.h. es besteht nicht aus einem Satz, einer Gesetzmäßigkeit wie zB wenn der Ballon größer ist, dann ist er leichter aufzublasen oder beim Treppenputzen beginnt man am besten oben (obwohl auch solche Sätze als bildliche Botschaft interpretiert werden können);

das Signifiant ist für unser Leben urtümlich, bedeutsam, wunderbar, emotional aufgeladen: die Hand (nicht das Knie); Brot (nicht Spaghetti); die Biene (nicht der Kormoran).

<2> das Signifié ist etwas Abstraktes, schwer sprachlich Ausdrückbares, oft auch Geheimnisvolles [Bruttoinlandprodukt, Rotationshyperboloid sind keine typischen Signifiés]

Exkurs: Kann man mit einem Symbol mehr sagen als in diskursiver Sprache?

Wörter sind recht rohe Werkzeuge;  es sind gleichsam stenographische Kürzel für komplexe kognitive Schemata, die zu fassen schon bei alltäglichen Gegenständen mitunter sehr schwierig ist (Beispiel nur schon: Tisch). Aber die Wörter sind hinlängliche Werkzeuge zur Bewältigung des normalen Alltags. In der Regel reicht es, wenn wir dem Arzt sagen Ich habe Bauchweh in der Leistengegend oder zu einem Freund Sei doch jetzt nicht so zornig, und wir machen uns dabei nicht klar, dass wir das Wesen des Schmerzes bzw. des Zorns nur schwer ergründen könnten. Erst wenn Philosophen zu grübeln beginnen (Was ist eigentlich Schmerz, Zorn?), entstehen Probleme, namentlich das Gefühl, die Wörter seien unzureichend oder ihr Inhalt sei unauslotbar.

Für viele Entitäten, die wir kognitiv zu unterscheiden vermögen, haben wir nicht gerade ein Wort bereit und wir behelfen uns mit Metaphern oder Vergleichen. Oft ist der sog. metaphorische Ausdruck durchaus primär, wie Gestaltsehen dem analytischen Vermögen vorausgeht. Beispiele: Sie ging wie ein Flamingo; Er umgirrte das Mädchen. Das metaphorisch verwendete Wort sagt dann sehr viel mehr aus, als man mit Begriffen auszudrücken vermöchte. Dass die Metapher so viel mehr sagt, liegt daran, dass es wirklich sehr schwer beschreibbar ist, wie ein Flamingo eigentlich geht; die Beschreibung seines Gangs ist in der Regel, seit es Zoos gibt, auch nicht nötig, eine Ostensiv-Definition taugt besser als alle sprachliche Beschreibung. So stellt sich automatisch ein Gefälle ein: die Metapher ist schwieriger zu explizieren, ergo (?!) reichhaltiger als der ›eigentliche‹ Ausdruck (d.h. das Signifiant).

Es gibt auch Bereiche, über die nichts ausgesagt werden kann, weil es einem Tabu widerspricht. Über das Numinose darf / kann man nichts sagen. Dennoch haben die Spezialisten im Umgang mit dem Numinosen (Schamanen und Priester) einfachheitshalber Wörter für gewisse numinose Größen eingeführt (Sünde, Erlösung, der Himmel, Gott). Wenn man nun solche Behelfsbegriffe auf ihren Wortinhalt hin befragt und gleichzeitig die Spielregeln der Religion befolgt, so sehen diese Wörter aus, als wären sie zwar bedeutungsschwanger, aber nicht explizierbar. 

<3> Auslöser: eine bestimmte Erwartungshaltung

Am Nationalfeiertag oder auf einem Friedhof erwarten wir eher Symbole anzutreffen als auf einem Jahrmarkt oder in einem Warenhaus (dort sind es eher Logos).

<4> Begründung des inhaltlichen Bezugs

Der Bezug ist intuitiv einsehbar, das heisst er erfordert kein Expertenwissen. Das Symbol scheint spontan auf das Gemeinte hin transparent. — Das braucht nicht zwingend auf ein anthropologisches Universale zurückzugehen, es kann auch auf einer kulturellen Einübung des Rezipienten beruhen.

<5> Kontexte sind <3> Auslöser

<6> Es kann verschiedene Funktionen haben, oft auch mehrere zugleich.

<7> Es wird keine explizite Ausdeutung mitgegeben – das würde auch <4> widersprechen.

Beispiel: Das Falkenlied des Kürenbergers

Hierzu gibt es einen hübschen Sketch hier.