Symbolik des Schiffs, der Bootsfahrt

 

Diese Website befindet sich noch im Aufbau. Ideen / Korrekturen / Ergänzungen / Ideen für Referate im Herbst 2023 willkommen!

 

Das Schiff eignet sich wegen seiner mannigfaltigen Eigenschaften vorzüglich als Bedeutungsspender (signifiant) von Symbolen:

  • Seine Gestalt mit Bug, Kiel, Heck, insbesondere der Mast
  • Segel und darein (oder dagegen) blasender Wind bzw. Windstille
  • Wasser, Meer, Wellen; deren Spurlosigkeit hinter dem Schiff
  • Unwetter, Gefahr von Untiefen und Klippen (oder 1912: Eisbergen), Seenot, stranden
  • die rettende Planke
  • Reise zwischen Ausgangs- und Ziel-Hafen
  • Technik des Navigierens: Steuer, Ruder, Kompass, Polarstern
  • Anker
  • Leuchtturm (Pharos von Alexandria)
  • Besatzung (Crew), die zusammenhalten muss (wir sitzen alle im gleichen Boot) oder auch meutern kann; Kapitän / Mannschaft
  • Ladung (die über Bord gehn kann)
  • Ballast
  • am Rande des Ozeans leben die Monstra

Inhaltsübersicht

 

 

Kunst braucht Mäzenatentum

DVM FAVERIT ILLE: Solange er [der Wind] günstig ist.

Ich Schiff wol/ so mir bläst der Windt von rechten enden/
Der mir die Segel füllt
/ den port ich zeitlich find/
Die lieben
Studien bedörffen auch gut Windt
Herrn gunst/ gut
favor befördert die Scribenten.

Julius Wilhelm Zincgref: Sapientia Picta. Das ist/ Künstliche Sinnreiche Bildnussen und Figuren/ darinnen denckwürdige Sprüch und nützliche Lehren im Politischen und gemeinen Wesen durch hundert schöne newe Kupfferstück vorgebildet/ entworffen/ und durch teutsche Reymen erkläret werden/ … Franckfurt: Peter Marschall 1624 Permalink
> http://diglib.hab.de/drucke/li-6643-2/start.htm

Selber lenken

Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe, Nucleus Emblematum, Arnheim/Utrecht 1611/1615.
Unter dem Titel: Sinn-Bilder, (Bibliophile Taschenbücher 378), hg. und übersetzt von Carsten-Peter Warncke, Dortmund 1983.

I,37: Dum clavum rectum teneam navemque gubernem,
              Vni commitam caetera cuncta Deo.
(Solange ich das Steuer gerade halte und das Schiff lenke, kann ich alles übrige dem einen Gott überlassen.)

> http://diglib.hab.de/drucke/21-2-eth-1/start.htm?image=00080

Das Zusammenwirken des tatkräftigen Handelns und Gottvertrauens wird dargestellt durch den König am Steuerruder und das vom Wind gefüllte Segel.

In Emblem I,13 (Mit Ruder und günstigen Winden navigiere ich glücklich …) ist der Wind besser als göttliche Kraft dargestellt. Der Mann im Boot rudert nicht, sondern setzt, wie üblich bei Booten mit zusätzlichem Segel, das Ruder als Steuer ein. (Das Steuer am Heck ist einFehler der Darstellung.)
> http://diglib.hab.de/drucke/21-2-eth-1/start.htm?image=00032

Die Ruderer fahren mit dem Rücken in Richtung Ziel

Christian Scriver (1629–1693):

Gotthold sah etliche Schiff-Leute in ein Booth treten/ um über einen schiffreichen Fluß zu setzen/ da denn ihrer zween sich an die Ruder machten und gewohnter Art nach/ den Rücken nach dem Ufer wandten/ da sie hingedachten/ einer aber blieb am Steuer stehen und hatte das Angesicht auff den Ort/ da sie anlanden wollten/ unverwandt gerichtet/ und also schifften sie geschwind dahin. Sehet hie/ sprach er zu denen/ die um ihn waren/ eine gute Erinnerung von unserer Arbeit und Geschäfften. Dis Leben ist ein schneller und gewaltiger Strohm/ der von Zeit zu Zeit in das Meer der Ewigkeit verfleust/ und nicht wieder kehret. Auff diesem Strohm hat ein jeder das Schifflein seines Beruffs/ welches mit den Rudern fleißiger Arbeit fortgebracht wird. Da sollen wir nun/ wie diese Leute/ den Rücken dem Zukünftigen zuwenden/ und in gutem Vertrauen zu GOtt/ der am Ruder steht und das Schifflein dahin kräfftiglich lencket/ wo es uns nütz und selig ist/ nur fleißig arbeiten und im übrigen unbekümmert seyn. Wir würdens lachen/ wenn wir sehen würden/ diese Leute sich umwenden mit dem Vorgeben/ sie könnten so blinderlings nicht fahren/ sie müßten auch sehen/ wo sie hinkämen: Was ists denn vor eine Thorheit/ daß wir alles Zukünfftige und was vorhanden ist/ mit unsern Sorgen und Gedanken wollen erreichen? Last uns rudern und arbeiten und beten; GOtt aber lasset steuren/ segnen/ und regieren. Mein GOtt! bleibe ja bey mir in meinem Schifflein/ und lenke es nach deinem Wohlgefallen/ ich will mein Angesicht auf dich wenden/ und nach dem Vermögen/ das du darreichst/ fleißig und getreulich arbeiten/ das übrige wirst du wohl machen.

Gottholds zufälliger Andachten Vier Hundert. Bey Betrachtung mancherley Dinge der Kunst und Natur / in unterschiedenen Veranlassungen zur Ehre Gottes / Besserung des Gemüths / und Ubung der Gottseligkeit geschöpffet / Auffgefasset und entworffen / auch ietzo abermahl übersehen / hin und wieder verbessert / […] ausgefertiget von M. Christian Scriver, Verlegt durch Johann und Friedrich Lüderwald 1683. Das andere Hundert, XI.

Pilgerschiff

Das bilgerschiff bin ich genant, Far vom elend ins vatterlant.
Dis büechlin halt inne vier Artickel.
Vom Glauben,
Guoten Wercken,
Fürbitt der heyligen und
Wie man seliglich sterben sol.
Item wie man die kind wol ziehen sol.

Verlagsort, Erscheinungsjahr und Verlag sind nicht genannt. Der Frosch auf dem Stundenglas des Todes sowie auf dem Bild zuhinterst im Buch die Initialen C • F sowie Z C H in Banderolen weisen auf Ch.Froschauer in Zürich hin.

Jesus (mit Nimbus) schläft im Schiff wie im Markus-Evangelium 4,35–40 (und Parallelen); er braucht nur ein Wort zu sprechen, um das Meer zu beruhigen; darauf können die Schifffahrenden vertrauen.

Hübsch ist der nach oben (!) zu Gott-Vater hin ausgerichtete Anker CONFIDENTIA an drei Seilen: Glaube, Liebe, Hoffnung.

> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11227142-5

Narrenschiffe

Sebastian Brant (1458–1521), Das narren schyff, Basel: Bergmann von Olpe 1494.

Das Schiff hat weder Mast noch Steuerruder (das Loch für die Ruderpinne ist leer) – so kann es keine Richtung einschlagen und mithin kein Ziel erreichen. Es ist der gemeinsame Aufenthaltsort der verschiedenen Narren; und das steuerlose Herumfahren symbolisiert das weltliche Treiben, das dem Untergang geweiht ist; am deutlichsten in Kapitel 108:

Ir gesellen / kumen har noch ze hant
Wir faren jnn schluraffen landt
Vnd gstecken doch jm muor / vnd sandt
[…]

Wir faren vmb durch alle landt […]
All port durch suochen wir / vnd gstad
Wir faren vmb mit grossem schad
Vnd künnent doch nit treffen wol
Den staden do man lenden sol
Vnser vmbfaren ist on end
Dann keyner weiß / wo er zuo lend
[…]

Wir suochen gwynn jn dieffen muor [Morast]
Des würt vns bald eyn bœse ruor [Aufregung]
Dann vns bricht mastboum / sægel / schnuor /
Vnd künnn doch jm mer nit schwymmen
Die wællen sint bœß vff zuo klymmen
Wann eyner wænt er sitz gar hoch
So stossent sye jn zuo boden doch
Der wyndt der tribt sie vff / vnd nyder
Das narren schiff kumbt nym har wider
Wann es recht vnder gangen ist
[…]

> http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/15Jh/Brant/bra_n108.html

Eine Variante: Jodocus Badius Ascensius (1462–1535):

Stultorum sensuum nauis in exitium tendens (≈ Das Schiff der närrischen Meinungen tendiert zum Untergang.)

Stultiferae naves sensus animosque trahentes mortis in exitium [Paris]: Thielman Kerver für Enguilbert [Jean und Geoffrey] de Marnef, 1500.
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00070312?page=1

Der Illustrator hat einem Narren ein Ruder in die Hand gegeben und das Schiff mit einem Anker ausgestattet und damit die Pointe bei Sebastian Brant verdorben. – Als besonders närrische Exemplare sind Adam und Eva (mit der teuflischen Schlange auf dem [Mast-]Baum) Passagiere.

Johannes Hartau, Narrenschiffe um 1500. Zu einer Allegorie des Müßiggangs: in: Sebastian Brant. Forschungsbeiträge zu seinem Leben, zum »Narrenschiff« und zum übrigen Werk / hrsg. von Thomas Wilhelmi, Basel: Schwabe, 2002, S.125ff.

Allegorie des Staats – oder eher einer Liebschaft?

Horaz (65 – 8 v.u.Z.) dichtete folgende Ode (I, 14; hier mit der Übersetzung von Will Richter 1964):

O navis, referent in mare te novi
fluctus. O quid agis? Fortiter occupa
     portum. Nonne vides ut
         nudum remigio latus,

O Schiff, so werden neue Ströme dich in die Weite des Meeres reißen? Was beginnst du? Kette dich fest an den Hafen. Siehst du denn nicht, wie deine Flanke, von Rudern entblößt,

et malus celeri saucius Africo
antemnaeque gemant ac sine funibus
     vix durare carinae
         possint imperiosius

wie dein Mast, verletzt vom jagenden Südwind, und deine Rahen ächzen, wie dein unvertäuter Kiel kaum noch die harte Gewalt

aequor? Non tibi sunt integra lintea,
non di, quos iterum pressa voces malo.
     Quamvis Pontica pinus,
         silvae filia nobilis,

des Meeres erträgt? Heile Segel hast du nicht mehr und keine Götter, die du ein zweites Mal im Drange der Not anzurufen vermöchtest; bist du auch pontisches Fichtenholz, Tochter eines ruhmvollen Waldes,

iactes et genus et nomen inutile:
nil pictis timidus navita puppibus
    fidit. Tu, nisi ventis
        debes ludibrium, cave.

so schmücktest du dich doch nutzlos mit Herkunft und Namen: in der Angst bietet dem Seemann die Malerei am Heck keinen Schutz. Sollst du kein Spielball der Winde werden, dann sieh dich vor!

Nuper sollicitum quae mihi taedium,
nunc desiderium curaque non levis,
     interfusa nitentis
         vites aequora Cycladas.

Du Schiff, das vor kurzem mir noch Kummer und Ärger schuf, dem jetzt mein Sehnen und meine ernste Sorge gehört, hüte dich vor den Gewässern, die zwischen den hellen Kykladen strömen!

Andere deutsche Übersetzungen hier:

> Johann Heinrich Voß: https://www.projekt-gutenberg.org/horaz/oden/odhor114.html
> K.F. Preiß: https://www.gottwein.de/Lat/hor/horc114.php
> http://lateinoase.de/autoren/horaz/oden%20buch%201/horaz-ode-1,14-uebersetzung.html

Das Gedicht – das keinerlei Hinweise auf eine allegorische Deutung gibt – wurde bereits von Quintilian (35 – 96) allegorisch auf den Staat bezogen (Institutiones orat. VIII,vi,44):

allegoria, quam inversionem interpretantur, aut aliud verbis aliud sensu ostendit aut etiam interim contrarium. prius fit genus plerumque continuatis translationibus, ut
     O navis, referent id mare te novi
     fluctus; o quid agis? fortiter occupa
     portum,
totusque ille Horatii locus, quo navem pro re publica, fluctus et tempestates pro bellis civilibus, portum pro pace atque concordia dicit.

Die erste Art der Allegorie erfolgt in durchgeführten Metaphern, so etwa --- Zitat --- und die ganze Stelle bei Horaz, an der er Schiff für Gemeinwesen, Fluten und Stürme für Bürgerkriege, Hafen und Frieden und Eintracht sagt.

Zweifel an dieser allegorischen Auslegung haben u.a. angemeldet:

Otto Seel, Zur Ode 1, 14 des Horaz. Zweifel an einer communis opinio, in: Festschrift Karl Vretska zum 70. Geburtstag, hg. D. Ableitinger / H. Gugel, Heidelberg: Winter 1970, S. 204–249.

A. J. Woodmann, The Craft of Horace in Odes 1. 14, in: Classical Philology, Vol. 75, No. 1 (Jan. 1980), pp. 60-67.

Das besorgte (nuper mihi taedium) lyrische Ich scheint der Gefahr nicht ausgesetzt, nicht an Bord zu sein und warnt das Schiff (o navis … quid agis?) und ermuntert es, den Hafen wieder zu gewinnen: Fortiter occupa portum! Es macht einen Wandel von Ärger zu Sorge (taedium – cura) durch.

Argumente dafür, dass das Gedicht eher eine allegorisch verschlüsselte Botschaft an eine Frau ist, die Horaz vor die Wahl zwischen sich und einem anderen Mann stellt:

• Die Dritte asklepiadeische Strophe verwendet Horaz in den Oden I,5; I,14; I,21; I,23; III,7; III,13 und IV,13. — Wenn zwischen einer Strophenform und dem Inhalt des Texts eine Beziehung besteht: In all diesen Texten kommt nichts Vaterländisches vor. Hingegen in I,23: du gehst mir aus dem Wege, Chloe, wie ein Rehkitz

• Die Wörter taedium, desiderium, cura gehören zum typischen Wortschatz eines Liebhabers.

• Gibt es semantische Doppeldeutigkeiten, die ein allegorisches Verständnis erlauben?
navis ist ein Femininum, aber muss man deshalb das Schiff als "Tochter" (silvae filia nobilis) bezeichnen?
nudum … latus lässt sich auch verstehn als "der nackte Leib"
saucius bedeutet auch "liebeskrank";

• In der vorausgehenden Ode I,13 – man muss annehmen, das Horaz sein Werk geordnet hinterlassen hat – beschreibt er die gallige Eifersucht gegenüber dem neuen Liebhaber seiner Lydia, die ihn verlassen hat; es sei ein rauher Kerl, der sie vor Brunst misshandle und keine Liebe auf Dauer verspreche.

Man lese das Gedicht I,14 einmal unter dieser Voraussetzung!

Das Sonnenschiff der Ägypter

Die Sonne – verkörpert in der Gottheit Re – stellte man sich in Ägypten vor auf einer Barke (Gardiner P3 wia), die am Himmel fährt und nachts in der Unterwelt verschwindet, bis sie morgens wieder kommen soll. Die gigantische schlangenförmige Chaosmacht Apophis versucht sie am Hervorkommen zu verhindern, wird indessen von Seth bekämpft:

Richard H. Wilkinson, Reading Egyptian Art, London 1992, p. 152f.

Wenn es einem Toten gelingt, in das Schiff des Sonnengotts einzusteigen, kann er die Schrecken der Todeswelt überwinden. Hier betet ein eben Verstorbener vor dem Schiff, an dessen Bord Re thront.

Totenbuch des Nebseni; aus: Erik Hornung, Das Tal der Könige, Zürich: Artemis 1982.

Im 17. Jh. kennt man die Tradition aus der spätantiken griech. Literatur in etwas anderer Form:

Es bildeten aber die Egyptier die Sonne auch mit einem runden Jünglings-Angesichte/ und setzten sie in ein Schiff/ das von einem Crocodil getragen wurde/ da sie durch das Schiff/ der Sonnen Bewegung in der Feuchte/ durch den Crocodill aber das Regenwasser/ dessen Ursach der Sonne zugeschrieben wird/ andeuten wollen/ worvon sie mit ihren fruchtbaren und heilsamen Strahlen alles/ was schädlich ist/ abscheidet. Dieses schreibet Eusebius. Jamblichus aber/ indem er von der Egyptier Geheimnussen redet/ meldet unter andern/ daß die Egyptier/ wann sie einen Gott in ein Schiff gesetzt/ dardurch gleichsam dessen Steuermann/ und die erste und vornehmste Ursach aller Dinge verstehen wollen/ als welcher dieses gantze Welt-Rund regiere/ und unbeweglich-bleibend/ von oben herab/ die untere/ in gewisser Ordnung an einander hangenden Dinge/ auch durch dieselben diese gantze Welt bewege; eben auf solche Weise als ein Schiffmann durch leichte Bewegung des Steuer-Ruders das gantze Schiff/ wohin er will/ bewegen und lencken kan.

Text von Joachim von Sandrart (1606–1688), ICONOLOGIA DEORUM, Oder Abbildung der Götter/ Welche von den Alten verehret worden: Anno M DC LXXX, S.24. (Übersetzung von Vicenzo Cartari, Imagini delli Dei de gl’antichi, Venedig 1647; Auflagen seit 1571)

Bild aus: Vincentii Chartarii Rhegiensis Neu-eröffneter Götzen-Tempel/ Darinnen Durch erklärte Darstellung deroselben erdichtete Gestalt/ die bey dem Heydnischen Götter-Dienst/ vor alten Zeiten gewöhnliche Verehrung/ Anbettung/ und herrliche Kirchen-Gepräng; Vorgestellet Zu höchst benöthigtem Dienst und augenscheinlichen Vortheil der jenigen/ welche die Geschichte so wol als Gedichte der alten bewehrten Scribenten/ nicht weniger mit Nutzen lesen/ als auch gründlich verstehen wollen. Zum ersten mahl ins Deutsche gegeben mit deß weyland ... geheimbten Raths/ Herrn Pauli Hachembergs, hin und wieder beygetragene gelahrte Vermehrung Und LXXXIIX. Kupffer-Figuren geziehret. Franckfurt: Bourgeat 1692.

Noah

Ein vorsintflutliches Schiff baute Noah auf Geheiss Gottes, um alle Lebewesen über die Sündflut zu bringen. Das Material Gofer-Holz und die Technik des Verpichens sowie die Maße, die Konstruktion mit drei Stockwerken und dem Lichteinlass zuoberst werden 1.Mos. (Genesis) 6,14ff. angegeben:

Mach dir einen kasten von Tannen holtz/ und mach kameren darinnen/ und verpich sy mit päch innwendig und außwendig/ und mach sy also.
• Dreyhundert ellen sey die lenge/ fünfftzig ellen die weyte/ und dreyssig ellen die höhe.
• Ein fenster soltu daran machen oben auff/ einer ellen groß.
• Die thür soltu mitten in ir seyten setzen.
• Die Arch aber oder Kasten wirstu in dreü gemach teylen/ in das underst/ dz mittel/ und oberst.
Dann sihe/ ich wil einen wasserguss kommen lassen auff erden/ zuo verderben alles fleisch/ darinn ein läbendiger athem ist under dem himel: alles was auff erden ist/ sol undergon/ aber mit dir wil ich einn pundt auffrichten/ und du solt in den kasten gon mit deinen sünen/ mit deinem weib/ und mit deiner sünen weybern.
Und du solt in den kasten thuon allerley thier von allem fleysch/ ye ein par/ männlin und fröwlin/ das sy läbendig bleybind bey dir. Von den vöglen nach jrer art/ von dem vich nach seiner art/ und von allerley kriechenden thieren auff erden nach seiner art. Von denen allen sol ye ein par zuo dir hineyn gon/ das sy läbendig bleybind
. (Zürcher Bibel 1531)

Andere dt. Übersetzungen:

> http://www.zeno.org/nid/20005319811 (Luther 1545)
> https://www.schlachterbibel.de/de/bibel/1_mose/6/
> https://www.bibleserver.com/ELB/1.Mose6 (Elberfelder Bibel)
> http://www.qbible.com/hebrew-old-testament/genesis/6.html#14 (hebräischer Text)

So erbaut Noah die Arche:

[Hartmann Schedel], Liber chronicarum. Buch der Cronicken vnd gedechtnus wirdigern geschihten von anbegyn d werlt bis auf dise vnßere zeit, Nürnberg: Anton Koberger 1493. (Ausschnitt)
> https://www.e-rara.ch/bau_1/content/zoom/20856028
> wikimedia

 

Kupfer von Melchior Küsell in: Icones Biblicae Veteris et Novi Testamenti. Figuren Biblischer Historien Alten und Neuen Testaments – Proprio aere aeri incisae, et venales expositae a Melchiore Kysel, Augustano. Impressum: Augustae Vind. anno Christiano MDCLXXIX.

Athanasius Kircher (1602–1680) hat der (und allen zoologischen Insaßen!) ein umfangreiches Buch gewidmet. Hier der Einstieg der Tiere:

Athanasii Kircheri è Soc. Jesu Arca Noë: In Tres Libros Digesta, Quorum I. De rebus quae ante Diluvium, II. De iis, quae ipso Diluvio ejusque duratione, III. De iis, quae post Diluvium à Noëmo gesta sunt; Quae omnia novâ Methodo, Nec Non Summa Argumentorum varietate, explicantur, & demonstrantur, Amsterdam 1675.
> http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/kircher1675

Der Gesamtplan der (auf drei ausfaltbaren Folioseiten nach pag. 166):
> https://archive.org/details/athanasiikircher1675kirc/page/n168/mode/1up

Ein genauer Plan der Unterbringung aller Geschöpfe findet sich auch hier:

David Martin (1639–1721), Histoire du Vieux et du Nouveau Testament, Enrichie de plus de quatre cens figures, A Amsterdam: chez Pierre Mortier 1700. (nach p.12)

On a beaucoup de peine à comprendre comment Noé put placer dans l’Arche toutes les espéces des animaux, & toutes les provisons nécessaires pour les faire vivre une année entiere. ...

Das Bild basiert auf der Darstellung von Wilhelmus Goeree (1690).

Was geschah, als die fertiggestellt und bestiegen war, wissen wir, vgl. das Datum in der Randglosse:

                      

Kupfer nach einer Zeichnung von Jan Luyken(?) in: Historiae celebriores Veteris (et Novi) Testamenti iconibus repraesentatae et ad excitandas bonas meditationes selectis Epigrammatibus exornatae, Nürnberg: Chr. Weigel 1712. (Ausschnitt)

Arche und Sintflut sind eine Geschichts-Tatsache und eine Allegorie zugleich: Es darf niemand glauben, […] man habe es hier lediglich mit geschichtlichen Tatsachen ohne jede allegorische Bedeutung zu tun, oder umgekehrt, dies habe sich überhaupt nicht zugetragen, sondern es handle sich nur um Redefiguren […]. Augustinus (354–430) zum Thema in Civitas Dei XV, 27

Hugo von St. Viktor (um 1097 – 1141) hat dies ausführlichst allegorisch ausgelegt in seinem Traktat »De arca Noe mystica«:

1125 / 1130. Shown as it might have appeared if constructed at the convent of Hohenbourg during the abbacy of Abbess Herrad in the late twelfth century. —
Erklärt in C.Rudolph, Fig. 10.
> https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Mystic_Ark.jpg

Patrologia Latina, tom. CLXXVI, 681–704.

Hugh of Saint-Victor: Selected spiritual writings, translated by a religious of C.S.M.V.; with an introduction by Aelred Squire, London: Faber 1962 [contains a translation of the first four books of De arca Noe morali].

Hugonis de Sancto Victore, De archa noe, Libellus de formatione , cura et studio Patricii Sicard (Corpvs Christianorvm / Continuatio mediaeualis 176) Turnout: Brepols 2001.

Conrad Rudolph, The Mystic Ark: Hugh of Saint Victor, Art, and Thought in the Twelfth Century, Cambridge University Press 2014.
Translation with Commentary > pp. 379–502
Diagrams > https://mysticark.ucr.edu/the-illustrations/mystic-ark-diagrams/

Von Abraham a Sancta Clara stammt vermutlich dieses Emblembuch, in dem die Arche auf Maria bezogen wird, die – im Gegensatz zu den Gerechten in der biblischen Arche-Erzählung – eine Zuflucht der Sünder ist:

Der in deß Noe Arch
    Nicht zeitlich sich begeben/
Hat in dem Sünden Fluß  
[in der Sintflut]
    Sein Lebens-Geist auffgeben;
Ein bessere Archen ist
    MARIA in Gefahren
Der Seelen/ vnd deß Leibs/
    Welches ihr viel erfahren.

Stern/ So auß Jacob auffgangen MARIA, Deren Heilige Lauretanische Litaney mit so viel Sinn-Bildern/ als Titulen Mit so viel Lob-Sprüchen als Buchstaben in jedem Titul seyn/ vermehret/ vnd gezieret worden von Theophilo Mariophilo, Wien: F.A. Groner 1680.
> https://digital.blb-karlsruhe.de/urn/urn:nbn:de:bsz:31-91569

Der Untergang von Tyros

Tyros / Tyrus war eine phönizische Metropole, Hafenstadt an der Mittelmeerküste; die Häfen lagen in der Antike auf einer Insel ca. 800 m vom Festland entfernt. Der Handel am Umschlagplatz Meer/Land brachte de Stadt zu einer Blüte; sie war Rivalin Jerusalems. Ezechiel 27,5ff dann wieder Vers 26–34 begründet den ›Untergang‹ (!) von Tyrus aufgrund des Reichtums und des übergroßen Handels symbolisch: Tyrus wird mit einem prächtigen Schiff verglichen:

Deine Erbauer haben dich herrlich geschaffen. 5 Deine Planken bauten sie aus Zypressen vom Senir. Deine Mastbäume machten sie aus Zedern vom Libanon, 6 deine Ruder schnitzten sie aus den Eichen von Baschan. Für dein Deck nahmen sie Kiefernholz aus Kittim und täfelten es mit Elfenbein. 7 Deine Segel waren aus feinstem buntem Leinen aus Ägypten genäht und sie dienten dir als Flagge. Deine Überdachung bestand aus blauem und rotem Purpur von den Küsten von Elischa. 8 Deine Ruderer kamen aus Sidon und Arwad; deine Steuerleute waren kundige Männer aus Tyrus selbst. 9 Die Ältesten aus Gebal und ihre weisen Männer haben die Lecks bei dir ausgebessert. Alle Schiffe auf dem Meer und ihre Seeleute kamen zu dir, um mit dir Handel zu treiben. [usw.]

26 Deine Ruderer haben dich auf die hohe See hinausgeführt. Aber ein Sturm aus dem Osten zerschmettert dich mitten auf dem Meer! 27 Deine Reichtümer, Waren und Güter, deine Steuermänner und Matrosen, die Männer, die deine Lecks ausbessern, die Kaufleute, die bei dir Waren eintauschen, und die ganzen Soldaten, die bei dir sind, sie alle, die du bei dir hast, werden mitten ins Meer fallen am Tag deines Niedergangs [usw.]

> https://www.bibleserver.com/NLB/Hesekiel27
> https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/ez27.html

https://www.bibelkommentare.de/lexikon/2605/tyrus

Walther Zimmerli, Bibelkommentar zum AT, Ezechiel II (1969), S. 638–648.

Markus Saur, Der Tyroszyklus des Ezechielbuches (Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft Band 386) > https://doi.org/10.1515/9783110211047

Die üppigen Gottlosen versinken im Meer

Text oben: Exodus (2.Mos., nach dem Durchzug durchs Schilfmeer) 15,8ff.: Beim Schnauben deines Zorns türmte sich das Wasser, die Strömungen standen wie ein Damm, die Fluten gerannen im Herzen des Meeres. […] Da schnaubtest du Sturm. Das Meer deckte sie zu. Sie sanken wie Blei ins tosende Wasser (Elberfelder Bibel / Einheitsübersetzung)

unten: Hiob 21,12f. (Das Wohlergehen der Gottlosen): Sie brauchen Pauke und Laute und sind fröhlich beim Klang der Schalmei. Sie verbringen ihre Tage in Wohlleben und fahren in einem Augenblick in das Totenreich hinab.

Im Bild links oben entflieht die Zeit (Fugit irreparabile Tempus)

rechts oben: die günstige Gelegenheit (Occasio) ist am Hinterhaupt kahl

Die Raben krähen von den Masten herunter Cas, cras (morgen!)

Promontorium malae spei impiis periculose navigantibus propositum : Siue Signum & Nota Reprobationis: Procrastinatio Poenitentiæ. Scripta Cautela Hominum Emendatione Vitæ cunctantium Spe Aliqvando resipiscendi / Avctore R.P. Pavlo Zehentner Soc. Iesv Theologo [1589–1648]. Sumpt. Seb. Haupt., 1643.

(= Das Vorgebirge der schlimmen Erwartung, den Gottlosen, gefährlich Segelnden vor Augen gestellt: Oder Zeichen und Zeugnis des Tadels: Verzögerung der Reue. Schriftliche Warnung an die Menschen, die zögern, ihr Leben zu verbessern, in der Hoffnung, sie würden irgendwann vernünftig, verfasst von Ehrwürden Pater Paul Zehentner S.J.)

> https://archive.org/details/bub_gb_6e2VIHA1hNsC/page/n6/mode/1up

> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10223807?page=7

Der im Schiff ohne Mastbaum Schlafende

Aegidius Albertinus (1560–1620):

Aus den weitschweifigen Erläuterungen einige Auszüge:

Der H. Gregorius betrachtet den geschwinden Lauff vnd die Schwachheiten des menschlichen Lebens/ vnd sagt es sey gleich einem der auff dem Meer in einem Schiff fähret. Dan ob schon ein solcher stehet/ oder sitzet/ oder ligt/ oder schläffet/ so fährt er doch fort/ vnnd gelanget letzlichen zum Port: Also/ ob wir schon wachen/ oder schlaffen/ oder ligen/ oder wandern/ so gelangen wir doch wider oder mit vnserm Willen zum End deß Lebens […]

Von wegen dieses vnnatürlichen Schlaffes periclitiret [von lat. periclitari ›etwas riskieren‹, ›in Gefahr sein‹] das Schiff der Religion/ und stehet bißweilen in grosser Gefahr/ sibenerley Vrsachen halben/

dan erstlich wie ein materialisches Schiff verdirbt vnd vndergehet/ war es nicht fleissig versorgt vnd vnd verpöcht ist/ vnd Spalten/ Klumsen oder Löcher hat/ also verdirbt der innerliche Mensch/ vnd gehet zu grund/ wan die Löcher oder Klumsen der äusserlichen Sinnen über verwahrt werden. […]

Zum andern gehet ein Schiff zugrund/ wan es viel zu leicht geladen ist/ dan aldan wehets ein schlechter Wind vmb: Also vnnd ebner Gestalt wird das Schiff der Religion leichtlich umbgewehet vnd versenckt/ wan der Geistlichen Sitten liederlich seynd.

Drittens stehet das Schiff in Gefahr/ wan es überladen wird: Also gehts übel zu/ wan die Geistlichen vnd Religiosen sich mit der Bürd der Weltlichen Geschäfft vnd Sorgen zu viel belaben […]

Vierdtens periclitiret das Schiff/ wan es an einen Felsen anstosset: Durch den Felsen wird bedeut die Ergernuß/ welche bißhero viel Menschen auffm Weeg deß Heils verhindert/ vnd abwendig gemacht hat.[…]

Zum fünfften stehet das Schiff in höchster Gefahr/ wann die Schiffleut nicht fleissig rudern/ vnd die vngestümme Wellen vberwinden/ das Schiff der Religion gehet alsdan zugrund/ wan die Geistlichen vnd Religiosen nichts fruchtbarliches arbeiten/ sondern vermeynen sie können durch den Müssiggang und durchs Wolleben selig werden.

Zum sechsten/ wie das Schiff Gefahr außstehet/ wan es nit vom guten Wind fortgetrieben wird; Also stehet das Schiff der Religion in Gefahr/ wan es nit vnauffhörlich von dem guten Wind deß H. Geistes fortgetrieben wird.

Beschließlichen/ wie alsdan die Gefahr eines Schiffs noch grösser ist/ wan der Pilot oder Meister deß Schiffs schlaffet: Also muß die Religion oder ein Convent nothwendig verderben/ wan der Prælat ligt und schläffet/ vnd hinlässig ist […]

Hiren schleifer, München Niclas Hainrich 1618. — Hier nach der Ausgabe Aegidii Albertini Hirnschleiffer, Cöllen: bey Constantino Münich, 1664, S.216–232.

Kunst statt Stärke

PLUS ARTE, QUAM ROBORE

Soll das Schiff ohn gefahr durch felsen, schrofen, waden,
     Und trübsand gehen hin, muß Vortheil thun das best
Gewalt und ungestümm bringt offt den grösten schaden.
     Darumb der Held auf Kunst sich mehr als stärck verlest.

(Es folgen mehrere Seiten Kommentar.)

Joh. Hain. Haglganß [1606–1653], Christlicher Hochtheurer Helden Tugend-lauff in Sinnbildern vorgestellet, Nürnberg: Paulus Fürst 1651.
> http://diglib.hab.de/drucke/41-2-geom-4s/start.htm?image=00057

Schiff und Ruder von Cupido – allegorisch gedeutet

Johann Andreas Pfeffel (1674–1748): Cupido benutzt seinen (etwas phallusartig aussehenden) Köcher als Boot und hält in jeder Hand einen Pfeil als Ruder:

   

Güldene Aepfel in silbernen Schalen, das ist, Worte geredet zu seiner Zeit über 400. Sinnbilder von allerley Zeiten und Umständen des menschlichen Lebens zur Beförderung der Erbauung heraus gegeben von Johann Andreas Pfeffel, Augspurg: Detleffsen 1746.

Kommentar in der Münchner Emblemdatenbank: Ebenso, wie Cupido keine weiteren Hilfsmittel braucht, ein Gewässer zu überqueren, da er seinen Köcher als Boot und seine Pfeile als Ruder benutzen kann, benötigt ein tugendvoller und gottesfürchtiger Mensch nichts als seine Frömmigkeit, um mit Gottes Hilfe seinen Weg zu gehen.

Symbolische Demonstration der Hilfeleistung mittels einer Schiffahrt

1456 wollten die Zürcher den Straßburgern beweisen, dass sie zwecks Hilfeleistung (Städtebündnispolitik) innerhalb eines Tages dort sein konnten. Sie nahmen in ihrem Boot (Strecke: Limmat – Aare – Rhein mit den Stromschnellen bei Laufenburg) einen Topf mit heißem Hirsebreit mit, der am Ziel noch warm war. Diese Fahrt wurde am 20. Juni 1576 von 54 Bürgern wiederholt. Militärisch kann sie nicht von Belang gewesen sein – die Aktion hatte einen symbolischen Wert.

Johann Fischart (1546/7 – 1591) verfasste aus diesem Anlass das Gedicht »Das Glückhafft Schiff von Zürich«.

Das Glückhafft Schiff von Zürich. Ein Lobspruch vonn der Glücklichen vnd Wolfertigen Schiffart einer Burgerlichen Geselschafft auß Zürich auff das außgeschriben Schiessen gehn Straßburg den 21. Junij des 76. jars nicht vil erhoerter weiß vollbracht. Darzu eines Neidigen Vervnglimpfers schantlicher Schmachspruch von gedachtem Glückschiff: Samt desselbigen Notwendigem Kehrab ist gethan worden. [Straßburg: Jobin] 1577.
http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001BF1A00000000

Immer wieder wird auf die Beschwerlichkeit der Reise verwiesen, auf die Mühsal der Rudernden, auf ihren arbeitsamen fleiß (Vers 58; vgl. den ganzen Passus 29ff.):

Je meh von jnen der Schwais flos,
Je meh Muts jn die Rais eingoß.
Dan arbait, mühde, Schwais vnd Frost
Sind des Rums vnd der Tugend kost:
[kost ≈ Aufwand, um etwas zu erreichen]
Das sind die staffeln vnd stegraif,
Darauf man zum lob steiget steif.
[steif ≈ die Richtung bewahrend]
Mit müsiggang vnd gmachlichkait
Man kainen Namen nicht berait. [bereiten ≈ erschaffen, hervorbringen]
Die schimlig faulkeit vnd wollüst
Ligen vergraben inn dem Mist,
[…] (617ff.)

Im Gegensatz zu Jason und seine 50 Gefährten auf dem Schiff Argo half den (54) Zürcher Schiffern keine Medea mit Zaubermitteln, und das Ziel war auch kein Goldenes Vließ:

[Fischart wünscht, dass die Zürcher Schiffer] Rhumshalb empfangen,
Was der Held Jason thät erlangen
Samt seinem Schiff, Argo gehaisen,
Nämlich, das man sie lang mög preisen,
Diweil sie vnterstunden mehr,
Als des Jasons Gselschaft zu Mör,
[Meer]
Bedacht, das sie kain bhelf nicht haten
[behelf ≈ nützliche Hilfe]
Von Winden, die sie treiben thaten,
Noch Segeln, die sich treiben lisen,
Davon wie ain Delphin zuschiesen,
Sonder durch kecken Mut allein
Vnd vbung starker Arm vnd Bain
Fuhren sie als vom Windsgewalt
Vnd als von Segeln fortgeschalt.
[schalten ≈ bewegen eines Schiffs]
Auch sinds nach kainem Gold geraißt,
(Wie solchs das Gulden Vellus haißt),
Sonder nach Rum vnd Freuntschaft ehrlich,
Das war jr Gulden Wider herlich,
Vnd haben solchs fridlich ersigt,
Nit wie jene durch gwalt erkrigt.
[durch Krieg erlangt]
Drum hat meh Rum die Zürchisch freuntschaft,
Dan die Jasonisch Argisch gmainschaft.
(1145–1166)

Edition von Karl Halling 1828 [mit Worterklärungen]
> https://www.projekt-gutenberg.org/fischart/schiff/chap002.html

Jakob Bächtold, Das glückhafte Schiff von Zürich nach den Quellen des Jahres 1576, Zürich: Orell, Füssli 1880. [Literarhistorische Situierung in der Einleitung]
https://www.digitale-sammlungen.de/de/details/bsb11469424

Johann Fischart, Das Glückhafte Schiff von Zürich (1577), hg. von Georg Baesecke, Niemeyer 1901 [Ergänzungen zu Bächtold]
> https://archive.org/details/bub_gb_tD8aAAAAYAAJ

Ausgabe hg. von Alois Haas, Reclams UB 1951, Stuttgart 1967.

Thomas Sprecher, Geschichte der Zunft zur Schiffleuten von Zürich, Küsnacht 2017. Band 1, S. 168–197

Lavieren

Zur politischen Klugheit gehörte während Jahrhunderten die Regel: Um bei widrigen Umständen dennoch zum Ziel zu gelangen, muss der Hofmann (mit einer noch heute gebräuchlichen Metapher) ›lavieren‹ können. Das Wort ›lavieren‹ kommt aus der Segeltechnik, wo es meint: ›gegen den Wind kreuzen‹ oder auch ›günstige Winde abwarten‹; vgl. Grimm, DWB s.v.

Aus: Wie funktioniert das? Meyers erklärte Technik Band 1, Mannheim: Bibliograph. Institut 1963, S. 677.

Baltasar Gracián schreibt 1647:

Ein weiser Mann […] bescheidet sich/ daß er bey dem auff ihn stürmenden Ungestüm/ eben als wie ein kluger Steuermann laviren und den Sturm mit Gedult aushalten müsse. Auff der See menschlichen Lebens ereignen sich vielerley Stürme und Ungewitter/ […] (»Handorakel« Maxime CXXXVI).

Der das Hofleben aus eigener Anschauung kennende und stets kritisierende Toggenburger Dichter Johann Grob (1643–1697):

Vergleichung des hoflebens mit der schiffahrt

Das meer läufft auf und ab und wil nicht jeden leiden/
So geht es auch zu hof’/ ach da muß mancher scheiden:
Das meer ist halber salz; zu hof ist scharfe lehr’/
Und wer daselbsten lebt/ der schifft auf wilden meer.
Ein höfling spannet stets die segel nach den winden/
Wer solches nicht versteht/ der bleibet weit dahinden/
Doch ist ein guter theil/ so nicht laviren kan/
Den häftet mitlerzeit der hofungsanker an.
Man wil nach Laplands art auch wol die winde lauffen/
Wenn nur kein geld gebricht: man muß oft dapfer sauffen/
Wan gleich kein schifbruch ist/ was seekeank heiß’/ und sei/
Wohnt/ wan es also kömt/ dem meisten hauffen bei.
Die klipen des verdachts/ des neides grosse wellen/
Die pflegen manches schiff urplözlich um zu fellen:
Das glük ist wankelbar/ und braucht den alten schlag/
Drum seüme keiner nicht/ wer füglich länden mag.

Dichterische Versuchgabe bestehend in teutschen und lateinischen Auffschriften, wie auch etlichen Stimmgedichten oder Liederen. Den Liebhaberen poetischer Früchte aufgetragen / von Johann Groben, Gedruckt zu Basel bei Johann Brandmüller, im Jahr 1678; Anderes Buch, Nummer 154.
> https://doi.org/10.3931/e-rara-78709

Schiffs-Kanzeln in Kirchen

In mehreren barocken Kirchen ist die Kanzel in Form eines Schiffs ausgebildet. Das bezieht sich auf das Wunder Jesu vom wunderbaren Fischfang (Lukasevanglium 5,1–11). Nachdem Simon Petrus auf Anraten von Jesus ins tiefe Wasser fuhr und dort wunderbarerweise eine Menge Fische fing, sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. — So sollen es jetzt auch die Prediger tun.

Pfarrkirche Fischlham; Quelle: Wikimedia commons, s.v. Boat-shaped pulpits

Schiffbruch mit Zuschauer

Ziel von Lukrez (Titus Lucretius Carus, ca. 94 – ca. 55 v.u.Z.) ist u.a. die ataraxia = Seelenruhe, d.h. die Ausschaltung von Angst, von Affekten, die durch den seiner Meinung nach unsinnigen Glauben an Mythen und die Propagierung von Götterfurcht entstehen. Ferner: Die Welt wie auch alle Lebewesen bestehen aus zufälligerweise zusammengeratenen kleinsten Teilchen; einige dieser vielgestaltigen Gebilde sind lebensmächtig, andere zerfallen wieder. Es gibt kein Ziel (aristotelisches telos). Nil igitur mors est ad nos (III,830). Der wahre Philosoph betrachtet dies affektfrei.

Vor diesem Hintergrund ist der Beginn des 2.Buchs von »De rerum natura« zu verstehen:

Suave, mari magno turbantibus aequora ventis
e terra magnum alterius spectare laborem;
non quia vexari quemquamst iucunda voluptas,
sed quibus ipse malis careas quia cernere suave est.

Süß ist’s anderer Noth bei tobendem Kampfe der Winde
Auf hochwogigem Meer, vom fernen Ufer zu schauen;
Nicht als könnte man sich am Unfall andrer ergötzen,
Sondern dieweil man es sieht, von welcher Bedrängniß man frei ist.

Der Übersetzer Karl Ludwig von Knebel (1744–1834) nennt sich erst auf dem Titel der 2.verb. Auflage 1831; erste Auflage Leipzig: Göschen 1821.

Die Texstelle wurde häufig – oft in sehr zynischem Sinne und falsch verstanden – zitiert, vgl. dazu Hans Blumenberg, Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigmen einer Daseinsmetapher, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1979 (stw 289).

Hier eine Variante:

Johann Joachim Ewald (1727 bis nach 1762)

Der Sturm

Es wird auf einmahl Nacht, die Winde heulen laut,
Und Himmel, Meer und Grund wird wie vermengt geschaut.
Das Schiff fliegt Sternen zu, stürzt wieder tief herab,
Läufft unter Wellen fort, sieht um sich nichts als Grab,
Hier blitzt, dort donnert es, der ganze Aether stürmt,
Die Fluten sind auf Flut, und Wolk auf Wolk gethürmt,
Das Schiff zerscheitert itzt, und mir ... ist nichts geschehn,
Weil ich dem Sturme nur vom Ufer zugesehn.

In der erbosten Welt-Flut

Johann Georg Schoch (1627–1690)

Tanqvam navis in profundo

1.
Was ist die Welt mit ihrer Pracht?
Jhr Thun? darauff Sie Tag und Nacht
Die stoltz-erhabnen Sinne wendet.
Des Hochmuths auffgeblaßner Nord
Macht / daß man nie zur Tugend Port
Die ausgeworffne Barcke lendet.

2.
Die Welt ist die erbooßte Fluht /
Die Wellen-Berge Menschen-Bluth /
Begürdens Ost pflegt uns an Klippen
Den Felß der Wollust anzuwehn /
Daran wir offt zu scheidern gehn /
Wenn sie uns Krachend rückwerts schippen.

3.
Hat Hoffnung Flacken auffgesteckt
Vnd seinen Mast empor gereckt /
Lest auch der Seufftzer Seegel fliegen;
Verschlägt sie offt ein trüber Wind /
Daß sie nicht wissen wo sie sind /
Wo Mast und Tau und Ruder liegen.

4.
Wird uns einmal ein Sonnenschein /
So mag man nur gewärtig seyn /
Der Abend stimme nicht zum Morgen;
Jst guter Wind / das Wetter klar /
So hat man desto eh Gefahr
Vnd Vngewitter zu besorgen.

5.
Verzweifflung treibt den schwancken Kahn
An die verborgnen Scheren an /
Vnd macht ihn fest auff seichten Bancken.
Die Tieffen seynd der Vnbestand /
Der böß-Gewissens Trübbe-Sand
Weicht aus des Hoffnung Anckers Zancken.

6.
Der Geist ist Schiff- und Steuermann /
Schwingt er sich schon biß Wolcken an /
Vmb Kunst und Weißheit nachzustellen /
Vnd hält der Ehren Steuer-Holtz /
Doch hat er eignen Ruhm und Stoltz /
Vnd Neid zu schlimmen Boo
<t>ß-gesellen.

7.
Vernunfft ist Bleywurff und Compas /
Die Schrifften Helena / und was
Pollux und Castor seynd bey Nachte:
Doch aber beihth Witz und Verstand
Dem müden Schiffer nicht die Hand /
So wallt das Schiff auch trefflich sachte.

Vernunft ist Lot und Kompass, die <Kenntnisse aus> Schriften <sind>, was Helena, Pollux und Castor sind bei Nacht, <nämlich Leitsterne>: doch bietet Witz und Verstand dem müden Schiffer nicht die Hand, <dass er selber steuern kann>, so geht das Lebensschiff doch gemächlich seinen Weg.

8.
Vnd haben wir nun manchen Straus /
Vnd manchen Sturm gestanden aus /
So kömmt das letzte Vngewitter /
Das wirfft die krancken Blancken ein /
Vnd was wir vor gewesen seyn /
Das zeugen nur noch wenig Splitter.

9.
Wer wolte denn mit frohem Muth
Nicht rückwerts lassen See und Fluth
Vnd nicht an stille Haffen lenden.
Mein Wundsch geht nach der Ewigkeit /
Vnd wie ich möchte mit der Zeit
Nach wundsche meine Reise enden.

Johann Georg Schoch, Neu=erbaueter Lust= und Blumengarten, Leipzig 1660. Das XC. Lied.

Das Kreuz als Mastbaum usw.

Was ist diß elend Leben? ein breites Jammer-Meer …

Passions-Schiff / Auf welchen alle Christen / vermittelst wahren Glaubens / durch diß Threnen-Thal in das gelobte Vatterland / segeln können, Nürnberg: Paul Fürst [ohne Jahresangabe, ca. 1650].

Links im Bild: Mond, Gewitter, gefährliche Klippe

rechts in Fahrtrichtung: Sonnenschein, die fünf Quellen aus dem Felsen sollen an die fünf Wunden Jesu erinnern;

unten im Meer schwimmen teuflische Wassertiere und der Tod mit Sanduhr und Sense.

Besatzung: die drei theologischen Tugenden (1. Kor. 13,13) v.l.n.r. Glaube – Hoffnung – Liebe

Der Schiffmast ist das Kreuz Christi mit den sog. "arma Christi" (Leidenswerkzeuge während der Passion), die Creutz-Schrifft I.N.R.I. ist die Flagge

> Nürnberg GNM 24669/1337

> https://commons.wikimedia.org/wiki/File:23_676666M.jpg

Das Schiff der Kirche

Bezugstext für die Symbolik der Kirche als Schiff ist

Matthäusevangelium 8,23–26 (Einheitsübersetzung) Und siehe, es erhob sich auf dem See ein gewaltiger Sturm, sodass das Boot von den Wellen überflutet wurde. Jesus aber schlief. Da traten die Jünger zu ihm und weckten ihn; sie riefen: Herr, rette uns, wir gehen zugrunde! Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen? Dann stand er auf, drohte den Winden und dem See und es trat völlige Stille ein. Die Menschen aber staunten und sagten: Was für einer ist dieser, dass ihm sogar die Winde und der See gehorchen? (Vgl. Markus 4,35–41; Lukas 8,22–25)

Holzschnitt von [Tobias Stimmer und?] Christoph Murer (1558–1614):

aus: Sacra Biblia: das ist die gantze H. Schrifft Alten und Newen Testaments nach der letzten römischen Sixtiner Edition, ... mit Fleiss ubergesetzt durch den ehrwirdigen und hochgelehrten Herren Casparum Ulenbergium … Gedruckt zu Cöln durch Johannem Kreps 1630.

Kupferstich von Bernard Picart (1673–1733):

Taferelen der voornaamste geschiedenissen van het Oude en Nieuwe Testament, En andere boeken, bij de heilige schrift gevoegt, door de vermaarde kunstenaars Hoet, Houbraken, en Picart getekent, en van de beste meesters in koper gesneden, en met beschrijvingen uitgebreid. ’s Graavenhaage: Pieter de Hondt 1728.

Dazu schreibt Tertullian (160–220), »De baptismo«, Kap. 12:

Übrigens diente jenes Schifflein als Sinnbild der Kirche, weil sie im Meere, d. h. in der Welt – von den Wogen, d. h. durch die Verfolgungen und Versuchungen, beunruhigt wird, indem der Herr in seiner Nachsicht gleichsam schläft, bis er, durch die Gebete der Heiligen zuletzt aufgeweckt, die Welt bändigt und den Seinigen die Ruhe wieder schenkt.

In der Reformationszeit gerät das Schiff der Kirche in einen neuen Sturm: Johannes Lichtenberger, Practica und Pronostication, [Augsburg] 1526:

Die Kirch im schiff mit jren riemen genaigt...

[Es wird] dem schiflein sant Peters/ etliche ferligkait villeicht zuokomen/ Es wirt laider das yetzgenant schiflein geiaget hin vnd wider/ mit mancherlay betrüebnus/ verfolgung vnd raitzung […] Doch wissen wir wol das das schiflein sant Peters nit vnnder geet/ wiewol es in vilen stürmen vnd schlegen des möres vnd der windt offt wider vnd für geworffen wirt.

> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00029525/image_19

Friedrich von Logau, Deutsche Sinn=Sinngetichte, 1654 (Erstes Tausend, Viertes Hundert, Nr. 88):

Die Welt ist wie das Meer; ihr Leben ist gar bitter;
Der Teuffel machet Sturm; die Sünden Ungewitter;
Drauff ist die Kirch ein Schiff; vnd Christus Steuer-Mann;
Sein Segel ist die Rew; das Creutze seine Fahn;
Der Wind ist Gottes Geist; der Ancker das Vertrauen/
Dadurch man hier kan stehn vnd dort im Port sich schauen.

Das Schepken Christi ist zum Signet der Ev.-ref. Kirche Bayerns und Nordwestdeutschlands (mit Sitz in Leer) geworden. Es geht auf die Darstellung des rettenden Schiffs über einem Portal der ehemaligen Großen Kirche Emden zurück. 1660 brachten Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden das Relief an der Kirche an; es überstand in situ die schweren Zerstörungen des 2. Weltkriegs. (Beitrag von Rosa Micus)

Wider den Kleinmut

Guillaume de la Perrière, Theatre des bons engins, Paris: Denis Janot [1544]
> https://www.emblems.arts.gla.ac.uk/french/emblem.php?id=FLPa043

XLIII.
VErtu de bras fait voguer la gallée
[galère],
Malgré des vents, ses forces, & renforts.
Ce que nous fait demonstrance assez claire,
De ceulx, qui ont les couraiges peu forts.
Si d’adventure on n’est par ses efforts,
Du premier coup parvenu, ou l’on tend,
Sans desespoir, osté ce qu’on pretend,
Par aultre endroit il fault qu’on y pourvoye:
Car qui ne peult venir, ou il s’attend,
Par un costé, si cherche une aultre voye.

Die Wirksamkeit des Arms lässt die Galeere fahren, trotz Winden, <das ist> ihre Kraft und Unterstützung. Das gibt uns <e contrario> eine recht klare Vorstellung von denen, die einen wenig festen Mut haben. Wenn man umständehalber mit seinem Aufwand nicht auf Anhieb zum Ziel gelangt ist, muss man unverzagt, unter Verzicht auf das Vorgenommene, auf anderem Weg dafür sorgen: Denn wer nicht von der einen Seite hinkommen kann, wo er erwartet, sucht sich eben einen andern Weg. (Dank an Th.G. in W. für die Übersetzung!)

Seefahrt als Bild für das Pflügen auf Neuland

(T.G.in W.) Der Beginn der Feldarbeit wird wie ein Auslaufen mit dem Schiff empfunden: Die Fläche – Wasser oder Erde – und das Wetter verlangen Vorsicht. Das Bild ist eine Umkehrung der viel geläufigeren Darstellung des Meeres als Feld, das die Schiffe durchpflügen:

At prius ignotum ferro quam scindimus aequor,
ventos et varium caeli praediscere morem
cura sit ...

Aber bevor wir mit dem Eisen die unbekannte Fläche [aequor wird im Lat. für Land- wie Meeresflächen verwendet] zerteilen,
gilt es, die Winde und die wechselnde Laune des Himmels zu erkunden.

Vergil, Georgica I,50–52

Ein Schiff, das das niemals schwimmen sollte

(Marc Winter) Obwohl es in der chinesischen Kultur seit langem einen Diskurs gibt über die «Nützlichkeit» oder «Nutzlosigkeit» der Dinge, gingen in diesem konkreten Fall die Urheber wohl etwas sehr weit. Als Teil der neu erbauten Anlage des Sommerpalastes am Stadtrand Pekings liess die Kaiserinwitwe Cixi (1835–1908) einen Pavillon bauen, der als «Marmorboot» bekannt ist und der symbolisch den Seestreitkräften der kaiserlichen Marine ihren Platz signalisierte.

Indem die Kaiserinwitwe den Sommerpalast bauen liess, verwendete sie Staatsgelder, die ursprünglich für den Aufbau einer Seestreitmacht bestimmt gewesen wären, aber die mächtige Cixi entschied, dass ein Sommerpalast wichtiger sei als eine Marine. Ihre Motive waren weniger pazifistisch als vielmehr selbstsüchtig, so zumindest die volkstümliche Rezeption dieses Vorgangs. Das Marmorschiff ist somit als eine symbolische Geringachtung des Militärs zu betrachten und im Beitrag soll die Hintergrundgeschichte erzählt werden, wie es dazu kam, dass ein Boot gebaut wurde, dessen Sinn niemals darin bestand, zu schwimmen oder auch nur abzulegen. Das Marmorschiff ist daher ein Vergnügungsschiff, das für eine ganze Seestreitmacht stehen sollte, das aber als Symbol für die Entrückung des Kaiserhofes in den letzten Jahren des Kaiserreiches steht.

Wir segeln in eine grosse Zeit

Im Winter 1935/36 fehlten ca. zwei Millionen Tonnen Brotgetreide und hunderttausende Tonnen Fett, so daß in Regierungskreisen von einer generellen ›Nahrungsmittelkrise‹ gesprochen wurde.

Hitler war darauf bedacht, die Unterstützung der Massen nicht zu verlieren und den Imageverlust zu vermeiden, der mit der Einführung von Lebensmittel-Rationierungen mitten im Frieden verbunden gewesen wäre. Göring wurde beauftragt, die drohenden Rohstoff-Engpässe mit Hilfe eines Vierjahresplans zu überwinden. Dieser erschien in der Wirtschaftszeitschrift »Der Vierjahresplan« (1937), Folge 4.

John Heartfield (1891–1968) in: Volks-Illustrierte, Nr. 39, 29.9.1937

Der Titel Windstärke 1917 bezieht sich auf die Lebensmittelrationierung im 1.Weltkrieg, wo 1915 die Brotkarte eingeführt wurde und 1917 eine Hungersnot ausbrach.

Texte im Bild: »Ich scheue mich nicht davor, die Brotkarte einzuführen. Ob das populär ist oder nicht, darauf pfeife ich«. General Göring in Stuttgart.
Macht euch bereit, macht euch bereit, jetzt segeln wir in die GROSSE ZEIT!

Quelle > https://heartfield.adk.de/node/6867

Die Sirenen bedrohen die Schiffer

••• Diese Erzählung kennen wir: Kirke weissagt dem Odysseus (Homer, »Odyssee« XII,39ff.):

Welcher mit törichtem Herzen hinanfährt und der Sirenen
Stimme lauscht, dem wird zu Hause nimmer die Gattin
Und unmündige Kinder mit freudigem Gruße begegnen;
Denn es bezaubert ihn der helle Gesang der Sirenen,
Die auf der Wiese sitzen, von aufgehäuftem Gebeine
Modernder Menschen umringt und ausgetrockneten Häuten.
Aber du steure vorbei und verklebe die Ohren der Freunde
Mit dem geschmolzenen Wachse der Honigscheiben, daß niemand
Von den andern sie höre. Doch willst du selber sie hören,
Siehe, dann binde man dich an Händen und Füßen im Schiffe,
Aufrecht stehend am Maste, mit festumschlungenen Seilen,
Daß du den holden Gesang der zwo Sirenen vernehmest.

Dann hört Odysseus sie singen (158ff.):

»Komm, vielgepriesener Odysseus, du großer Ruhm der Achaier!
Lenke dein Schiff ans Land und horche unserer Stimme.
Denn hier steuerte noch keiner im schwarzen Schiffe vorüber,
Eh er dem süßen Gesang aus unserem Munde gelauschet.
Und dann ging er von hinnen, vergnügt und weiser wie vormals.«

Usw.; alles nachzulesen hier > http://www.zeno.org/Literatur/M/Homer/Epen/Odyssee/12.+Gesang

••• Die Geschichte war auch im Mittelalter bekannt. Hier Die Fassung in der Enzyklopädie der Herrad von Landsberg († ca. 1196):

Herrad von [Landsberg, Äbtissin von] Hohenburg, »Hortus deliciarum«, ed. Rosalie Green, M. Evans, C. Bischoff, M. Curschmann, (Studies of the Warburg Institute 36), 2 vols., London / Leiden 1979. — fol 221r/v (= Planche 125/6/7); Text # 756.

Hier der Text mit der deutschen Übersetzung von Peter Stotz (1942–2020):

Seculi sapientes scribunt tres syrenas in insula maris fuisse et suavissimam cantilenam diversis modis cecinisse. Una quippe voce, altera tybia, tercia lira canebat. He habebant facies mulierum, alas et ungues volucrum. Omnes naves pretereuntes suavitate cantus sistebant, nautas sompno oppressos lacerabant, naves salo inmergebant. Die Weltweisen schreiben, drei Sirenen hätten sich auf einer Insel des Meeres befunden und auf unterschiedliche Art eine höchst reizvolle Melodie hören lassen, nämlich die eine mit ihrer Stimme, die andere auf der Flöte und die dritte auf der Leier. Sie hatten Gesichter von Frauen, aber Flügel und Krallen von Vögeln. Alle vorbeifahrenden Schiffe brachten sie durch ihren süssen Gesang dazu stillzuhalten, die Matrosen, die sie in Schlaf sinken liessen, zerfleischten sie, die Schiffe versenkten sie im Meer
Cumque quidam dux, Ulixes nomine, necesse haberet ibi preternavigare, jussit se ad malum mastbovm navis ligare, socios autem cera aures obdurare bestopfen, et sic periculum illesus evasit et eas fluctibus submersit. Als aber ein Gewisser Heerführer, Ulixes [Odysseus], notwendig dort vorbeifahren musste, liess er sich an den Mastbaum des Schiffes binden, seinen Gefährten aber mit Wachs die Ohren verstopfen [obturare], und so entging er der Gefahr unversehrt und ertränkte sie [die Sirenen] in den Meeresfluten.
Hec sunt, carissimi, mystica quamvis per inimicos Christi scripta. Das ist, meine Lieben, eine Erzählung mit verborgener Bedeutung, wiewohl Feinde Christi sie aufgezeichnet haben.
Per mare istud seculum intelligitur, quod continuis tribulationibus, procellis, volvitur. Insula est mundi gaudium, quod crebris doloribus intercipitur, sicut litus crebris undis impetitur. Tres syrene que suavi cantu navigantes demulcendo in sompnum vertunt tres sunt delectationes que corda hominum ad vicia molliunt et in sompnum mortis ducunt. Unter dem Meer ist diese Welt zu verstehen, welche andauernd durch Stürme der Bedrängnisse aufgefühlt wird. Die Insel ist die Weltlust, die mit häufig auftretenden Schmerzen durchsetzt ist, so wie auf das Ufer häufig anbrandende Wellen treffen. Die drei Sirenen, welche durch lieblichen Gesang die Seefahrer betören und zum Schlafen bringen, sind drei Annehmlichkeiten, welche die Herzen der Menschen durch Verweichlichung den Lastern anheimgeben und in den Schlaf des Todes führen.
Que humana voce cantat est avaricia, […] Que canit tybia est jactantia, […] Que melos exprimit lira est luxuria, […] Die, welche mit menschlicher Stimme singt, ist die Gier nach Besitz … Die, welche Flöte spielt, ist die Überheblichkeit … Die, welche ihre Weise auf der Lyra erklingen lässt, ist die Fleischeslust …
Facies habebant mulierum, quia nil ita mentem hominis a Deo alienat quam amor mulierum. Alas habebant volucrum, quia semper est instabile mundanorum desiderium; nam nunc hoc appetunt, nunc vero illud concupiscunt. Ungues etiam habebant volucrum, quia omnes quos ad peccata pertrahunt doloribus lacerantes ad inferni cruciatus rapiunt. Sie hatten Gesichter von Frauen, denn nichts entfremdet den Sinn des Menschen so sehr von Gott wie die Liebe zu den Frauen. Sie hatten Flügel von Vögeln, denn die Begierde der weltlich Gesinnten ist stets unbeständig; bald nämlich erstreben sie das oder das, bald aber begehren sie dieses und jenes. Auch Krallen von Vögeln hatten sie, denn die, welche sie zum Sündigen hinzerren, zerfleischen sie unter Schmerzen, und sie treiben sie den Peinigungen der Hölle zu.
Ulixes dicitur sapiens, hic illesus preternavigavit quia christianus populus vere sapiens in navi Ecclesie mari huius seculi superenatat. Timore Dei se ad arborem navis, id est ad crucem Christi ligat, sociis cera, id est incarnatione Christi, auditum obsigillat, ut a viciis et concupiscentiis cor avertant et sola celestia appetant. Syrene submerguntur quia concupiscentie ab eis vigore spiritus premuntur. Ipsi evadunt periculum quia post victoriam ad sanctorum perveniunt gaudium. Mit Ulixes ist der Weise benannt: Er fährt unversehrt vorüber, denn das Christenvolk, das wahrhaft weise ist, fährt im Schiff der Kirche über das Meer dieser Welt hinweg. Aus Furcht Gottes bindet er sich an den Mastbaum des Schiffes, das heisst: an das Kreuz Christi. Den Gefährten versiegelt er mit Wachs – das ist: mit der Fleischwerdung Christi – das Gehör, damit sie ihr Herz von Lastern und Lüsten abwenden und allein nach dem streben, was im Himmel ist. Die Sirenen werden ersäuft, weil die Begierden von ihnen durch die Kraft des Geistes abgewehrt werden. Sie selber entgehen der Gefahr unversehrt, denn sie gelangen sieghaft zu den höchsten Freuden der Seligen

 

• In den »Gesta Romanorum« (vermutlich um 1300 zusammengestellte Sammlung von Geschichten, Legenden, Märchen, Parabeln, Apophthegmata; mit Moralisationen, die auf allegorischer Deutung beruhen. Die älteste bekannte Hs. stammt aus dem Jahr 1342) tönt das so:

Dixit ovidius quod tres fuerunt syrene in quadam insula maris, una cantabat cum cytara. Altera cum lyra. Et tercia cum voce humana, quod omnes in suavem melodiam resonabant ita quod transeuntes juxta insulam abdormire facerent.
Et cum omnes dormire sensissent, ascendebant et eos invadebant et sic interficiebant homines.
Cum vero ulixes transiret et sciret periculum imminem, obturavit aures suas ne sonitum earum audiret et sic evasit.

[Moralisation] Insula maris est iste mundus qui undique circumdatur aquis amaritudinis.
Tres syrene sunt tres qui in mundo sunt ad peccatum incitantia sc[ilicet] caro, mundus et dyabolus.
Tria carmina sunt delicie, divicie, honores; cantat enim caro suaviter in lira, mundus curiose cum cithara, dyabolus, honores et excellentias in voce hnmana.
Caro dicit: Juvenis es et adolescens si penitentia te affligeres teipsum interficeres.
Persuadet enim mundus dicens: juvenis es et ideo debes vacare diviciis aggregandis ut provideas tibi contra senectutem.
Dyabolus persuadat et cantat dicens homini, generosus es et non debes subesse aliquo: fortis es et potens et ideo non despicieris ab aliquo.
Sed ab istis persuasionibus debes obturare aurem tuam cogitando illud [Psalm 57,9]: Sicut cera que fluit auferetur ita pereant peccatores a facie dei.
Sed solus ulixes pertransiit et evasit. Sic quilibet homo humilis qui designatur per ulixem poterit evadere illas tres syrenes.

hg. Hermann Oesterley, Berlin 1872, Nummer 237 (app.41)

Von drei Sirenen, die viele Schiffer ertränkten. Man liest, daß drei Sirenen auf einer Insel waren oder auf einem Werder, die sangen die allersüßesten Weisen. Die eine sang mit menschlicher Stimme, die andere bließ auf einem Rohre und die dritte spielte auf einer Leier. Die Sirenen hatten aber ein weibliches Antlitz, Flügel und Krallen aber wie ein Vogel, und alle Schiffer, die vor ihnen vorüberzogen, die versenkten sie, und die, so in den Schiffen schliefen, die ertränkten und zerrissen sie. Nun geschah es, daß ein Herzog aus Noch vor ihnen vorüberfahren mußte, da befahl er, daß man ihn an den Segelbaum binden sollte und seine Ohren ganz und gar verstopfen, und also kam er hin vor die Sirenen mit allen den Seinen, und die Sirenen ertränkte er im Meere.

Gesta Romanorum, das älteste Mährchen- und Legendenbuch des christlichen Mittelalters. übers. Joh. Th. Gräße, Leipzig 1905. — Die Moralisationen sind hier weggelassen.
> http://www.zeno.org/nid/20007812094

Wer die Moralisation in der mittelhochdeutschen Übersetzung hg. Adelbert von Keller Der Rœmer Tat (Bibliothek der ges. dt. Nationallitteratur 23), Quedlinburg/Leipzig 1841, ganz lesen möchte: >>> hier zum Download

  • Das Meer bedeutet allegorisch die Welt
  • Die drei Sirenen bedeuten die drei wollüste, die mit ihrem Gesang das Herz der Sünder besänftigen, bis diese sterben:
    • geitichait (Habgier)
    • übermuot
    • vnchæusch

••• Der Karikaturist Erich Schilling (1885–1945) zeichnet (nach seiner Wende vom Sozalisten zum Anhänger des neuen Regimes) 1940 diese Karikatur: Der Schwedische Odysseus und die Sirenen

Quelle: http://monsterbrains.blogspot.com/2015/12/erich-schilling.html

Hintergrund: Der Ausbruch des finnischen Winterkrieges im November 1939 und der deutsche Angriff auf Dänemark und Norwegen im Frühjahr 1940 stellten die schwedische Regierung vor eine harte Probe. Ein Kriegseintritt auf Seiten der Alliierten hätte einen Stop der Lieferung von schwedischem Erz für Deutschland bedingt. Vgl. > https://de.wikipedia.org/wiki/Appeasement-Politik

Karikiert sind: König Gustaf V. als Odysseus auf dem Schiff; die Politiker der Alliierten als Sirenen, die den Schweden einflüstern, sich vom Nazi-Reich ganz abzuwenden. Neville Chamberlain (mit Zylinder); links und rechts daneben evtl. Franklin Roosevelt und evtl. Wjatscheslaw Molotow.

Die Jungfrau Maria als Retterin der Schiffbrüchigen

Konrad von Würzburg († 1287), »Die goldene Schmiede« (Verse 139–153)

Maria, muoter unde maget,
diu sam der morgensterne taget
dem wiselosen armen her,
daz uf dem wilden lebermer
der grundelosen werlde swebet:
du bist ein lieht daz imer lebet,
und im ze sælden ie erschein
swenn ez der sünden agetstein
an sich mit sinen creften nam.
swaz die syrene trügesam
versenken wil der schiffe
mit süezer doene griffe,
diu leitest, frouwe, du ze stade;
din helfe uz tiefer sorgen bade
vil mangen hat erledeget.

Maria, Mutter und Jungfrau,
die wie der Morgenstern der führerlosen armen Schar leuchtet,
die auf dem wilden Lebermeer [in dem alle Schiffe stecken bleiben] schwimmt,
Du bist ein Licht, das ewig lebt
und immer zum Heil erschien,
wenn sie der Magnetstein der Sünden
mit seinen Kräften an sich zog.
Alle Schiffe, welche die trügerische Sirene
mit dem Griff süßer Töne versenken will,
leitest Du, Herrin, ans Ufer;
Deine Hilfe hat sehr viele aus dem ›Bad‹ tiefer Gefahren erlöst.

hg. von Wilhelm Grimm, Frankfurt/M. 1819; ders. Berlin 1840; hg. Edward Schröder Göttingen 1926; hg. Karl Bertau 2012.

Das Schiff des Heils kommt an

Die Darstellung auf einem zu Neujahr gedachten Einblattdruck (15.Jh.) soll das große Heil versinnbildlichen, das von dem Lande der Verheissung Aegypten ausgegangen nach Europa gelangte, um alle Güter des Christentums den Gläubigen mitzuteilen:

Maria (nicht Caritas, wie F.v.Bartsch schreibt, diese ist nie nimbiert) legt die Leinen jetzt zusammen (sie ›schießt das Tau auf‹).

Das Jesuskind (mit Kreuznimbus) auf dem Vorderteil stehend und die grosse Rahe richtend, weist mit der linken Hand auf einen Bandstreifen mit den Worten

Zuch uff den segel wir sint am land
und bringen gud ior manger hand.

Auf dem Hinterteil des Schiffes bläst ein kleiner sitzender Engel eine Tuba.

Ein zweiter Engel ist am Mastbaum hinaufgeklettert, um dort die Segel zu bergen.

Den unteren Schiffsraum erfüllen Warengüter. Im Unterrande liest man:

Von Allexandria kom ich har gefarn
Und bringe vil guoter ior
[Jahre] die wil ich nit sparn.
Ich wil sie geben umb kleines gelt
Rechtun und got liep ha[n] ich damit wol v[er]gelt.
[≈ ich erhalte dafür von Euch Gläubigen Rechtschaffenheit und Gottes Liebe — oder: Eure Rechtschaffenheit und Liebe zu Gott habe ich damit (mit den guten Jahren) gut abgegolten / belohnt]

Ungenügend ist die Beschreibung von Friedrich von Bartsch, Die Kupferstichsammlung der K.K. Hofbibliothek in Wien in einer Auswahl ihrer merkwürdigsten Blätter, Braumüller 1854. Sie wurde verbessert durch Thomas Gehring.
Bild > https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Von-Allexandria.jpg

Sankt Brandan (Brendan), der Heilige der Seefahrer

Es gilt, zwei Fassungen zu unterscheiden:

• die »Navigatio« (lateinisch): Brandan hört von der Terra Repromissionis Sanctorum und fährt mit seinen Gefährten 7 Jahre übers Meer, um dieses paradiesische Land aufzusuchen. Lockere Folge von Einzelepisoden. Symbolik: Lebensfahrt zum Paradies;

• die «Reise» (niederländische Handschriften; deutsches Volksbuch): Brandan liest ein Buch, in dem die Wunder Gottes aufgezeichnet sind. Das erscheint ihm unglaubwürdig und er verbrennte es. Ein Engel erscheint und befiehlt ihm auszureisen, um die Wunder mit eigenen Augen zu sehen.

Zusammenfassung der deutschen Version auf https://de.wikipedia.org/wiki/Brendan_der_Reisende

Einmal begegnen die Seefahrer einem Fisch, der so groß ist, dass sie vier Wochen fahren müssen, bis sie zu seinem Schwanz kommen; da biegt er den Schwanz zu seinem Maul, so dass sie kaum daraus heraus kommen:

Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 60
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg60/0370

In dem von B. veracheteten Buch steht, dass es Fische gibt, die so alt und groß werden, dass Wälder auf ihnen wachsen. – Bald erleben die Seefahrer dies.

Das Wunder, dass Brendan und seine Mitfahrer auf einem Walfisch Messe feiern – eine Szene, die in der lateinischen »Navigatio Sancti Brendani« vorkommt – , erscheint seltsamerweise in einem Bild in einer Beschreibung von America – offenbar wird Brendan gesehen als ein Entdecker des Kontinents:

[Honorius Philoponus], Nova typis transacta navigatio Novi Orbis Indiæ Occidentalis admodum reverendissimorum PP. ... Dn. Buellii Cataloni abbatis montis Serrati, & in vniversam Americam, sive Novum Orbem sacræ sedis Apostolicæ Romanæ â latere legati, vicarij, ac patriarchæ […] Nunc primum e varijs scriptoribus in vnum collecta, & figuris ornata. 1621
> https://archive.org/details/novatypistransac00phil/page/n32/mode/1up
> http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN832864250

Dazu: Joëlle Weis, Masterarbeit an der Universität Wien 2014 zu diesem Buch
> https://utheses.univie.ac.at/detail/29967

Textausgabe: Sanct Brandan. Ein lateinischer und drei deutsche Texte, hg. von Carl Schröder, Erlangen: Besold 1871. > https://mdz-nbn-resolving.de/details:bsb10787823

Der mittelhochdeutsche Text »Von sente Brandan« aus der Edition von Carl Schröder (1871), S. 51–93: transcribed by Dr. Thomas F. Shannon hier > https://digitalassets.lib.berkeley.edu/sunsite/Von%20sente%20Brandan.pdf

Walter Haug, Artikel »Brandans Meerfahrt« in: Die deutsche Lit, des MAs., Verfasserlexikon, Band I (1978ff.), Sp. 985–991.

Romy Günthart, "Brandans Meerfahrt". Eine wissenspoetologische Lektüre, in: Wirkendes Wort. Deutsche Sprache und Literatur in Forschung und Lehre 68, 2018, S. 171–182.

Geisterschiffe

Samuel Taylor Coleridge, »The Rime oft the Ancient Mariner« (1798, 1817 – zwei sehr verschiedene Fassungen): zentrales Motiv ist ein Geisterschiff, das mal ruder- und steuerlos ist, mal von DEATH and LIFE-IN-DEATH gesteuert wird und dann von der toten Mannschaft, in deren Körper und Muskeln unsichtbare Engel schlüpfen.

Text > https://www.gutenberg.org/cache/epub/151/pg151-images.html

Das Gedicht wurde von Gustave Doré illustriert:

Toten-Fähre

Der Fährmann Charon bringt die Toten mit seinem Kahn in die Unterwelt; sie bezahlen einen Obolus, eine Münze, die ihnen unter die Zunge gelegt wird.

Am deutlichsten in der Antike wird er von Vergil beschrieben (Aeneis, VI 295ff.: Hinc via Tartarei quae fert Acherontis ad undas …)

Hier ist der Weg, der zur Flut des tartarischen Acheron leitet,
wo vom Schlamme getrübt mit gewaltigem Wirbel der Abgrund
siedet und sämtlichen Sand in das Bett des Cocytus ausspeit.
Dieses Gewässer bewacht und die Flüsse der schaurige Fährmann
Charon, mit grässlichem Schmutze bedeckt. Dicht wuchert der graue
Bart und verworren ums Kinn; es starrt in Flammen sein Auge.
Schmutzig, im Knoten geschürzt, hängt schlaff von den Schultern der Mantel.
Er regiert mit einer Stange den Kahn und bedient ihn mit Segeln,
um die Leichen im berußten Gefäß stromüber zu fahren.
Freilich ein Greis, doch rüstig und frisch ist das Alter des Gottes.

> https://www.gottwein.de/Lat/verg/aen06.php#Verg.Aen.6,295

Hier die Illustration in der von Sebastian Brant besorgten Vergilausgabe von 1502:

Links unten: Charon im Boot stößt ab Richtung Jenseits (das Höllenmaul ist christlich inspiriert).

Die Unterweltsflüsse Acheron, Styx, Cocytus sind angeschrieben.

Rechts oben: Aeneas mit erhobenem Schwert nähert sich unter Führung von Sybilla und spricht mit dem jüngst verstorbenen Steuermann Palinurus.

In verschiedenen Gebieten der Unterwelt sind die diversen Arten von Toten angesiedelt.

Publij Virgilij maronis opera cum quinque vulgatis commentariis […], expolitissimisque figuris atque imaginibus nuper per Sebastianum Brant superadditis, exactissimeque revisis atque elimatis, Straßburg: Grüninger 1502. Fol. CCLXV verso

> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/vergil1502

Seelenschiff / Bootgrab

Die Vorstellung, dass die Seele des Verstorbenen in einem Schiff das Totenland (das Herkunftsland der Ahnen) erreichen müsse, setzt voraus, dass dieses auf einer Insel oder auf dem Festland liege, und führte zu der Sitte, die Toten entweder selbst den Wellen zu übergeben oder in bootförmigen Särgen zu bestatten, und sie so die Jenseitsfahrt entweder in Wirklichkeit oder nur symbolisch ausführen zu lassen.

Den Toten wurden apotropäische Elemente (Dolche und Schwerter) mitgegeben. Mischwesen von Mensch und Vogel auf dem Seelenschiff deuten auf die Auffassung der Ahnenseelen als Vögel.

Die symbolträchtigen Seelen-Boote wurden auf Messern, Felsen und gewobenen Tüchern abgebildet.

Vor allem aus der Wikinger-Kultur sind Bootgräber bekannt.

Bild aus: Michael Müller-Wille / Heinrich Beck, Artikel "Bootgrab", in: J.Hoops, Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, 2. Auflage, Band 3 (Berlin 1978), S. 249–281; vgl. dort auch den Artikel "Schiffsbestattungen".

Einer der ehemaligen Direktoren des Völkerkundemuseums der Universität Zürich, Alfred Steinmann, gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die sich eingehend mit den Schiffstüchern beschäftigten. In mehreren, von 1937 bis in die 1960er Jahre erschienenen Schriften untersuchte er das Motiv des Seelenschiffes sehr breit von der Bronzezeit bis in die Gegenwart und von Europa über Südchina bis nach Südostasien. Seiner kulturhistorisch geprägten Sichtweise zufolge begleiteten die Tücher rituell den Übergang toter Seelen in ein Land der Ahnen.

Alfred Steinmann, Das kultische Schiff in Indonesien (1939).

Stilisierte Schiffsdarstellung auf einem Ritualtuch aus Südsumatra, 19. Jh.
Schiffstuch, palepai, Südsumatra, Völkerkundemuseum der Universität Zürich, Inv.-Nr. 35987, 59 × 252 cm

Vgl. Alfred Steinmann, Das Seelenschiff in der Textilkunst, Ciba-Rundschau 65. Basel 1945, S. 2376–2406, und Paola von Wyss-Giacosa, Zeremonialtuch palepai,
> in: Paola von Wyss-Giacosa und Andreas Isler (Hrsg.), Schiffe und Übergänge. Alfred Steinmanns Forschung zum Schiffsmotiv in Indonesien, Zürich 2021, S. 153–157.

Schiffsmotiv auf einer Metalltrommel von der Insel Kur, Südostmolukken, Indonesien.
Umzeichnung des Fragmentes einer Dongson-Trommel, Völkerkundemuseum der Universität Zürich, Inv.-Nr. 24873, 35 × 56 cm

Vgl. Alfred Steinmann, Een Fragment van een keteltrom van het eiland Koer, in: Cultureel Indië, Leiden 1941, S. 157–161, und Übersetzung davon samt Aufsatz darüber von Wolfgang Marschall, Das Fragment einer Bronzetrommel von der Insel Kur (Ost-Indonesien). Würdigung von Alfred Steinmanns Essay und Ergänzungen aus neuerer Sicht,
> in: Paola von Wyss-Giacosa und Andreas Isler (Hgg.), Schiffe und Übergänge. Alfred Steinmanns Forschung zum Schiffsmotiv in Indonesien, Zürich 2021, S. 37–59.

Die Ausstellung »Schiffe und Übergänge. Alfred Steinmanns Forschung zum Schiffsmotiv in Indonesien« ist online begehbar > https://www.musethno.uzh.ch/static/schiffstuecher/
Link zur Publikation > https://www.musethno.uzh.ch/de/Publikationen-des-Museums/#Schiffe.

Steig aus! wir sind am Lande!

Andreas Gryphius (1616–1664), »An die Welt« (1643)

     Mein offt besturmbtes Schiff der grimmen winde spiell/
Der frechen wellen baal / das schier die flutt getrennet /
Das vber klip auff klipp’ / vndt schaum und sandt gerennet;
     Kombt vor der zeit an Port / den meine Seele wil.

     Offt / wen vns schwartze nacht im mittag vberfiell
Hatt der geschwinde plitz die Seegel schier verbrennet!
Wie offt hab ich den Windt / vndt Nord' vndt Sudt verkennet!
     Wie schadhafft ist der Mast / Stewr-ruder / Schwerdt und Kiell.

Steig aus du müder Geist! / steig aus! wir sind am Lande!
Was grawt dir für dem portt / itzt wirstu aller bande
     Vndt angst / undt herber pein / undt schwerer schmertzen los.

Ade / verfluchte welt: du see voll rawer stürme:
Glück zu mein vaterlandt / das stätte ruh' im schirme
     Vnd schuz und friden hält / du ewiglichtes schlos.

Das erste Buch, Nummer 49; hier genau nach der Ausgabe Leiden 1643
> http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN595408753

… eingeschifft auf der Woge der Welt

Goethe, »Seefahrt« (erster Druck 1777)

Taglang nachtlang stand mein Schiff befrachtet,
Günst’ger Winde harrend saß mit treuen Freunden
– Mir Geduld und guten Mut erzechend –
Ich im Hafen.

Und sie wurden mit dir ungeduldig:
Gerne gönnen wir die schnellste Reise,
Gern die hohe Fahrt dir;. Güterfülle
Wartet drüben in den Welten deiner,
Wird Rückkehrendem in unsern Armen
Lieb’ und Preis dir.

Und am frühen Morgen ward’s Getümmel,
Und dem Schlaf entjauchzt’ uns der Matrose,
Alles wimmelt, alles lebet, webet
Mit dem ersten Segenshauch zu schiffen.

Und die Segel blühen in dem Hauche,
Und die Sonne lockt mit Feuerliebe;
Ziehn die Segel, ziehn die hohen Wolken,
Jauchzen an dem Ufer alle Freunde
Hoffnungslieder nach im Freudetaumel
Reisefreuden wähnend wie des Einschiffmorgens
Wie der ersten hohen Sternennächte.

Aber gottgesandte Wechselwinde treiben
Seitwärts ihn der vorgesteckten Fahrt ab,
Und er scheint sich ihnen hinzugeben,
Strebet leise sie zu überlisten,
Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege.

Aber aus der dumpfen grauen Ferne
Kündet leise wandelnd sich der Sturm an,
Drückt die Vögel nieder auf's Gewässer,
Drückt der Menschen schwellend Herze nieder.
Und er kommt. Vor seinem starren Wüten
Streckt der Schiffer weis’ die Segel nieder;
Mit dem angsterfüllten Balle spielen
Wind und Wellen.

Und an jenem Ufer drüben stehen
Freund’ und Lieben, beben auf dem Festen:
Ach, warum ist er nicht hiergeblieben!
Ach, der Sturm! Verschlagen weg vom Glücke
Soll der Gute so zu Grunde gehen?
Ach, er sollte, ach er könnte! Götter!

Doch er stehet männlich an dem Steuer.
Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen,
Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen.
Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe
Und vertrauet, scheiternd oder landend,
Seinen Göttern.

Vgl. Goethes Brief an Lavater vom 6.3.1776: Ich bin nun ganz eingeschifft auf der Woge der Welt – voll entschlosen: zu entdecken, gewinnen, streiten, scheitern oder mich mit aller Ladung in die Luft zu sprengen.

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Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898)

Meine eingelegten Ruder triefen,
Tropfen fallen langsam in die Tiefen.

Nichts, das mich verdross! Nichts, das mich freute!
Niederrinnt ein schmerzenloses Heute!

Unter mir – ach, aus dem Licht verschwunden –
Träumen schon die schönern meiner Stunden.

Aus der blauen Tiefe ruft das Gestern:
Sind im Licht noch manche meiner Schwestern?

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Im Spätboot (1882)

Aus der Schiffsbank mach’ ich meinen Pfühl,
Endlich wird die heiße Stirne kühl!
O wie süß erkaltet mir das Herz!
O wie weich verstummen Lust und Schmerz!
Über mir des Rohres schwarzer Rauch
Wiegt und biegt sich in des Windes Hauch.
Hüben hier und drüben wieder dort
Hält das Boot an manchem kleinen Port:
Bei der Schiffslaterne kargem Schein
Steigt ein Schatten aus und niemand ein.
Nur der Steurer noch, der wacht und steht!
Nur der Wind, der mir im Haare weht!
Schmerz und Lust erleiden sanften Tod.
Einen Schlumm’rer trägt das dunkle Boot.

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Auf dem Canal grande

Auf dem Canal grande betten
Tief sich ein die Abendschatten,
Hundert dunkle Gondeln gleiten
Als ein flüsterndes Geheimnis.

Aber zwischen zwei Palästen
Glüht herein die Abendsonne,
Flammend wirft sie einen grellen
Breiten Streifen auf die Gondeln.

In dem purpurroten Lichte
Laute Stimmen, hell Gelächter,
Überredende Gebärden
Und das frevle Spiel der Augen.

Eine kurze, kleine Strecke
Treibt das Leben leidenschaftlich
Und erlischt im Schatten drüben
Als ein unverständlich Murmeln.

Ferner:

»Zwei Segel«
> http://www.zeno.org/nid/20005376378

Vgl. Emil Staiger, Das Spätboot. Zu C. F. Meyers Lyrik, in: E.St., Die Kunst der Interpretation, Zürich: Atlantis-Verlag 1955, S. 239–273

Die Ladung über Bord werfen …

… ist unter Umständen gescheiter als im Schiff untergehen:

Die Apostelgeschichte berichtet (Kapitel 27) davon, wie Paulus auf einem Schiff nach Italien transportiert werden soll; der Bericht ist mit Fachausdrücken der Seefahrtssprache ausgestaltet.

Das Schiff gerät in einen Sturm: 18 Der Sturm wurde so stark, dass die Besatzung am nächsten Tag einen Teil der Ladung über Bord warf, 19 tags darauf sogar die Schiffsausrüstung. (27,18f.)

Paulus hat eine Engelsvision und kann die Seeleute ermuntern usw. https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/apg27.html (Einheitsübersetzung))

Die Bilderbibel von Pierre und Nicolas Le Sueur bringt dazu eine Serie von Illustrationen, wie eine ›bande dessinée‹, hier eine Szene draus:

Histoire de l'Ancien et du Nouveau Testament, représentée en 586 figures:Avec un Discours abrégé au bas de chaque Figure, qui en explique le sujet: Ouvrage utile pour l'Instruction de la Jeunesse, Paris: Jean-Thomas Hérissant 1771.
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k15125445/f7.item

An der Stelle, »de officiis« I, xxiv, 83–84, wo Cicero schreibt, es gelte nicht als feige, zu vermeiden, dass man sich grundlos in Gefahr stürze (das Gleichnis indessen nicht verwendet), schreibt Joh. von Schwarzenberg:

… wider vngestümmigkeit [des Meeres] hilf zuthuon/ gebürt den weisen/ vnd gezimet sich in yetzgemelten zweiffelichen färligkeiten/ so vil mehr güeter auß dem geladen benötigten schiff zuowerffen/ als vast dz zuo behaltung deines lebens / ( das alle ander güeter vebertrifft) die not erfordert.

Bild aus Officia M. T. C. Ein Buoch/ So Marcus Tullius Cicero der Römer/ zuo seynem Sune Marco. Von den tugentsamen ämptern vnd zuogehörungen eynes wol vnd rechtlebenden Menschen/ in Latein geschriben/ Welchs auff begere Herren Johansen von Schwartzenbergs &c. verteütschet/ Vnd volgens/ Durch jne in zyerlicher Hochteütsch gebracht/ Mit vil Figuren vnnd Teütschen Reymen/ gemeynem nutz zuo guot in Druck gegeben worden. Augspurg: Heynrich Steyner 1531. – Fol. XIX verso

Egidius Sadeler (ca. 1570 – 1629) erzält die Fabel von einem Walfisch, der sich damit amüsiert, gegen ein Schiff zu schlagen, das dabei beinahe zerschmettert wird. Die Seeleute werfen Fässer ins Meer. Moral: Ein kleinen Schaden soll man leidn / Umb einen grössern zu vermeiden.

Als historische Anwendung bringt Sadeler die Geschichte von Kaiser Nicephorus, der dem angreifenden persischen Kaiser viel Geld anbietet, um das Leben der Römer zu retten. (Quelle wohl: Johannes Cuspinianus, De Caesaribus atque imperatoribus Romanis, Basileae: per Ioannem Oporinum et Nicolaum Brylingerum 1561.)

Aegidius Sadeler, Theatrum morum. Artliche Gespräch der Thier mit wahren historien den Menschen zur Lehr, Prag 1608 .
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k5606663w
Hier aus dem Reprint von 1933/34.

Ein Prachts-Schiff auf Rädern: Moriz von Craûn

Die angebetete Gräfin von Beamunt verspricht dem Mauritius den vorbehaltenen Liebeslohn, wenn er vor den Toren ihrer Stadt ein Turnier ausrichtet und als Minneritter für den Lohn kämpfen wird. Mauritius lässt ein prächtig geschmücktes Schiff auf Rädern bauen, das von unsichtbaren Pferden im Innern bewegt wird, und fährt draufhin vor die Burg der Minneherrin. Der Text schildert die Verfertigung dieses Fahrzeugs (Verse 627ff.; vgl. die Schilderung des Schilds von Achill bei Homer als Herstellung in der Schmiede durch Vulkan):

er hiez ein schif machen
von wunderlîchen sachen,
daz solde gân âne were
[ohne dass man es hätte hindern können]
über velt als ûf einem mere.

Wertvolle Stoffe bedecken die Außenwände; Bug und Heck werden mit Gold beschlagen; das Gefährt wird mit Mast und Ruder ausgestattet, mit Ankern aus Messing an einem seidenen Seil. Dann wird es mit dem Wappen des Ritters geschmückt, und die Seeleute und Steuermänner werden nach diesem Muster gekleidet. Jetzt werden die Pferde (ros) eingebaut:

Er brâht dar în mit liste
daz ez lützel liute wiste
ros diu ez ziehen solten
.

Über die Felder (weil auf den Straßen kein Raum ist) zieht der Schiffwagen quer durch Francrîche; die Mannschaft singt und rudert … Dann ankert man vor der Burg.

Es ist kein rittermäßiger Triumphwagen und spiegelt das illusorische Verhältnis zwischen Minner und Dame, was dann in der Erzählung ausgeführt wird.

Nach dem Turnier verschenkt Mauritius das Schiff an die Knappen (garzûne), die es im Streit demontieren (Verse 1032ff.)

Mauritius von Craûn, herausgegeben von Heimo Reinitzer (Altdeutsche Textbibliothek 113), Tübingen: Niemeyer 2000.

Heimo Reinitzer, Mauritius von Craûn. Kommentar, Stuttgart: Steiner, 1999 (Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. Beiheft 2). Hier ausführlich S. 81ff.

Moriz von Craûn, Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch (Übersetzung von Albrecht Classen), Stuttgart 1992 (Reclams UB 8796) — dass., übersetzt und kommentiert von Dorothea Klein, daselbst 1999.

Die Geliebte wirkt wie ein Kompass / wie der Polarstern:

Ero navis Amoris, habens Te astrum lucidum. (Ich werde das Schiff Amors sein und Dich als leuchtenden Leitstern haben.) Amor hält einen Quadranten in der Hand, mit dem der Lotse die geographische Breite mittels des gemessenen Winkels zwischen Horizont und Polarstern bestimmen kann. Auf dem Tisch steht ein Kompass.

Amorum emblemata, figuris aeneis incisa studio Othonis Væni, … Emblemes of Loue, with verses in Latin, English, and Italian, Antwerpiæ [Verdussen] 1608. S. 40/41.

Otto van Veen (1556–1629) – Kupfer von Cornelis Boel (ca. 1576 – ca. 1621)

In der Ausgabe Nürnberg: Weigel 1710 ist das Epigramm so übersetzt:

Dein Aug mein Leitstern.

WAs sich vereinen soll/ findt bey sich einen Trieb/
Womit Natur eins sucht dem andern zuzuführen;
Was die Magnete nun für Krafft im Nord=Pol spüren/
Das gibt der Augen Glanz mit stärkerm Zug der Lieb.

Die gute Ehe als Schifffahrt

Johann Fischart (ca. 1545/46 – 1590) hat unter dem Titel Von Ehgebürlichkeyten eine bunte Sammlung von Anekdoten, Beispielen, Gleichnissen, Sprichwörtern zusmmengestellt. Er warnt vor Mörwundern vnd Walfischen/ welche in dem Mör/ daß ist der Welt/ herrschen:

Nichts aber schadet disem Haußschifflin also sehr/ dann daß schrecklich groß Mörwunder/ der Sprützwall […] daß ist der vberfluß vnd die Wollust. Dann gleich wie derselb Wallfisch auß seinen zweien Rören auff dem Kopff so lang haufenweiß Wasser inn daß Schiff sprützt vnd gieset/ biß ers erseufft: Also vberschwempt auch der wollust Teufel auß den rören der geylheit vnd des muthwillnes die Haußhlatung mit Saltzwasser der geylheit/ frechheit/ ehebruch/ pracht/ stoltz/ verschwendsung/ prassen vnd sauffen/ biß er es zu fall pringet.

Und er rät, mit Vorbedacht das Schiff der Haußhaltung auszurüsten:

Die jenige Philosophi/ welche die Haußhaltungen den Handelschiffen/ oder eyner Schiffart vergleichen (gleich auch inn vnserer Christlicher Philosophia der Weis Salomon eyn Tugendsam Weib/darauf sich jres Mans Herz verlasen darf/ eyn Kaufmannschiff/ das seine Narung von ferne pringet/ nennet [Sprüche = Proverbia 30,14]) die haben desselbigen nicht vngefüge vrsachen: dan wie man zur Schiffart alle notturfft lang zuvor rüsten vnd bereyten mus: also eh man sich inn das Schiff der Haußhaltung begibet/ gutes vnd fleißiges vorbedachts pflegen: […]

Also soll man nicht auf geraht wol sich inn eyn Haußhaltung stecken/ vnd nicht wissen/ wo aus wo an/ sondern eyn gewissen zweck fürhaben/ wie vnd womit man sich ernehren will. Dan allweil man noch auff dem Land ist/ soll man rhat schlagen: angesehen/ das so man mitten auf das Mör/ das ist die Haußhaltung kommet/ nicht wol on spott vnd schaden kann vmmkehren.

Das Philosophisch Ehzuchtbüchlin. Oder, Des Berümtesten vnd Hocherleuchtesten Griechischen Philosophi, oder Natürlicher Weißheyt erkündigers vnd Lehrers Plutarchi Naturgescheide Eheliche Gesaz, oder Vernunft gemäse Ehegebott, durch anmutige lustige Gleichnussen ganz lieblich getractiret Sammt desselbigen auch Gründlichem Bericht von gebürlicher Ehrngemäser KinderZucht. Darzu noch eyn schönes Gespräch, von Klag des Ehestands, oder wie man eyn Ruhig Ehe gehaben mag, gethan worden Straßburg 1578. (Hier aus der Ausgabe 1597)
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00079908/image_1

Süßer Liebes-Schiffbruch — und Rettung

Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1617 – 1679)

So soll der purpur deiner Lippen
Itzt meiner freyheit bahre seyn?
Soll an den corallinen klippen
Mein mast nur darum lauffen ein /
Daß er an statt dem süssen lande /
Auff deinem schönen munde strande?

Ja/ leider! es ist gar kein wunder/
Wenn deiner augen sternend licht/
Das von dem himmel seinen zunder/
Und sonnen von der sonnen bricht/
Sich will bey meinem morrschen nachen
Zu einen schönen irrlicht machen.

Jedoch der schiffbruch wird versüsset /
Weil deines leibes marmor-meer
[Auflage 1687: marmel=meer]
Der müde mast entzückend grüsset /
Und fährt auff diesem hin und her /
Biß endlich in dem zucker=schlunde
Die geister selbsten gehn zu grunde.

Nun wohl! diß urthel mag geschehen /
Daß Venus meiner freyheit schatz
In diesen strudel möge drehen/
Wenn nur auff einem kleinen platz /
In deinem schooß durch vieles schwimmen /
Ich kan mit meinem ruder klimmen.

Da will/ so bald ich an geländet /
Ich dir ein altar bauen auff/
Mein hertze soll dir seyn verpfändet/
Und fettes opffer führen drauff;
Ich selbst will einig mich befleissen /
Dich gött= und priesterin zu heissen.

postumer Druck in: [Benjamin Neukirch, Hg.] Herrn von Hoffmannswaldau und andrer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte erster theil, Leipzig 1695; »Verliebte Arien«, S. 364f.
http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/hoffmannswaldau_gedichte01_1695?p=408

Liebes-Schifferey

Daniel Casper von Lohenstein (1635–1683)

Denn lieben ist nichts mehr / als eine schifferey /
Das schiff ist unser hertz / den seilen kommen bey
Die sinn-verwirrungen. Das meer ist unser leben /
Die liebes-wellen sind die angst / in der wir schweben /
Die segel / wo hinein bläst der begierden wind /
Ist der gedancken tuch. Verlangen / hoffnung sind
Die ancker. Der magnet ist schönheit. Unser strudel
Sind Bathseben.* Der wein und überfluß die rudel. **
Der stern / nach welchem man die steiffen seegel lenckt /
Ist ein benelckter mund. Der port / wohin man denckt /
Ist eine schöne Frau. Die ufer sind die brüste.
Die anfahrt ist ein kuß. Der zielzweck / süsse lüste.
Wird aber hier umwölckt / durch blinder brünste rauch /
Die sonne der vernunfft / so folgt der schiffbruch auch /
Der seelen untergang / und der verderb des leibes:
Denn beyde tödtet uns der lustbrauch eines weibes.

in: [Benjamin Neukirch, Hg.] Herrn von Hoffmannswaldau und andrer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte erster theil, Leipzig 1695 noch ohne Verfasser; in der 2. Auflage 1697 D. C. v. L. zugeschrieben.

*) Bathseba ist die Frau, in die sich David sündigerweise vergafft hatte (2.Samuel 11)

**) Nebenform von "Ruder"

Das ganze Gedicht »Venus« (Izt liebt die gantze welt! …) hier
http://www.zeno.org/nid/20005314798https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/hoffmannswaldau_gedichte01_1695?p=273

Umsteigen auf ein anderes ›Boot‹

 

Arion

Die Geschichte wird immer wieder erzählt:

»Gesta Romanorum«

Aulus Gellius erzählt vom Arion, daß dieser Mann, welcher sehr reich war und aus seinem Lande in ein anderes übersetzen wollte, ein Schiff mietete. Allein die Schiffer wollten ihn seines Geldes wegen umbringen, er erlangte jedoch von ihnen, daß er den Delphinen zu Ehren, welche sich am Gesange des Menschen ergötzen, ein Lied anstimmen durfte. Als man ihn aber nachher in's Meer warf, da fing ihn ein Delphin auf und trug ihn an's Land, und während ihn die Schiffer für todt hielten, verklagte er sie zu Lande bei ihrem Könige, worauf sie vor denselben gebracht, überführt und verurtheilt wurden.

Gesta Romanorum, Hundertundachtundvierzigstes Capitel, übers. Johann Georg Theodor Gräße, Leipzig 1905. :
> http://www.zeno.org/nid/2000780993X

Herodot, Historien I,23f
Hygin, Fabulae 149.
Aulus Gellius, Noctes Atticae XVI,19 (aus Herodot I. 23 nacherzählt).
Ovid, Fasti II, 79–118.

Sebastian Brant:

Esopi appologi sive mythologi: cum quibusdam carminum et fabularum additionibus Sebastiani Brant.Basel: Jacob <Wolff> von Pfortzheim, 1501.

Der lat. Text mit deutscher Übersetzung in: Sebastian Brant, Fabeln. Carminum et fabularum additiones Sebastiani Brant – Sebastian Brants Ergänzungen zur Aesop-Ausgabe von 1501. Mit den Holzschnitten der Ausg. von 1501, hrsg., übers. und mit einem Nachw. vers. von Bernd Schneider, Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog 1999 (Arbeiten und Editionen zur mittleren deutschen Literatur. Neue Folge, Band 4, Nummer 105 = S.319–321.).

Jona

Jona (Jonas) möchte sich der Weisung des HErrn entziehn, das Unheil über Ninive zu verkünden, den Inbegriff der widergöttlichen Macht. Er flieht auf ein Schiff zum fernen Tarsis. Ein Sturm kommt auf, und die Seeleute werfen das Los, um zu erfahren, wer daran Schuld ist. Das Los fällt auf Jona; sie befragen ihn und erfahren, dass er vor dem HErrn flieht.

Buch Jona 1,12: Er sprach zu jnen / Nemet mich vnd werfft mich ins Meer / so wird euch das Meer still werden / Denn ich weis / das solch gros Vngewitter vber euch kompt vmb meinen willen […] 15 Vnd sie namen Jona / vnd wurffen jn ins Meer /Da stund das Meer still von seinem wüten. […] 2,1 Aber der HERR verschafft einen grossen Fisch /Jona zuuerschlingen / Vnd Jona war im leibe des Fisches / drey tag vnd drey nacht.
Luthers Übersetzung im Druck 1545 > http://www.zeno.org/nid/2000532911

Biblia ectypa. Bildnußen auß Heiliger Schrifft deß Alten Testaments, Erster Theil. in welchen Alle Geschichten u: Erscheinungen deutlich und schriftmäßig zu Gottes Ehre und Andächtiger Seelen erbaulicher beschauung vorgestellet worden. ... hervorgebracht von Christoph Weigel in Regensburg. Regensburg, Weigel 1697.

Drei Tage und drei Nächte verweilt Jona im Bauch des großen Fischs (dāg gādōl). Nach einem Gebet gebietet Gott dem Fisch, Jona wieder auszuspeien:

Aus der sog. Gruppenbachbibel, Tübingen 1591. Der Holzschnitt könnte von Christoph Murer stammen.

Die Sagen der Juden, gesammelt von Micha Josef Bin Gorion [1865–1921]:

Aber Gott ließ einen großen Fisch heranschwimmen, daß er den Jona verschlinge. Dieser Fisch war von der Schöpfungszeit her dazu bestimmt gewesen, dem Jona eine Zuflucht in seinem Bauche zu geben.

Und Jona stieg in den Rachen des Fisches wie ein Mensch, der einen Raum betritt, und stand aufrecht in seinem Leibe. Die zwei Augen des Wassertieres waren wie Fenster und leuchteten auch nach innen. Andre meinen, eine große Perle habe dem Jona dort Licht gespendet wie die Sonne um Mittag, und bei ihrem Schein habe er alles gesehen, was im Meer und in den Gründen vorgeht.

Und der Fisch sprach zu Jona: Du sollst es erfahren. daß heute der Tag gekommen ist, an dem ich vom Leviathan verspeist werden soll. Jona erwiderte: Führe mich zu ihm. Und er sprach zu dem Drachen: Deinetwegen bin ich in die Meerestiefe gestiegen, denn ich bin es, der ich dich bereiten soll zum großen Mahl für die Frommen, Und er ließ ihn das Zeichen des Abrahambundes an seinem Fleische schauen. Wie das der Leviathan sah, floh er davon, zwei Tagereisen weit. Nunmehr sprach Jona zu dem Fisch: Siehst du, daß ich dich vor dem Schlund des Leviathan gerettet habe.

Die Sagen der Juden / gesammelt und bearb. von Micha Josef Bin Gorion. (Texte sind verdeutscht von Rahel Ramberg-Berdyczewsky.) Frankfurt a. M.: Rütten & Loening 1913–1927; Ausgabe in einem Band Berlin: Schocken Verlag 1935; Elftes Buch, Kap. 11: Jona.

Mehr Text hier > https://portal.dnb.de/bookviewer/view/1032489294#page/665/mode/1up

Eine Variante in: Louis Ginzberg, Die Legenden der Juden, hg. Andreas Kilcher / Joanna Nowotny, Jüdischer Verlag Berlin 2022, S.1275f.

Im Stuttgarter Psalter (ca. 820/830) ist der vom Fisch ausgespuckte Jona zu Psalm 129 [Vulgata] gezeichnet: De profundis clamavi ad te, Domine; Domine, exaudi vocem meam. Fiant aures tuae intendentes in vocem deprecationis meae.Si iniquitates observaveris, Domine, Domine, quis sustinebit? (Aus der Tiefe, rufe ich, Herr, zu dir, Herr höre meine Stimme … = Ps. 130 MT).

Württembergische Landesbibliothek. Cod.bibl.fol.23
> http://digital.wlb-stuttgart.de/purl/bsz307047059

Für den Evangelisten Matthäus ist die Erzählung von Jonas eine Prophetie auf die Grabesruhe und Auferstehung Jesu (Mt 12,40).

Zum Nachleben in Dichtung und Kunst vgl. Martin Bocian u.a., Lexikon der biblischen Personen, Stuttgart 1989 (Kröners Taschenausgabe 460), S. 257ff.

Dichten als Schifffahrt

Dante, »Paradiso«, Zweiter Gesang, 1–15 (Übers. von Karl Witte, Berlin: Askanischer Verlag 1916)

O voi che siete in piccioletta barca, desiderosi d’ascoltar, seguiti
dietro al mio legno che cantando varca,
Die hörbegierig ihr in kleinem Nachen bis hieher nachgefolgt seid meinem Schiffe, das mit Gesange seine Bahn durchmißt,
tornate a riveder li vostri liti:
non vi mettete in pelago, ché forse,
perdendo me, rimarreste smarriti.
Kehrt nun zurück zu eurem Heimatsstrande, wagt nicht ins hohe Meer euch; denn ihr wäret, verlört ihr meine Spur, gar leicht verloren.
L’acqua ch’io prendo già mai non si corse;
Minerva spira, e conducemi Appollo,
e nove Muse mi dimostran l’Orse.
Nie ward das Meer beschifft, das ich befahre. Mich führt Apoll, Minerva schwellt die Segel, und die neun Musen zeigen mir die Bären.
Voialtri pochi che drizzaste il collo
per tempo al pan de li angeli, del quale
vivesi qui ma non sen vien satollo,
Ihr wenigen jedoch, die ihr bei Zeiten den Hals gestreckt nach jenem Engelsbrote, das Nahrung hier, nie Sättigung gewährt,
metter potete ben per l’alto sale
vostro navigio, servando mio solco
dinanzi a l’acqua che ritorna equale.
Wohl dürft eu'r Schifflein in die hohe Meerflut Ihr lenken, haltet ihr nur meine Furche, eh sich das Wasser wieder glättet, ein.

Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Bern/ München 9.Aufl. 1978. "Dichten als Schiffahrt", S.138–141.

Ohne tiefgreifende Symbolik, aber interessant:

Vitruv (1. Jh. v.u.Z.) entwirft in seinem Buch über die Architektur auch Weg-Mess-Geräte für Landfahrzeuge und Schiffe (X. Buch, Kap. ix, ¶ 7): ein an der Aussenwand angebrachtes Wasserrad, dessen Achse ins Innere reicht und dort einen Mechanismus antreibt, mit dem die Anzahl Umdrehungen, mithin die zurückgelegte Strecke angezeigt wird. Gebaut wurde das nie, aber Walter Hermann Ryff (* um 1500 – 1548) hat es visualisiert:

Vitruvius, Des aller namhafftigisten unnd hocherfahrnesten/ Römischen Architecti/ unnd kunstreichen Werck oder Bawmeisters/ Marci Vitruvij Pollionis/ Zehen Bücher von der Architectur und künstlichem Bawen. Ein Schlüssel und eynleitung aller Mathematischen unnd Mechanischen Künst/ Scharpffsinniger fleissiger nachtrachtung oder Speculation künstlicher Werck ... / Erstmals verteutscht/ unnd in Truck verordnet. Durch/ D. Gualtherum H. Rivium .... - Basel: Henricpetri, [hier aus der Auflage 1614]


Allgemeine Literaturhinweise

(chronologisch, ungeordnet)

Johannes Kahlmeyer, Seesturm und Schiffahrt als Bild im antiken Schrifttum, Diss. Greifswald 1934.

Wolfgang Stammler (1886–1965), Seemannsbrauch und Glaube, in: Deutsche Philologie im Aufriß, Bd. III (1956; 3.Aufl. 1962), Sp. 2901–2973.

Arthur Henkel / Albrecht Schöne (Hgg.), Emblemata. Handbuch zur Sinnbildkunst des XVI. und XVII. Jahrhunderts, Stuttgart 1967; Spalten 1453–1484: »Schiff und Schiffsgerät«

Dietrich Schmidtke, Geistliche Schiffahrt, in: P.P.B. 91 (Tübingen 1969), 357–385 und 92 (1970), 115–177.

Ewald M. Vetter, sant peters schifflin, in: Kunst in Hessen und am Mittelrhein. Schriften der hessichen Museen 9 (1969), S. 7–34.

Hugo Rahner, Griechische Mythen in christlicher Deutung, Zürich 1957; S.291ff: Die Seefahrt des Lebens.

Hugo Rahner, Symbole der Kirche. Die Ekklesiologie der Väter, Salzburg 1964. 243ff. 272ff. 304ff.

Hans Blumenberg, Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigmen einer Daseinsmetapher, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1979 (stw 289).

Michael Schilling, Imagines mundi. Metaphorische Darstellungen der Welt in der Emblematik, Frankfurt am Main: Lang 1979 (Mikrokosmos Bd. 4); S. 155–185.

Dietmar Peil, Untersuchungen zur Staats- und Herrschaftsmetaphorik in literarischen Zeugnissen von der Antike bis zur Gegenwart (Münstersche Mittelalter-Schriften 50), München: Fink 1983; Staatsschiff S. 700–870.

Sabine Mertens: Seesturm und Schiffbruch. Eine motivgeschichtliche Studie (= Schriften des Deutschen Schifffahrtsmuseums; Bd. 16), Hamburg 1987.

Otto Ulbricht (Hg.): Schiffbruch! Drei Selbstzeugnisse von Kaufleuten des 17./18. Jahrhunderts. Edition und Interpretation, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2013.

Dank für alle Korrekturen, Hinweise und Übersetzungshilfen an Thomas Gehring!

 


Abt Berengoz von Trier (gest.1125/26):

Da wir schon so lange im Meer der Schriften, geliebte Brüder, auf den Wellen treiben (fluctuamus), während wir über die Segenssprüche der Patriarchen sprechen, haben wir uns bemüht, mit Christus als Ruderer zum Hafen zu gelangen. Es ist Zeit, dass unsere Rede, von der Tiefe der Geheimnisse, gewissermaßen von emportragenden Wellen erhoben (de profundo mysteriorum, quasi sublevantibus undis excitus), mit dem Schifflein unseres Geistes um so schneller zur Küste geführt werden möge. Aber weil wir das Ende unserer Rede, gleichsam die Küste, noch nicht deutlich sehen können, gebührt es sich, dass wir in Jesus Christus den Anker unserer Hoffnung sehr fest setzen, dass — so uns die himmlische Gnade in dieser Nacht beschattet — der morgige Tag uns dort finde, wo uns der heutige gewichen ist.

Libellus de mysterio ligni Dominici et de luce visibili et invisibili … (Migne, PL 160,1001 C/D), zitiert in: Hans-Jörg Spitz, Die Metaphorik des geistigen Schriftsinns. Ein Beitrag zur allegorischen Bibelauslegung des ersten christlichen Jahrtausends, München: Fink 1972, S. 141.