
Verwendungszwecke, Funktionen, Leistungen des SymbolgebrauchsProjekt für das Kolloquium (geplant: 3. Oktober 2026)
Einführung›Symbol‹ sei in weitem Sinne verstanden; auch Metaphern, Allegorien, Exempel, Personifikationen, Gesten und Gebärden sollen ins Blickfeld kommen. Symbole haben nicht nur eine informative Funktion, mit der Wesentliches herausgestellt wird, sie haben Energie darüber hinaus: Selbstdarstellung einer Person oder Gruppe, Bestätigung einer (sozialen) Ordnung, Evokation einer Emotion, Beglaubigung von Dubiosem, Aufruf zu und Ermächtigung für eine Handlung (Appell-Funktion), Identifikation mit einem Ideal, Ausdruck von Dominanz bzw. Unterwürfigkeit, Repräsentation von Macht, Beschwören von Gemeinschaft (phatische Funktion), Weissagung von Künftigem (mantische Funktion) u.a.m. (Einführung überspringen, direkt zu den Beispielen) (Exposés von vorgesehenen Referaten) Die antike Rhetorik hatte einen Focus auf die Leistungen der Rede. Grundlegende Funktionen des Texts sind bei : movere, docere, delectare (inst. oratoria XII,x,59). — bei : docere, delectare, flectere (de doctrina christiana IV, xii,27). Übersetzt: belehren, unterrichten / Teilnahme erregen / ergötzen, Genuss gewähren. (Epist. II,iii,333f.) hat diese berühmten Verse geschrieben:
Wielands Übersetzung (1782): Des Dichters Zweck ist zu belust’gen oder zu unterrichten oder beides zu verbinden und unter einer angenehmen Hülle uns Dinge, die im Leben brauchbar sind, zu sagen. John Langshaw Austin (1911–1960) schrieb das Buch »How to do things with words« (erschienen 1962; 1972 deutsch von Eike von Savigny unter dem Titel »Zur Theorie der Sprechakte« als Reclams UB 9296–98) = ein epochemachendes Buch. Während die Sprachwissenschaft weitgehend Semantik und Syntax untersucht hatte und die Logik die mit einer Aussage gesetzte Wahrheit untersuchte, fragte Austin danach, mit welchen sprachlichen Äusserungen welche Handlungen bewirkt werden. (Vgl. die Begriffe Sprechakttheorie; Illokution in der Linguistik.) Thema ist diesmal also nicht ein Signifiant (z.B. Pfeil, ein Tier, die Hand) oder ein Signifié (z.B. die Seele, der Frieden) – das wäre das Pendant zur linguistischen Semantik oder in der Kunstwissenschaft die Ikonographie – sondern die Frage ›how to do things with symbols‹. (Und ferner: Glückt dies, oder gibt es mitunter ›misfires‹ oder Missbrauch?) Austin unterscheidet (in der 12. Vorlesung):
Die Linguistik spricht von ›peformativen Verben‹, mit denen diese Leistungen benannt werden; dieses Konzept muss auch auf die Interpretation von Symbolen übertragen werden: Es geht nicht nur darum zu eruieren, WAS mit einem Bild/Text gemeint ist, sondern WOZU ein Symbol verwendet wird. Es geht bei der Verwendung von Symbolen oft um mehr als ›einen Sachverhalt veranschaulichen‹:
Bei der Deutung zu berücksichtigen ist immer auch der ›Sitz im Leben‹ (ein Begriff der Bibel-Interpretation):
Es fragt sich, worin der Mehrwert besteht, wenn jemand eine funktionale Botschaft in Gestalt eines Symbols (Metapher, Allegorie, Personifikation) statt "unverblümt", in "eigentlicher Rede" (in der Rhetorik: ›proprie‹) vermittelt. Es geht ja nicht (nur) darum, als besonders gewitzt dazustehen.
Die symbolische Aussage hat
Exposés von vorgesehenen Referaten(hier alphabetisch nach Refernet*en geordnet; die akademischen Titel lassen wir mal weg) Brigitte BOOTHE: Der Traum – das Unfassbare dennoch erfahrbar machen
Nikolas HÄCHLER: Die Funktion, Leistung und Bedeutung von Symbolen für die Aushandlung, Festigung und Inszenierung der Tyrannenherrschaft Gelons von Syrakus (ca. 540 v. Chr.- 478 v. Chr.)
Andreas HEBESTREIT: Die Ellipse als Gewissensprüfung. Siehe den Aufsatz hier als PDF
Andreas ISLER / Paola VON WYSS: Rituale
David NEUHOLD: Kruzifixdarstellungen
Alice THALER-BATTISTINI, Symbolische Funktionen gegenstandsloser Bilder
Marc WINTER: Medizinische und mantische Funktionen der chinesischen Schrift Alex STRAUMANN: Gespräche mit Patienten über deren Krankheit
Kunterbunte Ideen-SammlungBeglaubigung für etwas schwer FasslichesDer Löwe, der die totgeborenenen Jungen erweckt, beglaubigt, dass Maria das Jesuskind vom Heiligen Geist empfing.
ErmächtigungDas Symbol ermächtigt bzw. verpflichtet seinen Besitzer oder den die bedeutsame Geste Ausübenden zu einer Handlung. Den Fehdehandschuh werfen ist eine Kriegserklärung. Oder so:
Einen Vertrag schließenDer Handschlag beim Viehhandel
LehensübergabeImmixtio manuum bei der Lehensübergabe: Der künftige Lehensmann reichte dem, dessen Vasall er wurde, die Hände (in manus N. se commendare). Eine Quelle aus dem Jahr 826 beschreibt das so: Mox manibus iunctis regi se tradidit ultro … Caesar et ipse manus manibus suscepit honestis – Mit zusammengelegten Händen übergab er sich aus freien Stücken dem König … Und der Herrscher selbst empfing diese Hände in seinen ehrwürdigen Händen.
Hier mehr zur Geste des Handschlags Ermunterung, eine Tat auszuführenHier ein Beispiel aus einem Drama der Barockzeit. Personen in diesen Texten verwenden häufig Embleme zur Argumentation.
Die Emblemsammlungen bleiben – wie Wörterbücher – im Bereich der "Semantik" und überlassen es den Predigern und Verfassern von Dramen, ein bestimmtes Embelm dann "pragmatisch" anzuwenden. Vgl. dazu Albrecht Schöne, Emblematik und Drama (1964). Mnemotechnische FunktionDas Symbol hat eine mnemotechnische (= der Erinnerung dienende) Funktion Vgl. auch http://www.enzyklopaedie.ch....Funktionen.html#Mnemotechnik Beispiel:
Beispiel: Die Sieben Todsünden .......
... als ein aus verschiedenen Lebewesen zusammengesetztes Mönsterchen
Einer der ganz großen Mnemoetchniker ist Johannes Buno (1617-1697); hier das Bild zum Johannesevangelium:
Das Nicht-Fassbare dennoch erfahrbar machenDas Symbol springt in der Theophanie / Dämonologie ein, wo ›das Eigentliche‹ definitionsgemäß nicht fassbar ist. Das trifft für weite Bereiche der Religion zu. Antike Gottheiten sind meist gekennzeichnet durch ein eigentümliches Attribut, beispielsweise das Blasinstrument der Fama (mehr dazu hier) oder den Stab des Merkur (Caduceus): Gute Gottheiten werden gerne anthropomorph dargestellt – aber doch verklärt!
Lukian von Samosata in seinem zynischen Dialog »Der Lügenfreund oder der Unglaubige« über Mythen:
Thomas Lentes [1962–2020], Soweit das Auge reicht: Frömmigkeit und Visualität vom Frühmittelalter bis zur Reformation, hg. von David Ganz, u.a., Berlin: Reimer 2022 Sakaramentales Symbol bewirkt HeilHugo von St.Viktor: Sacramentum vero non solum significat, sed etiam confert illud cujus est signum. Augustinus (in Io. tr. 80,3): accedit verbum ad elementum et fit sacramentum. (zitiert bei Thomas von Aquin S.Th. III, q.60, a.6) Die Funktion erfüllt das Symbol indessen nur, wenn dessen "Symbolhaftigkeit" bewusst ist; das die Bedeutung repräsentierende Ding an sich taugt nicht. Moses hatte (4. Mos. 21,4–9) auf Anordnung des HErrn die eherne Schlange aufgerichtet; und wer sie anschaute und sich damit zum Herrn bekannte, überlebte. Im Laufe der Zeit verloren die Leute die symbolische Bedeutung aus den Augen und betrachteten die Schlange selbst als Sitz der Heilkraft und machten sie zu einem Gegenstand der Verehrung.
Ritualehaben verschiedene Funktionen, u.a. einen entlastenden Effekt (man mus sich ein Prozedere nicht jedesmal neu überlegen); sie schützen vor einem prekären Wandel im Lauf der Zeit; sie rechtfertigen eine Handlung als "haben wir immer genau so gemacht"; sie stellen eine symbolische Handlung als gültig dar ....u.a.m.
Die Salbung als Akt zur Legitimation spirtueller und dann auch politischer Macht basiert wahrscheinlich auf der pharmazeutischen Anwendung von Salben. Die Heiligung wird als symbolische Heilung interpretiert.
Seit Arnold van Gennep, Übergangsriten. Paris 1909 gibt es dazu eine große Menge an Forschungen. Gerd Althoff, Die Macht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter. Darmstadt: Primus 2003. Eine konzise Übersicht findet sich im »unimagazin« der Universität Zürich, Heft 1998/1 (Literarische) Held*en als IdentifikationsfigurenAeneas hat seinen Vater Anchises aus dem brennenen Troja getragen (Vergil, »Aeneis« II, 634ff.)
Votivbild zwecks Lobpreis der helfenden Instanz
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Nichts wehrter Sohn, gar böser art, |
Leichtfehrtig er sein Guot verzehrt; Groß Armuoth drauf bey ihm eynkehrt. |
| Der Schweine Speiß; als Hirt; sich nehrt; Mit Reüen er zum Vatter kehrt. |
Der Vatter nimmt Ihn wider an als hett er nie kein sünd gethan. |
Die 6. Strophe unter der Bildgeschichte, an die Jüngling und Jungfrauen gerichtet:
Erspiegelt euch zugleiche/
Hier/ am verlohrnen Sohn/
und; zuvermeiden Hohn;
von Lastern jeder weiche:
Suocht seien Buoß und Reu/
damit euch widerfahre
geleiche Gnad und Treu:
Der Höhest euch bewahre!
Vgl. hierzu den Aufsatz von Andreas Hebestreit als PDF
Marc Winter: Die chinesische Schrift ist unter den menschlichen Schriftsystemen bekanntlich einzigartig, weil sich darin eine grosse Zahl von Elementen findet, deren Form den ideographischen oder piktographischen Ursprung zeigen. Schriftzeichen sind damit nicht nur abstrakte Symbole für eine Aussprache, sie tragen zugleich einen semantischen Aspekt in sich, der in der chinesischen Bevölkerung auch allgemein bekannt ist. Auf dieser Grundlage haben sich mehrere Techniken im Umgang mit Schrift gebildet, die weit über die Kernfunktion der Schrift hinausgehen, sprachliche Zeichen graphisch zu kodieren.
Insbesondere in der armen Bevölkerung des traditionellen China dienten Schriftzeichen als Medien für die Weissagung der Zukunft, als Abwehr gegen böse Mächte und sogar als medizinisches Heilmittel. So entwickelte die in der Regel als «Taoismus» (oder besser: «Daoismus») bekannte Sammlung volksreligiöser Techniken apotropäische und medizinische Talismane, die bis heute Verwendung finden.
In der Reihe von pseudo-wissenschaftlichen Weissage-Techniken gibt es nicht nur Vorhersagen über Persönlichkeit oder Schicksal eines Individuums, die auf das Yijing (Buch der Wandlungen) zurückgehen, sondern einen reichhaltigen Strauss alternativer Techniken wie Physiognomik, Geomantik (fengshui) oder Astrologie sondern auch kulturspezifische wie die Auslegung der Schriftzeichen des Namens einer Person («Graphomantik» oder «Glyphomantik»).
Medical_talisman_for_gestation_and_puerperium_(Chinese_MS)_
Wellcome_L0039753 (auf wikimedia)
Bujeok-Talisman (bei etsy.com käuflich)
Um das ständische Gefälle zwischen dem adligen Widmungsträger und dem bürgerlichen Verfasser auszudrücken, verwendete man einst verschieden große Schrift. Auch in der Alten Eidgenossenschaft war das gebräuchlich, wie das Beispiel aus einer 1755/57 in Zürich gedruckten Bibel zeigt.
Apotropäisch (griechisch apo-tropaios ≈ abwendend, abwehrend)
An Tempeln, Kirchen oft dargestellt: das Motiv des Schamweisens, Gesäßweisens, Zungestreckens – nicht als "obszön" oder "frecher Spaß der Steinmetzen" zu deuten, sondern als imponierende Gesten, die das ausserhalb Bedrohliche abwehren sollen.
Wächter-Rangda vom Tempel Pura Dalem in Sidan (Bali) aus:
Christa Sütterlin, Fratzen, Monster, Entblößer. Dämonenplastik aus ethologischer Sicht in: »Spinnenfuß und Krötenbauch«, PANO Verlag, Zürich 2013, S. 393–406
> DigitalisatVgl. insbes.: I. Eibl-Eibesfeldt / Ch. Sütterlin, Im Banne der Angst. Zur Natur- und Kunstgeschichte menschlicher Abwehrsymbolik. München 1992.
Kleines Kapitell im Kreuzgang des Zürcher Großmünsters vis-à-vis des Ausgangs des ehemaligen Refektoriums:
Aquatinta von Franz Hegi (1841) Blatt XII/6; mehr dazu hier
Diese Kriegsmaschine will mehr als nur Pfeile abschießen:
Roberto Valturio [1405–1475], De re militari, Paris: Wechel 1532
> https://archive.org/details/chepfl-lipr-axc-36/page/239/mode/1upVgl. in der Handschrift BNF Latin 7237
https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b100363788/f118.item
Hier handhabt die Wollust ausgelegte Schlingen, mit denen sie aktiv die närrischen Personen einzufangen sucht:
Holzschnitt von (1539–1584) in:
Welt Spiegel/ oder Narren Schiff darinn aller Ständt schandt vnd laster/ vppiges leben/ grobe Narrechte sitten/ vnd der Weltlauff/ gleich als in einem Spiegel gesehen vnd gestrafft werden: alles auff Sebastian Brands Reimen gerichtet; Aber/ Wie vil andern herrlichen/ Christlichen/ auch nutzlichen Lehre/ Exempeln vnd vermanungen zu einem Ehrbaren vnd Christlichen Leben; […], Basel: Heinricpetri 1574.
Bild und Text in der 1. Ausgabe des »Narrenschiffs« 1494
Mehr dazu im Kapitel zu den Lasterallegorien
Franciscus Lang, S.J., Dissertatio de actione scenica, cum Figuris eandem explicantibus, et Observationibus quibusdam de arte comica, Monachii 1727. – Abhandlung über die Schauspielkunst, übersetzt und herausgegeben [und mit einem Nachwort versehen] von Alexander Rudin, Bern: Francke 1975.
Charles Le Brun (1619–1690,) Méthode pour apprendre à dessiner les passions; proposée dans une conférence sur l'expression générale et particulière 1702.
> https://archive.org/details/mthodepourappren00lebr/page/n122/mode/1up
Oder:
Charles Darwin, The Expression of the Emotions in Man and Animals, 1872.
> https://en.wikipedia.org/wiki/The_Expression_of_the_Emotions_in_.....
Sympathischer:
(Der Laden befindet sich an der Forchstrasse 193 in 8032 Zürich)
> http://www.symbolforschung.ch/Emotionen.html
Dominanz – Distanz – Unterwürfigkeit – Ehrerbietung – Reverenz u.a. können mittels ›Körpersprache‹ ausgedrückt werden.
Die Geste der Verbeugung ist alt. Hier einige Beispiele aus der Bibel:
1. Mos 23,7: Da stand Abraham auf und bückte sich vor dem Volk des Landes
1. Samuel 24,9: Und David neigte sein Antlitz zur Erde und fiel nieder (lat.: inclinans)
1. Samuel 25,41: Abigail ... fiel nieder auf ihr Angesicht zur Erde und sprach: Siehe, hier ist deine Magd, das sie diene den Knechten meines Herrn und ihre Füße wasche.
1. Könige 1,31: Da neigte sich Bathseba mit ihrem Antlitz zur Erde und fiel vor dem König nieder und sprach: Glück meinem Herrn, dem König David, ewiglich!
Ester 5,9: Da ging Haman des Tages hinaus fröhlich und gutes Muts. Und da er sah Mardochai im Tor des Königs, daß er nicht aufstand noch sich vor ihm bewegte, ward er voll Zorns über Mardochai.
Josua 5,13f: Da fiel Josua auf sein Gesicht zur Erde nieder, um ihm [einem Gottesboten] zu huldigen...
Dazu das Bild aus der Bilderbibel Historiae celebriores Veteris (et Novi) Testamenti iconibus repraesentatae et ad excitandas bonas meditationes selectis Epigrammatibus exornatae, Nürnberg, Chr. Weigel 1712:
Die im 17.Jahrhundert überschwänglich praktizierte Verbeugung wird bald karikiert:
Der Complimentier-Narr
Ich kan mit meinem Compliment
Fast nie gelangen zu dem End.
Ich gratulier, und condolier,
Mit Reverenz, jetzt deprecier.
Wann ich die gantze Rede vollbracht,
Der grossen Falschheit jeder lacht.[Abraham a Sancta Cara fälschlich zugeschrieben] Centi-Folium stultorum in Quarto, Oder Hundert Ausbündige Narren in Folio. Neu aufgewärmet und in einer Alapatrit-Pasteten zum Schau-Essen, mit hundert schönen Kupffer-Stichen, zur ehrlichen Ergötzung, und nutzlichen Zeit-Vertreibung, sowohl frölich- als melancholischen Gemüthern aufgesezt; auch mit einer delicaten Brühe vieler artigen Historien, lustiger Fablen, kurtzweiliger Discursen, und erbaulicher Sitten-Lehren angerichtet, Wien: Megerle und Nürnberg: Weigel 1709.
Daniel Nikolaus Chodowiecki (1726–1801) kennt dieses Buch und verwendet das Bild im Göttinger Taschen Calender 1782 unter Centifolium Stultorum:
Auf welcher ethologischen Basis beruhen solche Gesten?
Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Liebe und Hass. Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen, München: Piper 1970; Abb.51: Die Verbeugung ist wahrscheinlich eine ritualisierte Form der Aufforderung zur Fellpflege.
Den Hut abnehmen als Demonstration des Respekts gegenüber einer Person. Umgekehrt: Wer den Hut aufbehält, ist die Respektsperson:
Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799):
Das Hutabnehmen ist eine Abkürzung unsres Körpers, ein Kleinermachen.
»Sudelbuch« F 859
aus: Neuer Bienenkorb voller ernsthafter und lächerlicher Erzählungen« (1768–1772)
Ein König verirrte sich einsmals auf der Jagd und wurde dadurch von seinen Hofleuten getrennt. Als er nun wieder auf den rechten Weg kam und ganz allein ritt, begegnete ihm unterwegens ein Bauer, welcher gleichfalls auf eben diesem Wege zu Markte ging.
Der König fragte ihn: »Bauer, wo willst du hin?«
Er antwortete: »In die Stadt.«
Nach unterschiedlichen Reden fing endlich der Bauer ganz trocken an: »Ich möchte doch auch einmal den König sehen, er ist mir noch niemals zu Gesichte gekommen.«
Der König sagte zu ihm: »Komm mit, ich reite jetzo gleich zum Könige hin!«
Der Bauer fragte: »Wie kann man denn wissen, welches der König ist?«
Er antwortete ihm: »Sobald wir in die Stadt kommen, so gib Achtung: Welcher unter allen den Hut aufbehält, derselbe ist der König.«
Indessen kamen sie an das Stadttor an. Da warteten alle königlichen Bedienten auf ihren König und empfingen ihn mit entblößten Häuptern. Der Bauer aber aus Unverstand behielt samt dem Könige den Hut auf dem Kopfe.
Nun sagte der König zum Bauer: »Siehest du nun, wer König ist?«
Der Bauer antwortete: »Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich denke, einer von uns beiden müsse es unfehlbar sein.«(ähnlich wieder verwendet von) Johann Peter Hebel (1760–1826), »Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes« (1811):
> https://www.projekt-gutenberg.org/hebel/hausfreu/chap037.html
Reiterstandbild des bayer. Königs Maximilian II. (reg. 1848 – 1864) von 1862
Modell in Bronze, das bis zum letzten Stadium vor einer tatsächlichen Ausführung und Aufstellung gediehen ist:
Bildnachweis: Bayerisches Nationalmuseum, Walter Haberland (mit freundlicher Genehmigung)
Die Figur sieht keineswegs wie ein König aus. Man sieht einen feinen Herrn von Gesellschaft, es könnte ein Vertreter des Großbürgertums sein; ein feiner Herr in Gehrock und Zylinder. Die potraithaften Züge weisen ihn allerdings als Maximilian II. aus, ebenso die Inschrift am Sockel. Dieser Herr zieht den Hut!
Man weiss, dass Maximilian II. sich gerne betont bürgerlich gab. Als Frühaufsteher nicht ohne Stolz vermerkte er, wenn er morgens aus der Residenz über den Platz schaute, dass er noch vor seinen Bürgern Licht gemacht habe und aufgestanden sei. Seine Reise durch das bayerische Oberland 1858 diente erklärtermaßen dazu, Land und Leute näher kennenzulernen und das bayerische Nationalgefühl zu stärken, indem er sich der Bevölkerung nahe zeigte.
Wenn die Statue auf einem Platz augestellt worden wäre: Der König würde vor seiner Bevölkerung den Hut ziehen – eine Mitte des 19.Jhs. kühne Vorstellung. Bürgernähe sollte mittels dieser Statue nicht nur dargestellt, sondern auch im Empfinden erzeugt, bewirkt werden. In der Realität wurde dann doch die Statue nicht errichtet – schreckte man vor der Kühnheit der Idee zurück?
(Hinweis und Erläuterung von Rosa Micus, Regensburg)
Wilhelm Tell bückt sich vor dem aufgesteckten Hut des Landvogts nicht:
Nein! Vor dem aufgstekkten Hut, Du Mörderangesicht! Bükt sich kein Mann voll Heldenmuth, Bükt Wilhelm Tell sich nicht!
Johann Caspar Lavater, Schweizerlieder, 3.Auflage, Bern: Beat Ludwig Walthard 1768.
Mit Folgen: > http://www.enzyklopaedie.ch/dokumente/....html#Tell
Eine Karikatur aus »Schalk« 1879:
Die selbstthätige Grüßpumpe. Prinzip: Tretkraft verbunden mit Höflichkeit. Es bedarf wahrlich keines Beweises, daß der Hand würdigere Aufgaben von der Natur gestellt sind, als wozu der Kulturmensch sie mißbraucht, indem er sie zum sklavischen Vollstrecker der Sitte des Hutabnehmens zwingt. Pfui ! Dies fällt hiermit fort.
Die Grüßpumpe ist mechanisch höflich, wie es die Sprache ist, wenn sie bei der Höflichkeitsfrage : “Wie befinden Sie sich?” den Gedanken des Fragestellers die Arbeit abnimmt, die gleiche Frage zu stellen. Die Grüßpumpe ist mithin eine neue Staffel zum freien Menschen, ohne diesen in Anwendung bekannter Höflichkeitsformen zu beschränken.
Die Konstruktion des einfachen Apparates ist folgende: Ein massiver eiserner Reif a b wird dem geehrten Käufer möglichst heiß um den Leib geschlagen, denn als Träger der ganzen Vorrichtung muß er möglichst gut und fest sitzen. An ihm ist bei c die elastische Feder c d befestigt, durch welche die runde Metallplatte e abgehalten wird, die untere Rückenpartie allzu unsanft zu berühren.
Bei der Begegnung des zu grüßenden Objektes (x) lächle ich zunächst verbindlich w, hebe sodann den linken Fuß, heftig nach hinten ausschlagend, wodurch die Platte e einen Augenblick herabgedrückt wird. […]
Auf dem Hut p ist eine kleine Kontrolluhr angebracht, auf welcher man Abends bequem ablesen kann, wie oft man im Laufe des Tages der gesellschaftlichen Form des Hutabnehmens genügt hat. Die Devotion des Grußes läßt sich bei einiger Übung genau abmessen; je kräftiger der Fußtritt, je höflicher der Gruß. […]Anton Klima, Die Technik im Lichte der Karikatur, Wien: Malota 1913; Abb. 89 und Text S. 83
Genrell zur Kritik an Komplimenten im 17./ 18. Jh.:
Hanns Michael Moscherosch, »Wunderliche und Wahrhafftige Gesichte Philanders von Sittewald« [1642/43]; ausgewählt und hg. von Wolfgang Harms (RUB 1871), Stuttgart 1986.
Ala mode Kehrauß (1643) [Harms S.166]
Der Herr /sprach Freymund zu dem Alten/ hat erzehlet das Complimenta ein vnehrliche Mißgeburt seye. Weil ich aber von dieser Mißgeburt offt wunder dinge gehöret / doch seiner eigentliche Deüttung noch nicht recht außgründen mögen / bitte ich vmb ferner deren Erklärung. Es soll den Anwesenden Herren ja nicht zu wider sein können?
Die Frantzosen / antwortete der Alte / wollen das Wort Complementum deüten/ alss Completamentum, ex Completa Mente / Eine Vollkommene-Gemüts-erklärung. Aber ich wollt es beweißlicher herbringen von Completum Mendacium. Dann es sind ja freylich andersts nichts als grosse Wort ohne Nachtruck Auffschneidereyen / Lügen.
Ja es ist recht Nachdenckliche Krafft in diesem Wort verborgen. C o m p l i - m e n t e u r / ein Prächtiger Höfflicher Reder / Großsprecher / Ein Auffschneider und Lügner. Dann wie kan es immer müglich sein / das ein Teütscher / der von art nicht viel wort macht / nicht viel Schwätzens vnnd Großsprechens achtet / seiner Natur zuwider es mit so läppischen Babbeleyen recht meynen solte? Warlich dieses wort Complement, dessen wirckung jetzt im höchsten grad stehet / gibt zuerkennen was wir für zeiten haben: dann auch in den Worten eine solche heimliche Krafft vnnd Nachtruck zu zeiten stecket / daß grosse Dinge darauß können ersehen vnnd erkundiget werden.
Joseph Richter (Wien 1749–1813), Bildergalerie weltlicher Misbräuche … von Pater Hilarion Frankfurt und Leipzig 1785:
Neuntes Kapitel: Über Komplimente. Alle Nationen haben eine gewisse Art von Komplimenten; so gar die Thiere beobachten ein Ceremoniel unter sich. Über die Unart deutscher Komplimente, die die alten Deutschen nicht kannten. Ob wir wohl die Türken und andere Völker mit Recht Barbaren nennen? Vom Hutabziehen, und muthmaßliche Entstehung dieses Gebrauches. Die Entscheidung wird der weltberühmten Akademie der schönen Wissenschaften in Berlin überlassen. Über Pantofelkuß und Handkuß, nebst kritischen Bemerkungen über das schwache Nervensistem der Weiber, woraus die Schädlichkeit des Handküssens bewiesen wird. Die übrigen Komplimenten der Weiber werden sehr gelinde beurtheilet, und ihnen dabey von dem Exkapuziner das Kompliment gemacht, daß sie in diesem Punckte viel klüger seyen, als die Männer.
Der ganze Text hier
> https://www.projekt-gutenberg.org/richterj/weltmis/chap009.htmlUnd als hätte er bereits Darwin gelesen: Es existirt wohl schwerlich eine Nation auf dieser lieben Gottes Welt, die nicht eine gewisse Art von Komplimenten unter sich eingeführet hätte; ja wenn wir recht aufmerksam auf die Handlungen der unvernünftigen Thiere seyn wollen, so werden wir finden, daß auch diese ein gewisses Ceremoniel unter sich beobachten; denn es begegnet nicht leicht ein kleiner Hund einem grossen, ohne mit tiefer Verehrung den Schweif an sich zu ziehen, und sich, so viel nur möglich, an die Wand zu halten.
Ein Vater, um Vermögen und Ehre gebracht, sitzt mit gegen Himmel empor gerichteten Augen an seinem Schreibtisch. […] Der Hausherr kömmt zur Thüre herein, und bedeutet dem ohnehin gekränkten Vater unter tiefen Komplimenten, und vielen Entschuldigungen, daß er gezwungen sey, ihm das Zimmer sperren zu lassen, wenn er bis morgen die Miethe nicht bezahlen werde.
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00075011?page=143
Literatur zum Thema:
Manfred Beetz, Frühmoderne Höflichkeit. Komplimentierkunst und Gesellschaftsrituale im altdeutschen Sprachraum, Stuttgart: Metzler 1990.
Erving Goffman, Ineraktionsrituale (1967), dt. Übers. Frankfurt: Suhrkamp 1971; Kapitel ›Über Ehrerbietung und Benehmen‹.
••• Die Fabel bewegt Aufständische zum Abbruch
Im Jahr 494 v.u.Z. fand in Rom die sog. ›Erste secessio plebís‹ statt, ein Aufstand einer Bevölkerungsgruppe (›Plebejer‹), die sich gegen die Exklusivrechte der ›Patrizier‹ richteten.
Der Konsul (ca. 540–493) bewegte sie – so erzählt Livius – mit der Erzählung der Fabel vom Magen und den Giedern zum Abbruch der Aktion:
Man beschloss also, den Agrippa Menenius, einen beredten […] Mann, als Redner an das Volk zu schicken. Er wurde ins Lager gelassen und stellte, wie man sagt, im Tone jenes alten ungeglätteten Vortrags, bloß folgende Erzählung auf:
tempore quo in homine non ut nunc omnia in unum consentiant, sed singulis membris suum cuique consilium, suus sermo fuerit, indignatas reliquas partes sua cura, suo labore ac ministerio ventri omnia quaeri, ventrem in medio quietum nihil aliud quam datis voluptatibus frui; conspirasse inde ne manus ad os cibum ferrent, nec os acciperet datum, nec dentes quae acciperent conficerent. Hac ira, dum ventrem fame domare vellent, ipsa una membra totumque corpus ad extremam tabem venisse. Inde apparuisse ventris quoque haud segne ministerium esse, nec magis ali quam alere eum, reddentem in omnes corporis partes hunc quo vivimus vigemusque, divisum pariter in venas maturum confecto cibo sanguinem.
«Einst, als im Menschen noch nicht alles so einstimmig gewesen sei, wie jetzt, sondern jedes Glied seinen eignen Willen, seine eigne Sprache hatte, habe es die übrigen Glieder verdrossen, dass ihre Sorge, Arbeit und Dienstleistung alles nur für den Magen herbeischaffe, der Magen aber, ruhig in der Mitte, nichts weiter tue, als dass er in den ihm zugeführten Genüssen sich sättige. Sie hätten sich also verabredet, die Hände sollten keine Speise zum Munde führen, der Mund die gebotene nicht annehmen, die Zähne sie nicht zermalmen. Über diese Spannung, in der sie den Magen durch Hunger zu zwingen dächten, waren zugleich die Glieder selbst und der ganze Körper auf den höchsten Grad der Auszehrung gebracht. Da sei es ihnen einleuchtend geworden, dass auch das Geschäft des Magens nicht in Untätigkeit bestehe, und dass er eben so, wie er genährt werde, auch selbst wieder nähre, indem er das durch Verdauung der Speise gezeitigte Blut, wodurch wir leben und gedeihen, auf die sämtlichen Adern verteilt, in alle Glieder des Körpers ausgehen lasse.»
Und durch Darlegung der Ähnlichkeit dieses innern Aufruhrs im Körper mit der Erbitterung der Bürger gegen die Väter, soll er seine Zuhörer umgelenkt haben (Comparando hinc quam intestina corporis seditio similis esset irae plebis in patres, flexisse mentes hominum). – Es kam über die Aussöhnung zu Unterhandlungen.
Livius, Ab urbe condita, II,xxxii,9; Übersetzung von Konrad Heusinger (1821)
Die Fabel wird sehr häufig nacherzählt, freilich oft ohne die Situierung in einem konkreten Kontext und dem Bericht vom politischen Erfolg.
Beislpiel: La Fontaine (III,2 mit Erwähnung von Livius!)
Dietmar Peil, Der Streit der Glieder mit dem Magen. Studien zur Überlieferungs- und Deutungsgeschichte der Fabel des Menenius Agrippa von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. (= Mikrokosmos Band 16). Frankfurt am Main u.a.: Lang 1985.
••• Diese Fabel warnt davor, einen Herrscher zu unterstützen:
Als die Bürger von Himera den Phalaris zum absoluten Führer erwählt hatten und im Begriff waren, ihm eine Leibgarde beizugeben, erzählte ihnen folgende Fabel:
Ein Pferd hatte eine Wiese für sich ganz allein. Da kam ein Hirsch und fraß die Weide ab. Das Pferd wollte den Hirsch nun strafen und fragte den Menschen, ob er denn mit ihm zusammen den Hirsch nicht züchtigen könnte.
Der Mensch antwortete: »Wenn du einen Zaum annimmst und mich mit meinen Waffen auf dich aufsteigen lässt? Warum nicht!«
Als das Pferd einwilligte und der Mensch es sodann bestieg, musste das Pferd, statt sich am Hirsch zu rächen, dem Menschen dienstbar sein.
»Darum, so sage ich, gebt acht«, sprach Stesichoros, »dass es euch, während ihr euch an euren Feinden rächen wollt, nicht ebenso ergeht wie dem Pferd.«
»Den Zaum habt ihr ja schon an, da ihr euch einen Generalissimus erwählt habt. Wenn ihr ihm jetzt auch noch eine Leibgarde gebt und ihn damit in den Sattel steigen lasst, werdet ihr nur zu Knechten des Phalaris.«
Die Fabel mit Funktion wird zitiert von Aristoteles, Rhetorik, II, 20. Kapitel, ¶ 5 (Aristoteles, Rhetorik, Übersetzt, mit Erläuterungen und Nachwort von Franz G. Sieveke, (UTB 159), München: Fink 1980. S.134. und Anm.).
Horaz (Epist. I,10, Verse 34ff.) kennt die Fabel ebenfalls; allerdings situiert er sie nicht in einem historischen Kontext; er bleibt im Allgemeinen:
So wer aus Furcht der Armuth seiner Freyheit entsagt, die kein Metall bezahlen kann, so muß auch er nun einen Herren tragen. Vergebens beißt er mit geheimen Grimm in sein Gebiß; er ist auf ewig dienstbar, zur Strafe daß er sich an wenigem nicht gnügen ließ. (Übersetzung von Wieland 1782)
Weitere Fassungen bei > http://www.mythfolklore.net/aesopica/perry/269.htm
Joost van den Vondel (1587–1679), Vorstelijcke Warande der Dieren; Afbeeldingen in Koper gesneden door Marcus Gerards. Amsterdam: Wybrantsz, 1682 — Nr. 36: ’t Peerd ende t’Hart
> https://archive.org/details/vorstelijckewara00vond/page/n84/mode/1up
••• Es ist klug, bisherige Beamte, die sich schon bereichert haben, zu belassen, als sie durch neue, geldgierige, zu ersetzen. Die Fabel wird hier dem Kaiser zugeschrieben und funktional situiert:
[24] Funera post Patris cum forte Tyberius esset
Cæsar tecta petens …[Kaiser Tiberius] sahe einen Mann voll Schweren [Geschwüre] an der Straß
Der hart beschweret war von mancher Fliegen Dükke/
Und als ein Jammerbild in grossem Elend saß/
Befahl er seinem Knecht dieselbe zu verjagen;
Der Mann sprach nein/ sonst kömpt die frische Rott herzu/
Die hungert noch/ fängt an und mehret meine Plagen:
Die sind nun satt und voll/ drumb lassen sie mir Ruh’.So sind auch alle/ die ein offnes Aemptlein haben:
Wer seine Kisten hat mit Geld und Gut erfüllt/
Beugt nicht so leicht das Recht umb ein’ und andre Gaben. […]Laurens Van Haecht (Texte) / Geradt de Jode (Bilder) Homo, Mikrokosmos, hoc est: Parvus Mundus, Andwerpen 1579
> https://www.uni-mannheim.de/mateo/desbillons/mikro.htmlDeutsche Übersetzung von Martin Meyer, Frankfurt 1670
> http://diglib.hab.de/drucke/ma-732/start.htm
Die Episode passt – wenn man Suetons Vita des Tiberius liest – zu diesem Kaiser, wird dort aber nicht erwähnt. — Die Fabel wird von Aristoteles (a.a.O. ¶ 6) und mehreren Autoren bis La Fontaine etwas anders und ohne funktionale Situierung erzählt.
(1420 – ca.1475) schreibt – in kaiserlichem Dienst – dieses Gedicht:
Ein Edelstein bewahrt den Adler im Nest; hat er genügend Beute, so lässt er andere Vögel mitessen; hat er zuwenig Futter, packt er den nächsten Vogel. So bedeutet er den Römischen Kaiser hinsichtlich der Freigebigkeit und Verfügungsmacht.
von dem adler ein gleichnis
Vff aller erden creisse, zwüschen dem himel vnd der erden ich
kein edler wopen [Wappen] weisse,
sam ez dann fürt daz rómisch reich.
Daz ist der adelere vnd ist der edelst vogel sicherlich.
ich weiss ir keinen mere,
vnd der dem adler sey geleich.
Er lebet allso adelich in seiner art,
vnd ist daz sein nature:
in seinem nest er welt er im auß einen edeln stein,
damit er sich pewart. [durch den er sich erhält].
er geit im crafft vnd nerens fure, [er gibt ihmm Kraft und Nahrung, solange]
piz er die iungen in dem ey ernart.
nun merckent die uigure [nun erkennt das Gleichnis]
des selben edlen vogels rein!Wu er nun ist gesessen
ob seiner speiz, die er da nider würfft,
so leßt er mit im essen
die andern uogel alle gar.
Ist es, daz im zu rinnet, [wenn ihm mangelt]
daz er der selben speiß nach seinr noturfft
zu lúcel do gewinnet, [dass er … für seinen Bedarf zu wenig bekommt]
so siht er vff vnd nymmet war
Den nehsten vogel, den er neben im betrit;
den würffet er da nider.
die andern vogel er denn aber mit im essen lát.
hat er nit gnuck damit,
so greifft er schnelliglich hin wider
und nympt einn andern, daz ist auch sein sit, [das ist eben seine Art]
vnd reißt im sein geuider.
daz treipt er on, pis er würt sat.Wu daz ver nympt ein weiser,
da mag wol mercken, daz der adeler
beteut einn römschen keiser.
der edel stein, den er do nympt,
Beteutet seinen adel.
an tugend vnd an miltekeit sol er
auch haben keinen tadel.
wie wol daz einem keiser zimpt,
Daz er die andern uogel mit im essen lat!
so im der speiß wil reren, [wenn ihm die Nahrung ausgeht]
daz er ein andern nider wurffet, daz peteut gewalt,
den hy ein keiser hat.
er lesset reilich mit im zeren. [er lässt mit ihm Unterhalt finden]
zu rinnet im [mangelt es ihm], so rupfet er ein stat
oder den nehsten heren [den nächsen Fürsten] –
er ist dem adler gleich gestalt.
Mit moderner Übersetzung in: Gedichte 1300–1500 nach Hss. und Frühdrucken hg. von Eva und Hansjürgen Kiepe (Epochen der deutschen Lyrik, Band 2), dtv 4016, München 1972, S.281–283.
Das Symbol dient der Erinnerung als Denkmal
Nach dem Zug durch den Jordan soll jeder der 12 Stammesväter einen Stein auf einen Haufen legen zum ewigen Gedächtnis an diese Wohltat Gottes (Josua 4,6ff.)
Biblia ectypa. Bildnußen auß Heiliger Schrifft deß Alten Testaments, Erster Theil. in welchen Alle Geschichten u: Erscheinungen deutlich und schriftmäßig zu Gottes Ehre und Andächtiger Seelen erbaulicher beschauung vorgestellet worden. ... hervorgebracht von Christoph Weigel in Regensburg: Weigel 1697.
Das Bild dient nicht nur zur Vergegenwärtigung des Aussehens, es hat auch eine soziale Funktion:
Portrait of Queen Elizabeth I
> https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1868-0822-853
ähnlich > https://collections.vam.ac.uk/item/O564295/elizabeth-i-print-crispijn-de-passe
Anselm Franz von Ingelheim (1683–1749)
Mit ausführl. Biographie von Pius Bieri (2018)
> https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Bauherr/s-z/Wburg_Ingelheim_Anselm_Franz.html
Hinweis: https://www.bpb.de/themen.....herrscherbilder/
Der Triumphbogen demonstriert im antiken Rom die Macht von Inhabern hoher Ämter und die Überlegenheit von Feldherren. Flavius Josephus schildert (Bellum Judaicum VII,v,4) die gemeinsame Siegesfeier von Kaiser Vespasian und seinem Sohns Titus nach der Niederwerfung von Jerusalem im Jahre 70:
¶ 127 Nachdem Vespasian für die ehrenden Kundgebungen gedankt hatte, gab er, weil der Beifallssturm noch immer sich nicht legen wollte, endlich das Zeichen zum Stillschweigen und erhob sich unter lautloser, allgemeiner Stille von seinem Throne, schlug seine Toga fast über das ganze Haupt und begann die altherkömmlichen Dankgebete, die auch Titus verrichtete. Nach dem Gebete hielt Vespasian an die ganze Versammlung eine kurze Ansprache. […] Er selbst ging nach dem Tor, das von den Triumphzügen, die stets durch dasselbe ihren Weg nehmen müssen, seinen Namen ›Triumph-Pforte‹ erhalten hat, um […] sich in die Gewänder der Triumphatoren zu werfen. Nachdem sie noch den beim Tore befindlichen Heiligtümern der Götter Opfer dargebracht hatten, eröffneten sie ihren Triumphzug, .... [Übersetzung von Philipp Kohout (1901)]
Der Titusbogen in Rom, errichtet anno 81, restored in: Banister Fletcher, A History of architecture on the comparative method, London 1950, p. 189 F
By the way: Der derzeitige Präsident der USA hat Anfangs Februar 2026 verkündet, zum 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten in Washington einen 250 Feet hohen ›Independence Arc‹ errichten zu lassen...
Der Triumphzug geht dann weiter:
¶ 131ff. Nachdem sie noch den beim Tore befindlichen Heiligtümern der Götter Opfer dargebracht hatten, eröffneten sie ihren Triumphzug, welcher mitten durch die Theater gehen sollte, damit so die Zuschauermenge einen besseren Überblick gewinnen könnte. – Es ist geradezu unmöglich, von der Unzahl der hier aufgeführten Prunkgegenstände, wie auch von der Großartigkeit aller nur erdenkbaren Kostbarkeiten, ob nun ihr Wert in der kunstvollen Bearbeitung oder im edlen Gehalt der Artikel oder nur in ihrer natürlichen Seltenheit bestand, einen entsprechenden Begriff zu geben. War ja doch fast alles, was die Glücksmenschen aller Zeiten an bewunderungswürdigen und wertvollen Dingen, nach Ländern und Völkern verschieden, einzeln erworben hatten, an diesem Tage in Rom beisammen, um die Größe des römischen Reiches widerzuspiegeln. usw. usf.
Der Illustrator der Flavius-Josphus-Ausgabe 1609 imaginiert das so:
Flauij Josephi ... Historien und Bücher : von alten Jüdischen Geschichten, zwentzig, sambt eynem von seinem Leben: Vom Jüdischen Krieg, und der Stadt Jerusalem, und der gantzen Lands verstörung, , Straßburg: Rihel 1609. Seite 876 zum Jahr 4034 a.u.c.
> https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/95892/890#
Frankreich (Frauen.)
Es entsteht nun die Frage, wie ist der Grundcharakter der Französinnen, der sich mehr oder minder, denn Modifikationen gibt es überall, selbst im stereotypen China, im Guten und Schlimmen gleichbleibt? Chamäleontisch-liebenswürdig und liebenswürdig-chamäleontisch. Mit diesem Worte ist vielleicht alles Gute und Schlimme erschöpft und des Guten ist wie überall bei den Frauen auch hier mehr. Sie zeichnen sich durch Lebhaftigkeit des Geistes und durch Willenskraft vor den germanischen Frauen vortheilhaft aus; doch stehen sie ihnen an Sanftmuth, Zartheit und Nachgiebigkeit weit nach. Ihre Wünsche sind heftig, ihre Entbehrungen schmerzhaft; die deutsche Frau weiß demuthsvoll zu dulden, die Französin klagt laut und leidenschaftlich und ist immer au désespoir.
Ausschnitt aus dem Artikel in: Damen Conversations Lexikon, Band 4. [o.O.] 1835, S. 190-196. Permalink:
> http://www.zeno.org/nid/2000173153X
Silke Meyer, Die Ikonographie der Nation. Nationalstereotype in der englischen Druckgraphik des 18. Jahrhunderts. Münster: Waxmann 2003.
> https://de.wikipedia.org/wiki/Stereotyp#/media/Datei:V%C3%B6lkertafel.jpg
Napoleon III. (1808–1873) als Marionette in der Hand von Marguerite Bellanger (1838–1886); Karikatur von Léon Roze (1868–1915)
Eduard Fuchs, Die Karikatur der europäischen Völker, 2: Vom Jahre 1848 bis zur Gegenwart, Berlin: Hofmann 1903; ####
Das Symbol dient der Repräsentation Individuen und von sozialen Einheiten (Identitäts-Konstitution des Eigenen gegenüber dem Fremden)
••• Akkadisches Rollsiegel des Ukīn-Ulmaš (ca. 2209/2155)
Zwei Löwen beissen zwei Wasserbüffel in den Hals. ... Die aufgerichteten Löwen packen mit ihren sternförmig gebildeten Tatzen die Büffel und halten sie aufrecht. Auf den Tierkampfszenen repräsentiert der Löwe die Dynastie. Die Überwältigung des Büffels symbolisiert Macht über Könige und Völker. Die Bilder verkünden die Dominanz der Herrscherfamilie
https://www.bible-orient-museum.ch/de/verein/newsletter/
(Nr.37, Mai 2022; Text von HUS, hier gekürzt wiedergegeben)
••• Das Monogramm Friedrichs des III. (1415–1493)
Darin enthalten ist die Devise > A.E.I.O.U.
Vgl.: Der Römischen Kayserl. Mayestät LEOPOLDI I. [und andren gewidmet vom] Underthänigst/ gehorsamst/ Pflichtschuldigster Diener vnd Knecht Johann Baptist Mayr
P. Ovidii Nasonis Deß Uralt-berühmten/ vortrefflichen/ und Aller-Sinnreichesten/ Lateinischen Poeten Metamorphoses Oder Wunder-würdige Gestalt-Veränderungen Der Menschen/ Thier vnd anderer Creaturen: Samt Solcher Wandlungs-Gedichte/ deß Ovidinischen verblümten Sinns/ gründlichen Argumenten und Außlegungen […] Saltzburg: Mayr 1685.
> http://diglib.hab.de/drucke/xb-4f-463/start.htm
••• Der Rütlischwur ist allgegenwärtig:
Stumpff-Chronik 1547/38
Hier sind die drei Schwörenden bereits etwas barock adaptiert:
Josias Simler [1530–1576], Helvetiorum Respublica Diversorum Autorum, quorum nonnulli nunc primum in lucem prodeunt, Lugdini Batavorum: Elzevir 1627.
Vgl. Thomas Maissen, Von wackeren alten Eidgenossen und souveränen Jungfrauen. Zu Datierung und Deutung der frühesten „Helvetia“-Darstellungen, in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, 56 (1999), S. 265–302. DOI: 10.11588/heidok.00011703
••• Auch die Zerstörung von Idenitätsrepräsentationssymbolen kann Identität heraufbeschwören:
Hie redt ein frummer Christ, vnd ermant die frevelen leüt, das sie absthen von yrem boesen muotwillen. (Aus einer Flugschrift von ca. 1525/27)
In: Bildersturm – Wahnsinn oder Gottes Wille? Katalog zur Ausstellung im Bernischen Historischen Museum, hg. Cécile Dupreux, Peter Jezler, Jean Wirth, Zürich: NZZ 2000, Kat. 147.3; S.307
Der Glaubensakt als Showeffekt (NZZ 12.3.2001, S.29)
____
Mehr zu diesem Thema hier > http://www.symbolforschung.ch/2019.html
Band 12 (2000) war dem Thema »Symbole im Dienste der Darstellung von Identität« gewidmet. — Das Vorwort des Herausgebers [als PDF]
••• 1944: Neues Gesetz über den unlauteren Wettbewerb — Nein
Gestaltung: Carl Moos (1878–1959)
> https://www.emuseum.ch/objects/15082/(Hinweis auf dieses Plakat in:) Sascha Demarmels, Emotionalisierung-Strategien auf Schweizer Abstimmungs-Plakaten im 20. Jahrhundert, Schriften zur Symbolforschung, Band 15 (2005), S.287ff.
••• 2013: Masseneinwanderung stoppen:
> https://www.svp.ch/aktuell/....plakatkampagne-masslosigkeit.....
Judith Arnold, Rhetorik des Abstimmungsplakats. Zum Aufbau von Text- und Bildplakaten, Zürich 2007
>
http://www.arsrhetorica.ch/Abstimmungsplakate-04.htm
••• Auf einem Pferd reiten ist ein Symbol der Überlegenheit, deshalb werden Mächtige gerne in Gestalt eines Reiterstandbilds präsentiert – und die Unterlegenen darunter als Gefesselte:
Statue équestre originelle du roi Henri IV sur le Pont-Neuf à Paris, dont le piédestal fut achevé en 1635. — De son érection, en 1614, à sa destruction, en 1792, elle fut un formidable révélateur des imaginaires politiques et de la vie posthume du premier des Bourbons, entre vénération et exécration.
> https://www.france-pittoresque.com/spip.php?article6334
> https://www.lhistoire.fr/d%C3%A9boulonner-la-statue-d%E2%80%99henri%C2%A0iv-0
Vgl. den Aufsatz von Andreas Hebestreit: »Lasst mich nur auf meinem Sattel gelten« >>>> hier als PDF in neuem Fenster
••• Im Jahre 259 u.Z. gerät Kaiser Valerian in Gefangenschaft der Perser; deren König Sapor benutzt ihn, um aufs Pferd zu steigen. Die Geste dient der Repräsentation von Macht bzw. der Demütigung des Gegners:
Kupfer von Matthäus Merian in: [Johann Ludwig Gottfried] Historische Chronica. oder Beschreibung der Fürnemsten Geschichten, so sich von Anfang der Welt, biß auff das Jahr Christi 1619 zugetragen, Frankfurt/Main, M. Merians Erben, MDCLVII. Seite 360.
••• Die Sitzhaltung ist ein Ausdruck der Macht:
Des Hochberümptesten Geschicht schreybers Justini warhafftige Hystorien/ die er auß Trogo Pompeio gezogen: … Die Hieronymus Bonder auß dem Latein inn diß volgend Teütsch vertolmetscht hat/ welche nit allein zuo lesen lustig/ sondern einem yeden menschen zuo wyssen nutzlich vnd not ist. … Gedruckt zuo Augspurg durch Heynrich Steyner M.D.XXXI.
Hans-Werner Goetz, Der ›rechte‹ Sitz. Die Symbolik von Rang und Herrschaft im Hohen Mittelalter im Spiegel der Sitzordnung, in: Symbole des Alltags – Alltag der Symbole. Festschrift Harry Kühnel, Graz: ADVA 1992, S. 11–47.
Barbara Stollberg-Rilinger, Des Kaisers alte Kleider: Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches, C.H.Beck, 2008.
> http://www.symbolforschung.ch/Machtsymbolik.html
Das Symbol gewährt modellhaft Einsicht in die Funktionsweise eines komplexen Vorgangs anhand eines weniger komplexen.
Beispiel: Wie wirkt die Sünde? Man gerät, angelockt durch freudige Erwartung, wie ein Fisch in eine Reuse und kommt nicht mehr heraus:
No es tan facil la salida.
Emblemas morales de Don Sebastian de Couarrubias Orozco, En Madrid : Por Luis Sanchez 1610. III: Tei,l Emblem Nr. 4
> https://archive.org/details/emblemasmoralesd/399/mode/1up
Das Symbol dient der Verschlüsselung von Botschaften, die nur derjenigen Person verständlich sein sollen, die den Code kennt. Das Symbol erlaubt auch das Umgehen von Zensur. (Steganographie)
Der (legendenhafte) L. Tarquinius Superbus hat seinen Sohn Sextus Tarquinius in die von den Römern belagerte Stadt Gabii geschickt, der sich dort als Überläufer ausgibt. Dieser macht sich dort beliebt und wird von den Bürgern von Gabii zum Feldherren gewählt. Nun sucht er Rat bei seinem Vater und schickt dazu einen Boten nach Rom, die bei ihm Instruktionen einholen sollen. Der schlaue Tarquinius Superbus misstraut aber den Boten. Er geht im Garten des Palastes auf und ab, schlägt mit einem Stecken Mohnköpfe ab. Der Bote kehrt scheinbar unverrichteter Dinge nach Gabii zurück und berichtet, was er gesehen hat. Dem Sohn Sextus wird sofort klar, was sein Vater ihm mit den wortlosen Andeutungen (tacitis ambagibus) rät, und er schaltet die in Gabii herrschende Führungsschicht aus. (Livius, »Ab urbe condita« I,54)
Holzschnitt von Tobias Stimmer (1539–1584), in: Titus Livius/ Vnd Lucius Florus/ Von Ankunfft und Ursprung des Römischen Reichs/ der alten Römer herkommen/ Sitten/ Weißheit/ Ehrbarkeit/ löblichem Regiment/ Ritterlichen Thaten/ Victori vnnd Sieg/ gegen jhren Feinden: […] . Jetzund auff das newe auß dem Latein verteutscht ... Straßburg, Th. Rihel 1590.
Zu vergleichen: Notker Balbulus († 912), »Gesta Karoli Magni« II,12.
Notker der Stammler, Taten Kaiser Karls des Großen (Notkeri Balbuli Gesta Karoli Magni imperatoris), hg. von Hans F. Haefele, Berlin 1959 (Scriptores rerum Germanicarum, Nova series 12).
Deutsche Übersetzung: Wilhelm Wattenbach, Berlin 1877 (Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit. Neuntes Jahrhundert, Bd. 13)
> https://gelehrte-gesellschaft.ch/media/karl_der_grosse/M11.pdf
:-)
Mit den Feldzeichen bekommt das Heer das Signal zum Rückzug, zum Kämpfen, zum Sieg. Die Feldzeichen der Drachen wurden von Apollo nach dem Tod der Schlage Python* eingeführt; seitdem wurden sie von Griechen und Römern im Krieg mitgeführt.
*) Apollodor, Bibliotheca 1,22; Ovid, Metamorphosen 1. 416 ff. u.a.
Isidor, Etymologiae, Liber XVIII: De bello et ludis — Caput iii: DE SIGNIS. [1] Signa bellorum dicuntur quod ex his exercitus et pugnandi et victoriae receptui accipit symbolon. Nam aut per vocem tubae, aut per symbolon admonetur exercitus. [2] Legionum principalia signa: aquilae, dracones et pilae. [3] Draconum signa ab Apolline morte Pythonis serpentis inchoata sunt. Dehinc a Graecis et Romanis in bello gestari coeperunt.
Illustration zu Psalm 59 [Vg] im Psalterium Aureum (St.Gallen Stiftsbibliothek Cod Sang 22): als Joab die Edomiter schlug
Mehr zu Pictogrammen hier
> http://www.enzyklopaedie.ch/dokumente/pictogramme.html
Das Symbol dient dem Schluss vom Äusseren aufs Innere, auf den Charakter des Menschen: Körperbautypen (D. von Zerssen) — Graphologie — Farbentest (Pfister-Heiss) — Physiognomie (Lavater) — »Rede, damit ich dich sehe« (Plato, Charmides 154) / »Le style c’est l’homme même« (Buffon)
Wollüstling.
Ein lang hervorstehendes, nadelartiges, oder stark krauses, wildes, rohes, auf einem braunen Flecken gewurzeltes Haar am Kinn oder am Halse, spricht sehr entscheidend für großmächtige Voluptuosität, die selten ohne großmächtigen Leichtsinn ist.Johann Caspar Lavater, Hundert physiognomische Regeln, Zürich 1802, Tafel 87 (in den Nachgelassenen Schriften, Band 5, hg. Georg Geßner)
> https://digital.bibliothek.uni-halle.de/hd/content/structure/565189
Das Symbol bereitet wegen seiner Verschlüsselung und dem gleichzeitigen Durchblickenlassen der Auflösung ästhetisches Vergnügen.
Goethe, »Mächtiges Überraschen«
Ein Strom entrauscht umwölktem Felsensaale
Dem Ocean sich eilig zu verbinden;
Was auch sich spiegeln mag von Grund zu Gründen,
Er wandelt unaufhaltsam fort zu Thale.Dämonisch aber stürzt mit einem Male –
Ihr folgten Berg und Wald in Wirbelwinden –
Sich Oreas, Behagen dort zu finden,
Und hemmt den Lauf, begränzt die weite Schale.Die Welle sprüht, und staunt zurück und weichet,
Und schwillt bergan, sich immer selbst zu trinken;
Gehemmt ist nun zum Vater hin das Streben.Sie schwankt und ruht, zum See zurückgedeichet;
Gestirne, spiegelnd sich, beschaun das Blinken
Des Wellenschlags am Fels, ein neues Leben.
Die Beschreibung eines Bergsturzes, der einen Wildbach zu einem See staut, wäre dem Naturbeobachter und Schweizerreisenden Goethe durchaus zuzutrauen; der im Text geschilderten topographischen Situation entspricht etwa der Öschinensee oberhalb Kandersteg im Kanton Bern.
Das Gedicht bleibt fast ganz in demselben Weltausschnitt, doch einige Ausdrucksformen machen einen stutzig: Warum wird der stürzende Felsblock als weibliche Bergnymphe Oreas benannt? Warum findet sie im Tal Behagen (goethezeitlich: ›Zufriedenheit, Freude‹)? Ist der Ausdruck Vater für das Meer und ein neues Leben für den Wechsel vom Fließgewässer zum Bergsee nicht etwas zu pathetisch?
Es gibt also einige Hinweise, das Geschilderte als Modell für eine andere Realität aufzufassen, welche indessen nur angetönt wird. Einen ästhetischen Reiz erhält der Text durch das allmähliche Transparentwerden...
Oft weden symbolische Konnotationen insinuiert.
Der Drucker Johannes Knobloch (tätig in Straßburg 1504–1528) lässt auf seiner Druckermarke die Wahrheit nackt aus einer Höhle steigen:
HABACVC PROPHETA CVM ANNOTATIONI BVS MARTI. LVTHE. Iohanne Lonicero Interprete. Straßburg: Johann Knobloch d.Ä. 1526.
> http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001464F00000000
weil sie geheime Sehnsüchte, Wünsche evoziert ...
Wie bewirbt (bewarb) man Zigaretten? eine schöne Sammlung hier: