Schräge Para//e\en

Überbietungen – Rekreationen – Variationen – Überblendungen u.dgl.

Prolegomena für das Kolloquium am 21. September 2024

 

Es gibt Texte / Bilder / Musikstücke / usw., wo ein Motiv, die Struktur, das Handlungsschema, der Stil eines bestehenden Texts / Bilds / Musikstücks / usw. übernommen und umgestaltet wird; mit sinnfälligen Änderungen, nicht zu änigmatisch, aber nicht zu offensichtlich — eben: einerseits parallel, anderseits schräg.

Es lassen sich – abgesehen von den Transformationstechniken – verschiedene funktionale Typen unterscheiden:

(1) Das Nebeneinanderstellen von formal Ähnlichem bei verschiedener Aussage / Provenienz erzeugt Spaß – und zeigt die Findigkeit dessen, der/die diese Parallele gefunden oder kreiert hat. Es geht darum, Lustiges, Lachen Erregendes zu generieren. Beispiele hierfür:

(2) Die Ähnlichkeit des Verschiedenen erregt den Verdacht, es könne dabei im Hintergrund auch eine Verwandtschaft oder sonstige Abhängigkeit mitspielen.

(3) Die Parallelisierung will gerade den Unterschied der beiden Phänomene vergegenwärtigen. Entweder: Schaut, wie sich das verändert hat! Oder: Merkt ihr den Unterschied? Oder: besteht da gar kein so großer Unterschied?

(4) Die Ausgangs-Gestalt (Bild, Text usw.) wird als Autorität eingeschätzt, die man überbieten will; oder als altmodisch, was man aufdatieren möchte, oder als roh und stümpferhaft, was man verbessern möchte, oder: Schaut, wie ich das besser sehe!:

(5) Die Aussage der Gestalt (Bild, Text usw.) mit ihren Implikationen dient als Muster für die Interpretation der neu erzeugten "Parallele":

(6) Die scharfsinnige Umgestaltung will die Eigentümlichkeit des Vorgängers oder\und des (aufgrund des Vorgängers) Karikierten demonstrieren. Dazu werden Element-für-Element-Bezüge zwecks Erkennbarkeit gesetzt, aber zusätzlich irgendwie irritierende Merkmale eingebracht, so dass die Besonderheit der beiden Gestalten in ihrer Gegensätzlichkeit demonstriert wird.

(7) Auf weitere Typen kommt Ihr, liebe Interessierte, beim Durchscrollen dieser kunterbunten Sammlung. — Oder Ihr könnt darin aufgefundene Fälle bei (1) bis (...) zuordnen ......

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Warum dies alles im Rahmen der Symbolforschung?

Symbole / Metaphern / Allegorien verweisen von einer Welt auf eine andere, um diese zu erhellen. Dabei werden Strukturen und Eigenschaften des Signifiant aufs Signifié projiziert. Immer bleiben // Inkongruenzen, die aber ausgeblendet werden; dagegen treten andre \\ Aspekte prominent hervor.

Beispiel: Beim Emblem des Lauten-Instuments (Signifiant) kommt es nur darauf an, \\ dass die Saiten verscheiden gestimmt sind und so einen guten Klang erzeugen. // Die Form des Schallkörpers und wer und welche Akkorde spielt ist belanglos, um als Symbol für den guten Staat (Signifié) zu dienen; auch hier wird nur das Verhältnis der Bürger zueiandner erhellt, andre Aspekte wie z.B. die Verkehrswege ausgeblendet:

Foedera. [Bundesgenossen]
Dann so eine
[Saite] nit zogen recht
Oder abspringend glat auß schlecht
Wie es sich dann leichtlich zutregt
So ist alsdann all freudt erschreckt
Und endt sich die süß Melodey
In ein mißlautend unlieblich geschrey....

Andrea Alciato's Liber Emblematum/Kunstbuch, Frankfurt am Main, 1566/67
EMBLEMA XXIII.
> https://www.emblems.arts.gla.ac.uk/alciato/picturae.php?id=A67a023

Während bei den typischen Symbolen das Präsentierte das Gedachte erläutert, ist es bei den hier im Focus stehenden schrägen Gebilden oft umgekehrt: Das Präsentierte muss aufgrund des im Hintergrund Gewussten gedeutet werden.

Belspiel: Mirko Szewczuk (1919–1957) zeichnet diese Karikatur: Europa und der Stier (»Die Zeit« 3. Februar 1949):

> https://www.cvce.eu/de/search?q=europa+stier

Die Pointe versteht man, wenn die Geschichte kennt, die Ovid (Metamorphosen, II, 846–875) erzählt: Jupiter verliebte sich in die hübsche Europa, und als er sie am Meer spazieren sah, verwandelte er sich in einen Stier und umschmeichelte sie, bis sie sich auf seinen Rücken setzte, da entführte er sie übers Meer und ...

Iupiter tauri imagine Europam rapit.
Radierung von Antonio Tempesta (ca. 1555 – 1630)

Bei Mirko Szewczuk sitzt ›Europa‹ auf einer Konservendose mit Corned Beef; karikiert wird die amerikanische Einflussnahme auf das edle Europa mittels Konsumgütern.

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Eine bunte Ideen-Sammlung

 

➜ Das Verkehrte-Welt-Motiv:

Des abenteuerlichen Simplicii verkehrte Welt. Nicht/ wie es scheinet/ dem Leser allein zur Lust und Kurtzweil: Sondern auch zu dessen aufferbaulichem Nutz annehmlich entworffen von Simon Lengfrisch võ Hartenfels*. Gedruckt im Jahr 1672.
*) Anagramm für Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen

Titul-Kupfers Erklärung

Der Hirsch den kühnen Jäger legt /
Der Ochs manchmahl den Metzger schlägt /
Der Arm dem Reichen Steuer trägt /
Zur Arbeit der Soldat sich regt /
Der Bauer in Waffen sich bewegt /
Solch Ding die Welt zu üben pflegt.

https://www.projekt-gutenberg.org/grimmels/verkwelt/verkwelt.html

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➜ Die Laokoongruppe als Affen

Die Laokoongruppe wurde am 14. Januar 1506 in Rom wiedergefunden. Die zugrundeliegende Szene wird geschildert von Vergil: Laokoon mahnt die Trojaner, dem Pferd der Griechen nicht zu trauen (timeo Danaos et dona ferentes), dann kommen Schlangen aus dem Meer und bringen ihn und seine Söhne um (Aeneis II,200–233): et primum parva duorum corpora natorum serpens amplexus uterque implicat.

Vgl. die frühen Stiche von Marco Dente (* um 1490 in Ravenna; † 1527 in Rom) um 1520
> https://de.wikipedia.org/wiki/Marco_Dente und https://en.wikipedia.org/wiki/Marco_Dente

sowie Federico Zuccaro (ca. 1542 – 1609) beim ehrfürchtigen Abzeichnen der Plastik:

> http://www.wga.hu/frames-e.html?/html/z/zuccaro/federico/index.html

Irgendwann taucht dieser nicht signierte Holzschnitt auf:

Quelle: British Museum > http://tinyurl.com/y6knvtko

Die wahrscheinlichste Deutung der Karikatur stammt von H.W.Janson (1913–1982), dem besten Kenner der Affen-Ikonographie: Horst W. Janson, Apes and ape lore in the Middle Ages and Renaissance, (Studies of the Warburg Institute 20), London 1952; Appendix, pp. 355–369

In Kürze: Andreas Vesalius (1514–1564) hatte bei Obduktionen festgestellt, dass die anatomischen Angaben beim antiken Arzt Galen (2. Jh. u.Z.) nicht stimmen konnten und offenbar an Affen gewonnen wurden. Das Bild besagt: So sähen die antiken Kunstwerke aus, wenn die damaligen Künstler die Anatomie nach Affen studiert hätten.

Vesals »De Humani Corporis Fabrica« erschien 1543.

Ausführlicheres dazu hier als PDF zum Download

Die Laokoongruppe wurde und wird häufig für Karikaturen verwendet, vgl. z.Bsp.: Udo Reinhardt, Das letzte von Laokoon. Die neueste Rezeption in Kunst, Karikatur und Werbung > https://www.archaeologie-sachbuch.de/....Texte/Reinhardt1.htm

Die Laokoongruppe als Warnendes Beispiel zeichnete Erich Ohser (1903–1944; Künstlername e.o.plauen) in einem seiner Bücher »Vater und Sohn« (hier aus der Ausgabe München: Südverlag 1952):

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Adynaton

> https://wortwuchs.net/stilmittel/adynaton

Der künftige Friedenskönig und sein Reich (Jesaja 11, 6–9):

Dann wird der Wolf zu Gast sein bei dem Lamme und der Panther bei dem Böcklein lagern. Das Kalb, der Löwe und das Schaf weiden beieinander, und ein kleiner Knabe leitet sie. Die Kuh und der Bär werden sich befreunden, und ihre Jungen werden zusammen lagern; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Der Säugling wird spielen an dem Loch der Otter, und nach der Höhle der Natter streckt das kleine Kind die Hand aus. Nichts Böses und nichts Verderbliches wird man tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn voll ist das Land von Erkenntnis des Herrn, wie von Wassern, die das Meer bedecken.

Horaz (Epoden, XVI) rät den römischen Bürgern im zweiten Jahr des Bürgerkriegs, in ein glücklicheres Land auszuwandern :

Doch lasst uns dies beschwören: Erst wenn die Felsen aus dem tiefen Meeresgrund nach oben schwimmen, soll die Rückkehr kein Vergehen sein; und dann erst seien wir bereit, die Segel nach der Heimat umzudrehn, wenn der Po den Gipfel des Matinerbergs bespült, wenn der hohe Apennin ins Meer hinabspringt und ein wunderlicher Trieb die wilden Tiere zu ungewohnter Liebeslust vereint, derart dass die Tigerweibchen sich den Hirschen ducken, dass die Taube und die Weihe miteinander Unzucht treiben, wenn die Rinder ohne Angst den wilden Löwen trauen und der unbehaarte Bock die salzige Meerflut liebt. Dies, und was sonst noch die ersehnte Rückkehr verhindern kann, wollen wir beschwören.

Vergil (Ecloga I, 59–63):

Tityrus: Ante leves ergo pascentur in aethere cervi ::: Eher werden also die behenden Hirsche im Äther weiden und das Meer die Fische nackt auf dem Strand ablegen, eher wird nach langem Umherirren der Parther als Flüchtling aus der Saône oder Germanien aus dem Tigris trinken, als dass in meinem Herzen sein [eines jungen Mannes, der im Text nicht genannt wird] Gesicht verblasst.

Paul Fleming (1609–1640), aus »Sehnsucht nach Elsgen«:

Es möchte müglich sein zu messen
Die Flut der Kasper-See,
zu zählen, wie viel Bienen essen
von Hyblens süßem Klee,
[eine Klee-Art aus Sizilien]
nur meine Pein, ein Ding auf aller Erden
kann nicht gezählt, kann nicht gemessen werden.

Ähnlich:


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➜ Satire

Lucas Cranach d.Ä. (1472–1553) setzt die Szene des demütig auf einer Eselin in Jerusalem einreitenden Jesus (Matthäus 21, 1ff.) derjenigen der prunkvoll einherreitenden katholischen Geistlichkeit (erkennbar der Papst, ein Kardinal, ein Bischof) gegenüber, die auf die Hölle zureiten:

Passional Christi und Antichristi, Wittenberg 1521.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0002/b
sb00027007/images/

Studie dazu (aus katholischer Sicht): Hartmann Grisar S.J. / Franz Heege S.J., Luthers Kampfbilder, I. Passional Christi und Antichristi, Freiburg im Breisgau 1921.

Noch so eines aus der zweiten Hälfte des 16.Jhs.:

Der Herr auff einem armen Thier/
    Der Knecht in höchstem pracht und Zier
Der Herr tregt auff ein thörnin Kron/
    Der Knecht ein Guldin dryfach schon.

Paul Drews, Der evangelische Geistliche in der deutschen Vergangenheit, mit 110 Abbildungen und Beilagen nach Originalen, größtenteils aus dem fünfzehnten bis achtzehnten Jahrhundert 1905. (Monographien zur deutschen Kulturgeschichte Band 12), Abb. 7

Matthias Gerung (1500–1570) verwendet solche antithetische Bildpaare zur antikatholischen Polemik. Zugrunde liegt ein Apokalypse-Kommentar von Sebastian Meyer aus dem Jahr 1539, verdeutscht anno 1544 per M. Laurentium Agricolam Vitoduranum Helvetium. Die paarweise einender gegenübergestellten Holzschnitte von Gerung sind zusammen mit dem Text überliefert in der Handschrift BSB Cgm 6592
> https://mdz-nbn-resolving.de/details:bsb00104170

Petra Roettig, Reformation als Apokalypse: Die Holzschnitte von Matthias Gerung im Codex germanicus 6592 der Bayerischen Staatsbibliothek in München/Bern: Lang 1991 (Vestigia Bibliae 11/12) {sehr sorgfältige Arbeit !}

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➜ Schafe jagen Wölfe

Das yetz vil vnradts ist im land/ das thuond die wolff in geistes gwand
Vnd ouch verwildet sind die schaaff/ darum so volgt die götlich straff

Der Bildteil zeigt im Sinne der verkehrten Welt die Jagd der Schafe nach den Wölfen. Die Wölfe werden unter anderem durch päpstliche Tiara, Kardinalshut und Bischofsstab als höchste Würdenträger der katholischen Kirche gekennzeichnet. Die Schafe erhalten Unterstützung durch biblische Garanten des Glaubens wie Moses mit den Gesetzestafeln, die Apostelfürsten Petrus und Paulus sowie durch die vier Evangelisten Johannes, Matthäus, Markus und Lukas. … In Umkehrung zu der eigentlichen Aufgabe der Kleriker als gute Hirten werden sie im Titel und im Bild als Wölfe entlarvt.

Der fragmentarisch überlieferte Text warnt mit Matthäus 7,15 vor den falschen Propheten in Schafskleidern. Das Flugblatt [zwischen 1520 und 1530] weist eine antikatholische Tendenz auf. Soweit das Fragment ein Urteil zulässt, kann das Flugblatt keiner bestimmten historischen Situation zugeordnet werden.

Bild ZBZürich Graphische Sammlung PAS II 7/3
> https://doi.org/10.7891/e-manuscripta-92245
Text bei Wolfgang Harms, Bildlichkeit als Potential in Konstellationen: Text und Bild zwischen autorisierenden Traditionen und aktuellen Intentionen (15. bis 17. Jahrhundert), Walter de Gruyter 2007, S. 31.

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➜ Landkarten

Vgl. hierzu die Website zu den Phantastischen Karten

Geographische Karten wurden oft zu Karikaturen umgezeichnet, um damalige Machtkonstellationen aufzuzeigen. Der gefürchtete Machtzuwachs einer gewissen Nation hat 1878 zum Berliner Kongress geführt.

[Augusto Rossi, 1835–1919], Carta serio-comica del 1878, in: Le perroquet, journal politique charivarique illustré colorié, 6me année dimanche 14 Avril 1878.
Mit zugehörigem Text > https://www.loc.gov/pictures/item/2003688829/

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➜ Typologische Bezüge von Szenen zwischen dem Altem und dem Neuen Testament. Die AT und NT Ereignisse haben Parallelen; jedoch sind die alttestamentlichen als Prophezeiungen der neutestamentlichen zu verstehen.

links: Entrückung des Enoch (Genesis 5, 24)
rechts: Himmelfahrt des Elia (2 Könige = 4 Reg. 2, 11–12)
im Medaillon in der Mitte: Christi Himmelfahrt (Apostelgeschichte 1,9–11)

Biblia Pauperum Codex Pal. Lat. 871, Fol. 18v, Ausschnitt; Reprod. mit Transkription der Texte von Heike Drechsler, Stuttgart: Belser 1995.

Mehr zur Typologie hier

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Schönheit der Welt aus ihren Antithesen

Augustinus (354–430) »Civitas Dei« XI,18:

[Gott wollte] die Weltordnung wie ein prachtvolles Gedicht auch mit Hilfe von Antithesen sozusagen ausschmücken. Die sogenannten Antithesen sind nämlich die hübschesten unter den Schmuckformen der Rede; man könnte sie auf lateinisch „opposita“ oder besser „contraposita“ nennen […]. Wie also solche Gegenüberstellung von Gegensätzen die Schönheit des Stiles ausmacht, so ist auch die Schönheit des Weltalls gefügt durch Gegenüberstellung von Gegensätzen mit einer Stilkunst, die nicht mit Worten, sondern mit Dingen arbeitet. Ganz deutlich ist dieser Gedanke ausgesprochen im Buch Ecclesiasticus und zwar also:

»Dem Bösen steht das Gute gegenüber und dem Tode das Leben; so dem Frommen der Sünder. Und auf diese Weise sollst du alle Werke des Höchsten betrachten, paarweise, eines dem andern gegenüber«. (Eccli. 33, 15)

sicut ergo ista contraria contrariis obposita sermonis pulchritudinem reddunt: ita quadam non uerborum, sed rerum eloquentia contrariorum obpositione saeculi pulchritudo conponitur.

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Eulenspiegels schräge Parallelen zum Sprachgebrauch seiner Opfer

Dazu wird am 21.9. Alexander Schwarz referieren, und zwar unter dem Titel

Und einen Fuchs erst recht nicht

Ludwig Wittgenstein schrieb: "Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen". Eine Erklärung für diese Behauptung oder eine Begründung, warum er sie aufstellt, gibt er nicht, und sie wäre auch nicht leicht zu geben oder zu überprüfen, weil, wie Wittgensteins Satz selbst einräumt, Löwen im Allgemeinen nicht sprechen können. Was soll also der Satz? Darum soll es in dem Vortrag gehen, der von sprechenden und verstehenden Tieren am Schluss doch zu Eulenspiegel und dem Sprechen, Verstehen und Missverstehen bei Eulenspiegel und bei Menschen im Allgemeinen und der theoretischen Grundlegung ihres sprachlichen Handelns zwischen Parallelität und Schrägheit führen soll.

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Gryllus (Tierkarikatur):

Aeneas mit Anchises und Ascanius als Kynokephaloi (Hundsköpfige) auf der Flucht aus dem brennenden Troja (Wandmalerei in Pompei):

Umzeichnung in: A. Springer, Handbuch der Kunstgeschichte, I: Altertum, 9. Auflage, Leipzig 1911, Abb. 718. — Vgl. das antike Relief (Fundort Ungarn): F. und O. Harl, Ubi Erat Lupa > http://lupa.at/5921

Textgrundlage ist: Vergil, »Aeneis«, II, Verse 720ff. — Und so hat sich das Raffael vorgestellt:

Umzeichnung als Mezzotinto von Ugo da Carpi 1518
> https://albert.rct.uk/collections/raphael-collection/mythology-putti/aeneas-and-anchises-0

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Politische Umdeutung

So würde Tell in unseren Tagen handeln:

Bildunterschrift: Zur Montage wurde das Bild des großen Schweizer Malers Ferdinand Hodler “Der Holzfäller” benutzt. Auf der Stange der Geßlerhut, Modell 1937.

John Heartfield (1891–1968) in: Volks-Illustrierte Nr. 47, 24.11.1937

> https://heartfield.adk.de/node/4973

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Die Rote Sonne in unseren Herzen – Mao Zedongs Vergötterung

Die totalitären Herrscher des 20. Jahrhunderts haben sich mit Beinamen geschmückt, welche ihren umfassenden Herrschaftsanspruch auf jedes Individuum unterstrichen. Josef Stalin trat als «Väterchen Stalin» auf, Pol Pot nannte sich den «Bruder Nummer eins», die faschistischen Herrscher Italiens, Deutschland oder Spaniens nannten sich schlicht «Führer», bzw. «Duce oder «Gaudillo». Dem gegenüber hob sich der chinesische Diktator Mao Zedong von der Gemeinschaft der Menschen ab und liess sich durch die Propaganda als gottgleiche Figur, ja als Sonne verewigen, die auf alle Menschen scheint.

Der Vorsitzende Mao ist die Rote Sonne in den Herzen der Revolutionären Völker der Welt.

Dadurch unterstrich der Gründer der Volksrepublik China seinen zusehends stärkeren Anspruch, nicht in die Niederungen der Tagespolitik involviert zu sein, sondern über allen Entscheidungen zu schweben, was auch seinen totalitären Regierungsstil ausmachte, vor allem während der Kulturrevolution 1966–1976. Wenn auch Metaphern ausserhalb der Menschenwelt für chinesische Herrscher nichts Ungewöhnliches sind – man denke an den Drachen als Symbol des Kaisertums – so ist die Entrückung zur lebensspenden Sonne eine gänzlich neue Qualität der Selbstüberhöhung. Der Beitrag wird sich mit verschiedenen Aspekten dieser Apotheose beschäftigen wie auch mit der Semiotik der Propaganda im Zeitalter des Plakats.

Dazu wird am 21.9.2024 Marc Winter referieren.

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Batrachomyomachia

Die Umsetzung der homerischen »Ilias« in einen Froschmäusekrieg ist ein harmloser literarischer Scherz.

Hier ein Ausschnitt aus der Fassung von Roland Wiegran:

Die Ansprache, recht klug gehalten,
ließ die jungen wie die alten
Frösche stolz vor Mut sich brüsten.
Dann begann man sich zu rüsten.
Der langen Rede kurzer Sinn!
Das Volk rannt’ zu den Waffen hin.

Um zu vermeiden großen Schaden,
band man sich Schilfrohr um die Waden.
Die Krieger, legten selbstbewusst,
sich nun Panzer um die Brust,
die, was man am Teiche hatt’,
man fertigte aus Mangoldblatt.

Das war dafür geeignet gut.
Aus Muschelschale ward der Hut,
aus echtem Perlmutt so gemacht
dass er, vor Schlägen in der Schlacht,
den Kopf des Kriegers schützen sollte,
den keiner gern verlieren wollte.
Als Schild, gewölbt, nach innen hohl,
dienten Blätter frisch vom Kohl.
Sie sollten, weil recht zäh sie waren,
die Frösch‘ im Kampf davor bewahren,
dass des Gegners Lanzenstich
eindringt, das wär’ fürchterlich, in den grünen Wanst, o je,
so wusste jeder, das tut weh.
Die eig’ne Lanze, für die Schlacht,
wurde aus Binsenrohr gemacht,
welches gut acht Ellen maß,
worauf ein Rohrkolbenspitz saß.

Das Ganze auf > http://www.wiegran.de/batrachomyomachia.htm

Es gibt viele Übersetzungen, u.a. von von Thassilo von Scheffer, München: Heimeran 1941.

Griech./dt. Text parallel mit der Übers. von Fabian Zogg in: Manuel Baumbach, Horst Sitta, Fabian Zogg Griechische Kleinepik, de Gryuter 2019 (Sammlung Tusculum), S. 76 – 97.

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Ironisches Lob

• Es gibt seit der Antike die literarische Gattung des ironischen Enkomion.

Lukian (um 125 bis nach 180?) setzte mit seinem »Lob der Fliege« einen Markstein. – Textprobe:

Im Genusse der Liebesfreuden besteht unter den Fliegen die ungebundenste Freiheit. Auch ist dieser Genuß bei ihnen nicht so vorübergehend, wie bei den übrigen Vögelgattungen; sondern das Männchen läßt sich vom Weibchen eine gute Weile durch die Luft tragen, und so geht die Begattung in währendem Flug vor, wodurch ihr Vergnügen keineswegs gestört wird.

Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, 1830
> https://de.wikisource.org/wiki/Die_Fliege

• Ein zentraler Text dieser Gattung ist selbstverständlich das »Lob der Torheit« von Erasmus (erster Druck 1511). Im genialen Titel Laus stultitiae lässt sich stultitiae grammatikalisch auffassen als Genitivus subjectivus: die (personifizierte) Torheit lobt / oder als Genitivus objectivus: man lobt die Torheit. Beide Fälle laufen indessen aufs selbe hinaus!

Hans Holbein d.J. (1497/8 – 1543) hat die beiden Aspekte in der Randzeichnung zur Ausgabe im Verlag Froben 1515 wunderbar getroffen: Der Narr betrachtet eine Narrenfigur. Der Text (moderne Zählung ¶ 42), neben den Holbein die Zeichnung gesetzt hat, spricht von dem In-sich-selbst-Verliebtsein: Der ist hässlicher als der hässlichste Affe und kommt sich doch so schön vor wie Nireus [der schönste Grieche in Homers »Ilias« 2,671 ff.]

• Das schräge Lob wird indessen nicht immer nur als geistreiche Verspottung aufgefasst. Bei Caspar Dornau (1577–1631) bekommt es sogar eine religiöse Würde:

Sooft schädliche Dinge durch Lobreden emporgehoben werden, leuchtet hell die vorausschauende Weisheit Gottes hervor (quoties res damnosae praeconiis exornantur elacere haud obscuram Dei providentiam), die ganz zuverlässig auch die übelsten Dinge irgendeinem guten Zweck unterordnet: zur Steigerung der göttlichen Größe.
Wenn nun unbedeutende Kleinigkeiten durch die Rede hell erstrahlen oder jene Dinge in ihren Vorzügen dargestellt werden, die niemandem bisher auffielen, auch wenn sie nicht direkt unter die schäbigen gerechnet wurden – dann zeigen sich in der Tat die sichersten Spuren der Weisheit Gottes, die in den kleinsten Dingen ebenso vollständig vorhanden ist wie in den größten.

Widmungsvorrede in Amphitheatrum sapientiae Socraticae joco-seriae 1619. – Neudruck herausgegeben und eingeleitet von Robert Seidel; Goldbach: Keip 1995 (Texte der frühen Neuzeit Bd. 9). — Übersetzung in: Walter Ernst Schäfer [1928–2014], Die satirischen Schriften Wolfhart Spangenbergs, Tübingen: Niemeyer 1988 (Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte 94) S.28f.

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Um ein Haar daneben und mit den Füßen zuerst

Zu Eichendorffs Kapitel über seine Geburt

Eichendorff parodiert, um seine Geburt zu beschreiben, die entsprechende Szene in Goethes «Dichtung und Wahrheit». Er streicht heraus, dass ihrer beider Geburtsstunde zwar unter einer gleichermaßen glücklichen planetarischen Konstellation stand, er diese aber um ein Haar verfehlte und in der Folge ungeschickt mit den Füßen zuerst auf die Welt kam. Soll der humoristische Text mehr sein als ein bloßer Scherz, so stellt sich die Frage, was es bedeutet, wenn Eichendorff seine Schicksalsprägung und die des Weimarers in ein schiefes Parallelverhältnis setzt.

Dazu wird am 21.Sept. Heinrich Lüssy sprechen.

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➜Karikatur von Napoléon III (1808–1873):

  

links: Portrait von Frédéric Adolphe Yvon (1817–1893)
rechts: Karikatur von Paul Hadol (1835-–1875) in »La Ménagerie impériale« und hier

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➜ Penelope am Webstuhl

Après avoir lu Télémaque, L'Iliade et L'Odyssée … Honoré Daumier (1808–1879) entreprend une suite de cinquante lithographies (publiées dans Le Charivari, entre décembre 1841 et janvier 1843), consacrées à l'histoire et à la mythologie antiques. La caricature, alliée à la parodie, lui permet de tourner en dérision tout l'arsenal conventionnel de l'académisme de la peinture néo-classique.

Les nuits de Penelope
> http://expositions.bnf.fr/daumier/grand/034.htm
> http://arts.mythologica.fr/artist-d/daumier.htm

Zum Vergleich die antike Darstellung im Museo archeologico nazionale, Chiusi

 

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Les Ficelles du Diable: La Hausse / La Baisse

Étude physignomique dessinée d’après la Bourse e d’abrès ntür par BERTALL

Bertall (Charles Constant Albert Nicolas d'Arnoux de Limoges Saint-Saëns, 1820–1882) in: Le Journal pour rire, 20 novembre 1852
> https://www.retronews.fr/journal/le-journal-pour-rire/20-nov-1852/58/898543/1

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Flornithology von Robert Williams Wood (Experimentalphysiker, 1868–1955)

How To Tell The Birds From The Flowers: A Manual of Flornithology for Beginners Written and illustrated by Robert Williams Wood, Paul Elder & Co. (San Francisco and New York) 1907
> https://archive.org/details/howtotellbirdsf00compgoog/page/n5/mode/2up

https://en.wikipedia.org/wiki/Robert_W._Wood

Erweiterte Edition 1917
> https://archive.org/details/cu31924027175268/page/n7/mode/2up

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»Innsbruck, ich muss dich lassen« — Kontrafaktur

1539 christlich geändert

Innsbruck, ich muss dich lassen,
ich fahr dahin mein Straßen
in fremde Land dahin.
Mein Freud ist mir genommen,
die ich nit weiß bekommen,
wo ich im Elend bin.

O welt, ich muß dich laßen
und far dahin mein straßen
ins vaterland hinein.
irdisch freud ist mir gnommen,
die ich nit mer bger zu bekommen,
weil ich in elend bin.

Groß Leid muss ich jetzt tragen,
dass ich allein tu klagen
dem liebsten Buhlen mein.
Ach Lieb, nun lass mich Armen
im Herzen dein erbarmen,
dass ich muss dannen sein.

Groß leid muß ich jetzt tragen,
das ich allein tu klagen
dem liebsten herren mein:
ach Got, nu laß mich armen
im herzen dein erbarmen,
weil ich so arm muß sein!

Mein Trost ob allen Weiben,
dein tu ich ewig bleiben,
stet, treu, der Ehren fromm.
Nun muss dich Gott bewahren,
in aller Tugend sparen, bis dass ich wiederkomm.
Mein trost in allen leiden,
von dir sol mich nicht scheiden
kein not in diser welt,
kein armut sein so schwere,
mein sin und all mein bgere
zu dir allein gestellt.

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➜ Das »Evangelium secundum marcam argenti« (Carmina Burana Nr. 44); eine Satire auf die Herrschaft des Gelds in der Kirche aus der 2. Hälfte des 12. Jhs.; zusammengestoppelt aus — Bibelzitaten !

Carmina Burana. Texte und Übersetzungen [und Kommentare] , hrsg. von Benedikt Konrad Vollmann Bibliothek des Mittelalters, Band 13, Frankfurt am Main, 1987 ( Deutscher Klassiker-Verlag im Taschenbuch Bd. 49). Nr. 44

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➜ Die Bibel nacherzählt mit lauter Vergilzitaten: der sog »Cento« (Flickengedicht) der Dichterin Proba (2. Hälfte des 4. Jhs.)

Boccaccio in »De mulieribus claris« (Kap. 97) schreibt über Proba: Als sie die Werke Vergils wieder einmal – vielleicht scharfsinniger und aufmerksamer – las, kam ihr die Idee, man könne sie dazu verwenden, in gefällig-leichten und kraftvollen Versen (placido atque expedito et succipleno versu) die gesamte Geschichte des alten und neuen Testaments zu schreiben.

Hier ein Probe-Stück (Geburt Jesu) als PDF zum Download (Zusammengestellt noch vor der Publikation von Wolfgang Fels:)

Faltonia Betitia Proba: Die Heilige Schrift kurz erzählt mit den Worten des Vergil - Cento Vergilianus. Übersetzt und kommentiert von Wolfgang Fels. Mit einem einleitenden Essay von Katharina Greschat (= Bibliothek der Mittellateinischen Literatur, Band 13). Hiersemann, Stuttgart 2017.

Proba hier am Werk; man erkennt deutlich die Cento-Technik (!):

The Morgan Museum NY, MS M.381 fol. 60r (ca. 1460)
> http://ica.themorgan.org/manuscript/page/40/76925

Ein ähnlicher, heidnisch-antike Zitate für christliche Aussagen verwendender Text ist »Christias« von Marcus Hieronymus Vida [ca. 1485 – 1566]:

Eva von Contzen, Reinhold F. Glei, Wolfgang Polleichtner, Michael Schulze Roberg (Hgg.): Marcus Hieronymus Vida: Christias, Wissenschaftlicher Verlag Trier 2013 (= Bochumer Altertumswissenschaftliches Colloquium, Bände 91 und 92).
(Kritische Edition, Quellennachweise, deutsche Übersetzung und Kommentar)

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➜Die Flohiade

1593 erschien ein Studenten-Scherz unter dem Titel »Floïa, cortum versicale de floïs, schwartibus illis deiriculis, quae omnes fere Minschos, Mannos, Weibras, Jungfras etc., behuppere et spitzibus suis schnaflis stekere et bitere solent, autore Gripholdo Knickknackio ex Floïlandia«.

Der Witz besteht hier darin, das "makkaronische" Wortbildungen verwendet werden (Bspe. von Johann Fischart: voluptas > Wollustas; maulhengkolisch)

(Die Geschichte der Editionen ist kompliziert.)

Der Text wurde später übersetzt und als zweisprachiges Buch herausgegeben als

Flohia, kortum versicale versibus hexametris, per virum obscurum M. Griphbaldum Knickknackium ex Flohlandia ad initium saeculi XVI. primum lingua Maccaronica Basallemanica-Latina in lucem editum. Ambergæ MDCCCXXVII.

Die Flohiade, ein kurzes Lehrgedicht in sechsfüssigen Versen durch einen unberühmten Mann M. Griffbald Knickknack aus Flohland, erstlich in Maccaronischer, aus Plattduitsch- und Latein-gemischter Sprache zu Ende des XVI. Jahrhunderts ans Licht gestellt; jetzt aber ins Hochdeutsche in Knittelversen übersetzt für Freunde harmloser Scherze […] Leipzig 1827.

Hier die erste Doppelseite:

(Digitalisat des Drucks 1832 > https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/129940/1)

Goethe wurde 1823 eine »Juristische Abhandlung über die rechtlichen Verhältnisse der gemeinsamen Freunde der Frauen, das ist der Flöhe« (datiert auf 1768) zugeschrieben.
Digitalisat des Drucks von 1839 > https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb...
Reprint das Drucks aus dem Jahr 1866 mit Nachwort von Ernst Wolfgang Mick in "Die bibliophilen Taschenbücher" Band 147.

Hier ein Beispiel, das zeigt, wogegen sich diese Satire richtet: juristische Spitzfindigkeiten.

§ 7 Ueber die Flöhe einer Kircheverstoßenen

Gewiß weit wichtiger ist die Frage: Ob der Floh eines kirchlich verstoßenen Frauenzimmers gleichfalls für der kirchlichen Gemeinschaft verwiesen anzusehen sei. Nach dem Inhalte der Constitution wonach Diener, Mägde und andere Haus-Leute, welche irgend sonstige Gemeinschaft mit dem kirchlich verstoßenen Herrn haben, der Gefahr des Kirchenbannes nicht ausgesetzt sind, kann dies mit Fug und Recht verneint werden.

Wir sind gespannt auf Ulrich Stadlers Buch über den Floh in der Literatur, das im März 2024 erscheint.

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»Kein Sonnet«

Philanders von der Linde Schertzhaffte Gedichte/ Darinnen So wol eigene verliebte Erfindungen, als allerhand auswärtiger Poeten übersetzte Liebes-Gedichte…, 2.  Auflage Leipzig: Gleditsch 1713.
[Pseudonym von Johann Burckhardt Mencke (1674–1732); nach Vincent Voiture (1598–1648)]

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Palinodie — Umformung eines weltlichen Gedichts / Anlasses in einen mystagogischen Text. Beispiele:

• Das Badliedli Woluff, im geist gon Baden!

• Murners Badenfahrt:

Thomas Murner, Ein andechtig geistliche Badenfart/ des hochgelerten Herren Thomas murner/ der heiligen geschrifft doctor barfüser orden/ zuo Straßburg in dem bad erdicht/ gelert vnd vngelerten nutzlich zu bredigen vnd zu lesen. Straßburg: Johannes Grüninger 1514.
> bei GoogleBooks
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00083105/image_5

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Hauptmann Hammer und Josef

Urs Josef Hammer (1779–1843) hatte ein bewegtes Leben; er stand 25 Jahre lang in fremden Diensten. (Vgl. Jules Pfluger in: Jurablätter, 52.Jahrgang / Heft 4, April 1990.)

Die satirische »Kurze und faßliche Beschreibung der Lebensgeschichte meines Herrn Vetters«, erschien im »Schweizerischen Bilderkalender für das Jahr 1839«, S.31–36; der Text stammt von von Peter Felber (1805–1872; tatsächlich verwandt mit Hammer) / die Bilder hat Martin Disteli (1802–1844) als Federlitho realisiert. (Im Kalender für 1846 erscheinen S. 34–37 Die letzten vier Kapitel).
Digitalisat > http://doc.rero.ch/record/209269

Der Text zum Bild:

Daneben hatte Keiner seiner Mitsoldaten die Knöpfe so blank geputzt wie er, und hatte er die Polizeimütze auf's linke Ohr gesetzt, so sah gar manches Mädchen mit gierigen Augen auf den gattlichen [= für eine Liasion passenden] Soldaten, auf den wohl genährten runden Kreuzwirthssohn von Egerkingen. Nicht ohne Gründe sagt daher mein Vetter (siehe Figura Nro. 1): „Das ist bi Gott selb mol ne G'spaß gsy.”

(Hammer zieht mit Teresina nach Italien und blufft vor ihr mit seinen bisherigen Taten. Er war 1806–1811 in französischen Diensten und machte Kriegszüge in Italien mit.)

Das Alles scheint dein üppigen Mädchen nichts Neues zu seyn und sie hört ihm mit südlicher Bequemlichkeit zu, während das Hündchen, das mein Vetter damals immer mit sich führte, seine ungeduldige Eifersucht laut werden läßt.

Raffe dich auf, Krieger! Ein höheres Ziel ist dir gesteckt! — Und wirklich, er raffte sich auf aus dieser und mancher anderen Gefahr; wirklich, er floh, wie Joseph aus den Händen der Putipharin, aber klüger als Joseph, ließ er niemals den Mantel dahinten.

Das Bild zeigt den bramarbasierenden Hauptmann unter dem Bild mit der Szene, wo Josef vor Potifars Weib flieht (1.Moses 39,12: da ergriff sie ihn bei seinem Gewand und sagte: Liege bei mir! Er aber ließ sein Gewand in ihrer Hand, floh und lief hinaus.)

Detail:

Vorgeschwebt hat Disteli ein Bild dieser Szene evtl. aus einer Bilderbibel — eine schräge Parallele:

Biblische Figuren des Alten und Newen Testaments gantz künstlich gerissen. Durch den weitberhümpten Vergilium Solis zu Nürnberg (1562)

Und hier noch eine Variante des Motivs:

Karl Friedrich Flögel (1729–1788): Flögel’s Geschichte des Grotesk-Komischen, neu bearbeitet und erweitert von F.W.Ebeling, Leipzig 1862; 5.Auflage 1887.
> https://archive.org/details/floegelsgeschich00flog/page/n8/mode/1up

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A B C zwei mal

Allerliebsts
Beschaidens
Czuckersüß
Durchgepreyßts
Erentreichs
Frölichs
Güttigs
Hochgelobts
Immertröstlichs
Kind!
Lustliche
Maget!
Natürliche
Obroste
Pietterin!
Quick!
Rainclicher
Schatz!
Triulichs
Versenen!
Xps [Christus]
Yesus
Zerbräch dir alles leiden!

Abgefaymbte,
Bübische,
Czupringerin!
Durchgesottene
Erenlose
Falsche
Giftige
Huor!
Inhitzige
Krotensack!
Lebersüchtige
Morderin!
Nasenstinckende,
Orenlose,
Pfäffische
Quattrerin! *
Rotzige
Schwätzerin!
Trostlose
Verschmächerin
Xpi,
Ymmer vnd ymmer
Ze schelten!

*) Iterativbildung zu mhd. queden = reden

Aus dem sog. Liederbuch der Clara Hätzlerin (1452–1476 nachweisbar); hg. Carl Haltaus, (Bibliothek der gesammten deutschen National-Literatur), Quedlinburg/Leipzig, 1840.

Zur Gattung der Abecedarien vgl. Joseph Kiermeier-Debre / Fritz Franz Vogel, Poetisches Abracadabra. Neuestes ABC- und Lesebüchlein, München: Dt. Taschenbuch-Verlag 1992 (dtv 2305); hier S. 102.

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Bildersteine

Athanasius Kircher zeigt – nebst solchen, die wir heutzutage als Versteinerungen wirklicher Tiere ansehen – Bilder, die man in Steinen gefunden hat:

Figurae volucrum, quas natura in lapidibus depinxit …

Athanasii Kircheri E Soc. Jesu Mundus Subterraneus: in XII Libros digestus […], Amstelodami : apud Ioannem Ianssonium & Elizeum Weyerstraten, 1664; Band 2, pag.35
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10806648?page=49
> https://www.e-rara.ch/zut/content/zoom/4411545

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Signaturen-Lehre

Aufgrund korrespondierender morphologischer Ähnlichkeiten wurden Pflanzen Heilkräfte für bestimmte Organe zugeschrieben:

Giambattista Della Porta (1535–1615), Phytognomonica

   

Phytognomonica. Io. Baptistae Portae Neap. Octo libris contenta. In quibus noua, facillimaque affertur methodus, qua plantarum, animalium, metallorum, rerum denique omnium ex prima extimae faciei inspectione quiuis abditas vires assequatur. Accedunt ad haec confirmanda infinita propemodum selectiora secreta, Neapoli 1588
> https://archive.org/details/bub_gb_rpEOJ68g8vUC/page/n172/mode/1up

Hier nach der Ausgabe Francofurti: apud Ioannem Wechelum & Petrum Fischerum 1591.
> https://archive.org/details/phytognomonicai00fiscgoog/page/n231/mode/1up
> https://www.e-rara.ch/zut/content/titleinfo/12265319

Wolfgang Ambrosius Fabricius (1625–1653)

Stirpium aliquot partes nonnullas Corporis humani figuris externis repræsentantium.

Wolfgang Ambrosius Fabricius, Ἀπορημα βοτανικον [Aporêma botanikon], de Signaturis Plantarum, Norimbergæ: Wolfgang Endter 1653.
> https://gdz.sub.uni-goettingen.de/id/PPN594723604

Beizuziehen wäre ferner:

Oswaldus Crollius: De signaturis internis rerum. Die lateinische Editio princeps (1609) und die deutsche Erstübersetzung (1623). Hg. und eingeleitet von Wilhelm Kühlmann und Joachim Telle. (= Oswaldus Crollius. Ausgewählte Werke. Bd. 1.), Stuttgart 1996. — Einleitung der Hgg..

Guido Jüttner, Die Signatur in der Pflanzenabbildung, in: Pharmazeutische Zeitung 116 (1971) S. 1998–2001.

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Physiognomie

Giambattista Della Porta (1535–1615), »De humana physiognomia« 1558 (und weitere Auflagen)

Menschen mit kleinen Ohren werden nicht allein für vnverständig vnd närrisch/ sondern auch für Mörder vnd vnkeusche Leute gehalten.

Vgl. > http://www.enzyklopaedie.ch/dokumente/Temperamente&Emotionen.html#dellaporta

Mehr dazu auf www.enzyklopaedie.ch/dokumente/Temperamente&Emotionen.html#dellaporta

Johann Caspar Lavater (1741–1801) bezieht sich auf Giambattista Della Porta:

Bei der Ähnlichkeit der Gesichter von Affe und Mensch würde man dem Charakter des Menschen viel Aeffisches zutrauen — einen grossen Grad von Seelenlosigkeit, Untheilnehmung, Unherzlichkeit — Allein man hüte sich sehr um dieser allenfalls auffallenden, gewiß in der Natur nicht gegründeten — Aehnlichkeit willen, die Charaktere durchaus ähnlich zu glauben.

J.C. Lavaters physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntniss und Menschenliebe, verkürzt herausgegeben von Johann Michael Armbruster, Winterthur, in Verlag Heinrich Steiners und Compagnie, Winterthur, 3 Bände 1783 / 1784 / 1787; Band 2, Kapitel IX,D: Aehnlichkeit der Menschen- und Thier-Physiognomien, S. 153ff.

Ohne Anspruch auf Erkenntnis der Psyche zeigt Heinrich Schaumann 1869 solche Parallelen unter dem Titel Gleich und Gleich in den »Deutschen Bilderbogen für Jung und Alt«, Nummer 113 (Verlag Gustav Weise in Stuttgart; Preis: 1 Groschen, color. 2 Groschen). Hier 2 von 16 Paaren:

Vgl. Georg Büchner in »Woyzek«: Viehsionomik

Phrenologische Studie — Womit einer arbeitet:

Fliegende Blätter Nro. 2895 = 114. Band (1901) Seite 42
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb114/0047/image,info

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➜ Vom Frosch zum Apoll

J. K. Lavater meditierte auch über Sur les Lignes d’Animalité: Essai sur la physiognomonie, destiné à faire connoître l'homme et à le faire aimer. Par Jean Gaspar Lavater; Quatrième Partie; La Haye: van Cleef 1803; in den Tafeln nach S. 322 tstehen dazu 24 kleine Kupfer, die den Übergang vom Frosch zum Apoll darstellen > https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k5606388p/f400.item

Diese Tafeln wurden bald darauf kopiert: Gradation de la tête de grenouille jusqu'au profil d'Apollon d'après les idées du célèbre Lavater
> https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_2010-7054-5
> https://www.loc.gov/item/2013646654/

Daher hat wohl Grandville (1803–1847) die Idee für seine Darstellung im Magasin Pittoresque 1844, p.272, wo der Übergang geschieht au moyen d’une inclinaison de plus en plu sensible de la ligne…

Grandville hat die schrägen Parallelen zwischen Tier und Mensch in seinem Buch Scènes De La Vie Privée Et Publique Des Animaux. Études De Mœurs Contemporaines, […], Paris: J. Hetzel Et Paulin, Éditeurs 1842 breit ausgemalt:

Der Poet Kacatogan in »Histoire d’un merle blanc«.

> https://archive.org/details/ScenesViePriveeAnimauxBnf01/page/n25/mode/2up

Vgl. Bilder aus dem Staats- und Familienleben der Thiere, hg. August Diezmann, Leipzig: Teubner, 1846. Neuausgabe mit Nachwort von Karl Riha (insel taschenbuch 214) 1976.

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➜ Physiognomische Studien zu Schwänzen

Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) schreibt 1783 eine Parodie auf die 1775–1778 veröffentlichten »Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe« von Johann Kaspar Lavater:

Fragment von Schwänzen. Ein Beytrag zu den Physiognomischen Fragmenten, 1783.

> https://gdz.sub.uni-goettingen.de/id/PPN1032405074
> https://www.lichtenberg-gesellschaft.de/...von_schwaenzen.pdf

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➜ Verzerrte Proportionen

Albrecht Dürer, Hierinn sind begriffen vier bücher von menschlicher Proportion durch Albrechten Dürer von Nürenberg erfunden und beschriben/ zuo nutz allen denen/ so zuo diser kunst lieb tragen M.D.XXViij. (Reprint Nördlingen: Uhl 1980)

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➜ Die Erschaffung des Menschen: heidnisch || biblisch

In der biblischen Genesis gibt es zwei Erzählungen der Erschaffung des Menschen (zuerst von Adam): Gen.1,26: Und Gott sprach »Lasset uns Menschen machen, nach unserem Bilde, uns ähnlich …« und Gen.2,7: da bildete Gott den Menschen aus Erde vom Ackerboden und hauchte ihm Lebensodem in die Nase …

Die Szene wird beispielsweise so illustriert: Im Umfeld befinden sich noch die Tiere, die am fünften Schöpfungstag auf den Erdboden kamen.

Biblia: Das ist die gantze heilige Schrifft / Deudsch, Jena: Richtzenhayn / Rebart 1564 [sog. Jenaer Kampfbibel].
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00085609?page=2,3

Auch Ovid (43 vor – 17 nach) kennt die Erschaffung des Menschen durch einen Gott (mundi fabricator) nach der Kreation der anderen Lebewesen (Metamorphosen I, 76ff.). Auch hier gibt es zwei Vorstellungen [A/B]:

Aber ein reineres Wesen, Gefäß eines höheren Geistes,
Über die andern zu herrschen befähigt, es fehlte noch immer.
Und es entstand der Mensch,
[A] sei's, daß ihn aus göttlichem Samen [divino semine]
Jener Meister [opifex rerum] erschuf, der Gestalter der besseren Weltform,
[B] Sei's daß die Erde, die jugendfrische, erst kürzlich vom hohen
Äther geschieden, die Samen, die himmelsverwandten, bewahrte.
Denn sie mischte des Iapetus Sohn [Prometheus] mit dem Wasser des Regens,
Formte sie dann nach dem Bild der alles regierenden Götter.
Während die anderen Wesen gebückt zur Erde sich neigen,
Ließ er den Menschen das Haupt hochtragen: er sollte den Himmel
Sehen und aufgerichtet den Blick nach den Sternen erheben.

(Übersetzung von Hermann Breitenbach)
Vgl. http://www.gottwein.de/Lat/ov/met01de.php

Wie sich die Bilder gleichen!

P. Ovid Nasonis XV. Metamorphoseon librorum figuræ elegantissime, a Crispiniano Passæo laminis æneis incisæ. […] apud Crisp. Passæum chalcographum coloniensem et Joannem Jansonium typographum Arnhemiensem anno aVrea MeDIoCrItas. [= 1607]

Weitere lustige Beispiele hier als PDF zum Downloaden und Rätsellösen

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➜ Das Satiremagazin »Lilliput«

Stefan Lorant (1901–1997) (> https://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Lorant) gründete 1937 das Satiremagazin »Lilliput«. Darin publizierte er immer wieder parallel zwei Fotos, wie z.Bsp. hier

(Die Tänzerin ist Loïe Fuller, 1862–1928)

> https://designyoutrust.com/2019/04/101-best-picture-comparisons-from-lilliput-or-chamberlain-and-the-beautiful-llama/

> http://museumstudiesleeds.blogspot.com/2013/10/curating-photography-stefan-lorant.html

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➜ Der Schneekönig \\ Wie schaut er jetzt aus!

Hermann Vogel (1854–1921), in: Fliegende Blätter, 126.1907, Nr. 3214, S. 102 und 103

  

> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb126/0108/image
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb126/0109/image

Die moderne Variante mit Gegenüberstellung von alten \\ neuen Fotografien

Lois Hechenblaikner, Hinter den Bergen, Edition Braus, Heidelberg 2006 / Steidl Verlag, Göttingen 2015.
> https://www.hechenblaikner.at/portfolio_page/hinter-den-bergen/

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Physisch \\ // psychisch

Der Arzt der Irren (Stultorum Medicus) sagt von sich: Durch meine Kunst soll mein ganzes Hirn nur Weisheit sein. Der Patient links wird mittels eines im Bauch montierten Zapfhahns purgiert – dem Patienten rechts werden die Wahnideen mittels eines Glaskolbens exstirpiert – was irgendwie an die moderne Psychologie erinnert.

Proscenivm vitæ hvmanæ, siue Emblematvm secvlarivm, ivcvndissima, & artificiosissima varietate vitæ hvmanæ & seculi huius deprauati mores, ac studia peruersissima adumbrantium […] Sculptore Ioan. Theodoro de Bry, Francofvrti, Impensis G. Fitzeri, anno 1627.
> https://archive.org/details/proscenivmvith01bryj

Mehr Bilder dazu bei Eugen Holländer (1867–1932), Die Karikatur und Satire in der Medizin. Mediko-kunsthistorische Studie, Stuttgart: Enke 1921, S.205ff.

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➜ Allegorien / allegorische Auslegungen

• Das Herzkloster

Ein fridesam hercze ist ein kloster da ist got ein apt inne
¶ Bescheidenheit ist die eptissen
¶ Demuot ist ein priorin
¶ Gedult ist die custerin
¶ Göttlich forhte ist die portenerin
¶ Miltekeit ist die siech meisterin
¶ Die heilige triualtikeit ist die schuolmeisterin
¶ Gnode ist der priester
¶ Danckbarkeit ist die sengerin
¶ Armuot ist die schaffnerin
¶ Gehorsamkeit ist die klosterfrowe
¶ Andaht ist der kor
¶ Minne ist der altar
¶ Die engel sint die diener
¶ Bekenntnisse ist das criutz
¶ Vebung [üebung] ist der cruczgang
¶ Gedehtnisse des todes ist der kirch hoff
¶ Barmherczikeit das siech husz
¶ Messikeit ist der reuentor [Refectorium ≈ Speisesaal]
¶ Zuhtikeit der tisch
¶ Göttlicher trost ist die köcherin
¶ Götlich suesikeit ist die spise
¶ Kiuschkeit ist das slosshusz
¶ Einœte die zelle
¶ Ein gerüewic hercz ist der strosak
¶ Fride ist der bomgarte
¶ Swigen ist der weg
¶ Vndergon [Aufgehen in Gott?] sind die böim
¶ Vollhertunge [Ausdauer] in tugenden vntz an das ende ist die fruht die wür eweklichen nuessen [genießen?] werden Amen.

Wilhelm Wackernagel, Altdeutsche Predigten und Gebete aus Handschriften, Basel 1876, S.609f.

• Traum einer Frau aus dem Volke, deren Mann Wachmann ist. — Und dessen Auslegung:

»Dann sei jemand in die Wohnung eingebrochen und sie habe angstvoll nach einem Wachmann gerufen. Dieser aber sei mit zwei ›Pülchern‹ einträchtig in eine Kirche (1) gegangen, zu der mehrere Stufen (2) emporführten; hinter der Kirche sei ein Berg (3) gewesen und oben ein dichter Wald (4). Der Wachmann sei mit einem Helm, Ringkragen und Mantel (5) versehen gewesen. Er habe einen braunen Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich mit dem Wachmann gegangen seien, hätten sackartig aufgebundene Schürzen um die Lenden gehabt (6). Vor der Kirche habe zum Berg ein Weg geführt. Dieser sei beiderseits mit Gras und Gestrüpp verwachsen gewesen, das immer dichter wurde und auf der Höhe des Berges ein ordentlicher Wald geworden sei.«

(1) oder Kapelle = Vagina. (2) Symbol des Koitus. (3) Mons veneris. (4) Crines pubis. (5) Dämonen in Mänteln und Kapuzen sind nach der Aufklärung eines Fachmannes phallischer Natur. (6) Die beiden Hälften des Hodensackes.

[Pülcher = bair./österr. "Strolch, verwahrloster Halunke"]

Sigmund Freud, »Traumdeutung« VI/E, Nr 4 (Ausgabe 1942).

• Mittelalterliches Spruchgedicht:

Ez ist ein gemelicher sit,
daz ein zerß vnd ain smit
ze allen ziten musent stan,
So sy jr antwerck wöllent han.

Es ist ein lustig Ding, dass ein männl. Glied und ein Schmied immer stehen müssen, wenn sie ihr Handwerk ausüben wollen. (um 1433)

Gedichte 1300–1500 nach Hss. und Frühdrucken, hg. von Eva und Hansjürgen Kiepe (Epochen der deutschen Lyrik, Band 2), dtv 4016, München 1972, S.224.

• Die Fabeln von Äsop, Avian, Phaedrus u.a. haben alle bereits eine Pointe (Epimythion). Sie werden im Spätmittelalter zusätzlich allegorisch ausgelegt:

Beispiel aus Avian: Die Affenmutter mit ihren beiden Jungen wird von einem Geräusch erschreckt: Ein Jäger verfolgt sie. Da nimmt sie das geliebte Kind an die Brust und das gehasste setzt sie auf den Rücken. Bei der Flucht strauchelt sie und lässt das vordere Kind fallen, während das hintere sich am Rücken festklammern kann und so mit der Mutter entflieht, während das geliebte Kind zur Beute der Jagdhunde wird. — So nützt vielen die Verachtung.

Die mittelalterliche Überinterpretation macht daraus:

Die Äffin bedeutet ≈ den närrischen Menschen; der Jäger ≈ den Tod (in personifizierter Gestalt); das geliebte Junge ≈ irdische Güter; das ungeliebte Junge ≈ die Sünde.

Genaueres mit Quellenzitaten dazu hier als PDF

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➜ Virgil’s Aeneis travestirt

Es war einmal ein großer Held,
     Der sich Aeneas nannte :
Aus Troja nahm er’s Fersengeld
     Als man die Stadt verbrannte,
Und reiste fort mit Sack und Pack :
Doch litt er manchen Schabernak
     Von Jupiters Xantippe.

Was mochte wohl Frau Wunderlich
     So wider ihn empören ?
Man glaubt, Göttinnen sollten sich
     Mit Menschen gar nicht scheren :
Doch Göttin her und Göttin hin !
     Genug die Himmelsköniginn
Trug’s faustdick hinter’n Ohren
.

[…………]

[Aloys Blumauer 1755–1798] Virgil's Aeneis travestirt von Blumauer, [3 Bände] Wien, bey Rudolph Gasser 1784, 1785, 1788

> https://archive.org/details/bub_gb_GNcpAAAAYAAJ/page/n5/mode/2up

> https://books.google.ch/books?id=89rYtKCjjjgC&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Vergleiche: [Pierre de Marivaux 1688–1763] L'Homère travesti, ou L'Iliade en vers burlesques... Paris: Pierre Prault 1716.
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k118344f

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➜ Horatius travestitus

Christian Morgenstern (1871–1914), Horatius travestitus. Ein Studentenscherz, Berlin: Schuster & Loeffler 1897 (und Neuauflagen)

Hier das Titelbild von Karl Walser zur Ausgabe 1912:

Textprobe:

Horaz Ode III,30

Exegi monumentum aere perennius
regalique situ pyramidum altius,
quod non imber edax, non Aquilo inpotens
possit diruere aut innumerabilis

annorum series et fuga temporum. […]

Übersetzung von Moritz Becker (lateinoase.de)

Ich habe mir ein Denkmal errichtet, dauerhafter als Erz und höher als der königliche Bau der Pyramiden, welches nicht der gefräßige Regen und nicht der unbändige Nordwind zerstören kann oder die unzählige Anzahl an Jahren oder der Lauf der Zeiten. Ich werde nicht ganz sterben, und ein großer Teil von mir wird den Tod meiden; permanent werde ich durch den Ruhm der Nachwelt neu wachsen, […]

Morgenstern:

Wenn die Bürger mir ein Monument stifteten,
ob aus Gips oder Holz, Erz oder Marmerstein,
– Sommers sonnt es sich froh, kinderwagenumringt,
Winters baut man ein Dach drüber aus Papp' und Stroh –

kann man eins gegen zehn wetten:
Der Zahn der Zeit nagt so lange daran, bis es in Trümmer fällt.
[…]

> https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=njp.32101039340680&seq=1

> http://12koerbe.de/pan/horaz.htm

➜ … noch ein Klassiker parodiert:

Schiller schreibt 1796 diesen Merkvers zum Distichon :

Im Hexameter steigt des Springquells silberne Säule,
Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.

Matthias Claudius 1797:

Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein;
Im Pentameter drauf läßt er ihn wieder heraus.

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➜ •• Parodie und ••• Parodie der Parodie

• Im sog. höfischen Minnesang (Blütezeit in der deutschen Literatur ca. 1190 bis 1220) hat der Dichter, ritterliches Glied einer Hofgesellschaft, als Aufgabe, die übermächtige Liebe zu seiner Dame von hohem Stand zu bekennen. Ihr Name darf nicht genannt werden, um sie nicht zu kompromittieren. (Es gibt auch Aufpasser.) Vergeblich sehnt er sich nach ihrer Huld, wobei als das Ziel seiner Wünsche oft die letzte Gunst sehr offen genannt wird. Die Dame ist der Inbegriff des Höchsten und Schönsten. Gerade darum ist es aber gar nicht zu wünschen, daß sie sich zum Liebhaber herablässt: Eine erfüllte Minne würde sich selbst aufheben. Das Äusserste ist ein freundlicher Gruß, der aber nicht so leicht zu haben ist. Das Dichten ehrt die Dame und erfreut die Zuhörer; aber der Dichter ist aus großer Liebe so todtraurig, dass er kaum singen kann. Vielleicht verbittet sich die Dame überhaupt, besungen zu werden. Alles, was der Dichter ist, verdankt er seiner Dame und der Minne zu ihr; und doch hat er sich in dieser Minne selbst verloren, ist verirrt. Vielleicht bedarf es der Dame gar nicht, da sie von der Minne doch nicht erreicht werden kann, nicht erreicht werden darf. Vielleicht gibt es die Dame überhaupt nicht. (Text nach Max Wehrli, Deutsche Lyrik des Mittelalters, 1955) — So formuliert, ist dies ein abstraktes literaturwissenschaftliches Konstrukt, mit dem das poetische generative Prinzip umrissen ist. In den Gedichten selbst gibt es nur interessante Ausprägungen davon.

Beispiele für klassische Ausprägungen:

Reinmar: Sô wol dir wîp, wie reine ein nam! (Minnesangs Frühling 165,10ff.; 3.Strophe)

Heinrich von Morungen: Ez tout vil wê, swer herzeclîche minnet … (MF 134,14ff.)

Wolfram von Eschenbach: maht du trœsten mîn gemüete? (Lachmann 735, = Kraus Liederdichter Nr.69, VI)

•• Dieses Konzept wird aber gleichzeitig auch unterwandert oder auch parodiert. Es gibt die Mädchenlieder, zum Beispiel von Walter von der Vogelweide das Lied »Under der linden an der heide, dâ unser zweier bette was« (ed. Lachmann 39,11ff.).

Als Form etablierte sich sodann gleichzeitig das Tagelied: Hier wird geschildert, wie der Sänger und seine Dame nach keineswegs entsagungsvoll gemeinsam verbrachter Nacht beim Tagesanbruch Abschied nehmen müssen, nachdem der Morgenstern oder ein Vöglein oder der Burg-Wächter eine(n) der beiden geweckt hat. Die beiden müssen sich vor den Aufpassern (mittelhochdeutsch: merkære) hüten, damit ihr süezer wehsel nicht bekannt wird.

Beispiel: Dietmar von Eist (Minnesangs Frühling 39,18ff.)

„Slâfest du, friedel ziere?
man wecket uns leider schiere.
ein vogellîn sô wol getân,
daz ist der linden an daz zwî gegân.“

„Ich was vil sanfte entslâfen,
nu rüefest du kint ‚Wâfen‘.
[≈ Alarm!]
liep âne leit mac niht gesîn.
swaz du gebiutest, daz leiste ich, friundîn mîn.“

Diu frouwe begunde weinen:
„Du rîtest und lâst mich eine.
wenne wilt du wider her zuo mir?
ôwê, du füerest mîn fröude sament dir!“

Beispiel aus dem Liederbuch der Clara Hätzlerin (Handschrift von 1471):

Die nacht die will verpergen sich
Ich sich des liechten tages schein.
[…]

Die fraw sprach: laß dein schreyen sein […]

Der mhd. Text mit Übersetzung aus: Gedichte 1300–1500 nach Hss. und Frühdrucken, hg. von Eva und Hansjürgen Kiepe (Epochen der deutschen Lyrik, Band 2), dtv 4016, München 1972. Hier als PDF zum Dowload.

••• Wolfram von Eschenbach gibt noch eins drauf: Er parodiert die Gattung Tagelied! (Lachmann 5,35 = Kraus Leiderdichter Nr.69, IV):

Der hel<n>den minne ir klage
du sunge ie gên dem tage,
Daz sûre nâch dem süezen,
swer minne und wîplich grüezen
alsô enpfienc, daz si sich muosen scheiden,–
swaz dû dô riete in beiden,
dô ûf gienc
Der morgensterne, wahtære, swîc,
dâ von niht sinc.

Klagen über die sich versteckende Liebe / sangst du immer bei Tagesanbruch. / Bitteres folgte auf Süßes. / Wenn jemand Liebe und Zärtlichkeit der Geliebten nur unter der Bedingung / empfangen konnte, / daß sie sich wieder trennen mußten, / was immer Du einem solchen Liebespaar geraten hast, / als der Morgenstern aufging, / schweig Wächter, / singe nicht davon.

Swer pfliget oder ie gepflac,
daz er bî liebe <n wîben> lac,
Den merkæren unverborgen,
der darf niht durch den morgen
dannen streben.
er mac des tages erbeiten.
man darf in niht ûz leiten
ûf sîn leben.
Ein offen<iu> süeze wirtes wîp
kan sölhe minne geben.

Wer es so hält oder je gehalten hat, / daß er bei einer geliebten Frau lag, / Ohne sich vor den Aufpassern zu verstecken, / der braucht sich nicht am frühen Morgen / davonstehlen. / Er kann den Tag in Ruhe erwarten. / Man braucht ihn nicht fortzubringen, / um sein Leben zu retten. / Solche Liebe kann eine / rechtmäßige zärtliche Ehefrau schenken. (Übers. M.Backes, mit kleinen Änderungen)

Moderne kritische Ausgabe online
> https://www.ldm-digital.de/show.php?au=Wolfr&hs=C&lid=1617

Später dichtet Oswald von Wolkenstein († 1445) weitere solche Tagelied-Parodien, gelegentlich mit obszönen Passagen, weshalb wir hier nur scheu auf ein solches Lied verweisen (Ausgabe von K.K.Klein, ATB Nr.55, Lied 53: Frölich, zärtlich, lieplich...)

> https://www.gedichte-lyrik-online.de/froelich-zaertlich-lieplich-und-klaerlich.html

> http://wolkenstein-gesellschaft.com/texte#Fr%C3%B6lich,-z%C3%A4rtlich

Martina Backes, Tagelieder des deutschen Mittelalters, mhd/nhd., Einletung von Alois Wolf (RUB 8831), Stuttgart: Reclam 1992.

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➜ Petrarcistische Liebeslyrik parodiert:

Shakespeare, Sonnet 130

My mistress' eyes are nothing like the sun
Coral is far more red than her lips' red;
If snow be white, why then her breasts are dun;
If hairs be wires, black wires grow on her head.

I have seen roses damask'd, red and white,
But no such roses see I in her cheeks;
And in some perfumes is there more delight
Than in the breath that from my mistress reeks.

I love to hear her speak, yet well I know
That music hath a far more pleasing sound;
I grant I never saw a goddess go;
My mistress, when she walks, treads on the ground:

And yet, by heaven, I think my love as rare
As any she belied with false compare.

Übersetzung von Gottlob Regis (1836):

Von Sonn' ist nichts in meines Liebchens Blicken:
Wenn Schnee weiß, ist ihr Busen graulich gar:
Weit röter glüht Rubin als ihre Lippen:
Wenn Haare Draht sind, hat sie drahtnes Haar.

Damaskusrosen weiß und rot erblickt' ich;
Doch nicht auf Liebchens Wangen solchen Flor:
Und mancher Wohlgeruch ist mehr erquicklich,
Als der aus ihrem Munde geht hervor.

Gern hör' ich, wenn sie spricht; doch zu gestehen
Bleibt, daß Musik mir weit ein süß'rer Gruß.
Zwar keine Göttin hab' ich schreiten sehen:
Mein Liebchen, wenn es wandelt, geht zu Fuß.

Und doch, gewiß, so hoch beglückt sie mich
Als irgendeine, die man schlecht verglich.

> http://www.zeno.org/nid/20005695333

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (1616–1679)* parodiert den bombastischen Schwulst-Stil (Concettismo), dem er sonst doch frönt:

Allegorisch Sonnet

Amanda liebstes kind/ du brustlatz kalter hertzen/
Der liebe feuerzeug/ goldschachtel edler zier/
Der seuffzer blasebalg/ des traurens lösch-papier/
Sandbüchse meiner pein/ und baumöhl meiner schmertzen/

Du speise meiner lust/ du flamme meiner kertzen/
Nachtstülchen meiner ruh/ der Poesie clystier/
Des mundes alicant/ der augen lust-revier/
Der complimenten sitz/ du meisterin zu schertzen/

Der tugend quodlibet/ calender meiner zeit/
Du andachts-fackelchen/ du quell der fröligkeit/
Du tieffer abgrund du voll tausend guter morgen/

Der zungen honigseim/ des hertzens marcipan/
Und wie man sonsten dich mein kind beschreiben kan.
Lichtputze meiner noth/ und flederwisch der sorgen.

*) In der Ausgabe ist der Text nicht mit den Initialen C.H.v.H. versehen.

Herrn von Hoffmannswaldau und anderer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte anderer Teil. Leipzig 1697.
> http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/hoffmannswaldau_gedichte

Jörg Jochen Berns, Die demontierte Dame. Zum Verhältnis von malerischer und literarischer Porträttechnik im 17. Jahrhundert. in: Daß eine Nation die ander verstehen möge. Festschrift für Marian Szyrocki zu seinem 60. Geburtstag. Hrsg. von Norbert Honsza und Hans-Gert Roloff, in: Chloe 7, (1988), S. 67–96. Wieder in: Berns, Die Jagd auf die Nymphe Echo, Bremen 2022, S. 205–226.

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➜ Eine ganze Epoche parodiert!

Arno Holz (1863–1929): Des berühmbten Schäffers Dafnis sälbst verfärtigte/ unter dem Titul OMNIA MEA fürmahls ans Licht gestellte und von ihme mit einem lästerlichen Nohtwendigen Vorbericht an den guht-hertzigen Leser lihderlich verunzihrte/ höchst sündhaffte Sämbtliche Freß- Sauff- und Venus-Lieder/ [...], München 1904.
> http://www.zeno.org/Literatur/M/Holz,+Arno/Gedichte/Dafnis

Daraus nur ein Beispiel:

Er verlihbt sich in Amaryllis

Ode Jambo-Trochaica.

All dein Glantz der jungen Jahre/
deine mehr alß göldnen Hahre/
haben mich mit Hertz und Hand
dir zugewandt!

Pallas lih dir ihre Lippen/
Venus ihre Marmol-Klippen/
auch stekkt in dem belihbten Kinn
ein Grübgen drin.

[…]

Vg.l auch die Nohtwendige Erklärung der tuncklen Örter/ for die mehr Einfältigen/ denen Gelährten schon bekant. Gleichsahm alß guhtwillige Zugabe http://www.zeno.org/nid/20005095972

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➜ »Mit fremden Federn«

Schon der Titel des Parodien-Buchs von Robert Neumann (1897–1975), »Mit fremden Federn« 1927 ist doppeldeutig:

Zeus wollte einen König der Vögel einsetzen und er gab ihnen einen bestimmten Zeitpunkt an, zu dem sie sich einfinden sollten. Eine Dohle aber, die sich ihrer Unansehnlichkeit bewusst war, ging überall herum und hob die Federn auf, die anderen Vögeln ausgefallen waren, und steckte sie sich an. Als der Tag gekommen war, kam sie bunt geschmückt zu Zeus. Als Zeus vorhatte, die Dohle wegen ihrer auffallenden Erscheinung zum König zu ernennen, ärgerten sich die anderen Vögel und umringten die Dohle. Und jeder einzelne Vogel nahm seine Feder aus ihrem Gefieder wieder heraus. So geschah es, dass sie ihren Federschmuck verlor und wieder eine Dohle wurde.

Aesop (Perry # 101) — Übersetzung von Rainer Nickel

Etwas anders erzählt die Fabel Der Stricker (gest. um 1250):

Ein Rabe quam an ein gras,
dô vant er, daz im liep was,
pfâwenvederen ein vil michel teil,
des wart er vrô unde geil.
die stiez er alle an sich,
dô wart er harte wünneclich
und gie, dâ er sîne genôzen vant
. […]

Der ganze Text mit Übersetzung hier:
> http://www.fabelnundanderes.at/der_stricker.htm#Der_Rabe_mit_den_Pfauenfedern

   

links: Harrison Weir's illustration of The Vain Jackdaw, 1881
> https://en.wikipedia.org/wiki/The_Bird_in_Borrowed_Feathers

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➜ Ein Dreh genügt, und …

Spottbild um 1540: Kardinal \ Narr:

Ohne genaueren Nachweis bei: Paul Drews, Der evangelische Geistliche in der deutschen Vergangenheit, mit 110 Abbildungen und Beilagen nach Originalen, größtenteils aus dem fünfzehnten bis achtzehnten Jahrhundert 1905. (Monographien zur deutschen Kulturgeschichte Band 12), Abb. 39.

Ich bin reich, wohlhäbig, und bedarf keines Menschen. Offenb. 3

… und wenn man die Seite "auf den Kopf stellt", die Fortsetzung des Zitats:

Siehe, lieber Mensch, wie bin ich doch zu nichte worden […] Offenb. 3

[Matthäus Merian / Jacques-Antony Chovin:] Todten-Tanz, wie derselbe in der löbl. u. Welt-berühmten Stadt Basel, als ein Spiegel menschlicher Beschaffenheit künstlich gemahlet und zu sehen ist : nach dem Original in Kupfer gebracht. Basel: Joh. Rud. Im-Hof 1744. (hier S. 85)

> https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/16000/1

Laurentius von Schnüffis [Johann Martin, 1633–1702, OFMCap] hat dieses Gedicht ersonnen, zu dem er sagt: Diese Vers müssen auf zweyerley Weis gelesen werden/ erstlich aneinander gestossen durch- und durch/ daranch ein jede Reyh absönderlich.

Also entweder: Monsieur, daß ich ihm feind/ Glaub er nur kecklich nicht/ …

oder: Monsieur, daß ich im feind/ Daß waißt die gantze Gmeind/ …

Mirantische Wald-Schallmey, Oder: Schul wahrer Weisheit: Welche Einem Jungen Herrn und seinem Hof-Meister, als Sie auß frembden Ländern heimbkehrend, in einem Wald irr-geritten, von zweyen Einsidlern gehalten worden. Allen so wohl Geist- als Weltlichen nicht nur sehr nutzlich, sondern auch anmüthig zu lesen Verfertigt Durch Fratrem LAURENTIUM von Schnüffis, vorder Oesterreichischen Provintz Capuciner, und Priester, Costantz: David Hautt 1688.
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10913904?page=236,237

Dasselbe Verfahren auch in den »Religiösen Feldermausversen« 1843, bei denen die konfessionelle Radikalisierung in der alten Eidgenossenschaft thematisch ist (Klosteraufhebung im Aargau; Berufung der Jesuiten in Luzern):

Ich sage gänzlich ab, Der Römisch Lehr und Leben
Calvino bis in’s Grab Will ich sein ganz ergeben
Ich lache und verpotte, Ablaß und Ohrenbeicht,
Lutheri sein Gebote, Sind mir ganz sanft und leicht,
Ich haß’ je mehr und mehr All’ die das Pabstthum lieben,
Der Lutheraner Lehr Hab’ ich in’s Herz geschrieben,
Hinweg aus diesem Lande, Die Römisch Priesterschaft
Lutherische Verwandte, Schütz’ ich mit Macht und Kraft.
In Ewigkeit verdirbt, Wer Römisch thut absterben,
Wer mit Luthero stirbt, Den Himmel wird ererben.


Der Gukkasten, Dritter Jahrgang, No. 37, 15. September 1843

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➜ Mit oder ohne Gewicht?

• Das Emblem im Buch von Johann Arndt (1555–1621) besagt: Die Last machts leicht.

… Drum hängt der treue Gott die schweresten Gewichte
Meist seinen Kindern an/ und zeugt sie täglich auff:
Sein Absehn ist/ zu fordern ihren Lauff/
und Wandel in dem Lichte …

Johann Arndts … Vier Geistreiche Bücher Vom Wahren Christenthum heilsamer Busse/ hertzliche Reue und Leid über die Sünde/ und wahren Glauben/ auch heiligen Leben und Wandel der rechten wahren Christen, auch wie ein wahrer Christ/ Sünde/ Tod/ Teufel/ Hölle/ Welt/ Creutz und alle Trübsal durch den Glauben ... überwinden soll ... Anietzo auffs neue wiederum auffgeleget/ und dieser letzte Druck ... vermehret und verbessert. Riga: J. G. Wilck 1678. Das Ander Buch; Kap. 47
> https://haab-digital.klassik-stiftung.de/viewer/!image/1701628996/3/

Das ist die erste mit Emblemen bebilderte Ausgabe von Arndts Buch, vgl. Dietmar Peil, Zur Illustrationsgeschichte von J. Arndts Vom wahren Christentum. Mit einer Bibliographie. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Bd. 18 (1977), S. 963–1066.

• Im Gedenkbuch für den verstorbenen Sigmund von Birken (1626–1681; Floridan) schreibt Martin Limburger, sein Nachfolger im Pegnesischen Blumenorden, als Motto: Dant dempta quietem ≈ Die abgenommenen [Gewichte, Lasten] erzeugen Ruhe.

Die Betrübte Pegnesis, den Leben- Kunst- und Tugend-Wandel des seelig-edlen Floridans H. Sigm. von Birken durch 24 Sinn-bilder, in Kupfern zur schuldigen Nach-Ehre fürstellend und mit Gespräch- und Reim-Gedichten erklärend …, Nürnberg: Froberg 1684.
> Digitalisat der ÖNB; Reprint: Olms 1993

Der Begleittext (S.296f.) spielt mit den Wörtern

Folgt die schwere Last der Rast:
    Ach! so schlägt die Uhr nicht richtig!

[…]
Folgt hingegen Rast der Last;
    Wol! so schlägt das Uhrwerk wieder
schlecht und recht!

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➜ ›Mit gleicher Münze zurück‹

[…] Es kam vff ein mal ein armer man/ ein betler in eins wirtzhauß/ da was ein groser braten an dem spiß. Der arm man het ein stück brotz das hůb er zwischen den braten vnd das feür/ das der geschmack von dem braten in das brot gieng/ da aß er dan das brot. das thet der arm man biß das er kein brot me het/ da wolt er hinweg gon.

Der würt hiesch im die ürten [forderte die Bezahlung für die Zeche]. Der arm man sprach: ir haben mir doch nichtz zů essen noch zů trincken geben/ was sol ich bezalen.

Der wirt sprach: du hast dich gesettigt von dem meinen/ von dem geschmack des bratens/ das soltu mir bezalen.

Sie kamen mit einander an das gericht/ da ward die sach vff geschlagen [aufgeschoben]/ biß vff ein andern gerichtztag/ da was der gerichtz herren einer/ der het ein narren da heim/ vnd ob dem tisch da ward man der sach zůred.

Da sprach der nar: er sol den wirt bezalen mit dem klang des geltz/ wie der arm man ersettiget ist worden von dem geschmack des bratens.

Da nun der gerichtztag kam da bleib es bei dem vrteil/ das vrteil fand der nar.

Johannes Pauli (1455–1535), Schimpf vñ Ernst heiset das bůch mit namẽ/ durchlaufft es d. welt handlung mit ernstlichen vnd kurtzweiligen exemplen/ parabolen vnd hystorien/ nützlich vnd gůt zů besserung der menschen, Straßburg: Grieninger 1522. Von schimpff das xlviii: KAN AUCH ETWAN EIN NAR EIN VRTEIL FINDEN, das ein weis<s>er nit finden kan

Ausgabe von Hermann Österley in: Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart 85 (1866); Nr. 48; im Anhang S.478 Quellen und Parallelen
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10737735?page=52

Die Geschichte wird auch erzählt von François Rabelais, »Der heroischen Thaten und Rhaten des guten Pantagruel« Drittes Buch, 37. Kapitel:

Zu Paris, in der Garküch zum kleinen Schlössel verzehrt' ein Rauhknecht am Heerd des Garkochs sein Brod beim Bratenrauch, und fand es, also durchräuchert, gar lecker. .... daß der Rauhknecht, der sein Brod bey dem Rauch des Bratens verzehret hat, den Koch zu Recht bezahlt hab mit dem Klang des Geldes.

> http://www.zeno.org/nid/20005517877

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➜ Mise-en-abyme

Eine gleichsam parallele Binnenerzählung widerspiegelt das Problem der Haupthandlung in einem anderen Weltausschnitt.

Georg Büchner, »Woyzek« (1836/37): Die Großmutter erzählt ein ›Märchen‹, das die geistige Verfassung des Helden charakterisiert.

Es war einmal ein arm Kind und hat kein Vater und keine Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingegangen und hat geweint Tag und Nacht. Und wie auf die Erd niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an; und wie’s endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz. Und da ist es zur Sonn gangen und wie’s zur Sonn kam, war’s eine verwelkte Sonnenblume. Und wie’s zu den Sternen kam, waren’s kleine goldne Mücken die waren angesteckt wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt. Und wie’s wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und war ganz allein und da hat sich’s hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein.

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Echo

Antoine de BOURGOGNE / Abraham VAN DIEPENBEECK, Linguae vitia & Remedia emblematice expressa, Antuerpiæ: Apud vidua Cobbaert, 1652.
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k15193682

Auf einem antijesuitischen Flugblatt aus dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts ruft ein Mann in den Wald hinein ... — Aber der Jesuit (erkennbar an der Kopfbedeckung) will das Echo nicht hören und hält sich die Ohren zu. Einige Verse daraus:

Was Lehr komt auß jrm Hertzkämmerl[e]in? — Merlein

Was lieben vber Gott diese München? — Nünnchen

Fasten stetigs vnd leben mässig? — Frässig

Trincken sie nicht Wasser allein? — All wein

Ich dacht jr Leben wer Ehr vnd Zucht? — Vnzucht

Hört er [der Papst] gern die schrifft der Bibel?  — Übel

ECHO/ Das ist// Ein kurtz wahrer unnd eygentlicher Widerschall/ Von der vermeinten Frömmigkeit der Jesuiter/ auch wie man den Widerschall verstehen soll.

Das Bild hier > https://st.museum-digital.de/singleimage?imagenr=160951

Mireille Schnyder / Damaris Leimgruber (Hgg.), Echo in Musik und Text des 17. Jahrhunderts, Zürich: Chronos 2019 (Medienwandel – Medienwechsel – Medienwissen, Band 43)

Damaris Leimgruber, "Redt, von Gräbern her, das Leben". Deutsche Echo-Leich-Gedichte und -Lieder des 17. Jahrhunderts, in: Die Tonkunst 11 (2017), S. 196–204.

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➜ Gegen- / Parallelfiguren innerhalb desselben Texts

Zwei Beispiele aus der mittelhochdeutschen Literatur:

Hartmann von Aue: Das Paar Erec und Enite // das Paar Magbonagrin und seine Dame (vgl. die Zusammenfassung als PDF)

Wolfram von Eschenbach: Rennewarts zorn // Willehalms zorn (vgl. die Zusammenfassung bei Wikipedia)

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Spiegelbild

Spiegel zeigen in Satiren oft nicht einfach das katoptrisch (freilich seitenverkehrte!) exakte Bild, sondern, den/die Dareinblickende\n, wie er/sie wirklich ist. Aegidius Albertinus (1560–1620) stellt einen prächtig gekleideten und stolz posierenden Mann dar, der in einen Spiegel schaut, wobei als Spiegelbild ein Narr mit Schellenkappe zurückblickt:

Aus der Ausgabe: Aegidii Albertini Hirnschleiffer, Cöllen: bey Constantino Münich 1664; S.66ff.

Mehr zum Spiegel hier.

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Zweierlei Freiheit

Die Radierung von Thomas Rowlandson (1757–1827) nach einem Entwurf von Lord George Murray stellt zwei Freiheiten 1792 (Höhepunkt der französischen Revolution) im Kontrast dar:

Die Britische Freiheit – dargestellt im Stil einer griechischen Göttin – hält eine Waage in der einen, die Magna Charta in der anderen Hand. Die französische "Freiheit" dagegen, mit dem Schlangenhaar-Kopf der Zwietracht (Discordia) hat ein Haupt und zwei Herzen aufgespießt.

> https://www.rct.uk/collection/810443/the-contrast-1792 oder wikimedia.org (koloriert)

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Überbietung einer Deutung

Im Straßburger Münster gab es aus gotischer Zeit gegenüber der Kanzel zwei Kapitelle, die einen Begräbniszug und einenTotenmesse zeigen, die mittels Tierfiguren dargestellt ist [in Leserichtung von rechts nach links]:

ein Lektor als Esel, dem ein Affe das Messbuch hält;
der Priester als Hirsch vor dem Messkelch;
der ›Leichnam‹ als Fuchs auf einer von einem Schwein und einem Ziegenbock getragen wird;
darunter ein Hund, der das Schwein unzüchtig berührt;
davor ein Hase mit Kerze;
ein Wolf mit Kreuz;
ein Bär mit Weihwasser und -Wedel.

Travestie einer Begräbnisfeier, wobei die Tiere nach gängigen allegorischen Auslegungen die sündhaften Kleriker oder sogar Ketzer bezeichnen und zur Glaubenstreue ermahnen: der Bär steht für den Zorn; der Wolf für den Geiz, der Hund für den Neid usw., vgl. zur mittelalterlichen Tiersymbolik.

Johann Fischart (ca. 1545 – 1591) interpretiert die Kapitelle 1576 als Verfechter des Protestantismus polemisch gegen die Papisten, gegen die Römisch Mißbräuch – gleichsam eine Satire im Quadrat. Die moralische Deutung verwandelt er in eine konfessions-polemische.

Flugblatt aus den Wickiana in der Zentralbibliothek Zürich: Abzeichnus etlicher wolbedenklicher Bilder vom Römischen abgotdienst, Strassburg: Bernhard Jobin 1576.
Das ganze (zusammengeflickte) Blatt hier > https://doi.org/10.3931/e-rara-55725

Fischart basiert (wie fast immer) auf einer älteren Dichtung und hat Änderungen vorgenommen: So ist es nicht mehr ein Leichenzug, sondern eine (für die Altgläubigen typische) Prozession, mit einem schlafenden Fuchs als (Pseudo-)Heiligtum. Fischart geht auch über die im Vor-Bild liegende Deutung hinaus. Nach ihm sollen »die alten Straßburger Bilder beweisen, dass es schon damals eine ›protestantische‹ Kritik am Papsttum gegeben habe.« (Hillenbrand S. 112).

Die Saw zeigt an die Epicurer/
die Pfründsäw/ Mastschwein/ Bauchknecht/ Hurer/
Wie gmeinlich ist die Pfaffenherd/
Die dieses Heyligthumbs sich nehrt.
¶ Hinter demselben Schwein ihr finden/
Die unverschampt Besti/ die Hündin/
Welche dem schwein greifft vntern schwantz/
[im Holzschnitt nicht deutlich]
Für solche Braut ein rechter Krantz/
Das deut die Pfaffenkrawerin/
Eheschänder vnd Leibkällerin/
Die jhnen helfen jhr liebs Pfündlin
Durchschweden mit den Bankartshündlin
[…]
(Text nach dem Blatt der ZBZ)

Der Franzsikaner Johannes Nas (1534–1590) repliziert bald darauf mit einer anti-protestantischen Deutung (Hillenbrand S.112ff.). Hier werden dann Lutherus samt seinen Nachfolgern Caluinus/ Zwingel vnd Butzerus als stinckend Böck vnd wüste Säw gedeutetet.

Vgl. Illustrierte Flugblätter aus den Jahrhunderten der Reformation und der Glaubenskämpfe. Herausgegeben von Wolfgang Harms. Bearbeitet von Beate Rattay. Kunstsammlungen der Veste Coburg 1983, Nr. 19

und die vorzügliche Studie von Rainer Hillenbrand, Kontroverstheologische Bildinterpretationen von Fischart und Nas, in: Daphnis 42 (2013), S. 93–139.

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Sehweisen

Pablo Picasso (1881–1973) schuf 1950 eine Neufassung des Bilds von Gustave Courbet (1819–1877) »Les Demoiselles des Bords de la Seine« (1856/57) sowie weitere solche Re-Inszenierungen, z.Bsp. von Ingres, Goya.

(Die Bilder sind im Web viral zu finden.)

»Es geht nicht um die Frauen, die dort liegen, sondern um den Betrachter, der sie liegen sieht und gewissermassen neu auflegt.« (so Fritz G. in Z.) — Picasso lenkt den Blick weg vom dargestellten Objekt auf den Blick, der so »ins Bild kommt«. Nicht Gegenstände, sondern die Sehweisen werden zum Thema.

Dazu einige Ideen der sog. ›Kubisten:‹ Äusserliche Zufälligkeiten wie z.B. die Beleuchtung aus éiner Richtung oder die Zentralperspektive sind zu vermeiden. — Das Objekt muss unter dem je aufschlussreichsten Winkel gezeigt werden; es kann mehrere Blickpunkte geben um alle vom Maler erkannten wesentlichen Aspekte sichtbar werden zu lassen. — Statt eine Re-Präsentation zu erzeugen und dabei ggf. Anmut zu evozieren, will der Maler den Prozess des Sehens Gestalt werden lassen.

Vgl. die Textsammlung von Edward Fry, Der Kubismus, DuMont Dokumente 1966.

Goyas ›Nackte Maja‹ und Picassos Variation davon (1964) waren 2019 im Prado nebeneinander ausgestellt. Mehr zu dessen Überarbeitungen hier.

 

Man Ray (1890–1976) bezog sich bei seiner Fotografie »Le Violon d’Ingres« (1924) auf das Bild von Jean-Auguste-Doninique Ingres (1780–1867) »La Baigneuse Valpinçon« (1808).

   

(Bilder auf Wiki Commons)

Wie kommt Man Ray dazu? Ingres avait une seconde passion artistique, puisqu'il consacrait ses moments libres à jouer du violon (und er soll stolz darauf gewesen sein). C'est ainsi que, depuis le début du XXe siècle, avoir un violon d'Ingres s'emploie à propos d'une personne qui pratique une activité non professionnelle avec une certaine passion. Und so bedeutet die Redewendung violon d'Ingres: une activité à laquelle on aime se consacrer en dehors de sa profession; un hobby.

Seit 1986 gibt es diese witzigen Para\\elen zu Kunstwerken, die von Disneys Donald Duck & Co. inspiriert sind: DUCKOMENTA --- Hier saß ein Bild von Egon Schiele aus dem Jahr 1917 Modell:

  

Schon der Titel dieser Ausstellungen/Website ist eine schräge Parallele zum Namen einer Ausstellungs-Reihe!

Die Para\\e/e (nicht das Original von Schiele !) kann man kaufen bei > https://www.duckomenta-shop.de/shop/poster

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»Würde der Frauen«

Friedrich Schiller, »Würde der Frauen«, in Musen-Almanach für das Jahr 1796.

August Wilhelm Schlegel, Schillers Lob der Frauen

Ehret die Frauen! sie flechten und weben
Himmlische Rosen ins irdische Leben,
Flechten der Liebe beglückendes Band,
Und in der Grazie züchtigem Schleier
Nähren sie wachsam das ewige Feuer
Schöner Gefühle mit heiliger Hand.

Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe,
Wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe,
Flicken zerrißene Pantalons aus;
Kochen dem Manne die kräftigen Suppen,
Putzen den Kindern die niedlichen Puppen,
Halten mit mäßigem Wochengeld Haus.

Ewig aus der Wahrheit Schranken
Schweift des Mannes wilde Kraft,
Unstet treiben die Gedanken
Auf dem Meer der Leidenschaft.
Gierig greift er in die Ferne,
Nimmer wird sein Herz gestillt,
Rastlos durch entlegne Sterne
Jagt er seines Traumes Bild.
Doch der Mann, der tölpelhafte
Find’t am Zarten nicht Geschmack.
Zum gegohrnen Gerstensafte
Raucht er immerfort Taback;
Brummt, wie Bären an der Kette,
Knufft die Kinder spat und fruh;
Und dem Weibchen, nachts im Bette,
Kehrt er gleich den Rücken zu.
[…] […]

Schiller selbst in »Über naive und sentimentalische Dichtung«: In der Satire wird die Wiklichkeit als Mangel dem Ideal als der höchsten Realität gegenübergestellt.

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Homonym und umfunktioniert

Friedrich Jenni (1809–1849) verlegte in den spannungsgeladenen Jahren 1843 bis 1849 ein Witzblatt, in dem er radikal die Gegner der liberalen Gesinnung in der Eidgenossenschaft karikierte: Der GUKKASTEN, Zeitschrift für Witz, Laune und Satyre

Die Zeitschrift ist jetzt digital einsehbar
> https://www.e-rara.ch/zuz/doi/10.3931/e-rara-97713

Ansicht der Brille, durch welche die Volkszeitung und der Beobachter gewöhnlich gelesen werden. Gukkasten 5. Juni 1847

(Grimm, DWB: "Brille" auch runde Öffnung im Sitz eines heimlichen Gemachs. – Idiotikon: runde Öffnung des Sitzbrettes im Abort)

Welche Zeitungen sind gemeint? Der »Beobachter der östlichen Schweiz« erschien 1838 bis Ende 1844. Die Fortsetzung erschien als »Eidgenössische Zeitung« in Zürich. Politische Ausrichtung?

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Schembartlauf

Verkehrte Welt in Nürnberg: Zur Geschichte der Schembartläufe

Die „fünfte Jahreszeit“ begeistert Menschen seit Jahrhunderten. Eine Hochburg der organisierten Fastnacht in „dunkler Zeit“ war die Reichsstadt Nürnberg. Ihr wohl berühmtestes Aushängeschild war der Schembartlauf, der von 1449 bis 1524/39 aufgeführt wurde und als Höhepunkt des närrischen Treibens in der Reichsstadt galt. Von nah und fern kamen Zuschauer, um dem Schaulaufen beizuwohnen. Zum Spaß und Gaudi der Bevölkerung rannten dabei maskierte Läufer durch die engen Gassen der Stadt und zündeten Feuerwerk.

Überkommene Schembartbücher und zeitgenössische Sitzungsbeschlüsse (Ratsverlässe), Chroniken und Wappenbücher, Turnier- und Trachtenbücher berichten über das Großereignis und machen den Schembartlauf zum bestbezeugten Fastnachtsbrauch des Spätmittelalters in Deutschland. Doch wie sind diese sich in Teilen erheblich widersprechenden Quellen zu bewerten, was ist stimmig, was verkehrt?

Dazu wird am 21.9.24 Johnnes Pommeranz referieren

Nürnberger Schembart-Buch, Handschrift des 17. Jahrhunderts; Ratjen Cod. ms. KB 395 (UB Kiel)
> https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/!image/PPN504316125/247/

Literaturhinweise:

Johannes Pommeranz, Cui bono? Schembartbücher werfen Fragen auf
> http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/6827/

Jürgen Küster, Nürnberger Schembartlauf (2008); in: Historisches Lexikon Bayerns
> http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Nürnberger_Schembartlauf

Alice hinter den Spiegeln (Lewis Carroll, »Through the Looking Glas and What Alice Found There« 1871)

➜ Der babylonische Turm variiert

 

Ein musikalischer Spaß

W.A.Mozart KV 522 (entstanden 1787)


 

Klärungsbedarf

Wie kann man die Begriffe definieren:

Parodie, Travestie (Ersetzung des Inhalts; die Form bleibt) — Palinodie (die Form wird übernommen, der Inhalt durch einen antithetischen ersetzt) — Kontrafaktur (ein geistlicher Text wird über ein ursprüngl. weltliches Lied gelegt oder umgekehrt) — Persiflage — Pasquill — Pastiche ???

zum Überblick


 

Hinweise zur Forschung:

Jurgis Baltrušaitis, Aberrations. Quatre Essais sur la Legende des Formes. [Paris]: Olivier Perrin 1957. — Jurgis Baltrušaitis, Imaginäre Realitäten: Fiktion und Illusion als produktive Kraft. Tierphysiognomik, Bilder in Stein, Waldarchitektur, Illusionsgärten, Köln: DuMont-Buchverlag 1984.

Martin Heinrich Müller, ›Parodia Christiana‹. Studien zu Jacob Baldes Odendichtung, Zürich: Juris-Verlag 1964.

Karl Eric Maison, Bild und Abbild. Meisterwerke von Meistern kopiert und umgeschaffen, München 1960 (Themes and variations. Five centuries of interpretations and re-creations, London: Thames and Hudson [1960]).

Über Parodie, Kontrafaktur, Scherzrede hat Theodor Verweyen mehrere Publikationen geschrieben, hier online einsehbare Studien mit vielen Zitaten aus Primärquellen
> http://www.erlangerliste.de/vorlesung/parodieIV2.html
> http://www.erlangerliste.de/vorlesung/parodie_0.html

Reinhold F. Glei / Robert Seidel (Hgg.), Parodia: Aspekte intertextuellen Schreibens in der lateinischen Literatur der Frühen Neuzeit (Frühe Neuzeit Band 120) de Gruyter 2012.

Seraina Plotke / Stefan Seeber (Hgg.), Parodie und Verkehrung. Formen und Funktionen spielerischer Verfremdung und spöttischer Verzerrung in Texten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Göttingen: V&R unipress 2016.
> https://www.vr-elibrary.de/doi/book/10.14220/9783737006644

usw....

 


Philosophischer Ausklang

••• Gegensätzliche Dinge, wenn sie einander vergleichend gegenübergestellt werden, erscheinen heller, deutlicher.

In der Philosophie wurde diese Einsicht so formuliert:
opposita iuxta se posita magis elucescunt.

Mit diesem hermeneutischen Prinzip wollte Meister Eckhart (gest. 1328) die Geheimnisse der Bibel ergründen (Lateinische Werke, Band I, S.149, Zeile 8). Zuerst werden Thesen über einen Begriff aufgestellt, dann über seinen Gegenbegriff. Beispiele: Einheit <> Vielfalt; Tugend <> Laster; Sein <> Nichtsein.

Den Satz hat er wohl bei Thomas von Aquin gefunden, wörtlich in Quaestio disp. de malo, qu.1, art.1, arg.14 (> https://www.corpusthomisticum.org/qdm01.html). Thomas stellt in der »Summa« jeweils einem oder mehreren Argument/en (Videtur quod …) ein Gegenargument (Sed contra est quod …) gegenüber und diskutiert dann diese Argumente miteinander aus (Respondeo …). – Gelegentlich auch: Contraria iuxta se posita...

Die Technik stammt seltsamerweise aus der antiken Rechtspraxis, wo der Verteidiger im Plädoyer Beweis und Widerlegung einander gegenübergestellt, vgl. Aristoteles, Rhetorik III,17 (1418b).

Und Luther soll gesagt haben: »Weiß mag man besser erkennen, so man Schwarz dagegen hält.«

 

••• Von (ins Deutsche übersetzt, so dass wieder ein Wortspiel entsteht) zwieträchtiger Eintracht spricht Horaz (Epistulae, 1,12,19): Concordia discors

Wir wundern uns, […]
welche Ursachen das Meer zusammenhalten, was die Jahreszeiten ordnet,
ob die Sterne aus eigenem oder fremdem Antrieb umherlaufen oder -irren,
was den dunklen Mond bedeckt und was seine Kugel wieder hervorbringt,
was die zwieträchtige Eintracht der Dinge kann und will,
(quid uelit et possit rerum concordia discors)
und ob Empedocles* oder doch der ›Scharfsinn‹ des Stertinius* verrückt ist.

(Übers. nach https://www.lateinlehrer.net/autoren/horaz/epistula-1-12)

*) Emepdokles: bezieht sich auf dessen Lehre, wonach die Kombination der unterschiedlichen vier Elemente die Vielfalt der Dinge erzeugt. — Stertinius: ein spitzfindiger närrischer Vielschreiber der Zeit (vgl. Horaz in Satire II,3).

Vgl. Dietmar Peil [1943–2022], Concordia discors. Anmerkungen zu einem politischen Harmoniemodell von der Antike bis in die Neuzeit. In: Geistliche Denkformen in der Literatur des Mittelalters (Münstersche Mittelalter-Schriften 51), München: Fink 1984, S. 401–430 + Bilder.
> https://epub.ub.uni-muenchen.de/4944/1/4944.pdf

 

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