Phantastische Landkarten

Die Tagung am 15. September 2018 ist dem Thema gewidmet:

Phantastische / symbolische / fiktive Landkarten

Bis jetzt für das Kolloquium angemeldete Präsentationen (provisorisch)

Thomas Honegger, »Vom Auenland nach Westeros – Landkarten und fantastische Welten«

Romy Günthart, »Entenhausen, Gotham City und ein namenloses gallisches Dorf – Verorten im Comic«

Anna Lisa Schwartz, »Het Spaens Evropa. Kartographie als Ausdruck nationaler Identität zur Zeit des Achtzigjährigen Krieges«

Marc Winter, »Der Weg ins Jenseits für Lady Dai: Das Banner von Mawangdui«

Julia Frick, »Die Topographie von Vergils Unterwelt in Sebastian Brants Vergil-Ausgabe (1502) und Thomas Murners Aeneis-Übersetzung (1515)«

Penny Paparunas, »Colson Whitehead, Underground Railroad«

Christina Vogel, »Carte de Tendre«

Martin Keller, »Karten der Erlebniswelten – Fiktive Landschaften als Abbild unserer Zeit«
 

Exposés der Referate

Marc Winter: »Der Weg ins Jenseits für Lady Dai: Das Banner von Mawangdui«

Das Gräberfeld einer Fürstenfamilie aus dem südchinesischen Hunan an der Fundstätte Mawangdui erlaubte die archäologische Entdeckung mehrerer Aspekte des menschlichen Lebens und der Vorstellungswelt im späten dritten und frühen zweiten Jahrhundert vor der Zeitenwende oder — nach chinesischer Zeitrechnung — zum Ende der Feudalzeit und Beginn des Kaiserreiches. Das Grab wurde 1973 entdeckt und unter höchsten archäologischen Qualitätsstandards ausgegraben und dokumentiert. Die Funde sind daher alle im Kontext zu sehen, der bei der Grablegung intendiert worden war.

So förderten Archäologen nicht nur mehrere Grabbibliotheken zu Tage, in denen u.a. die fundamental wichtigen Texte Daodejing und Yijing gefunden wurden, die Entdeckung der Mumie der Grabherrin Fürstin Dai führte zu faszinierenden Entdeckungen. Weil die Mumie die 2000 Jahre in ihrem Grab praktisch unversehrt überstanden hatte, konnten Pathologen sogar eine Autopsie an der Mumie vornehmen und den allgemeinen Gesundheitszustand der rund fünfzigjährigen Adeligen beurteilen sowie den Grund ihres Ablebens bestimmen.

Neben Texten, Mumien und Grabbeigaben in Gefässen enthielt das Grab aber auch ein fast einzigartiges Fundstück: das sogenannte «Geisterbanner» von Mawangdui, ein T-förmiges Stück Seidenstoff, welches zwischen Innen- und Aussensarg lag, und auf welchem die Himmelssphären ebenso dargestellt sind wie die Unterwelt.

Dieses Geisterbanner wurde bereits von bekannten Sinologen im Hinblick auf die dargestellten Elemente interpretiert, aber eine dynamische Interpretation, welche dieses Banner als eine Orientierungshilfe versteht, ist bislang nicht versucht worden. Im Beitrag soll deshalb die auf dem Geisterbanner verwendete Symbolik hinterfragt werden. Die Grabherrin wird zwischen Himmel und Unterwelt verortet, auf der Erde innerhalb der Himmelsrichtungen, und wenn das Banner auch nicht eine «Karte» im modernen landläufigen Sinn darstellt, so doch eine Orientierungshilfe. Da anzunehmen ist, dass das Banner (im Gegensatz zu den Werken der Grabbibliothek) eigens für die Grablegung geschaffen wurde, muss sich seine Bedeutung im Zusammenhang mit den «Interessen» der Toten erschliessen. Und diese sind zwangsläufig, einen Weg durch die Gefahren der postmortem-Existenz zu bahnen. Zur Orientierung sollte möglicherweise das «Geisterbanner» beitragen.

(PD Dr. Marc Winter, Asien-Orient-Institut Universität Zürich)


Martin Keller: »Karten der Erlebniswelten – Fiktive Landschaften als Abbild unserer Zeit«

Orientierung ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Landkarten kommen dem entgegen: Sie verorten, benennen, geben Übersicht und Wegweisung. Hat die in den letzten Jahren zu beobachtende Verbreitung von Navigationsgeräten in PCs, Autos und Handys unser Sicherheitsgefühl erhöht? Zu allen Zeiten haben kreative Köpfe die Mittel der Kartographie genutzt, um Phantasiekarten zu entwerfen, die allegorisch gesellschaftliche Zustände oder mögliche persönliche (Fehl-)Entwicklungen abbilden sollten. Im 17. und 18. Jahrhundert sind solche Karten in Europa sehr beliebt gewesen. Eine Renaissance durften wir um die Jahrtausendwende erleben, als mit Veröffentlichungen wie dem »Atlas der Erlebniswelten« und dem »Atlas der Liebe« Anregungen zur Selbstreflexion vermittelt wurden, die auf grosse Resonanz stiessen. (So sind in den Niederlanden allein vom »Atlas van de Belevingswereld« mehr als 100’000 Exemplare über den Buchladentisch gegangen; das Werk wurde in 17 Sprachen übersetzt). Inzwischen gibt es sogar kartographische Abbildungen von Themen des modernen Managements; und auch in der bildenden Kunst der Gegenwart trifft man auf berührende Landkarten reiner Imagination.

»Die Wirklichkeit, von der wir sprechen können, ist nie die Wirklichkeit an sich, sondern (…) eine von uns gestaltete Wirklichkeit.« (Werner Heisenberg)

(Dr. med. Martin Keller, Zug)

Anna Lisa Schwartz, »Het Spaens Evropa. Kartographie als Ausdruck nationaler Identität zur Zeit des Achtzigjährigen Krieges«

Wie beinahe in keinem anderen Land bildete sich während des niederländischen Unabhängigkeitskampfes eine nationale Symbolik aus, die vor allem durch das Medium der Druckgraphik Verbreitung fand. Begünstigt durch den Aufschwung von Technik und Seefahrt, entwickelte sich bereits im 16. Jahrhundert eine besondere Verflechtung zwischen Kartographie und nationaler Symbolik. Sie findet einerseits Ausdruck in den Randillustrationen, aber vor allem in Kartenformaten wie dem Leo Belgicus. In diesem Zusammenhang ist der Stich Het Spaens Europa von 1598 interessant, der den Kontinent unter dem Eindruck der spanisch-habsburgischen Vorherrschaft zeigt. Ein Blatt im Germanischen Nationalmuseum (Graphische Sammlung, HB 296 / Kapsel 1313) liefert eine Variante der Karte: Ein Niederländer beschützt mit erhobenen Waffen und im Beisein des niederländischen Löwen den hollandse tuin, der die Grenzen der Niederlande symbolisiert. Ausgehend von diesem Stich sollen die Querverbindungen zwischen nationaler Symbolik und Kartographie anhand einiger Beispiele aufgezeigt werden.

(Anna Lisa Schwartz MA, Trierer Arbeitsstelle für Künstlersozialgeschichte))

 


 

Hinweis

Die »Gesellschaft für wissenschaftliche Symbolforschung« veranstaltete vom 13. bis 15. April 2018 ​im Augustinerkloster zu Erfurt eine thematisch verwandte Tagung. Programm auf > https://www.symbolforschung.org/tagung-2018.html

 

Anregungen

Einleitung

Jede normale Landkarte im heutigen Sinn ist ein Modell (Modelle sind Spezialfälle von Symbolik) der Wirklichkeit; sie beruht auf Transformationsregeln (Projektion, Maßstab; Vereinfachungen).

Landkarten werden zudem mit Signaturen versehen, das sind Pictogramme, die oft einen nicht mehr durchschauten symbolischen Hintergrund haben.

Auf Landkarten können auch statistische Daten der entsprechenden Orte angegeben sein (Choroplethkarten; anamorphotische Karten).

Immer wieder gab es Irrtümer der Kartographen (z.B.Kalifornien als Insel, siehe dazu das Buch von Edward Brooke-Hitching).

All das steht nicht im Zentrum des Projekts, vgl. hierzu: http://www.enzyklopaedie.ch/dokumente/geographica.html

 

Landkarten dienen aber auch als Medium, um andere Themen zu repräsentieren als die Erdoberfläche. Das hat verschiedene Gründe:

(1a) Vorstellungen wie Berg, Quelle, Schlucht, Vulkan, Passübergang, Brücke, Insel, Wüste usw. können leicht als Metapher / Symbol verwendet werden. (Vgl. dazu Band 11 unserer Schriftenreihe.)

(1b) Verbunden damit sind Vorstellungen wie die einer mühsamen Reise, des Umwegs, des das-Ziel-nicht-finden-Könnens,usw. (Vgl. dazu Band 8 unserer Schriftenreihe.)

(2) Gelände-Formationen können – gegen die intendierte geographische Auffassung gelesen – als Formen anderer Gegenstände gesehen werden; geläufigstes Beispiel: Italien als Stiefel.

(3) Die Orientierung anhand räumlicher Strukturen ist ein anthropologisches Universale. Anhand bekannter Orte können wir uns Dinge einprägen, ein Grundprinzip der Mnemotechnik. Auslegeordnungen können als Landkarten angelegt werden.

(4) Narrative fiktionale Literatur ist darauf angewiesen, die Handlung in einem geographischen Raum anzusiedeln. Das kann eine wirkliche Landschaft sein (Beispiel: Joyce’s Dublin) oder eine erfundene, phantasierte (Beispiel: J. R. Tolkien’s Middle earth)

(5) Rezipienten von Texten versuchen darüber hinaus, eine Landkarte der im Text genannten Orte und Wege zu rekonstruieren. Beispiele: Homers Mittelmeer; Vergils und Dantes Unterwelt.

(6) Mythologische Landkarten

(7) Mittels einer Landkarte kann man simulieren, wie man glaubt, dass ein Mensch die Welt wahrnimmt, anders als man selbst oder als der common sense.

(8) Jemanden eine Landkarte zeichnen lassen kann als psychologisches Diagnoseinstrument dienen.

(9) Ludische Karten

(10) Phantasiekarten zur Erläuterung von Kenntnissen, die es mit geograph. Raum zu tun haben

(11) Phantasiekarten zur Rekonstruktion von Räumen, die es nicht mehr gibt

(13) Unkorrekte Landkarten mit politischer Funktion – ein Aspekt, den wir hier weitgehend ausklammern möchten.
 

Weblinks

Literaturhinweise

 


 

Vorspiel: O-T-Karten

Die mittelalterlichen abendländischen O-T-Karten gehen zurück auf eine urtümliche Aufteilung des Erdkreises, der nicht auf veritable Berichte zurückgeht, wie etwa die antike Karte des Claudius Ptolemäus.

St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 236 (aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts) zum Text von Isidor, Etymologiae, Buch XIV,ii »De terra et partibus« > http://www.e-codices.unifr.ch/de/csg/0236/89

Bei Isidor (um 560–636) steht, dass der Erdkreis vom Meer gänzlich umflossen und dreifach geteilt ist: Undique Oceanus circumfluens eius in circulo ambit fines. Divisus est autem trifarie: e quibus una pars Asia, altera Europa, tertia Africa nuncupatur. Also: Asien im Osten [in der Karte oben] – Europa im Nordosten – Afrika im Südosten. Im Bild werden zusätzlich die trennenden Flüsse genannt: Tanais und Nilus sowie die mäotischen Sümpfe (Meotides paludes); ferner werden die drei Erdteile den von Noah abstammenden Söhnen (und ihren Nachkommen) Sem – Iafet – Cham zugeordnet (vgl. Genesis 10,1).

Mit der Zeit werden diese Karten dann weiter angereichert mit geographischen Kenntnissen und solchen aus der biblischen Geschichte und der Wissensliteratur seit der Antike, so dass man eher von geographischen Auslegeordnungen enzyklopädischen Wissens sprechen muss. Zur Orientierung auf der Erde taugen sie kaum.

Beispiel: die Hereford Map > https://en.wikipedia.org/wiki/Hereford_Mappa_Mundi

Beispiel: Londoner Psalterkarte, ca. 1265 > https://en.wikipedia.org/wiki/Psalter_world_map#/media/File:Psalter_World_Map,_c.1265.jpg

Die Spezialliteratur dazu ist reichhaltig; zwei Hinweise:

Brigitte Englisch, Imgo Mundi. Der virtuelle und der reale Raum in den mittelalterl. Weltkarten, in:  Elisabeth Vavra (Hg.), Virtuelle Räume: Raumwahrnehmung und Raumvorstellung im Mittelalter, Berlin: Akademie-Verlag 2005, S.41–65.

Bettina Schöller, Wissen speichern, Wissen ordnen, Wissen übertragen. Schriftliche und bildliche Aufzeichnungen der Welt im Umfeld der Londoner Psalterkarte (Medienwandel - Medienwechsel - Medienwissen; Band 32), Zürich: Chronos 2015

Interessant sind Weiterentwicklungen und Umdeutungen der T-O-Karten:

❦  Heinrich Bünting (1545–1606) stellt in seinem »Itinerarium Sacrae Scripturae« die drei Kontinente der Welt als Kleeblatt dar, mit Jerusalem im Mittelpunkt, um seiner Heimatstadt zu huldigen: Die gantze Welt in ein Kleberblat / Welches ist der Stadt Hannover / meines lieben Vaterlandes Wapen.

Aus der Erstausgabe von 1581 > https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Bünting#/media/File:1581_Bunting_clover_leaf_map.jpg

 

❦  Daniel sieht in einer Vision vier Tiere (Dan. 7,1ff. – Text der Ausgabe 1545): ein Löwe mit Adlerflügeln; ein fleischfressender Bär; ein Panther mit vier Flügeln und vier Köpfen; ein Tier mit großen Zähnen aus Eisen, das alles zermalmt, und mit zehn Hörnern, an einem ein Menschenmaul; Daniels Deutung (Dan 7,17ff.)

Martin Luther deutet in seiner »Vorrede auf den Propheten Daniel« (Text hier) auf die vier historisch aufeinander folgenden Weltreiche: der Löwe ~ Assyrien und Babylon; der Bär ~ Königreich der Persen und Meden; der Panther/Parde ~ das Reich Alexanders des Großen; das Tier mit den eisernen Zähnen ~ das Römische Weltreich.  Zum vierten Tier heißt sagt er: VND das ein kleins Horn/ sol drey Hörner von den fordersten zehen Hörnern abstossen/ Das ist der Mahmet oder Türcke/ der jtzt Egypten/ Asiam vnd Greciam hat. […].

Bild: Monogrammist A.W. in: Martin Luther, Der Prophet Daniel Deudsch, Wittenberg: [Hans Lufft] 1530. – Der Graphiker hat die vier Weltreiche statt in eine historische Reihe auf eine T-O-Karte projiziert, wobei Luthers Gedanke der (apokalyptischen) Bedrohung Europas durch die Türckengefahr verlorengeht.

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(1a) Landkarten-Entwurf zwecks Darstellung von Gefühlen, Gedanken usw.

❦  Aus dem Roman »Clélie« von Madeleine de Scudéry (1607–1701) — Zugang zu Mme. Scudérys Liebesprogrammatik eröffnet die berühmte Carte de Tendre, eine der Erstausgabe des Romans auch als Graphik beigefügte allegorische Landkarte, die dem unerfahrenen Liebenden den gefährlichen, vom lac d’indifférence (See der Gleichgültigkeit) und dem mer d’inimitié (Meer der Feindschaft) umgebenen Weg zu drei besonderen Möglichkeiten der Liebe weist (Tendre-sur-Inclination, Tendre-sur-Estime et Tendre-sur-Reconnaissance), hinter denen, getrennt vom mer dangereuse (Meer der Gefahren), die Grenzen weitläufiger terres inconnues (unbekannter Länder) erkennbar werden.« (Kindlers Literatur-Lexikon, sub voce) — Moderne französ. Zusammenfassung des Romans, vgl.: http://www.siefar.org/publications-articles/madeline-de-scudery-clelie-histoire-romaine.html

Aus: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Carte_du_tendre.jpg

• Davon inspiriert ist Johann Gottlob Immanuel Breitkopf, Beschreibung des Reichs der Liebe, mit beygefügter Landcharte, Leipzig 1777:

> http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/111945/1/cache.off und noch besser > http://digital.lb-oldenburg.de/ihd/content/titleinfo/627502

Die Karte wird übernommen in der Enzyklopädie von Krünitz im Artikel »Landkarte« (Band 60, 1793) und Figur 3779; dazu dieser Text (Auszug):

I. Das Land der Jugend

ist die Gränze, von der die meisten Pilger ausreisen. Aus dem Städtchen Sorgenloß kommen sie in die verschiedenen umliegenden Oerter, und verweilen sich bald in Reizenstein, Schönhausen, bald in Reichenbach, Witzingen und Freudenheim, wo sie aus dem Quell der Freude Bezauberung trinken. Tändelspiel und Küßfeld am Fluße der Wünsche, welcher von Sorgenloß entspringt, gelegen, sind zwey sehr gefährliche Oerter, und die Gränzfestung Warnungsstein ist selten im Stande, diejenigen welche sich zu lange an diesen beyden Orten aufgehalten haben, abzuhalten, daß sie nicht in

II. Das Gebiete der fixen Ideen

übertreten sollten. Dieses Hauptgebiet gränzt gegen Morgen an das Land der glücklichen Liebe, gegen Abend an das Land der traurenden Liebe, gegen Mitternacht an das Land der Lüste. Seine vornehmsten Städte sind die Stadt der Träume, Triebstädt, Verlangenau und Unruh.

[…]

• »Woman’s Heart« > http://www.thehistoryblog.com/archives/13567

• Moderne Varianten, die Mme Scudérys Idee aufnehmen:

Jean Klare / Louise van Swaaij, Atlas van de Belevingswereld 1999; deutsch: Atlas der Erlebniswelten, Frankfurt am Main: Eichborn Verlag 2000.

Diana Issidorides, Landscapes of Love (2003); deutsch: Atlas der Liebe (Kartographie Erik d’Ailly & Willum Morsch; aus dem Engl. übers. von Sabine Schilasky), Frankfurt am Main: mvg-Verlag 2005.

 

❦  »Carte du Royaume de Coquetterie« (anonym, 1654)

Bibliothèque nationale de France > http://catalogue.bnf.fr/ark:/12148/cb41502834g  > http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8404250w

❦  Bernard le Bovier de Fontenelle (1657–1757) schreibt 1678 eine Satire »Description de l’Empire de la Poésie« (erschienen in Mercure Galant de l’an 1678, pp. 79–89). Dazu entwirft er (p. 78) eine allegorische Landkarte der Poesie:

 

❦   Im Band 2 des »Atlas der Vorurteile« von Yanko Tsvetkov (deutsche Übersetzung: München: Knesebeck 2014) ist kartographiert die Welt deines Facebook-Nutzers

> https://atlasofprejudice.com/the-world-according-to-a-facebook-user-73358eea94d4

In der Mitte: Me — Sodann gibt es Orte wie Stalkertown, Mountain of Shame, weit außen die Inseln Friends of Friends, einen Hangover Hill (Katzenjammerhügel), einen Tropic of Shared Topics (Wendekreis geteilter Themen); der Maßstab ist angegeben in Likes bzw. Comments.

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(1b) Wege in symbolischen Gefilden

 

❦ Eine rudimentäre Form der Landkarte stellt die Weggabelung dar, bei der sich Herakles entscheiden soll, ob er den engen rauhen Weg bergan zur Tugend wählen will oder den verführerisch breiten, der ins Verderben führt, vgl. hierzu die Website Herakles am Scheideweg. Das einfache Y wurde gerne ausgestaltet zu Landschaften.

Bild größer (als PDF)  (Man beachte rechts die um eine Venus-Statue Tanzenden!)

Hoch überm niederen Thal, der Wollust aufenthalt
Erhebt sein Haubt ein Berg von seltsamer Gestalt.
Der Weg hinauf ist eng und mit gesträuch bedecket,
An Obste reich genug, das aber widrig schmecket.
Wie wohl es in das Blut gesunde Nahrung trägt,
Und zu dem schweren Gang die Glieder mächtig regt.
Der Pfad wird leichter stets, itzt ist er nicht mehr wilde,
Itzt geht der sanfte Weg durch Paradies Gefielde.
Zu einem hohen Bau mit lichten Glantz umstreüt,
Der dort auf Saulen ruht, der frömmigkeit geweiht.
Die Priesterin des Orths voll zärtlichen Verlangen,
Steht vor des Tempels Thor die Gäste zuempfangen.

Der Tugend und kunstliebenden Jugend von der Bürcher Bibliothec in Zürich Verehrt, beÿm Neuen Jahr 1753. 

• Eine ausgebaute allegorische Landkarte bietet das Andachtsbild von Charlotte Reihlen (1805–1868) und Paul Beckmann »Der breite und der schmale Weg«.

(Ausschnitt. Man schaue NICHT das Bild in der Wikipedia an, denn dieses ist unsinnigerweise retuschiert. Richtig wiedergegeben ist es auf der Seite des British Museum > http://tinyurl.com/yb3zxqdg )

Der Weg links führt durch das von Venus und Bacchus gezierte Tor, vorbei am Gasthof zum Weltsinn, bei dem gerade ein Maskenball ausgeschildert ist; an Theater und Spielhölle und Conversationshaus vorbei nach unter Blitzen brennenden und einstürzenden Städten – der Weg rechts vorbei an der Sonntagsschule, der Kinder-Rettungs-Anstalt und dem Diakonissenhaus ins Himmlische Jerusalem; alles mit Bibelzitaten kommentiert.

John Bunyan (1628–1688) schreibt das Erbauungsbuch »The Pilgrim’s Progress (1678 / 1684 erschienen), in dem der Weg des Helden von der Stadt des Verderbens bis zum Eingang in die Stadt Gottes – mit allen Gefährdungen unterwegs – beschrieben wird.

Eine Zusammenfassung des (vor lauter Allegorien und Personifikationen gleichsam auskristallisierenden) Buches findet man in der englischen und deutschen Wikipedia. Die Orte sind symbolisch aufgeladen:

Die Stadt des Verderbens — der Berg der Beschwernis — der Sumpf der Verzagtheit — der Palast Schönheit — das Tal der Demütigung — der Berg Gewinn (mit einer Silbermine) — die Abwegs-Wiese — die Zweifelsburg — der Strom des lebendigen Wassers — die himmlische Stadt.

A Plan of the Road From the City of Destruction to the Celestial City, Adapted to »The Pilgrim’s Progress« (1821) > https://digital.library.cornell.edu/catalog/ss:3293746

Eines Christen Reise Nach der Seeligen Ewigkeit, Welche in unterschiedlichen artigen Sinnen-Bildern Den gantzen Zustand einer Bußfertigen und Gottsuchenden Seele vorstellet / Jn Englischer Sprache beschrieben Durch Mr. Johann Bunian, Predigern in Betford, Nun um seiner Fürtrefflichkeit willen in die Hochteutsche Sprache übersetzet [von Christoph Matth. Seideln, Past. und Probsten zu Berlin], Hamburg, Bey Johann Wolffgang Fickweiler, Buchhändler im Dohm, 1716. > http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/id/6747445

 

❦  Im säkularen Bereich unterscheidet sich so eine Landkarte nur wenig:

The Road of Success > https://digital.library.cornell.edu/catalog/ss:329384

❦  Die Welt wird oft mit einem Labyrinth verglichen.

Diese Welt ein Irrgart ist.
Voll deß Satans Trug und List.
Viel gibts böse Irrthums-Strassen.
Bethe ! GOTT dich nicht wird lassen.

Ist ein Jrrgarten/ in welchem/ an einem Ort/ der Satan gehet/ und ein wenig davon ein junger Mensch/ über welchem der Heilige Geist schwebet. Womit angedeutet wird: daß die Welt ein rechter Jrrgarten sey/ in welchem die jenigen/ welche nicht vorsichtiglich wandeln/ und dem Teufel / der ihnen der Welt Schönheit vorhält/ mehr folgen/ als ihren himmelischen Führer/ dem Heiligen Geist / der sie/ durch das Licht deß heiligen Evangelii/ erleuchtet hat/ leichtlich können verführet werden; daß sie deß rechten Wegs/ nach dem Himmel verfehlen.

Detail: Der Mensch zwischen Teufel und Heiligem Geist   

Johann Michael Dilherr, Heilig-Epistolischer Bericht/ Licht/ Geleit und Freud. Das ist: Emblematische Fürstellung/ Der Heiligen Sonn- und Festtäglichen Episteln: In welcher Gründlicher Bericht/ von dem rechten Wort-Verstand/ ertheilet; Dem wahren Christenthum ein helles Licht furgetragen; Und ein sicheres Geleit/ mit beigefügten Gebethen und Gesängen/ zu der himmelischen Freude/ gezeiget wird, Nürnberg: Endter 1663, S. 131ff.

Weitere Beispiele in dem großartigen Buch von Hermann Kern, Labyrinthe. Erscheinungsfromen und Deutungen, München: Prestel 1982, S. 295ff. 

 

❦  Vgl. auch die allegorischen Berg-Aufstiege.

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(2)  Allegorische Ausdeutung wirklicher Landkarten


Umrisse von Inseln oder Kontinenten werden schon bei den griechischen Geographen mit geometrischen und organischen Figuren charakterisiert. Beispiele: Strabo (ca. 63 vor bis 23 nach Chr.) schreibt Der Peloponnes ist der Gestalt nach einem Platanenblatt ähnlich. (»Geographie« VIII,2). — Pomponius Mela in seiner »Chorographia« (entstanden 43/44 n.Chr.) über den Persichen Golf: Er umfasst  seine gewaltige Eingangsstelle mit einer Art Hals, danach treten die Landmassen auf allen Seiten weithin zurück, so dass der Golf das Meer im weiten Künstenbogen umfasst und dabei die Form eines menschlichen Kopfes bildet  (reddit formam capitis humani III,73). — Plinius: Timaeus [von Tauromenium] nennt Sardinien wegen der Ähnlichkeit mit einer Fußsohle ›Sandaliotis‹. (»naturalis historia« III, 85)

C. Iulii Solini Polyhistor, rerum toto orbe memorabilium thesaurus locupletissimus. […]  Basel 1543. (Auf der Karte ist Norden oben.) > http://www.e-rara.ch/bau_1/content/pageview/184537


❦ Eine sehr komplexe Form der Anthropomorphisierung von Landkarten findet sich bei Opicinus de Canistris (1296 – ca. 1353). Er kennt bereits Portolane, welche recht genaue Umrisse des Mittelmeer-Raums geben. Er gibt entweder Europa als Mann / Afrika als Frau oder Europa als Frau / Afrika als Mann wieder; dazwischen befinden sich Ungeheuer. Die Bildwerke sind mit umfangreichen Glossen versehen.

»Il risultato è un'opera personalissima, non sempre comprensibile in tutte le sue parti, che non si deve assolutamente considerare il prodotto patologico di una mente malata.« (Hans Jürgen Becker in EnciclopediaTreccani

> http://tinyurl.com/znv5x7p (engl. Wikipedia)

• Editionen:

Richard Salomon, Opicinus de Canistris, Weltbild und Bekenntnisse eines avignonesischen Klerikers des 14. Jahrhunderts, 1 Textband, 1 Tafelband (Studies of the Warburg Institute 1a ; 1b), London: Warburg Institute, 1936. [Edition und Faksimile der Handschrift Bibliotheca Apostolica Vaticana Pal. Lat. 1993]

Le journal singulier d’Opicinus de Canistris: Vaticanus latinus 6435. Éd. et trad. par Muriel Laharie, Città del Vaticano: Biblioteca Apostolica Vaticana 2008 (Studi e testi / Biblioteca Apostolica Vaticana 447/448). [Edition des lat. Texts mit Punkt-für-Punkt-Bezug zu den Bildern; französische Übersetzung]

• Literaturhinweis:

Guy Roux / Muriel Laharie, Art et folie au Moyen Age. Aventures et énigmes d'Opicinus de Canistris, Paris: Léopard d’or 1997.


• Digitalisate der Handschriften:
http://digi.vatlib.it/view/MSS_Vat.lat.6435
http://digi.vatlib.it/view/MSS_Pal.lat.1993

 

❦ Der Holzschnitt der Karte Europa in forma virginis soll zuerst von Johannes Putsch geschaffen und 1537 gedruckt worden sein; vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Europa_regina

1587 übernimmt das Bild Heinrich Bünting (1545–1606) in »Itinerarium sacrae scripturae«, Ausgabe Wittemberg: Krafft 1587 (unbrauchbares Digitalisat der BSB) – die Signatur auf dem Holzschnitt lautet C.P. 1548 > https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Bünting

Die Überformung der geographischen Karte mit der Figur einer Königin soll wohl den Anspruch der europäischen Länder über die neu entdeckten veranschaulichen.

Sebastian Münster hat das Bild (kommentarlos) in seine »Cosmographia« aufgenommen – wann zum ersten Mal? Nachweislich in der Auflage Basel: Sebastian & Henric Petri 1588, fol. xlj  > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00074488/image_177

 

❦ »Den ersten Leo Belgicus, gestochen von Frans Hogenberg, veröffentlichte der österreichische Chronist Michael Aitzinger 1583 in seinem Geschichtswerk »De Leone Belgico«. Das Buch behandelt die niederländische Zeitgeschichte von 1559 bis 1583 aus spanischer Sicht. Wie Aitzing im Vorwort ausführt, soll die Darstellung der Siebzehn Provinzen als Löwe die Macht und Stärke des um seine Unabhängigkeit ringenden Landes grafisch veranschaulichen.« (Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Leo_Belgicus).

Petri Kaerii Germania Inferior id est, XVII provinciarum ejus novae et exactae Tabulae Geographicae, cum Luculentis Singularum descriptionibus additis. à Petro Montano. Amsterdam, 1617. — Vgl. die Karte De Zeventien Verenigde Nederlanden [Walter & Eliza + Marit Groen]

 

❦ Johann Heinrich Streulin (1661–1742) hat – in Anlehnung an den Leo Belgicus um 1698 – den Kanton Zürich als Löwenkopf allegorisiert. – Das Kupfer ist von Johann Georg Seiller (1663–1740).

> http://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/8562855

Im Text sagt er zuerst, dass beinahe jedes Land in sonderbarer Gstalt mag abgebildet werden: Amerika in Gestalt eines Westfälischen Schinken, Afrika als Herz, Europa als Jungfrau, Asien als Pferd usw. Dann kommt er auf Zürich zu sprechen, dessen Wappenhalter zwei aufgerichtete Löwen sind.

Ein Löwenhaubt gleichfahls das ZURICH-Land erklärt.
Die grosse ZURICH-Statt selbs ist des Haubtes Rachen/
Der offen steht/ um forcht den Feinen zuursachen.
Der lange Zungen-See zum Schutz und trutz rauslallt/
So manchem übel gnug und manchem wolgefallt.
[…]
Mehr Keiburg/ Winterthur sind zwey sehr helle Augen/
Theils zum umsehen sie/ theils zum außspehen taugen.
[…]
Das rechte Ohr ist Stein/ das linke Elg zunennen/
Weil darmit/ was passirt an Grenzen zuerkennen.
Fallt guts/ fallt böses für bim Landvolk in der näh/
Sein Gruch emfpinden bald Gröningen/ GreiffenSee.

 

❦ Im 19. Jahrhundert grassieren solche Karten. Die wohl berühmeteste ist die von  Paul Hadol, Carte drôlatique d’Europe pour 1870 > https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bb/Humoristische_Karte_Europa_1870.jpg

Paul Hadol, Carte drôlatique d’Europe pour 1870.

Jedes Land ist durch eine Karikatur seines Nationen-Stereotyps oder Karikatur seines Machthabers dargestellt, wobei die Konturen der Figur mit den Grenzen des Landes kongruent sind, was die Glaubwürdigkeit der Stereotypen erhöht.

  • die Alte Lady England müht sich mit dem unfolgsamen Köter Irland ab;
  • Spanien als rauchende Señorita
  • Bismarck (Preußen) kniet auf Österreich, dessen Soldat ziemlich wenig kampfbereit erscheint;
  • Italien (evtl. Garibaldi) wehrt sich dagegen
  • Türkei als ein Wasserpfeife rauchendes Mädchen
  • Russland als Lumpensammler; die Krim als Flickenlappen am Mantel

Der Kartentyp wurde x-mal nachgeahmt; vgl.:

http://www.laboiteverte.fr/cartes-satiriques-a-travers-lhistoire/ <April 2014>

https://strangemaps.wordpress.com/

Humoristische Karte von Europa (1914) > https://digital.library.cornell.edu/catalog/ss:3293872

 

❦ Auf einer Postkarte ist die Schweiz über Kriegswolken dargestellt; die Wolken haben die Form der europäischen Länder:

Die Karte ist undatiert. Den Verlag Franco Suisse gab es in Bern 1905–1944. Insofern als Deutschland so angeschrieben ist und es ein (nicht ›angeschlossenes‹)Oesterreich gibt, ist wohl der Erste Weltkrieg gemeint. (Dank an Petra B.!)


❦ Architekten haben gelegentlich die Grundrisse von Kirchenanlagen symbolisch gedeutet. Bekannt ist der nach den Proportionen des Menschen geplante Kirchengrundriss von Francesco di Giorgio Martini (1439–1501):

(Eine andere Zeichnung ist abgebildet bei Otto von Simson, Darmstadt: WBG 1972, Tafel 10.)

Gian Lorenzo Bernini (1598–1680) hat die Platzanlage vor dem Petersdom in Rom als Mann (Petrus? Christus?) mit ausgebreiteten Armen imaginiert. Hier im Vergleich mit der wirklich gebauten Anlage (Stich von Piranesi):

                                                

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(3) Landkarten im Dienst der Mnemotechnik

Die Mnemotechnik (von griechisch mnēmē ›Erinnerungsvermögen‹, ›Gedächtnis‹) stellt Verfahren zur Verfügung, die helfen, Texte und Sachverhalte sich besser einzuprägen.

Die Techniken machen sich die Tatsache zunutze, dass (R) unsere Orientierungsfähigkeit im Raum und (B) unser Bildgedächtnis besser sind als die Fähigkeit, sich vereinzelte Elemente einzuprägen. (Davon profitiert auch der virtuelle ›Schreibtisch‹ mit der räumlichen Anordnung der verschiedenen ›Icons‹ auf dem Computerbildschirm.)

(R) Die eine Methode beruht demnach darauf, dass der Redner Teile seines Texts mit sinnvoll zusammenhängenden Orten (loci) assoziiert; mit einer ihm bekannten Landschaft oder einem Gebäude.

(B) Die andere Methode beruht auf der Assoziation des zu Merkenden mit auffälligen Bildern (imagines).

Die beiden Verfahren können auch kombiniert werden: Zunächst prägt man sich eine Reihe von realen oder fiktiven Orten ein. Darauf werden die Bilder derjenigen Worte oder Sachen, die erinnert werden sollen, bezogen. Geht man später im Geist die Orte der Reihe nach durch, dann lassen sich die Bilder bzw. die durch sie vertretenen Textteile oder Sachen in Erinnerung rufen.

Literaturhinweis: Jörg Jochen Berns / Wolfgang Neuber u.a., Ars memorativa. Zur kulturgeschichtlichen Bedeutung der Gedächtniskunst 1400–1700, (Frühe Neuzeit 15), Tübingen: Niemeyer 1993. 

 

❦  Erstes Beispiel: Eine Technik, um sich die Lage von Sternen einzuprägen (dies ist wichtig nicht nur für die Astrologie, sondern auch für die Nautik: Orts-Bestimmung des Polarsterns als Schwanzspitze des Kleinen Bärs) ist die Projektion von Figuren auf die an sich amorphe Erscheinung des gestirnten Himmels.

Ohne Hintergrundswissen präsentiert sich der Sternhimmel so:

 

Bonner Durchmusterung. Aus: Schweizer Lexikon in sieben Bänden [hg. Gustav Keckeis u.a.] Encyclios-Verlag Zürich Band 1 (1945), S. 1499/155.

So wird der Sternhimmel auf einer Himmelskarte ›imaginiert‹:  

Karl Thöne, Einführung in die Astronomie, Bern o.J. (Hallwag-Taschenbücher Band 42), S.88.

[Noël Antoine Pluche], Schau-Platz der Natur, oder: Untersuchungen/Gespräche von der Beschaffenheit und den Absichten der natürlichen Dinge, […]  Wien / Nürnberg u.a.: Monath, 1746–1753.


❦  Zweites Beispiel:

Jean Chéron (1596–1673) / Léonard Gaultier (Kupferstecher, 1572–1649), Typus necessitatis Logicae Ad alias Scientiae Capessendas, Paris 1622. (Das British Museum besitzt die obere Hälfte > http://tinyurl.com/ycsqjoke ; an der Tagung können wir das ganze Bild [47 x 74 cm]  zeigen.)

In diesem Bildteil geht es um die Causae inveniendae Philosophiae, d.h. die Beweggründe, die zur Suche nach Philosophie anspornen; hier im speziellen um die experientia (Erfahrung). Beim Mann rechts, der über die defekte Brücke geht, steht: Stultum est timere quod vitari nequit (Es ist töricht zu fürchten, was sich nicht vermeiden lässt.) Beim Mann, der ins Wasser fällt: Sapientiam praetereuntes lapsi sunt (Die an der Weisheit vorübergingen, glitten ab; vgl. Buch der Weisheit 10,8).

Literatur dazu:

Susanna Berger, The invention of wisdom in Jean Chéron’s illustrated thesis print, in: Intellectual History Review, Vol. 24 (2014); Issue 3, pp. 343–366. > http://dx.doi.org/10.1080/17496977.2014.891173

 

❦  Jean Baptiste Trento / Pierre Eskrich, Mappe Monde Novelle Papistique (1566/67)

Édition critique établie et présentee par Frank Lestringant et Alessandra Preda, Geneve: Droz 2009 (Travaux d’humanisme et Renaissance 463)

http://www.boettger-photoscreen.com/118/

http://books.openedition.org/efr/docannexe/image/1740/img-3.jpg

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(4) Kartographierung literarischer Texte

Es gibt verschiedene Anlagen: 

• Eine literarische Geschichte wird in einen wirklichen Ort verlegt (Joyce’s Dublin)

•  Eine Satire oder ein Idealstaat wird an einen Un-Ort verlegt (Utopien);

• Erfindung einer Landkarte, um einen einteressanten Plot zu gestalten (Schatzsuche)

• Orte, die (wohl absichtlich) nicht topographisch festgelegt sind, etwa Entenhausen > http://www.duckipedia.de/index.php5?title=Entenhausen

❦  Utopien – deshalb heißen sie ja so – verlegen die Satire und die in Handlung und Dialoge umgesetzten Ideen über bessere politische Zustände in unechte Räume. Platon fingiert mit Atlantis eine genau beschriebene Insel; Aristophanes lässt die beiden Athener in einen Vogelstaat ausziehen, wo er den Zustand der Polis kritisiert (414 v.u.Z.); Thomas Morus’ Utopia (1516) enthält zwar eine Beschreibung der Stadt Amaurotum und auf dem Titel eine Landkarte , ist aber der Entwurf einer idealen Staatsordnung; Francis Bacon’s Insel Bensalem (Nova Atlantis, 1624) ist der Rahmen für die Entwicklung von Ideen zur Forschung; Cyrano de Bergerac ersinnt eine Mondreise als Aufhänger, um seine philosophischen und naturwissenschaftlichen Ideen kurzweilig darzulegen (1657); Jonathan Swift lässt Gulliver nach Liliput reisen (Travels into Several Remote Nations of the World; 1726), wo er die Zustände in England satirisch aufs Korn nimmt; Johann Gottfried Schnabels Held Albertus Julius entdeckt die Insel Felsenburg (1731), wo ein Idealstaat verwirklicht ist. — In literarischen Utopien ist der Un-Ort der Trick, um Leser nicht konkrete Orte assoziieren zu lassen und um sich vor der Zensur zu schützen; die Geographie selbst hat keine symbolische Dimension.

Hier ein weniger bekanntes Beispiel:

Jakob Bidermann (1578–1639), Vtopia Didaci Bemardini Seu Iacobi Bidermani E Societati Jesv Sales Mvsici : Quibus Lvdicra Mixtim & seria litteratè ac festive denarrantur, Dilingae: Sutor 1640  — hier aus der Ausgabe Dilingae: Bencard, 1691.

Edition mit Übersetzung und Monographie; nebst vergleichenden Studien zum beigedruckten Plagiat des Christoph Andreas Hörl von Wattersdorf (»Bacchusia oder Fassnacht-Land ...« 1677), hrsg. von Margrit Schuster, (Europäische Hochschulschriften Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur 794), Bern: Lang 1984.

Christoph Andreas Hörl,  Bacchusia Oder Faßnacht-Land : Allwo Es drey Teutschen jungen Herren auff ihrer Raiß sehr übel ergangen/ darbey allerhand kurtzweilige Geschichten eingemischt werden. 1677 > Digitalisiert von der BSB

Zur Karte Schuster Band I, S. 50f. – Die den einzelnen Gauen zugeordneten Ortsnamen beziehen sich auf Laster, die im satirischen Roman durchgehechelt werden: Frissgoia mit dem Ort Smauseck; in Bibia (etwa: Saufland) liegen Orte wie Crapula (Rausch) oder Propinia (Zutrunk); im Gau Furlandia (von lat. fur = Dieb) liegt u.a. Clepia (lat. clepo = stehlen) und Nebulonium (nebulo = Taugenichts). Die Karte ist unabhängig vom Text Bidermanns / Hörls, der keine solche Landschaften kennt.

 


❦  Robert Louis Stevenson (1850–1894), »Treasure Island« (Die Schatzinsel) 1881/82. Er soll zu seiner Story »Treasure Island« durch die Skizze einer Landkarte angeregt worden sein:

https://en.wikipedia.org/wiki/Treasure_Island

 

• Die Landkarte von Peter Pans Neverneverland ist wohl copyrightmäßig total geschützt. Aber hier sieht man sie … {August 2017}

Zamonien ist ein von dem Schriftsteller Walter Moers erfundener Kontinent > https://de.wikipedia.org/wiki/Zamonien — Vgl. die Landkarte hier > http://www.zamonien.de/landkarte.php
Literaturhinweis: Katja Pawlik, Von Atlantis bis Zamonien, von Menippos bis Moers. Die Zamonien-Romane Walter Moers' im Kontext der menippeischen Satire, Würzburg: Königshausen & Neumann 2016 (Epistemata. Reihe Literaturwissenschaft; Band 854)

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(5) Rekonstruktion einer Landschaft aus dem Text

❦  Von einer Geographie des Paradieses ist in der Bibel nicht die Rede. Aber die Theologen haben munter Landkarten gezeichnet:

Athanasius Kircher [1602–1680], Arca Noe, in tres libros digesta, quorum I. de rebus quae ante diluvium, II. de iis, quae ipso diluvio ejusque duratione, III. de iis, quae post diluvium a Noemo gesta sunt, quae omnia nova methodo, nec non summa argumentorum varietate, explicantur, & demonstrantur.  Amstelodami, Apud J. Janssonium a Waesberge, 1675. Karte des Paradieses zwischen pag. 196/197 [Ausschnitt]. Gutes Digitalisat der Linda Hall Library > http://lhldigital.lindahall.org/cdm/ref/collection/philsci/id/1227

Hoc schema et descriptio referens orti Eden situm ponetur, ita ut 2. cap. 8. vers. Genes. respondeat. In: Biblia sacra veteris et novi testamenti, secundum editionem vulgatam. Baslilaeae M.D.L.XXVIII

 

❦  Etwas detaillierter charakterisiert als das Paradies ist gleichsam dessen Pendant am Ende der Zeiten: das Himmlische Jerusalem in der Vision des Johannes (Apokalypse, Kapitel 21; hier in der Luther-Bibel 1545):

Icones biblicæ præcipuas sacræ scripturæ historias eleganter & graphice repræsentantes. Biblische Figuren/ darinnen die Fürnembsten Historien/ in Heiliger und Göttlicher Schrifft begriffen/ Gründtlich und Geschichtsmessig entworffen/ zu Nutz und Belustigung Gottsförchtiger und Kunstverständiger Personen artig vorgebildet / an Tag gegeben durch Matthaeum Merian von Basel. [Band 4 =] Des Newen Testaments Unsers Herren Jesu Christi Fürnembste Historien und Offenbarungen, Straßburg/ In verlegung Lazari Zetzners Seligen Erben 1627. (> Digitalisat der Staatsbibliothek Bamberg)

 

❦  Aeneas wird durch die Sibylle (6.Buch von Vergils »Aeneis«) durch die Unterwelt geführt; dabei wird diese (dürftig) beschrieben.

Le Magasin Pittoresque, publié... sous la direction de M. Édouard Charton, Dix-huitième Année, Paris 1850, p.4 (digitalisiert von der BNF)

Vor den einzelnen Namenseinträgen steht jeweils der Vers des Texts. Oben rechts (im ›Nordosten‹) – Vers 237 die Eingangshöhle, von hier geht der Weg nach ›südwest‹ – 299 der Fährmann Charon – 417 der Hund Cerberus – 427 das Feld der Tränen mit den Kinderseelen u.a. – 435 die Selbstmörder usw. ––– 554 der eiserne Turm von Tisiphone, anschließend der Tartarus – im ›Nordwesten‹ die elysischen Gefilde. – Um die ganze Unterwelt herum zieht sich der Fluss Styx und um den Tartarus der Fluss Phlegeton.

Text: Vergil, Aeneis. Lateinisch/deutsch, übers. und hrsg. von Edith und Gerhard Binder, 5. und 6. Buch, Stuttgart: Reclam 1998 (RUB 9682).

Virgilii Maronis zwölff Bücher/ item das Buch Maphei, von dem Thewren Helden Aenea, ... ; mit Fleis corrigiret und schönen Figuren gezieret. Jetzund von neuem widerumb ubersehen. Leipzig/Jena: Börner/Weidner 1606.

Literatur hierzu: Julia Frick, Schriftliche und visuelle argumenta im Nachdruck von Thomas Murners »Aeneis«-Übersetzung (Worms 1543), in: Mittellateinisches Jahrbuch 52.2 (2017), S. 231–260.

 

❦  Von Dantes Unterwelt gibt es seit dem Fresko von Domenico de Michelino in Santa Maria del Fiore, Florenz 1465, viele Landkarten. Dantes Inferno mit den Etagen der 7 Sünden:

Girolamo Benivieni (1453–1542), Dialogo di Antonio Manetti cittadino Fiorentino circa al sito, forma, & misure dello Inferno di Dante Alighieri poeta excellentissimo, Florenz: Filippo Giunta, ca. 1506. > Digitalisat auf Wikimedia oder > http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k595743/f99.item

Im monumentalen Werk von Jerónimo Nadal (1507–1580) finden sich mehrere Bilder der Hölle, hier zur Höllenfahrt Christi:

Hieronymus Natalis S.J. Evangelicae historiae imagines, ex ordine Evangeliorum, quae toto anno in missae sacrificio recitantur, in ordinem temporis vitae Christi digestae, Anwerpen: Martinus Nutius 1593. > https://books.google.ch/books?id=X29OAAAAcAAJ&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false

 

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(6) Mythologische Landkarten

Die Karte zeigt Weltanschauung der Dayak von Borneo: Über dem weiblichen Drachen, der die Welt trägt (Naga Galang Petak), liegt die Welt der Lebenden (Kaloenen), darüber die ›obere Welt‹ der Verstorbenen. In der ›oberen Welt‹ existiert ein reich erfülltes Leben in Wohlstand, symbolisiert durch Ozeane (Tasik), z.B. tasik irai bintang (Ozean der Sterne) oder tasik malamboeng boelan (Gottes Ozean). Verbunden sind die Welten über einen Kanal, durch den die Seelen der ›oberen Welt‹ den Lebenden zu Hilfe kommen. Vgl. den Text von Jost Schmid in der Begleitschrift zur Ausstellung »Kartenwelten« der Zentralbibliothek Zürich, Murten 2010, S. 28.



Zentralbibliothek Zürich, MK 2232 > http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-16065 (hier eine PDF-Datei in guter Auflösung)

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(7) Mentale Karte

Als ›mentale‹ Karte bezeichnen wir hier Karten, die die Repräsentation der Geographie im Kopf von Menschen visualiseren. Ein klassisches Beispiel: In der Nähe die präzis erfasste (weil relevante) Welt, und verdämmernd weit hinten die fremden Gegenden – genial gezeichnet von Saul Steinberg  (1914–1999), »View of the World from 9th Avenue«, Cover drawing for: The New Yorker, March 29, 1976 > https://en.wikipedia.org/wiki/View_of_the_World_from_9th_Avenue

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(8) Landkarte als psychologisches Diagnoseinstrument

Beispiel:



In den Tagen vor einem komplexen neurochirurgischen Eingriff machte sich der 27-jährige Patient Gedanken über sein Leben, seine Angst und seine Hoffnung. Inspiriert vom Büttenpapier, das ihn an Pergament erinnerte, gestaltete er ein Selbstporträt in Form einer Weltkarte, die er kartografischen Darstellungen aus dem Mittelalter nachzuempfinden versuchte. Die topografischen Elemente (Länder, Berge usw.) stehen für verschiedene Lebensfragen und biografische Themen des Patienten, die in der Bildlegende rechts verschlüsselt beschrieben sind. So ist zum Beispiel die Stadt Soziopolis verzeichnet, das Land Gemeinsamien oder die Oase Fabienne.

Ursula Knizia: Die Narrative Landkarte – Diagnoseinstrument und symbolische Landkarte

»Jede .. Landkarte … ist ein Modell«.  Diese Modelle visualisieren die Vorstellung, die Menschen von realen oder fiktiven Räumen im Kopf haben. Auf einen Blick lässt sich mit einer solchen Landkarte eine Welt anschaulich und plausibel machen, deren Komplexität darzustellen mit Worten sehr viel aufwendiger, wenn nicht gar unmöglich wäre. Welche Zeichen für das Modell gewählt werden, sagt daneben schon eine Menge über die Wichtigkeiten aus, die der Autor den unterschiedlichen Faktoren beimisst. Ihre Darstellung wird sich unterscheiden, in Größe, in Farbe, in Form oder Beschriftung oder auf andere Art. Dem Betrachter jedenfalls ist damit bereits ein Schlüssel zur Interpretation, zur Deutung, zur Hermeneutik des Modells und seiner diversifizierten Bedeutsamkeiten in die Hand gegeben.

Diese Tatsache kann sich die Diagnostik in der Beratung und Therapie Hilfe suchender Menschen zunutze machen. Durch das Instrument »Narrative Landkarte« gelingt es Beratern und Therapeutinnen, die Welt ihres Klienten aus seiner Perspektive und mit seinen Augen zu sehen, seinen Logiken folgend und mit seinen individuellen emotionalen Konnotationen. Das spart Zeit gegenüber herkömmlichen Diagnosemethoden und ermöglicht es, unmittelbar zu zentralen Themen vorzustoßen, denn in der Zeichnung werden die Objekte symbolisiert oder auch unverschlüsselt dargestellt, die diese Welt mit ihren Potenzialen und Ängsten, ihren Wirkfaktoren und Einflusssphären abbilden. Die Ansatzmöglichkeiten für heilsame Interventionen werden sehr bald sichtbar.

Die Zeichnung der Narrativen Landkarte wird durch einen kurzen Eingangsimpuls ausgelöst. Dem als Zeichnung ausgebildeten Modell wird durch die Aufforderung, beim Zeichnen zu erzählen, noch eine zweite Deutungsebene zugeordnet. Zusatzfragen ermöglichen Spezialisierungen, die Vorgabe von Symbolen, die am Ende für die Objekte der Zeichnung vergeben werden sollen, heben die emotionalen Konnotationen der Klienten noch einmal akzentuierter hervor.

Die wesentlichen Vorteile der Methode gegenüber traditionell angewandten Diagnosemethoden bestehen des Weiteren darin, dass in der Arbeit mit Kindern diesen durch das Zeichnen eine für sie alltagsbekannte Ausdrucksform angeboten wird und zusätzliche Hürden in der Kommunikation vermieden werden. Auch bei Jugendlichen kann die Methode einfacher Türen zu ihrer individuellen Erlebnis- und Erfahrungswelt mit ihren Akteuren und Handlungsmustern öffnen. Ebenso bei Menschen, die in ihren Verbalisierungsmöglichkeiten eingeschränkt sind, wie Menschen mit Entwicklungsbeeinträchtigungen oder Migrationshintergrund.

Darüber hinaus kann das Produkt Zeichnung auch problemlos in späteren Situationen (der nächsten Sitzung oder der in acht Wochen) wieder hervorgeholt und andere Teile thematisiert werden. Auch ein Damals-heute-Abgleich ist möglich, nicht zuletzt durch das Anfertigen einer neuen Momentaufnahme in einer zweiten Zeichnung.

Auch im Rahmen dieser diagnostischen, auf Support orientierten Arbeit zeigt es sich, dass die Landkarte, die Menschen aufgrund ihrer Vorstellung von ihrer Lebens- und Erlebenswelt anfertigen, um anderen diese von ihnen wahrgenommene oder imaginierte Welt vor Augen zu führen, viel von ihren ganz persönlichen Anschauungen, ihren Wahrnehmungsmustern, ihren individuellen Bewertungen und ihren emotionalen Verknüpfungen mit den dargestellten Objekten verdeutlicht.

Literatur:
• Manuela Lutz, Imbke Behnken, Jürgen Zinnecker: Narrative Landkarten. Ein Verfahren zur Rekonstruktion aktueller und biographisch erinnerter Lebensräume, in Barbara Friebertshäuser, Annelore Prengel (Hrsg): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft, Weinheim und München 2003, S.414ff.
• Ursula Knizia: Die Narrative Landkarte als Diagnoseinstrument. Zugang zur Lebenswelt in Beratung und Therapie von Kindern und Jugendlichen, Wiesbaden: Springer Fachmedien 2015.

Die Autorin Ursula Knizia ist Diplompädagogin, Diplom-Sozialpädagogin und Gestaltberaterin. 2009 gründete sie das Knizia-Institut für lebensweltorientierte Diagnostik in Beratung und Therapie Forschungsschwerpunkt: Sozialraum und Lebenswelt orientierte Diagnostik bei Kindern und Jugendlichen. Sie hat den Text eigens für dieses Kolloquium verfasst. > knizia@knizia-institut.de

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(9) Spielerischer Umgang mit Landkarten / geographischen Vorstellungen

❦  Athanasius Kircher (1602–1680) produziert eines der ersten Kippbilder Landschaft <> Portrait in seiner »Ars magna lucis et umbrae« (Rom 1646):

> http://diglib.hab.de/drucke/94-2-quod-2f/start.htm?image=00915

❦  Der Text in Hermann Brochs Roman »Die Schlafwandler« (Pasenow III) ist – wenn man die germanistische Literaturwissenschaft befragen würde – bestimmt kein bloßes Spiel; aber formal doch sehr ähnlich:

[…] hier lag ein fast unlösbares Problem vor und es nützte nichts, im Antlitz Elisabeths nach der Lösung zu fahnden; im Gesichte selber war das Rätsel gelegen. In ihrem Stuhl zurückgelehnt, blinzelte sie auf die herbstliche Landschaft, und das zurückgeworfene Gesicht […] Joachim folgte der Linie des Halses; hügelartig sprang das Kinn vor und dahinter lag die Landschaft des Gesichtes. Weich lagen die Ränder des Mundkraters, dunkel die Höhle der Nase, geteilt durch eine weiße Säule. Wie ein kleiner Bart sproß der Hain der Augenbrauen und hinter der Lichtung der Stirne, die durch dünne Ackerfurchen geteilt war, war Waldesrand. Joachim […] schloß ein wenig die Augen und schaute durch den Spalt über die Landschaft des hingebreiteten Gesichtes. Da verflog es mit dem Gesicht der Landschaft selber, der Waldessaum der Haare setzte sich fort in dem gelblichen Gelaube des Forstes und die Glaskugeln, die die Rosenstöcke des Vorgartens zierten, glitzerten gemeinsam mit dem Stein, der im Schatten der Wange – ach, war es noch eine Wange – als Ohrgehänge sonst blitzte. Es war erschreckend und beruhigend zugleich und wenn der Blick das Getrennte in so seltsam Einheitliches und nicht mehr Unterscheidbares verschmolz, […].

❦  »Dem Namen Jungfrau [für den Berg im Berner Gebiet] begegnet man zum erstenmal in Thomas Schöpf’s bernischer Chorographie, die zwischen 1565 und 1577 entstanden ist. Er sagt dort: Die Junkfraw ist sehr hoch, mit ewigem Schnee und Eis bedeckt, daher einfach unbesteigbar. Es glauben deswegen die Bewohner, der Name Jungfrau sei dem Berg deshalb beigelegt, weil er unberührt geblieben ist.«  H. Hartmann, Der Name Jungfrau, in: Blätter für bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde, Band 4 (1908), S. 195–200. > http://doi.org/10.5169/seals-177903 —  Thomas Schöpf’'s »Inclytae Bernatum Vrbis cum omni ditionis suae agro et provinciis delineatio choro-graphica« (1577), wurde löblicherweise ins Deutsche übersetzt von Theresa Rothfuß > http://tinyurl.com/y7w9dowz

Hier der entsprechende Ausschnitt aus Schöpfs »delineatio chorographica« (Druck Straßburg 1672) > http://www.e-rara.ch/doi/10.3931/e-rara-14060

 Und hier das Bild, wozu der Bergname dann angeregt hat:

 

Postkarte, abgestempelt am 23. März 1912 (Solche Stücke bekommt man im Online-Shop der Firma Bartko-Reher, Berlin)

❦  Das Schlaraffenland:

Discritione del paese di chucagna > http://www.archimagazine.com/rremondini.htm

Berühmt ist die Karte des Schlaraffenlandes, die Johann Baptist Homann (1694) zugeschrieben wird: Accurata utopiae tabula; das ist der neu-entdeckten Schalck-Welt oder des so offt benannten, und doch nie erkannten Schlaraffenlandes neu-erfundene lächerliche Land-Tabell, worinnen all und jede Laster in besondere Königreich, Provintzien und Herrschafften abgetheilet; beyneben auch die nächst angräntzende Länder der Frommen des zeitlichen Auff u. Unterg. auch ewigen Verderbens Regionen samt einer Erklaerung anmuthig und nutzlich vorgestelt [werden] — Literaturhinweis: Martin Müller, Das Schlaraffen Land. Der Traum von Faulheit und Müssiggang. Eine Text-Bild-Dokumentation, Wien: Brandstätter 1984.

❦  Das Titelkupfer des (fälschlich Abraham a Santa Clara zugeschriebenen) Buchs zeigt einen Globus, der von Chronos aufgesprengt wird und aus dem Narren herausquellen; die Kontinente sind mit den Namen der Erbsünden angeschrieben: Superbiae R[egnum] Avaritiæ R., Luxuriæ Regnum, Gulæ Regnum, Iræ R., Invidiæ R., Aecediæ R.

Centi-Folium stultorum in Quarto. Oder Hundert Ausbündige Narren in Folio. neu aufgewärmet und in einer Alapatrit-Pasteten zum Schau-Essen, mit hundert schönen Kupffer-Stichen, zur ehrlichen Ergötzung, und nutzlichen Zeit-Vertreibung, sowohl frölich- als melancholischen Gemüthern aufgesezt, auch mit einer delicaten Brühe vieler artigen Historien, lustiger Fablen, kurtzweiliger Discursen, und erbaulicher Sitten-Lehren angerichtet, Wien, Lehmann o.J. (1724)

Das Bild ist angeregt vom Frontispiz eines thematischen Vorgängers: [Albert Joseph Conlin, Pseudonym: Albert Joseph Loncin von Gominn]): Der christliche Welt-Weise Beweinet die Thorheit der neu-entdeckten Narrn-Welt, Theil 1; Augsburg: Walder 1706.

 ❦ Berühmt ist die Karikatur von James Gillray (1757–1815) »The Plumb-pudding in danger, or, State Epicures taking un Petit Souper« (1805), die die ›Teilung‹ der Mächte auf der Erde wörtlich nimmt: Napoleon und der Britische Prime Minister William Pitt zerschneiden den Globus:

> https://de.wikipedia.org/wiki/James_Gillray#/media/File:Caricature_gillray_plumpudding.jpg

 

❦  Die berühmte U Tube Map von Harry Beck wurde verschiedentlich ›umfunktioniert‹, zum Beispiel  > https://futuremaps.com/blog/the-tube-map {August 2017}

 

❦  Gartenarchitekten haben immer wieder Phantasie-Landschaften entworfen.

Batty Langley (1696–1751), New principles of gardening, or, The laying out and planting parterres, groves, wildernesses, labyrinths, avenues, parks, &c. […], London: Printed for A. Bettesworth and J. Batley [and 4 others], 1728. > http://www.biodiversitylibrary.org/item/113617#page/1/mode/1up

 

❦  Viele Spiele werden als Reise auf einer phantatischen Landkarte gespielt.

Die Direct Mail Company AG in Basel hat zwecks Anwerbung von Zustellern ihrer Produkte im Juni 2017 ein Spiel verschickt (Gestaltung und Entwicklung: GiZGRAPHICS): Vier Zusteller\innen starten mit dem vollen Wagen mit Prospekten auf dem Weg durch eine phantastische Stadt, wo ihnen allerhand hinderliche (es regenet; ein Briefkasten vergessen) und förderliche (Energieschub) Dinge passieren, bis sie wieder zuhause sind:

(Foto: P.M.)

Literaturhinweis: Ernst Strouhal, Die Welt im Spiel. Atlas der spielbaren Landkarten, Wien: Brandstätter Verlag 2015.

Bei verschiedenen Computerspielen sind Karten wichtig, z.B. bei »World of Warcraft«.

> http://wow.4fansites.de/karten.php

> https://wow.gamepedia.com/Maps

 

❦  Bei François Rabelais (ca.1494 – 1553) hat die Überblendung von geographischen und anthropomorphen Elementen mehr als nur einen spaßig-spielerischen Effekt; das groteske Durcheinanderwirbeln von Kategorien soll die bestehenden, mono-aspektigen Kategorien der Weltdeutung auflockern. — Hier zwei Beispiele (in der Übersetzung von Gottlob Regis 1832):

»Pantagruel« (1532).  32. Kapitel.
Wie Pantagruel mit seiner Zung ein ganzes Kriegsherr deckt’, und was der Author in dessen Mund sah.

Die Armee des Riesen Pantagruel wird von einem Regenschauer überrascht; Pantagruel möchte den Männern ein Dach geben; dazu streckt er seine Zunge halb aus dem Mund. Nur der Erzähler [Alcofrybas Nasier] findet keinen Platz mehr darunter und wandert auf der Zunge, bis er in den Mund des Riesen gelangt.

Ich spaziert darinn umher, wie in Sanct Sophien zu Konstantinopel, und sah da mächtige Felsenblöck, groß wie die Berg in Dänemark: ich glaub 's sind seine Zähn gewesen. […]
Von dannen schlug ich mich ins Gebirg, welches seine Backzähn waren, und triebs so lang bis ich auf einen zu stehen kam: da fand ich euch die allerbesten Ort der Welt;
[…]
Stieg alsdann an den hintersten Zähnen nach den unteren Lefzen hinunter; aber in einem tiefen Wald unweit der Ohren en passant ward ich von Räubern ausgezogen
[…].

Farbholzschnitt von André Derain (1880–1954), Éditions Skira, Genève 1943.

3.Buch (1546), 28. Kapitel.
»Ich seh, das Haar wird dir schon grau auf deinem Kopf; dein Bart schaut aus wie eine Weltkart, nach den Flecken des Grauen, Weissen, Schwarzen und Braunen. Schau, hie ist Asien, hie Euphrat und Tigris, da Afrika, dort die Mondsgebirg. Siehst du die Nil-Sümpf? Hie hüben Europa. Siehst du wohl Thelem? Dieß ganz schneeweisse Büschel hie, das sind die hyperboräischen Berg. Bey meiner Kehl, Freund! wann der Schnee erst auf den Bergen liegt, ich mein auf Haupt und Kinn, dann ist die Hitz im Hosenthal auch nicht mehr groß.«

Literaturhinweis: Erich Auerbach, Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur, Bern: 1946; darin Kapitel XI: »Die Welt in Pantagruels Mund«.

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(10) Phantasiekarten zur Erläuterung von Kenntnissen, die es mit geograph. Raum zu tun haben


❦  Erläuterung der Feldmesskunst

[Vorwort von Petrus Gallandius, Pierre Galland] De agrorum conditionibus, et constitutionibus limitum.[…] Omnia figuris illustrata, Paris: A. Turnebe, 1554. > http://www.e-rara.ch/zut/wihibe/content/pageview/840984

❦   Goethe schreibt in seinem Brief vom 3. April 1807 an Alexander von Humboldt, er habe auf der Basis von dessen Reisebericht eine Landschaft phantasirt, wo nach einer an der Seite aufgetragenen Scala von 4000 Toisen die Höhen der europäischen und americanischen Berge gegen einander gestellt sind, so wie auch die Schneelinien und Vegetationshöhen bezeichnet sind. Das Bild der zwecks Größenvergleich ›phantastisch‹ nebeneinander gestellten Berge verbreitet sich sogleich; hier eine spätere Variante:

Bilderbuch für Kinder enthaltend eine angenehme Sammlung von Thieren, Pflanzen, Blumen, Früchten, Mineralien, Trachten und allerhand andern unterrichtenden Gegenständen aus dem Reiche der Natur, der Künste und Wissenschaften; […] verfasst von F. J. Bertuch, Band 10 (1821), Tafel CCLXI. Die Höhen der alten und neuen Welt. – Die Berge sind in den Randspalten angeschrieben; die Vermessung geschieht in Toisen. Der Fleck am Himmel ist Gay Lussac’s Luftballon.

Vgl. hierzu: Margrit Wyder, Höhen der alten und neuen Welt – Goethes Beitrag zum Genre der vergleichenden Höhendarstellung; in: Cartographica Helvetica 39 (2009), S.11–26.

❦  Erläuterung der geographischen Semantik (A)

Duden Bildwörterbuch, 5. Auflage, Mannheim 2000, s.v. Landkarte II, 1–114: Die Kartenzeichen einer Karte – 1 der Nadelwald — 2 die Lichtung — 3 das Forsthaus — 33 der Funkturm — 39 der Drahtzaun — 48 die Steinmole — 64 die weit sichtbare Kirche — 92 das Denkmal — 93 das Schlachtfeld — 108 der Obstgarten — 113 die Starkstromleitung — 114 die Hopfenanpflanzung

❦  Erläuterung der geographischen Semantik (B)

Das ›Berg-Ungetüm‹, aus typischen Bergbezeichungen ›zusammengesehen‹: 1.Kopf – 2.Horn – 3.Grat (Hörner-Reihe) – 4.Rücken – 5.Nase – 6. Zunge – 7.Zahn – 8 Fuß – 9.Schlund, Rachen, Kehle.

Paul Zinsli [1906–2001], Grund und Grat. Der Formaufbau der Bergwelt in den Sprachbegriffen der schweizerdeutschen Alpenmundarten, Bern: Francke [1945], S. 216ff.  

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(11) Phantasiekarten zur Rekonstruktion von Räumen, die nicht sichtbar sind / die es nicht mehr gibt

 
❦  Eberhard Happel referiert in seinem wöchentlich erscheinenden populärwissenschaftlichen Magazin die Ansicht vom unterirdischen grossen Welt-Feuer, die er dem »Mundus Subterraneus« von Athanasius Kircher (1602–1680), Amsterdam 1664, Band I, Buch 4, Kap. 3 entnimmt.

Das unterirdische Feuer ist in grosse Behälter eingetheilet und seine mannigfaltige Gänge durch die Erd-Kugel hin/ biß zum äusersten Rand derselben. […] Es wird […] angeblasen von denen unterirrdischen Winden. Dahero nun kompt es/ daß Vesuvius/ Aetna/ und viel andere Berge offmahl grosse Flammen/ Stein/ Asche und anderes in grosser Menge auswerffen. Die einzelnen Feuerherde (Behälter) stellt er sich durch Gänge miteinander verbunden vor, die gelegentlich verschlossen werden, so dass ein anderer Vulkan ausbricht.

A. Kircher ist zwar einmal in den Krater des Aetna gestiegen, aber er muss dann doch den Querschnitt durch die Erdkugel phantastisch imaginieren; er und dann vereinfacht Happel visualisieren so:

E. G. Happelii Gröste Denkwürdigkeiten der Welt Oder so genannte Relationes Curiosæ. Worinnen dargestellet/ und Nach dem Probier-Stein der Vernunfft examiniret werden/ die vornehmsten Physicalis. Mathematis. Historische und andere Merckwürdige Seltzamkeiten/ Welche an unserm sichtbahren Himmel/ in und unter der Erden/ und im Meer jemahlen zu finden oder zu sehen gewesen/ und sich begeben haben. Der Erste Theil. Einem jeden curieusen Liebhaber zu gut auffgesetzet/ in Druck verfertiget/ und mit vielen Figuren und Abrissen erläutert, Hamburg: Wiering 1683, S. 124ff.

 

❦ Oswald Heer (1809–1883) war (u.a.) ein Hauptbegründer der Pflanzengeographie und hervorragender Kenner der fossilen Pflanzenwelt. Das vergleichende Studium der fossilen und rezenten Pflanzen Europas, Nordamerikas und der atlantischen Inseln brachte Heer auf die Idee, dass es in geologischer Zeit eine Landverbindung zwischen Europa und Amerika gegeben haben muss. Diesen untergegangenen Kontinent nennte Heer in Anlehnung an Plato ›Atlantis‹.

Dadurch werde klar, warum die tertiäre europäische Flora einen vorwaltend amerikanischen Charakter besitzt und eine Zahl von Baumarten enthält, welche nur mit Mühe von solchen zu unterscheiden sind, die jetzt noch die amerikanischen Wälder zieren; es wird uns aber zugleich verständlich, wie es gekommen, dass auch die jetzige Flora der atlantischen Inseln nahe Beziehungen zu unserer tertiären Flora zeigt.

Heer rekonstruiert diesen Kontinent zeichnerisch:

Flora tertiaria Helvetiae. Die tertiäre Flora der Schweiz, bearbeitet von Oswald Heer, Winterthur: Verlag der Lithographischen Anstalt von J. Wurster & Compagnie, 1855–1859; 3. Band 1859; Tafel 156, Figur 9
> http://doi.org/10.3931/e-rara-10496

Literaturhinweis: Urs Leu, Oswald Heer: Paläobotaniker und Kritiker Darwins, in: Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich (2009) 154(3/4): 83–95.

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(13) Unkorrekte Landkarten mit politischer Funktion

Landkarten dienen auch der Identifikationspräsentation einer politischen Entität aufgrund der effektiv oder wünschenswert beherrschten Gebiete.

Sie können manipuliert werden: Massiv durch eigenmächtige Grenzziehung auf dem Papier, Einfärbung von Gebieten als ›im Grunde genommen‹ zum eigenen Territorium gehörig, durch Ausradieren (der GröFaZ hatte dies in der Rede vom 4.9.1940 auch wörtlich verstanden) von Gebieten durch die Bezeichnung als »angeschlossen« oder »geraubt«; etwas subtiler durch Veränderung der Ortsnamen (deutsch statt tschechisch oder polnisch auf Karten im 3.Reich).

❦  Theodore Newman Kaufman (1910–1986) brachte 1941 ein Broschüre heraus mit dem »Titel Germany must perish!«, in der er – bei einem Sieg der Alliierten – anhand einer selbstgezeichneten Landkarte eine Aufteilung Deutschlands unter seinen Nachbarstaaten vorschlug. (Die U.S.A. traten am 11.12.1941 in den Krieg ein.)



Quelle und Hinweise: >  https://en.wikipedia.org/wiki/Germany_Must_Perish!  > https://de.wikipedia.org/wiki/Kaufman-Plan

❦  Die Überlagerung einer Karte mit Gebieten von bekannten Dimensionen mit den Gebieten unbekannter Dimension lässt deren Größe abschätzen. Im folgenden Beispiel kann das so gedeutet werden: Es wird entweder insinuiert (a) Wie großartig ist ein so kleines Land, das so riesige Gebiete regiert. – Oder (b) Wie klein ist doch dieses Land, das so große Länder unter kolonialer Herrschaft hält.

Schweizer Lexikon in sieben Bänden [hg. Gustav Keckeis u.a.] Encyclios-Verlag Zürich 1945–1948. – Der Lexikontext besagt: Vom einstigen großen Kolonialreich, nam[entlich] in Südamerika u. Asien, verblieben P. ansehnl. Reste; so in Afrika die Kapverdischen Inseln, Guinea, […] Angola, Mozambique; […].

Henrique Galvão (1895–1970) zeichnete 1934 zuerst eine solche Karte > https://digital.library.cornell.edu/catalog/ss:3293846

Spezialliteratur: 

Mark S. Monmonier, How to lie with maps, The University of Chicago Press 1991; 2nd  ed. 1996.

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Links zu Websites

• Die bemerkenswerte Karte. Eine Initiative der Deutschen Gesellschaft für Kartographie e. V. > http://bk.dgfk.net/

• Cornell University Library: Persuasive Maps   

• http://www.literaturatlas.eu

• Kartographie des Unbekannten (Uni Trier) https://www.uni-trier.de/index.php?id=36218

• Ausstellung der Zentrabibliothek Zürich (2010/11): https://www.zb.uzh.ch/ausstellungen/kapitel/006607/

• http://www.mittelalter-server.de/Mittelalter-Karten/Das-Mittelalter_ma_karten.html

• http://www.cartographic-images.net/Cartographic_Images/Cartographic_Images.html

• http://www.maphistory.info/sitemap.html

• Der Antiquar Rod Barron (Kent, GB) hat hier etwa 300 solcher Karten online gestellt > http://www.barronmaps.com/product-type/imaginary-maps/

• http://www.historytoday.com/archive/themes/cartography

• Literatur-Landkarten: http://barbara-piatti.ch/literaturkarten/

• The home of the home of Batman: Gotham City > http://batmangothamcity.net/gotham-city-map-archive/

• https://en.wikipedia.org/wiki/Paracosm

 

 


Publikationen

• Daniel Maher, Du pays de Tendre au Royaume de Coquetterie. Utopie, dystopie et géographie sentimentale au XVIIe siècle > http://fis.ucalgary.ca/Maher/557/CartedeTendreRdC.html

• Giuliana Bruno, Atlas of Emotion: Journeys in Art, Architecture, and Film
Studies in modernity and national identity, New York: Verso 2002.

• Jeffrey N. Peters, Mapping Discord: Allegorical Cartography in Early Modern French Writing, Newark: University of Delaware Press 2004.

• Franz Reitinger, Am Kanal. Geopornographie der Vormoderne, in: Christian Reder (Hg.), Kartographisches Denken, Edition Transfer bei Springer Wien / NewYork 2012, S.223–357.

• Stefan Ekman, Here Be Dragons. Exploring Fantasy Maps and Settings, Middletown (Connecticut): Wesleyan University Press 2013.

• Christian Schmid-Cadalbert, Der wilde Wald. Zur Darstellung und Funktion eines Raumes in der mhd. Literatur. in: Gotes unde der werlde hulde = FS H.Rupp, hg. Rüdiger Schnell, Bern/Stuttgart 1989, S. 24–47.

• Umberto Eco, Die Geschichte der legendären Länder und Städte (Storia delle terre e dei luoghi leggendari) München: Hanser 2013. — Thema sind v.a. versunkene Kontinente wie Atlantis, Lemuria und Agartha

• Martin Vargic, Miscellany of Curious Maps, New York, NY: Harper Design 2015.

• Doris Kolesch, Kartographie der Emotionen, in: Helmar Schramm / Ludger Schwarte / Jan Lazardzig (Hgg.), Kunstkammer, Laboratorium, Bühne: Schauplätze des Wissens im 17. Jahrhundert, Berlin: de Gruyter, 2003 (Theatrum scientiarum, Band 1)

• [mehrere Aufsätze zur Räumlichkeit erdachter Welten in:]  Sonja Glauch / Susanne Köbele / Uta Störmer-Caysa (Hgg.), Projektion – Reflexion – Ferne. Räumliche Vorstellungen und Denkfiguren im Mittelalter, Berlin: De Gruyter 2011.

• Christine Heil, Kartierende Auseinandersetzung mit aktueller Kunst. Erfinden und Erforschen von Vermittlungssituationen, München: Kopaed 2006.

• Barbara Piatti, Die Geographie der Literatur. Schauplätze, Handlungsräume, Raumphantasien, Göttingen: Wallstein Verlag 2008.

• Misia Sophia Doms, Erkenntniswege und Übungsgelände. Raumdarstellungen zur Vermittlung praktisch-philosophischen Wissens in Moralischen Wochenschriften der Frühaufklärung, in: Natur – Religion – Medien: Transformationen frühneuzeitlichen Wissens, hg. von Thorsten Burkard u.a., Berlin: Akademie Verlag 2013.

• Beate Schuster, Die moralische Geografie des Pilgerwegs im Kreuzzugsbericht Odos von Deuil, in: Ursula Kundert [et al.] (Hgg.), Ausmessen – Darstellen – Inszenieren. Raumkonzepte und die Wiedergabe von Räumen in Mittelalter und früher Neuzeit, Zürich: Chronos 2007, S. 91–112.

• Elisabeth Vavra (Hg.), Virtuelle Räume: Raumwahrnehmung und Raumvorstellung im Mittelalter. Akten des 10. Symposiums des Mediävistenverbandes, Krems, 24.–26. März 2003, Berlin: Akademie-Verlag 2005.

• Chet Van Duzer / Ilya Dines, Apocalyptic Cartography. Thematic Maps and the End of the World in a Fifteenth-Century Manuscript, Boston: Brill / Hes & De Graaf 2015. — Hier der Link zu der von den beiden Forschern untersuchten Handschrift Huntington Library Manuscript HM 83 > http://dpg.lib.berkeley.edu/webdb/dsheh/heh_brf?Description=&CallNumber=HM+83

• Edward Brooke-Hitching, The phantom atlas : the greatest myths, lies and blunders on maps, London: Simon & Schuster 2016. — Atlas der erfundenen Orte. Die größten Irrtümer und Lügen auf Landkarten, München: dtv 2017.

• Frank Jacobs, Strange maps. An atlas of cartographic curiosities, New York: Viking / London: Turnaround 2009 — Seltsame Karten. Ein Atlas kartographischer Kuriositäten, dt. von Matthias Müller, München: Liebeskind 2012.


Wird ergänzt!