Tetramorph

Zur Beachtung:

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Die gültige (und einzig zitierbare) Version befindet sich im Buch

»Spinnenfuß & Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen«
Schriften zur Symbolforschung, hg. von Paul Michel, Band 16, 472 Seiten mit 291 schwarz-weißen Abbildungen
PANO Verlag, Zürich 2013
ISBN 978-3-290-22021-1

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Einleitung

In der christlichen Kunst ist auf den Buchdeckeln von Evangelienbüchern, an Kanzeln und Lesepulten (wo die Evangelien verkündet werden), in den vier Kappen von Kreuzgewölben, um den als ›Majestas Domini‹ erscheinenden Christus herum, und auch sonstwo eine Gruppe von vier Wesen dargestellt: ein Engel, ein geflügelter Löwe, ein geflügeltes Rind, ein Adler. Oft sind sie als Mischgestalten von Menschen mit den entsprechenden Tierköpfen gebildet und halten ein Buch oder eine Schriftrolle in Händen (oder Pfoten bzw. Klauen). Es gibt auch Darstellungen, wo die Häupter dieser vier Wesen auf einem einzigen Leib sitzen.

 

Elfenbeinkästchen mit der Majestas Domini zwischen den Evangelistensymbolen; 1.Hälfte des 13.Jhs. – Bildnachweis: Musée national du Moyen Âge (Hôtel de Cluny), Paris.http://de.wikipedia.org/wiki/Evangelistensymbole

 

Basler Münster, Galluspforte, (1150/70) (Aufnahme PM)

 

Ecclesia reitet auf auf dem Tetramorph; aus: Herrad von [Landsberg, Äbtissin von] Hohenburg, († ca. 1196), »Hortus deliciarum«, ed. Rosalie Green, M. Evans, C. Bischoff, M. Curschmann, (Studies of the Warburg Institute 36), 2 vols., London / Leiden 1979; Fol. 150r. (Ausschnitt)

Die vier Wesen stehen für die vier Evangelien (von Matthäus, Markus, Luks, Johannes); man sagt etwas ungenau auch, es seien ›Evangelistensymbole‹. Wie kommen sie dazu?

Genealogie

Die Zuordnung der Mischwesen zu den Evangelisten kann man nur verstehen, wenn man verfolgt, aus welchen Voraussetzungen sie entstand.

(1) Ezechiels Vision

Im Jahre 587 vor unserer Zeitrechnung wurde Jerusalem durch die Truppen Nebukadnezars erstürmt und die Oberschicht der Bevölkerung nach Babylonien deportiert. Das war eine politische und noch vielmehr – weil der Kult im Tempel nicht mehr möglich war – eine religiöse Katastrophe. Auch der Priester Jechäsqel (Ezechiel, Hesekiel) befand sich unter den Verbannten. In babylon wird er durch ein göttliche Vision zum Propheten berufen und hält seinem Volk anschließend dessen Verfehlungen vor, weissagt ihm aber auch das künftige Heil. nacheinigen jahren hat Ezechiel eine Vision. Er sieht Gott auf einem von seltsamen Wesen gezogenen Thronwagen:

Ich sah: Ein Sturmwind kam von Norden, eine große Wolke mit flackerndem Feuer, umgeben von einem hellen Schein. Aus dem Feuer strahlte es wie glänzendes Gold. 5 Mitten darin erschien etwas wie vier Lebewesen. Und das war ihre Gestalt: Sie sahen aus wie Menschen. 6 Jedes der Lebewesen hatte vier Gesichter und vier Flügel. 7 Ihre Beine waren gerade und ihre Füße wie die Füße eines Stieres; sie glänzten wie glatte und blinkende Bronze. 8 Unter den Flügeln an ihren vier Seiten hatten sie Menschenhände. Auch Gesichter und Flügel hatten die vier. […] 10 Und ihre Gesichter sahen so aus: Ein Menschengesicht (blickte bei allen vier nach vorn), ein Löwengesicht bei allen vier nach rechts, ein Stiergesicht bei allen vier nach links und ein Adlergesicht bei allen vier (nach hinten). (Ezechiel 1, 4ff.; Einheitsübersetzung)

Die Misch-Wesen erinnern an die Karibu (akkadisch; entsprechend hebräisch Cherubim) aus Mesopotamien.

A winged human-headed lion. (Nimroud) [Calah] aus: Austen Henry Layard, Monuments of Ninive. 100 plates (1849) NYPL Digital Gallery –  http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Der_geflügelte_Löwe_von_Nimrud.jpg

Die Wesen aus der fremden Götterwelt sind bei Ezechiel vor den Thronwagen des Gottes von Israel/Juda gespannt, müssen ihm dienen; ein Ausdruck der Überlegenheit der eigenen Religion. Ezechiel vermag seine Leidensgenossen zu trösten: Gott folgt seinem Volk in die Verbannung, ist also nicht nur im Jerusalemer Tempel gegenwärtig. Unser Gott ist immer bei uns.

Die Vision ist nicht leicht konkret bildnerisch umsetzbar; hier der Holzschnitt aus einem Bibelkommentar der Inkunabelzeit. Im oberen Teil wird versucht, die ganze Vision darzustellen; im untern Teil wird eines der vier Tiereindividuelle gezeigt.

Biblia cum Postillis Nicolai de Lyra et Expositionibus Guillelmi Britonis in omnes prologos S. Hieronymi et additionibus Pauli Burgensis replicisque Matthiae Doering.  Nürnberg: Anton Koberger, 3.XII.1487; Band 3; zu Ezechiel 1.

E-Initiale zum Ezechiel-Kapitel der Winchester Bibel (1160 / 1175)
http://freechristimages.org/biblebooks/Book_of_Ezekiel.htm

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Der Visionär der Apokalypse sieht die Thronwächter des im Himmel thronenden Christus ähnlich wie Ezechiel:

Und in der Mitte, rings um den Thron, waren vier Lebewesen voller Augen, vorn und hinten. Das erste Lebewesen glich einem Löwen, das zweite einem Stier, das dritte sah aus wie ein Mensch, das vierte glich einem fliegenden Adler. Und jedes der vier Lebewesen hatte sechs Flügel, aussen und innen voller Augen. (Apk 4,7f.)

 Was bedeutet das den Christen?

In jeder Schriftreligion, die sich auf altehrwürdige Texte beruft, ergibt sich folgendes Dilemma: Die im Textkorpus (in der Bibel) niedergelegten Texte stammen aus fernen Zeiten, während der Leser sich in einer Epoche befindet, die religionsgeschichtlich weitergeschritten ist, und in der andere lebenspraktische Erfordernisse anstehen. Anderseits hat der heilige Text einen bleibenden normativen ›An-Spruch‹. Es stellt sich immer neu die Aufgabe, das Überkommene behutsam zu aktualisieren. Dabei gilt:

(a) Der Leser will aus dem Text Aufschluss über seine Situation in der Welt, sein Sollen und seine Hoffnungen gewinnen. Er kann diese Auskunft erwarten, denn vom Text gilt als ausgemacht, dass jedes Wort zum Heil der Menschen gesagt ist. (b) Der Leser ist nicht bereit, am Text irgend etwas zu ändern, denn der Text gilt ihm – weil inspiriert – bis in den letzten Buchstaben hinein als sakrosankt.

Es gibt eine Möglichkeit, beide Randbedingungen zu erfüllen: Man nimmt an, der überlieferte Text sei eine Allegorie eines verborgenen Hintersinns. Dieses ›Allegorese‹ genannte Verfahren lässt einerseits den Wortlaut stehen, führt anderseits zu einem zweiten situationsadäquaten Text, von dem gilt, dass im ersten enthalten ist. Für die Christen besteht das Ziel der Auslegung immer in neutestamentlichn Aussagen oder Glaubenswahrheiten.

Die Frage ist nun, was diese merkwürdigen vier-gestaltigen Wsen bedeuten.

(2) Das Problem der vier Evangelien

Ein Problem, das die frühen Christen umtrieb, war die Abgrenzung des Kanons, d.h. das Set derjenigen Texte, die normativen Rang beanspruchen dürfen. Es gab mehrere Texte, die von Jesus berichteten – welches sind die gültigen, welche müssen draussen bleiben (sie heissen dann ›apokryphe‹ Texte)? Es kristallisierte sich heraus: es sind die vier Evangelien von Markus, Matthäus, Lukas, Johannes.

Die vier Evangelien sprechen alle vom Leben, Wirken, Leiden, Tod und Auferstehung von Jesus Christus. Dabei gibt es Übereinstimmungen und Unterschiede. Vor allem mit diesen hat sich die Bibelkunde immer wieder schwer getan.

Wenn man diese Eigenart irgendwie biblisch abstützen könnte, und damit geltend machen, das müsse so sein: vier Evangelien und nur diese! Hier helfen nun die vier Misch-Wesen aus Ezechiels Vision.

Zwei Probleme schaffen einander gegenseitig ab.

Die Lösung erinnert an Sigmund Freuds Satz: »Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die Lösung des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites hinzuzunehmen, etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander als einzeln aufknackt.« (»Traumdeutung«, 1900, Kapitel IV, 3. Alinea).

Lösung: Das viergestaltige Mischwesen bedeutet die vier Evangelien und begründet so deren Einheit in der Vielgestalt.

Jetzt ergibt sich allerdings noch ein Detailproblem: Welcher der vier Evangelisten ist welchem der vier Teile zuzuordnen und aus welchem Grund?

Die Zuordnung der vier Wesen zu den vier Evangelisten

Auch darüber wurde lange nachgedacht. Wir bringen einige Quellen, die zeigen, dass man da gegrübelt hat, weil die Sache nicht so eindeutig ist.

Irenäus

Irenäus (Eirenaios, 2. Jahrhundert) schreibt zur angegebenen Apokalypse-Stelle: Die Evangelien nun passen zu den Wesen, auf denen Christus sitzt. (Es ist der älteste Belg für die Zuordnung.)

Denn das Evangelium nach Johannes betont seine uranfängliche, wirksame und ruhmvolle Geburt aus dem Vater, indem es sagt: »Im Anfange war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Alles ist durch dasselbe gemacht worden, und ohne dasselbe ist nichts gemacht worden« (Joh 1,1–3).

Das Evangelium nach Lukas aber mit dem priesterlichen Charakter beginnt mit dem Priester Zacharias, wie er Gott opfert. [Das Opfertier ist ein Rind.]

Matthäus dann verkündet seine menschliche Geburt mit den Worten: »Buch der Abstammung Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams ... Und mit der Geburt Jesu Christi verhielt es sich folgendermaßen« (Mt 1,1; 18). Dieses Evangelium hat also die menschliche Gestalt, und in seinem ganzen Verlauf ist der sanfte und demütige Mensch beibehalten worden.

Markus aber beginnt mit dem prophetischen Geist, der auf die Menschen von oben herabkam, und sagt: »Anfang des Evangeliums, wie geschrieben steht beim Propheten Isaias« (Mk 1,1–2) und zeigt die fliegende und beflügelte Gestalt des Evangeliums.

Irenäus, Gegen die Häresien (Des heiligen Irenäus ausgewählte Schriften ins Deutsche übersetzt. 1. Bd., übersetzt von E. Klebba, Bibliothek der Kirchenväter Bd. I, 3, München 1912, S. 243f.)

Man erkennt die (etwas wackeligen) Assoziationen von den Tier-Teilen zu den Evangelientexten; die Zuordnung ist noch eine andere, als die, die sich dann durchsetzen wird.

Ambrosius

Ambrosius (340 – 397) bezieht nicht nur die vier Evangelisten auf die vier Tiere, sondern sieht auch das Wesen Jesu durch diese dargestellt. Er schreibt im Vorwort zu seinem Lukaskommentar:

Warum wollten auch jene Autoren, welche die vier apokalyptischen Tiergestalten auf die vier Evangelienschriften beziehen zu sollen glaubten, unsere Schrift durch das Symbol des Kalbes versinnbildet finden; denn das Kalb ist priesterliches Opfertier. Dazu nun stimmt trefflich unsere Evangeliumschrift. Es beginnt mit einer Priesterfamilie und schliesst mit jenem Opferkalb, das die Sünden aller auf sich nehmend für das Leben der ganzen Welt dargebracht ward […].

Gar manche meinen indes, unser Herr selbst werde in den vier Evangelienschriften unter den vier Tiergestalten symbolisch dargestellt, indem er zugleich Mensch, zugleich Löwe, zugleich Kalb, zugleich Adler sei: Mensch, weil er aus Maria geboren ward; Löwe, weil er »der Starke« (Jesaias 9,6) ist; Kalb, weil er Opfer ist; Adler, weil er die Auferstehung ist.* Und zwar gelangen in den einzelnen Schriften die Tiergestalten in der Weise zur typischen Verwendung, dass der Inhalt einer jeden entweder der Natur oder der Kraft der vorstehenden Wesen oder ihrer (typischen) Beziehung zur Gnade oder zum Wunder entspricht. Denn wenn auch dies alles in allen (Evangelien) sich findet, so gelangen die Einzelvorzüge doch nur in je einem derselben zur erschöpfenden Darstellung. […]

Übersetzung von Joh. Ev. Niederhuber, Bibliothek der Kirchenväter Bd. 21, Kempten / München 1915, S.10f.

*) Die Auferstehung des Adlers entnimmt Ambrosius wahrscheinlich dem »Physiologus«: Der alternde Adler fliegt zur Sonne empor, wo er seine Fittiche verbrennt, und taucht dann drei Mal in eine reine Quelle.

Augustinus

Augustinus (354 – 430) schreibt in einer Auslegung des Johannesevangeliums:

Von denen, die vor uns die Geheimnisse der Heiligen Schriften behandelten, haben die meisten dieses Wesen oder vielmehr diese Wesen als die vier Evangelisten aufgefasst. […] Dass jedoch durch das Kalb [den Stier] Lukas bezeichnet werde weil es das grösste Opfer des Priesters darstellt, das wurde von niemandem bezweifelt. Hier beginnt nämlich die Rede des Erzählers mit dem Priester Zacharias; […].

Augustinus, In Evangelium Ioannis tractatus, tr. 36, cap. 8 (= PL 35,1665/6)

Hieronymus

Bei Hieronymus (um 350 – 420) werden die Tier-Teile den Evangelisten anders zugeordnet. Es ist die Korrelation, die sich dann durchs Mittelalter bis heute hält. Er schreibt im Prolog zum Matthäus-Kommentar :

Das erste Gesicht eines Menschen bezeichnet Matthäus, der quasi sein Schreiben über den Menschen angehoben hat: »Das Buch des Stammbaums Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams« (Mt 1,1). Das zweite [Gesicht bezeichnet] Markus, bei dem die Stimme des brüllenden Löwen* in der Wüste gehört wird: »Eine Stimme ruft in der Wüste, bereitet dem Herrn den Weg, ebnet seine Pfade« (Mk 1,3). Das dritte [Gesicht] eines Kalbes, welches darstellt, dass der Evangelist Lukas sein Evangelium mit dem Priester Zacharias begonnen hat. Das vierte [bezeichnet] den Evangelisten Johannes, der, nachdem er Flügel eines Adlers angenommen hat und Höherem entgegeneilt, das Wort Gottes erörtert.

Hieronymus, PL 26, 19B/C

*) Woher Hieronymus weiss, dass dieses Gebrüll von einem Löwen stammt, ist unklar. 

Richard von Sankt Viktor

Bringen wir zum Schluss noch einen Autor aus dem Mittelalter. Richard von St. Viktor († 1173) bezieht die vier Bestandteile wiederum auf die Wesenszüge des Heilands. Er schreibt in seinem Apokalypse-Kommentar:

Da also von den heiligen Evangelisten am Anfang seines Evangeliums der eine von der Auferstehung des Erretters, der andere von der Passion, der dritte von der Fleischwerdung und der vierte von der Göttlichkeit handelt, wird von den heiligen Lebewesen, die diese Evangelisten bildhaft darstellen, zu Recht das eine dem Löwen ähnlich, das andere dem Kalb ähnlich, das dritte mit einem menschenähnlichen Gesicht und das vierte einem fliegenden Adler ähnlich beschrieben. […] Sie [die Evangelisten] haben das heilbringende Löwengesicht des Salvators, indem sie die Auferstehung verkündigen*, ein Kalbsgesicht, indem sie seine Passion verkündigen; ein Menschengesicht, indem sie seine Menschheit [Menschnatur] verkündigen; ein Adlergesicht, indem sie seine Göttlichkeit verkündigen.

Richard von St. Viktor, In Apocalypsim, II (= PL 196,750)

*)  Die Löwe gebiert nach dem »Physiologus« zunächst tote Junge, die der Löwenvater am dritten Tage durch Anhauchen auferweckt.

 

Literaturhinweise (nebst den üblichen ikonographischen Lexika):

Wilhelm Neuss, Das Buch Ezechiel in Theologie und Kunst bis zum Ende des 12. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der Typologie der christlichen Kunst. Münster/Westf.: Aschendorff 1912.

Joseph Sauer, Symbolik des Kirchengebäudes und seiner Ausstattung in der Auffassung des Mittelalters [1902], 2. Auflage Freiburg/Br.: Herder 1924; S. 62–64 und 410–412.

Ruth Affolter, Von den vier Wesen in den Visionen bei Ezechiel und in der Johannes-Apokalypse zu den Evangelistensymbolen, in: Symbole im Dienste der Darstellung von Identität, hg. P. Michel, (Schriften zur Symbolforschung 12), Bern 2000, S. 109–122.