Die vielen Brüste der Natur

Artemis / Diana von Ephesos – die Vielbrüstige

 

Es gibt antike Statuen der Artemis von Ephesos, die – nebst vielen anderen symbolträchtigen Elementen – mit einem merkwürdigen Dekor ausgestattet ist: »In Brusthöhe hängen mehrere bogige Reihen ellipsoider Gebilde.« (H.Böhme, S.367)

Die sog. ›Schöne Artemis‹, 1956 in Ephesos (heute Selçuk) ausgegraben: > https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/30/Artemis_of_Ephesus.jpg  

Die hier präsentierte kleine Sammlung konzentriert sich nicht auf die antik-mythologischen Konzepte und archäologischen Funde, sondern ist der Symbolik der ›vielbrüstigen‹ Diana / Artemis / … seit der Renaissance gewidmet, die für Gott / die Natur / das Laster / die Kunst / die Revolution in Anspruch genommen wurde.

Nicht im Zentrum des Interesses steht, worum es sich bei dieser Dekoration ursprünglich gehandelt haben mag.

Es sei nachdrücklich auf die unten zitierte Forschungsliteratur verweisen, wo noch mehr Denkmäler verzeichnet und beschrieben werden. Hervorzuheben ist besonders die Arbeit von Andrea Goesch (1996).

 

1508/1511 taucht die vielbrüstige Diana das erste Mal in der nachantiken Kunst – unvermittelt – auf: Raffael malt zwei solche Statuen neben der Personifikation der Philosophie in der Stanza della Segnatura:

Eine Übersicht der ganzen Anlage hat Hans Zimmermann erstellt > http://12koerbe.de/pan/stanza.htm

Wann wurden Statuen der Diana Ephesia entdeckt? Man muss sich vergegenwärtigen, dass erst Ende des 15. Jahrhunderts in Rom die Statue des Apoll von Belvedere gefunden wurde, die Laokoongruppe 1506. Bilder auf Münzen und Gemmen (vgl. Thiersch, Tafeln XLVII – LI; Fleischer, Tafeln  51–57) werden zuerst bekannt gewesen sein.

 

> http://www.livius.org/articles/religion/artemis-of-ephesus

Mythologie

Wie stark mythisch (und kommerziell!) aufgeladen der Kult um die Artemis von Ephesos war, erfährt man aus Apostelgeschichte 19,23ff.

Artemis, Diana und Isis wurden immer wieder parallelisiert. Der Synkretismus wird gut fassbar in der Passage im elften Buch des »Goldenen Esels« von Apuleius (gest. um 170 u.Z.). Zuerst (XI,3) wird die Erscheinung des göttlichen Wesens geschildert, das dem Lucius erscheint, dann spricht es selbst:

En adsum tuis commota, Luci, precibus, rerum naturae parens, elementorum omnium domina, saeculorum progenies initialis, summa numinum, regina manium,  ...

»Sieh mich an, Lucius! Von deinem Gebet gerufen bin ich da, die Mutter der Natur, Herrin aller Elemente, Keimzelle der Geschlechter, Geisterfürstin, Totenkönigin, Himmelsherrin, Inbegriff der Götter und Göttinnen. Des Firmaments Lichtkuppel, des Meeres Heilbrise, der Hölle Jammerstille gehorchen meinem Wink; ein Wesen bin ich, doch in vielen Gestalten, wechselnden Bräuchen, mancherlei Namen betet mich der ganze Erdkreis an. Dort bei den alten Phrygern bin ich die Göttermutter von Pessinus – dann folgen: Pallas – Venus – Diana – Proserpina – Ceres – Juno – Bellona – Hekate – Rhamnusia – doch die Ägypter verehren mich mit den eigentlichen Bräuchen und heißen mich mit meinem echten Namen Königin Isis.« (Metamorphosen XI,5; Übersetzung von E.Brandt / W. Ehlers, Tusculum. vgl. auch > http://www.jnanam.net/golden-ass/ga-11.html)

In literarischen Quellen wird zwar seit dem Mittelalter die Personifikaton der Natur gelegentlich mit einer milchspendenden Frau allegorisiert (vgl. Kemp), die Vielbrüstigkeit degegen kommt gerade ein Mal in der heidnischen Spätantike vor, sodann in zwei polemischen Texten von christlichen Autoren. Die Idee gelangt durch ein schmales Nadelöhr in die Neuzeit,  wenn nicht ein spontanes fruchtbares Missverständnis vorliegt.

Macrobius (gest. nach 430) fügt im ersten Buch der »Saturnalien« eine mythologische Abhandlung ein, die beweisen soll, dass viele Götter des antiken Pantheon (Apollo, Liber, Mars, merkur, Aesculap, Herkules, Salus, Sarapis, Adonis, Attis, Osiris, Horus, Nemesis, Pan, Saturn, Jupiter) Ausprägungen desselben Gottes seien: der Sonne, der Urheberin von Allem. Mit dem Sarapiskult ist der Isiskult verbunden, und hier taucht der Gedanke auf:

Isis iuncta religione celebratur, quae est vel terra vel natura rerum subiacens soli. Hinc est quod continuatis uberibus corpus deae omne densetur, quia vel terrae vel rerum naturae altu nutritur universitas. (Sat. I,xx,18) > http://penelope.uchicago.edu/Thayer/L/Roman/Texts/Macrobius/Saturnalia/1...

Isis ist entweder die Erde oder die Natur, die ihren Ort unter der Sonne hat. Davon kommt es auch, dass der ganze Körper der Göttin mit Brüsten bedeckt ist, weil alle Wesen von der Erde oder der Natur ernährt werden.

Die erste Ausgabe von Macrobius erschien 1472 bei Nicolaus Jenson in Venedig, und noch im 15. Jh. gibt es fünf weitere Ausgaben. 

> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00056149/image_320

> https://de.wikipedia.org/wiki/Macrobius_Ambrosius_Theodosius

M. Minucius Felix, »Octavius« (frühes 3.Jh.), XXII,5: Der christliche Dialogpartner gibt zu bedenken, dass die heidnischen Gottheiten schmähliche Spottgeburten sind:

Vulcanus ist ein lahmer und gebrechlicher Gott, Apollo ist trotz seiner vielen Jahre bartlos, […] Juno hat Augen von einem Rind. Merkur hat geflügelte Füße, Pan Klauenfüße, Saturn gefesselte Füße. Janus gar hat zwei Stirnen, als ob er auch rückwärts gehen könnte. Diana ist bisweilen die hoch aufgeschürzte Jägerin; die von Ephesus mit vielen Brüsten und Zitzen ausgestattet, ... (übersetzt von Dr. Alfons Müller, BKV 1. Reihe, Band 14, München 1913 > https://www.unifr.ch/bkv/kapitel393-21.htm

Diana interim est alte succincta venatrix, et Ephesia mammis multis, et uberibus* exstructa …  (Text aus der zweisprachigen Ausgabe von Bernhard Kytzler, München: Kösel 1965. *Der Codex P aus dem 9.Jh. schreibt veribus; die Konjektur uberibus vom Herausgeber F.Ursinus 1583)

Die erste gedruckte Ausgabe des Texts erschien 1543 in Rom.

Hieronymus (347–420) Kommentar zum Epheserbrief, Prolog (Migne PL 26,441):

Scribebat [Paulus] ad Ephesios Dianam colentes non hanc venatricem, quae arcum tenet, atque succincta est, sed illam multimammiam quam Graeci πολύμαστον vocant, ut scilicet ex ipsa quoque effigie, mentirentur omnium eam bestiarum et viventium esse nutricem.

Er [Paulus] schrieb an die Epheser, welche die Diana verehrten, nicht jene Jägerin, die einen Bogen trägt und aufgeschürzt ist, sondern jene vielbrüstige, die die Griechen polymastos nennen, wie man auch an dem Bild [???] sieht; sie faselten, dass die Göttin die Ernährerin aller Tiere und Lebewesen sei. 

Erst 1497/98 erscheint in Venedig eine Edition von Bibelkommentaren des Hieronymus; 1515/16 publiziert Erasmus bei Johannes Froben in Basel die erste Gesamtausgabe der Werke von Hieronymus. 

Eine ähnliche polemische Stelle findet sich bei Arnobius, Adversus nationes VI, 25; aber hier heißt es nur, Ceres habe strotzende Brüste: Ceres mammis cum grandibus > https://www.unifr.ch/bkv/kapitel5166-24.htm

Denkbar ist, dass die Gelehrten der Renaissance in Rom in den Bibliotheken auf diese Stellen gestoßen sind.

Eine Durchsicht der Wörterbücher und der Mythologen des 16. Jhs. (z.B. Boccaccio, »Genealogie Deorum gentilium«, Drucke seit 1472 – Natalis Comes, »Mythologiæ«, EA Venedig 1551, III,18) ergab keine weiteren Funde.

Archäologie

Bilder von Statuen der vielbrüstigen Artemis/Diana von Ephesus findet man im World Wide Web (auf Pinterest usw.) zuhauf. Stattdessen eine Abbildung aus einem späten mythologischen Lexikon:

A. L. Millin's Mythologische Gallerie. Eine Sammlung von mehr als 750 antiken Denkmälern, Statuen, geschnittenen Steinen, Münzen und Gemälden, zur Erläuterung der Mythologie, der Symbolik und Kunstgeschichte der Alten. Sorgfältig übersetzt und mit den 190 Original-Kupferblättern der französischen Ausgabe begleitet, Berlin: Nicolai 1820ff. – 2. Auflage 1836; aus Tafel XXX: Statue der Diana von Ephesus, Mus. Pio Clement., I,32. nebst vier Münzen. Aus der Legende zu Nr. 108: Unter dem Brustschild folgen zwei Fruchtgehänge: das obere besteht aus verschiedenen Früchten, das untere aus Eicheln, der ersten Nahrung der Menschen; unter diesen sieht man viele Brüste, als Zeichen der allernährenden Natur.

••• Ein ausführliche, bebilderte Studie zum Thema hat (wohl in den 1630er Jahren) verfasst Claudius Menetreius, Symbolica Dianae Ephesiae Statua a Claudio Menetreio, Ceimeliothecæ Barberinæ præfecto exposita, Romae Typis Mascardi, MDCLVII > http://gdz.sub.uni-goettingen.de/dms/load/img/?PID=PPN657578703

Die Arbeit erschien postum* 1657. 

*) In der Widmung des Herausgebers (Federicus Ubaldinus) steht: C. Menetreius eum [sc. libellum] reliquit posthumum ingenij sui partum. Er war gemäß Titel Vorsteher der Zimelien-Sammlung von Kardinal Francesco Barberini (1597–1679). Thiersch nennt als Sterbedatum 1639. – Autor ist nicht (Claude-)François Ménestrier S.J. (1631–1705): »Non confundendus cum Claudio Menetreio Soc. Jes. qui obiit Paris. 1705.«

Es fragt sich, ob Athanasius Kircher S.J. im »Oedipvs Aegyptiacvs« bereits in einer Manuskriptfassung davon profitiert hat: Athanasii Kircheri ... Oedipvs Aegyptiacvs, Hoc Est Vniuersalis Hieroglyphicae Veterum Doctrinae temporum iniuria abolitae Instavratio, Roma: Mascardus 1652–54  (Digitalisat des ersten Bandes > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kircher1652bd1)

Menetrius versucht alle Symbolträger der Statue an antike Texte anzubinden und ihre Bedeutung zu erkunden:  die turmartige Blumenkrone, den Schleier, die sie begleitenden Hirsche, die Löwen, den Krebs, die Kränzchen und Palmblätter, die Blumengirlande, die Eicheln, die Brüste, die Sphingen und Drachen, die Stiere, die Bienen und den Honig, die Rosen, die Wollbinden.

S.32–35 steht das Kapitel Mammæ nvtritionis sive alimentorum symbola. Unter den zitierten Stellen befinden sich Macrobius, Minucius Felix, Hieronymus, Arnobius und andere. Zentral ist der Gedanke, dass die Ägypter mit den vielen Brüsten, die sie der Natur zuschrieben, andeuten wollten, dass sie nicht nur die Menschen, sondern auch viele Tiere und Pflanzen ernährt: Per innumeras mammas Naturae adscriptas infinitum non hominum solummodo, verum etiam animantium, nec non vegetabilium numerum quae insimul alit, adumbrare haud dubie voluerunt. (S.34)

Menetreius bringt eine Reihe von antiken Texten, welche die Natur als All-Ernährerin (terra omniparens) als Thema haben. Dabei überbordet seine Gelehrsamkeit zuweilen etwas, und er zitiert Stellen, wo die Vielbrüstigkeit selbst nicht zur Sprache kommt. Wenn er beispielsweise Lukrez (rer. nat. IV, 1168f.) zitiert, dann vernachlässigt er den Kontext. Lukrez beschreibt hier das geblendete Urteil Verliebter, die ihre Angebeteten zurecht-sehen: hat sie üppige Brüste [was offenbar als nicht hübsch galt] – ist sie eine [zweite] Ceres. Menetreius kennt die Lesart at gemina & mammosa Ceres est ipsa (andere Laa.: at nimia et mammosa; at tumida et mammosa).

••• Bernard de Montfaucon (1655–1741) hat eine ausführliche Dokumentation der in den Museen und Wunderkammern Europas aufbewahrten antiken Bilddenkmäler zusammengestellt:  L’antiquité expliquée et représentée en figures / Antiquitas explenatiore et schematibus illustrata, Paris, 1722 > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/montfaucon1722  – Zehn Abbildungen der Diana auf den Tafeln XCIII – XCIV – XCV.

Davon gibt es eine kürzende deutsche Zusammenfassung von Johann Jacob Schatz:

Griechische und Römische Alterthümer / welche der berühmte P. Montfaucon ehemals samt den dazu gehörigen Supplementen in zehen Bänden in Folio, an das Licht gestellet hat ... Auszugsweise ... in Deutscher Sprache herausgegeben von M. Johann Jacob Schatzen ..., Nürnberg Georg Lichtensteger 1757.

Montfaucon / Schatz 1757 Seite 49f. beschreibt auch die diversen auf den Statuen angebrachten Artefakte und Tiere; er hält die Deutungen aber für ein dunkeles Rätzel. Zu den Brüsten schreibt er: Es stimmen aber die meisten Gelehrten darinn überein, daß under diesen mancherley Bildern die Natur, oder die Welt selbsten, samt der Zeugungskraft, und die Mutter aller Dinge vorgestellet werde. Daß aber dieses nicht eine bloße Muthmassung sey, kan man aus der Auffschrift der beyden Statuen Fig .9 und 10 ziemlich gewis erkennen. Unter der erstern lieset man die Worte φύσις παναίολος πάντων μήτηρ [Inschrift auf der Statue: ΦΥCIC ΠANAIOΛOS ΠANT MHT] d.i. die mannigfaltige Natur aller Dinge Mutter […]. Alles was man mit einiger Gewißheit davon sagen kan, kömmt darauf hinaus, daß man dieses für bekannt annehme, es habe diese Diana deswegen so viele Brüste, weil sie für die Natur und Erhalterin aller Dinge gehalten worden; davon man des Claudius Menetreius Buch von der Diana zu Ephesus, welches 1657 zu Rom heraus gekommen ist, mit mehrerem nachlesen kan.

Ikonologie

Seit der Renaissance erscheinen Werke zu Allegorien und Personifikationen, die bildenden Künstlern und Dichtern als Vorlage dienten und Betrachtern/Lesern als Schlüssel zum Verständnis.

••• Pierio Valeriano (1477–1558) hat ein Symbol-Lexikon verfasst: »Hieroglyphica« (Erstausabe 1556); hier findet man – seltsamerweise im Kapitel über die Fledermäuse – einen Hinweis, leider ohne Quellenangabe und ohne Bild:

Quod vero ad mammas pertinet, Graeci hanc alendi felicitatem indicaturi, Dianae simulacrum mammosum effingebant, cujusmodi illud fuit quod Ephesi tamdiu tanto concursu visitatum, eamque Latini ea de causa multimammiam appellarunt, cujus exempli multa hodie Romae vetusta signa conspiciuntur. 

Hieroglyphica sive de sacris Aegyptiorum literis commentarii, Ioannis Pierii Valeriani Bolzanii Bellunensis, Basel: Michael Isengrin 1556, Liber XXV, De verspertilione [!] Fol. 179d

••• 1571 erschien die erste bebilderte Ausgabe von Vincenzo Cartari, »Le imagini de i dei de gli antichi«.

Im ersten Bild ist die Ewigkeit das Thema; die Person rechts am Eingang einer spelonca immensa stellt die ewige Natura dar:

[Vincenzo Cartari], Le Imagini De I Dei De Gli Antichi, Nelle Quali Si Contengono gl'Idoli, Riti, ceremonie, & altre cose appartenenti alla Religione de gli Antichi, Venetia: Ziletti 1571. >
http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN688589863

Die Vorstellung gründet auf Verse von Claudius Claudianus, der die Ewigkeit als eine sich in den Schwanz beißende Schlange darstellt, die sich in einer Höhle aufhält. Dazu gesellen sich weitere Gestalten, darunter Natura. Cartari übersetzt so:

Alla porta con faccia riuerenda:
   E d’anni piena sta l’alma Natura,
   Come custode, che fedele attenda
   Chi vien’e va, con diligente cura,
   D’intorno volan l’anime, …

Sandrart (1680; vgl. unten) bringt kein Bild dazu; er zitiert den lateinischen Text und übersetzt:

vestibuli custos vultu longaeva decoro
ante fores Natura sedet, cunctisque volantes
dependent membris animae.

(Claudius Claudianus, De Consulatu Stilichonis, Liber II, V. 463ff.)

Es hütet die Natur und sitzt vor dieser Höhlen/
An allen Gliedern hangt der Hauffe leichter Seelen.

In der Seconda Novissima Editione, Padua 1626, erscheint dann im Kapitel über Diana dieses Bild mit dem Text Imagine della Dea Natura tutta piena di poppe, per monstrare, che l’vniverso piglia nutrimento della virtù occulta della medesima:

> http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cartari1626 – Seite 103

Im begleitenden Text stehen Hinweise auf (materielle) Bildnisse und Münzen: Et intendo, che vn così fatto simulacro fù già trovato in Roma al tempo di Papa Leone X. [1475–1521] & vedesi questa medesima figura con tante poppe in vna medaglia antica die Adriano. 

Joachim von Sandrart (1606–1688) übersetzt das Werk von Cartari und stattet es mit eigenen Kupfern aus. Auf Platte D, num 5. ist die Natura/ eine Göttin aller natürlichen Dingen zu sehen/ und am gantzen Ober-Leibe rings umher mit vielen Brüsten begabet/ weil sie aller Dinge rechte und warhaffte Nährmutter ist. Sie ist also nach einer guten Antichen Statue von Marmel gebildet und abgesehen worden. (Kurtze Erklärung der Figuren, Fol. dij).

Iconologia Deorum, Oder Abbildung der Götter : welche von den Alten verehret worden; Aus den Welt-berühmtesten Antichen der Griechischen und Römischen Statuen, auch in Marmel, Porsido-Stein, Metall, Agat, Onyx, Sardonich und andren Edelsteinen befindlichen Bildereyen, sorgfältig abgesehen, Samt dero eigentlicher Beschreibung, und Erklärung der Heidnischen Tempel-Ceremonien, Auch Vorbildung der Thiere und anderer Sachen, die auf Hieroglyphische und Emblematische Art, nach Weise der Egyptischen Schrifften, schicklich können vorgebracht und auf einen gewissen Verstand gerichtet werden […] Durch Joachim von Sandrart auf Stockau ....  Nürnberg, Gedruckt durch Christian Siegmund Froberger, in Verlegung des Authoris, Leipzig bey Christoff Riegel von Nürnberg zu finden, 1680. > Vgl. http://www.sandrart.net/

Auf dem Titel zum Zweyten Theil (1675) zeigt er Diana mit den beiden Hirschen und allem Drum und Dran > https://books.google.ch/books?id=s3xlAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_

••• Philippe Galle (1537–1612) schreibt etwa um 1600 im Nachwort an die Leser, die in seinem Buch gezeigten Personifikationen mit ihren Attributen seien fort neccessaires à tous peintres, engraueures, entailleurs, orfeuures, statuaries & mesmes aux Poëtes rimeures & rhetoriciens vulgaires …

Das erste Bild ist die Natura:

Prosopographia, sive, Virtvtvm, animi, corporis, bonorvm externorvm, vitiorvm, et affectvvm variorvm delineatio/ imaginibvs accvrate expressa a Philippo Gallaeo, et monochromate ab eodem edita; distichis à Cornelio Kiliano Dufflaeo illustrata, Antuerpiae: Gallaeus [ca. 1600/1610]
> https://archive.org/details/prosopographiasi00gall

Ubera distenta, et fax ignea, avis, ligo, aqualis
Naturae illustrant divitis effigiem.

Die Bedeutung der vier Attribute wird in der französischen Übersetzung klar:

Les mammelles tendues, le flambeau ardent, l’oiseau, le vaisseua à l’eau, & la houe (figures des quatre elements) sont les enseignes de la nature.

••• Seltsamerweise bringt Cesare Ripa in seiner Iconologia Overo Descrittione Di Diverse Imagini cavate dall'antichità, & di propria inuentione, Roma 1603 (= erste bebilderte Ausgabe >  http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ripa1603) kein entsprechendes Bild. Er schreibt zu NATVRA : Donna ignuda, con le mammelle cariche di latte et con un avoltore in mano – er erwähnt eine Medaglia d’Adriano Imperatore und führt dann aus: L’attivo si nota con le mammelle piene di latte perche la forma è che nudrisce et sostenta tutte le cose create, come con le mammelle la donna nutrisce et sostenta li fanciulli. (p. 351)

••• Romeyn de Hooghe (1645–1708) publiziert 1735 sein Buch »Hieroglyphica of Merkbeelden der oude volkeren«. Auf den 63 Kupfertafeln zeigt er jeweils verschiedene Götter in einer Art Wimmelbild.

Im XXV Capitel wird bei A nebst elf weiteren griechischen Göttern die Diana von Ephesus gezeigt und ausführlich beschrieben. Unter anderem heißt es S. 197: Sie hat so viel Brüste, daß sie davon den Namen der Vielbrüstigen, (bey den Laterinern Multimammia) geführet hat, weil alle Fruchtbarkeit von ihr kömmt, und die Erde die allgemeine Mutter und Säugamme aller Dinge ist.

Hieroglyphica, oder Denkbilder der alten Völker, namentlich der Aegyptier, Chaldäer, Phönizier, Jüden, Griechen, Römer, u.s.w. Nebst einem umständlichen Berichte von dem Verfalle und der eingeschlichenen Verderbniß in den Gottesdiensten, durch verschiedene Jahrhunderte, und endlich die Glaubensverbesserung, bis auf diese Zeit fortgesetzt, in LXIII Capiteln, und so viel Kupfertafeln beschrieben und vorgestellet durch Romeyn de Hooghe, Rechtsgelehrten. Uebersehen und besorgt von Arnold Heinrich Westerhovius, V. D. M. Gymnas. Goud. Rector. Ihrer Schönheit wegen ins Hochdeutsche übersetzt, und mit einer Vorrede des Herrn D. Siegmund Jacob Baumgartens, Professors der Gottesgelahrheit zu Halle, begleitet. Amsterdam, Arkstee und Merkus 1744. > http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN497825848 

 

Allegorische Indienstnahmen und Emblematik

Theologie und Moral

••• Jean Jacques Boissard (1528–1602) fügt (1588) der Vorstellung der Natur einen Gedanken hinzu: Sie verhüllt sich dem menschlichen Geist, solange bis er das irdische Gefängnis verlässt. 

Velo latet abdita
Sie [die Natur] verbirgt die Geheimnisse mit einem Tuch

 

Iani Iacobi Boissardi Vesuntini Emblematum liber = Emblemes latins de I.I. Boissard, Metis [Metz]: Excvdebat Abrahamus Faber 1588 > https://archive.org/stream/vesuntiniemblema00bois#page/18/mode/2up

Naturam antiqui velo obnupsere, negantes
   Quem quam huius solidâ cognitione frui.
Quae dabitur postquam terrestres spiritus artus
   Linquet; & a caeco carcere liber erit.

The ancients obscured Nature with a veil, denying anyone to enjoy it/her with complete understanding, which will be given after the spirit leaves our earthly limbs and is free of its blind prison. (Übersetzung aus > http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/french/emblem.php?id=FBOa005)

(Das Tuch ist auf dem Bild freilich nur angedeutet, und die beiden die Natur betrachtenden Gestalten sehen noch sehr lebendig aus.)

••• Dieselbe Symbolik betont Jean-Baptiste Boudard (1766): Sa tête couverte d’un voile signifie, selon l’opinion des Egyptiens, que les plus parfaits secrets de la nature sont réservés au Créateur.

Iconologie tirée de divers auteurs. Ouvrage utile aux gens de lettres, aux poëtes, aux artistes, & généralement à tous les amateurs des beaux-arts. Par J.B. Boudard, Vienne, Jean-Thomas de Trattnern 1766. > https://archive.org/details/iconologietire00boud (Tome premier)

••• Maerten van Heemskerck (1498–1574) zeigt die prototypische Frau (Femina) (neben dem blinden Amor) in einer Sänfte, die getragen wird von Natura und Voluptas:

Stich von Philips Galle (1537–1612) > Digitalisat des Fine Arts Museums of San Francisco(sorry, I found some little mistakes in your description: Voluptius > Voluptas; Poemina > Foemina [normal latin: Femina])

••• 1592 erinnert Jean Mercier (1545–1600) mit der Göttin daran, woher wir alles Gute bekommen:

Io. Mercerii I.C. Emblemata. [Bourges: Nicolas Levez 1592] > https://archive.org/details/iomerceriiicembl00merce

Quo plures nutriat. Cælitus omne bonum. —  Wodurch er/sie die vielen ernährt. Vom Himmel alles Gute.

••• 1607 erschienen »Horatii Flacci emblemata«. Zunächst wurden lateinische Sentenzen vor allem des Horaz mit Kupferstichen des Otto van Veen (1556–1629) verbunden. Eine zweite Auflage beim selben Verleger Jerome Verdussen fügte dann holländische und französische Verse bei.

Q. Horati Flacci emblemata. Imaginibus in æs incisis, notisque illustrata, studio Othonis Væni, Batauolugdunensis. Antverpiæ ex officina Hieronymi Verdussen 1607 – Digitalisat: https://archive.org/stream/qhoratiflacciemb00veen#page/n5/mode/2up

Philipp von Zesen hat die Verse und die Erklärungen früherer Ausgaben (Marin Leroy de Gomberville) ins Deutsche übersetzt; die Stiche wurden (seitenverkehrt) reproduziert in:

Moralia Horatiana: Das ist Die Horatzische Sitten-Lehre / Aus der Ernst-sittigen Geselschaft der alten Weise-meister gezogen / und mit 113 in kupfer gestochenen Sinn-bildern / und ebenso viel erklärungen und anden anmärkungen vorsgestellt: Itzund aber mit neuen reim-bänden gezieret / und in reiner Hochdeutscher sprache zu lichte gebracht durch Filip von Zesen, Amsterdam: Kornelis de Bruyn 1656. Digitalisat: https://archive.org/stream/moraliahoratiana00hora#page/n3/mode/2up

Moderner Abdruck: Ph. v. Zesen, Sämtliche Werke, Band 14: Ethische Schriften, bearb. von Ferdinand van Ingen (Ausgaben deutscher Literatur des XV. bis XVIII. Jahrhunderts), de Gruyter 1997.

I, 1 Das erste Emblem ist dem Lemma gewidmet: Naturam Minervam perficit. Was die Natur angefangen/ vollendet die Zucht.

 

Natura gibt den Educandus / die Educanda (?) in die Hände der Minerva. Dazu werden einige Zeilen aus Horaz, Oden IV,4 zitiert, u.a.:

Doctrina nam vim promovet institam,
Rectique cultus pectora roborat
[heutige Leart roborant]

(Moderne Übersetzung: Die Belehrung fördert die angeborenen Gaben, und die Pflege der Tugend festigt das Herz.)

I, 11 Natura moderatrix optima – Die Natur beherschet unsre begierden.

Eine der Horaz-Stellen, die beigezogen wird, ist:

Nonne cupidinibus statuit natura modum, quem
Quid latura sibi, quid fit dolitura negatum,
Quaerere plus prodest, et inane abscindere soldo?
[…]

Ist es nicht viel nützlicher, danach zu fragen, welches Maß die Natur den Begierden setzt, welche Entbehrungen sie zu tragen gewillt ist, welche ihr Schmerz bereiten, und überhaupt zwischen hohlem Dunst und Wesentlichem scharf zu unterscheiden? (Horaz, Satiren und Episteln, lateinisch und deutsch von Otto Schönberger, Berlin: Akademie-Verlag 1976; 2.Aufl. 1991; Satire I,2, Verse 111ff.)

Dabei wird der Kontext der Stelle ausgeblendet, den Ch. M. Wieland folgendermaßen beschrieb: Der Hauptzweck des Dichters ist, den vornehmen Römern seiner Zeit, welche von Liebeshändeln mit verheurateten Frauen Profession machten, einleuchtend zu machen, daß es Unsinn sei, eine Befriedigung des Bedürfnisses oder der Sinnlichkeit, die man anderswo wohlfeiler und besser haben könne, […] mit unzählichen Beschwerden, Unannehmlichkeiten und Nachteilen zu erkaufen, […]. Womöglich hat van Veen (oder wer immer die Texte zusammengestellt hat), die Stelle bereits in einer Anthologie <mehr> ohne diesen Kontext gefunden. 

Das Bild zeigt, wie die sinnlich dargestellte, vielbrüstige (Personifikation der) Natura den kleinen mit den Waffen von Cupido ausgerüsteten Putti Waagen austeilt, Sinnbilder des ›Maßhaltens‹.

Das Epigramm bei van Veen / von Zesen lautet:

Die wohllust wohnt in dier/ nicht in der schönheit zierde.
Natur hat keine Schuld; sie giebt zwar die begierde/
doch mit gewicht und maß
[Waage!]. wer mehr tuht/ als was sie wil/
der findt in seiner lust noch wind/ noch wetter still.

Die Erklährung der elften Bild- und Lehr-tafel richtet sich (durchaus im Sinne von Horaz) gegen den Rigorismus der Stoiker:

[…] Wier müssen nicht ewig in furcht stehen / und uns druch erneuerung der angst unsers gewissens und immerwährende mishofnung selbst abnagen und verzehren. Es ist mehr als wahr/ daß dem Weisen viel zugelaßen; und daß die Natur/ als die oberste stathalterin dieser versehung [Begabung]/ welche allen dingen ihr gewicht/ zahl und maß [Sapientia 11,21] gegeben/ ihm in sein hertz ein verborgenes gesetze und heimliche richtschnur eingegraben/ vermittelst solcher er müglich nicht irren kan. […]

 

••• Auf dem Titel des moraltheologischen Traktrats von  Leonhardus Lessius (Lenaert Leys S.J., 1554–1623) »De Iustitia et Iure«, Erstausgabe 1605, den Rubens gezeichnet und Cornelis Galle gestochen hat, erscheint (seit der Auflage von 1616) die Diana möglicherweise als Abundantia (mit dem Füllhorn, cornucopia):  “Personifications of Wise Government and Abundance; Justice seated at top centre in between a lion and scales; below the title are a satyr and a blindfolded man” (so der Kommentar der Seite im British Museum: http://tinyurl.com/zy2u758)


De iustitia et iure ceterisque virtutibus cardinalibus libri quatuor […].  Auctore Leonardo Lessio e Societate Iesu, Antuerpiae: ex officina Plantiniana Balthasaris Moreti 1632. > Scan der Biblioteca Fondazione Mansutti

Poesie und Malerei

••• In seiner Impresen-Theorie und -Sammlung von 1634 möchte Silvester Petra Sancta S.J. (1590–1647) Vim et Naturam (häufige Paarformel, etwa: Gehalt und Bedeutung) der Sinnbilder erläutern. Vielleicht stehen auf dem von Rubens gezeichneten Titelblatt Hermes/Mercur für ›vis‹ und die Diana wie üblich für ›natura‹. Reicht ihm die geflügelte ›Psyche‹ Stifte und Pinsel?

De symbolis heroicis, libri IX. Auctore Silvestro Petrasancta, Romano, è Soc. Iesu. Antuerpiae, Ex officina Plantiniana Balthasaris Moreti M.DC.XXXIV. > https://archive.org/details/desymbolisheroic00pietr

••• Joachim von Sandrart (1606–1688) zeigt die Artemis mit allen Attributen zwischen den Hirschen auf dem Frontispiz eines seiner Bände des kunsttheoretischen Werks »Teutsche Academie«. Die Beischrift vereinigt zwei Aspekte: den physikotheologischen (Gott aus den Werken der Natur erkennen) als auch den künstlerischen (wer der Natur folgt, ist ein Künstler):

Schau dieses Bild, das die Natur dir zeiget:
die Alles hier, als Mutter, zeügt und seuget,
und die des höchsten Schöpfers Tochter ist.
Lern ihn, aus seinen großen Wercken kennen.
Folg der Natur: wan die begierig bist,
das man dich mög auch einen Künstler nennen.

Der Teutschen Academie Zweyter Theil/ Von der alt- und neu-berühmten Egyptischen/ Griechischen/ Römischen/ Italiänischen/ Hoch- und NiederTeutschen Bau- Bild- und Mahlerey- Künstlere Lob und Leben, Nürnberg/ Gedruckt bey Johann-Philipp Miltenberger/ Im Jahr Christi 1675.

> http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/sandrart_academie0102_1675

> http://diglib.hab.de/drucke/ed000025-1b-2s/start.htm

> http://ta.sandrart.net/de/structure/1

••• Die Gedichte des Johann von Besser (1654–1729; erste Auflage 1711) werden auf dem Frontispiz seiner Ausgabe von der Poesie (mit Lorbeerkranz in der Mitte der drei Personifikationen) dem König Friedrich I. von Preußen überreicht. Die Poesie ist flankiert vom Guten Geschmack (im Vordergrund; vgl. den Bienenkorb, den er unterm Arm trägt; er tritt auf einen Esels- und einen Schweinskopf als Zeichen der groben Unwissenheit) und der Natur.

Das Bild macht eine poetologische Aussage: Nachdem Opitz die deutsche Dichtkunst groß gemacht habe, sei sie wegen des Schulschmucks und des falschen Witzes, Schminke und Tand (gemeint sind die Dichter der Schlesischen Schule und des galanten Stils) verkommen; jetzt müssen Geschmack und Natürlichkeit wieder zur guten Poesie zurückführen; wozu Besser seine eigenen Schriften zählt.

 

Des Herrn von Besser Schrifften, Beydes In gebundener und ungebundener Rede; Erster Theil. Ausser des Verfassers eigenen Verbesserungen, mit vielen seiner noch nie gedruckten Stücke und neuen Kupfern ... ausgefertiget von Johann Ulrich König, Leipzig: Gleditsch 1732.https://books.google.ch/books?id=XVJZAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_...

Zur Natur sagt die Erklärung zum Kupffer-Titel-Blat*: Die Natur wird vorgestellet  als eine frische, gesunde junge Frau von ansehnlicher Gestalt. Man mahlet sie mit vielen Brüsten, als eine allgemeine Säugamme, die durch ihre unerschöpffliche und allen Creaturen gesunde Nahrung und wohlgeschmackte reine Mutter-Milch alles erquicket und erhält. […]

*) Signiert: AWernerin Pictrix Regia, Delin. a Dresden. (Anna Maria Werner, geb. Haidn, 1689–1753, von Gottsched zur zehnten Muse erkürt)

 

••• Ebenfalls mit Bezug auf die Kunst braucht das Bild der Natura William Hogarth (1697–1764) mit seinem kleinen Bild »Boys peeping at nature«. Es wurde 1731 als Quittung für den Erwerb der subskribierten Drucke von »A Harlot’s Progress« (Die Karriere einer Prostituierten) gedruckt und 1737 dann nochmals verwendet.

Knaben begucken die Natur: Zwei Putten zeigen das konventionell-akademische Verhältnis zur Natur: eine zeichnet einfach ab, eine andere zeichnet ohne aufzublicken. Eine dritte versucht einen Satyr daran zu hindern, der Natura unter den Rock zu schauen. Aber gerade mit diesem Satyr identifiziert sich Hogarth: Es geht ihm darum, dass die Darstellung der neuen, erschreckenden Inhalte neue, und zwar realistische Techniken verlangt. – Ob die Vielbrüstige auch einen Bezug zur Hauptfigur der Kupferstiche (a harlot) hat?

(Vgl. die Fassung von 1737 im British Museum, Registration number 1857,0509.16 > http://tinyurl.com/jv3l6wn)

Die Inschriften erläutern dies:

Antiquam exquirite Matrem. Vir.: — Macht euch auf die Suche nach der alten Mutter der Vorzeit. (Vergil, Aeneis III,96)

                                     <Si forte> necesse est
indiciis monstrare recentibus abdita rerum, <et
fingere cinctutis non exaudita Cethegis
continget> dabiturque licentia sumpta pudenter. Hor.

Wenn es zufälligerweise nötig ist, mit frischen Worten Verborgenes zu beschreiben und etwas zu erfinden, was die nur mit einem Schurz bekleideten Cetheger nicht kennen, soll es dir gelingen und erlaubt werden, wenn du die Erlaubnis mit Zartgefühl nutzt. (Horaz, Ars Poetica, 48–51)

••• Auch Johann Caspar Füssli (1706–1782) verwendet das Motiv auf dem Titel einer Publikation. Der Putto mit Palette und Skizze umarmt die Natura (Stich von Johann Rudolph Schellenberg, 1740–1806):

Joh. Caspar Füeßlins Geschichte der besten Künstler in der Schweitz. Nebst ihren Bildnissen, Zweyter Band, Zürich, bey Orell, Geßner und Comp. 1769.

••• Auch Daniel Chodowiecki (1726–1801) stellt sich in diese Tradition, wenn er sein Exlibris so zeichnet:

> https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9d/Chodowiecki_Ex_Libris.jpg 

Seltsam, dass die bildenden Künstler, die sich einem (oft satirischen) Realismus verschrieben haben, als ›Logo‹ gerade eine Allegorie mit einem unrealistischen Bedeutungsträger verwenden...

Die Personifikation der Natur in naturkundlichen Werken

••• Lodovico Moscardo (1611–1681) hat 1656 seine Wunderkammer beschrieben und als Buch publiziert. Sie enthielt nebst Funden von antiken Plastiken und Münzen auch Mumien, Muscheln, Schildkrötenpanzer, Präparate von Krokodilen und Fischen, Geweihe und Hörner, Samen seltener Pflanzen. Das Titelblatt zegit drei Personifikationen, von lins nach rechts: Vetustas – Natura – Ars:

Note overo memorie del museo di Lodovico Moscardo nobile veronese, academico filarmonico, dal medesimo descritte, et in tre libri distinte. Nel primo si discorre delle cose antiche, le quali in detto museo si trouano. Nel secondo delle pietre, minerali, e terre. Nel terzo de corali, conchiglie, animali, frutti, & altre cose in quello contenute. In Padoa, Per Paolo Frambotto 1656. > http://arachne.uni-koeln.de/Tei-Viewer/cgi-bin/teiviewer.php?manifest=BO...

Die Personifikationen sind angeschrieben mit:

Vetustas quae prodidit colenda sunt – Was das Alter(tum) hervorgebracht hat, soll man pfleglich behandeln.

Natura omnibus doctrinis imperat – Die Natur herrscht über alle Lehrgebiete (den Satz aus Menander hat er wohl aus der »Polyanthea« von Mirabelli 1512 [und öfters] bezogen).

Ars in meditatione constitit – Die Kunst besteht im konzentrierten Nachdenken.

Im ersten Buch, Cap. IX bildet er eine Isis-Staue ab und zitiert dazu eine lateinische Teil-Übersetzung des zehnten Orphischen Hymnus (An die Natur):

Sapientissima, omnium datrix, nutrix, ubique regina.
Incrementum nutriens, beata, maturorum vero dissolutrix.
Omnium quidem tu pater, mater, nutrix et alumna.
statim generans, beata, semine abundans, maturitatis motus.

Vgl. die Übersetzung von Johann Peter Hebel > http://hausen.pcom.de/jphebel/gedichte/hymne_an_natur.htm

••• Der Apotheker Nicaise Le Febvre (1610–1669) polemisiert im Vorwort seines Buches 1660 gegen die Kollegen, die die Natur nicht kennen, während er selbst die Prinzipien, aus welchen die natürlichen Dinge bestehen, erforsche. Das Titelbild mag das Programm illustrieren:

Nicaise Le Febvre, Traité de la chymie, A Paris chez Th. Jolly. 1660  > http://polib.univ-lille3.fr/?q=fr/B590092101_000000085.133

Deutsche Übersetzung (mit anderem Titel): Chymischer Handleiter, Nürnbetg 1676.

••• Der Vielschreiber Erasmus Francisci (1627–1694) kompilierte 1676 ein Buch zur Naturkunde: »Das eröffnete Lust-Haus Der Ober- und Nieder-Welt«. Der erste Discurs handelt Von der Natur aller Dinge/ und derselben Fürbildung. Es werden verschiedene Auffassung zur Sprache gebracht, unter anderem die: Vielleicht haben die alten Heiden mit ihren Pan/ Jsis/ und Cybele/ auf diesen allgemeinen Welt-Geist/ gezielet. Die egyptische Göttin wird (besonders S.30ff.) ausführlich vorgestellt:

Das eröffnete Lust-Haus Der Ober- und Nieder-Welt; Bey Mehrmaliger Unterredung/ Vor dißmal so wol/ Von der Natur/ Welt/ Himmel/ und dem Gestirn/ insgemein/ Als auch insonderheit von dem Mond/ der Sonnen/ und allen übrigen wandelbaren Sternen; Imgleichen von den Haar-Sternen/ oder Kometen/ wie auch gestirnten Einflüssen/ Stuffen-Jahren/ Talismannen/ der vermeinten Krafft-Bildern/ Würck- und Vorverkündigungen/ aus dem Gestirn/ aus den Komet-Sternen/ und Geburts-Zeichen. Allen Natur- Kunst- und Tugend-liebenden Augen zu beliebiger Ergetzung/ angewiesen/ Durch Erasmum Francisci. Nürnberg: Endter 1676. > http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/francisci_lusthaus_1676

Einige Ausschnitte aus dem umfänglichen Text (bei dem es sich wohl um Übersetzungen aus Ménestrier oder Athanasius Kircher handelt): Das grosse Götzen-Bild streckt beyde Hände von sich/ oder reichet sie gleichsam mild-reich dar: als wolte es dadurch seine milde Gutthätigkeit zu mercken geben. Auf jedwedem Arm/ sitzen ein paar Leuen/ an dem unterm Theil der Brust; wie auch um den Bauch herum viel Säug-Brüste und Zitzen. Die Hüffte und Beine stecken in einem Kegel-förmigem Gefässe: welches dreyfach scheinet/ also/ daß/ aus dem unterstem schmalesten/ ein andres weiteres herfürgehet; und aus diesem zweytem/ das dritte und aller grösseste/ so bis an besagte Zitzen rührt. […] Und hieraus fliest der Uberfluß aller Sachen/ welchen die drey Reihen oder Zeilen der gefüllten Milch-Brüste gar artlich fürbilden: Denn die grosse Mutter Jsis erquickt/ nähret/ und belebt alles: ihre Mildigkeit/ welche durch die ausgestreckte Hände bemercket wird/ ertheilet den nideren Theilen der Welt alle nothdürfftige Lebens-Mittel mit. 

 

••• Gerard Blaes (ca. 1626–1682) hat ein umfangreiches Buch zur Anatomie der Tiere geschrieben. Auf dem Frontispiz entschleiert die Scientia (?) die Natur; im Vordergrund schneidet ein Putto ein Tier auf, und ein Kind seziert Weichteile:

Gerardi Blasii Amstelraedamensis, ... Anatome animalium, terrestrium variorum, volatilium, aquatilium, serpentum, insectorum, ovorumque, structuram naturalem ex veterum, recentiorum, propriisque observationibus proponens, figuris variis illustrata, Amstelodami: Sumptibus viduae Joannis à Someren, Henrici & viduae Theodori Boom 1681. > http://hdl.handle.net/2027/ucm.532384822x?urlappend=%3Bseq=9  oder > https://books.google.ch/books?id=-PE051sG_PIC&hl=de&source=gbs_navlinks_...

Zum Motiv des Schleiers: Menetrius (1657; p. 20) erwähnt eine Verschleierung der Diana, die er mit der Mond- und Geburtsgöttin Lucina parallelisiert, bei Pausanias: Die Statue der Göttin sei a vertice ad calcem velatum (Pausanias, Beschreibung Griechenlands VII, xxiii, 5): Die Aigeer haben ein altes Heiligtum der Eileithyia [Göttin der Geburt], und Eileithyia ist vom Kopf bis zu den Füßen mit einem dünnen Gewand bekleidet.

••• Möglicherweise bezieht sich der Titel im 1696 erschienenen Buch über die  Wünschelrute von Pierre Le Lorrain de Vallemont (1649–1721) auf das Kapitel IV.: Nous connoissons assez la nature des corpuscules, pour nous en servir à expliquer les phénomènes de la baguette divinatoire.

 

Pierre Le Lorrain de Vallemont, La physique occulte ou traité de la baguette divinatoire. Augmenté en cette édition, d'un traité de la connoissance des causes magnétiques des cures sympathiques, des transplantations & comment agissent les philtres, Paris: chez Jean Boudot 1696.http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-10520

••• Auf dem Titelblatt der »Epistolae« (Ausgabe 1719) des durch seine naturwissenschaftlichen Mikroskop-Studien berühmten Anton van Leeuwenhoek (1632–1723) erscheint die Natura – entschleiert wird sie hier dezent unterhalb der Statue:

Antonii a Leeuwenhoek, Epistolae physiologicae super compluribus naturae arcanis, ubi variorum animalium atque plantarum fabrica, conformatio, proprietates atque operationes, novis & hactenus inobservatis experimentis illustrantur & oculis exhibentur […] cum figuris aeneis, et indice locupletissime, Delphis: apud Adrianum Beman 1719. > http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-40803

••• Rösel von Rosenhof (1705–1759) ist für seine exakten Zeichnungen nach der Natur berühmt. Die Statue der Diana von Ephesus zwischen den mythologischen Hirschen, und dieses Ensemble zwischen der Wahrheit (nackt mit Sonnenlicht) und der Personifikation der Geometrie (für Präzision in der Wissenschaft?); im Vordergund fangen Kinder Insekten im Bach. Auf dem Sockel steht ein Zitat aus Plinius (nat. hist. XI, i, 4) rerum natura nusquam magis quam in minimis tota est – [im Kontext:] Deshalb bitte ich die Leser, weil sie vieles [von den Insekten] verachten, dass sie nicht auch ihre Beschreibung mit Abneigung verdammen, da bei der Betrachtung der Natur nichts als überflüssig angesehen werden kann.

August Johann Rösel von Rosenhof, Der monatlich herausgegebenen Insecten-Belustigung. Erster bis vierter Theil. Nebst einer Vorrede, in welcher von dem Nutzen derer Insecten gehandelt, was sie seyen gezeiget, und von der Eintheilung derselben Nachricht gegeben wird. (4 Bde.), Nürnberg: J.J. Fleischmann, 1746–1761.

••• Julius Bernhard von Rohr (1688–1742) hat Bücher über allerlei Themen publiziert, so auch eine populäre Naturwissenschaft; die Kenntnisse sind aus der Literatur gezogen, stammen nicht aus eigener Anschauung. Auf dem Titelkupfer der postumen Ausgabe scheint im die Natur zuzurufen, welche Bücher er aus dem Gestell nehmen und exzerpieren soll:

Julius Bernhard von Rohr, Physikalische Bibliothek, worinnen die vornehmsten Schriften, die zur Naturlehre gehören, angezeiget werden/ mit vielen Zusätzen und Verbesserungen herausgegeben von Abraham Gotthelf Kästner, Leipzig: bey Johann Wendlern 1754. > http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-37253 

••• Martin Frobenius Ledermüller (1719–1769) (> Biographie) ist berühmt für seine mikroskopischen Untersuchungen. Im Vorwort wird das Titelkupfer erklärt, das die unter der allesregierenden Vorsicht auf der Erdkugel sitzende Natur vorstellet, welcher der Elephant wie der Schmetterling oder das Grosse wie das Kleine zu machen, gleich viel ist. Die neben ihr stehende Zeichenkunst entschleyert sie immer mehr und mehr, um sie kennbar zu machen. […] Die Büsten am Portal sind die von drey berühmten Naturforscher, welche mit denen Vergrösserungsgläsern die vortreflichsten Beobachtungen angestellt haben, Leeuwenhoeck, Lieberkühn und Schwammerdamm. Auf den Stufen stehen Mikroskope.

Martin Frobenius Ledermüller, Mikroskopische Gemüths- und Augen-Ergötzung, Erstes Funfzig: Mit Farben nach der Natur erleuchtet und in Kupfer gebracht von Georg Paul Nußbiegeln, Nürnberg: Christian de Launoy 1760 [–1762].http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/7395594

••• Die Statue der Diana von Ephesus zwischen den mythologischen Hirschen im Paradies mitten unter den Tieren – als würde es sich um eine Illustration der Genesis in der Bibel handeln – auf einem Titelbild des Systems von Carl von Linné (1707–1778). Natura nimmt hier die Position von JHWH ein, der sonst hier abgebildet ist; und anstelle von Adam sitzt der Naturwissenschaftler, der die Wunder der Natur in ein Buch schreibt.

Caroli Linnaei... Systema naturae per regna tria naturae secundum classes, ordines, genera, species, cum characteribus, differentiis, synonymi, Halae Magdeburgicae: Typis et sumtibus Io. Iac. Curt. Tomus I, 1760. >
http://www.biodiversitylibrary.org/item/31224#page/5/mode/1up

••• Johann Jacob Ebert (1737–1805) schreibt eine Naturlehre für die Jugend (erste Auflage 1775). Der Titel der Ausgabe Eberts Naturlehre, Erster Band, Troppau: Joseph Georg Traßler 1785 sieht so aus:

••• Alexander von Humboldt (1769–1859) hat für das Goethe zugeeignete Exemplar seiner »Ideen zu einer Geographie der Pflanzen« (1807) von Bertel Thorvaldsen eine Vignette zeichnen lassen: Apoll (mit der Lyra; gemeint ist der Dichter) enthüllt die Natura (gemeint ist: mit dessen »Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären« von 1790; vgl. die Inschrift auf dem Stein vor der Staute). Die Enthüllungs-Metaphorik erinnert an das Emblem von Boissard und an das Titelbild von G. Blaes (oben):

> http://www.hin-online.de/index.php/hin/article/view/220/409

Details zu Humboldt / Goehte bei H. Böhme (2006), S. 384–394.

••• Rätselhaft bleibt zunächst, warum Andreas Jungenickel (?–1654) sein Buch über Mechanik mit dem Bild der Natura ziert, die mechanische Werkzeuge (Messlatte, Zirkel und Winkelmaß) in der Hand hält:

 

Andreas Jungenickel, Schlüssel zur Mechanica, das ist: Gründliche Beschreibung der Vier Hauptinstrumenten der Machination, als deß Hebels, Betriebs, Schrauben, Kloben: in einem Gespräch zwischen einem Ingenier und Mechanico verfasset, und mit 137. Figuren vorgestellet, Nürnberg: Paulus Fürst 1661. > http://echo.mpiwg-berlin.mpg.de/MPIWG:08Y145YX

Die Erklärung des Kupfertitels besagt dann erhllend (http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/4424522):

Kunst/ die mit Natur vermählt/
Mehr entdecket als verhelt/
Gleichet sich hier einem Weibe
Die mit hohen schwangern Leibe
In den Kräften sich vermehrt/
Die Vergänglichkeit verwehrt;
Ihrer Schönheit LustGerüste
Die schneeweissen SilberBrüste
Spielen gleichsam siebenmahl
Nach der freien Künste Zahl.

••• Das insbesondere der Mineralogie (aber auch Fossilien, aus Stein geschnittenen Kunstwerken u.a.) gewidmete Buch des Universalgelehrten Michele Mercati (1541–1593) erschien erst postum 1717. Darin befindet sich dieses Titelbild:

Michaelis Mercati Samminiatensis Metallotheca Opus Posthumum, Auctoritate, E Munificentia Clementis Undecimi Pontificis Maximi E tenebris in lucem eductum; Opera autem, e studio Joannis Mariae Lancisii Archiatri Pontificii Illustratum. Romæ MDCCXVII: Ex Officina Jo. Mariæ Salviani.  > http://foto.biblhertz.it/exist/foto/object.xql?id=08075660

••• Unklar ist die Rolle der vielbrüstigen Figur auf dem Titelbild einer späten Ausgabe des Buchs von Fortunio Liceti (1577–1657; Erstausgabe: De monstrorum causis, natura et differentiis, Padua 1616).

Fortunius Licetus, De monstris. Ex recensione Gerardi Blasii … Editio novissima, Iconibus illustrata, Apud haeredes Pauli Frambotti, 1668. > https://books.google.ch/books?id=rKLbr_KN1LcC&hl=de&source=gbs_navlinks_...

Liceti behandelt in seinem Werk Fehlbildungen v.a. von Menschen (›siamesische Zwillinge‹, auch Mischwesen aus Mensch und Tier). Ist nun das vielbrüstige Wesen ein Fall-von-Monstrosität (medizinsich: Polymastia glandularis) wie die es umgebenden Monstra (obwohl im Buch selbst dann keine solche vielbrüstige Gestalt vorkommt), oder die Natura, vor der der Verfasser den Vorhang hebt?

Die Frage im Hintergrund ist: Sind teratologische Abweichungen da und dort vorkommende Spiele der Natur, oder entstehen sie aus einer Verletzung des Naturgesetzes (z.Bsp. durch menschliche Sünde, oder weil es Gott beliebt, die natürliche Ordnung mitunter ausser Kraft zu setzen, um die Menschen zu warnen), oder haben sie physiologische Ursachen (Umwelteinflüsse, Versehzauber)?

Anhang: Alchemie

Bei Michael Maier in der »Atalanta Fugiens« (1618) heißt es (Emblema XLII), die Fußstapfen der Natur seien der Wegweiser, die Erfahrung die Brille und das Studium der Schriften die Laterne, die dem Forscher den Verstand öffnet. Er illustriert dies mit einem bebrillten Mann, der mit einer Laterne nächtens den Fußstapfen der Personifikation der Natura folgt. – Auf einem späteren Titelbild zeichnet Matthaeus Merian die Natura dann als Vielbrüstige: Musæum Hermeticum, Omnes Sopho-Spagyricæ Artis Discipulos Fidelissime Erudiens, Quo Pacto summa illa veraque Medicina, qua res omnes, qualemcumque defectum patientes, instaurari possunt […], Francofurti: Jennisius 1625.

Hier der besseren Erreichbarkeit halber der Druck Musaeum hermeticum, reformatum et amplificatum, omnes sopho-spagyricae artis discipulos fidelissimè erudiens, quo pacto summa illa veraque lapidis., Francofurti: Apud Hermannum à Sande 1678. > https://archive.org/stream/musaeumhermeticu00meri#page/n8/mode/1up

Anhang: Allgemein-Enzyklopädien

••• Auf dem Frontispiz des Lexicons von Étienne Chauvin (1640–1725), das weitaus mehr als nur in unserem Verständnis ›philosophische‹ Begriffe erklärt, steht Natura neben dem strahlenden Apoll prominent unter typischen Wissenschaftlern mit ihren Geräten: der Geograph mit dem Globus; der Physiker mit der Luftpumpe; der Chemiker mit Glaskolben; der Astronom mit Fernrohr und Himmelssphäre; usw.; :

[Stephani Chauvini] Lexicon rationale sive Thesaurus Philsosophicus, ordine alphabetico digestus … Rotterdam 1692. > http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/4767530

••• Das Lexicon von Paul Jacob Marperger (1656–1730) erscheint von 1712 bis 1792 siebzehn Mal; vgl die Dokumention bei http://www.enzyklothek.de (unter Marperger). Seit 1741 steht dieses Titelbild am Beginn. Zu erkennen sind nebst der Statue von Natura: Minerva (mit Schild und Helm); Merkur (mit Flügelhelm; er steht für Handel); Diana (nochmals! mit Mond auf der Stirn sowie Köcher und Bogen; sie steht für die Jagd); Saturn (mit Sense; hier als der Gott der Aussaat); daneben Personifikationen anderer Künste, z.B. die Geometrie am Messtisch, die Musik mit Lyra ... – Zu Titelbilden von Enzyklopädien hier mehr.

Curieuses und Reales Natur-, Kunst-, Berg-, Gewerck- und Handlungs-Lexicon«, Darinne nicht nur die in der Physic, Medicin, Botanic, Chymie, Anatomie, Chirurgie und Apothecker-Kunst, wie auch […], Sondern auch alle im Handel und Wandel, ingleichen  im Jure und vor Gerichten vorfallende […] unentbehrliche Wörter den Gelehrten und Ungelehehrten zu sonderbarem Nutzen gründlich und deutlich erkläret sind. Welches als der zweyte Theil des Realen Staats= Converstions- und Zeitungs-Lexici mit großem Vortheil zu gebrauchen. Nebst einem ausführlichen Vorbericht Herrn Johann Hübners. Neue Auflage, Leipzig Gleditsch [hier aus der Ausgabe] 1746.

Natura als Mutter gleicher Kinder in der Französ. Revolution

Auf dieses Bildprogramm hat aufmerksam gemacht Andrea Goesch (1996), Kapitel 7 = S. 169–218.

Louis Charles Ruotte (1754-1806?) zeigt auf seinem Kupfer (1795/96) La Liberté et l’Egalité unies par la Nature. Die Gleichheit (mit der Setzwaage in der Hand) und die Freiheit (mit Revolutionshut und Keule) reichen sich die Hand vor der Statue der Natur, die (anstelle des vor-revolutionären Gottes; als Sachwalterin einer ›ré-génération‹) den Altar beherrscht.

> http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b8412663j

Die Statue als Kolorit

Gelegentlich wird die Statue der Artemis von Ephesos abgebildet, um dem Bild das Kolorit der Antike zu vermitteln.

••• Filip von Zesens Roman »Assenat« – basierend auf der biblischen Josefsgeschichte – spielt in Ägypten. Gleich zu Beginn beschreibt der Erzähler, dass die Bewohner von Memfis verängstigt sind und zu den falschen und leblosen Abgöttern beten, unter anderem zu Isis – die sonst im Roman keine Rolle mehr spielt. Das Standbild der Isis/Diana erscheint auf dem Frontispiz:

Filips von Zesen Assenat; das ist Derselben und des Josefs Heilige Stahts-Lieb- und Lebens-geschicht/ mit mehr als dreissig schönen Kupferstükken gezieret, Zu Amsterdam/ Bei/ und in verlegung Kristian von Hagen/ Kupferstecher/ im 1670 heiljahre. > http://diglib.hab.de/drucke/lo-8303/start.htm?image=00009 – Vgl. den Reprint mit dem Nachwort von Volker Meid, Tübingen: Niemeyer 1967.

Zesen erläutert die Isis ausführlich in seinen Kurzbündigen Anmärkungen; hieraus S.371:

Wie nun diese Abgöttin so mancherlei nahmen gehabt/ so hat man sie auch auf mancherlei weise abgebildet. Zuweilen begrif man in einem bilde fast alle zeichen/ die ihre manchfältige macht und auswürkungen andeuteten. Dergleichen seind in den bilderstükken dieses Büchleins hier und dar zu finden. Auf dem tittel wird sie mit vielen brüsten/ daher sie auch Multimammea, das ist die Vielbrüstige/ heisset/ entworfen. Dieses bild war mit verborgenen röhren so künstlich zugerichtet/ daß die hitze der angezündeten lichter unter der hohlen schirmdekke über dem heupte/ durch solche röhren/ die milch/ welche unten im bekken stund/ straks hinauf in die brüste zog; also daß sie/ so lange die lichter branten/ stähts mit milche flossen: welche/ als kleine strahlen/ herunter in das bekken geschossen kahm/ und von dar wieder hinauf gezogen ward. Und hierdurch machten die Priester dem gemeinen völklein eine solche blaue dunst vor die augen/ daß es anders nicht gleubete/ als daß ihre gewähnte große Mutter der Götter solche milch von sich selbsten fliessen liesse. Kircherius Oedipi AEgypt. tom. 2, part. 2, p. 333.
OCR-Erfassung des Romans bei > http://www.deutschestextarchiv.de/book/show/zesen_assenat_1670

Der Hinweis auf Athanasii Kircheri E Soc. Iesv, Oedipvs Aegyptiacvs (1652ff.)  zeigt auch, wo der Kupferstecher die Vorlagen für das Frontispiz entnommen hat:

 

Band I (1652) > http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb11054718.html

Band II/2 (1653) wo der Mechanismus der Milchbrunnen erklärt wird > http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10866996.html

Gillis van den Vliete († 1602) hatte schon 1568 in der Villa d’Este in Tivoli einen solchen Brunnen wirklich installiert:

 

••• Daniel Casper von Lohensteins (1635–1683) Trauerspiel »Cleopatra« wurde 1661 uraufgeführt; er hat es 1680 umgearbeitet. Text > http://www.zeno.org/nid/20005315433 – Im Druck von 1708 befindet sich ein Kupfer (Rauchmüller inv. et del. / Sandrart fecit), auf dem der Selbstmord Cleopatras mit den Giftschlangen dargestellt ist; im Hintergrund die Staute der Isis/Diana. Bei der umfassenden Bildung des Verfassers und seines Umfelds muss man sich vorstellen, dass das eine Anspielung auf den Isis-Kult in Ägypten ist.

Daniel Caspers von Lohenstein Cleopatra. Trauer-Spiel, Breßlau, Bey Jesaiä Fellgibels sel. Wittib und Erben, 1708. (Foto PM)  > http://digitale.bibliothek.uni-halle.de/vd18/content/titleinfo/5393875

 

Forschungs-Literatur

Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon. Leipzig 1770, Sp. 905–916 im Artikel »Diana«: http://www.zeno.org/nid/20002801760 (weitere Lexikon-Artikel – z.B. bei Roscher, im Neuen Pauly –  werden nicht eigens aufgeführt.)

Hermann Thiersch, Artemis Ephesia. Eine archäologische Untersuchung, Teil I [mehr nicht erschienen?] Berlin: Weidmann 1935 (Abhandlungen der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen; philologisch-historische Klasse. Folge 3; Nr. 12).

Beschreibt über 120 Denkmäler; sagt aber nichts über das Datum von deren Auffindung.

Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Bern 1948, 6. Auflage 1967, Kapitel 6 = S. 116–137: Göttin Natura.

Wolfgang Kemp, Natura. Ikonographische Studien zur Geschichte und Verbreitung einer Allegorie, Diss. Tübingen 1973.

Robert Fleischer, Artemis von Ephesos und verwandte Kultstatuen aus Anatolien und Syrien, Leiden: Brill 1973 (Etudes préliminaires aux religions orientales dans l’Empire romain 35).

Zur Artemis von Ephesos detailreich S.1–127. „Brüste” immer in Anführungszeichen; speziell hierzu mit Referat älterer Deutungen S.74–88. »Bezüglich der „Brüste” scheint es auch heute noch nicht möglich, über Spekulationen hinauszukommen« (87).

Gérard Seiterle: Artemis – die große Göttin von Ephesos. In: Antike Welt. Jahrgang 10, Heft 3, 1979, S. 6–16.

Es handelt sich um an der Statue angeheftete Hodensäcke von geopferten Stieren, Fruchtbarkeitssymbole. Stieropfer seien im Artemiskult verbreitet gewesen. Für den verwandten Kult der Megale Metèr sei überliefert, dass ihr Stierhoden geweiht wurden [ohne Quellenangabe]. – Die Rekonstruktion eines Stieropfers in Ephesos ist reine Phantasie des Verf.

Walter Burkert, Die Artemis der Epheser: Wirkungsmacht und Gestalt einer großen Göttin (Vortrag 1995) in: W.B., Kleine Schriften VI, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2011, S. 56–73.

Andrea Goesch, Diana Ephesia. Ikonographische Studien zur Allegorie der Natur in der Kunst vom 16.–19. Jahrhundert, Frankfurt am Main: Lang 1996 (Europäische Hochschulschriften. Reihe 28 Kunstgeschichte; Band 253). [269 Textseiten + 174 Bilder]

Eine exzellente Arbeit auf breitester Kenntnis der Quellen. Denkmäler gut kontextualisiert und gedeutet. Alle Zitate exakt nachgewiesen. Geht über die Sinnbereiche Natur und Kunst hinaus und berücksichtigt auch Symboliken, die im Dienste der Aufklärung während der Französischen Revolution stehen.  — Möge diese Website dazu beitragen, dass dieses vor 20 Jahren erschienene Buch nicht in Bibliotheksmagazinen verdämmert!

Mechthild Modersohn, Natura als Göttin im Mittelalter. Ikonographische Studien zu Darstellungen der personifizierten Natur, Berlin: Akademie Verlag 1997.

Sarah Morris, The prehistoric background of Artemis Ephesia: A solution to the enigma of her ‘breasts’? In: Ulrike Muss (Hg.): Der Kosmos der Artemis von Ephesos. Österreichisches Archäologisches Institut, Wien 2001, S. 135–150.— Sarah Morris, Zur Vorgeschichte der Artemis Ephesia, in: Ulrike Muss (Hg.), Die Archäologie der ephesischen Artemis: Gestalt und Ritual eines Heiligtums, Wien: Phoibos Verlag 2008, S.57ff.

S. Morris deutet die Gebilde als angehängte Lederbeutel aus Ziegenhaut, vergleichbar der hethitischen KUŠ-kurša-Jagdtasche; vgl. hier. Oder als eine aegis, d.h. ein von Göttern getragener schuppiger Brustpanzer (vgl. Herodot IV,189). — »No ancient source reports the eccentric appearance ot the staue.« (p.138).

Gabriele Nick, Die Artemis von Ephesos // Dieter Zeller: Brüste oder Hoden, in: Nicole Birkle / Robert Fleischer (Hgg), Macellum. Culinaria Archaeologica  Robert Fleischer zum 60. Geburtstag, Mainz, im Jänner 2001, S. ##–##.

Walter Wiebe, Gedanken eines Mediziners zum Brustschmuck der Artemis von Ephesos. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 23, 2004, S. 69–123.

Es gibt keinen Grund, die Aussagen von Minucius Felix / Hieronymus / Macrobius zu bezweifeln. – Wiebe deutet die Brüste u.a. als dem Standbild umgehängte Votivgaben in Form mamma-ähnlicher Bernstein-Tropfen, die im Artemision-Schatz zahlreich gefunden wurden. Anliegen der solche Opfer darbringenden Frauen waren möglicherweise mangelndes Laktationsvermögen oder Hypoplasie der Brüste.

[Man muss sich dann vorstellen, dass die überlieferten Statuen Abbilder einer solchen mit Votivgaben behangenen Kultstatue sind. Erklärt würde so auch, warum bei einigen Statuen – z.B. derjenigen in den Kaptitolinischen Museen – die Körperteile aus einem anderen Material gefertigt sind als  leibliche ›Brüste‹.]

Zur Religionsphänomenologie der Votivgaben vgl. Lenz Kriss-Rettenbeck, Ex voto. Zeichen, Bild und Abbild im christlichen Votivbrauchtum, Zürich / Freiburg i.Br.: Atlantis Verlag 1972.

Hartmut Böhme, Apostelgeschichte 19,23–20,1. Artemis Ephesia, christliche Idolen-Kritik und Wiederkehr der Göttin, in: Steffen Martus / Andrea Polaschegg (Hgg.) Das Buch der Bücher – gelesen: Lesarten der Bibel in den Wissenschaften und Künsten, Bern u.a.: Peter Lang, 2006, S. 361–394.

Marjatta Nielsen, Diana Efesia Multimammie, in: Tobias Fischer-Hansen  [et al.], From Artemis to Diana. The goddess of man and beast, Copenhagen: Museum Tusculanum Press 2009, pp. 455–496.

Margaret Mowczko, The Regalia of Artemis Ephesia (Posted July 23rd, 2016) >
http://newlife.id.au/greco-roman-culture/regalia-artemis-ephesia/ {16.03.2017}

 

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Online gestellt von P.Michel im Dezember 2016