Kleidersymbolik



 

... das war das Programm des Kolloquiums am 21. September 2013:

Andreas Hebestreit: Geist und Stoff. Über die Wirklichkeit der Masken

Paola von Wyss-Giacosa: Verhüllte Hierophanien. Zur ›Bekleidung‹ kultischer Steine

Heinrich Lüssy: Durchscheinende Textur. Das Schleiersymbol bei Goethe (online)

Rosmarie Zeller: Kleidersymbolik in Grimmelshausens »Simplicissimus«

Katalin Horn: Kleider im Märchen

Penny Paparunas: »Mit dem Kostüm ihres Geschlechts«. Transvestismus in Mary Robinsons »Walsingham; or, The Pupil of Nature« (1797) und Christoph Martin Wielands »Novelle ohne Titel« (1805)

Allan Guggenbühl: Hauptsache anders: Kleider als Ausdruck adoleszenter Sinnsuche

Andreas Isler: Die Welt im Kleid. Trachtenbücher der frühen Neuzeit

Marc Winter: Pfau, Nashorn, Wachtel, Bär. Die Rangabzeichen chinesischer Beamter

(Auf den Namen klicken > Exposé des Referats)

 

Exposés der Referentinnen und Referenten

Allan Guggenbühl

Hauptsache anders: Kleider als Ausdruck adoleszenter Sinnsuche

Tiefsitzende Hosen, abgewetzte Jeans, Irokesenfrisur, Spitzschuhe, Baseballkappe: Kleider haben während der Adoleszenz verschiedene Bedeutungen: Markierung, Anpassungsakt, Provokation, Schutz, Abgrenzung. Im Referat werden die verschiedenen historischen und aktuellen Symboliken der Kleiderstile der Jugend umschrieben und ihre tiefere Bedeutung im Rahmen der Suche nach einer eigenen Identität erörtert.

zurück zur Programmübersicht

Andreas Hebestreit

Geist und Stoff. Über die Wirklichkeit der Masken

Darf man vermuten, dass das (sich) Verkleiden älter ist als das (sich) Bekleiden? – Tatsache ist, dass Masken und Maskenbräuche praktisch auf allen Kontinenten anzutreffen sind. Umso erstaunlicher, dass sich in dieser immensen Vielfalt an Formen und Überlieferungen zumindest eine große Konstante erkennen lässt: Die Masken gelten als Geister. Sie sollen Geister darstellen. Dieser Satz wurde bisher immer so verstanden, dass den Masken ein Glaube an Geister vorangegangen sein muss. Wie aber, wenn es sich gerade umgekehrt verhielte? Wenn also der Umgang mit den Verkleidungen erst die Vorstellung von Geistern – und Geistigem – hervorgebracht hätte? – Ein etwas ketzerischer, aber gerade deshalb durchaus anregender Gedanke.

Der Vortrag hier (PDF)

zurück zur Programmübersicht 

Katalin Horn

Kleider im Märchen

Die bereits von Erasmus von Rotterdam unterschiedenen Aspekte der Kleidung zeigen Komponenten auf, die aus einem Gebrauchsgegenstand einen wichtigen Bedeutungsträger, ein nonverbales Kommunikationsmittel machen. Die fraglichen Aspekte sind: klimatische Bedingungen, kulturelle Tradition, soziale Normen. Ausser diesen und teilweise zusammen mit ihnen haben Kleidungsstücke wichtige symbolische Funktionen, sie sind individuelle und/oder gesellschaftliche Zeichenträger. Wie sich diese Themen in der Volksliteratur widerspiegeln, soll hier kurz gezeigt werden.

Der Vortag hier (PDF)

zurück zur Programmübersicht 

Andreas Isler

Die Welt im Kleid. Trachtenbücher der frühen Neuzeit

Kunstvoll gezeichnet und ausgemalt, in Holz geschnitten oder in Kupfer gestochen: Bilder von ganzfigurig dargestellten Menschen machen den eigentlichen Inhalt der Trachtenbücher aus. In ihrer jeweils typischen Kleidung Seite um Seite in Standes-, Landes- und Volksgruppen aufgereiht und von einer zuordnenden Bezeichnung und (in manchen Werken) einer kurzen Beschreibung in Gedichtform begleitet, treten die Protagonisten dieser Bücher auf, deren Anlage einer Gesamtschau verpflichtet ist. Nach Möglichkeit werden beide Geschlechter, alle Stände und alle Erdteile berücksichtigt.

In den Trachtenbüchern, deren hohe Zeit in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts fällt, scheint eine Sichtweise auf, die die Welt als ein in sich schlüssiges sittliches Konstrukt erfasst: Viele der interessierenden Bereiche, das Klima, die Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, auch Religion und Charakter der einzelnen Gruppen, finden sich in der Art der Menschen gespiegelt, und diese wiederum äussern sich in ihrer Tracht, wie es Hans Weigel in der Vorrede seines »Habitus praecipuorum populorum, Trachtenbuch der fürnembsten Nationen«, Nürnberg 1577, auf den Punkt bringt:  … gleich wie die Köpff unnd innerlichen Sinn genaturet unnd geneigt gewesen, eben also sein die eusserlichen Kleidungen darnach erfunden, formiert und geschnitten worden.

zurück zur Programmübersicht 

Heinrich Lüssy

Durchscheinende Textur

Das erotische Schleiersymbol gehört zu Goethes zentraler Sonnenmetaphorik. Es ist Symbol für das Symbol und bedeutet, dass uns Menschen die Wahrheit symbolisch gegeben ist. Dies ist im Sinne einer Einschränkung und zugleich einer Vergewisserung zu verstehen: Nur in symbolischer Verschleierung erscheint Wahrheit, aber dennoch ist sie es selbst, die sich darin zeigt.

Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen,
der dies Geschenk mit stiller Seele nimmt:
Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit,
der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit.

Der Vortrag hier online (PDF)

zurück zur Programmübersicht 

Penny Paparunas

»Mit dem Kostüm ihres Geschlechts«: Transvestismus in Mary Robinsons »Walsingham; or, The Pupil of Nature« (1797) und Christoph Martin Wielands »Novelle ohne Titel« (1805)

Die Jahrhundertwende um 1800 ist gekennzeichnet durch tiefgreifende soziokulturelle und politische Umwälzungen, die nicht nur bis anhin gültige Referenzsysteme wie ›Gott, König, Staat‹ nachhaltig hinterfragen, sondern auch Identitätskategorien wie Geschlecht, Rasse oder Klasse neu aushandeln. Dieser epistemische Bruch (Foucault) hinterlässt nicht zuletzt Spuren in Form von Unruhe im kulturellen Imaginären; ein Unbehagen, das auch in der Literatur ausgefochten wird. Mary Robinsons »Walsingham; or, The Pupil of Nature« (1797) und Christoph Martin Wielands »Novelle ohne Titel« (aus: Das Hexameron von Rosenhain, 1805) sind zwei von der Forschung wenig berücksichtigte Texte mit einer überraschend ähnlichen Handlung, nämlich einer Frau in Männerkleidern aufgrund erbschaftsrechtlicher Interessen – das patriarchal-aristokratische Erbschaftsrecht begünstigt männliche gegenüber weiblichen Nachkommen – und lassen sich mit ihrer Thematisierung von vestimentärer Überschreitung als kulturelle Intervention im heftig umkämpften zeitgenössischen Geschlechterdiskurs lesen. Diese vestimentäre Transgression ist umso bedeutender, als sie zu einem Zeitpunkt stattfindet, in der der Spielraum für subversive Geschlechterkonfigurationen kleiner wird und sich die binäre, bürgerliche Geschlechterordnung zu installieren beginnt (Laqueur, Honegger, Wahrman). Beide Texte inszenieren dieses ›gender trouble.‹ Anatomisches Geschlecht, Geschlechtsidentität und Begehren korrelieren auf ungewöhnliche Weise; generiert werden nichtintelligible, transgressive, verworfene Körper und Subjekte (Butler, Kristeva). Während in Robinsons Briefroman die Inkohärenz und Diskontinuität von Geschlechteridentität auf verschiedenster Ebene wiederholt ausgestellt wird, aber schliesslich in einer konventionellen, heterosexuellen Verbindung (Heirat) mündet, scheint Wielands Erzählung trotz der freiwillig ins Kloster eintretenden transvestierenden Protagonistin paradoxerweise radikaler. Dies nicht nur, weil die Geschlechtermaskerade der weiblichen Hauptfigur aufgrund ihrer tiefen Stimme und dem breiten Knochenbau so überaus erfolgreich ist, sondern, weil das komplexe Ende der Novelle zu einer Debatte über Genre und Geschlecht in der Rahmenerzählung anstiftet, damit Taxonomien des (Un)natürlichen, (Nicht)verhüllten ins Spiel bringt, konterkariert.

zurück zur Programmübersicht 

Paola von Wyss-Giacosa

Verhüllte Hierophanien – Zur ›Bekleidung‹ kultischer Steine

Auf griechischen und römischen Münzen haben sich Darstellungen antiker Steinkulte erhalten. Die verehrten Steine, oftmals meteorischen Ursprungs, wurden teilweise grob und unbearbeitet belassen, teilweise konisch, rechteckig oder rund geformt. Sie wurden gesalbt und bekränzt, mit roher Wolle umwickelt, mit Stoff umhüllt oder mit einem metallenen Glockenmantel umgeben. Die für sie gewählten Bezeichnungen – baitylos leitet sich aus dem Hebräischen beth-el ab und bedeutet soviel wie Haus Gottes, omphalos ist Griechisch für Nabel – referieren auf himmlische Herkunft und chthonische Bezogenheit. Solche Namensgebungen lassen sich, wie die mit ihnen verbundenen Mythen, als Schritte in einem Prozess der Überführung eines Naturphänomens in die Kultur deuten. Dies gilt ebenso für die rituelle ›Bekleidung‹ der Steine: sie ist Markierung und Schutz, Sichtbarmachung und Verhüllung, bisweilen auch Ausdruck einer Personifizierung und Anthropomorphisierung des Kultgegenstands.

zurück zur Programmübersicht 

Marc Winter

Pfau, Nashorn, Wachtel, Bär - Die Rangabzeichen chinesischer Beamter

In der chinesischen Kultur der Kaiserzeit gab es dasselbe Bedürfnis wie in anderen Ländern, Funktionsträger der zivilen und militärischen Verwaltung an ihrer Kleidung sichtbar nach ihrem Beamtenrang zu markieren. In der späten Kaiserzeit, d.h. ab dem 14. Jahrhundert, wurden die Beamten bekanntermassen mit bestickten Aufnähern auf der Brust entsprechend ihrem Rang markiert, wie auch auf vielen Photographien des 19. Jahrhunderts zu sehen ist. Diese Rangmarkierung wurde mit einer spezifischen Tiersymbolik ausgedrückt, entsprechend der die Zivilbeamten Vogeldarstellungen auf ihren Kleidern hatten (Ente, Wachtel, Reiher, Kranich, Phasan, Pfau), die Militärbeamten hingegen Landtiere (Löwe, Tiger, Bär, Panther, Narhorn). Der Drache und der Phönix waren den Roben des Kaisers und der Kaiserin vorbehalten. Welche Schlüsse für das Selbstverständnis des Beamtenapparates lassen sich hieraus ziehen? Wie entstand diese für Westliche Betrachter bemerkenswerte Tiersymbolik? Lassen sich Bezüge zur Heraldik finden und wie waren die Beamten vor der Einführung dieser plakativen Zeichen zu unterscheiden? Der Beitrag wird sich mit diesen Fragen beschäftigen und die Rangabzeichen der kaiserlichen Beamten etwas eingehender betrachten.

zurück zur Programmübersicht 

Rosmarie Zeller

Kleidersymbolik in Grimmelshausens »Simplicissimus«

Kleider spielen im »Simplicissimus Teutsch« eine auffällige Rolle. Es geht immer wieder darum, dass Simplicius neu eingekleidet wird, dass er sich neue Kleider beschaffen muss, weil er sich ›verkleiden‹ will oder weil er sich seinem Stande entsprechend kleiden will. Die Kleiderwechsel finden immer an wichtigen Stellen des Romans statt. K.-D. Müller hat die ›Kleidermetaphorik‹ in einem Aufsatz von 1970 untersucht. Es geht ihm dabei vor allem um die allegorische Bedeutung des Textes. In dem vorliegenden Vortrag soll eher nach den verschiedenen Typen des Verhältnisses von Kleidern und Figur und nach den Anlässen zum Kleiderwechsel gefragt werden. Manchmal entsprechen die Kleider dem sozialen Stand des Simplicius (als ›Wilder‹ beim Gouverneur, als Jäger von Soest, was er aber nicht weiss, da er seine adlige Herkunft noch nicht kennt), manchmal aber stehen sie in komplettem Gegensatz zu seinem Innern (z. B. Pilgerkleidung, weibliche Bekleidung, Narrenkleid). Die Kleider haben in jedem Fall eine über ihre Funktion als Bekleidung hinausgehende symbolische Funktion, die im einzelnen zu analysieren ist.

zurück zur Programmübersicht 



 

Marchande de Modes, dans: Encyclopédie, Suite du Recueil de Planches [= Tafelband zum Supplément, 1777]

 


 

Eine Livree und Uniform können noch so freudig sein,
so bald aber jemand an seinem eignen Leib die Sachen aus eigner Wahl trägt,
so ist das Kleid nicht mehr Decke sondern Hieroglyphe.

(G. Ch. Lichtenberg, 1742–1799, Sudelbücher, ed. W. Promies, F 334)

 

Anregungen für Themen


Kleider als Ausdruck der Persönlichkeit; Selbstdarstellung, Statussymbol und Imponiertechnik

Kleid zur Kundgabe des Geschlechts, des sozialen Standes, der Religionszugehörigkeit 

Kleid zur Kundgabe der Situation der Person (z.B. Trauerkleider; das Kleid zerreissen als Symbol der Trauer; verheiratete Frauen unter der Haube)

Kleider zwecks Verdecken der Persönlichkeit; Verkleidung

Kleidermandate zwecks Inszenierung der Mächtigen und Aussonderung der Randständigen

Kleiderluxus (sowie Schmuck und Schminke) als Symptom der Torheit; Kleidersatiren in der barocken Predigt

Kleid als Rechtssymbol: (z.B. Schandtracht; Schutzmantelgebärde für die Adoption)

Kleiderwechsel bei Initiationsriten: Investitur der Könige; beim Klostereintritt

Masken

Kleidermetaphorik für Kundgabe des religiösen Status: den alten Adam aus- und den neuen Menschen anziehen (Epheserbrief 4,24)

Paradieseskleider (Was trugen Adam und Eva im Paradies? Das Kleid der Gnade)

Nacktheit

Erkennen Gottes hinter allen Gewändern: Deus nudus

Selbstpreisgabe; anima nuda in der Mystik

der Leib als Kleid der Seele

Kleider (auch Waffen) als Allegorie für Tugenden (Epheserbrief 6,10ff.)

Allegorische Interpretation der liturgischen Gewänder (Paramente)

die unteilbare Tunica Jesu (Joh 19,23) und ihre Deutungen

rituelle Vorschriften für Kleiderstoffe (5. Mos 22,11: Wolle und Leinen nicht mischen)

die Sprache als Verkleidung der Gedanken (Voltaire: La parole a été donnée à l’homme pour déguiser sa pensée) vs. die nackte Wahrheit

der Schleier als Symbol für die Dichtung

Kleiderbeschreibungen in der erzählenden Dichtung (›ekphrasis‹)

Kleiderwechsel zur Darstellung eines Wandels der Figuren in literarischen Texten

der Kosmos als Mantel Gottes (vgl. Ps 103,2 [Vg.]: amictus lumine sicut vestimento)

volksfromme Praktiken: Bekleiden von Heiligenstatuen — die Reliquie des Heiligen Rocks

das Kleid im ›Aberglauben‹: magische Potenz der Kleider  (Liebespfänder; Aufenthalt von Dämonen in Kleidern u.a.m.)

die Mode

vgl. auch: Hut, Haube, Handschuh, Gürtel, Schuh, Rüstung, Web-Metapher, einzelne Materialien wie Linnen, Wolle, Pelz, Seide, Haare und Frisu, Perücke, ...

mit Kleidung Verbundenes: Farbensymbolik, Schmuck

...

Vgl. die Literaturhinweise unten

nach oben




Materialien (ungeordnet)

 

Bei den Materialien lassen sich verschiedene Typen unterscheiden:

A: deskriptive Texte und Bilder von Gewändern, die sich in einen historischen Ablauf bringen lassen.

Reflexion über A: Sozialpsychologie der Mode

B: Texte, in denen Vorschriften über bestimmte Kleider in bestimmten Situationen, für bestimmte soziale Schichten u.a.m. gemacht werden; Sittenmandate, Kleiderordnungen

Reflexion über B: Wovon sind diese Ordnungen Symptom? Sozialgeschichte der Herrschaftsinstrumente

C. Texte, die symbolische  Beziehungen zwischen einem Kleidungsstück und seiner Bedeutung formulieren

Reflexion über C: Auf Grund welcher Eigenschaften der Kleider/Stoffe usw. und welcher Charakteristika der geistigen Bedeutung werden hier Brücken gebildet?

D. ####

 



 

Dreyerley vrsachen halben bedörffen wir der Kleidungen/ erstlich/ vns darmit zubedecken: Am andern/ vns vor wind kälte vnd hitz zu beschützen: Drittens vns vnter einander in vnsern Ständern vnd Aemptern zu vnterscheiden/ vnd die Geisltichen von Weltlichen/ die Fürsten/ Herrn/ Edelleut/ Bürger vnd Bawern von einander zu erkennen/ wofern vnsere erste Eltern nicht gesündiget hetten/ so bedörfften wir keine Kleidungen/ dann die nackentheit deß Leibs würde alßdann eben so wenig ein schand gewest seyn/ als anjetzo die nackentheit deß Angesichts vnd der Händen/ Es würde auch kein vngewitter des Luffts gewest seyn/ vnd die vnterschiedliche Menschliche Ständ würden durch andere zeichen erkennt seyn worden/ Darauß erscheinet nun daß die Kleider nichts anders seynd/ als zeichen vnd straff der Sünden/ allermassen der strick/ welchen der zum Galgen geführter Dieb am Halß träget/ ein zeichen ist seines begangenen Diebstals/ vnd ein Jnstrument seiner straff.

Der Landstörtzer Gusman von Alfarche oder Picaro genannt / dessen wunderbarliches / abenthewrlichs vnd passirlichs Leben / was gestallt er schier aller Ort der Welt durchloffen […] Durch Ægidivm Albertinum, Fürstl. Durchl. in Bayrn Secretarium, theils auß dem Spanischen verteutscht / tehils gemehrt vnnd gebessert. Gedruckt im Jahr / Anno MDCXXXI; Erster Theil, Caput xxxiii [hier Seite 167].


Kleidersünden

 

Andreas Musculus, Vom Hosen Teuffel, [Franckfurt an der Oder] 1555digitalisiert von der BSB

Vgl. Johann Ludwig Hartmann (1640–1684), Alamode-Teuffel. Nach der heutigen Hoffarth in Kleydern, Haaren, Schmincken, Entblösen etc. Mannigfaltigkeit und Abscheulichkeit.
Rothenburg/Tauber 1675. Hier digitalisiert (EDV-lesbar)

 

Ein neu Klaglied eines alten deutschen Kriegsknechts wieder die greuliche und unerhörte Kleidung der Pluderhosen in des Penzenauers Ton (1555)

Aus »Des Knaben Wunderhorn« 1806/08

[…] Die Kriegsleut sind beflissen
Auf solche Buberey;
Sie lassen Hosen machen,
In einem Ueberzug,
Der hängt bis auf die Knochen,
Ist doch noch nicht genug.
Ein Latz muß seyn darneben,
Wohl eines Kalbskopfs groß;
Karteken drunter schweben,
Seiden ohn alle Maaß.
Kein Geld wird da gesparet,
Und sollt man betteln gehn;
Damit wird offenbarer
Wer ihnen giebt den Lohn.
Da gehen sie einher waten,
Gleich als der Teufel recht;
[…]

Der ganze Text hier

Deutsche Landknechte. Daniel Hopfer (Stecher) nach Erhard Schön ca. 1520/1536

> https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1845-0809-1349

und Kleidertorheiten

Claro sese deformat amictu (Mit einem hervorstechenden Gewand stellt er sich dar \ entkleidet er sich seiner Würde [de-formare ist doppelsinnig].)

Dein seiden Kleidt/ Fürstlich habit/
Macht dich drumb desto schöner nit/
Du bleibst ein Aff vnd Pavian/
Thetstu doch all tag nein
[neun] mahl an.

Sapientia Picta. Das ist/ Künstliche Sinnreiche Bildnussen und Figuren. darinnen denckwürdige Sprüch und nützliche Lehren im Politischen und gemeinen Wesen durch hundert schöne newe Kupfferstück vorgebildet/ entworffen/ und durch teutsche Reymen erkläret werden. So auch zu einem Stamm oder Wappen Büchlein füglich zugebrauchen, Franckfurt: Marschall 1624.
> http://diglib.hab.de/drucke/li-6643-2/start.htm

Karl Friedrich Flögel (1729–1788), bzw. sein späterer Herausgeber zitiert (ohne Nachweis) diese Karikatur:

Die Calecutische Henne im Bal- u. Staats-Kleid

Ein Weib im höchsten Staat, am Kopf wol fontagieret
glaubt daß der Schönheit Lob vor Engeln Ihr gebühret
Allein der weiter Rock an Bort- und Raifen reich
macht daß der dicke Bauch siht einem Stübich* gleich
Und wem vergleichst du Sie wann Sie so eekel thut,
wan sie sich strotzt und bleht, dem Huhn aus Calecut.

*) Stübich: Packfass, Tonne für eingepökeltes Fleisch (DWB)

Flögel’s Geschichte des Grotesk-Komischen, neu bearbeitet und erweitert von F.W.Ebeling, Leipzig 1862; 5.Auflage 1887. Tafel 37.
> https://archive.org/details/floegelsgeschich00flog/page/n8/mode/1up

Johann Ellinger ([1594–1631) kritisiert umfänglich das À la mode-Wesen:

Allmodischer KleyderTeuffel. Das ist/
1. Schimpff unnd Ernstlicher Discurs/ uber den heuttigen Allemodischen oder A-la-modischen/ KleyderTeuffel/ &c.
2. Erörterung der Frage: Wie ein Erbarer Teutscher Mann/ wann sein Weib (da es doch sein Seckel nicht ertragen könte) sich Allmodisch tragen wolte/ thun solle/ damit er des Haußcepters nicht gar verlustigt werde.
3. Regulae eines Christlichen EheWeibs /
Verfasset Durch M. Johann Ellinger Caplan zu Arheiligen Zu Franckfurt am Mayn: getruckt in Verlag Johann-Carl Unckels Buchhändlers, Anno 1629.

> https://digitale.bibliothek.uni-halle.de/urn/urn:nbn:de:gbv:3:1-268
> https://www.e-rara.ch/zuz/doi/10.3931/e-rara-34502


Dress Code

 

 

Der Große Duden. Bildwörterbuch der deutschen Sprache …, hg. Otto Basler, Leipzig: Bibliographisches Institut 1935. – Tafel 10: 7 der Gehrock (Bratenrock); 8 der Smoking; 9 der Frackanzug; 10 der Cutaway (Schwenker).

Meine Herren! Wüssten Sie, welchen Anzug zu welchem Anlass?

Den Cut trägt mann bei großen Hochzeiten am Vormittag oder allgemein bei festlichen Anlässen vor 15 Uhr. – Nach 19 Uhr ist der Herr mit einem Frack perfekt gekleidet. – Der schwarze, einreihige Smoking (amerikanisch: Tuxedo) ist die perfekte Wahl des Bräutigams für die kirchliche Trauung.

Immerhin: Soviel ist klar:

Gertrud Oheim. Einmaleins des Guten Tons, Gütersloh: Bertelsmann 1955; Illustration von Gerhart Kranz.

Literaturhinweis: Hardy Amies, Anzug und Gentleman. Von der feinen englischen Art, sich zu kleiden, LIT Verlag Münster 1997 (Übersetzung von The Englishman’ Suit, London 1994)



Trauerkleider

III, 16. Warum die Weiber mit weissen Schleyern / die Männer aber gantz schwartz trauern.

Denn ersten Punct dieser Frage hat Plutarchus in seinen Römischen Fragstücken in etwas berühret. Er vermeynet aber / daß es fürnemlich darum geschehe / entweder weil der todte Leichnam mit weissen Leinwand bekleidet wird / (welche Arbeit gemeiniglich die Weiber verrichten /) daß darum die nechsten Verwandten sich befleißigen / eben dergleichen Zierrath an ihrem Leibe zu tragen: Darum aber wird der verstorbene Cörper in weisse reine Tücher gewickelt / weil man verhoffet / die Seele des Verstorbenen (welche man nicht bekleiden kan) sey nunmehr rein / weiß und frey von aller Arbeit und Befleckung: Oder entweder darum / weil bey Leichen die allereinfältigste / schlechteste und am wenigsten kostbare Farbe wohlstehet / und billich gebrauchet wird: Weisse Farbe ist die reineste / die einfältigste nicht durch Kunst / oder mancherley Materien zuwegen gebracht / sondern von Natur herrührend: Und die Todten seynd von gleicher Art / schlecht ohne Vermischung. Warum aber die Männer schwartz trauren / ist leichtlich zu ermessen: Nemlich / weil diese Farbe der Finsterniß ähnlich / oder der tunckeln Erden / darunter der Leichnam soll geleget werden: Oder weil schwartz Geblüt / und sonsten alles schwartz nicht allein die Traurigkeit stärcket / sondern dieselbe auch anzeiget / und deren ein merckliches Zeichen ist / auch davon herrühret.

Peter Lauremberg (1585–1639), Neue und vermehrte Acerra Philologica, Druck Leipzig 1717 (bei www.zeno.org)

 


Mystische Ent-Blößung

Der Zustand des Losgelöstseins von irdischen Zufälligkeiten und dass die Seele keine Vorstellungsbilder der äusseren Wirklichkeit hat, wird metaphorisch als bloß-, nackt-sein formuliert: anima nuda. 

Beispiel: Heinrich Seuse († 1366)

[Der Mystiker spricht:] Nu dar, min liepliches liep, so enblöz ich min herz, nd in der einvaltigen blossheit aller geschafenheit umbvah ich din bildlosen gotheit (Bihlmeyer 174)

Beispiel: Mechthild von Magdeburg († 1282)

[Gott spricht:] Ich mag ir nút vollen heimlich wesen, si welle [es sei denn, die Seele wolle] sich rechte müezig und bloss an minen götlichen arm legen …
(»Fließendes Licht der Gottheit«, Kapitel V, 25)


[Seele] Was gebútest du, herre ?
[Gott] Ir sönt vs sin. [konjiziert zu usziehen, in der lat. Übersetzung: exuere]
[Seele] Herre nu bin ich ein nakent sele […] Unser zweier gemeinschaft ist daz ewige liep ane tot.
(»Fließendes Licht der Gottheit«, Kapitel I, 44)

 Der Illustrator des Traktats »Christus und die Minnende Seele« hat die Metapher konkretisiert und so visualisiert:

 

Stiftsbibliothek Einsiedeln, Cod. 710(322); 2.Hälfte 15.Jh., fol. I bis XXI: »Christus und die Minnende Seele«, Kapitel VIII:  Xps sprach: Du muost gar entblözzet sin | wilt du dich genietten min – Sy spricht: Nement alle wunders war | wie er mich entblözzet gar | ich bin doch nakent war ich gon […] Er hat mir genomen er und guot ....

http://www.e-codices.unifr.ch/en/preview/sbe/0710

Ausgabe: Romuald Banz, Christus und die Minnende Seele, Diss. Freiburg/Schweiz, Solothurn 1907.

Grete Lüers, Die Sprache der deutschen Mystik des Mittealters im Werke der Mecht­hild von Magdeburg, München 1926.

Michael Egerding, Die Metaphorik der spätmittelalterlichen Mystik, 2 Bde., Paderborn: Schönigh 1997; II, S.97–109 zu blôz, entblœzt usw. [anima nuda]

Amy Gebauer, »Christus und die minnende Seele«. An analysis of circulation, text, and iconography, Wiesbaden: Reichert 2010 (Imagines medii aevi 26).



Nacktheit als Protest gegen das Establishment

 

Franziskus begibt sich nach seiner Berufung (Stigmatisation) von zuhause weg und verschenkt Geld. Wie ihn seine alten Bekannten finden, beschimpfen sie ihn als Narren; der Vater versucht ihn mit üblen Mitteln zur ›Torheit der Welt‹ zurückzubringen. Der Bischof bittet Franziskus zu sich und berichtet ihm vom Zorn des Vaters. Da gibt Franziskus dem Vater alles zurück, was er je erhalten hat --- selbst die Kleider, die er sich vom Leibe reisst und sagt: Von heute an kann ich mit aller Bestimmtheit sagen: ›Vater unser, der Du bist im Himmel‹, da Pietro di Bernardone mich verstoßen hat (Drei-Gefährten-Legende, Übersetzung bei Otto Karrer, Franz von Assisi, Manesse-Verlag 1945, S.49)

 

Giotto (1267–1337) Fresko in der Basilika San Francesco in Assisi (im unteren Teil der Oberkirche). 

Lamprecht von Regensburg O.F.M., († nach 1250)

sunder trahten sâ zehant
zôh er abe al sîn gewant
und die niderwât
[die Unterkleider] alsam;
hie stuont ein niuwer Adam
nackent  unde vingerbar.
diu kleit gab er dem vater dar...

(Übersetzung der »Vita prima« = »Sante Francisken leben«, ca. 1239, Verse 870ff.)

 


Tattoo

1813 bringt Friedrich Johann Justin Bertuch in seinem »Bilderbuch für Kinder enthaltend eine angenehme Sammlung von Thieren, Pflanzen, Blumen, Früchten, Mineralien, Trachten und allerhand andern unterrichtenden Gegenständen aus dem Reiche der Natur, der Künste und Wissenschaften …« Bilder mit tätowierten Menschen von Südseeinseln: Nukahiwer mit verschiedener Tatowirung (Verm. Gegenst. CLXXIV. Bd. VIII. No. 2).

 

Er hat sein Bild zusammengefügt aus dem den 7. und 8. Kupferstich des eben gerade erschienenen Werks von Georg Heinrich Langsdorff, Bemerkungen auf einer Reise um die Welt in den Jahren 1803 bis 1807, Frankfurt 1812, der dazu schreibt:

( Digitalisat: http://solo.bodleian.ox.ac.uk/OXVU1:oxfaleph014583331 )

 


Kulturgeschichte der Kleidung

Aus dem Frauen-Trachten-Buch von Jost Amman (Frankfurt 1586),

vgl. http://de.wikisource.org/wiki/Frauen-Trachtenbuch

  

Recueil de la diversité des habits qui sont de présent en usage tant ès pays d'Europe, Asie, Afrique et isles sauvages le tout fait après le naturel  [par François Deserps] impr. de R. Breton (Paris) 1567. Digitalisat: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k102756w

Bruno Köhler, Allgemeine Trachtenkunde, Bd. 1 = Altertum – Mittelalter, Leipzig: Reclam [1900/1901]: Chinesen und Japaner

 


Differenzierung mittels der Tracht

2329 Graubünden (Oberengadin)

2333 Solothurn (Oltner Tracht)

2336 Alte Bernertracht

2338 Aargau (Fricktal)

2339a Entlebucherin – 2339b Entlebucher

2358 Tessin (Verzasgatal)

Schweizerische Costumes- & Fahnen-Fabrik J. Louis Kaiser Basel, Catalog No. 25 [undatiert, nach 1901]

 


Kleider fremder Völker


Das Weib soll nicht Männerkleider tragen

5.Mos. 22,5: EJn Weib sol nicht Mans gerete tragen / vnd ein Man sol nicht Weiberkleider anthun / Denn wer solchs thut / der ist dem HERRN deinem Gott ein Grewel. (Luther 1554; moderne Übersetzung: Eine Frau soll keine Männerkleidung tragen und ein Mann keine Frauenkleidung. Wer so etwas tut, den verabscheut der Herr, euer Gott.)

Die französische Frauenministerin Najat Vallaud-Belkacem sorgte dafür, dass das wohl kurioseste Gesetz von Paris abgeschafft wurde: Bis am 31. Januar 2013 war es Frauen in der Hauptstadt Frankreichs offiziell verboten, sich «wie Männer anzuziehen».

Frauen, die Hosen trugen, konnten gemäss dem Gesetzesartikel verhaftet werden – ausser, wenn sie «einen Fahrradlenker oder Pferdezügel in den Händen hielten.» Die Bestimmung geht auf die Jahre der Französischen Revolution zurück, als die Rebellen im Gegensatz zur Bourgeoise keine Kniebundhosen – sogenannte Coulotten – trugen, sondern eben lange Hosen. Den Frauen der Bewegung wurde das Tragen solcher Hosen aber untersagt.

Quelle: http://www.20min.ch/panorama/news/story/Pariser-Frauen-duerfen-jetzt-Hosen-tragen-20013236

Paradieseskleider – noch vor dem Feigenblatt

 

Dô wâren sie ungehôrsam worden bêdiu ensant [beide miteinander]; ein wunneclîch gewant het in der tievel abegezogen, er hat siu bêdiu samt betrogen. Dô si daz obez gâzen [nachdem sie das Obst gegessen hatten], dô muosen si lâzen die wât [das Gewand] der unschulde. »Daz anegenge« [um 1180], hg. Dietrich Neuschäfer, München: Fink 1966 (Medium Aevum 8), Verse 1360ff.

unser herre hatte den erstin menschin also gischaffin, daz er ane sünde und ane allir slahte süche und ungemach mochte lebin, ob [wenn] er sin gebot niht hette zubrochin [gebrochen]. er hattin auch gewedit [gewandet, bekleidet] stolâ immortatlitais et innocentie, mit deme gewede der untotlichkeit [erg. und Unschuld]; al ging er nackit, er was idoch wol gewedit mit der gotis genadin. Altdeutsche Predigten, hg. Anton Schönbach 3 Bde., Graz 1886; Bd. I, S. 125

Nudus enim erat [Adam] a simulatione, sed vestiebatur luce divina. Augustinus, De Genesi contra Manichaeos II,xvi,5

Homo itaque peccator moritur in culpa, nudatur a iustitia, consumitur in poena. Hanc nuditatem peccatoris filii tegere dignatus est pater, qui eo redeunte dixit: Cito proferte stolam primam [Luc. XV, 22]. Prima quippe stola est vestis innocentiae, quam homo bene conditus accepit, sed male a serpente persuasus perdidit. Contra hanc rursum nuditatem dicitur: Beatus qui vigilat, et custodit vestimenta sua, ne nudus ambulet [Apoc. XVI, 15]. Vestimenta quippe custodimus cum praecepta innocentiae servamus in mente, … Gregorius Magnus, Moralia in Iob XII,vi § 9

Redde mihi, Domine, obsecro, stolam immortalitatis, quam perdidi in praevaricatione primi parentis; … Gebet des Bischofs / Priesters beim anlegen der Stola (Jungmann I,30)

Brian Murdoch, The Garments of Paradise. A Note on the Wiener Genesis and the Anagenge, in: Euphorion 61 (1967), 375–382.

Josef Andreas Jungmann S.J., Missarum Solemnia. Eine genetische Erklärung der römischen Messe, Wien 1948, 5., verbesserte Auflage 2 Bde., Wien: Herder 1962.

http://en.wikipedia.org/wiki/Vesting_Prayers

Bild: Lucas Cranach der Ältere (1472–1553)

 


Die Kleidung der Auferstandenen

Curiose und nachdenckliche Frage/ von was vor Materi die Kleider der Auserwehlten gemachet seyn?

Etliche halten dafür/ die Kleider der Auserwehlten seyn von Lufft gemachet.
[…] P. Barradius [Sebastiao Barradas S.J., 1543–1615] sagt: es werden die Auserwehlten zwar nicht mit Seidnen oder von Gold gestickten/ sondern mit Kleidern von Liecht geschmücket werden/ wie wir von GOtt selbst lesen im 103.Psalm: »Du bist mit einem Liecht umgeben/ wie mit einem Kleid.« […] Hieronymus Columbus lehret/ es sey aus dem Glantz der Herrlichkeit/ wovon die Gerechten leuchten werden wie die Sonne/ glaub=würdig abzunehmen/ daß ihre obgleich alsdann duchscheinliche Leiber an den jenigen Gliedmassen/ derer sie sich auf Erden geschämet/ in dem Himmel mit einem duncklen/ dem Mahler=Schatten nicht ungleichen/ Liecht werden bedecket werden. 

Erster Theil der von allerhand Materien handlenden Unterredungs-Kunst Darinnen Die ersten fünftzig Quellen Mit nützlich-Curiosen/ nachdencklichen und zu des Lesers sonderbarer Belustigung gereichenden Materien und Exempeln enthalten / Anfangs in Lateinischer Sprache verfertiget. Von Johanne Adamo Webero ... Anitzo aber In das Teutsche übersetzet Und ... vermehret. Von J. C. B., Nürnberg: Endter 1676; Dreyssigste Quelle; Das XI. xempel, S. 551ff.

 


Schutzmantel

Die Umhüllung oder Bedeckung einer Person mit dem Mantel symbolisiert deren Aufnahme in den Rechts- und Schutzbereich des Mantelträgers.

Die verwitwete Moabiterin Ruth arbeitet in Israel als Ährenleserin bei Boas, einem entfernten Verwandten von Noomi. Boas erkennt ihr Eintreten für ihre Familie un verwendet sich für sie. Ihres Schweigermutter rät Ruth, sich nach der Feldarbeit zu Boas’ Füßen  zu legen. Boas bemerkt dies nachts. Ruth bittet Joas: »Breite den Saum deines Gewandes [Vg. pallium] über deine Magd [= mich], denn du bist Löser [hebr. go'el].« (Ruth 3,9) – Vgl. Ezechiel 16,8: JHWH breitet seinen Mantel aus über Israel, d.h.: er ist sein Löser.

Schutzmantelmadonna

Caesar von Heisterbach S.O.C. berichtet von einer Vision eines Zisterzienesermönchs, der unter dem Mantel von Maria Mönche und Nonnen versammelt sieht.

Ein Mönch unseres Ordens, der unsere Herrin überaus liebte, wurde vor einigen Jahren im Geist entrückt und zur Anschauung der himmlischen Herrlichkeit geführt. Dort sah er die verschiedenen Ränge der triumphierenden Kirche […] Regularkanoniker, Prämonstratenser, und Cluniazenser. Als der da stand und besorgt nach seinem Orden Ausschau hielt, aber keine Person aus jenem Orden [gemeint sind die Zisterzienser] in jener Herrlichkeit erblickte, wandte er sich seufzend an die heilige Gottesmutter. […] Als die Königin des Himmels ihn so betrübt da stehen sah, erwiderte sie: »Die Zisterzienser sind mir so lieb und vertraut, dass ich sie sogar unter meinen Arme wärme.« Dann öffnete sie den Mantel, mit dem sie bekleidet und der von einer wunderbaren Weite war (aperiens pallium suum quo amicta videbatur, quod mirae erat latitudinis), und zeigte ihm darunter die unermessliche Schar von Mönchen, Konversen und Nonnen. Voller Jubel und Dank kehrte da sein Geist in den Körper zurück, und er erzählte, was er gehört und gesehen hatte, seinem Abt.

Caesarius von Heisterbach (um 1180 bis 1240), Dialogus miraculorum (hg. von Joseph Strange, Köln 1851, Distictio septima, Cap. LIX) = Dialog über die Wunder, lateinisch-deutsch, übersetzt und kommentiert von Nikolaus Nösges und Horst Schneider (Fontes Christiani Band 86, 1–5) Turnhout: Brepols 2009. 7,59 = Band 3, S.1501ff.

Maria, breit den Mantel aus,
mach Schirm und Schild für uns daraus;
laß uns darunter sicher stehn,
bis alle Feind vorübergehn.

In Ulrich Tenglers »Laienspiegel« hat die Mantelgeste Marias eine andere Funktion. Hier schützt Maria die Menschheit vor den Anklagen der Teufel. Vgl. Layenspiegel: Von rechtmässigen ordnungen in Burgerlichenn vnd Peinlichen Regimenten, Straßburg, 1510 > https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/drwtengler1510/0144

 

Hier aus: Ulrich Tengler (Jurist, um 1477 – 1511), Der neü Layenspiegel, Augspurg 1511.

Vgl. den Artikel von J. Seibert in: Engelbert Kirschbaum / Wolfgang Braunfels u.a. (Hgg.), Lexikon der christlichen Ikonographie, Freiburg 1968–1976; Bd. IV, 128–133.

 

In der Geschichte der Berufung des Elischa spielt der Mantel eine wichtige Rolle. Elischa ist am Pflügen (1Kön = 3 Reg 19,19ff.), Im Vorbeigehen wirft der Prophet Elija (Elias) seinen Mantel über ihn. Durch den Mantel hat sich Elija ein Recht auf Elischa erworben, dem dieser sich nicht entziehen kann. Sogleich verlässt Elischa die Rinder und folgt, nachdem er sich von Eltern und seinen Leuten verabschiedet hat, dem Elija. – Der Mantel ist überdies zauberkräftig, mit ihm kann Elija das Wasser des Jordans teilen so wie Moses das Rote Meer (2 Kön  = 4 Reg 2,8). – Elischa möchte als geistiger Erbe des Elija anerkannt werden; dies wird ihm zuteil, weil nur er sieht, wie Elia in einem feurigen Wagen zum Himmel auffährt (2 Kön 2,9ff.). Den Mantel (Vg. pallium), der dem Elia entfallen ist, hebt Elischa auf (13), und er kann damit das gleiche Wunder wirken. Damit ist anerkannt, dass der Geist des Elija auf Elischa ruht.

60 Biblische Geschichten des alten Testaments in Kupfer geäzt von Iohann Rudolf Schellenberg [1740–1806], In Verlag Heinrich Steiners und Comp\nie in Winterthur 1774.

 

Auf der Hinterglasmalerei (rumänisch, 20.Jh.) ist unten rechts Elischa beim Pflügen, unten links mit dem Mantel dargestellt, oben fährt (der ältere weisshaarige) Elija gen Himmel (altkirchenslaw. mit Prophet Elias angeschrieben: ПРОРOKӰ ЇЛЇЄ)

Die Szene mit Elias im Wagen in der Schedelschen Weltchronik (1493)


Die nackte Wahrheit

Achtung: Hier werden mitunter Bilder nackter Menschen gezeigt; es handelt sich indessen um fiktive Bilder, nicht um Abbildungen lebender Personen ....


Horaz
kennt die nuda Veritas (Carm. I, xxiv, 7)

----

Maffeo Vegio (1407–1458) = Maphaeus Vegius, Philalethes, [Nürnberg]: [Johannes Regiomontanus], [um 1474/75]

Klagred der Warheit in aller welt geschmecht und verjagt / von dem hochberbümpten Poeten vnd Oratorn Mapheo Vegio in Latin beschriben, allen liebhabern der Warheit lüstig und nützlich zu lesen, aus dem Lat. [von Melchior Ambach], Frankfurt am Mayn 1543

http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0002/bsb00021616/images/?nav=1&viewmode=1

Es handelt sich um eine Kulturkritik in Gestalt eines Dialogs zwischen der Wahrheit und PHILALETHES (Freund der Wahrheit, griech. aletheia). Die personifizierte Wahrheit stellt sich so vor: Dieweil ich nimmer verborgen bin noch eingeschlossen […] bin ich dich schnell mit disen flügeln/ Die ich auch allweg bloß vnd nimmer bekleidet bin.

Ihr nackter Leib ist geschunden wie im Bild dieser Ausgabe:
> http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/pageview/3367122

Sie erzählt, welche Stände ihr Leid zugefügt haben, wobei die Vergehen gegen die Wahrheit – im Bild bleibend – als Verletzungen durch typische Werkzeuge imaginiert werden. Insbesondere stechen hervor: die Pfaffen, die ihre Gebete nur herunterplappern und, kaum der Warhheit ansichtig, sie mit Rauchfässern, Leuchern, Schneutzen, Ampeln, Kelchen, ja mit Kruzifixen peinigen. Dann die Weiber, die auf sie einstürmen mit Kunkeln, Spinnrädern, Spindeln, Haspeln, Messerlein, Gufen, sodann mit Schmuckstücken (halßbanden/ gollern/ schleiern/ hauben/ strelen/ pürsten/ zöpffen/ spiegeln/ bruntzkacheln […]/ mit köstlichen salbengläsern/ welche sie sich zu ferben/ und den hengst zu steichen/ in bereitschafft halten). Ferner die Advocaten und Richter, Amtleute, Notare, die sie mit ihrem Schreibzeug und Tintengefässen verletzen, weil sie die Wahrheit nicht aushalten.

-----

Auf dem allegorischen Bild von Sandro Botticelli (1445–1510), »Die Verleumdung des Apelles« (1494/95) erscheint die Warhheit nackt: > http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/85/Sandro_Botticelli_021.jpg

  (Ausschnitt)

(Es ist eine sog. Ekphrasis, ein Bild, das auf der Basis eines bildlos überlieferten Texts gezeichnet ist.)

Dazu der Text in der Fassung von Peter Lauremberg, Neue und vermehrte ACERRA PHILOLOGICA (1717) VI, 18  > http://www.zeno.org/nid/20005239117

Mehr dazu hier > Calumnia allegorieseminar

-----

Der Drucker Johannes Knobloch (tätig in Straßburg 1504–1528) lässt auf seiner Druckermarke die Wahrheit nackt aus einer Höhle steigen:

HABACVC PROPHETA CVM ANNOTATIONI BVS MARTI. LVTHE. Iohanne Lonicero Interprete. Straßburg: Johann Knobloch d.Ä. 1526.
> http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001464F00000000

• oben steht: hē alḗtheia = Die Wahrheit

• der hebräische Text ist Psalm 85,11 (hebr. Bibel) / 85,12 (in deutschen Überss.) / 84,12 (Vulgata) אֱמֶת מֵאֶרֶץ תִּצְמָח = Die Wahrheit wird aus der Erde hervorsprossen.

• unten steht: Verum quum [cum] latebris delituit diu, emergit = Das Wahre, das sich lange in Schlupfwinkeln verborgen hat, tritt hervor

• das griechische Zitat rechts: Άγει δε προς φώς την αλήθειαν χρόνος = (Die) Zeit bringt die Wahrheit ans Licht. (Danke, Jörg, für die Hilfe!)

Das Zitat hat Knobloch wohl entnommen Erasmus, »Adagia«, 1317. II, IV, 17: Tempus omnia revelat. (Die dritte Auflage der Adagia erschien bei Froben in Basel 1513).

Erasmus seinerseits zitiert Aulus Gellius (XII, xi, 6) der einen Vers des Sophokles zitiert: die ewige Zeit … deckt alles auf.

Auch eine vom Komödiendichter Menander überlieferte Sentenz kennt diesen Satz (nicht bei Erasmus).

Erstmals verwendet in einer Stobaios-Ausgabe 1521; dann 1522 in einer Ausgabe von Erasmi Lob der Torheit; vgl. Anja Wolkenhauer: Zu schwer für Apoll. Die Antike in humanistischen Druckerzeichen des 16. Jahrhunderts. Wiesbaden, Otto Harrassowitz 2002, S. 245.

-----

Cesare Ripa:

 

Verità aus: Cesare Ripa, Iconologia. Overo descrittione di diverse imagini cavate dall'antichità, e di propria inventione  trovate et dichiarate da Cesare Ripa […] Di nuovo revista. Roma: Lepido Faci 1603 .

VERITÀ.
Una bellissima donna ignuda, tiene nella destra mano alta il Sole, il quale rimira, et con l'altra un libro aperto con un ramo di palma et sotto al destro piede il globo del mondo. […] Ignuda si rappresenta, per dinotare che la simplicità gli è naturale; […] Il medesimo dice Seneca nell'Epistola quinta, che la verità è semplice oratione, però si fa nuda et non deve havere adornamento alcuno.

Mehr zu Ripa hier > https://www.uzh.ch/ds/wiki/Allegorieseminar/index.php?n=Main.CesareRipa

-----

Guillaume de La Perrière (1499–1565) zeigt, wie Tempus seine Tochter, die Wahrheit suchte, die sich in einem Brunnenschacht versteckt hatte, und wie Demokrit (der lachende Philosoph) sie ihm zeigt:

Le Temps cherchoit sa fille Verité
Qui se cachoit pour n’avoir grandz appyus,
Democritus homme d’authortité
La luy montra cachée dans un puys.

La morosophie de Guillaume de la Perriere Tolosain contentant cent emblemes moraux, illustrez de cent tetrastiques latins, reduitz en autant de quatrains francoys Lyon 1553.
> http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k311208r
> https://archive.org/stream/gri_33125008244523#page/n1/mode/2up

-----

Edouard Debat-Ponsan (1847–1913): La vérité sortant du puits (1898) Musée d'Orsay

> https://en.m.wikipedia.org/wiki/File:Truth_Leaving_the_Well.gif

-----

Veritas temporis filia (Jan van der Straet inv.; Jan Collaert II sc.) vor 1612

Die Wahrheit bringt seine (lat. tempus ist grammat. Neutrum) Tochter Wahrheit ans Licht; ihr widersetzt sich Invidia (der Neid):

Quæ dudum latuit tenebris immersa profundis,
     Puteoque sese altissimo occultaverat,
Quamvis Invidia obnitente in luminis auras
     Prognata tempore nuda prodit VERITAS.

> https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1957-0413-258

François Lemoyne (1688–1737) malt das Bild »Le Temps sauvant la Vérité du Mensonge«

Danach das Kupfer von Laurent Cars.

---------------

La Nature se dévoilant

Louis Ernest Barrias (1841–1905) »La nature se dévoilant à la Science« (Musée d’Orsay, Paris)

Cette statue est commandée en 1889 pour orner la nouvelle faculté de Médecine de Bordeaux.

-----

Édouard Debat-Ponsan (1847–1913), La Vérité sortant du Puits (1898)

Der französische Hauptmann Alfred Dreyfus (1859–1935) wurde der Spionage für Deutschland beschuldigt und 1894 zu lebenslänglicher Verbannung verurteilt. Nachdem seine Unschuld immer offensichtlicher wurde, strengten liberale Kreise ein Revisionsverfahren an, so dass der Prozess 1899 nochmals aufgerollt wurde. Der Maler zeigt, wie die Wahrheit aus einem Brunnen hervortritt und sich der klerikalen Scheinheiligkeit und militärischen Gewalt entwindet.

 


 Budget

aus: H. Aubin / W. Zorn, Handbuch der dt. Wirtschfts- und Sozialgeschichte, Bd. 1, Stutgart 1971; S. 324f.

 


Rabelais / Fischart

Johann FISCHART: »Affentheuerlich Naupengeheuerliche Geschichtklitterung.«

Das Eilfft Capitel.
Von des Gargantua lustiger Kleidung, und deren bescheidung.

Als nun das jung Hosenscheisserlin inn das alter kommen, daß er seinen treckgespickten, geherteten, Pruntzgebeitzten, ärmelerleuchteten, katgebordeten, Mistpretextirten, mit Baurenpurpur umporphirirten und Carmesinirten Levitenbeltz, unnd Türckentalar solte außziehen: und in ein Latzgehorntes vernestelt geses, für die weiß Purentogam der Römer schlifen, pflegt sein Vatter grosses bedenckens darüber, dann er wust die Kante verßlin. Im faulen veste, nimand tractatur honestè, kleidung ist der Mann, wer sie hat zulegen an. Wiewol inn vestimentis nicht ist Sapientia mentis: So mäsigt er es, so viel ihm möglich, Kleidet ihn nach seinem stand, und fürnemlich inn seine Farb, welche weiß und plau war, fein auff den neuen schlag.


Weiter bei http://www.zeno.org/Literatur/M/Fischart,+Johann/Roman/Geschichtklitterung/Das+11.+Capitel

Synoptischer Abdruck der Fassungen 1575 / 1582 / 1590 durch Hildegard Schnabel (Neudrucke deutscher Literaturwerke 65–69), Halle 1969. — dass. [nur bis Kap. 16] als Band 151 der Anderen Bibliothek, Frankfurt/M.:Eichborn 1997  [Das Glossar von Ute Nyssen (Darmstadt: wbg 1967) ist hier in kleiner Kursivschrift eingearbeitet; die entsprechenden Textstellen aus Rabelais’ »Gargantua« sind in dt. Übersetzung in Textkästchen beigegeben]. 

 


Inkognito

Julius Bernhard von Rohr (1688–1742), Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft Der großen Herren, Die in vier besondern Theilen Die meisten Ceremoniel-Handlungen, so die Europäischen Puissancen überhaupt, und die Teutschen Landes-Fürsten insonderheit ... zu beobachten pflegen : Nebst den mancherley Arten der Divertissemens vorträgt ... und ... aus dem alten und neuen Geschichten erläutert, Berlin 1733.

I. Theil, 3. Capitul: Von der Kleidung

http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10557477_00056.html


Kaiser Karl der Große († 814)

Karl, der rüstigste unter den rüstigen Franken (exercitatissimus exercitatissimorum Francorum), sagte an einem Festtag nach der Feier der Messe zu den Seinigen: ›Um nicht, in Müßiggang hinlebend, der Trägheit zu verfallen, lasst uns auf die Jagd gehen, bis wir etwas erbeuten, und lasst uns alle in der Kleidung ausziehen, die wir jetzt anhaben.‹ Es war aber ein kalter Regentag, und Karl selbst hatte einen Schafspelz an von nicht viel größerem Wert als jener Rock des heiligen Martin, mit welchem angetan dieser mit bloßen Armen Gott das Opfer unter göttlichem Beifall dargebracht haben soll (habebat pellicium berbicinum non multo amplioris praecii, quam erat roccus ille sancti Martini …).

Die übrigen aber gingen, da Festtage waren und sie von Padua kamen, wohin eben Venetianer von jenseits des Meeres alle Reichtümer des Ostens gebracht hatten, gekleidet in Häute phönizischer Vögel, mit Seide eingefaßt, dann geziert mit der Hals- und Rückenhaut und den Schwanzfedern der Pfauen und mit tyrischem Purpur oder orangefarbenen Streifen verbrämt, andere in Marder und Hermelinfelle gehüllt (phenicum pellibus avium serico circumdatis et pavonum collis cum tergo et clunis mox florescere incipientibus, tyria purpura vel diacedrina littea decoratis, alii de lodicibus, quidam de gliribus circum amicti procedebant). So durchstreiften sie den Wald, und zerfetzt von Baumzweigen und Dornen, vom Regen durchnässt, auch durch das Blut der Tiere und die frisch abgezogenen Felle beschmutzt, kehrten sie zurück.

Da sprach der listige (astutissimus) Karl: ›Keiner von uns ziehe seinen Pelz aus, bis wir schlafen gehen, damit er auf unserm Leib besser trocknen könne.‹ Nach diesem Befehl sorgte jeder mehr für seinen Leib als für sein Kleid und suchte sich überall ein Feuer, um sich zu wärmen. Bald aber zurückkehrend und im Dienste des Herrn bis tief in die Nacht verweilend, wurden sie endlich nach Haus entlassen. Und da sie nun anfingen, die feinen Felle oder noch dünneren Seidenstoffe auszuziehen, machte sich das Brechen der Falten und Nähte weithin hörbar, wie wenn man dürres Holz zerbricht, und sie seufzten und jammerten und klagten, daß sie so viel Geld an einem einzigen Tag verloren hatten. Vom Kaiser aber erhielten sie den Befehl, sich ihm am nächsten Tag wieder in denselben Pelzen vorzustellen.

Das geschah, und da nun alle nicht in schönen Gewändern glänzten, sondern von Lumpen und farbloser Hässlichkeit starrten, sprach der verständige (industria plenus) Karl zu seinem Kämmerer: ›Nimm jetzt meinen Pelz in die Hand und bring ihn uns vor Augen.‹ Unversehrt und glänzend weiss wurde er gebracht, und er nahm ihn in die Hand, zeigte ihn allen Anwesenden und sprach: ›O ihr törichtesten aller Menschen, welches Pelzwerk ist nun kostbarer und nützlicher, meines hier, das ich für einen Schilling gekauft habe, oder eure da, die nicht nur Pfunde, sondern viele Talente gekostet haben?‹ Da schlugen sie die Augen nieder und vermochten nicht seinen schrecklichen Anblick zu ertragen (Tunc vultibus in terram declinatis, terribilissimam eius animadversionem sustinere nequibant).

Gesta Karoli Magni, Ausgabe von Hans F. Haefele, Notker der Stammler, Taten Kaiser Karls des Großen (Notkeri Balbuli Gesta Karoli Magni imperatoris), Berlin 1959 (Scriptores rerum Germanicarum, Nova series 12) 2. Auflage 1980. – Deutsche Übersetzung von Wilhelm Wattenbach, Berlin 1877 (Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit. Neuntes Jahrhundert, Bd. 13)


Fontange

Vom Versailler Hof aus hat sich seit 1680 bei den Damen-Frisuren die ›Fontange‹ verbreitet.

Die Fontangen haben ihren Nahmen von der Madame Fontange in Frankreich bekommen, so mit dem König auff der Jagd gewesen, und sich wegen allzu grosser Hitze einen dergleichen hohen Auffsatz von grünem Laub und Blättern gemacht, welcher nicht nur bey dem König approbation gefunden, sondern auch anderen Dames hernach zum Modell ihrer Hauben dienen müssen.  Amaranthes [= Gottlieb Siegmund Corvinus], Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-Lexicon, Leipzig: Gleditsch 1715.

Das mit Gummi Arabicum gestaltbar gemachte Haar wurde über einer gesteiften Haube oder gar einem Drahtgeflecht als Locken-Kaskade aufgebaut. Die am Hof lebende Liselotte von der Pfalz schreibt in einem Brief (1688), der König habe an der Tafel erzählt, dass ein Coiffeur in England die Damen so hoch aufgesetzt habe, dass sie nicht mehr in ihrer Sänfte haben sitzen können, so dass sie ihre Sänften höher machen liessen. Die Mode verbreitete sich in Windeseile über Europa. – Sie hat den Eifer der Sittenprediger heraufbeschworen; dazu zwei Titel:

Der gedoppelte Blasbalg der üppigen Wollust, nemlich die erhöhete Fontange und die blosse Brust, mit welchem das alamodische und die Eitelkeit liebende Frauenzimmer in ihrem eigenem und vieler unvorsichtigen Manns-Personen sich darin vergaffenden Herzen ein Feuer der verbothenen Liebes-Brunst angezündet, so hernach in einer hellleuchtenden grossen Flamme einer bitteren Unlust ausschlägt, Jedermänniglich, absonderlich dem Tugend und Ehrbarkeit liebenden Frauenzimmer zu guter Warnung und kluger Vorsichtigkeit vorgestellet und zum Druck befördert durch Ernestum Gottlieb, bürtig zu Veron, 1689.

Das von teutschen Geblüth und Frantzösischen Gemüth Leichtsinnige Frauenzimmer. Wie dasselbe In drey unterschiedenen Classen eingetheilet/ anzusehen: I. In ihren übermüthigen Kleider=Pracht/ Mit welchen gar nahe vergesellsachafft/ vnnd ausser den nicht bestehen kan. II. Die hochgehürnete FONTANGE; Und III. Die Schandloß=geblößten Brüste. Auß welchen allen die Hindansetzung der einem jeden von Natur eingepflantzeten Schamhafftigkeit/ und der hierdurch zugleich mit angenommenen Leichtsinnigkeit Sonnen=klahr abzunhemen. Allen denen/ so diesen Eitelkeiten ergeben/ zum sonderbahren Abschrecken vorgestellet durch B.C.B.T.A. [ohne Ortsangabe], 1691.

 

 

Ein Imitator von Abraham a Sacta Clara schreibt (vgl. die Abb.):

Woher und wannen die Fontange, diese stinckende und viel=fressende Hoffart eigentlich ihren Ursprung genommen, davon redet die Welt gantz unterschiedlich. Die meisten halten davor, die Fontange seye in dem Gehirn einer Französischen Damen erzeuget worden. Diese war bey dem Frantzosichen Hoff, und nennet man sie Mademoiselle de Fontange. Einstmals als die Haubt=Schmertzen die Glückseeligkeit ihres Zustands verbitterten, lösete sie aus Ungeduldt ein Knie=Band von dem Fuß, und knüpffte solches um das Haupt, also, daß die Maschen gerad über die Stirn stunde. Inzwischen gabe ihr der König die Visite, sie fragend: Mademoiselle, Was ist das? Das stehet euch wohl an. Alsobald faste solches das übrige Frauen=Zimmer bey Hoff. Des andern Tgas erschienen alle Damen in der Fontange, um den König zu gefallen, mit dergleichen umwundenen Köpffen. Da breitete sich die Mode aus. [usw., mit scharfen Ausfällen]

Mala Gallina, Malum Ovum, Das ist: Wie die Alten sungen, so zwitzern die Jungen. Im Zweyten Centi-Folio Hundert Ausbündiger Närrinnen, …, Nach voriger Alapatrit-Pasteten-Art So vieler Narren Generis Masculini, Anjetzo auch Mit artigen Confecturen, Einer gleichen Anzahl Närrinnen Generis Foeminini, […]  Bey Johann Christoph Weigel, Kupfferstechern in Nürnberg. Gedruckt bey Andreas Heyinger, Univers. Buchdruckern, [1713]

Der Toggenburger Dichter Johannes Grob (1643 – 1697) macht einen Scherz, indem er zunächst die Haarmode aufs Korn nimmt, dann aber in brüsker Wendung die Männer:

Fontanges

Das Frauenzimmer lässt sich nicht mehr untersagen,
Das neue Stirngerüst, ich meine dies, zu tragen,
So man Fontange heisst, die aufgespitzte Zier,
Ragt bei dem schönen Volk als wie ein Horn herfür.
Wie nun dies stolze Horn so herrlich sich muss fügen,
Wie kommt es, dass sie sich mit einem nur vergnügen?
Das Hornrecht ist gestellt und bleibt auch unverstört,
Wodurch der Frauen eins, dem Mann ein Paar gehört.

Reinholds von Freienthal Poetisches Spazierwäldlein, bestehend in vielerhand Ehren-, Lehr-, Scherz- und Strafgedichten, Gedrukt im Jahr 1700, S.209f.
Dass dem Mann "ein Paar Hörner gehört", ist eine Anspielung auf den >>> Hahnrei (Cornutus)


Vgl. den Artikel »Kopfputz« in: Damen-Conversations-Lexikon, Herausgegeben im Verein mit Gelehrten und Schriftstellerinnen von Carl Herloßsohn (1804–1849), A[lt]dorf: Verlags-Bureau, 1834–38. (digitalisiert bei Zeno.org)

 


Scha‘atnes

Du sollst nicht anziehen ein Kleid, das aus Wolle und Leinen zugleich gemacht ist. (5.Mos. = Deut. 22,11) – Meine Satzungen sollt ihr halten: Lass nicht zweierlei Art unter deinem Vieh sich paaren und besäe dein Feld nicht mit zweierlei Samen und lege kein Kleid an, das aus zweierlei Faden gewebt ist. (3.Mos. = Leviticus 19,19)

Mischna, Traktat Kil’ayim 9,3: Bei Handtüchern, Toramäntelchen und Frottiertüchern hat das Gesetz der Mischgewebe keine Geltung. R. Eleazar verbietet es auch bei diesen.

 


Lange Ärmel

 

Karikatur aus einer Oxforder Handschrift. Aus: Alwin Schultz, Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger, Zwei Bde., 2. Aufl. 1889, Reprint: Osnabrück: Zeller 1965; Band I, Fig. 85; Vgl. dort S. 255ff.

Wann wir vnsern Leib bey seinem Eyd fragen/ so würde er gewißlich schwören vnd bekennen/ das er keines wegs begere zutragen weite Hosen vnd lange Mäntel/ den Wind damit auffzufangen/ noch lange Röcke vnd Kutten/ die Gassen darmit zu kehren/ immassen die Hofherren vnnd Frawen vom Adel thun. Dann zu Hof/ vnd sonsten allenthalben ehret man nicht den jenigen/ der sich nach notturfft kleidet/ sondern im selben fall die vbermaß brauchet.

Cortegiano: Das ist: Der rechte wolgezierte Hofmann : darin viel schöner Regel und Anweisungen/ wie sich ein jeder Adelicher Hoffmann/ Rath/ und Diener gegen seinem Herren ... verhalten solle ... / Erstlichen in Hispanischer Sprach Durch: Herrn Antonium De Guevara beschrieben. Jetzund ... in Deutsche Sprach versetzet/ Durch: Aegidium Albertinum ..., Leiptzig : Grosse 1620; S. 110.


digital: http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=drucke/xb-2486-2s


Das Priesterkleid Aarons (Exodus 28, 1ff.)

2 Vnd solt Aaron deinem Bruder heilige Kleider machen / die herrlich vnd schön seien. 4 Das sind aber die Kleider die sie machen sollen / Das Schiltlin / Leibrock / Seidenrock / Engenrock / Hut vnd Gürtel. Also sollen sie heilige Kleider machen deinen bruder Aaron / vnd seinen Sönen / das er mein Priester sey. 5 Dazu sollen sie nemen gold /gele seiden / scharlacken / rosinrot / vnd weisse seiden. 6 Den Leibrock sollen sie machen von gold / geler seiden / scharlacken / rosinrot / vnd gezwirnter weisser seiden / künstlich / 7 Das er auff beiden achseln zusamen gefügt / vnd an beiden seiten zusamen gebunden werde. 8 Vnd seine Gurt drauff / sol derselben kunst vnd wercks sein / von gold / geler seiden /scharlacken / rosinrot / vnd gezwirnter weisser seiden. 9 Vnd solt zween Onicherstein nemen / vnd drauff graben die Namen der kinder Jsrael / 10 auff jglichen sechs namen / nach dem orden jrs Alters. 11 Das soltu thun durch die Steinschneiter / die da Siegelgraben /also / das sie mit gold vmbher gefasset werden. 12Vnd solt sie auff die schultern des Leibrocks hefften / das es Steine seien zum Gedechtnis fur die kinder Jsrael / Das Aaron jre namen auff seinen beiden schultern trage fur dem HERRN zum Gedechtnis. […] (Lutherbibel 1545)

Bild aus der Schedel’schen Weltchronik (1493), fol. XXXIIIr.


Entehrung durch Verunstaltung des Kleids

2. Samuel 10 (= 2 Reg 10)
1 Und es begab sich danach, dass der König der Ammoniter starb und sein Sohn Hanun wurde König an seiner statt. 2 Da sprach David: Ich will Hanun, dem Sohn des Nahasch, Freundschaft erweisen, wie sein Vater mir Freundschaft erwiesen hat. Und er sandte hin und ließ ihn durch seine Gesandten über seinen Vater trösten. Als nun die Gesandten Davids ins Land der Ammoniter kamen, 3 sprachen die Obersten der Ammoniter zu ihrem Herrn Hanun: Meinst du, dass David deinen Vater vor deinen Augen ehren wolle, wenn er Tröster zu dir gesandt hat? Meinst du nicht, dass er dazu seine Boten zu dir gesandt hat, damit er die Stadt erforsche und erkunde und zerstöre? 4 Da nahm Hanun die Gesandten Davids und ließ ihnen den Bart halb abscheren und die Kleider halb abschneiden bis unter den Gürtel und ließ sie gehen. 5 Als das David angesagt wurde, sandte er ihnen Boten entgegen; denn die Männer waren sehr geschändet. (Lutherbibel 1984)

Der König der Ammoniter schändet Davids Boten. Aus dem »Speculum humanae salvationis«, wo es in Parallele gesetzt wird mit anderen alttestementlichen Szenen und der Dornenkörnung Jesu (Matth 27,27–30).

1. Chronik 19,4 Da nahm Hanon die Knechte Davids und schor sie und schnitt ihre Kleider halb ab bis an die Lenden und ließ sie gehen. 5 Und etliche gingen hin und sagten es David an von den Männern. Er aber sandte ihnen entgegen; denn die Männer waren sehr geschändet. Und der König sprach: Bleibet zu Jericho, bis euer Bart wachse; so kommt dann wieder.

Taferelen der voornaamste geschiedenissen van het Oude en Nieuwe Testament, En andere boeken, bij de heilige schrift gevoegt, door de vermaarde kunstenaars Hoet, Houbraken, en Picart getekent, en van de beste meesters in koper gesneden, en met beschrijvingen uitgebreid. ’s Graavenhaage: Pieter de Hondt 1728.
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b55005983g

Entehrung des Herzogs von Bayern, Adelger, durch Kaiser Severus, Verse 6692ff.

In dem senâte
berieten si sih trâte:
si sniten im ab sîn gewant,
daz iz im an den cnien widerwant —
dâ wolten si in gescenden mite —,
daz hâr si im vor ûz sniten.
alsô wolten si entêwen
[ ~ entrechten]
den aller tiuristen hêrren
der ze Baieren ie lant gewan.

Die Kaiserchronik eines Regensburger Geistlichen, hg. Eduard Schröder, Hannover 1892.  


Kleider zur Kennzeichnung von sozialen Gruppen




Christliche und jüdische Theologen diskutieren über die Messianität Jesu.

Der Seelen Wurzgarten, Augsburg: Johann Schönsperger, 1484.

> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00031616/image_44

 


Schuhe der Priester



Campagi (Schuhe) und udones (Strümpfe) von Priestern und Bischöfen. Man könnte glauben, die Symbolik schließe an das Wort Jesu an und fordere so diese Amtsträger zu einem apostolischen Verhalten auf:

Markusevangelium 6,7 Und er rief die Zwölf zu sich und fing an, sie auszusenden je zwei und zwei, und gab ihnen Macht über die unreinen Geister 8 und gebot ihnen, nichts mitzunehmen auf den Weg als allein einen Stab, kein Brot, keine Tasche, kein Geld im Gürtel, 9 wohl aber Schuhe (Vulgata: calciatos sandaliis), und nicht zwei Hemden anzuziehen.

Dem ist aber nicht so. Diese Schuhe und Strümpfe wurden in der nach-konstantinischen Zeit von Standspersonen als Zeichen ihres Rangs getragen, vielleicht im Anschluss an Fußbekleidungen der römischen Senatoren. Es handelt sich also um eine Übernahme von profanen Rang-Abzeichen für die liturgische Symbolik.

J. Braun, Liturgische Gewandung (1907), S.284–424 »Die pontifikale Fußbekleidung«, insbes. S.421f. und Abb. 195.


Burka

Bernhard von Breydenbach, Die fart oder reysz über mere zu dem heylige[n] grab vnsers herren Jhesu cristi gen Jherusalem Auch zu der heyligen iunckfrawen sant Katherinen grab auf dem berg Synai, Augspurg: Sorg 1488. – Vgl. das Digitalisat der HAB

Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Burka


Sittenmandate

Kurze Beschreibung der gottesdienstlichen Gebräuche, wie solche in der reformirten Kirche der Stadt und Landschaft Zürich begangen werden, und durch David Herrliberger in schönen Kupfer-Tafeln vorgestellet sind, Zürich / Basel 1751. Tafel 7, Nr. 2.

Da WIR wahrnehmen müssen, dass die Beobachtung des zur Wohlfahrt unserer Stadt so heilsam errichteten Sitten- und Aufwand-Mandats allmählich wieder vernachlässigt, und zum allgemeinen Schaden der Haushaltungen hintenangesetzt werde, und zwar besonders und namentlich in Ansetzung folgender Punkte: Als
1. Des weiblichen Kopf-Gerüsts in die Kirche durch ganz unbescheidene Gehäube und Verzierungen.
2. Des bei der einfach gestrickten Arbeit an Manschetten, Halstüchern etc. aufkommenden Hineinstickens, des Tragens von Spitzen, Blenden etc.
3. Des Tragens allzu kostbaren Pelzwerks in Fütterung und Verbrämung der Manneskleider, der Mantillen und Halstücher der Frauenzimmer und der Kinder.
4. Des Tragens guter und falscher Perlen, Crystallen, Edelgesteinen etc, aller geschmelzter und in Miniatur gemalter Arbeit, aller auf Stahl, Elfenbein und anderen Materien aufgetragenen und eingelassenen Goldarbeiten bei aller Gattung Schmuck.
5. Des Versuchs zu allmählicher Wiederaufbringung der einen beträchtlichen Aufwand verursachenden Reifröcke. Die einreissende allzukostbare und übermässige Garnierung der Roben mit den manigfaltigsten Fransen, Geschlingen und  und Blumenwerken.
Welche Übertretungen alle dem klaren Buchstaben des Gesetzes entgegen sind, so wie über das auch dem Geist und Endzweck desselben zuwider laufen, und als eine verschwenderische Neuerung unserer Wachsamkeit zu heben obliegen.
Als haben WIR, um auch die sanftesten und liebreichsten Mittel einer landesväterlichen Zurechtweisung nicht ungebraucht zu lassen, unsere lieben Mitbürger durch diese öffentliche Verwarnung zu williger allgemeiner und besonderer Befolgung aller und jeder in obgenanntem Mandat enthaltenen Vorschriften auffordern, und vor unverschonender ernster Bestrafung im Unterlassungsfall vorgaumen wollen.
[vergaumen = bewahren vor etw.]

Actum [Zürich] den 25. Jenner 1776
Von den Verordneten zur Reformations-Canzley

Inge Spillmann-Weber, Die Zürcher Sittenmandate 1301-1797. Gelegenheitsschriften im Wandel der Zeit, Zürich: PKS-Verlag 1997.

 


Anlässlich von Tristans Schwertleite entfaltet Gottfried von Straßburg († um 1215) eine Allegorie der Kleider als Tugenden:

ir cleider wâren ûf geleit
mit vierhande rîcheit
und was der vierer iegelîch
in ir ambete rîch.
daz eine daz was hôher muot;
daz ander daz was vollez guot;
daz dritte was bescheidenheit,
diu disiu zwei zesamene sneit;
daz vierde daz was höfscher sin,
der naete disen allen drin.
si worhten alle viere
vil rehte in ir maniere.
der hôhe muot der gerte,
daz volle guot gewerte,
bescheidenheit schuof unde sneit,
der sin der naete ir aller cleit
und ander ir feitiure,
baniere und covertiure
und anderen der ritter rât,
der den ritter bestât.

Ihre [Tristans und seiner Gefährten] war versehen mit viererlei Schmuckstücken, von denen jedes einzelne prächtig war. Das eine war Hochstimmung; das zweite Reichtum; das dritte war Klugheit [mhd. bescheidenheit = Unterscheidungsvermögen], die diese beide richtig verbindet; das vierte war höfische Gesinnung, die alle drei einfasst. Alle vier wirkten auf ihre Weise prächtig zusammen. Die Hochstimmung forderte; der Reichtum gab; das feine Benehmen arrangierte und schnitt zurecht; und die Gesinnung nähte das Gewand für sie alle und ihre übrige Ausrüstung, die einem Ritter zustehen.

Gottfried von Straßburg, »Tristan und Isolt«, ed. Friedrich Ranke, Verse 4555ff.; Übersetzung nach Rüdiger Krohn (Reclams UB 4471).

Die Anregung zu dieser Allegorie stammt wohl aus dem Epheserbrief 6, 11-17: Greift zur Waffenrüstung Gottes, damit ihr an bösen Tagen Widerstand leisten könnt und nach dem Sieg über sie alle bestehen bleibt. So steht denn fest! Umgürtet eure Hüften mit Wahrheit! Legt Gerechtigkeit als euren Panzer an! Und die Bereitschaft, den Frieden zu verkündigen, sei das Schuhwerk, das ihr anzieht. Nehmt den Glauben als euren Schild auf; mit dem könnt ihr die feurigen Pfeile des Bösen löschen. Nehmt den Helm des Geistes und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes!

 


Ritualisierung biologischer Phänomene auf kultureller Ebene

Betonung der Schultern bei höheren Primaten-Männchen mittels Haaren und Haar-Ersatz:

Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Liebe und Hass. Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen, München: Piper 1970, S. 28f. (Mit freundlicher Genehmigung des Autors IEE)

Cul de Paris — eine ähnliche übertreibende Zurschaustellung  geschlechtstypischer Körperformen stellt der sog. französiche Steiß dar. Die Mode war aktuell etwa 1690–177 und dann wieder 1785–1790, dann nochmals 1870–75 und 1880–90 (sog. Turnüre).

  Quelle: Amaranthes [= Gottlieb Siegmund Corvinus], Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-Lexicon ... dem weiblichen Geschlechte insgesamt zu sonderbaren Nutzen, Nachricht und Ergötzlichkeit auff Begehren ausgestellet. Leipzig: Gleditsch 1715.

Quelle: Moniteur de la Mode 1885

Ebenso wird die weibliche Silhouette (Sanduhr-Form) durch das Korsett betont.

Montaigne schreibt in den »Essais« I,14 (= I,40 in der 1595er-Ausgabe): Pour faire un corps bien espaignolé quelle geine [géhenne = torture] ne souffrent elles, guindées et sanglées [cenglées], à tout de grosses coches sur les costez, jusques à la chair vive? Ouy quelques fois à en mourir.Welche Höllenqualen nehmen sie [die Frauen] nicht auf sich, um sich nach der spanischen Mode eine Wespentaille zu geben, geschnürt und eingezwängt, mit großen, tief ins Fleisch schneidenden Keilen an den Seiten, so dass manche schon daran gestorben sind. (übers. Hans Stilett)

Christian Gotthilf Salzmann (1744–1811) im Vorwort zu Samuel Thomas von Sömmerring (1755–1830), Über die Schädlichkeit der Schnürbrüste. Zwei Preisschriften durch eine von der Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal aufgegebene Preisfrage veranlasst, Leipzig: Crusius 1788. — 2. Auflage: S.Th. Sömmerring, Über die Wirkungen der Schnürbrüste, Berlin: In der Vossischen Buchhandlung (1793)
http://archive.org/stream/sthsmmerring00soem#page/n5/mode/2up

Die weibliche Brust ist oben enge, und erweitert sich nach unten; die Schnürbrust hingegen ist oben weit, und verengert sich nach unten; die Ribben der Brust sind nie auf beyden Seiten von gleicher Stærke, die Schnürbrust presst sie aber von beyden Seiten gleich stark zusammen; die Brusthöhle hat von dem Schöpfer ihre abgemessene Weite erhalten , damit Herz und Lunge darinne hinlænglichen Platz haben, und ihre, für Gesundheit und Leben so æusserst wichtige, Arbeiten ungestört verrichten können, die Schnürbrust verengert aber nicht nur diesen Raum, sondern zwingt auch die Brusthöhle, einen Theil der Eingeweide, die für den Unterleib bestimmet sind, mit aufzunehmen. So muss des weisen Schöpfers Werk sich verhunzen, und nach dem Leisten der Schnürbrust formen lassen. […] Wenn nun das Gehæus des Herzens gegen des Schöpfers Absicht zusammengepresst wird, kann es wohl auf die Fröhlichkeit Anspruch machen, die ihm der Schöpfer bestimmte? ists zu verwundern, wann Aengstlichkeit, Bangigkeit, Schwermuth in ihm erzeuget werden?

Hier das Bild Pierre Alexandre Wille, L’Essai du corset, 1788 (British Museum)

Etwas weniger anzüglich:

Quelle: Ludovic O’Followell, LE CORSET. Histore – Médecine – Hygiène. Paris 1905. Fig. 41

Parodie auf die Crinolinen-Mode. George Cruikshank (1792–1878), in: The Comic Almanack, 1850 (auf Wikimedia)

Norah Waugh, Corsets and Crinolines, New York: Theatre Arts 1954.

Patricia Ober, Der Frauen neue Kleider Das Reformkleid und die Konstruktion des modernen Frauenkörpers, Berlin: Hans Schiler 2005.

 


Aschenputtel

Da warf ihm der Vogel ein golden und silbern Kleid herunter und mit Seide und Silber ausgestickte Pantoffeln. In aller Eile zog es das Kleid an und ging zur Hochzeit. Seine Schwestern aber und die Stiefmutter kannten es nicht und meinten, es müsse eine fremde Königstochter sein, so schön sah es in dem goldenen Kleide aus. (KHM 21)

b. m.-p. Die künstlerische Einheit des Märchens erweist sich auch in der Behandlung der Kleider. Kleider werden im Märchen wie andere Dinge (Schlüssel, Ringe, Teppiche) funktional verwendet, um die Erzählhandlung zu konstituieren; sie dienen den Heldinnen und Helden dazu, bestimmte Aufgaben zu bewältigen. Sie stellen aber nicht ›symbolisch‹ die Gefühle der Figuren dar. Die Märchen-Figuren haben keine Innenwelt; das Märchen psychologisiert nicht, es ersetzt Inneres durch Äusseres und bringt es so zu Gesicht. Die Kleider selbst sind nicht dichterisch sinnenfreudig geschildert, sondern in abstraktem Stil nur genannt. (M. Lüthi spricht von der »Flächenhaftigkeit der Darstellung«.) Dabei kommt die Vorliebe des Märchenstils für das Metallische und Mineralische gern zum Tragen. Das Märchen liebt die extremen Kontraste und die scharfe Konturierung. Der Kleiderwechsel verwandelt den Schweinehirten schlagartig in einen Prinzen, Aschenputtel in eine Prinzessin. Asche steht Gold gegenüber, die Küche dem Ballsaal. 

Literaturhinweis: Max Lüthi, Das europäische Volksmärchen [1947], 4. Auflage (UTB 312), Bern 1974.


Masaniello

Christian Weise, »Trauer=Spiel von dem Neapolitanischen Haupt=Rebellen Masaniello«, Zittau 1682

Vierdter Handlung, Zwölffter Aufftrit: Masaniello ist auf der Höhe der Macht: der Vizekönig von Neapel leistet einen Eid auf den soeben verlesenen Revers über die Zölle, womit die alten Rechte wieder eingesetzt werden sollen.

Mas. (Steht im Silbernen Stücke mit einem blossen Schwerdte.)

[…] Verwundert sich iemand über diesen prächtigen Habit? Er ist mir wieder meinen Willen angeleget worden: Jhre Eminentz der Ertz-Bischoff hat mich bey Straffe des Bannes dahin gezwungen / daß ich bey dieser Solennität in einem Silbern-Stücke erscheinen müssen: allein nunmehro wil ich diesem Kleide gute Nacht geben / und meine alte Fischer-Hosen wiederum anlegen.

(Er reist an dem Kleide / und kan nicht zu rechte kommen / hiermit kniet er vor dem Vice-Roy.)

Ach jhr Excellentz erbarmen sich / und helffen mir das Kleid vom Leibe reissen / welches mir nicht anstehet. […] Ach jhr Leute / sehet wie wird ein ehrlicher Mann genöthiget / wieder seinen Willen stoltze Kleider zutragen: ach erbarmet euch / und betet vor mich / daß ich wieder zu meinen Fischer-Hosen komme.

e-Text bei: http://gutenberg.spiegel.de/buch/2103/10


Perücken

Johannes Grob (1643 – 1697):

Auf einen Perrükentrager

Die perrüke ziert dich artig, ist dir auch sehr wohl erlaubt,
Denn ein falsches haar gehöret billich auf ein falsches haubt.

Dichterische Versuchsgabe (1678), I,63.

Christoph Weigel (1654–1725) und Abraham a Sancta Clara (1644-1709)

In Ch. Weigels "Ständebuch" erscheint auch der Perruquenmacher:

Gottes Aug verlacht, Heuchler, deinen Pracht.

Man sinnt offt auff ein Hoffarts-Stuck,
und um der falschen Haare Schmuck,
    muß mancher Kopff sein Haar verlieren:
Viel besser wäre man bedacht,
das Hertz, ohn’ allen Heuchel-Pracht
    mit wahrer Tugend aus zu zieren.

Der Text (S.557–562) berichtet moral-frei die Geschichte der Perücken seit der Antike.

Abbildung Der Gemein-Nützlichen Haupt-Stände Von denen Regenten Und ihren So in Friedens- als Kriegs-Zeiten zugeordneten Bedienten an/ biß auf alle Künstler Und Handwercker/ Nach Jedes Ambts- und Beruffs-Verrichtungen/ meist nach dem Leben gezeichnet und in Kupfer gebracht/ auch nach Dero Ursprung/ Nutzbar- und Denkwürdigkeiten/ kurtz/ doch gründlich beschrieben/ und ganz neu an den Tag geleget von Christoff Weigel, Regenspurg 1698.

Der Kupferstich wird wiederholt und mit neuem Text versehen in:

Abraham a Sancta Clara. Etwas für Alle. Das ist: eine kurtze Beschreibung allerley Stands- Ambts- und Gewerbs-Persohnen/ Mit beygedruckter Sittlichen Lehre und Biblischen Concepten, Durch welche der Fromme mit gebührendem Lob hervor gestrichen/ der Tadelhaffte aber mit einer mässigen Ermahnung nicht verschont wird, [1. Teil] Nürnberg: Christoph Weigel 1699.

(S. 445ff.) Vor 40 Jahren habe man in Teutschland fast keine dergleichen Haar-Krämer gesehen/ sondern diese seynd in Franckreich ausgebrütet worden/ welches ohne das/ allerley neuer Modi ein Stammen-Haus ist. — Beispiele von Männern mit langen Haaren von Absalon bis ins Mittelalter.

Laurentius von Schnüffis (1633–1702)

Von der Torheit der falschen Haaren/ und Parucken

Inschrift auf dem Bild: Tumidae velamina mentis (≈ Hüllen eines aufgeblähten Charakters)
Auf dem Pferd: Deturpor ut ornem (≈ Ich werde entstellt, damit ich schmücke)

Num caput, usq; adeo peregrino crine gravatum,
    Forsan inane fuit vel nimis ante leve.

Daß haubt, von fremdem haar nun schwer
musß leicht gewest seyn, oder leer.

Strophe 12 als Beispiel:

Privatur fluidis fœmina crinibus,
Ut cinnis tumeat vir mulieribus,
    Fiat ut duplex ita turpitudo,
    Fœminæ calvæ, maris atq; compti.

12. Die Haar den Weibern schneidt man ab
    Durch
[um … willen] gelben Gelts-Liebkosen/
Auf daß der Pracht Hanß Locken hab
    Hinab biß auf die Hosen:
O Doppelschand! den Weibern zwar/
    So ihre Haar verlihren:
Den Männern/ die mit Weiber-Haar
    Sich/ gleich den Docken
[Puppen]/ zihren.

Futer über die Mirantische Maul-Trummel/ Oder Begriff/ In welchem der jetzigen Welt thorechtes/ von ihr aber gar schön vermeintes Beginnen in Lateinisch- und Teutschen Elegien/ samt schönen Sinnbildern/ und neuen Melodeyen mit sonderbarem deß Lesers Lust/ und Vergnügung an den Tag gegeben wird/ durch P.F. Laurentium von Schnüffis/ Vorder-Oesterreichischen Provintz Capucinern/ und Predigern […]. Costantz: Leonhard Parcus 1699.

Der Perüquen-Narr

Was tragen nicht zu dießer Zeit
Vor Närr’sche Hauben jetzt die Leuth;
So gar daß auch gemeine Lappen
Sich kauffen solche Schellen Kappen,
Nur schad ist’s daß dergleichen Rollen
auch gscheide Leute tragen sollen.

[Abraham a Sacta Clara fälschlich zugeschrieben]: Centi-Folium stultorum in Quarto. Oder Hundert Ausbündige Narren in Folio. neu aufgewärmet und in einer Alapatrit-Pasteten zum Schau-Essen, mit hundert schönen Kupffer-Stichen, zur ehrlichen Ergötzung, und nutzlichen Zeit-Vertreibung, sowohl frölich- als melancholischen Gemüthern aufgesezt : auch mit einer delicaten Brühe vieler artigen Historien, lustiger Fablen, kurtzweiliger Discursen, und erbaulicher Sitten-Lehren angerichtet, Nürnberg: Weigel / Wienn: Megerle 1709.

Josef Melchior Tschudi, Freiherrr von Flums und Gräpplang (Glarus, 1680–1729):

Der höfisch aufgeputzte Mann mit modischer Perücke besieht sich im Spiegel; ein Fuß befindet sich über einem offenen Grab. Das Bild hinten zeigt die Szene, wo Dalila dem Samson seine Haarpracht abschert und ihn so den Feinden ausliefert (Richter 16, 4–21).

Der Hoffärtige wird in Eytelkeit ergriffen (Jesus Sirach 23,8)

Confusio disposita. Rosis rhetoricò-poëticis fragrans. Sive Quatuor lusus satyrico morales. Qui septuaginta quinque sententiosis iconibus exhibiti, in totidem Diæreses, & paræneticas scenas distributi, nec non festivîs Germanicò-Latinis versibûs, lepidísque paraemiîs venustati: Miram erudito lectori delectationem: […]. Autore Josepho Melchiore Francisco à Glarùs. Dicto Tschudi de Greplang, &.c. Augsburg: Labhart 1725.

Text, Übersetzung und Kommentar hier als PDF zum Download

Zum Ende der Perücke in England: Unter Oliver Cromwell besiegte 1645 die sog. "New Model Army" der "Roundheads" (Mitglieder des englischen Parlaments) die "Cavaliers" der königlichen Garde. Die Cavaliers trugen Perücken, die Roundheads hatten sie demonstrativ abgelegt. Sie kämpften mit kurzen Haaren. Der Haarschnitt selbst war bereits eine Kriegserklärung. Er hatte grosse symbolische Kraft: Kurz bündig soll es zu und hergehen, im Gegensatz zum luxuriösen Leben der Monarchie – und der Kirche. Die Roundheads siegten. (Dank an Doris Lier!)

 

 

Links: Perruquier … aus: Encyclopédie, Recueil de Plances, Septième Livraison ou huitième Volume, 1771.

Rechts: Portrait von Leibniz

Des Corporis Constitvtionvm Marchicarvm (Preußen 1698–1717) Vierdter Theil, Fünffte Abtheilung, Das IV. Capitel. Von der Carossen-Chaisen- und Peruquen-Steuer

Der Spott von William Hogarth (1697–1764) »The five orders of Perriwigs as they were Worn at the Late Coronation Measured Architectonically« (1761); vgl hier: http://en.wikipedia.org/wiki/Five_Orders_of_Periwigs

 

J.W. Goethe 1797:

L’inconvénient des Perruques. (Vernet del.; Darcis sculp.; Journal de Paris, 23. März 1797)

Goethe dazu: Einem auf einem Engländer sitzenden von der Seite reitenden hübschen Mädchen nimmt der Wind im Gallopp Hut und Perücke. sie wird dadurch nicht häßlicher, weil ihr Haar nun erscheint das gar artig auf dem Kopf zusammengebunden ist, […].

Klaus H. Kiefer, Die „Schmetterlinge“ der Revolution Goethes „Recension einer Anzahl französischer satyrischer Kupferstiche“ 1797
> mit ausführl. Kommentar digital im Goehtezeitportal Nr. 22

Buchausgabe: Johann Wolfgang Goethe, Recension einer Anzahl französischer satyrischer Kupferstiche. Text, Bild, Kommentar; mit einer Einführung hrsg. von Klaus H. Kiefer; (dtv 2193) München 1988.

Hugo von Hofmannsthal, »Der Rosenkavalier«, 3. Akt. [Regieanmerkungen]:

Der Baron retiriert sich etwas perplex, beginnt nach seiner Perücke zu suchen, die in dem Tumult abhanden gekommen ist und unauffindbar bleibt. ...

Der Baron wird in diesem Augenblick seiner Perücke ansichtig, die wie durch Zauberhand wieder zum Vorschein gekommen ist; stürzt darauf los, stülpt sie sich auf und gibt ihr den richtigen Sitz. Mit dieser Veränderung gewinnt er seine Haltung so ziemlich wieder, ...

Literaturhinweis: Jochen Luckhardt (Hg.), Lockenpracht und Herrschermacht. Perücken als Statussymbol und modisches Accessoire. Katalog zur Ausstellung im Herzog-Anton-Ulrich-Museum Braunschweig, Leipzig: Koehler & Amelang 2006.


Mode-Narren

Aegidius Albertinus (1560–1620): Von der Weiber Fürwitz/ Hoffart und Eytelkeit in Kleidern

Der meiste Fürwitz vnnd Hoffart der Weiber besteht in jhren Klaydern/ zier vnd geschmuck. Die Klaider seind anfang dem Menschen gegeben worden zu bedeckung jrer Leiber vnd zu erwehrung der Hitz/ Kälte vnd Windt/ vnd zu vnderscheidung der Menschlichen Ständ/ aber an jetzo klaidet man sich auß Hoffat/ Vbermuth vnd Fürwitz/ vnd nit nach eines jeden standt/ sonder nach eines jeden vermügen vnd alefantz. […] Die andere Vrsach/ warumb die Weiber sich mit Kleidern so sehr zieren/ ist/ allweil (wie Aristoteles sagt) das Weib ein vnvollkommener Mensch ist/ vnd derwegen alle mügliche mittel vnd weg suechet/ sich vollkommen zumachen/ weil aber sie solches nit thuen noch zuwegen bringen kan durch verstandt vnd Weisheit/ (die sie nit hat) noch durch die sterck (die sie ebenso wenig hat) so brauchet sie die Zierd jres Leibes […]

Lucifers Königreich vnd Seelengejäidt: Oder Narrenhatz. […] Durch Ægidivm Albertinvm, Fürstl. Durchl. in Bayrn Secretarium zusammen getragen. München/ durch Nicolaum Henricum MDCXVI; S. 100ff. — Online in der HAB Wolfenbüttel

Hanns Michael Moscherosch (1601–1669):

Wie viel gattungen von Hüten habt ihr in wenig Jahren nicht nachgetragen! jetzt ein Hut wie ein Anckenhaffen, dann wie ein Zucker-Hut, wie ein Kardinals Hut, dann wie ein Schlapp Hut; da ein stilp [Hutkrempe] Ehlen breit, dort ein stilp fingers breit; dann von Geissen haar, dann von Kamelshaar, dann von Biberhaar, von Affenhaar, von Narrenhaar; dann ein Hut als Schwartzwälder Käß, dann wie ein Schweitzer Käß, dann wie ein Holändisch-Käß, dann wie ein Münster-Käß. Vnd das ist heut die newe närrische Tracht; bald kompt eine andere in gestalt eines Fingerhuts hernach, die närrischer ist. Vnd diese alle wolt ihr ellende Leute nachmachen? also, daß erscheinet, all ewer Reichthumb vnd Mittel seyen allein, mit newen Trachten zu verschwenden, erworben worden:

Dann trägt man kurtz, dann lange Röck,
Dann grosse Hüt, dann spitz wie Weck,
Dann Ermel lang, dann weit, dann eng,
Dann Hosen mit viel farb vnd spreng.
Ein Fund dem andern kaum entweicht,
Dann Teutsch Gemüth ist also leicht.
Daß zeigt was in dem Hertzen leyt.
Ein Narr hat ändrung allezeit.
[...]
Vnd wie zu vnsrer zeit der Hut ein Zeichen war der Freyheit, also ist es nun zu eweren zeiten dahien gerathen, daß der Hut ist ein Zeichen der Dienstbarkeit. Dann warlich, mit solchen newen Trachten halten die Wälsche ewre Hertzen gefangen vnd gebunden vnnd lencken sie, wohien sie wollen:

Du trägst ein Wälschen Hut,
Die Wälsche deiner lachen
Und zwacken dir dein Gut
Vnd dich zum Narren machen.
Drumb, wer hat Teutschen Muth,
Hab sorg zu seinen Sachen.

Moscherosch, »Wunderliche und Wahrhafftige Gesichte Philanders von Sittewald« ausgewählt und hg. von Wolfgang Harms (RUB 1871), Stuttgart 1986.
2. Band / Erstes Gesichte: A la mode Kehrauß [erst in der 2. Auflage Straßburg 1642/43] — Online bei zeno.org

Literaturhinweis: Claudia Bubenik, »Ich bin, was man will.«, Werte und Normen in Johann Michael Moscheroschs Gesichten Philanders von Sittewald, Frankfurt am Main: P. Lang 2001 (Mikrokosmo Band 63).

 

[Abraham a Santa Clara, fälschlich zugeschrieben], Centi-Folium stultorum in Quarto. Oder Hundert Ausbündige Narren in Folio. […], Nürnberg: Weigel / Wienn: Megerle 1709.

Kupferstich von Christoph Weigel (1654–1725)

Textausschnitt: Der vornehme Poët Hermannus Buschius gienge einsmahls in schlechten Kleydern über den Marckt/ und ward ihme von den Leuthen kein Ehr angetahn; dahero als er dieses mercket/ er einen gar schönen Rock angelegt/ und ist in solchem wider hervor getretten/ da dann die Leuthe gegen ihm auffgestanden/ den Hut gezuckt/ grosse Ehr angethan/ und erzeigt haben: Er aber hat zu hauß den Rock auff den Boden geworffen/ mit Füssen darauff gesprungen/ und gesagt: Bist du Buschius, oder bin ichs? (S. 226)


Der Krönungsmantel der Kaiser des HHR, 1133/34 in Sizilien für Roger II. geschaffen – bis 1806 für den deutschen Kaiser in Gebrauch. Heute in der Weltlichen Schatzkammer in Wien.


http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/44/Weltliche_Schatzkammer_Wienc.jpg

Und so zeichnete Dürer Kaiser Karl den Großen:


http://commons.wikimedia.org/wiki/File:D%C3%BCrer_skizze_karl_der_grosse.jpg

Sternenmantel Heinrichs II. (heute in Diözesanmuseum Bamberg)
http://www.eo-bamberg.de/eob/dcms/sites/bistum/information/jubilaeum2007/logo_motto/sternenmantel/index.html

Der (abschirmende und verhüllende) Mantel symbolisiert seit alters einen Herrschaftsanspruch.  Vgl. H.Urner Astholz (1984), S.75ff.

 


Kaiser in China

Der zweite Kaiser der Qing-Dynastie, der kangxi-Kaiser (1654–1722; reg. seit 1661) ›in zivil‹, also mit seiner Alltagstracht, keine Audient-Robe, keine Feldherren-Rüstung – aber der rote Hut ist das Zeichen seiner Kaiserwürde.

 

 

Robe eines kaiserlichen Prinzen, also eines Bruders oder sonstwie direkten Verwandten. Ihm stehen  dieselben Insignien zu wie dem Kaiser selbst, deshalb sind Drachen mit fünf Klauen auf die Robe gestickt.

Zong Fengying 宗鳳英 – Qingdai gongting fushi 清代宮廷服飾 / Zong Fengying, Beijing: Zijincheng 2004. 


Skeuomorphismus

Das Klicken des Auslösers bei einer (an sich lautlosen) Digitalkamera; eine Benutzeroberfläche (touch screen), die aussieht wie ein einstiges Gerät (z.B. Cassettenrecorder mit Tasten).

Dieses Design-Element kann man als eine Kleider-Metapher auffassen: »Un élément de design dont la forme n'est pas directement liée à la fonction, mais qui reproduit de manière ornementale un élément qui était nécessaire dans l'objet d'origine.« (http://fr.wikipedia.org/wiki/Skeuomorphisme; vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Skeuomorph)

(Mitgeteilt von M. St. aus B.)


Uniform

Bild aus: Der Große Brockhaus, 15. Auflage, Band 19 (1934), Tafel »Uniformen II.«; 11–15 = Frankreich; 16–20 = Rheinbund.

Eine richtige Uniform gibt ihrem Träger eine deutliche Abgrenzung seiner Person gegenüber der Umwelt; sie ist wie ein hartes Futteral, an dem Welt und Person scharf und deutlich aneinanderstoßen und voneinander sich unterscheiden; ist es ja der Uniform wahre Aufgabe, die Ordnung in der Welt zu zeigen und zu statuieren und das Verschwimmende und Verfließende des Lebens aufzuheben, so wie sie das Weichliche und Verschwimmende des Menschenkörpers verbirgt, seine Wäsche, seine Haut überdeckt, und der Posten auf Wache hat die weißen Handschuhe überzuziehen. So wird dem Mann, der des Morgens seine Uniform bis zum letzten Knopf geschlossen hat, tatsächlich eine zweite und dichtere Haut gegeben, und es ist, als ob er in sein eigentliches und festeres Leben zurückkehre. Abgeschlossen in seinem härteren Futteral, verschlossen mit Riemen und Klammern, beginnt er seines eigenen Untergewandes zu vergessen und die Unsicherheit des Lebens, ja das Leben selbst rückt fernab.

Hermann Broch, Die Schlafwandler (1931/1932); Renewal Zürich: Rhein-Verlag 1952, S.20. (Der erste Roman: 1888. Pasenow oder die Romantik)

Der ganze Abschnitt hier <Zugriff 2.5.13>

 


Cucullus

Cassian († 430/35)

Die Kleidung der ägyptischen Mönche hat einige Eigenthümlichkeiten, welche weniger die Sorge für den Körper bezwecken, als vielmehr Spiegelbilder der Sitten sein sollen, um so die Einfalt und Unschuld ihrer Lebensweise auch in der Kleidung beständig Tag und Nacht festzuhalten. Sie tragen nämlich ganz kleine bis zum Nacken reichende Kapuzen, die nur das Haupt bedecken. Dieß thun sie, damit, während sie die Kleidung der Kinder nachahmen, sie stets daran denken sollen, auch die Unschuld und Einfalt der Kinder zu bewahren. Darum singen sie, zur Kindheit, die Christus verlangt, zurückgekehrt, zu allen Stunden mit Inbrunst und Andacht: »Herr! Nicht ist mein Herz stolz, noch sind meine Augen erhoben, noch habe ich gewandelt in Großem und Wunderbarem, was über mir ist: fürwahr, demüthig ist mein Sinnen, und meine Seele erbeb' ich nicht, wie das entwöhnte Kind ist bei der Mutter.« (Ps. 130).

Cassian, Von den Einrichtungen der Klöster (De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis); Erstes Buch: Von der Kleidung der Mönche. 4. Die Kapuze (cucullus) der Ägyptier. In: Sämmtliche Schriften des ehrwürdigen Johannes Cassianus : erster Band / aus dem Urtexte übers. von Antonius Abt. (Bibliothek der Kirchenväter, 1 Serie, Band 59), Kempten 1879. http://www.unifr.ch/bkv/buch284.htm

Benediktinerregel

Kapitel 55: Kleidung und Schuhe der Brüder

Kapitel 58: Die Ordnung bei der Aufnahme von Brüdern

24. Wenn er Eigentum hat, verteile er es vorher an die Armen oder vermache es in aller Form durch eine Schenkung dem Kloster. Er darf sich gar nichts vorbehalten;
25. denn er weiß ja: Von diesem Tag an hat er nicht einmal das Verfügungsrecht über seinen eigenen Leib.
26. Noch im Oratorium ziehe man ihm also die eigenen Sachen aus, mit denen er bekleidet ist, und ziehe ihm die Sachen des Klosters an.
27. Jene Kleider aber, die man ihm ausgezogen hat, sollen in die Kleiderkammer gebracht und dort aufbewahrt werden.
28. Sollte er nämlich einmal der Einflüsterung des Teufels nachgeben und das Kloster verlassen, was ferne sei, dann ziehe man ihm die Sachen des Klosters aus und entlasse ihn.

Die Benediktsregel. Der vollständige Text der Regel, lateinisch / deutsch, übersetzt und erklärt von Georg Holzherr, Einsiedeln: Benziger 1989.

Ordens-Habit

Adriaan Schoonebeek, Kurtze Und gründliche Histori Vom Ursprung Der Geistlichen Orden, Aus Dem Frantzösischen in das Teutsche übersetzet. Sampt Beygefügten eigentlichen Vorstellungen ihrer Ordens-Kleider. Augsburg, Christoph Wagner für Lorenz Kroniger u. Gottlieb Göbels Erben, 1695.
> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10030531-1


Aufklärerische Modekritik

II, §. 17. Die Moden-Sucht richtet viel und mancherley Unheil an. Ein großer Theil der Menschen wird durch dieses Laster in die äußerste Armuth gestürtzet. So bald manch eiteles und Moden-süchtiges Frauenzimmer hört, daß eine gewisse Farbe nicht mehr nach der Mode seyn  soll, so kan sie das Kleid nicht mehr vor Augen sehen, sie schickt es auf den Trödel, verkaufft es um ein Spott-Geld, und schafft sich wieder ein anders, biß endlich der Mangel des Geldes ihre Moden-Sucht einschräncket; wenn diese lasterhafften vernehmen, daß das Silber-Werck, Zinn u.s.w. aus der Façon gekommen, so lassen sie es so gleich umschmeltzen, und büßen vieles an Macher-Lohn ein. Ich könte hier weitläufftiger anführen, was vor besondere Laster aus ihr zu entspringen pflegen, nachdem es aber theils gar bekannte Wahrheiten, theils auch eines und das andere davon in dem vorhergehenden allbereits erwehnet worden, so will ich hiervon nichts weiter erwehnen, sondern nur gedencken, daß die Moden-Sucht vor eine allgemeine Quelle anzusehen, aus der unsere mannichfaltigen sündlichen, lasterhafften und schändlichen Gewohnheiten herfliessen. Der Ausspruch: es ist nun einmahl so die Mode, schmeist fast alle Regeln der Christlichen und vernünfftigen Tugend-Lehre über den Hauffen. Wenn die weisesten Sitten-Lehrer die Menschen durch die stärcksten Argumenta und bündigsten Schlüsse von denen Lastern abrathen wollen, so setzen sie ihnen alsobald folgende Sätze dagegen: Es ist heutiges Tages gantz eine andre Welt als vor diesem, wer nicht mit macht, wird ausgelacht, wer unter den Wölffen ist, muß mit heulen, wir können die Welt nicht anders machen. Dieser falschen Lehr-Sätze bedienen sie sich als einer Schutz-Wehre, und als eines Privilegii, dadurch sie sich aller Pflichten der vernünfftigen und Christlichen Sitten-Lehre widersetzen wollen.

Julius Bernhard von Rohr, Einleitung zur CEREMONIEL-Wissenschafft Der Privat-Personen, Berlin 1728 (Neudruck Weinheim: VCH, 1990); Verdienstlicherweise breitgestellt von www.modetheorie.de


National-Stereotype

Die englischen Moden haben trotz dem, daß sie wie die deutschen den französischen nachgebildet werden, Eigenthümlichkeiten, welche ihre Erklärung in dem Charakter des englischen Volks und der englischen Gesellschaft finden. Denn die Mode ist der Schatten des Nationalcharakters selbst. […] Leider fehlt es den Engländerinnen bei der Wahl der Kleidermoden an einem Haupterforderniß. Wie sie keine Ahnung haben von der Harmonie der Töne, so fehlt es ihnen auch ganz an einem Gefühl für die Harmonie der Farben. Zeisiggrün und Ponceau, Gelb und Roth bringen sie häufig zusammen, […] weiter


Das regsame, erfindungsreiche Frankreich gilt uns seit langer als hundert Jahren für das eigentliche Mutterland der Moden. Unbesiegt von dem britischen Nachbarstaate, der in diesem Gebiete, wie in so manchem Wichtigern, mit ihm um den Vorrang kämpft, dictirt es seine Verschönerungsgesetze der weiblichen Welt fast aller civilisirten Nationen Europa's, […] weiter

Damen-Conversations-Lexikon, Herausgegeben im Verein mit Gelehrten und Schriftstellerinnen von Carl Herloßsoh, Altdorf: Verlags-Bureau, 1834–38.


Herrenmode im 16./17. Jahrhundert

François Clouet (1510–1572), Porträt des Königs Karl IX. von Frankreich; Quelle. www.zeno.org

Richard_Sackville_Earl_of_Dorset (1589–1624):

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Richard_Sackville_Earl_of_Dorset.jpg

Venezianischer Edelmann, zweite Hälfte des XVII. Jahrhunderts

 

Aus: Blätter für Kostümkunde; Neue Folge, 61. Blatt; Berlin: Franz Lipperheide 1876ff.


Verhüllung unter moralische Formeln

Friedrich Nietzsche (1844–1900), »Die fröhliche Wissenschaft« (1882)

352. Inwiefern Moral kaum entbehrlich ist. – Der nackte Mensch ist im Allgemeinen ein schändlicher Anblick – ich rede von uns Europäern (und nicht einmal von den Europäerinnen!) Angenommen, die froheste Tischgesellschaft sähe sich plötzlich durch die Tücke eines Zauberers enthüllt und ausgekleidet, ich glaube, dass nicht nur der Frohsinn dahin und der stärkste Appetit entmutigt wäre, – es scheint, wir Europäer können jener Maskerade durchaus nicht entbehren, die Kleidung heißt. Sollte aber die Verkleidung der "moralischen Menschen", ihre Verhüllung unter moralische Formeln und Anstandsbegriffe, das ganze wohlwollende Verstecken unserer Handlungen unter die Begriffe Pflicht, Tugend, Gemeinsinn, Ehrenhaftigkeit, Selbstverleugnung nicht seine ebenso guten Gründe haben? Nicht dass ich vermeinte, hierbei sollte etwa die menschliche Bosheit und Niederträchtigkeit, kurz das schlimme wilde Tier in uns vermummt werden; mein Gedanke ist umgekehrt, dass wir gerade als zahme Tiere ein schändlicher Anblick sind und die Moral-Verkleidung brauchen – daß  der "inwendige Mensch" in Europa eben lange nicht schlimm genug ist, um sich damit "sehen lassen" zu können (um damit schön zu sein –). Der Europäer verkleidet sich in die Moral, weil er ein krankes, kränkliches, krüppelhaftes Tier geworden ist, das gute Gründe hat, "zahm" zu sein, weil er beinahe eine Missgeburt, etwas Halbes, Schwaches, Linkisches ist.... Nicht die Furchtbarkeit des Raubtiers findet eine moralische Verkleidung nötig, sondern das Herdentier mit seiner tiefen Mittelmäßigkeit, Angst und Langeweile an sich selbst. Moral putzt den Europäer auf – gestehen wir es ein! – ins Vornehmere, Bedeutendere, Ansehnlichere, ins "Göttliche" –

Werke, hg. K.Schlechta, München 1960; Band II, S.217f.


Kleider in Metaphern, in Redewendungen (Idiomatik)

 

Karl Friedrich Wilhelm Wander (1803–1879): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Leipzig, 1867–1880.

Alte Kleider lachen über eine weiche Bürste.

Ex habitu colligitur persona hominis.

Der das dünnste Kleid anhat, muss am nächsten bei der Thür sitzen.

Artikel Kleid (digitalisiert bei Zeno.org) 

 


Die Entdeckung des Purpurs

 

»Die Schatzhöhle«, 36. Kapitel (syrisch, 6.Jh., dt. Übers. Carl Bezold 188)

In Hirams Tagen kam der Purpur als Gewand der Könige auf. Als ein Hund am Meeresufer vorüberging, sah er eine Purpurschnecke, die aus dem Wasser hervorkam. Da biss er in sie; sofort ward seine Schnauze mit dem Blut der Schnecke erfüllt. Da sah ihn ein Hirte; dieser holte Wolle und reinigte damit dem Hund die Schnauze. Von dieser Wolle aber machte er sich eine Krone und setzte sie sich aufs Haupt. Als er in der Sonne umherging, glaubten alle, die ihn sahen, es sprühten Feuerfunken aus seinem Haupt. Als Hiram davon hörte, schickte er nach ihm, und als er die Wolle sah, erstaunte und verwunderte er sich. Da kamen alle Färber zusammen und verwunderten sich darüber; sie gingen hinaus, die Sache zu untersuchen, fanden solche Schnecken und freuten sich recht.


Die Mode als Fortuna dreht das Rad

 

J. J. Grandville, »Un Autre Monde: Transformations, Visions ... et Autre Choses«, 1844, page 282. – Zitiert bei Daniel Rosenberg / Anthony Grafton, Cartographies of Time: A History of the Timeline, Princeton Architectural Press 2010, p. 247.

Das ganze Buch digitalisiert bei: http://archive.org/details/unautremondetran00gran

nach oben


Literaturhinweise


Vgl. die üblichen Konkordanzen und Lexika s.v. Kleid, Gewand[ung], Mantel, vêtement, vestis, induere / exuere, wât, gewæte  usf., insbesondere:

HWB dt. Aberglaubens,

Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte,

Reallexikon für Antike und Christentum,

Henkel/Schöne, Emblemata, usw.

Roland BARTHES, Système de la Mode, Seuil 1967, dt. Übers. Ff/M 1985 (edition suhrkamp 1318)

Joseph BRAUN, Die liturgische Gewandung im Occident und Orient, nach Ursprung und Entwicklung, Verwendung und Symbolik, Freiburg/Br.: Herder 1907.

Martha BRINGEMEIER, Mode und Tracht. Beiträge zur geistesgeschichtlichen und volkskundlichen Kleidungsforschung. In: Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, Heft 15, Münster: F. Coppenrath Verlag 1980.

Martha BRINGEMEIER, Priester- und Gelehrtenkleidung. Ein Beitrag zur geistesgeschichtlichen Kostümforschung. In: Rheinisch-Westfälische Zeitschrift für Volkskunde, Beiheft 1, Bonn / Münster: ohne Verlag 1974.

Elke BRÜGGEN, Kleidung und Mode in der höfischen Epik des 12. und 13. Jhs., (Beihefte zum Euphorion, 23), Heidelberg: Winter 1989.

Harald BROST, Kunst und Mode. Eine Kulturgeschichte vom Altertum bis heute. Stuttgart: Kohlhammer 1984.

Martin DISSELKAMP, ›Würckungen der Mode‹. Anthropologische Aspekte eines Aufklärungsthemas, in: Physis und Norm. Neue Perspektiven der Anthropologie im 18. Jahrhundert, hg. von Manfred Beetz u.a., Göttingen: Wallstein 2007  2007, S. 319–334 .

Burcu DOGRAMACI, Arikel »Kleidung, politische« in:  Handbuch der politischen Ikonographie, hg. Uwe Fleckner / Martin Warnke / Hendrik Ziegler, München: Beck 2011, II, 51–57.

Liselotte Constanze EISENBART, Kleiderordnungen der deutschen Städte zwischen 1350 und 1700. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des deutschen Bürgertums. Göttingen: Musterschmidt-Verlag 1962.

David GANZ, Kleider machen Bilder. Vormoderne Strategien vestimentärer Bildsprache, Berlin/Emsdetten: Edition Imorde 2012 (Textile Studies 4)

Valery GARRETT, Chinese dress from the Qing dynasty to the present, Tokyo: Tuttle Pub. 2008.

Valery GARRETT, Chinese clothing. An illustrated guide, Oxford University Press 1994.

Monika GLAVAC / Anna-Katharina HÖPFLINGER / Daria PEZZOLI-OLIGIATI (Hgg.), Second Skin. Körper – Kleidung – Religion, Vandenhoeck & Ruprecht 2013 (Research in Contemporary Religion, Band 14) .

Stewart GORDON (Ed.), Robes and Honor. The medieval world of investiture, New York, NY: Palgrave, 2001 (The new Middle Ages).

Katalin HORN, Artikel »Kleidung«, in: Enzyklopädie des Märchens, Bd. 7 (1993), Sp. 1432–41.

Katalin HORN, Das Kleid als Ausdruck der Persönlichkeit: Ein Beitrag zum Identitätsproblem im Volksmärchen, in: Fabula 18 (1977), S. 75–104.

Gerhard JARITZ, Die Bruoch, in: Gertrud Blaschitz / H.Hundsbichler / G.Jaritz / E.Vavra, Symbole des Alltags, Alltag der Symbole. Festschrift für Harry Kühnel, Graz: ADVA 1992, S.395–416.

Alois KEHL, Artikel »Gewand (der Seele)«, in: Theodor Klauser u.a. (Hgg.), Reallexikon für Antike und Christentum, Stuttgart 1950ff.; Band 10 (1978), 945–1025.

René KÖNIG, Menschheit auf dem Laufsteg. Die Mode im Zivilisationsprozeß. Wien / München: Hanser 1985.

Harry KÜHNEL (Hg.) Bildwörterbuch der Kleidung und Rüstung. Vom Alten Orient bis zum ausgehenden Mittelalter, Stuttgart: Kröner 1992 (Kröners Taschenausgabe Band 453).

Andreas KRASS, Geschriebene Kleider. Höfische Identität als literarisches Spiel, (Bibliotheca Germanica 50), Tübingen: Francke 2006.

Verena LABHART, Zur Rechtssymbolik des Bischofsrings, Köln: Böhlau 1963.

Ulrike LANDFESTER, Der Dichtung Schleier. Zur poetischen Funktion von Kleidung in Goethes Frühwerk, Freiburg im Breisgau: Rombach 1995 (Rombach Wissenschaft. Reihe Litterae Band 30).

Ulrike LEHMANN-LANGHOLZ, Kleiderkritik in mittelalterlicher Dichtung. Der arme Hartmann, Heinrich "von Melk", Neidhart, Wernher der Gartenaere und ein Ausblick auf die Stellungnahmen spätmittelalterlicher Dichter, Frankfurt am Main: Peter Lang 1985 (Europäische Hochschulschriften. Reihe 1, 885).

Ingrid LOSCHEK, Reclams Mode- und Kostümlexikon, Stuttgart 1987.

Siegfried MÜLLER / Michael REINBOLD u.a. (Hgg.), Kleider machen Politik. Zur Repräsentation von Nationalstaat und Politik durch Kleidung in Europa vom 18. bis zum 20. Jahrhundert (Kataloge des Landesmuseums Oldenburg 19), Oldenburg: Isensee 2002.

Erik PETERSON, Pour une théologie du vêtement, Lyon/Fribourg 1943 [zuerst englisch : ###]

Ingeborg PETRASCHECK-HEIM, Die Sprache der Kleidung. Wesen und Wandel von Tracht, Mode, Kostüm und Uniform. Baltmannsweiler 1988.

Gabriele RAUDSZUS, Die Zeichensprache der Kleidung. Untersuchungen zur Symbolik des Gewandes in der deutschen Epik des Mittelalters, Hildesheim: Olms 1985.

Claudia SCHNITZER, Höfische Maskeraden. Funktion und Ausstattung von Verkleidungsdivertissements an deutschen Höfen der Frühen Neuzeit. Tübingen: Niemeyer 1999 (Frühe Neuzeit 53).

Gabriella SCHUBERT, Kleidung als Zeichen. Kopfbedeckungen im Donau-Balkan-Raum, Berlin 1993 (Balkanologischen Veröffentlichungen des Osteuropa-Instituts Berlin, (Band 20).

Erika THIEL, Die Geschichte des Kostüms. Wilhelmshaven: Heinrichhofen’s Verlag 1985.

Hildegard URNER-ASTHOLZ, Spiegelungen. Neue Studien zur Kunst- und Kulturgeschichte, Bern: Francke 1984. – Darin: Der Mantel. Herrscher- und Priestermäntel S. 70–87. Der Gürtel und sein Symbolgehalt S. 88–99.

Peter VON MOOS, Das mittelalterliche Kleid als Identitätssymbol und Identifikationsmittel, in: Peter von Moos (Hg.), Unverwechselbarkeit: Persönliche Identität und Identifikation in der vormodernen Gesellschaft, Köln / Weimar: Böhlau 2004, S. 123–147. 

Claudia WISNIEWSKI, Kleines Wörterbuch des Kostüms und der Mode, Stuttgart: Reclam 1996 (Universal-Bibliothek Nr. 4224).

Gundula WOLTER, Die Verpackung des männlichen Geschlechts. Eine illustrierte Kulturgeschichte der Hose, Marburg: Jonas 1991.

Philipp ZITZLSPERGER (Hg.), Kleidung im Bild. Zur Ikonologie dargestellter Gewandung, Emsdetten: Edition Imorde 2010. (Textile Studies 1)

Otto KOENIG (1914–1992), Grundzüge eines Ethogramms der Uniform, in: ders., Kultur und Verhaltensforschung. Einführung in die Kulturethologie, München 1970 (dtv 614), S. 33–182.

Emanuel HERRMANN, Naturgeschichte der Kleidung, Wien: R.v.Waldheim 1878. https://books.google.ch/books?id=yvlCAQAAMAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_s

André Holenstein / Ruth Meyer Schweizer / Tristan Weddigen / Sara Margarita Zwahlen (Hgg.): Zweite Haut. Zur Kulturgeschichte der Kleidung, Haupt Verlag: Bern, Stuttgart, Wien 2010.
 

Interessante Websites:

https://altevolkstrachten.de/

Udo H. A. Schwarz »Modetheorie« zur Sozialsymbolik der Mode (mit tausenden von bibliographischen Hinweisen und über hundert Texten zum Thema aus 500 Jahren)

 

Letztes Update August 2021 — PM