Der Mann am Abgrund
Der Stoff kommt aus Indien, wird in komplizierter Filiation über mehrere Zwischenstufen im Abendland bekannt und umgeformt. Für das Mittelalter ist wichtig, dass er bei Vinzenz von Beauvais († 1224) und in der Legenda Aurea (um 1260) erzählt wird, beides starke Multiplikatoren.
Zur Situierung der Allegorie (Mot. J 861.1) muss man nur wenig Kontext kennen: Dem König Abenner aus Indien, der voll Grausamkeit das Christentum verfolgt, wird ein Sohn namens Joasaph [Josaphat] geboren. Ein Astrologe verkündet, dass J. dereinst ein grosser König, aber sich zum Chrstentum bekehren werde. Der König lässt daraufhin seinen Sohn in einem abgelegenen Palast erziehen, um ihm von allem Leid der Welt fernzuhalten. – der christliche Einsiedler Barlaam [›der Erhabene‹] verschafft sich, verkleidet als mit Edelsteinen handelnder Kaufmann, Zutritt zum Hof und wird Lehrer des Josaphat. Er erzählt eine Reihe von Parabeln.
Rudolf von Ems (wirkte ca.1220 bis nach 1250)
»Barlaam und Josaphat«, hg. von Franz Pfeiffer, Leipzig 1843. S. 116ff. = Verse 4597ff. OCR-erfasst hier
›Die dirre welte volger sint
unde ir dienstlîchiu kint,
die gelîche ich einem man,
der nôt von einem tiere gewan:
daz was ein einhürne grôz.
sîn lüejen alsô lûte dôz, [lüejen ≈ brüllen]
daz ez den man brâhte in nôt.
er vorht im unde vlôch den tôt.
ez jaget in âne milte zuht.
dô er was in sorgen vluht
und vor dem einhürnen lief,
in ein abgründe tief
viel er über eine want.
in dem valle ergreif sîn hant
ein boumelîn, dâ hieng er an;
daz vriste disen selben man.
er habete sich vil vaste
ze des boumelînes aste;
die vüeze hâte er gesat
an eine wunderenge stat.
daz was ein kleiner erdewase, [≈ Erdfläche]
gewurzet âne kraft mit grase:
dar ûf enthielt er sînen val.
diu selbe stat was alsô smal,
daz er dar an niht mohte gestân,
swenn er daz boumel müeste lân.
Swier dâ stuont in grôzer nôt,
er wânde, im waere der tôt
mit vride gar benomen dâ.
dô kômen zwô miuse sâ:
einiu was swarz, diu ander wîz,
die kêrten allen ir vlîz
an der stûden wurzel gar.
sie nuogen alsô vaste dar,
biz diu wurz vil nâch sich lie,
von der kraft diu stûde gie.
diz was ein ängestlîch geschiht:
er mohte des erwenden niht,
sie wolten der wurze angesigen.
dô sach er einen trachen ligen
tief under im in dem tal,
der dinget ûf des mannes val. [dingen ≈ erwarten]
ez was ein ängestlîcher stric, [≈ Umschließung]
er truoc vil leiden aneblic:
diu ougen und der âtem sîn
wâren beidiu viurîn.
er tet vil wîte ûf den munt:
dô dranc daz viur sâ zestunt [≈ sogleich]
mit grôzer flamme, als er sich vleiz, [vlîzen ≈ bestrebt sein]
als ûz einem ovene heiz,
ûz sînem wîten munde.
vil sêre in der stunde
mit grimme blangen began,
daz er verslunde disen man.
ûf sînen val was er bereit,
ginende, als ich hân geseit, [ginen ≈ das Maul aufsperren]
als er in wolde slinden.
dem man begunde swinden
herzevreude: daz tet nôt,
als im diu vorhte gebôt.
Dô der man diz ungemach
under im an dem trachen sach
und den wüetenden einhürnen
ob im sô sêre zürnen,
dô er nâch im lûte schrei,
und daz der stûden wurz enzwei
von den miusen nâch geschaben
was: er dâhte, ob in enthaben
möhte disiu kleiniu stat,
dâ er hâte hin gesat [≈ hin gesetzt]
die vüeze durch des valles vrist.
als er disen kleinen list [≈ schlaue Handlung]
in sînen grôzen noeten vant,
er sach des endes sâ zehant. [≈ sofort]
aldâ moht er sich niht entsagen:
ûz der wende sach er ragen
vier grôzer würme houbet.
vreude er wart betoubet,
wan er des tôdes was gewis.
ein slange heizet Aspis,
der vil grôze vrävele hât, [vrävel ≈ Frechheit]
swenne er lebendes iht bestât.
der wurden im dâ vier erkant
bî sînen vüezen in der want,
die den wasen undergruoben
und vlîzeclîche schuoben,
der under sînen vüezen lac
und sîn mit unstaete phlac, [≈ ihn in ungünstige Lage brachte]
wan er sô sêre began
mit helfe entwîchen disem man.
dô disiu viervalte nôt
dem man sô grôze vorhte bôt,
er sach ûz einem aste,
samfte, niht ze vaste,
ein kleine honicseimes gân. [seim ≈ Saft]
al sîn nôt begunder lân:
er habete sich dar sâ zestunt
und liez im triefen in den munt.
swar er sach, dâ was nôt: [swâr ≈ wohin auch immer]
er sach nâhen im den tôt.
swie vorhteclich was diu gesiht, [≈ wie furchterregend auch die Vision war]
er lie der honictropfen niht.
Ist dînen sinnen iht ze snel
ze merkenne diz bîspel, [merken hier ≈ auslegen]
sô wil ich dirz ze tiute sagen, [diute ≈ Auslegung]
die rehten bîschaft niht verdagen. [≈ Deutung nicht verschweigen]
diu gruobe, dar in viel der man,
dâ soltû die welt merken an,
diu mit sô maneger arbeit
uns ir stricke hât geleit.
der einhürne dêst der tôt,
der mit ängestlîcher nôt
allez menschenkünne jaget, [künne ≈ Species]
biz daz sîn name an im betaget. [≈ bis sein Wesen ans Licht kommt?]
daz boumelîn, daz ist daz leben,
daz uns allen ist gegeben,
ieglîchem nâch sîner maht.
der liehte tac, diu trüebe naht
bezeichent dise miuse zwô,
die jene wurze nuogen sô [≈ benagten]
daz der stûden kraft zergienc,
dar an der man mit vorhten hienc.
alsus genaget widerstrît
unser leben disiu zît.
ir nagen daz hât endes niht,
ê man si abe genagen siht
unsers lebenes wurzelkraft,
dâ unser leben ist angehaft.
merke ouch in den sinnen dîn,
daz der trache viurîn,
der gên dem man ûf tet den munt,
bezeichent der helle grunt
und des tiuvels angesiht,
diu vorhtlîcher swaere giht.
Der vier slangen houbet sint
vier tugende, von den al diu kint,
diu von menschen sint bekomen,
lîp und leben hânt genomen.
der vier êlementen kraft,
von den diu gotes meisterschaft
den lîp al der menscheit
hât ze samene geleit, [≈ das Leben der M. gefügt ?]
daz ist diu ungewisse stat,
ûf die der man hâte gesat [≈ gesetzt]
durch vristen sîne vüeze. [≈ um seine Füße = sich zu retten]
der welte unstaetiu süeze
sî dir bî dem honige kunt,
daz jenem trouf in den munt,
und durch daz kleine tröpfelîn
vergaz er al der noete sîn. —
hie sî dir bilde bî gegeben, [bild ≈ Gleichnis]
daz dû dirre welte leben
rehte erkennest, wie si stât.‹
dô sprach der guote Jôsaphât:
›wol dem süezen munde dîn.
dû müezest iemer saelic sîn
mit vreude ân alle swaere!
wie guot und wie gewaere
diz bîspel ist an lêre!
sage mir der noch mêre,
daz mir ir lêre bîschaft gebe, [bîschaft ≈ belehrende Geschichte]
wie ich in dirre welte lebe
und welher vriunde ich sül phlegen
und der andern mich bewegen.‹ [≈ die anderen meiden]
Jacobus de Voragine († 1298), »Legenda aurea«, Cap. CLXXX, De sanctis Barlaam et Josaphat. (ed. Graesse, 1850, S. 816f.)
Qui corporales delectationes desiderant et animas suas fame mori permittunt, similes sunt cuidam homini, qui dum a facie unicornis, ne ab eo devoraetur, velocius fugeret, in quoddam barathrum magnum cecidit, …
Die, so an der leiblichen Lust dieser Welt hangen, und ihre Seelen lassen Hungers sterben, sind gleich jenem Manne, der mit Eilen vor einem Einhorn floh, dass er icht von ihm werde verschlungen, und in einen tiefen Abgrund fiel. Aber da er fiel, griff er mit seinen Händen einen Strauch, und fuhr mit seinen Füßen auf einen schlüpfrigen und haltlosen Grund. Aber wie er näher zusah, erblickte er zwei Mäuse, eine weisse und eine schwarze, die nagten ohne Unterlass an der Wurzel des Strauches, daran er sich hielt, und es war schon nahe daran, dass er abreißen musste. Auf dem Grunde der Höhle aber ersah er einen greulichen Drachen, der spie Feuer, und sein offener Rachen war bereit, ihn zu verschlingen. Aus dem schlüpfrigen Grund aber, da er mit seinen Füßen stand, reckten vier Schlangen ihre Häupter. Doch da er die Augen wieder aufhub, sah er ein Tröpflein Honig von den Zweigen des Strauchs rinnen. Da vergaß er aller Fährlichkeit, davon er umgeben war, und gab sich ganz der Süßigkeit des Honigs.
Das Einhorn aber bedeutet den Tod, der dem Menschen allezeit nachfolgt, ob er ihn möge ergreifen; der Abgrund bedeutet die Welt, die ist voll aller übel. Der Strauch ist unser Leben, das wird verzehrt ohne Unterlass von den Stunden des Tags und der Nacht als von schwarzen und weißen Mäusen; und nahet dem Falle. Der Grund mit den vier Schlangen, das ist der Leib, der aus vier Elementen ist zusammengesetzt, und sich auflöst, so die selben in Unordnung kommen. Der greuliche Drache ist der Höllenschlund, der uns allesamt zu verschlingen droht. Der süße Honig des Zweigleins aber ist die betrügliche Lust der Welt, damit der Mensch betrogen wird und seiner Fährlichkeit vergisst.
(Übersetzung von Richard Benz, Heidelberg 1955)
Hugo von Trimberg († nach 1313),
H.v.T.»Der Renner«, hg. Gustav Ehrismann, (Bibliothek des literar. Vereins Stuttgart, Bde. 247/248/252/256), 1908-1911. Vers 23'531 – 23'591:
Daz nu diu werlt sî tôren vol,
Daz hât hie vor bewêrt uns wol
Ein buoch heizet Barlaam Josaphat,
In dem diz mêre geschriben stât,
Von einem einhorne.
Daz ein einhorn einen man
Jagte, als ich gelesen hân:
Der lief als in dô twanc diu nôt,
Wenne er forhte den grimmen tôt
Von dem tiere enpfâhen.
Vil balde begonde er gâhen, [≈ sich beeilen]
Daz er im entrünne
Und fride vor im gewünne.
Sus lief er an eins velses steige,
Der hete vür sich ein tiefe neige
Rehte als ein mûre abe ze tal.
Dô der arme in engsten qual, [< queln ≈ schmerzlich litt]
Dô sach er under im einen sê,
In dem tûsent oder mê
Tracken und würme swummen.
In swefel, in beche si grummen [≈ tobend wüteten]
Ein ander und ginten ûf gein dem man: [ginen ≈ das Maul aufsperren]
Ich wên nieman gesagen kan,
In welhen engsten er dô wêr.
Er stuont und sach hin und her
Und sach ein böumelîn an dem velse
Under im, daz begonde er helse [helsen ≈ umschlingen]
Und hienc an im: dô sach er toben
Die würme under im, den einhorn oben.
Under des dô diz geschach,
Zwuo miuse er under im sach,
Diu eine was swarz, diu ander wîz:
Die leiten dar an iren flîz,
Wie si des böumelîns wurzeln gar
Schier ab genüegen. Nu wart gewar [≈ abnagten; nun bemerkte...]
Der arme in allen sînen nœten,
Den man drîn enden wolte tœten, [≈ auf drei Arten]
Daz ein honicseimelîn
Hienc neben im an einem zwîgelîn:
Daz leckete er in den nœten doch.
Seht, alsô tuon wir alle noch!
Der einhorn bezeichent den tôt,
Der uns alle bringet in nôt:
Der jaget uns ûf der helle sê;
Sô habe wir uns, müge wir niht mê,
An unsers lebens böumelîn;
Sô mügen wol die zwuo miuse sîn
Tac und naht, die unser leben
Abe nagent; und sehe wir kleben
Eins armen gelustes hongelîn
Neben uns, sô lâze wir alle die pin
Varn, diu uns künftic ist
Und lecken ze einer kurzen frist
Daz honic und wizzen doch niht alle,
Wenne der boum beginnet valle[n].
Ein valscher trôst hât uns vergeben:
Wir hoffen alle lange leben
Und lecken dirre werlde honic,
Swie vinster doch und ouch wie ronic [≈ voll von Baumstrünken]
Der werlde walt si, durch den wir
Gên alle tage. Geloubet mir:
Swer ze der werlde sich dunket wîse,
Daz der die hôhen wîsheit prîse,
Die die heiligen wîlent hêten [wîlent ≈ einstmals]
An worten, an werken, an süezen rêten, [≈ an wohltuenden Ratschlägen]
Des enwil ich niht gelouben.
Gesta Romanorum (1.Hälfte des 14.Jhs.)
hg. Hermann Oesterley, Berlin 1872, Cap. 168.
De eterna dampnatione.
Barlaam narrat, quod peccator similis est homini, qui, cum timet unicornium, recedit in baratrum; durn autem caderet, manibus arbustulam quandam apprehendit, que de profundo ascendebat, et aspiciens inferius, vidit ad pedem arboris puteum teterrimum et draconem horribilem arborem cingentem et ejus casum ore aperto expectantem; duobus autem muribus, quarum una erat alba, alia nigra, arborem incessanter corrodentibus in radice, sensit eam vacillare; quatuor quoque vipre albe a [basi] qua pedem fixerat procedentes totam foveam flatu suo mortifero intoxicabant. Elevans oculos vidit exitum mellis de ramis arboris stillantis, oblitusque periculi, in quo undique positus erat, illi dulcedini se totum dedit. Quodam autem amico ejus porrigente sibi scalam, ut egrederetur, melle delectatus distulit, et cadente arbore cecidit in os draconem, qui descendens in puteum ibi eum devoravit, et sic misera morte heu mortuus est.
Moralizacio. Carissimi, homo iste est peccator; unicornis est mors, qui hominem semper sequitur; baratrum est mundus iste; arbor est vita, que per horam diei et noctis quasi per murem album et nigrum incessanter consumitur; basis, ex qua procedunt vipre, est corpus humanum habens quatuor qualitates humorum, quibus inordinate compositis corporis compago dissolvitur; draco est diabolus; puteus infernus; dulcedo ramusculi delectacio peccati, per quam homo seducitur, ut periculum non intueatur; amicus est Christus aut predicator; scala est penitentia, cui cum homo differt acquiescere, subito vita deficiente in os diaboli cadit, qui eum in infernum devorat et rapit.
≈
Von der ewigen Verdammnis. Barlaam erzählt, dass der Sünder einem Menschen gleiche, der – als er vor einem Einhorn floh – in einen Abgrund stürzte. Bei seinem Fall packte er mit den Händen einen kleinen Baum, der aus der Tiefe emporragte; und als er hinunterschaute, erblickte er am Fuße des Baumes einen scheusslichen Pfuhl und einen schrecklichen Drachen, der den Baum umschlängelte und mit offenem Rachen auf sein Herabfallen lauerte. Zwei Mäuse, eine weisse und eine schwarze, benagten den Baum unaufhörlich an der Wurzel, und er fühlte ihn schwanken. Vier weisse Schlangen, die aus dem Vorsprung, auf den er seinen Fuß fest eingestemmt hatte, hervorkamen, verpesteten die ganze Grube mit ihrem tödlichen Atem. Da hob er die Augen auf und erblickte einen Honigquell, der von den Ästen des Baumes herabtröpfelte, und er vergaß die Gefahr, die ihn von allen Seiten umgab, und überließ sich dem süßen Genuss. Als ihm aber ein Freund eine Leiter hinhielt, um ihm herauszuhelfen, hieß er ihn warten, von der Honigsüße berauscht, und stürzte, als der Baum fiel, in den Schlund des Drachen, der in den Pfuhl hinabkroch und ihn verschlang. So starb er eines jämmerlichen Todes.
Moralisation.
- Meine Lieben, dieser Mensch bedeutet den Sünder;
- das Einhorn ist der Tod, der den Menschen ständig verfolgt;
- der Abgrund ist die Welt;
- der Baum ist das Leben,
- das durch Tag und Nacht wie durch die weisse und die schwarze Maus unaufhörlich verzehrt wird;
- der Vorsprung, aus dem die Schlangen hervorkommen, ist der menschliche Leib mit seinen vier Säften, die – wenn sie nicht in der rechten Zusammensetzung sind – den ganzen Körper zersetzen;
- der Drache ist der Teufel;
- der Schlund die Hölle;
- die Süßigkeit des Zweiges ist das Ergötzen an der Sünde, durch die der Mensch verführt wird;
- der Freund ist Christus oder der Prediger;
- die Leiter ist die Buße – wenn der Mensch es aufschiebt, ihr beizupflichten, sofort das Leben verliert und in den Rachen des Teufels stürzt, der ihn in die Hölle verschlingt und verschleppt.
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Bild aus einer Inkunabel

Hie vahet an eyn gar loblich vnnd heylsam allen christglaubigen cronica. Sagend von eynem heyligen kunig mit namen Josaphat [Augsburg] [ca. 1476]
Quelle: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00025330/image_48
Boetius à Bolswert

Quelle: Wikipedia
Qui vani falsâ delusus imagine Mundi […]
Est homo similis, qui dum se Morte minante,
Porripit, in vastam praeceps defertur Abyssum.
Wer vom eitlen und falschen Bild der Welt getäuscht ist […]
ist wie ein Mensch, der, während der Tod ihn bedroht,
sich selbst verachtet und kopfüber in den unermesslichen Abgrund gerissen wird.
Arboris arripiens ramum, pede nixus utroque,
Unde sibi in tuto positus, stabilisque videtur.
Ast oculos sursum attollens, fectensque deorsum,
Cernit ibi urgentemque feram saevumque Draconem.
Er umklammert einen Ast und stützt sich mit beiden Füßen ab.
Von dort aus scheint er sich sicher und geborgen zu fühlen.
Doch als er den Blick hebt und hinabsieht,
erblickt er einen wilden, grimmigen Drachen, der ihn bedrängt.
Et geminos Mures, et quattuor Aspidis ora
(Quae simul humanae vitae insidiantur in horas)
Unde sibi ingentem videt impendere ruinam
Cernit et exiguum stillans ex arbore Mellis.
Und Maus-Zwillinge und vier Mäuler einer Natter
die gemeinsam ständig auf Menschen lauern.
Von hier aus sieht er eine gewaltige Ruine über sich hängen
und er gewahrt einen kleinen Tropfen Honig vom Baum tropfen.
Quod cum gustasset, securâ mente malorum
Immemor, hoc uno fruitur, dulcedine captus.
Serviat exemplo miser, admoneatque pericli,
Quotquot fallacis felctantur gaudia Mundi.
Und wenn er davon gekostet hat, genießt er es unbeschwerten Herzens,
ohne an das Böse zu denken, und ist von seiner Süße eingenommen.
Der Elende soll uns als Beispiel dienen und vor den Gefahren warnen,
wie viele Freuden dieser Welt auf Täuschung beruhen.
Friedrich Rückert, »Es ging ein Mann im Syrerland«
http://www.zeno.org/nid/2000556395X
Forschungsliteratur:
Wolfgang Stammler, Barlaam und Josaphat, in: Reallexikon für Deutsche Kunstgeschichte I, 1452–1457 (1937)
https://www.rdklabor.de/wiki/Barlaam_und_Josaphat
Wolfgang Stammler, Wort und Bild. Studien zu den Wechselbeziehungen zwischen Schrifttum und Bildkunst im Mittelalter. Berlin 1962. S. 63–103.
Jürgen Werinhard Einhorn, Spiritalis Unicornis. Das Einhorn als Bedeutungsträger in Literatur und Kunst des Mittelalters. München 1976 (Münstersche Mittelalter-Schriften 13). – 2., aktualisierte und erweiterte Auflage 1998, S. 310––323.
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