Probleme bei der Deutung von Symbolen

 

Zur Deutung von Bildern, bei denen man eine Symbolik vermutet, denen aber kein deutender Text beigegeben ist,

• zieht man ähnliche Bilder aus dem zeitgenössischen Umfeld bei, die eine Beschreibung enthalten (z.B. aus Emblembüchern, Bilderbibeln);

• versucht man – wenn man durch Erkunden des einschlägigen Wortfelds ein erfolgverheißendes Such-Wort errät – in Lexika oder Kommentarwerken Deutungen aufzutreiben;

• dabei gibt es nähere oder weitere Bezüge (sind klassisch-antike Quellen denkbar oder christliche, und hier katholische – mit dem Hintergrund der patristisch-mittelalterlichen allegorischen Bibelauslegung – oder protestantische?)

• dabei ist der Kontext des zu deutenden Bilds einzubeziehen (Ort, wo das Bild angbracht ist, Verwendungszusammenhang);

• immer wieder stellt sich das Problem, ob ein Bild-Element eine symbolische Bedeutung hat oder bloßes Ornament ist***;

• schwer herauszufinden ist, ob der Auftraggeber die symbolische Deutung kannte; man kann aber unterstellen, dass Betrachter eine solche assoziierten.

Eine Deutung basiert immer auf einer primären Quelle, nicht auf vagen Vermutungen.

Hilfsmittel zur Suche > hier und > hier und > hier. Und oft hilft Serendipty...

***) Beim mittelalterlichen Kunstbetrieb ist stets mit Depravierungen* einer ursprünglich formal gut ausgebildeten Gestalt zu rechnen; Umformungen ins stilistisch Schlichtere, vom Realistischen ins Ornamentale über mehrere Stufen hinweg können weit vom urspünglichen Original fortführen. Schön hat das Zygmunt Swiechowski (1920–2015) aufgezeigt an einer Reihe von Darstellungen des letzten Abendmahls auf Kapitellen.

*) Damit soll keinesweges die unselige ›Theorie des gesunkenen Kulturguts‹ von Hans Naumann (1886–1951) repristiniert werden.


Das sei an einem Beispiel illustriert.


 

Casaccia

An der Kanzel der 1742 errichteten reformierten Kirche von Casaccia im Bergell
> https://www.bregaglia.ch/de/casaccia
befindet sich eine Plastik aus Holz:

Im Band »Kunstdenkmäler der Schweiz«, Graubünden V (1943) steht S. 422, in der Kirche befinden sich Halbfiguren in ungelenker ländlicher Reliefschnitzerei aus der Zeit des Neubaus 1742.

Über den Stil lässt sich streiten. Aber: Was ist denn hier dargestellt?

Kaum wahrscheinliche Vor-Bilder:

Die Figur mit dem Knochen in der Hand erinnert zunächst an das Motiv des Totentanzes, der aus unzähligen Bildern bekannt ist. Hier nur ein einziges Beispiel: Ein Holzschnitt von Hanns Hauser, Ulm, um 1495:

Quelle: British Museum > http://tinyurl.com/r35ybng

Das Gebilde oben erinnert zunächst an einen Bienenstock; das wäre symbolisch ergiebig. – Hier sind aber die Binnelemente anders angeordnet, nicht Basis und Spitze der Elemente Zeile-um-Zeile versetzt:

aus: Johann Arndt, Vier Bücher vom Wahren Christentumb; Emblem Nr. 8

Ezechiel Kapitel 37

Wahrscheinlicher ist, dass hier ein Auferstehender gezeigt ist.

Der Prophet Ezechiel erzählt, dass er auf eine Ebene voller Gebeine versetzt wird. Der HErr befiehlt ihn zu sagen, dass er die Toten wieder erwecken werde, damit sie ihn als Gott erkennen. Ezechiel spricht dies, und

7 Jn dem selbigen erhuob sich ein getöß und gerüsch/ und lieff ye ein beyn zuo dem anderen. Und wie ichs besach/ sihe/ do hattend sy aaderen/ unnd wuochß jnen fleysch: unnd oben warend sy mit der haut überzogen/ aber kein aathem was in jnen (Übersetzung der Zürcher Bibel 1531)

Es ist aber noch kein Geist in ihnen. Gott lässt vier Winde wehen, und es kommt Atem in sie. (Das hier an beiden Stellen vorkommende hebräische Wort ruach bedeutet sowohl ›Wind‹ als auch ›Lebenshauch, Atem‹):

10 Do kam der aathem in sy/ und wurdend läbendig/ und staltend sich auff jre beyn/ ein träffenliche grosse menge.

Auf der Illustration der Lutherbibel 1545 sind die aus Wolken auch von unten blasenden Winde gut zu sehen, und einige der Auferstehenden halten Knochen in der Hand:

> http://www.zeno.org/nid/20005328489

Der Meister des Reliefs in Casaccia hat also einen Auferstehenden aus der Szene isoliert und die Wolken stilisiert.

Weitere Illustrationen der Stelle:

Icones biblicæ præcipuas sacræ scripturæ historias eleganter & graphice repræsentantes. Biblische Figuren/ darinnen die Fürnembsten Historien/ in Heiliger und Göttlicher Schrifft begriffen/ Gründtlich und Geschichtsmessig entworffen/ zu Nutz und Belustigung Gottsförchtiger und Kunstverständiger Personen artig vorgebildet/ an Tag gegeben durch Matthaeum Merian von Basel – Pars III, Franckfurt am Mayn/ bey Erasmo Kempffern MDCXXVII.

Neuwe Biblische Figuren/ deß Alten und Neuwen Testaments/ geordnet vnd gestellt durch den fürtrefflichen vnd Kunstreichen Johan Bocksbergern von Saltbzurg/ den jüngern/ vnd nachgerissen mit sonderm fleiß durch den Kunstverstendigen vnd wohlerfahrenen Joß Amman von Zürich. […] Getruckt zu Frankckfurt am Mayn/ durch Georg Raben/ Sigmund Feyerabend/ vnd Weygand Hanen Erben M.D.LXIIII.

Holzschnitt von Johann Jacob von Sandrart / Elias Porzelius in: Gantz neue Biblische Bilder-Ergötzung: Dem Alter und Der Jugend Zur Beschauung und Erbauung/ Aus dem alten Testament angestellet und mitgetheilet: Von Johann Andreæ Endters Seel. Söhnen in Nürnberg [ca. 1700].

(In der katholischen Messfeier wird diese Textstelle vorgetragen als siebente Lesung am Karsamstag, zum Thema der Auferstehung.)

Pinienzapfen in der Emblematik

Das Gebilde oben auf der Tafel in Casaccia gleicht einem Pinienzapfen.

• Das harte Äußere kontrastiert mit dem süßen Inneren:

dura cute opertum | in torulis dulces cui stabulant nuclei

Hadriani Junii Emblemata, Antverpiae: Plantin 1565.
> http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11088438-2
> http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/french/emblem.php?id=FJUb037

Joachim Camerarius wiederholt Bild und Symbolik: Wenn du es nicht knackst, kommst du nicht an das Süße heran.

Symbolorvm et Emblematvm Ex Re Herbaria Desvmtorvm Centuria Vna. Collecta Ioachimo Camerario Medico Norinberg. In quib[us] variores stirpium proprietates historiæ ac Sententiæ memorabiles non paucæ breuiter exponuntur, Francofurti Impensis Ioh. Ammonij 1654. [Erste Auflage bereits 1590]

 

• Calore solvitur
Wie ein Pinienzapfen seine Kerne nicht preisgibt, sich aber in Hitze von selbst öffnet, so verhielt sich auch der Apostel Barnabas, der durch Gottes Liebe Herz und Geist öffnete.

Paolo Aresi, Imprese sacre, Tortona 1630, Bd. 4/1, S. 586
> http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10899702-0

 

••• Die hier angegebenen Bedeutungen passen nicht gut zur Auferstehungsproblematik.

Pinie

Im https://freimaurer-wiki.de/index.php/Pinienzapfen liest man:

»Im Christentum gilt die Pinie als Lebensbaum und ihre Zapfen gelten als Symbole der Auferstehung und der Unsterblichkeit. Diese Symbolik wurde aus den antiken Kulten der Isis, des Dionysos sowie der Kybele übernommen. Die Römer schmückten in den mitteleuropäischen Provinzen Pfeilergräber mit den Zapfen.« — Tönt gut, aber leider ohne Quellenbelege.

 

• Jesaias beschreibt in Kapitel 60 die Herrlichkeit des künftigen Jersualem als einen Ort des Friedens, in dem der HErr verehrt wird. Dort werden Pinien den heiligen Ort schmücken:

Jesaias 60,13 (Text der Vulgata): Gloria Libani ad te veniet, abies, et buxus, et pinus simul ad ornandum locum sanctificationis meae; et locum pedum meorum glorificabo.

 

Bartholomaeus Anglicus, O.F.M. (Ende 12. Jh. – nach 1250) bespricht die Pinie in seiner Enzyklopädie »De proprietatibus rerum« (nach 1235) in Lib. XVII, Cap. cxxij, und sagt dass sich die duppelte Rinde des Zapfens löst, wenn er auf dem Feuer leicht geglüht wird:

oportet ut integra pinea ponatur super carbones et leviter exuratur, et sic duplex cortex eius, interior scilicet et exterior auferatur — Die Randglosse bringt eine moralische Deutung: So soll man den alten Menschen ausziehen: Nota qualiter vetus homo est exuendus [vgl. Epheser 4,22 und Kolosser 3,9]

Liber XVII ist (mit den in alten Ausgaben oft fehlenden moralischen Marginalnotizen) herausgegeben von Iolanda Ventura, Turnhout: Brepols 2007; das Kapitel auf S. 181f.

 

• In einer Randglosse der Symbol-Enzyklopädie von Jacob Masen, SJ (1606–1681) zum Baum Pinus steht: Praemia post mortem.

Jacob Masen, Speculum Imaginum Veritatis Occultae. Ed. tertia prioribus correctior, Köln 1681.
> http://mateo.uni-mannheim.de/camena/masen6/books/masenspeculum_8.html

 

• Bei Pierio Valeriano (1477–1558) gibt es längere Ausführungen zur Pinie und zum Tod: quandoquidem amaritudo ipsa ita est morti affinis, ut vice versa mors interdum pro amaritudinem usitatissimo mortalium sermone proferatur [müsste präziser verfolgt werden]

Hieroglyphica sive de sacris Aegyptiorum literis commentarii, Ioannis Pierii Valeriani Bolzanii Bellunensis ... , Basel: Isengrin 1556.
> https://www.e-rara.ch/bau_1/content/pageview/927925
Ausgabe Frankfurt 1678, S. 651 > digital bei Mateo

Zeder

Die Zapfen der Zeder sehen ebenfalls ähnlich aus wie das Gebilde oben auf der Tafel von Casaccia:

Joh. Henrici Ursini ... Arboretum Biblicum in quo Arbores & frutices passim in S. Literis occurentes, Notis Philologicis, Philosophicis, Theologicis, exponuntur, & illustrantur; […], Norimbergae, Sumtibus Johannis Danielis Tauberi 1685. Caput XIX, Tafel zu S. 286.

Der aus dem abgebrochenen Stamm hervorsprossende Zweig könnte angeregt sein von Ezechiel 17,22 > http://www.zeno.org/nid/20005328284

 

• Die Zeder hat – weil sie nicht von Würmern angefressen werden und im Gewitter unversehrt bleiben soll – in der Bibel ein hohes Ansehen. Sie steht für Lebenskraft, Vitalität, Dauerhaftigkeit u.a.m. Das würde zur Auferstehungsszene passen.

Vgl. Peter Riede, Artikel »Zeder«, in: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/35226/ und

https://www.die-bibel.de/lightbox/basisbibel/sachwort/sachwort/anzeigen/details/zeder/#text-11485 (von hier dankbar einige Hinweise übernommen)

• Psalm 92,13: Der Gerechte wird sprossen wie die Palme, wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon. = Vulgata-Zählung Ps 91,13 Justus ut palma florebit; sicut cedrus Libani multiplicabitur. (Vgl. Psalm 80,11; Psalm 104,16)

• Das Holz der Zeder hat einen aromatischen Duft. Daher wurde es auch für bestimmte Reinigungsrituale benutzt (3. Mose/Levitikus 14,4; 4. Mose/Numeri 19,6).

• Die Zeder gehört zu den Bäumen, die Gott in der Wüste wachsen lässt, wenn die Zeit des Heils gekommen ist (Jesaja 41,19).

• Das ›Holz vom Libanon‹, aus dem Salonons Sessel bzw. Bett gefertigt ist (Cantica 3,9), ist imputribilis (kann nicht faulen); Stellen bei Ohly (1971), S.65.

• In der mittelalterlichen Natur-Enzyklopädie des Petrus Berchorius (Ende 13. Jh. – nach 1361), »Reductorium morale« wird die Zeder in Lib. XII, Cap. xxij abgehandelt. – Es gibt [glücklicherweise] eine deutsche Übersetzung: Aegidius Albertinus, S.J. (um 1560 – 1620):

Die Zeder wird ausgelegt auf den gerechten Regenten / auf die Jungfrau Maria / das Kreuz / Christus / und

[Es] wirt durch disen Baum verstanden die hochheit deß Himmlischen Paradieses/ dann daselbst ist die hochheit der wirdigkeit die bestendigkeit der frewde/ die grünheit der Klarheit/ die süsse Frucht der ewigen Wollüst.

Der Welt Tummel= und Schaw-Platz/ […] Darinn nit allein die Natürliche/ sondern auch Moralische und sittliche Eigenschafften und Geheimnussen der fürnembsten Creaturen und Geschöpff Gottes erklärt werden. München 1612; S. 673ff.
> http://diglib.hab.de/drucke/21-phys/start.htm?image=00701

• Die Emblem-Enzyklopädie von Picinelli sagt:

Cedrus, fructibus onusta, epigraphen tenet: NUNQUAM SPOLIATA. Anima, Deo amica, hoc typo significatur […] (Die Seele ist, wie die fruchtbeladene Zeder, unverderblich.)

MUNDUS SYMBOLICUS, in Emblematum Universitate formatus, explicatus, et tam sacris, quam profanis eruditionibus ac sententiis illustratus: submnistrans Oratoribus, Prædicatoribus, Academicis, Poetis &c. […] conscriptus reverendissimo domino D. Philippo Picinello, Coloniæ Agrippinæ, Sumptibus Hermanni Demen, sub signo Monocerotis. MCCLXXXI.
Lib. IX, Cap. ixi, ¶ 132–147: Cedrus [ohne Bild]
Ausgabe 1669 > http://doi.org/10.3931/e-rara-48697

• Der Benediktiner Willibald Kobolt († 1697) schreibt zur Zeder:

Der Ceder-Baum wurde bey der alten Heydenschafft wegen seiner Dauerhafftigkeit für ein Sinnbild oder Anzeigen der Ewigkeit gehalten/ auch deßwegen die Götzen-Bilder aus Ceder-Holtz geschnitzlet / auf daß sie unversehrt allzeit dauren solten. Daher entstund auch der Brauch/ daß wann man von etwas sagen wolte/ es seye eines ewigen Angedenckens würdig/ sagte man/ es seye Ceder-würdig/ oder verdiene in Ceder-Holtz verzeichnet zu werden.

Willibald Kobolt,Die Groß- und Kleine Welt, Natürlich-Sittlich- und Politischer Weiß zum Lust und Nutzen vorgestellt [...]. Augsburg 1738, IV Theil, I,1 = S. 542
> http://www.zeno.org/nid/20005182034

Aus der Emblematik:

Cedrus, putredinis expers, incorrupta manet (Die Zeder, unberührt von Fäulnis, bleibt unversehrt erhalten)

Jacobus Boschius S.J., Symbolographia, sive de Arte Symbolica, Augsburg / Dillingen 1701. – Reprint Graz: ADVA 1972. II, DCVI

Crescebat, et confortabatur (Er ist gewachsen und wurde gestärkt).
Der gerechte Mensch soll auf den Weg zur Vollkommenheit nicht innehalten, sondern stets darauf voranschreiten.

Carlo Labia, Simboli predicabili estratti da sacri evangeli che corrono nella quadragesima, Ferrara 1692.

 

Die Zeder mit ihren Eigenschaften, inbes. dass sie nicht faulen kann, könnte gut zum Auferstehenden im Bild passen.

 

Weiterführende Literaturhinweise zur Zeder:

Friedrich Ohly, Hölzer, die nicht brennen, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 100 (1971), S. 63–72.
> https://www.jstor.org/stable/20655673

Heimo Reinitzer: Zeder und Aloe. Zur Herkunft des Bettes Salomos im »Moriz von Craûn«, In: Archiv für Kulturgeschichte 58 (1976) S. 1–34.
> http://www.digizeitschriften.de/dms/img/?PPN=PPN391118072_0058&DMDID=dmdlog12


Zypresse

In Genesis 6,14 wird gesagt, wie Noah die Arche bauen soll: Der hebräische Text hat für das Material das Wort גפר gofær oder gopher, das nur an dieser Stelle vorkommt (ein sog. "hapax legomenon"). Die Vulgata bestimmt die Holzsorte nicht: de lignis levigatis. Die moderne deutsche Einheitsübersetzung setzt dafür Zypressenholz. — Weil auf diesem Schiff die Gerechten die Sinftlut überlebt haben, scheint der symbolische Bezug erfolgsverheißend.

• Der ausfühlichste Kommentar zu Gopher findet sich bei Johann Heinrich Ursinus (1608–1667). Unter dem weit ausgebreiteten Wissen findet sich der Satz: absque dubio ad naupegiam aptiores […] quam Cupressus (Es gibt kein geigneteres Holz für den Schiffbau als die Zypresse). Moralische Deutungen gibt der Lutheraner Ursinus freilich nicht.

Joh. Henrici Ursini ... Arboretum Biblicum in quo Arbores & frutices passim in S. Literis occurentes, Notis Philologicis, Philosophicis, Theologicis, exponuntur, & illustrantur; […], Norimbergae, Sumtibus Johannis Danielis Tauberi 1685. Caput XXII = S. 310–319 [Erstausgabe 1665]

• Johann Jacob Scheuchzer (1672–1733) bringt in seinem Bibelkommentar lange Überlegungen, um was für eine Holzsorte es sich gehandelt haben könnte. Er plädiert dafür, es habe sich um Zypressenholz gehandelt, das für den Schiffbau das geeignetste sei. Auf den beiden Illustrationen sind mehrere Zapfen verschiedener Bäume abgebildet. – Die Früchte der Zypresse sehen allerdings etwas anders aus als der Zapfen in Casaccia.

Kupfer-Bibel, in welcher die physica sacra, oder geheiligte Natur-Wissenschafft derer in Heil. Schrifft vorkommenden natürlichen Sachen, deutlich erklärt und bewährt von Joh. Jacob Scheuchzer ... : anbey zur Erläuterung und Zierde des Wercks in künstlichen Kupfer-Tafeln ausgegeben und verlegt durch Johann Andreas Pfeffel; Ulm: Wagner, Band I 1731; Tafeln XXXIV und XXXV und S. 35/36.
> https://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/2962877

Scheuchzer bringt (wie immer) keine moralische Deutung; er verweist nur pauschal auf den Totenkult der heidnischen Antike.

 

• Nach Ovid (Metamorphosen X, 106–142) ist die Verwandlung des Cyparissus die Erklärung für die Verwendung der Zypresse als Baum im Totenkult. Der Knabe hat versehentlich seinen geliebten Hirsch erschossen, und obwohl Apoll ihn zu trösten versucht, möchte Cyparissus ewig trauern (ut tempore lugeat omni). So wird er in einen Baum verwandelt.

Kupfer von Crispijn de Passe (1564–1637):

P. Ovid Nasonis XV. Metamorphoseon librorum figurae elegantissime, a Crispiniano Passaeo laminisaeneis incisae. Quibus subiuncta sunt epigramata latine ac germanice conscripta, […], Coloniae: Passaeus / Arnhemiae: Janssonius [1607].

 

• Bei Martial (40–104) sagt eine Priapstatue, sie sei nicht aus weicher Ulme gechaffen, sondern aus langlebiger Zypresse: viva generata de cupressu. (Epigramm VI,49) — Passt leider nicht so zu unserem Thema.

 

• Isidor von Sevilla (ca. 560 – 636) nennt in seiner Enzyklopädie (etym. XVII,vii,34) die Solidität der Zypresse und kennt eine andere Verwendung im Zusammenhang mit dem heidnisch-antiken Totenkult: Antiqui cypressi ramos prope rogum [rogus = Scheiterhaufen] constituere solebant, ut odorem cadaverum, dum urerentur, opprimerent iucunditate odoris sui.

Symbol oder Ornament?

Was stellen die kleinen Kügelchen dar, die rund um den Zapfen angeordnet sind?

Sind es die aus dem Zapfen durch die Einwirkung des Feuers* hervorgegangene süßen Pinien-Kerne, also Auferstehungsymbole? (* Ein Fegefeuer kennen die Protestanten nicht.)

Oder ist es eine ornamentale Randleiste? Mehr dazu hier.

Granatäpfel auf Jachin und Boas

Im 1. Buch der Könige (Vulgata-Zählung III Reg.) wird beschrieben, wie der Palast von König Salomo gebaut wird. Davor stehen zwei Säulen, genannt Jachin und Boas; sie haben zuoberst einen Knauf:

7, 18 Et perfecit columnas, et duos ordines per circuitum retiaculorum singulorum, ut tegerent capitella quae erant super summitatem, malogranatorum: eodem modo fecit et capitello secundo.

In der Lutherbibel 1545: 1 Könige 7,15 Und machet zwo eherne Seulen / eine jgliche achzehen ellen hoch / vnd ein faden von zwelff ellen war das mas vmb jgliche seulen her. 16Vnd machet zween Kneuff von ertz gegossen / oben auff die seulen zusetzen / vnd ein jglicher knauff war fünff ellen hoch. 17Vnd es waren an jglichem Knauff oben auff der seulen sieben geflochten Reiffe / wie keten. 18Vnd macht an jglichem knauff zwo riegen Granatepffel vmbher / an einem reiffe / da mit der knauff bedeckt ward.

aus: Biblia ectypa. Bildnußen auß Heiliger Schrifft deß Alten Testaments, Erster Theil. in welchen Alle Geschichten u: Erscheinungen deutlich und schriftmäßig zu Gottes Ehre und Andächtiger Seelen erbaulicher beschauung vorgestellet worden. ... hervorgebracht von Christoph Weigel in Regensburg 1697.

Das Wort malogranatum steht auch in 2 Könige, 25,17 und Jer 52,22 .

Was für eine Symbolik wird diesen Granatäpfeln in Bibelkommentaren zugeschrieben?

Thyrsos-Stab?

Auf attischen Vasen wird Dionysos und sein Gefolge (Mänaden und Satyrn) gerne mit einem (oft von Weinlaub umwickelten und) von einem Pinienzapfen gekrönten Stab gezeigt:

Quelle > https://www.theoi.com/Gallery/K12.3.html

Der Thyrsos-Stab des Bacchus ist gefährlich (Horaz, Oden II, xix, 8; Ovid, Metamorphosen III, 712 und XI, 28).

Die heidnische Antike liegt für eine christliche Kanzel im 15. Jh. weit weg; und eine einschlägige Symbolik ist außerdem hier nicht zu erkennen, vgl. Ferdinand-Gaudenz von Papen, Der Thyrsos in der griechischen und römischen Literatur und Kunst, Berlin 1905.


 

Das Gemeindemitglied, das zur Kanzel blickt, könnte dem Bild entnehmen:

Der Gerechte darf darauf hoffen, dass er unverweslich ist (wie eine Pinie oder Zeder oder Zypresse) und am Jüngsten Tag auferstehen wird (wie das Ezechiel prophezeit hat).

Wer einen Hinweis zur Deutung hat, möge uns das bitte mitteilen! (Die Mail-Adresse werden wir nicht weiterreichen.)