Tabula Cebetis — Pinax des Kebes — Kebestafel

Einleitung


Antike Zeugnisse (vgl. Diogenes Laertios 2,125) schreiben einem gewissen Kebes drei Dialoge zu, von denen die »Tafel« (griech. pinax) erhalten ist. In Platons Dialog »Phaidon« (61d ff.) erscheint als Gesprächspartner des Sokrates ein gewisser Kebes. Durch die Ineinssetzung bekam das Werklein Autorität, und die Humanisten haben es begierig rezipiert. Es wurde unzählige Male – allein bis 1550 zählt man über 60 Auflagen – ins Lateinische und die Volkssprachen übersetzt und kommentiert, und das zugehörige Bild aus dem Text rekonstruiert. Als einfache und die Moral befördernde Lektüre wurde es an Gymnasien bis ins 19. Jh. verwendet. Noch Lessing schätzt die Kebestafel, Goethe setzt ihre Kenntnis voraus.

In einem Tempel des Saturn erklärt ein Greis einigen Fremden ein dort vorhandenes Wandgemälde allegorischen Inhalts. Darin werden einem nach äußeren Glücksgütern strebenden Leben die falsche und die wahre Bildung entgegengehalten, wobei zur falschen Bildung auch die sieben freien Künste zählen, denen man sich im Vorübergehen wohl einige Zeit widmen dürfe, ohne jedoch die echte Bildung aus dem Auge zu lassen, die auf die Erlangung der Glückseligkeit durch Tugenden allein gerichtet ist; auch von den Glücksgütern solle man annehmen, was Fortuna gibt, sich aber auf dem Wege nicht beirren lassen.

Der griechische Text stammt wohl aus der hellenistischen Phase (ca. 2. Jahrhundert u.Z.), eine banale Ethik mit stoischer Färbung in allegorischer Gestalt, der Dialog stilistisch eher unbeholfen.

Moderne kritische Ausgabe von C. Praechter, Bibliotheca Teubneriana 1893.

Griech. Text mit dt. Übersetzung und Anmerkungen von Rainer Hirsch-Luipold, S.68ff. (siehe unten)

Wer es gern auf Frühneuhochdeutsch liest: Hans Sachs (1531); in: Werke, hg. von Adalbert von Keller, 3. Band (Bibliothek des Litterarischen Vereins Stuttgart 104), 1870, S. 75–91. Hier als PDF zum Download

Übersetzung von Willibald Pirckheimer (1606) im Anhang von R.Schleier (S.144–155); OCR-erfasst von Thomas Gloning hier online.

Es ist natürlich keine Beschreibung (Ekphrasis) eines wirklich vorhandenen Gemäldes, sondern der Verfasser benutzt diese Phantasie, um die bedeutsamen Personifikationen in "Räumen" (bei einem Text wären das Unterkapitel) zu organisieren. Mitspielen mag die Idee der Mnemotechnik: Man kann sich Dinge besser merken, wenn sie in einem Raum dargestellt sind (sog. "Loci-Methode", Cicero, De oratore II,354).

Das den naiven Betrachteren rätselhafte Bild wird durch den alten Mann gedeutet, so dass eine interessante dialogische Spannung entsteht.

Grundanlage sind drei konzentrische in der Höhe gestaffelte mit Toren versehene Umgänge (Hans Sachs: drey umbkreiß).

Willibald Pirckheimer: Welches ist dann der Weg/ so zur rechtschaffenen Geschickligkeit weiset? B. Sihest du/ sprach er/ denselben hohen ort/ der einen ansihet/ als stünde er gantz öd/ vnd würde von niemand bewohnt? A. Ja/ ich sihe jhn. B. So sihest du auch ein kleine Thür/ vnnd einen Weg/ darauff wenig gangen sein: dieweil er gäh/ rauh vnd steinicht seyn scheinet? A. Ich sihe ihn wol/ sagt ich. B. Da siht man auch ein hohes Berglein/ vnd ein schmalen antritt/ der auff beyden seiten gäh herab gehet. Das ist nun der Weg/ sagt er/ der zu rechtschaffener geschickligkeit führet: vnd zwar sehr beschwerlich anzusehen.

Die Darstellung mit einem Eingangstor und einem Weg zu einem Berg ähnelt den Bildern, die Christen zum Aufstieg zum Heil ermahnen. Bei der Kebestafel gibt es indessen keine Bifurkation des Weg (wie im Matthäusevangelium 7,13–14: weiträumig ist der Weg, der ins Verderben führt, ... doch schmal der Weg, der zum Leben führt) oder wie beim Y-Konzept des Herakles am Scheideweg. Wer hier geht, kommt an allen Stationen vorbei. Die räumliche Anordung wird kaum allegorisch ausgelegt, im Gegensatz der Personifikationen (Unwissenheit, Fortuna, Redekunst, Hoffnung usw.), die die Neugierde der sie Betrachtenden und der Leser des Texts wecken sollen und gedeutet werden.

Die Bildbeschreibung wurde seit dem Beginn des 16.Jhs. viele Male in ein Bild umgezeichnet – Umkehrung der Ekphrasis.

➔ Auf dieser Website werden nur einige Hinweise zu diesem recht komplexen Bild-Text-Dokument gegeben. Genaueres findet man in der unten zitierten Fachliteratur.

Eine erste Übersicht

Abbildung/ wie das menschliche leben weislich anzustellen aus: Agapeti, Luciani, Cebetis Herrn/ Hoff/ Hausstaffel: Hohes vnd Nidriges standes personen zu vnterthenigsten ehren/ wolmeinendem gefallen/ gewünschtem nutz vnd frommen/ sich darin als in einem spiegel zubelüstigen vnd zubeschawen. Aus dem Griechischen übersetzt: Mit reimen vnd figuren erkläret/ vnd zum ersten also/ neben anderen zur kunst vnd tugent nutzlichen vnd anmütigen sachen/ durch den druck vor augen gestellet [durch Nicol. Glaserum] Gedruckt zu Bremen bey Thomas de Villiers/ im jahr MDCXIX. [1619]

Darin Seite 119–183 und die Bildtafel:

CEBETIS Hauß Taffell: Das ist/ Ein güldenes büchlein/ in welcher der zustandt des gantzen menschlichen lebens/ dasselbige zu aller glückseigkeit recht vnd wol anzustellen/ in einer kunstreichen taffell/ vor augen gestellet:
Jederman/ wes stands personen/ zu lust vnd utz vbersetzet/ in form eines dialogi gebracht/ vnd mit vnterschiedlichen reimen erkläret/ Durch M. NICOLAUM GLASERUM.

 

Der Educandus ist auf dem aufwärts führenden Weg und gelangt mittels Toren durch die konzentrischen Mauerringe in verscheidene Bereiche: Sinnlichkeit – Geist (Bildung und scheinbildung) – Tugend; auf dem Gipfel ist die Glückseligkeit zu erreichen. Die zu ihr hinleitenden und die verführenden Personifikationen erscheinen an diversen Eingängen. Der Educandus muss durch alle Gebiete durch; er wird mit Irrtum konfrontiert, wird verlockt von Ausschweifung und anderen Lastern, wird irritiert von Scheinbildung usw.; mit all dem muss er zugange kommen, damit er dann – von Paideia (Bildung) gestärkt – das Glück erreicht.

Hier Auszüge aus der Bildlegende:

1. [einige Kinder vom Kleinkind bis zum Jüngling] Die so in das leben eingehen wollen

2. [auf der vom Betrachter aus gesehen linken Seite vor dem Eingangstor] der Genius zeiget/ wo sie hingehen/ vnd was sie im leben thun sollen.

3. [auf einem Lehnstuhl beim Eingang] die Betriegerin gibt jhnen den tranck/ durch welchen sie alles widerumb vergessen/ was der Genius befohlen.

[4 bis 7: junge Frauen:] 4. der Jrrthumb. 5. die Meinung. 6. die Begirligkeit. 7. die Vnwissenheit/ diese empfangen die/ so ins leben eingehen und führen sie an.

8. [nackte Frau mit Flügeln, die auf einer Kugel steht und Münzen ausstreut] die Fortuna theilet jhre gaben aus.

In der Übersetzung von W. Pirckheimer:

A. Wer ist aber das Weib/ welches gleich einer blinden vnd vnsinnigen/ auff einem runden Stein stehet?
B. Sie heist zwar das Glück/ sagt er: Vnd ist nicht allein blind/ sondern auch toll vnd taub.
A. Was hat sie denn für ein Ampt zuverwalten?
B. Sie/ sagt er/ spatzieret hin vnnd her: Vnnd nimbt etlichen/ was sie haben: etlichen schenckt sie/ vnndt nimbt jhnen wider/ was sie gegeben hat/ vnnd begabt andere damit/ gar vnbedachtsam vnnd vnbestendig. Erkläret derwegen diß Bildt eben recht die art vnd eigenschafft deß Glücks.
A. Welches meinest du/ sagt ich?
B. Das/ so auff einem runden stein stehet.
A. Was bedeut aber das?
B. Es zeigt an/ daß die gaben deß Glücks/ nicht stät noch bestendig sein. Denn es leidet einer grossen vnnd gewaltigen schaden/ wann er dem Glück trawet.
A. Wie? Was begert der grosse hauff/ der herumb steht/ vnd wie nennt man dieselben Leut?
B. Man nennt sie die vnbesunnenen. Es begert aber ein jelicher diß/ was das Glück wegwirfft.

9. Verstendige/ die sich der Fortuna gaben zu nutz machen

10. Vnverstendige/ die sich deren nit zugebrauchen wissen.

[im rechten Teil des Gebäuderings] 14. Diebstal. 16. die straffe vnd höhle der vnglückseligkeit. 18. die Schmach. 19. die Angst. 20. die Verzweiffelung.

Hans Sachs zu diesem Umfeld:

Sichst du im winckel dort
Ein eng, unsauber, finster ort,
Dannn böß zerhaderte weiber?
Die erste, die als den viechtreiber
Ein gaysel hat in seiner hand,
Dieselbig wirt fraw Straff gnandt;
Die ist gewaltig, starck und groß.
Und die ir haubt legt in ir schoß,
Dieselbig beist fraw Trawrigkeit.
Die dritt fraw, die on undterscheit
Ir bar außraufft, die baist fraw Schmertz;
Und die noch lieget underwertz
Und hat den kopff in ihrer hend,
Dieselb wirt fraw Wee-klag genendt.
Nun diesen wirt er ubergeben.
Die peinigen durch all sein leben
Und wirt von in geworffen weit
Int gruben der hartseligkeit.
Da wirt er erst in seym gewissen
Von den nagenten wülrmlein bissen
Und muß in trübsal, angst, ellend
Armutselig biß an sein end
Forthin verzeren all sein zeit,
Inn weh aller unseligkeit,
Es sey dann sach, das ihn fraw Rew
Vom glück begegne auß mitrew
...

22. die Hoffnung. 23. Ein gutes verlangen.

24. Ein Busfertiger. 25. die Rewe/ durch diese werden die so sich bekehren/ auff einen andern weg gebracht.

26. [am inneren Tor] die falsche Vnterrichtung.

27.–32. [Gruppe von Personifikationen mit Attributen] 27. die Redekunst. 28. die Sternkunst. 29. [mit Harfe] die Singkunst.

33.–40. [rechts eine Gruppe von Männern in einer Pfütze] 35. der Jrthumb. 36. Sternkünstler. 38. Alchimist. 41. Ketzer.

42. [eine Figur, die über die Mauer klettert] der auff dem rechten wege.
[zwei weibliche Gestalten helfen ihm dabei] 43. die Leidligkeit. 44. die Eingezogenheit.

Dazu der Text von N. Glaser 1619 (Zum Wortschatz: Eingezogenheit ≈ Zurückgezogenheit vom Weltlichem; Sittsamkeit — Leidlichkeit ≈ Toleranz)

Xen. So sehet jhr auch zwey weiber auff dem steinfelsen/ welche feist vnd wol bey leibe/ vnnd wie willig daß sie ihre hende außstrecken?
Ceb. Ich sehe die woll: aber wie werden diese weiber genennet?
Xenoph. Die eine wird die Eingezogenheit/ die andere die Leidlichkeit genennet/ vnd sind zwo schwestern.
Ceb. Warumb strecken sie die hende so willig auß?
Xeno. Sie vermahnen die so an diesen ort kommen/ daß sie gutes muhts sein/ vnd nicht kleinmütig werden: sie sagen auch/ sie müssen sich noch eine kleine zeit hart halten/ so werden sie auff einen schönen lustigen weg kommen.
Ceb. Wenn sie nun an die steinklippe kommen/ wie steigen sie dann hinauff: denn ich sehe ja keinen weg der hinauff gehet.
Xenop. Diese weiber steigen selber von dem hohen stickeln ein ort wenig zu jhnen herunter/ vnd zihen sie denn hinauffwarts zusich. Demnach heissen sie dieselbigen ein wenig ruhen / vnd vber ein kleines geben sie jhnen krafft vnd muth, verheissen auch sie zu der wahren Geschickligkeit zubringen / weisen jhnen den weg/ wie schön derselbige/ wie schlecht/ wie leichtlich vnd wie lüstig er zuwanderen/ vnd wie er von allem vngethuͤmb vnd boͤsen/ wie jhr denn allda sehet / gereiniget.

45. [nackte Gestalt, hält einen Schlüssel in der Hand] die warhaftige Vnterrichtung.

46 [im innersten Ring] die Mässigkeit.

47. die Mannhafftigkeit.

51. [unter dem Tor zum Tempel] die Glückseligkeit.

Und um Nicolaus Glaser (1619) noch mit einem seiner beigefügten Gedichte zu Wort kommen zu lassen, dies (S. 134):

Musæus.
O Fortuna du schönes kraut/
   Was bistu für ein arge haut?
Denn die dir trauwn von gantzem hertzen/
   Mit denen thustu fälschlich schertzen/
Die freundschafft die zu dir gewendt/
   Kehrt sich bald vmb/ vnd hat ein endt.
Itzt lachstu fein/ bald weinstu wider/
   Izt hebstu auff/ bald stöst du nider/
Darauff du stehst/ rund ist der stein/
   Taub/ blindt/ vnsinnig mustu sein.
Du hörst/ du sichst zu keiner frist
   Drumb bey dir gantz nichts sicher ist:
Du kennst auch keinen frommen mann/
   Ob sie dich gleich hart ruffen an.
Was du gegebn/ nimbst wider hin/
   Thöricht vnd toll bist in deim sinn.
Drumb lieben freundt/ last jhr nicht trawen/
   Weil sie/ was gebn/ thut wider rauben.
Last darnach streb / daß wir mögn haben/
   Bestendiger vnd sichrer gaben.

Das Bild aus Privatbesitz — Die Bayerische Staatsbibliothek hat dieses Buch digitalisiert. Es handelt sich um ein Massendigitalisat, und sinnvollerweise werden dabei die Bildtafeln nicht ausgeklappt und abgelichtet.

> http://www.mdz-nbn-resolving.de/ur.......bsb10215761-1

Beispiele

>>> mehr Abbildungen bei R.Schleier 1973

••• Möglicherweise die früheste Umsetzung ins Bild: 1507

Tabula Cebetis philosophi socratici, per honestos viros Nicolaum Lamperter & Balthasar Murrer. Anno. M.D.Vij.

https://books.google.ch/......

Die lat. Übersetzung [von Johannes Rhegius ≈ Aesticampianus, 1457–1520] im Buch beginnt so: Forte fortuna deambulabamus in Saturni sacello in quo cum pleraque alia munera intuebamur tum posita erat et tabula quaedam per delubro in qua erat pictura quaedam peregrina et fabulas habens peculiares quas non poteramus conijicere ...

(≈ Wir kamen zufällig in den Saturn-Tempel, in dem wir neben vielen anderen Opfergaben auch eine Tafel im Heiligtum entdeckten, auf der sich ein seltsames Gemälde befand, das eigentümliche Geschichten enthielt, die wir nicht erraten konnten...)

••• Holzschnitt von Erhard Schön (ca. 1531) mit Erklärungen auf ins Bild integrierten Spruchbändern; hier wird die räumliche Anlage als Berg visualisiert (vgl. unten vgl. Merian 1638; Varin; Spieghel).

> https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_1895-0122-145

Wiederholt von Johann Kramer: »Tabula Cebetis« 1551
> http://www.zeno.org/nid/20004116909

••• Die Kupferplatte von Matthaeus Merian d.Ä. (1593–1650) aus dem Jahr 1638
> https://sammlungen.uni-goettingen.de/objekt/record_kuniweb_907300/
wurde kopiert in:

[Otto van Veen und andere:] Le théâtre moral de la vie humaine, représentée en plus de cent tableaux divers tirez du poëte Horace par le sieur Otho Venius, et expliquez en autant de discours moraux par le sieur de Gomberville. Avec la table du philosophe Cebes, Bruxelles: F. Foppens 1678

> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k122994m/f226.item


••• David Kandel (ca. 1520 – ca 1596), 1547

> http://www.zeno.org/nid/20004100093

 

••• Jacob Matham (1571–1631) nach Hendrik Goltzius

> https://www.britishmuseum.org/collection/object/P_2000-0930-86

••• Quentin Varin (1570–1626) um 1600



> https://commons.wikimedia.org/wiki...,_Quentin...._Tabula_cebetis.jpg


••• Das Kupfer von Romeyn de Hooghe (1645–1708) in: Epicteti Enchiridium: unà cum Cebetis Thebani Tabula, Graecè & Latinè / ex recensione Abrahami Berkelii, cum ejusdem animadversionibus & notis, quibus accednnt [sic] notae Wolfii, Causadoni, Caselii & aliorum, cum Graeca paraphrasi, Lugduni-Batav. & Amstelod. 1679. p.153 sqq: »Cebetis Thebani … Tabula«

Hier nur die linke Buchseite gezeigt; beide Seiten auf
> https://archive.org/details/ned-kbn-.....

••• Noch ein detailreiches Beispiel:

Des Hochberühmten Philosophi Cebetis Thebani Sinnreiche Taffel : Nebenst beygefügten Kupfer/ Worinnen eigentlich abgebildet wird das gantze menschliche Leben/ von der Jugend biß in das Alter/ in Tugenden und Lastern: mit der Anleitung/ wie die rechte Weißheit und das höchste Gut/ in dieser Welt/ erlangt und beständig erhalten werden möge / Män[n]iglich zu Lust und Nutzen in die Teutsche Sprache gebracht, Franckfurt am Mayn: Hennig Große 1699.
> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11341325?page=9
> http://dx.doi.org/10.25673/opendata2-11892

 

••• Hendrik Laurensz. Spieghel (1549–1612), Hertspieghel en andere zedeschriften, Met verscheidene nooit gedrukte stukken verrijkt, en door aenteekeningen opgeheldert door P. Vlaming. Amst., A. van Damme 1723.

> https://archive.org/details/hertspieghelenan00spie/page/n98/mode/1up


••• In diesem Buch wird keine Landschaft gezeigt, sondern einzelne Szenen. Gilles Corrozet (1510–1568) hat dazu umfangreiche versifizierte Texte verfasst. Ein Bild-Beispiel: Fortune & ceulx qui estoient à l’entour de’elle

Le Tableau de Cébès de Thèbes ancien philosophe; auquel est paincte de ses couleurs, la vraye ymaige de la vie humaine et quelle voye l'homme doibt elire, pour parvenir à Vertu et perfaicte Science. Premièrement escript en graec, et maintenant exposé en rythme Françoyse [par Gilles Corrozet]. Janot, Denis (Paris) 1543.
> https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1095081n/f
> http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k8706268f

Kebestafeln in Lehrbüchern

Im zweiten Bereich ist das Thema die Bildung (paideia); wer diese erfahren hat, gelangt dann in den Bereich der Tugenden. So ist es nicht verwunderlich, dass die Kebestafel gelegentlich auf Titelblätern von Lehrbüchern und Enzyklopädien erscheint.

••• Schon die zweisprachige Bibel Novum Testamentum omne / tertio iam ac diligentius ab Erasmo Roterodamo recognitum, [Basel: Froben 1522] hatte die Kebestafel auf dem Titelblatt:
https://www.e-rara.ch/bau_1/doi/10.3931/e-rara-3936

••• Der Holzschnitt wurde dann hierfür übernommen:

Lexicon graecolatinum, Basileae in officina Ioan. Vualder 1537.
> http://doi.org/10.3931/e-rara-7230

Vgl. ferner:

> https://skd-online-collection.skd.museum/Details/Index/965512

> https://archive.org/details/gri_33125015065358/page/n198/mode/1up

> https://forum.tarothistory.com/viewtopic.php?f=11&t=937&p=14136

••• Niccolò Tartaglia [1500-1557], La noua scientia inuenta da Nicolo Tartalea brisciano ..., Venedig 1537.

Eine Besonderheit ist, dass hier der Ur-Mathematiker Euklid statt Genius am Eingang steht. – Im ersten Hof eine Kanone mit der ballistischen Parabelbahn, die im Buch demonstriert wird — Tartaglia mitten unter den Personifikationen des Quadriviums (und anderen) — den obersten Hof mit der Philosophie öffnen das Tor Aristoteles und Plato, der in seiner Hand die Banderole hält mit dem Text: Nemo huc geometriae expers ingrediatur ≈ hier wird niemand eintreten, der von Geometrie nichts versteht.

> https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00103214?page=5
>https://doi.org/10.3931/e-rara-10432 (Ausgabe 1558)


••• Die Kebestafel ist im Frontispiz zu Beyerlincks Enzyklopaedie »Magnvm Theatrvm Vitae Hvmanae« verwendet (Ausschnitt; vgl. die Diskussion hierzu hier.

> http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=drucke/ae-2f-16-1&image=00005

Magnvm Theatrvm Vitae Hvmanae, Hoc Est Rervm Divinarvm Hvmanarvmque Syntagma Catholicvm, Philosophicvm, Historicvm, Et Dogmaticvm : Nunc primum ad normam Polyantheae Cuiusdam Universalis ... iuxta Alphabeti seriem ... in Tomos VII. per libros XX. dispositum ... / Avctore Lavrentio Beyerlinck S.J., Coloniae Agrippinae: Hierat 1631.

In der unteren Hälfte liegt als Bildmuster die »Tabula Cebetis« vor, der Bildaufbau ist aber nach dem Y-Schema vereindeutigt. Der menschliche Lebenslauf wird von einer Mauer umschlossen, zu der eine Pforte den Eingang bildet; spielenden Kindern weist der Genius den Weg. Aber auch der Betrug schenkt den Trank des Vergessens aus.

Der Weg teilt sich hinter dem Eingangstor in zwei Hälften.

Die Inschriften auf dem Mauerrand: virtute duce — comite fortuna stammen aus Cicero, Ad familiares 10,3,2: Omnia summa consecutus es virtute duce, comite fortuna. (You have attained to the highest distinctions in every department, virtue shewing the way, and fortune marching by your side. )

Auf der positiven Seite des Wegs sind anhand der Attribute verschiedene Künste zu erkennen (nicht nur die Septem Artes; es ist auch die Malerei gezeigt). Auf der negativen Seite erkennt man u.a. Occasio mit geschorenem Hinterhaupt auf der Kugel. Die darüber angebrachten, das Treiben der Figuren im untern Bildregister auf den Begriff bringenden Personifikationen LABOR (mit Dreschflegel u.a.) und VOLUPTAS (mit Spielbrett u.a.) sind mit Tituli angeschrieben.

Abriss der logischen Anforderungen um zu Wissenschaften hinzustreben und sie zu erlangen

Jean Chéron (1596–1673) / Léonard Gaultier (Kupferstecher, 1572–1649), Typus necessitatis Logicae Ad alias Scientiae Capessendas, Paris 1622.
> https://dpul.princeton.edu/pudl0135/catalog/rj4307317

Das Blatt (45 x 71 cm) ist eine komplex gestaltete Visualisierung eines Bildungsprogramms / Studienplans. Vorbild ist die Kebestafel.

Zwei Details:


In diesem Bildteil geht es um die Causae inveniendae Philosophiae, d.h. die Beweggründe, die zur Suche nach Philosophie anspornen; hier im speziellen um die experientia (Erfahrung). Beim Mann, der über die defekte Brücke geht, steht: Stultum est timere quod vitari nequit (≈ Es ist töricht zu fürchten, was sich nicht vermeiden lässt.) Beim Mann, der ins Wasser fällt: Sapientiam praetereuntes lapsi sunt (≈ Die an der Weisheit vorübergingen, glitten ab; vgl. Sapientia = Buch der Weisheit 10,8).

Auf dem Segelboot mit abbrechendem Mast sind die Argumentationsmethoden der Sophisten zusammengestellt. Eine Inschrift auf dem Schiff: Sophistica vergit in errorem (≈ Sie Sophistik neigt dem Irrtum zu). Bei den den Waffen der Seeleute sind Worte eingraviert, die die fünf listigen Techniken der Sophisten bei der Beeinflussung der Gesprächspartner bezeichnen:

Negatio – Redargutio [≈ Widerlegung] – Falsum – Paradoxum – Solecismus

Aristoteles schrieb in den »Sophistischen Widerlegungen«: Ich habe zuerst die vielerlei Ziele derjenigen anzugeben, welche nur des Kampfes und Wetteifers wegen disputiren. Dieser Ziele sind fünf, nämlich die Widerlegung, das Falsche, das Unglaubwürdige, der Sprachfehler und fünftens die Verleitung des Gegners zu leerem Geschwätz. (Dies besteht darin, dass der Antwortende genöthigt wird, vielmal dasselbe zu sagen.)" Es handle sich in Wahrheit Fehlschlüsse.

Über dem Boot der Sophisten steht der Satz: Apud improbos lacessita est periculis sapientia. Das ist ein Zitat aus Boethius, Consolatio, I, prosa 3: Nunc enim primum censes apud improbos mors lacessitam periculis esse sapientiam? (≈ Meinst du, das bei denen, deren Sitten verderbt sind, die Weisheit von Gefahren bedrängt sei?)

Sieben Männer ertrinken neben dem Boot als Folgen der betreibenen Sophistik: Erravimus a via veritatis (≈ Wir sind vom Weg der Wahrheit abgeirrt. Sapientia 5,6). Über anderen steht: Omnes vias eius intelligere noluerunt. (≈ Sie wollten ihre [d.h. die Wege der Philosophie] nicht verstehen. Job 34,27)

(Die sich im Spiegel beschauend sich kämmende Sirene wird nicht erläutert. Sirenen sind Personifikationen der cocupiscentia oder der Häresie.)

Literatur hierzu:

Susanna Berger, Martin Meurisse's Garden of Logic, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes LXXVI/2 (2013), pp.203–250.
> https://philpapers.org/rec/BERMMG

Susanna Berger, The invention of wisdom in Jean Chéron’s illustrated thesis print, in: Intellectual History Review, Vol. 24 (2014); Issue 3, pp. 343–366.
> http://dx.doi.org/10.1080/17496977.2014.891173
(Eine vorzügliche Deutung: lat. Quellen ausfindig gemacht und übersetzt; Hinweise auf die Bild-Vorläufer.)

Einige Texte zur Kebestafel (ohne Illustration):

Justus Velsius (1502-1582). In Cebetis Thebani Tabulam commentariorum libri sex, (Lyon, 1551)
https://archive.org/details/ita-bnc-mag-00001154-001.....2up++

Gilles Boileau (1631-1669): La Vie d'Épictete et l'Enchiridion, ou l'Abrégé de sa philosophie, avec le Tableau de Cebes, A Paris, chez Louis Chamhoudry, 1653.

Die Gemüths-Bildungen des Epictets; Aus dem Frantzösischen des Herrn Abts von Bellegarde ins Deutsche übersetzt Von A. B. C. [d. i. vermutl. Johann Friedrich Bachstrom], Leipzig / Görlitz: Marche, 1747.
http://digital.slub-dresden.de/id373433042

Kebestafel karikiert?

Was persiflierte de Hooghe mit diesem Bild (ca. 1685)? Dass man so nicht zum Musenchor gelangt. (?)

Sibylle warnt beim Herannahen von Hekate: »Procul, o procul este, profani!« ≈ Bleibt fern, Uneingeweihte! (Vergil, Aeneis VI, 257)

Die Kopie von Bernard Picart ist angeschrieben: Spotprent op den Dichter Plúimer. Castelijn van de Schouburg. Vgl. https://www.rijksmuseum.nl/nl/collectie/RP-P-AO-25-35

Joan Pluimer (ca. 1647 – 1718) was een Nederlandse dichter en toneelschrijver. (https://nl.wikipedia.org/wiki/Joan_Pluimer) — Worum es beim ›Schouwburgstrijd‹ ging: https://hmml.org/stories/series-food-mysterious-pie-...../

Forschungsliteratur

Edmund W. Braun, Artikel “Cebestafel” in: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte, Band 3 (1962), Sp 383ff.
> http://www.rdklabor.de/wiki/Cebestafel

Reinhart Schleier, Tabula Cebetis, oder »Spiegel des Menschlichen Lebens/ darinn Tugent und untugent abgemalet ist«. Studien zur Rezeption einer antiken Bildbeschreibung im 16. und 17. Jahrhundert, Berlin: Gebr. Mann 1973. [135 Abb.; S. 144–155 die frühnhd. Übersetzung des Willibald Pirckheimer nach der Ausgabe Frankfurt 1606]
Diese hier > http://diglib.hab.de/drucke/79-eth/start.htm?image=00480

Cebes' Tablet. Facsimiles of the Greek Text, and of Selected Latin, French, English, Spanish, Italian, German, Dutch, and Polish Translations. Introduction by Sandra Sider. New York 1979.

Stefano Benedetti, Itinerari di Cebete. Tradizione e ricezione della Tabula in Italia dal XV al XVIII secolo, Roma: Bulzoni, 2001.

Die Bildtafel des Kebes. Allegorie des Lebens, Eingeleitet, übersetzt und mit interpretierenden Essays versehen von Rainer Hirsch-Luipold, Reinhard Feldmeier, Barbara Hirsch, Lutz Koch, Heinz-Günther Nesselrath. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005 (= Sapere, Bd. 8).
Das ganze Buch als PDF zum Download <Febr.2026>

Tristan Weddigen, Italienreise als Tugendweg. Hendrick Goltzius’ Tabula Cebetis, in: Nederlands kunsthistorisch jaarboek (2005), S.90–139.
> https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/74534/1/Weddigen_2005_Italienreise.pdf

Website zum Thema:
http://elogedelafollegravure.blogspot.ch/2015/09/e3-tabula-cebetis.html {Dezember 2019; und ± noch im Febr. 2026}

P.Michel