Nikolas Hächler

Die Funktion, Leistung und Bedeutung von Symbolen für die Aushandlung, Festigung und Inszenierung der Tyrannenherrschaft Gelons von Syrakus (ca. 540 v. Chr. – 478 v. Chr.)

(basierend auf dem Vortrag am Kolloquium "Verwendungszwecke, Funktionen, Leistungen des Symbolgebrauchs" am 3. Oktober 2026)

Agonale Wettkampfkultur und die Etablierung von Tyrannenherrschaften
in der griechischen Archaik

    Griechische Eliten in der Archaik (8.–6. Jh. v. Chr.) waren von einem kompetitiven Wettkampfsgeist durchdrungen. In agonalen Wettbewerben wurde fortwährend erprobt, wer der schnellste, stärkste, klügste, mächtigste und gemeinhin tüchtigste war, d.h., wer über die meiste „Vortrefflichkeit“ (ἀρετή) verfügte. Literarische Werke aus archaischer Zeit, darunter prominent Homers Ilias oder die Odyssee, spiegeln dieses agonale Denken unter griechischen Aristokraten in archaischer Zeit eindrücklich wider. Auch panhellenische Spiele, darunter die berühmten Wettkämpfe zu Ehren des Zeus in Olympia oder die Panathenäen in Athen, sowie musische Wettbewerbe etwa während der Pythischen Spiele in Delphi oder bei den Isthmia in Korinth zeugen von diesem agonalen Denken. In den sich nach und nach ausformenden Stadtstaaten, den Poleis, spielten diese aristokratischen Kämpfe um Macht und Rang gleichfalls eine wichtige Rolle. Nicht selten kam es dabei zu teilweise blutigen Bürgerkriegen (στάσεις). Ab dem 7. Jh. v. Chr. resultierten diese Konflikte in vielen Fällen in der Etablierung einer Alleinherrschaft durch einen einzigen Mann, der in der Folge zusammen mit seiner Familie das Leben in der Polis grundlegend bestimmte. Die Griechen bezeichneten derartige Personen als Tyrannen.

Schwarzfigurige Vasenabbildung mit Darstellung von Athleten während der Panathenäen, ca. 530 v. Chr., Quelle: Wikipedia

    Unter der sogenannten Tyrannis versteht die Geschichtswissenschaft damit eine spezfische Herrschaftsform der griechischen Antike, die in der Archaik aufkam und bis in die Zeit des Hellenismus in griechisch besiedelten Regionen der Mittelmeerwelt verbreitet war. Auffällig an der Tyrannenherrschaft ist aus heutiger Sicht die weitgehend unumschränkte Alleinherrschaft eines einzigen Machthabers über einen einzelnen Stadtstaat. Vorgesehen war eine derartige Staatsform gemäss den erhaltenen Polisverfassungen freilich nicht. Vielmehr beruhte sie auf dem Recht des Stärkeren, der sich wenn nötig mit Gewalt gegen seine Gegner durchsetzte. Entgegen dem heutigen Verständnis galten Tyrannen den Zeitgenossen nicht notwendigerweise als schlecht für einen Stadtstaat. Gerade im Kontext von gewaltsamen Bürgerkriegen erschien es vielen tatsächlich besser, wenn eine einzige Person die Macht ergriff, damit in der Stadt das Sagen hatte und so für einige Zeit für Ruhe sorgen konnte.

    Erst der wiederholte Machtmissbrauch einzelner Tyrannen, etwa durch übergriffiges Verhalten gegenüber einzelnen Polisbürgern, oder die Veruntreuung staatlicher Gelder zum Schaden der Gemeinschaft, brachte die Tyrannis an sich im Laufe der Zeit in Verruf. Be-rühmt ist in diesem Zusammenhang der Mord am Tyrannen Hippias von Athen durch Aristo-geiton und Harmodios 514 v. Chr., nachdem sich der Alleinherrscher aufdringlich verhalten hatte. Die Römer hatten bekanntlich eine ausgesprochen negative Einstellung gegenüber Tyrannen – sie erinnerten sich in legendarischen Geschichten an den Freitod der Lucrezia, nachdem diese durch den Königsspross Tarquinius Superbus vergewaltigt worden war, was den Sturz der Monarchie und die Einführung der Römischen Republik einleitete.

Griechische (rot) und phönizische (gelb) Kolonien in archaischer Zeit
(Die Karte gross auf Wikipedia)

    Zurück aber zur griechischen Welt: Diese war gerade in der Zeit der Archaik nicht allein auf das heutige Griechenland beschränkt. Zahlreiche Städte hatten Kolonisten ausgesandt, die im gesamten Mittelmeerraum neue Siedlungen, sogenannte Pflanzenstädte (ἀποικίαι oder ἐμπόρια) gründeten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einzelne Städte sandten Siedler aus, um neue Wirtschaftsregionen zu erschliessen. Andere reagierten auf Probleme lokaler Überbevölkerung. Wieder andere entsandten Schiffe, um Bürgerkriege unter sich bekämpfenden politischen Fraktionen zu schlichten. Sicher ist, dass griechische Neugründung nicht nur entlang der Meeresküste des Schwarzen Meeres entstanden, sondern auch im westlichen Mittelmeerraum, namentlich in Spanien, Südfrankreich und Süditalien zusammen mit Sizilien. Gerade die zuletzt genannten Gebiete sind als sogenannte Magna Graecia in die Geschichte eingegangen. Unter diesen westlichen Stadtgründungen kommt den Siedlungen auf Sizilien grösstes Gewicht zu, da diese als wichtiger Dreh- und Angelpunkt des damals internationalen Handels dienten.

Gelon als Tyrann von Syrakus (ca. 540  – 478 v. Chr.)

    Der zeitweilig mächtigste Tyrann Siziliens war Gelon von Syrakus, dessen Taten von Historiographen wie beispielsweise Herodot oder Diodorus Siculus überliefert sind. Unter Hippokrates, dem Tyrannen von Gela, diente er zunächst als Kommandeur der Kavallerie, bis er 491 selbst die Macht vor Ort ergriff. 488/487 v. Chr. errang er einen ausserordentlich prestigeträchtigen Sieg bei den Olympischen Spielen im Wagenrennen. Einem Angebot der Grossgrundbesitzer von Syrakus folgend begab er sich 485 v. Chr. zur Stadt, wo er sich selbst zu deren Herrscher erhob. Zur selben Zeit heiratete er Damarte, die Tochter des ebenfalls äusserst einflussreichen Tyrannen Theron von Akragas. Gela selbst überliess er seinem Bruder Hieron und widmete sich in der Folge vollständig der Stadt Syrakus, die er zur bedeutendsten Siedlung Siziliens ausbaute. Dabei liess er einen grossen Teil der Einwohnerschaft von Gela nach Syrkaus übersiedeln und baute mit deren Hilfe Heer und Flotte der Stadt massiv aus. Als 480 v. Chr. Karthager in Sizilien einfielen, besiegte er diese bei der Schlacht von Himera zusammen mit seinem Schwiegervater Theron. In der Folge etablierte sich Gelon als Herr über die gesamte Insel. Bis zu seinem Tod zwei Jahre späte regierte er ohne Widerstand über die gesamte Region.

Gelon von Syrakus, Stichzeichnung von 1833; aus: Max Karl Baldamus: Chronologisch geordneter Bildniss-Saal, Vol. 2.

    Die Tyrannenherrschaft Gelons in Syrakus beruhte nicht allein auf klugen politischen Schachzügen und militärischen Erfolgen. Sie wurde insbesondere auch auf symbolischer Ebene inszeniert. Dies ist auch deswegen bemerkenswert, weil es zu dieser Zeit noch kein etabliertes Programm gab, um Tyrannenherrschaften in Szene zu setzen; dies musste tatsächlich allererst erprobt werden. Was Gelon zum Zweck seiner eigenen Selbstdarstellung unternahm, hatte damit experimentellen Charakter und sollte sich auf die Selbstrepräsentation nachfolgender Tyrannen auswirken. Zusammen mit seiner Entourage griff Gelon dabei durchaus auf bereits existierende Praktiken gerade im religiösen Bereich sowie gemeinsam geteilte Wertvorstellungen zurück. Zugleich vermied er es tunlichst, sich selbst direkt als herausragenden Machthaber zu inszenieren.

    Stattdessen betonte er stets, dass sein Wirken als von den göttlichen Schicksalsmächten unterstützt vorzustellen sei. Nicht Gelon selbst übte Macht aus eigenem Willen aus, vielmehr folgte er dem Willen der Götter, die beschlossen hatten, dass er an der Macht sein sollte. Gelons Botschaften richteten sich dabei einerseits an seine eigenen Untertanen, waren andererseits aber durchaus auch an andere griechische Städte und deren Machthaber adressiert. Er mass sich damit im Rahmen des bereits erwähnten agonistischen Denkens der Zeit bewusst mit anderen Stadtstaaten der griechischen Welt. Dagegen interessierte es ihn weniger, was etwa die Karthager, die Sikuler oder die aufstrebenden Römer der Zeit von seinem Handeln hielten. Die von ihm verwendeten Symbole waren primär für ein Publikum gedacht, das mit der zeitgenössischen Formsprache der Griechen und deren Bedeutung vertraut war.

Die symbolische Inszenierung von Gelons Tyrannenherrschaft

    An erster Stelle ist die tyrannische Selbstinszenierung in Form der architektonischen Umgestaltung von Syrakus selbst hervorzuheben. Die imposante physische Grösse und Pracht der Stadt mit neuen Mauern, Strassen und Plätzen sowie der gezielten Anbindung der Insel Ortygia an das Festland zeugten unmittelbar von der gestalterischen Macht des Herrschers und von seinem als durchaus positiv wahrgenommenen Einfluss auf das Leben der Stadtbewohner. Wer unter Gelon durch Syrakus schritt, war nicht allein durch die rasche Transformation des Stadtbilds verblüfft, sondern insbesondere durch die zur Schau gestellte Monumentalität. Nach seinem historischen Sieg über die Karthager in der Schlacht von Himera liess Gelon in Syrakus auf der Insel Ortygia etwa einen prächtigen Tempel zu Ehren der Göttin Athena errichten. Das Heiligtum selbst ist heute vollständig in die christliche Kathedrale Santa Maria delle Colonne integriert, dessen Grundstein im 7. Jh. n. Chr. gelegt worden war – ein bemerkenswertes Beispiel für langfristige Siedlungskontinuität. Ein weithin sichtbarer goldener Schild auf dem Giebel des Athena-Tempels diente Seefahrern als Landmarke und symbolisierte zugleich machtvoll den Schutz durch die Göttin. Die damit verbundene Botschaft war klar: Göttliche Mächte unterstützten Gelon in seinen Entscheidungen und führten Syrakus zum Sieg gegen seine Feinde.

Moderne Rekonstruktion des Athena-Tempels von Syrakus mit goldenem Schild im Giebel, Quelle: Wikimedia

    Der Triumph bei Himera gegen die Karthager wurde in der antiken Welt in der Folge als Rettung der Griechen Siziliens vor den sogenannten „Barbaren“ gefeiert. Gelon selbst inszenierte sich selbst auf diese Weise als unverzichtbaren militärischen Beschützer der kulturell, politisch und wirtschaftlich bedeutsamen Insel. Seine bereits erwähnte Umsiedlungspolitik demonstrierte darüber hinaus Souveränität über die Bevölkerungsverhältnisse der Region. Solchermassen zeigte der Tyrann erneut unmissverständlich auf, dass er über das Schicksal von Städten und Menschen seiner Insel verfügte.

Büste der Gottheit Demeter, römische Kopie eines griechischen Originals aus dem 4. Jh. v. Chr. Quelle: Wikipedia

    Gelon förderte des Weiteren den Kult rund um die Fruchtbarkeitsgöttinnen Demeter und Persephone, insbesondere durch die Stiftung neuer Heiligtümer in Syrakus selbst. Auf diese Weise appellierte er an die Frömmigkeit der Stadtbewohner und stellte seine Herrschaft erneut unter göttlichen Segen. Zugleich verknüpfte er sie symbolisch mit dem wirtschaftlichen Gedeihen der Insel, zumal sowohl Demeter als Persephone als Gottheiten für fruchtbare Ernten verehrt wurden. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass gerade die Anbetung von Persephone für Personen aus dem syrischen Raum von grösster Bedeutung war, insbesondere auch im Kontext orphischer Mysterien. Durch die Errichtung eines Kultes für die genannte Gottheit schuf der Tyrann für Angehörige syrischer Glaubensgemeinschaften in Syrakus selbst einen Ort, wo sie ihre Gottheit verehren konnten. Das machte es für entsprechenden Gruppierungen äusserst attraktiv, in Syrakus zu weilen, was sich wiederum positiv auf die Handelsbilanz der Stadt auswirkte, zumal der Handel mit syrischen-phönizischen Händlern sehr lukrativ war.

Tetradrachme (26,4 mm, 17.33 g), 480–478 v. Chr., Syrakus.
Av.: Wagenlenker mit kentron in der rechten Hand und Zügeln in der linken, eine langsam dahintrottende Quadriga nach rechts lenkend. Siegesgöttin Nike über ihm, mit weit aufgeschlagenen Flügeln, nach rechts fliegend, die Pferde mit einem Siegeskranz krönend.
Rv.: Kopf der Nymphgötting Arethousa nach rechts gewandt, mit Perlentiara, Perlenhalskette und Perlenohrringen (?). Darum herum vier Delphine mit der Inschrift ΣΥΡΑΚΟΣΙΩΝ.
Quelle: https://www.coinarchives.com/a/results.php?search=wagenlenker

    Ausserordentlich bedeutsam war sodann Gelons Versuch, Münzen, die gegen Ende der Archaik erstmals als fest etabliertes Zahlungsmittel nachweisbar sind, als massentaugliches Medium zur politischen Selbstdarstellung zu nutzen. Besonders hervorzuheben sind Darstellungen des Vierergespanns (Quadriga) zusammen mit der Siegesgöttin Nike, was auf Gelons Triumph bei den Olympischen Spielen verwies, sowie der Stadtnymphe Arethusa. Die sehr fein gearbeiteten Objekte zeugten nicht allein aufgrund ihres materiell hochwertigen Silberwerts sondern auch gerade wegen ihrer sorgfältigen Gestaltung vom Reichtum der Polis Syrakus. Darüber hinaus verwies Gelon als Machthaber dadurch erneut auf seine eindrucksvollen Siege und demonstrierte zugleich erneut, dass seine Regierung von den Göttern gewollt war und dem Wohl seiner Stadt diente.

    Im Kontext panhellenistischer Repräsentationsformen stiftete Gelon darüber hinaus prunkvolle Weihungen an die grossen griechischen Heiligtümer, darunter etwa in Delphi. So beschenkte der Tyrann nach der Schlacht bei Himera das genannte Heiligtum mit einem mächtigen Dreifuss aus Gold. Die Weihgabe selbst wurde im Zentrum des Heiligtums, unmittelbar neben dem Eingang des Apollontempels, aufgestellt. Davon zeugt noch der griechische Historiograph Diodorus Siculus aus dem 2. Jh. v. Chr.:

Nach diesem Ereignis errichtete Gelon aus der Beute prächtige Tempel zu Ehren von Demeter und Persephone und liess einen goldenen Dreifuß im Wert von sechzehn Talenten anfertigen, den er als Dankopfer für Apollon im Heiligtum von Delphi aufstellte. (Übersetzung N. H.)

Ἀπὸ δὲ τούτων γενόμενος ὁ Γέλων ἐκ μὲν τῶν λαφύρων κατεσκεύασε ναοὺς ἀξιολόγους Δήμητρος καὶ Κόρης, χρυσοῦν δὲ τρίποδα ποιήσας ἀπὸ ταλάντων ἑκκαίδεκα ἀνέθηκεν εἰς τὸ τέμενος τὸ ἐν Δελφοῖς Ἀπόλλωνι χαριστήριον. (Diod. 11,26,7)

    Dies ist insofern bemerkenswert, als diese Zuwendung an die Gottheit von jedem Besucher, der das Orakel befragen wollte, gesehen werden konnte. Und da Vertreter aller griechischen Städte regelmässig nach Delphi pilgerten, um sich die Zukunft weissagen zu lassen – das Heiligtum fungierte unter diesem Gesichtspunkt wie ein zentraler Informationshub der griechischen Welt – erkannten die meisten Gelons kriegerische Leistungen, seinen Reichtum sowie seine zur Schau gestellte Gottesfurcht und kündeten in der Folge in ihren Heimatstätten davon. Auf diese Weise demonstrierte Gelon, dass er nicht nur ein kleiner Lokaltyrann auf Sizilien war, sondern ein finanzstarker und mindestens ebenbürtiger Akteur innerhalb der griechischen Staatenwelt, der die geteilte griechische Kultur gegen äussere Bedrohungen erfolgreich zu verteidigen wusste. Ein derartiges Auftreten war nicht nur auf politischer und kultureller Ebene bedeutsam, sondern sicherte zugleich politische Allianzen und insbesondere wirtschaftliche Handelsverbindungen, zumal andere griechische Stadtstaaten erkannten, dass Gelon die Kontrolle über die Insel hatte.

    In Syrakus selbst umgab sich Gelon zusammen mit seinen Brüdern und Nachfolgern mit berühmten Dichtern, Philosophen und Künstlern der Zeit, darunter Pindar, Simonides von Keos oder Aischylos. Diese Literaten komponierten Oden, Festlieder, so genannte Epinikien, und Theaterwerke, die Gelons sportliche, militärische und politische Siege feierten und ihn zugleich als wichtigen Wohltäter der Region erinnerten. Auch auf diese Weise wurde die Kunde um die Leistungen von Hieron als Herrscher von Syrakus und Hegemon Siziliens in die gesamte griechische Mittelmeerwelt hinausgetragen, was nicht allein seine eigene Herrschaft vor Ort stärkte, sondern zugleich auch Ansprüche seiner Familie weiter festigte.

    Schliesslich nutzte Gelon familiäre Verbindungen als Herrschaftssymbole. Er heiratete, wie bereits erwähnte Damarte, die Tochter von Theron, dem Tyrannen von Akragas. Durch diesen Bund besiegelte er öffentlichkeitswirksam die mächtigste Allianz auf Sizilien. Nach dem Sieg von Himera wurde Damarte sogar als Friedensstifterin gefeiert, denn angeblich hatte sie einen milden Frieden mit den Karthagern ausgehandelt, was der Familie Hierons ein bedachtes und auf Frieden sinnendes Image verlieh. Damit zusammenhängend verstand es Gelon – ganz ähnlich wie Peisistratos von Athen – sich nicht allein als militärisch erfolgreicher Herrscher, sondern auch als politisch bewusst agierender und der Diplomatie zugeneigter Schiedsrichter darzustellen, der Streitigkeiten zwischen Stadtbewohnern, aber auch zwischen sizilianischen Städten wirkmächtig schlichtete. Dies verlieh ihm das Ansehen eines weisen und überlegenen Staatsmannes, mithin eines Euergeten, d.h. eines Wohltäters für die Stadt, der in erster Linie für Stabilität und Frieden vor Ort Sorge trug, anstatt seine immense Macht durch rohe Gewalt auszuüben.

Zusammenfassung

    Gelon von Syrakus vermied es, sich direkt als Alleinherrscher darzustellen und damit die Grundlagen seiner Macht, namentlich umfassende militärische Gewalt, öffentlich in Szene zu setzen. Stattdessen betonte er seine ausserordentliche Stellung indirekt und vor allem symbolisch, indem er auf den Willen der Götter verwies, welche ihm Siege nicht nur bei panhellenischen Spielen schenkten, sondern auch Triumphe über Feinde der griechischen Gemeinschaft. Gegenüber seinen eigenen Untertanen zeigte er ein doppeltes Gesicht: Auf der einen Seite war er unbestrittener Souverän gerade was Fragen der Besiedlungspolitik Siziliens anbelangte. Auf der anderen Seite verschönerte er seine Stadt und machte den Bewohnern von Syrakus so das Leben leichter. Beides half ihm, seinen Sitz als Tyrann zu festigen, namentlich Furcht vor Deportationen und Hoffnung auf ein besseres Leben unter seiner Führung in seiner Stadt.

    Im agonistischen Diskurs der Zeit mit anderen Städten der hellenistischen Welt stellte sich Gelon gleichfalls als Sieger vor, wodurch er als Garant politischer und wirtschaftlicher Stabilität auftrat. An prominenter Stelle feierte er seinen Sieg bei panhellenischen Spielen zu Ehren der Götter und liess seinen Erfolg über die Karthager wirkmächtig in Delphi selbst inszenieren. Auf diese Weise schaffte er es, in der griechischen Welt weithin bekannt zu werden; viele respektierten und bewunderten ihn dabei, während einige ihn fürchteten.

    Sein Herrschaftsrepertoire, das er auch gezielt auf symbolischer Ebene in Szene setzte, fand Nachahmer und diente in der Folge nicht nur der Herrschaftsstabilisierung weiterer Tyrannen von Syrakus. Es inspirierte indirekt auch nachfolgende Alleinherrscher, darunter prominent Octavian – den späteren Kaiser Augustus. Gelon von Syrakus bleibt als tyrannischer Alleinherrscher gerade mit Blick auf mögliche Techniken der symbolischen Selbstinszenierung damit bis heute relevant. Symbole bildeten dabei einen wesentlichen Faktor seiner herrschaftlichen Selbstinszenierung, da sie einerseits bekannte Bildsprachen effektiv aufgriffen und sich damit für Deutungen jener Personen öffneten, die mit der griechischen Vorstellungswelt vertraut waren. Andererseits blieben die gewählten Symbole in der Regel offen genug, um verschiedene positive Deutungen zuzulassen, welche die reale Machtgrundlage Gelons von Syrakus – militärische und politische Gewalt – zugleich wirksam verschleierten.

Bibliographie

Quellenliteratur

Diodore de Sicile: Bibliothèque historique I-XIV, édité et traduit par Pierre Bertrac et al., Paris 1972-2003.

Sekundärliteratur

Cerchiai, Luca et al.: Die Griechen in Süditalien. Auf Spurensuche zwischen Neapel und Syrakus, Stuttgart 2004.

De Libero, Loretana: Die archaische Tyrannis, Stuttgart 1996.

Lomas, Kathryn (Hg.): The World of the Western Greeks, London 2015.

Meier-Welcker, Hans: Himera und die Geschicke des griechischen Sizilien, Boppard am Rhein 1980.

Stahl, Michael: Aristokraten und Tyrannen im archaischen Athen. Untersuchungen zur Überlieferung, zur Sozialstruktur und zur Entstehung des Staates, Steiner 1987.