»Ausdruck von Emotionen mittels Symbolen«

 

Kolloquium vom 5. und 6. September 2003 in Zürich

... und hier die Buchpublikation 

und ein Nachtrag (Juni 2013): Der Wortschatz der Gefühlsbezeichnungen in fünf europäischen Sprachen bei EMOLEX

 

Freitag, 5. September
       
  9.15 Uhr Paul Michel Begrüssung durch den Präsidenten der Gesellschaft
  9.30 Uhr s.t. Klaus Rink
(Zürich)
Episodische Information als Schlüssel zum Verständnis normaler und pathologischer Gefühlsreaktionen
  10.30 Uhr Doris Lier
(Zürich)
'Tatort' Traum - Vom psychologischen Erschliessungscharakter der Emotionen
  11.30 Uhr Wolfgang Marx
(Zürich)
Navigationsversuche im Raum der möglichen Gefühle
  Mittagspause  
  14.15 Uhr Katalin Horn
(Basel)
Brot (Nahrung) als Zeichen von Emotionen im Märchen
  15.00 Uhr Thomas Honegger
(FSU Jena)
Liebe: Die literarische Darstellung eines Gefühls in der höfischen Literatur des Mittelalters am Beispiel des "Lai de l'ombre".
  15.45 Uhr Kaffeepause  
  16.15 Uhr Christina Vogel
(Zürich)
Symbolisation des expériences-limites de la joie et de la douleur dans l'Ïuvre de Simone Weil
  17.00 Uhr Georges Güntert
(Zürich)
Die bildliche und rhythmische Gestaltung der Affekte in Tassos "Gerusalemme Liberata"
  19.45 Uhr c.t. Cornelia Rizek
(Bern / Jona)
Logos im Swiss Virtual Campus - Zugehörigkeitsgefühle durch Symbole?
  anschliessend Thomas Krumm
(Marburg)
Das "Alien" als Symbol der Seele?
  anschliessend Martin Städeli
(Kandergrund BE)
Das Augenzwinkern der E-Mails - Emoticons als neue rhetorische Ausdrucksform :-)
  Samstag, 6. September  
     
  9.30 Uhr s.t. Ursula Stadler
(Oxford)
Gefühlssymbolik in chinesischen Schriftzeichen
  10.30 Uhr Hans-Jürgen Diller
(RU Bochum)
Semantik des Gefühlswortschatzes im Englischen
  11.30 Uhr Paul Michel
(Zürich)
Darstellung von Psychischen mittels Personifikationen, Projektionen und Psychomythen
  Mittagspause  
  14.15 Uhr Ursula Kundert
(Zürich)
"Ad evigilationem brutarum mentium"
Emotionen als wirkungsmächtige erzählte Kategorien in der Enzyklopädik um 1300
  15.00 Uhr Heiner Weidmann
(St. Gallen)
Salome, femme fatale, starke Gefühle im 19. Jahrhundert
  15.45 Uhr Kaffeepause  
  16.15 Uhr Ursula Renz
(Yale / Zürich)
Emotionen bei Spinoza
  17.00 Uhr Villö Huszai
(Basel / Zürich)
Warum gibt es überhaupt Dichtung (uund nicht bloss Essay)?" - Die Kategorie Gefühl in Robert Musils Poetik des Essayismus
  anschliessend Mitgliederversammlung der Schweizerischen Gesellschaft für Symbolforschung
  19.45 Uhr c.t. Beatrice Kropf
(Zürich)
Musik zur Darstellung von Emotionen im "Tristan" von Gottfried von Strassburg
  anschliessend Hans Meierhofer
(Zürich)
Tonartensymbolik (mit Demonstrationen)
     
 

Exposés

     
 
Paul Michel (Zürich)

Darstellung von Psychischen mittels Personifikationen, Projektionen und Psychomythen

Psychisches wird mitunter veräußerlicht in Gestalten, die sich außerhalb der eine Emotion empfindenden Figuren befinden. Handelt es sich bei dieser Darstellungsweise - die von Homer über mittelalterliche Romane und barocke Greueldramen bis zum Comic Strip anzutreffen ist - um rhetorische Personifikationen, psychische Projektionen oder mythische Vorstellungen? Ira als Weib mit verbissenen Gesichtszügen, auf einem Tiger reitend. — Personifikation ist ein beliebter rhetorischen Kniff, die Einführung nichtpersonhafter Dinge als sprechender sowie zu sonstigem personhaftem Verhalten befähigter Personen. Ihre Leistung sind: agonale Sichtbarmachung der psychischen Agenten und Antagonisten; Belebung der Welt der dramatis personae. Die Skythen als die Grausamkeit par exellence. — Freud hatte den Begriff der Projektion schon früh eingeführt und postuliert: Wenn Regungen konfligieren,werden die unbewußten Anteile als äußere wahrgenommen; beispielsweise erfahre ich meine Aggresssion auf andere Personen als Gefährdung meiner selbst durch diese. C. G. Jung sieht dies ähnlich: der "Schatten", der den Weg zu den schöpferischen Tiefen des Unbewußten versperrt, das Latente, Ungelebte in der Psyche wird auf ein Objekt übertragen; man erlebt es am anderen. Athene gebietet dem Zorn Achills Einhalt. — Als Hilfsbegriff führe ich provisorisch 'Psychomythie' ein, die Auffassung, daß numinose Gestalten, außerpsychische, außerpersonale Mächte auf unsere Psyche Einfluß nehmen. "In derselben Weise, in der jetzt noch der ungebildete Mensch daran glaubt, der Zorn sei die Ursache davon, daß er zürnt, der Geist davon, daß er denkt, die Seele davon, daß er fühlt [É], so hat der Mensch auf einer noch naiveren Stufe eben dieselben Erscheinungen mit Hilfe von psychologischen Personal-Entitäten erklärt. Die Zustände, die ihm fremd, hinreißend, überwältigend schienen, legte er sich als Obsession und Verzauberung unter der Macht einer Person zurecht." (Nietzsche) Auch bei allem Bemühen um eine Differentialdiagnose in konkreten Fallstudien lässt sich oft nur feststellen, dass die drei Mechanismen miteinander amalgamiert wirken.

   
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Hans-Jürgen Diller (RU Bochum)

Zur Semantik des Gefühlswortschatzes im Englischen. Passion, Affection, Feeling: Zur Vorgeschichte des Begriffs der Emotion

Die Fortschritte des computerlesbaren Historical Thesaurus of English (HTE) ermöglichen es jetzt, die Entwicklung einzelner Bedeutungsfelder durch die englische Sprachgeschichte hindurch zu verfolgen. Eine der Dateien, die bereits nahezu abgeschlossen sind (und von den Kompilatoren an der Universität Glasgow großzügig zur Verfügung gestellt werden) ist "Emotion/Feeling". Sie umfasst alle jene "Lexical Units" (Form-Bedeutungs-Paare), die Emotionen im allgemeinen bezeichnen, im Unterschied zu spezifischen Emotionen wie Freude, Zorn, Trauer usw. Da das Oxford English Dictionary das Wort emotion in seiner heutigen Bedeutung erst für das Jahr 1660 verzeichnet, stellt sich die Frage: Bezeichnet das Wort einen neu aufgekommenen Begriff, oder wurde der Begriff vorher mit anderen Wörtern bezeichnet? Der HTE nennt für die Zeit vor 1660 vor allem drei Nomina, die (gelegentlich!) Emotionen im allgemeinen bezeichnen: passion, affection, feeling. Da die hier interessierende Bedeutung nur gelegentlich vorkommt, die tatsächliche Bedeutung dieser aber oft sehr nahe kommt, müssten strenggenommen alle vorliegenden Belege in ihrem Kontext untersucht werden. Dies kann natürlich nur an einer engbegrenzten Auswahl von Texten geschehen, die von texttyplogischen Kriterien gesteuert sein sollte. Im Vortrag sollen sowohl eine ahistorisch-deduktive als auch eine historisch-induktive Typologie angewandt werden. Erstere beruht auf der Dichotomie erzählend /expositorisch, letztere unterscheidet vor allem weltliche und religiöse, unterhaltende und erbaulich-belehrende Gattungen. Das untersuchte Textkorpus wird bestehen aus den großen, für die Entwicklung des englischen Wortschatzes folgenreichen Werken des ausgehenden 14. Jahgrhunderts (Chaucer, Gower, Langland, Gawain-Dichter) sowie aus Texten religiöser Unterweisung. Soweit erforderlich, werden auch die lateinischen Vorgänger einbezogen, aus denen die englischen Texte ihr Vokabular beziehen (Boëthius, Richard von St. Viktor, Thomas von Aquino). Als Ergebnis zeichnet sich ab, dass passion in eher weltlich, affection in eher religiös geprägten Diskursen vorherrscht, dass aber auch Merkmal-Oppositionen wie [±heftig], [±angenehm], [±moralisch gut] die Wortwahl beeinflussen.

   
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Georges Güntert (Zürich)

Die bildliche und rhythmische Gestaltung der Affekte in Tassos "Gerusalemme Liberata"

Das befreite Jerusalem (La Gerusalemme Liberata) ist der heute gebräuchliche Name der epischen Versdichtung in zwanzig Gesängen des jungen Torquato Tasso (1544-1595). 1575 war das Werk im Prinzip abgeschlossen, doch wollte Tasso an einzelnen Strophen (es handelt sich um Stanzen) weiter feilen und den Text zur Sicherheit vier römischen Revisoren zur Begutachtung vorlegen. Der ehrgeizige Dichter hoffte, ihn bald veröffentlichen zu können, war er doch von dessen Einzigartigkeit überzeugt: Italiens erstes christliches Epos würde nicht nur durch eine mühsam errungene Einheit der Handlung überzeugen, sondern auch mehrere romanhafte Episoden aufweisen, wodurch es dem Verlangen nach Unterhaltung einer breiteren, durch Ariost verwöhnten Leserschaft genügen konnte. Doch die Gespräche mit den Revisoren zogen sich in die Länge und verunsicherten den Dichter zusehends. Er fürchtete, das Imprimatur würde ihm verweigert, und sah sich zeitweise als Verfolgter der Inquisition. 1577 kam es in Ferrara zum berüchtigten Eclat, der seiner Karriere am Hof ein Ende bereiten sollte: Tasso wurde unter Arrest gestellt. Die nächsten sieben Jahre sollte er - unter Bewachung - als psychisch Geschwächter im Hospital zu St. Anna verbringen. Unterdessen wurde das Epos – erstmals 1580 – gegen seinen Willen gedruckt.
Im Mittelpunkt der Dichtung steht Goffredo (der historische Gottfried von Bouillon), der die Christen vor Jerusalem zum entscheidenden Angriff auf die heilige Stadt sammelt. Als Heerführer verkörpert seine königlich-priesterliche Gestalt das Prinzip der Geschlossenheit und der Einigkeit. Seine Ritter hingegen – besonders der leidenschaftliche Tankred und der unerschrockene, ruhmsüchtige Rinaldo – bilden die zentrifugalen Gegenkräfte: Tankred, der Melancholiker, leidet an seiner unerfüllten Liebe zur kämpferischen Clorinda, deren Faszination er selbst im Gefecht immer wieder erliegt, und Rinaldo verfällt den Schlichen der schönen Zauberin Armida, die in auf eine Insel der Lüste entführt und ihn dort so lange gefangen hält, bis er von Gottfrieds Gesandten befreit wird. Zu beachten ist nun die poetologische Komponente: Gottfried und sein Prinzip der militärisch-religiösen Geschlossenheit (das im gesellschaftlichen Diskurs der Gegenreformation durchaus seine Entsprechung hat) repräsentiert das nach Einheit strebende Epos; seine Ritter hingegen, die sich in (teils tragisch endenden) Liebesabenteuern verstricken, geben Anlass zur Enstehung romanhafter Episoden. Der Diskurs des hierarchisch organisierten Kollektivs steht jedoch im unversöhnlichen Konflikt mit dem Diskurs des Inviduums: Tankred erschlägt Clorinda im nächtlichen Zweikampf, ohne sie zu erkennen, und ist fortan verzweifelt; Rinaldo wird befreit, tut Busse und unterstellt sich dem Willen Gottfrieds.
Das Thema des Duells kann aus der Perspektive der sich bekämpfenden Diskurse betrachtet werden. In einem Gedicht, das wie die Ilias mit einer Heerschau beginnt und mit der entscheidenden Schlacht um Jerusalem endet, bieten Duelle eine willkommene Gelegenheit zur Hervorhebung der Leistung des Einzelnen, der hier stellvertretend für seine Mannschaft kämpft. Das Duell steht somit vermittelnd zwischen dem gemeinsamen, geschlossenen Handeln des Kollektivs und der bloss individuell erfahrenen aventure. Als Motiv erfreut es sich im Ritterroman ebenso wie im Epos grosser Beliebtheit. Tasso nimmt es im dritten, sechsten und zwölften Gesang wieder auf, d. h. an Textstellen, die alle zur ersten Makrosequenz dieser Dichtung gehören (A I-XIII, 71; B XIII, 72-XX). In der zweiten Textsequenz, in der sich sowohl das Wertsystem des gesellschaftlichen Diskurses als auch der epische Charakter des Werks durchsetzen, folgen wir zwar noch bewundernd den Taten Rinaldos, der den verzauberten Wald für die Christen wieder erschliesst (was ihnen erlaubt, neue Kriegsmaschinen zur Belagerung Jerusalems zu bauen), doch hat sich der neue Held seinem Befehlshaber voll untergeordnet und handelt ausschliesslich in dessen Auftrag.
Die poetologische Funktion des Duell-Motivs zeigt sich in der jeweils deutlich erkennbaren Steigerung des dichterischen Ausdrucks, welche mit der intensiven Beschreibung solcher Kampfesszenen einhergeht. Duellieren bedeutet zunächst die perfekte Beherrschung der Regeln der Fechtkunst und äussert sich in der flinken Hin- und Herbewegung der Streitenden (was schon bei Ariost zu wendigen Symmetriespielen mit den Elfsilblern der an sich dualistisch aufgebauten Oktaven führte). Wo sich aber der Grimm der Duellanten ins Unermessliche steigert, wird – poetologisch gesprochen – das Wortregister der Fechtkunst (ars) durch dasjenige des Furor ersetzt. Dem Ereignis des furor poeticus steht nun nichts mehr im Wege.

     
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Thomas Honegger (FSU Jena)

Liebe: Die literarische Darstellung eines Gefühls in der höfischen Literatur des Mittelalters am Beispiel des "Lai de l'ombre".

Wie Dronke in seiner Studie zur lateinischen Liebeslyrik darlegt, geht die Darstellung des Gefühls, das wir heute als 'romantische Liebe' (romantic or passionate love') bezeichnen, bis mindestens zu den alten Ägyptern zurück. Als literarische Vorbilder für mittelalterliche Texte sind jedoch erst die Dichtungen Ovids (Amores, Ars amatoria, Remedia amoris) zu nennen. In ihnen treffen wir auf den Prototyp des sich vor Leidenschaft verzehrenden Liebhabers, der in schlaflosen Nächten um das Haus seiner geliebten Dame streicht und seine Gefühle wehklagend zum Ausdruck bringt. Auch wenn Ovid die Liebesleiden oft mit einem ironischen Augenzwinkern schilderte, so verhinderte dies nicht, dass diese Beschreibungen zumindest von einem Teil der mittelalterlichen Autoren ernst genommen wurden. Als diese Tendenz verstärkendes Element kam seit dem 12. Jahrhundert neu hinzu, dass die Liebeskrankheit (amor hereos) mit ihren typischen Symptomen durch die Rezeption von Constantinus Africanus' Viaticum als real existierende Krankheit anerkannt und therapiert wurde. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Darstellung von (zwischengeschlechtlicher) Liebe in der höfischen Literatur seit dieser Zeit Wert darauf legt, den Liebenden mit den für seinen Gemütszustand typischen physischen und daher klar sichtbaren Symptomen der Verliebtheit darzustellen (z.B. Schlaf- und Appetitlosigkeit und daraus resultierend Gewichtsverlust, Übernächtigung und Erschöpfung; Erbleichen in der Gegenwart der geliebten Dame, Sprachlosigkeit, oft verbunden mit Ohnmachtsanfällen). Da die Symptome jedoch auch als Zeichen einer anderen Erkrankung gedeutet werden können bzw. noch nichts über die Qualität der Gefühle aussagen, muss der Liebeskranke früher oder später zur Disambiguierung durch die Sprache greifen und seinen Gefühlen verbalen Ausdruck verleihen. In den ältesten erhaltenen Zeugen der höfischen Literatur, der lyrischen Kurzform, ist alles 'nur verbaler Ausdruck, auch wenn natürlich immer wieder Bezug auf die aussersprachliche Realität der Liebespein genommen wird. Dies ändert sich grundlegend in den narrativen Gattungen. Idealiter verbinden sich dort Rede, Gestik, körperliche Symptome und Taten zu einem Gesamtbild (wie z.B. im Falle Lancelots in Chrétien de Troyes gleichnamiger Romanze). Eine für Publikum wie auch Dichter reizvolle Situation ergibt sich nun, wenn - aufgrund gattungsbedingter Einschränkungen - die Darstellung der Gefühle mit reduzierten Mitteln erfolgt. Dies ist der Fall in Jean Renarts Le lai de l'ombre (c. 1221), der nicht ganz ohne Grund als literarische Umsetzung der mittelalterlichen artes amandi angesehen wird. Die Darstellung des Psychischen, konkret der Liebesgefühle, erfolgt hier in stark konzentrierter Form in einer narrativen 'Kleinform' (der Laich umfasst nur 962 Zeilen) und eines straff organisierten fiktionalen Zeitrahmens (die eigentliche Handlung umfasst wenige Stunden). Des Weitern verzichtet der Dichter auf auktoriale Prämissensetzung und erzählergesteuerte Einblicke in die Psyche der Protagonisten und motiviert die Handlung allein mit Hilfe der Interaktion und den Dialogen. Die Leser/Zuhörer finden sich zusammen mit der umworbenen Dame in der Position des aussenstehenden Beobachters, der keinen direkten Einblick in die Psyche des männlichen Protagonisten erhält und somit auf die Interpretation der Worte wie auch der Gesten und (minimalen) Handlungen angewiesen ist. Im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen gelingt es Jean Renart, die Emotionen seines Protagonisten ohne dichterisches 'fiat' oder rein handlungsgestützte Beweise glaubhaft darzustellen. Le lai de l'ombre ist somit ein literarisches Experiment, in dem es dem Dichter gelingt, die lyrische Grundsituation (verbale Darstellung der Liebespein) mit derjenigen der Romanze (aktives Liebeswerben, Erbringen eines 'Tatbeweises', Eroberung der Dame) zu kombinieren und die 'lyrische Stasis' in der 'narrativen Dynamik' aufzuheben.

   
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Katalin Horn (Basel)

Brot (Nahrung) als Zeichen von Emotionen im Märchen

Brot als Grundnahrungsmittel wird im Allgemeinen als Symbol des Lebens gebraucht. In christlicher Tradition trägt die Selbstidentifikation Jesu mit dem Brot des Lebens (Joh. 6,35) zur Wertschätzung des Brotes bei. Gerade weil es lebensnotwendig ist, kann sein Bild für Verschiedenes stehen, wie dies auch aus zahlreichen Redensarten ersichtlich ist: Wes Brot ich ess, dess' Lied ich sing; Einem das Brot in die Hand geben; Einem zum Brote verhelfen; Er findet überall sein Brot; Jemand kann mehr als Brot essen; Das bittere Brot der Verbannung; usw.
Wenn es Barmherzigkeit oder - im Gegenteil - Hartherzigkeit versinnbildlicht, steht das Brot nicht unbedingt für persönliche Gefühle, denn sowohl Barmherzigkeit als auch Hartherzigkeit können als abstrakte Eigenschaften existieren. Und doch sind auch hier oft Emotionen im Spiel: Wenn man etwa auf der Straße einem fremden Bettler begegnet, empfindet man augenblicklich Mitleid mit ihm, hat also ein Gefühl, eine Emotion, und durch eine Gabe übt man Barmherzigkeit.
Es gibt nun im Märchen neben Mitleid mit Fremden (meistens mit den zukünftigen Helfern und Helferinnen) auch ganz persöniche Liebe sowie Abnmeigung, wobei sich letztere bis zum Hass steigern kann. All diese Gefühle sollen herausgesetellt werden, wenn sie durch Brot - oder im weiteren Sinne durch Speisen bzw. Nahrung - symbolisiert werden.

   
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Villö Huszai (Basel / Zürich)

"Warum gibt es überhaupt Dichtung (uund nicht bloss Essay)?" - Die Kategorie Gefühl in Robert Musils Poetik des Essayismus

Gefühle von dritten Personen stellen denjenigen, der von ihnen berichten will, vor ein erkenntnistheoretisches Problem. In Robert Musils früher Novelle Die Versuchung der stillen Veronika" heisst es zum Beispiel: "Sie [Veronika] hatte in diesem Augenblick ein Gefühl wie ein Auseinanderfallen [...]. Wie kann wer wissen, was Veronika fühlt? Dieses Problem scheint sich in der narrativen Dichtung aber gerade nicht zu stellen: "Die epische Fiktion ist der einzige sowohl sprach- wie erkenntnistheoretische Ort, wo von dritten Personen nicht oder nicht nur als Objekten, sondern auch als Subjekten gesprochen, d.h. die Subjektivität einer dritten Person als einer dritten dargestellt werden kann." (Käte Hamburger, "Die Logik der Dichtung") und die Narratologie erklärt sich diese Form der Allwissenheit durch die Hilfskonstruktion eines "heterodiegetischen Erzählers" (Gérard Genette). Die Poetik des "Essayismus" im "Mann ohne Eigenschaften" ist Robert Musils Versuch, die essayistische Aussage mit der dichterischen Darstellung zu verbinden (Hans-Jost Frey, "Musils Essayismus"). Dass dieser Essayismus die Möglichkeit bietet, die Gefühle Dritter zur Sprache zu bringen, ist dabei ausschlaggebend. Denn Gefühle spielen in Musils Essayismus eine zentrale Rolle; das Mittel, sie darzustellen, bilden dabei Gleichnisse. Die Möglichkeit der Darstellung von Gefühlen durch die Verwendung von Gleichnissen im Rahmen von Musils Essayismus wird insbesondere anhand der Novelle "Die Versuchung der stillen Veronika" untersucht.

   
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Beatrice Kropf (Zürich)

Musik zur Darstellung von Emotionen im "Tristan" von Gottfried von Strassburg

Die musikalischen Auftritte von Tristan und Isolde in Gottfrieds Tristan-Fragment haben auf das höfische Publikum im Roman eine grosse emotionale Wirkung. In den Zuhörern werden mancherlei Gedanken wach, sie wanken aus ihrer rechten Bahn und vergessen ihren Namen. Dem Mittelalter ist diese sinnenverwirrende Macht der Musik geläufig, denn Isidor von Sevillas Ausspruch: "Musica movet affectus et provocat in diversum habitum sensus" findet sich bei vielen Autoren der Zeit wieder. Die Musik bewegt aber nicht nur die Zuhörer, sondern auch die Musiker selber. Nur wer wirklich aus dem Herzen singt, kann über längere Zeit dabei verweilen, klärt Gottfried den Leser auf. Deshalb muss der kranke Tristan seinen Vortrag aus der treibenden Barke vor der Küste Irlands auch schon bald beenden, denn er kann die Kraft nicht aufbringen, wirklich aus seinem Inneren zu musizieren. Dagegen musizieren die Liebenden in der Minnegrotte mit grösster Ausdauer. Abgesehen davon, dass ihr spil wegen der Doppeldeutigkeit des Wortes auch als Liebesspiel gelesen werden kann, wird die Musik bzw. die Ausgiebigkeit, mit der sich die beiden der Musik widmen, zum Gradmesser ihrer Innerlichkeit und Herzhaftigkeit und damit auch zum Ausdruck ihrer Liebe.
Die Musik ist also im Tristan eng mit Emotionen verbunden. Mein Vortrag will aufzeigen welche erzähltechnischen Möglichkeiten diese Verbindung eröffnet.

     
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Thomas Krumm (Marburg)

Das Alien als Symbol spätmoderner Vergemeinschaftung

Die Semantik der Aliens ist heute omnipräsent, sei es als Film-, Musik-, Werbe- oder Literaturmotiv, als wissenschaftliches Projekt oder in religiösen Gemeinschaften. Anfangs waren starke existenzielle Ängste und Hoffnungen mit dem Motiv verbunden, so z.B. bei der Massenpanik bei der Ausstrahlung des Hörspiel "Krieg der Welten" nach H.G. Wells. Panik und numinose Ergriffenheit waren emotionale Effekte insb. in der Anfangszeit des Motivs, die heute eher einer gediegenen Faszination und Amüsement gewichen sind. Mit den furchteinflössenden, panikartigen, aber auch numinosen Effekten steht das Motiv in der Tradition religiöser Gefühle (Gottesfurcht), weist sich mit seinen dunklen, negativen Aspekten aber als ambivalenter aus.

Das Motiv des Aliens wäre damit eine Ebene tiefer anzusiedeln als in der Projektion und Personifikation von Xenophobie bzw. in der Auseinandersetzung um Differenz und Andersheit in der späten Moderne. Das Motiv des Aliens wäre mit der Interpretation als ein Symbol des generalisierten Fremden, der konstitutiven Rolle des Fremden für das Bewusstsein des Eigenen noch nicht erschöpft. Der emotionale Gehalt des Symbols deutet auf eine spezifische Vergemeinschaftungsfunktion für spätmoderne Gesellschaften hin. Max Weber sah Vergemeinschaftung gegeben, wenn "die Einstellung sozialen Handelns auf subjektiv gefühlter (affektueller oder traditionaler) Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht." Da das Fremde im Motiv des Aliens nicht mehr auf andere Nationen/Kulturen/Zivilisationen projiziert ist, um sich bestimmter Formen der Zusammengehörigkeit zu versichern, sondern auf eine fiktive Außenseite der Menschheit, scheint die durch das Symbol indizierte Vergemeinschaftungsfunktion auf die affektuelle Zusammengehörigkeit der Menschen als Menschen hinauszulaufen. Das Alien als spätmodernes, technisches Symbol (in Verbindung mit dem Ufo-Motiv) würde dann ein Gefühl für ihre gemeinsame Lage, ihre "Zusammengehörigkeit" über traditionelle Grenzen hinweg symbolisieren. Die sozialen Unterschiede, die das Alien-Symbol macht, werfen letztlich die Frage nach dem Menschlichen als der anderen Seite der Differenz neu auf. Das stimmt nachdenklich: sollten die bisherigen Antworten etwa nicht ausreichend gewesen sein?

   
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Ursula Kundert (Zürich)

"Ad evigilationem brutarum mentium"

Emotionen als wirkungsmächtige erzählte Kategorien in der Enzyklopädik um 1300

Gefühlswörter und ihre Bedeutung lernen Kinder, indem das Wort in wiederkehrenden ähnlichen Handlungszusammenhängen ausgesprochen wird. Das sprachliche Zeichen, der Handlungszusammenhang und die körperliche Emotion gehen dabei eine so enge Bindung ein, dass danach eines dieser drei oft genügt, um die anderen zu evozieren.
Das Wiedererzählen des Handlungszusammenhangs scheint eine bestimmte Emotion leichter erregen zu können als das sprachliche Zeichen, welches diese Emotion begrifflich bezeichnet. Diesen Umstand macht sich nicht erst das naturalistische Theater zunutze, sondern in der mittelalterlichen Enzyklopädik dienen Figurenkonstellationen und Handlungsabläufe dazu, Emotionen zu charakterisieren und emotionale Kategorien zu entwerfen. Es scheint eine dem beschriebenen Phänomen angemessene Technik zu sein, wenn mittelalterliche Enzyklopädien emotionale Kategorien nicht nur in einzelnen Begriffen, sondern durch Erzählungen abhandeln.
Der Beitrag wird darlegen, welche Erzählungen dazu benutzt werden und wie sich die Enzyklopädie dadurch mit anderen Texten und Gattungen verknüpft, indem sich zum Beispiel solche erzählten Enzyklopädie-Einträge auch als Exempla in der Predigtliteratur wiederfinden. Über die Analyse der Mobilität solcher Erzählungen lässt sich die Stellung enzyklopädischer Texte und der darin vorkommenden Emotionskonzepte im zeitgenössischen Diskursgeflecht genauer bestimmen.

   
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Doris Lier (Zürich)

'Tatort' Traum - Vom psychologischen Erschliessungscharakter der Emotionen

Unsere Träume sind der sinnlichen wahrnehmbaren Welt entnommene Bilder, Metaphern, und erschliessen den psychologischen Status des Träumers bzw. der Träumerin. Sie sind immer auch Darstellung von Emotionen (von Affekten). Doch lösen die Traumbilder sowohl während des Traums wie nach dem Traum auch Emotionen bzw. Affekte aus. Ja, erst dann, wenn ein Traumbild den Träumer emotional berührt, wird es im engeren Sinn psychologisch, das heisst, es wird erfahren. Die emotionale Erfahrung macht das Traumbild zum psychologischen Symbol. Ein Traumbild wird somit von unterschiedlichen Emotionen begleitet. Die Differenz ist für die Traumdeutung relevant.
In welchem Verhältnis stehen die Emotionen zum Symbol bzw. zum Traumkontext? In welchem Verhältnis stehen sie zum träumenden und zum wachen Ich? Inwiefern haben sie - psychologisch gesehen - Erschliessungscharakter?
Ich möchte diese Fragen anhand eines Traumbeispiels diskutieren und zu zeigen versuchen, dass die Emotionen den psychologischen Status des Träumers, der Träumerin setzen und zugleich negieren, das heisst, verwandeln. Sowohl als 'Stifterin' des Traums wie als 'Unruheherd' und 'Widersacherin' ist die jeweilige Emotion der 'Tatort' des Traums und der Auftakt zur Selbst-Reflexion.

   
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Wolfgang Marx (Zürich)

Navigationsversuche im Raum der möglichen Gefühle

Es gehört zu den Merkwürigkeiten des Fachs, dass die Gegenstände, von denen die Psychologie handelt, nicht wahrgenommen werden können. Sicher, man kann das konkrete Verhalten von Menschen beobachten und das Erleben beschreiben (freilich immer nur das eigene); aber den dieses Erleben und Verhalten verantwortlichen "psychischen Apparat" (wie Freud das als erster genannt hat), den hat noch niemand gesehen. Und ihn zu rekonstruieren, benutzen wir seit eh und je Analogien aus der Welt der wirklichen Dinge, die in diesem Zusammenhang zu Symbolen im Dienste der Darstellung des Psychischen werden. Wenn Platon unser Gedächtnis mit einer Wachstafel verglich, dann hatte er damit den Weg vorgezeichnet, den das psychologische Denken im Abendland bis auf den heutigen Tag gehen sollte: Das technische Artefakt, der "Apparat", wird zum Modell des Psychsichen. Es zeigt sich: Wir können das Unsichtbare nur mi dem Sichtbaren bilde, das Unbekannte nur durch das Bekannte beschreiben.
Nun sind jedoch nicht nur die Dinge im Raum mögliche Modelle für Psychisches, der Raum selber kann zum Symbol werden, um psychische Sachverhalte zu beschreiben. Das gilt auch, und sogar in besonderem Maße, für die hier interessierenden Gefühle. Wir sprechen von hochjauchzender Freude und tiefer Traurigkeit, davon, dass Gefühle das Erleben eng oder weit machen, dass sie uns öffnen oder verschließen. Die Psychologie geht sogar noch einen Schritt weiter und betrachtet den Raum nicht nur als ein inhaltsunabhängiges Gefäß, dessen Dimensionen bedeutungslose Koordinaten sind, sie geht in ihren Modellierungen davon aus, dass Dimensionen inhaltlich bedeutsam sein, dass Räume auch semantische Räume sein können. In diesem Sinne lässt sich auch ein semantischer Raum möglicher Gefühle konzipieren. Wie dieser Raum kartiert werden kann und wie man sich in ihm bewegt, soll Gegenstand des Vortrgs sein.

   
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Hans Meierhofer (Zürich)

Tonartensymbolik

Nüchtern "weltliches" C-Dur - kindlich naives, engelhaft schwebendes G-Dur - freudig "schnelles" D-Dur - "fallendes" h-Moll sind Beispiele für Symbolik bei Kreuztonarten. Bei den b-Tonarten finden wir das pathetische c-Moll, ein "gläubiges" B-Dur, das "pastorale" F-Dur und die "Grabestonart" d-Moll. - Haben Tonarten einen Charakter? Es gibt ebenso überzeugte Verfechter (Mattheson etc., anthroposophische Autoren) wie erbitterte Gegner einer solchen Theorie (etwa Busoni). Nachdem die Wurzeln in der antiken und mittelalterlichen Musikanschauung aufgezeigt sowie Argumente aus der Akustik diskutiert wurden (Stimmungssysteme, Resonanzwirkungen etc.), zeigt ein Gang durch die 12 Dur- und Molltonarten des Quintenzirkels mit vielen anschaulichen Hörbeispielen von Bach (wohltemperiertes Klavier) bis Wagner (Tristan), dass es sich um ein historisch gewordenes Beziehungsnetz handelt, das mit absoluter Tonhöhe wohl kaum etwas zu tun hat, welches aber vom musikliebenden Laien durchaus nachvollzogen und vom interpretierenden Musiker gewinnbringend als Gestaltungsmittel eingesetzt werden kann. Dabei ergeben sich verblüffende Querbezüge zu zyklischen Phänomenen wie dem des Zodiacs (Jahres-, Tagesablauf) sowie zur Synästhesie des Farbkreises (der sich ähnlich der "Quintenspirale" eigentlich gar nicht schliessen dürfte). - An die Skeptiker: Das "Erforschen" scheinbarer Widersprüche ist künstlerisch anregend! Auf jeden Fall belegen die Freimaurer Haydn und Mozart Es-Dur als "Schöpfungstonart" und das "leittönige" H-Dur ist Ausdruck von All-Sehnsucht in Isoldes Liebestod... Und gibt es ein überzeugenderes "Moll an sich" als in Mozarts g-Moll Quintett?

   
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Ursula Renz (Yale / Zürich)

Der mos geometricus als Antirhetorik. Spinozas Gefühlsdarstellung vor dem Hintergrund seiner Gefühlstheorie

Spinoza hat Gefühle bekanntlich de more geometrico traktiert und ihre Darstellung einem Regime von Definitionen, Axiomen und Propositionen unterworfen. Einem symbolischen Ausdruck der Gefühle lässt diese Methode wenig Raum. Spinoza verkauft sich als denkbar schlechter Poet.
Auf der theoretischen Ebene, geht ihm allerdings der Sinn für das Verhältnis von Gefühl und Bildlichkeit keineswegs ab. Gefühle, oder in der Terminologie des 17. Jahrhunderts gesprochen: Affekte, werden allerdings nicht einfach im Bild ausgedrückt, sondern durch Bilder erzeugt.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die seltsame Behandlungsart von Gefühlen in Spinozas Ethica, wie es die gängige Interpretation will, tatsächlich einfach eine konsequente Anwendung des geometrischen Wissenschaftsideales darstellt, oder ob darin indirekt nicht auch psychologische Einsichten in die Dynamik von Gefühlen zum Tragen kommen.

   
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Klaus Rink (Zürich)

Episodische Information als Schlüssel zum Verständnis normaler und pathologischer Gefühlsreaktionen

Ein Teil der Emotionsforscher hat sich mit der Semantik von Emotionswörtern beschäftigt und beispielsweise versucht, über Ähnlichkeitsurteile zu Emotionswörtern einen semantischen Raum von Emotionsbegriffen zu bilden. Damit kann man zweifellos ein ungefähres Bild emotionsrelevanter Begriffe einer bestimmten Sprachgemeinschaft zeichnen. Es bleiben jedoch wesentliche psychologische Fragen zum Verständnis von Emotionen unbeantwortet. Beim empathischen Verstehen der emotionalen Befindlichkeit einer anderen Person im Alltag oder im psychotherapeutischen Setting und auch bei der Entwicklung von Emotionstheorien ist man auf episodische Information zum situativen Kontext und zu den evaluativen Gedanken des Emotionsträgers angewiesen, die mit der Auslösung einer Emotion verbunden sind. Traurigkeit bekommt seinen Sinn erst, wenn wir wissen was/wen jemand verloren hat und welchen Wert das Verlorene für die betreffende Person hatte. Heftige Wut wird meist erst dann wirklich nachvollziehbar, wenn wir erfahren, wer oder was die Integrität der betroffenen Person in einem wichtigen Bereich auf eine bestimmte Weise geschädigt oder beeinträchtigt hat. Episodische Information ermöglicht es, Schlussfolgerungen bzw. Erwartungen über die Art, die Intensität und die Angemessenheit bestimmter Emotionsreaktionen zu bilden. Dies gilt sogar dann, wenn gar keine Emotionsreaktionen sichtbar sind oder explizit mitgeteilt werden. Sofern beides, episodische Kontextinformation und Emotionsausdruck bzw. -mitteilung vorliegen, so kommt es beim Empfänger fast unwillkürlich zu einem Vergleich der berichteten Reaktion mit einer "normativ" erwarteten bzw. prototypischen Reaktion oder aber mit der vermutlich eigenen Reaktion in der betreffenden Situation. Erklärungsbedarf entsteht dann, wenn die tatsächlich berichtete/erfahrene Reaktion weit entfernt ist von der prototypischen/normativen, wie dies bei schwer psychisch gestörten Personen der Fall sein kann. Mit Hilfe einer sorgfältigen Analyse einer ausreichend hohen Zahl von geschilderten Affektereignisepisoden derselben Person kann man ideosynkratische Reaktionsmuster für wiederkehrende Situations- und Bewertungskonstellationen entdecken und beschreiben. Das Ergebnis dient einerseits der nosologische Forschung zu spezifischen psychischen Störungen und ist gleichzeitig Grundlage für eine individuelle kognitive Therapie dysfunktionaler affektiver Reaktionsdispositionen.
In einer Untersuchung erhielten 18 unterschiedlich stark psychisch beeinträchtigte Teilnehmer (nicht beeinträchtigt bis schwere Persönlichkeitsstörung) eine sorgfältige mündliche und schriftliche Instruktion, wie sie an 21 aufeinanderfolgenden Tagen jedes intensive Gefühlsereignis protokollieren sollten. Für jede Gefühlsereignisepisode war der situative oder gedankliche Auslöser, die emotionsbezogenen Gedanken, die Nennung/Auswahl der beteiligten Gefühle sowie das ereignisbezogene manifeste oder gedankliche Verhalten auf einem strukturierten Protokollbogen, ebenso wie eine Einschätzung der Dauer und der erlebten Intensität der Gefühle zu notieren. Durch externe Beurteiler wurde die situative Angemessenheit (Irrationalität) der Gefühls- und Verhaltensreaktionen eingeschätzt. Es wurde auch versucht, individuelle und pathologiespezifische Typen von Auslöser-Reaktionsmustern zu identifizieren. Es werden ausgewählte quantitative und qualitative Ergebnisse dieser Studie berichtet und mit Beispielen veranschaulicht. Abschliessend wird ein evolutionspsycholo-gisches Modell zur Funktion von Gefühlen skizziert, das dazu beitragen soll, sowohl "normale" wie auch sehr ideosynkratische (gestörte) Affektreaktionen erklären zu können. Gefühle und andere affektive Empfindungen werden dabei als Reaktionen auf Veränderungsinformationen bei der Verfolgung, oder Erhaltung von universellen/biologischen oder ganz individuellen Ziel- und Werterepräsentationen verstanden.

   
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Cornelia Rizek (Zürich)

Logos im Swiss Virtual Campus - Zugehörigkeitsgefühle durch Symbole?

Anhand dessen, was ich als Koordinatorin des Swiss Virtual Campus im Umgang mit den diversen im Swiss Virtual Campus verwendeten Logos erlebt habe, lässt sich zeigen, wie Logos und andere Elemente der Corporate Identity verwendet werden, um verschiedene emotionsgeladene Bewegungen des vorsichtigen Zusammengehens, der Ein- oder Unterordnung oder auch des Machtkampfes mittels Einsatz von Symbolen darzustellen. Im Swiss Virtual Campus sind 50 hochschulübergreifende Projektnetzwerke entstanden, neu formierte Gruppierungen, die oft ein neues Logo und eine eigene Corporate Identity geschaffen haben. Es gab keine Vorschriften, wie das Erscheinungsbild zu handhaben sei; umso interessanter ist der Umgang mit den Logos der involvierten offiziellen Instanzen und mit den neu kreierten Identitätssymbolen.

   
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Jürg Häusermann (Tübingen)

Echte Gefühle

Die Diskussion über massenmediale Produkte interessiert sich sehr stark dafür, wie Gefühle dargestellt werden. Dabei wird oft das Darstellen von Gefühlen (z.B. durch Schauspieler, Talkmaster, Schlagersänger) verwechselt mit dem Empfinden von Gefühlen. Kritiker und Fans glauben entscheiden zu können, ob jemand wirklich auch fühlt, was er sagt oder ob er es nur heuchelt. Man unterscheidet zwischen authentischen und inszenierten Menschen. Ich sehe darin nicht nur die Sehnsucht, Bedürfnisse mit Surrogaten zu füllen, sondern auch eine abnehmende Fähigkeit, mit fiktionalen Inhalten umzugehen.

   
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Ursula Stadler (Oxford)

Gefühlssymbolik in chinesischen Schriftzeichen

[Aus technischen Gründen sind die Ideogramme hier weggelassen pm]

Radikale (Teile eines Schriftzeichens, durch die sich die Zeichen auch in Wörterbüchern klassifizieren lassen) geben oft Aufschluss darüber, welchem Bedeutungsfeld ein Zeichen zuzuordnen ist. So gibt z.B. das Zeichen für Holz Aufschluss darüber, um welches Material es sich in Stuhl ursprünglich gehandelt hat. Welche Radikale sind nun in Schriftzeichen festzustellen, die Gefühle ausdrücken? Und in Kombination mit welchen anderen Elementen treten sie auf?
Herz ist der offensichtlichste 'Gefühlsmarkierer'unter den Radikalen und tritt in vielen Zeichen auf, die mit Emotionen zu tun habe: ÔLiebe, Eifersucht, Wut, LoyalitätÔ etc. Gewise Zeichen sind besonders aussagekräftig: so steht z.B. das Zeichen Herz eingeschlossen zwischen zwei Türflügeln für einerseits 'stickig, drückend', ander seits aber auch für 'gelangweilt, betrübt, niedergeschlagen'. Aus dem Zeichen Frau und Hand ('Sklave, unterjochen') wirde das Zeichen für 'Wut, Zorn', sobald es mit einem Herz markiert wird.
Zu den weiteren Radikalen, die dort auftreten, wo ein emotiver Zustand ausgedrückt werden soll, gehören: Feuer z.B. in 'verärgert'; Frau z.B. in 'freundlich', aber auch in 'keifen, Streit': Mund z.B. in 'erschrecken', 'verblüffen' (was mit einem offenen Mund oder Angstschrei zu tun hat.
Anhand konkreter Beispiel werde ich einige der Schriftzeichen vorstellen, die Gefühle ausdrücken. Dabei sind vor allem jene Zeichen aufschlussreich, deren Komposition noch heute nachvollziehbar ist. Es soll auch der Weg vom Piktogramm zum abstrahierten Zeichen erläutert werden sowie die Kalligraphie als Ausdruck eines Gefühlszustandes.

   
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Martin Städeli (Kandergrund BE)

Das Augenzwinkern der E-Mails - Emoticons als neue rhetorische Ausdrucksform

In einem Brief vom Dezember 1925 schreibt Robert Walser über seine neue Wohnung: "Gewiss hätte ich auch ein prächtiges Stadtzimmer mieten können, doch es erschien mir etwas teuer." Frieda Mermet, an die der Brief gerichtet war, kannte Walsers Lebensumstände und wusste den Satz mit der nötigen Ironie zu lesen. Hätte Walser den Brief heutzutage mit E-Mail geschrieben, hätte er womöglich hinter dem Satz die Zeichenfolge ; - ) getippt. Mit diesen sogenannten Emoticons geben AbsenderInnen ihren Texten gleichsam eine symbolische Regieanweisung mit, um die Lesenden bei der Interpretation auf die richtige Spur zu führen. Obwohl sich Emoticons in den letzten Jahren dank elektronischer Korrespondenz und Internet weit verbreitet haben, sind sie älter als das World Wide Web. Der Versuch von Textproduzierenden, das Publikum bei der Interpretation zu führen, ist freilich noch älter als die augenzwinkernden E-Mails: Er reicht bis in die antike Rhetorik zurück. Emoticons gibt es in unzähligen Formen, und sie haben bestechende Vorzüge, leisten aber nicht immer, was sie von sich behaupten. Der Vortrag geht kurz auf die Geschichte der Emoticons ein und zeigt einige Beispiele der Verwendung von Emoticons. Das Hauptgewicht liegt aber auf der Wirkung, die Emoticons im Text erzielen. Die Regieanweisung beinflusst auch den betreffenden Text. In unserem Alltagswissen schwindet die Kenntnis der Rhetorik mehr und mehr. Zudem erfolgt ein grosser Teil der Korrespondenz vieler Menschen in einem im Frühunterricht erworbenen Federal-English. Gerade deshalb benötigen wir Mittel, mit denen wir unsere Meinung möglichst unmissverständlich weitergeben können. Aber die Interpretation anzuleiten hat auch Konsequenzen.

   
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Christina Vogel (Zürich)

Symbolisation des expériences-limites de la joie et de la douleur dans l'Ïuvre de Simone Weil

Figure étrange et inclassable, Simone Weil (1909-1943) résiste à toutes les catégorisations et entre, de son vivant déjà, dans la légende. Les uns voient en elle la militante ouvrière aux convictions anarchistes, les autres la philosophe géniale; pour certains, enfin, elle est une mystique rebelle, restée en dehors de l'Eglise. On admire son intelligence, sa force morale, son engagement courageux. Mais en même temps, on recule devant son intransigeance, son désir d'absolu et son élan prophétique vers l'impossible.
Aussi diverses qu'apparaissent les formes de son action et de son expérience - révolutionnaire, intellectuelle, spirituelle - elles s'enracinent toutes dans un rapport au monde qui est dominé par des émotions très fortes: angoisse, joie et douleur. Paradoxalement, cette jeune femme, qui semble ignorer les besoins vitaux de son propre corps et se sacrifier à une attention purement intellectuelle - aussi exceptionnelle qu'excessive - reconnaît, en même temps, que les exercices corporels et les sentiments élémentaires remplissent une fonction essentielle, s'avérant indispensables à la connaissance d'une vraie spiritualité.
Lorsque Simone Weil parle des grandes passions, elle recourt volontiers, notamment quand il s'agit de décrire la singularité des aspirations religieuses, aux figures et aux symboles du discours biblique. Notre exposé cherchera à donner des réponses aux questions suivantes:
- De quelle nature sont les symboles convoqués par Simone Weil? Sont-ils conventionnels, culturels ou de portée moins générale, liés à sa pensée particulière, transgressive ?
- Simone Weil opère-t-elle une transformation des symboles hérités des traditions (une sorte de resymbolisation) pour qu'ils s'intègrent à une manière de voir et de croire qui se révèle non conforme à la doxa ?

   
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