Die Schöne und das Biest

 

Hinweis auf das Buch:

»Spinnenfuß & Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen«
Schriften zur Symbolforschung, hg. von Paul Michel, Band 16, 472 Seiten mit 291 schwarz-weißen Abbildungen
PANO Verlag, Zürich 2013
ISBN 978-3-290-22021-1

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La Belle et la Bête

›La belle et la bête‹ ist der Titel einer fantastischen Erzählung von Jeanne Marie Leprince de Beaumont (1711–1780). 

Andromeda

Andromedas Mutter brüstete sich mit ihrer Schönheit und prahlte schöner zu sein als die Nereiden. Diese Meernymphen baten Poseidon um Rache, und er sandte eine Flut und ein Meerungeheuer, das Cetus genannt wird. Der Priester Ammon orakelte, das Land werde befreit, wenn Andromeda dem Monster vorgeworfen würde. Und so fesselt der König seine Tochter Andromeda an einen Felsen. Perseus, der der Medusa das Haupt abgeschlagen hatte, fliegt – mit Flügelschuhen ausgestattet – zufällig dort vorbei, entdeckt die Gefesselte, ist entflammt, tötet das Scheusal, befreit Andromeda und bekommt sie zur Frau.

Kurze Versionen dieser Geschichte erzählen Apollodor (II, iv, 3) und Hygin (Fab 64); Ovid (Metamorphosen IV, 663–764) kostet alle Reize literarisch aus: Zunächst hält der in der Luft sich nähernde Perseus die Frau am Felsen für ein Marmorgebilde, dann sieht er, dass ihr Haar sich bewegt; er stürzt wegen seines Schönheits-Schocks beinahe ab; das Gespräch der beiden wird durch das herannahende Untier unterbrochen. Dieses wird geschildert: ein grausiges Maul, schuppiger Nacken, gierige Krallen, auf dem Rücken festgewachsene Muscheln, es endet in einen Fischschwanz. Die grässliche Agonie des Monstrums kontrastiert mit der bald erfolgenden Hochzeit der beiden ...

 

P. Ouidij Nasonis deß aller sinnreichsten Poeten Metamorphosis/ Das ist von der wunderbarlichen Verenderung der Gestalten der Menschen/ Thier vnd anderer Creaturen [Übersetzung von JörgWickram] Meintz: Ivo Schöffer 1545.
> http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10139926-7

 

Ovid-Illustration von Crispijn van Passe d.Ä. (1589–1637), erschienen 1602.

 

Antonio Tempesta (* ca. 1555 – †1630): Metamorphoseon sive transformationum Ovidianarum libri quindecim, aeneis formis ab Antonio Tempesta florentini incisi et in pictorum antiquistatisque studiosorum gratiam nunc primum exquisitissimis sumptibus a Petro de Iode Antverpiano in lucem editi Aº 1606.

 

Die Verwandlungen des Ovidii in zweyhundert und sechs und zwantzig Kupffern. In Verlegung Johann Ulrich Krauß, Kupferstechern in Augspurg [ca. 1690]. 

 

Der Zeichner Charles Dominique Joseph Eisen (1720–1778) vermag der Szene einen Schwung und eine Sinnlichkeit zu geben:

Les metamorphoses d'Ovide, en Latin et en François, de la traduction de M. l'Abbé Banier, A Paris: Chez Pissot, MDCCLXVII-MDCCLXXI [Vier Bände 1767–1771]; Band 2 zu S. 56.
> https://www.e-rara.ch/zut/content/structure/9094462
> https://hdl.handle.net/2027/gri.ark:/13960/t6j10wd8r

 

Das Titelbild (= das einzige Bild im Buch) in: Gustav Schab, Die schönsten Sagen des klassischen Altertums, Band I, 1838 zeigt die Szene, wo Perseus Andromeda rettet. Der (unbekannte) Holzschneider hat es Nach Paolo Veronese (um 1576–1578) gestaltet – freilich ist Andromeda in biedermeierlichen Stuttgart züchtig bekleidet! (Wie auch das ganze Buch die antiken Mythen und homogenisiert und pasteurisiert...)

Vgl. die schöne Nebeneinanderstellung in der > Wikipedia !

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Der Kontrast zwischen der makellosen Schönheit der Jungfrau und der grausigen Monstrum hat die Künstler aller Epochen angeregt; Bilder findet man seit den pompeianischen Wandmalereien (hier ist Perseus nackt und Andromea bekleidet) und immer wieder bei den Illustratoren von Ovid-Ausgaben. Hendrick Goltzius (1583), Joachim Wtawael (1611), Francesco Maffei (1657/8), François Lemoyne (1723), Carle van Loo (1735/40). – Rubens, Tizian, Vasari und Gustav Doré haben die Szene gemalt.

Ariost nimmt die Konstellation im »Orlando furioso« wieder auf: Ruggiero befreit Angelica (gemalt u.a. von Arnold Böcklin und Ingres).

Satyr und Nymphe

Einen Anlass zur (oft anzüglichen) Gestaltung von ›La Belle et la Bête‹ gab sodann immer wieder die mythologische Erzählung von Zeus/Jupiter, der sich in die Gestalt eines Satyrn verwandelt und Antiope im Schlaf überrascht und vergewaltigt (Ovid, Metamorphosen VI, 108–111).

Agostino Veneziano (ca. 1490 – ca. 1540):

Theodor de Bry (1528–1598):

Emblemata Nobilitati Et Vvlgo Scitv Digna singulis historijs symbola adscripta & elegantes versus historiam explicantes … artlich in Kupffer gestochen und an tag geben durch Dieterich von Bry, Francoforti ad Moenum: De Bry 1593.
> http://diglib.hab.de/drucke/uk-sbd-2-1s/start.htm?image=00267

Annibale Carracci (1560–1609) > Wikimedia

Siehe auch > http://images.zeno.org/Kunstwerke/I/big/317D049a.jpg

Wolfgang Kilian (1581–1662) nach Palma Giovane

> http://www.britishmuseum.org/collectionimages/AN00574/AN00574391_001_l.jpg

Glaucus und Scylla

Ovid erzählt (Metamorphosen XIII, 900ff.) die Geschichte von Glaucus, der durch Genuss eines Zauberkrauts in einen halben Fisch verwandelt worden war und jetzt die Nymphe Scylla – diese noch als schöne Frau, bevor sie dann von Circe aus Eifersucht in ein scheußliches Zwitterwesen verwandelt wird – sieht:

Er naht und betrachtet mit Sehnsucht lange die Jungfrau;
[…] doch fliehet sie fort; […]
Sie sieht, wie das Haar ihm die Schulter und tief den Rücken bedecket,
Und, wie hinten der Schoß zum gewundenen Fische sich endigt.
(Übers. von Voß)

P. Ovid Nasonis XV. Metamorphoseon libroru(m) figurae elegantissime, a Cr[i]spiniano Passæo laminisaeneis incisae. Quibus subiuncta sunt epigramata latine ac germanice conscripta, ... fabularum omnium summam breviter ac erudite comprehendentia, autore Guilhelmo Salsmannos ... prostant […], Coloniae: Passaeus / Arnhemiae: Janssonius [1607 als Chronogramm].

Bei MeisterDrucke kann man als Faksimile erwerben das Gemälde von Filippo Lauri (1623–1694):

Weitere antike Quellen bei
Hederich > http://www.zeno.org/nid/20002809885
> https://www.theoi.com/Pontios/Glaukos.html

Nessus und Deïaneira

Hercules muss mit seiner Frau Deïaneira einen reißenden Fluss überqueren. Da entbietet sich der Kentaur Nessus, die Frau hinüberzutragen. Aber kaum ist Hercules ans andere Ufer geschwommen, hört er Schreie von Deïaneira, über die Nessus herfällt. Hercules erschießt ihn mit einem Pfeil – das wird dann üble Folgen für ihn haben. (Ovid, Metamorphosen IX, 101–133)

Les Métamorphoses d’Ovide, traduites en François, avec des remarques et des explications historiques par M. l’Abbé Banier. Nouvelle édition revûe, corrigée, augmentée de la vie d’Ovide et du Jugement de Paris. Paris: Nyon père, Didot, Huart, Quillau, Nyon fils, 1738. (Wiederverwendeter Kupferstich von Isaac Briot (1585–1670) aus der Ovid-Ausgabe Paris: P. Billaine 1637)

Pan und Syrinx

Eine weitere Szene bei Ovid (Metamorphosen I, 691–712): Die Nymphe Syrinx entzieht sich der Bewerbung von Pan und lässt sich in Schilfrohr verwandelt, das Pan dann ergreift.

Jonas Umbach (1624 – 1693)
> British Museum https://tinyurl.com/w52zr64

»Hypnerotomachia Poliphili«

»Der Traumliebeskampf des Vielliebenden bzw. Polia Liebenden« wird Francesco Colonna (1433–1527) zugeschrieben. Der Protagonist namens Poliphilo erzählt einen Traum, in dem er den Weg zu seiner Geliebten findet. Er durchwandert eine Kunst- und Architekturlandschaft, durch zauberhafte Wälder, Grotten, Ruinen, Triumphbögen, ein Labyrinth; er begegnet Elefanten und Drachen, Göttern und Göttinnen, Personifikationen. Die Orte, Gebäude und Kunstwerke werden ausführlich beschrieben und mit mit bedeutungsvollen Anspielungen versehen. Ein Erotizismus durchwaltet das Werk; alle Schattierungen der vielgestaltigen Liebe klingen an.

Einmal gelangt er an einem wonnevollen Ort in einer Waldlichtung zu einem Marmorgebäude, an dem ein in Stein gehauenes Relief angebracht ist (J. Godwin p. 70ff.) Es zeigt eine wunderschöne, unter einem Arbutus-Baum schlafende Nymphe – die detailreich geschildert wird – und zu ihren Füßen einen in geiler Lust entbrannten Satyr (in lasciuia pruriente & tutto commoto) mit Bocksfüßen und und Ziegennase, ein Mischwesen aus Mensch und Ziege (effigie tra caprea & humana adulterata). Mit der einen Hand hebt er galant Zweige des Baums empor, um der Nymphe Schatten zu spenden, mit der andern zieht der den Vorhang vor der Schlafenden weg. Das zugehörige Bild zeigt noch ein zusätzliches Detail. Die erotische Zweideutigkeit wird noch getoppt durch die (ebenfalls bei Text und Bild unterschiedlichen) Inschriften: Im Text steht: ΠΑΝΤΑ ΤΟΚΑΔΙ ("alle Dinge der Mutter [Dativ]; von τοκάς ›geboren habend‹) – die Bildunterschrift dagegen lautet: ΠΑΝΤΩΝ ΤΟΚΑΔΙ ("der Mutter [Dativ] aller Dinge"). --- Deutung?

Hypnerotomachia Poliphili, Aldus Manutius, 1499.
Vgl. das Digitalisat der HAB: http://diglib.hab.de/inkunabeln/13-1-eth-2f/start.htm?image=00001

Fast beeindruckender ist der Holzschnitt in der französichen Ausgabe: Hypnerotomachie, ou Discours du songe de Poliphile, Déduisant comme Amour le combat à l'occasion de Polia. Soubz la fiction de quoy l'aucteur monstrant que toutes choses terrestres ne sont que vanité, traicte de plusieurs matieres profitables, & dignes de memoire, Combat d'amour en songe, Paris: Pour Iaques Kerver, imprimé par Marin Massellin 1546 (Faksimile Paris: Payot 1926).

Englsiche Übersetzung: Francesco Colonna, Hypnerotomachia Poliphili. The strife of love in a dream; the entire text translated for the first time into English with an introduction by Joscelyn Godwin. With the original woodcut illustrations,  London: Thames & Hudson 1999.

Äußerst nützliche deutsche Übersetzung: Hypnerotomachia Poliphili; übersetzt und kommentiert [und mit Registern versehen] von Thomas Reiser, Wunsiedel [erste Auflage] 2014.

Variationen des Motivs

Dürers Kupferstich »Das Meerwunder« (vor 1500), der den Kunsthistorikern ein Rätsel aufgibt, hat sicherlich auch den Aspekt ›la belle et la bête‹ .

> http://images.zeno.org/Kunstwerke/I/big/317D007a.jpg

Jacob Cats (1577–1660) stellt in einem Emblem die Torheit der Weisheit so gegenüber:

L’Ignorance corre, la Prudenza lentamente segue il passo.

De Dwaesheyt lopt / de wysheyt gae t...

Hier aus der Ausgabe: Alle de wercken, soo Oude als Nieuwe, van den Heer Jacob Cats […] T’Amsterdem by Van den Dalen [u.a.] 1700; S. 615

... und noch in jüngerer Zeit:

Wer wollte es einem Schaumweinhersteller verargen, eine Bacchantin mit einem Satyr beim Probieren dieses köstlichen Getränks darzustellen? (Quelle: »Simplicissimus« 1908)

1957 kam der Film »Attack of the Crab Monsters« in die Kinos. Die Monstra sind hier durch radioaktive Strahlung entstandene menschenfressende Riesenkrabben, die die Intelligenz der von ihnen verschlungenen Opfer bekommen ... Das Plakat steht in der Tradition der Andromeda.