Tiere in Träumen

Es interessieren hier besonders Träume, in denen Tiere vorkommen, die dann allegorisch gedeutet werden. Es können hier nur wenige Hinweise gegeben werden. Eine Übersicht über die Quellentypen gibt Speckenbach.

Homer

Odyssee, 19. Gesang, Verse 535ff.  Penelope erzählt dem Fremden, den sie noch nicht als den heimgekehrten Odysseus erkannt hat, einen Traum, den seltsamerweise eine Gestalt des manifesten Trauminhalts (der Adler) ihr im Traum selbst schon richtig deutet:

Aber höre den Traum, und sage mir seine Bedeutung.
Zwanzig Gänse hab' ich in meinem Hause, die fressen
Weizen mit Wasser gemischt; und ich freue mich, wenn ich sie anseh'.
Aber es kam ein großer krummgeschnabelter Adler
Von dem Gebirg', und brach den Gänsen die Hälse; getötet
Lagen sie all' im Haus', und er flog in die heilige Luft auf.
Und ich begann zu weinen, und schluchzt' im Traume. Da kamen,
Ringsumher, mich zu trösten, der Stadt schönlockige Frauen;
Aber ich jammerte laut, daß der Adler die Gänse getötet.
Plötzlich flog er zurück, und saß auf dem Simse des Rauchfangs,
Wandte sich tröstend zu mir, und sprach mit menschlicher Stimme:
Tochter des fernberühmten Ikarios, fröhliches Mutes!
Nicht ein Traum ist dieses, ein Göttergesicht, das dir Heil bringt.
Jene Gänse sind Freier, und ich war eben ein Adler;
Aber jetzo bin ich, dein Gatte, wieder gekommen,
Daß ich den Freiern allein ein schreckliches Ende bereite.
Also sprach der Adler. Der süße Schlummer verließ mich;
Eilend sah ich im Hause nach meinen Gänsen, und alle
Fraßen aus ihrem Troge den Weizen, so wie gewöhnlich.

(Übersetzung von Johann Heinrich Voss, 1789): DigBib.Org: Die freie digitale Bibliothek — http://gutenberg.spiegel.de/buch/1822/51

Artemidor von Daldis (Mitte des 2. Jahrhunderts u.Z.) »Oneirokritika«

1518 griechischer Erstdruck; 1539 erste lateinische Übersetzung; deutsche Übersetzung durch Walther Hermann Ryff († 1548) (Bücher I–IV): Warhafftige, künstliche und gerechte underweisung wie alle Träume, Erscheinungen und Nächtliche gesicht ... erklärt ... werden mögen, Straßburg: Balthasar Beck 1540.

Digitalisat http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0003/bsb00033147/image_1

Beispiel: II,xv Von fröschen oder wasserpoggen. [pogge niederdt. für Frosch]

Tröumet einem von fröschen/ das bedeüt betrugliche/ leichtfertive vnd vnuerschampfte leüt/ ist aber ein guoter troum denen/ die sich von einer gantzen gemeyn ernören. Es ist mir auch einer fürkommen/ dem tröumt hat/ wie er frösch mit der faust vnnd den knorren der finger schlüege/ diser ist hernachmals über sein Herren auffgesetzt worden/ das er zuogebieten het über alle einwoner des selbigen hauß/ dann der wasserpful hatt das hauß bedeüt/ aber die frösch vnnd poggen die menschen in dem selbigen hauß/ vnd das schlagen mit der hand/ das herrschen vnd gewalt haben.

Moderne deutsche Übersetzung: Artemidor von Dalis: Das Traumbuch, Zürich und München: Artemis 1979 (dtv 6111).

»Traumbuch Apomasaris«

Bei dem später so genannten Werk handelt es sich um einen dem Ibn-Sīrīn (33-110 n.d.H. = AD 653–728) unterschobenen, evtl. auf arabischem Material beruhenden byzantinischen Text. Das Wort Apomasaris ist eine Verballhornung des Namens des persischen Astrologen Albumasar, oder Abu Ma'shar (9.Jh. u.Z.).  Es gibt davon seit dem 12. Jh. lat. Übersetzungen; eine lat. Übersetzung von Johannes Leunclavius († 1594) wurde zuerst gedruckt unter dem Titel

Apomasaris Apotelesmata, sive de Significatis et Eventis Insomniorum, ex Indorum, Persarum, Aegyptiorumque Disciplina«  Frankfurt: Wechel 1577.

Digitalisat: http://books.google.ch/books?id=ZPhYAAAAYAAJ&printsec=frontcover&hl=de#v...

Deutsche Übersetzung davon:

Traumbuch Apomasaris, Das ist Kurtze Auslegung und bedeutung der Trewme  nach der Lehr der Indianer, Persianer, Egypter und Araber; Erstlich aus Griechischer sprach ins Latein bracht durch Herr Johan Lewenklaw [Johannes Leunclavius], Jetzunt aber dem gemeinen Man so das Latein nicht verstehet zum besten verteutschet etc. Wittemberg: Helwig 1605.

Digitalisat [bei dem ein Teil des Registers fehlt]: http://reader.digitale-sammlungen.de/resolve/display/bsb10215435.html

Daraus folgende Kostprobe:

Das CCLXXXXVIII. Capitel
Die Fliegen vnd Mücken bedeuten eine feindliche Post/ auch wol kranckheit. Wenn einem Könige traumt/ als wenn an denn ort wo er sey/ sehr vil Fliegen vnd Mücken kemen/ so wird er in trübsal vnd bekümmernis fallen/auch wird er verbittert werden vber der bösen Potschafft die er seines Kriegsvolcks halben bekommen: Wenn einem armen oder einem gemeinen Manne also traumet/ so wird er in trübsal vnd Kranckheit fallen/ vnd jhme selberr den Todt wünschen.
Wenn einem traumet/ wie jhme Fliegen vnd Mücken vrplötzlich in seine Naselöcher vnd Mundt fliegen/ so wird er mit elend vnd schmertzen der feinde vntergang anschauen.

Das arabische Traumbuch des Ibn Sirin, aus dem Arab. übers. und kommentiert von Helmut Klopfer; mit einem Essay über Traumbücher von Michael Lackner, München: Diederichs 1989  (Diederichs' gelbe Reihe 80) [beruht auf einem arabischen Manusktipt von AD 1451].

Beispiele aus der mhd. Dichtung:

Nibelungenlied (Fassung A): Kriemhilds Traum Str. 13 – 14 und 18/4 – 18

Ez troumde Kriemhilde, in tugenden der si pflac,
wie si einen valken wilden züge manegen tac,
den ir zwên arn erkrummen, daz si daz muoste sehen.
ir enkunde in dirre werlde nimmer leider geschehen.

Den troum si dô sagete ir muoter Uoten.
si enkunde in niht bescheiden baz der guoten:
»der valke, den dû ziuhest, daz ist ein edel man;
in welle got behüeten, dû muost in schiere vloren han.«

[…]

sît wart si mit êren eins vil küenen recken wîp.

Der was der selbe valke, den si in ir troume sach
den ir beschiet ir muoter. wi sêre si daz rach
an ir naehsten mâgen, die in sluogen sint!
durch sîn eines sterben starp vil maneger muoter kint.

(Die beiden Adler bedeuten Gunther und Hagen; der Falke Siegfried.)

 

Seite aus dem Hundeshagener Codex (Berlin, Staatsbibl., mgf 855), aus Wikimedia 

 

Kaiser Karls zweiter Traum (Rolandslied 3066ff.)

Dô er got vil tiure ane rief,
der chaiser ander stunt enslief.
in dûchte, wie er ze Ache ware
unt ain bere vor ime lage
[ein Bär]
mit zwain cheten gebunden.
sâ ze den stunden
der pere in vaste ane sach,
di cheten er bêde cebrach.
an lief in der pere,
die fursten wolten in were.
der chaiser en macht sich sin nicht erhaln.
er geweltigôt im den arm,
daz flaisc er ime allez abe brach;
daz bain er gar nacket sach.
von den sachen
der chaiser begonde aber wachen.
Der kaiser gab sich in gotes gewalt.

(Das Sich-Losreissen des Bären steht für Geneluns Verrat. Der zerfleischte rechte Arm meint Roland.)

Das Rolandslied des Pfaffen Konrad, mittelhochdeutsch / neuhochdeutsch, herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Dieter Kartschoke, Stuttgart: Reclam 1993 (Universal-Bibliothek 2745).

Detail aus der Handschrift Cod. Pal. germ. 112, fol. 47r (Heidelberg, Universitätsbibliothek )

 

 

 

 



Literaturhinweise

Steven R. Fischer, The Dream in the Middle High German Epic, (Australisch-neuseeländ. Studien zur dt. Sprache und Lit. 10), Bern u.a.: Lang 1978.

Agostino Paravicini Bagliani / Giorgio Stabile (Hgg.), Träume im Mittelalter. Ikonologische Studien, Stuttgart/Zürich: Belser 1989. 

Maria Elisabeth Wittmer-Butsch, Zur Bedeutung von Schlaf und Traum im Mittelalter, (Medium Aevum Quotidianum, Sonderband I), Krems 1990.

Klaus Speckenbach, Artikel »Traumbücher«, in: Verfasserlexikon Band 9 (1995) Sp. 1014-1028.

Richard Trachsler, Gottes Boten. Bemerkungen zu Tier und Traum in der onirokritischen Literatur des französischen Mittelalters und der Renaissance, in: Tier und Religion (Hg. von Thomas Honegger und Gunther Rohr). Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung, 12 (2007), pp. 64–80.

Claire Gantet, Der Traum in der Frühen Neuzeit: Ansätze zu einer kulturellen Wissenschaftsgeschichte (Frühe Neuzeit 143) Berlin: de Gruyter 2010.

 

 


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