Die Physiologus-Tradition

 

Tiere können seit dem frühen Christentum allgorisch ausgelegt werden. Ihre Eigenschaften (Körperbau, Verhalten, Nahrung usw.) werden Element für Element auf einen geistigen/geistlichen Sachverhalt (mit dogmatischer oder moralische Thematik) hin ausgelegt. — Vgl. die Einführung in die Allegorese. Diese Werkgruppe ist nicht exakt zu trennen von den ›naturwissenschaftlichen‹ Werken (bei denen moralische Applikaitonen fehlen), den Bibelexegesen (die im Dienst der Auslegung stehen) und der ›angewandten‹ Allegorese in Predigten und Emblematik (mehr zu diesen hier ).

Physiologus

Der Physiologus, Übertragen und erläutert von Otto Seel, Zürich: Artemis 1960 [und Neuauflagen].

dt. Übersetzung von Lauchert online: http://www.chd.dk/misc/lauchert.html

Digitalisat der um 830 entstandenen) Handschrift Burgerbibliothek Bern Cod. 318: http://www.e-codices.unifr.ch/en/list/one/bbb/0318

Forschungsprojekt an der Universität Bern: http://www.physiologus.unibe.ch

 

Mittelalterliche Bestiare

Vorzügliche Einführungen mit Hinweisen zur Gattungs- und Textgeschichte sowie Digiatilisaten und Übersetzungen (Zugriff 20.12.2013):

The Medieval Bestiary (David Badke; Victoria, British Columbia, Canada): http://bestiary.ca/index.html

The Aberdeen Bestiary (King's College, University of Aberdeen): http://www.abdn.ac.uk/bestiary/index.hti

 

Allegorese von Natur-Dingen (darunter Tieren) vom Mittelalter bis zur Barockzeit

 

Bartholomaeus Anglicus O.F.M. (Ende 12. Jh. – nach 1250)

»De proprietatibus rerum« (nach 1235); herausgegeben unter der Leitung von Christel Meier, Heinz Meyer, Baudouin Van den Abeele und Iolanda Ventura, Turnhout: Brepols 2007ff. [erst einige Bände erschienen]

Explizite allegorische Deutungen und Moralisationen fehlen, sind in Handschriften als Marginalglossen (z.B. nota de gula) beigegeben, die auf die Verwendung als Predigtsteller hinweisen.

Digitalisat der Ausgabe Nürnberg, Anton Koberger, 1483: http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0004/bsb00041399/images/

Literaturhinweis: Heinz Meyer: Die Enzyklopädie des Bartholomäus Anglicus. Untersuchungen zur Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte von De proprietatibus rerum, München: Fink 2000 (Münstersche Mittelalter-Schriften 77)

 

Thomas Cantimpratensis [von Cantimpré] (um 1201 – um 1270)

»Liber de natura rerum«, auf 1225 – 1241 datierbar. Das Handexemplar mit nachgetragenen Ergänzungen des Thomas ist überliefert. Danach weitere Überabeitungen und deshalb komplexe Überlieferungsgeschichte. Gelegentlich Moralisationen. Eine mittelhochdeutsche Bearbeitung hat Konrad von Megenberg (1309–1374) geschrieben. E-Tet der Edition von Franz Pfeiffer 1861: http://titus.uni-frankfurt.de/texte/etcs/germ/mhd/konrmeg/konrm.htm

Moderne Ausgabe: Thomas Cantimpratensis, Liber de natura rerum, Teil I [mehr nicht erschienen]: Text, hg. H. Boese, Berlin / New York 1973.

 

Petrus Berchorius [auch: Bersuire, Pictavensius] (Ende 13. Jh. – nach 1361)

Reductorii moralis fratris Petri Berchorii libri quatuordecim; perfectam officiorum atque morum rationem ac pene totam nature complectentes historiam nusquam hactenus excusi gentium: summa fide ac diligentia ad vetera exemplaria castivati Parrisijs: apud Claudium Cheuallon […] mensis Martij die .xij. Anno dni Millesimo quingenetsimo vigesimoprimo [= 1521; die Erstausgabe!]

Jedes Tier (jede Pflanze, jeder Stein usw.) ist ausführlichst allegorisch ausgelegt.

Brauchbares Digitalisat einer Ausgabe von 1575 bei GoogleBooks: https://books.google.ch/books?id=fPDSCFeL-cMC&hl=de&source=gbs_navlinks_...

Teilübersetzung ins Deutsche durch Aegidius Albertinus 1613  s. unten.

Literaturhinweis: Paul Michel, ›Thesaurierte Exegese‹ bei Petrus Berchorius, in: Homo Medietas. Festschrift für Alois Haas zum 65.Geburtstag, hg. Claudia Brinker-von der Heyde und Niklaus Largier, Bern: Lang 1999, S. 97–116.

 

Hermann Heinrich Frey

Therobiblia. Biblisch Thierbuch, darinne alle vierfüßige, zahme, wilde, gifftige und krie¬chende Thier, Vogel vnd Fisch (deren in der Bibel meldung geschiht) sampt jren Eigenschafften vnnd anhangenden nützlichen Historien beschrieben sind. Mit der alten vnd newen Kirchen¬lehrer Außlegungen fleissig erkleret … Durch M. Hermannum Heinrychum FREY …, Leipzig: Johann Beyer 1595. – Hermann Heinrich FREY, Therobiblia. Biblisch Thier- Vogel und Fischbuch, Leipzig 1595. Reprint hg. von Heimo Reinitzer, Graz: A.V.D.A. 1978.

Obwohl sich Luther schnöde über die Allerogese geäussert hat, legt der Lutheraner Frey munter allegorisch aus.

Literaturhinweis: Heimo Reinitzer, Zur Herkunft und zum Gebrauch der Allegorie im ›Biblisch Thierbuch‹ des H. H. Frey. Ein Beitrag zur Tradition evangelisch-lutherischer Schriftauffassung, in: Walter Haug (Hg.), Formen und Funktionen der Allegorie, Stuttgart: Metzler 1979, S. 370–387.

 

Heinrich von Hövel (? – ?)

Heinrich von Hövel, Neuwer Wunderbarlicher Thiergarten: In welchem der Unvernünfftigen Irrdischen Gethieren/ auch der Vögeln und Fischen Natur und Eygenschafften etlicher massen beschrieben/ und auff allerley/ so wol Geistliche als Weltliche Sachen/ durch wolgereimpte Vergleichungen gedeutet werden. In drey unterschiedtliche Theil verfasset ... / Durch ... Heinrich von Hövel anfängklich auff dem Hauß Stockum[m] ins Werck gerichtet, Franckfurt am Mayn: Egenolff 1601; 2.Auflage: Franckfurt am Mayn: Steinmeyer 1613.

Digitalisat: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bs...

 

Wolfgang Franz (1564–1628)

Historia Animalium, In quâ plerorumqve Animalium præcipuæ proprietates in gratiam Studiosorum Theologiae & Ministrorum Verbi … In Academia Witenbergensi ... dictata a Wolfgango Franzio ... Jam denuò emendatiùs & correctiùs edita ... nec non moralium indice recens addito, Praefixa item praefatione Augusti Buchneri. … Editio Sexta, Wittenbergae: B.Mevius / J.Bauer 1659. [Vorwort ist auf 1612 datiert]

 

Aegidius Albertinus S.J. (um 1560 – 1620)

Der Welt Tummel= und Schaw-Platz. Sampt der bitter=süssen Warheit. Darinn mit einführung viler schöner und fürtrefflicher Discurscen, nit allein die Natürliche, sondern auch Moralische und sittliche Eigenschafften und Geheimnussen der fürnemsten Creaturen und Geschöpf sehr lustig, Geist= und Politischer Weiß erklärt, und auf die Weltläuf gezogen werden. Acht Theil begreiffendt.  Im ersten wirdt gehandelt von GOtt, von den Himmeln, von der Höllen, guten und bösen Engeln, Sonn, Mohn, Sternen Elementen, Wolcken, Winden, Regen, Regenbogen, Morgenröth, Hagel, Reiff, Schnee, Thaw, Meer, Liecht, Finsternuß, etc. Im andern von den grossen vnd kleinen, wilden vnd zämen vierfüssigen Thieren. Drittens, von kriechenden Thieren. Viertens von allerhandt Vögeln. Zum fünfften von Fischen. Zum sechsten von Bäumen, Pflantzen, Früchten, Blumen, Kräutern vnd Samen. Sibendens von allerhandt Edelgesteinen, Corallen, Glaß, Saltz, Wein, Oel, Honig, Wachß, Milche, Butter, Käß vnd Brot, etc. Im achten von dem Menschen, und dessen äusserlichen vnd innerlichen Geheimbnussen.  Allen StandtsPersonen, vnd sonderlich den Predigern sehr dienlich. Durch Aegidivm Albertinvm, Bayrischen Secretarium colligiert. Getruckt zu München, bey Nicolao Henrico MDCXIII, in Verlegung Hansen Krugern.

Es handelt sich um Auszüge aus des Berchorius »Reductorium« in deutscher Übersetzung.

Gutes Digitalisat (Herzog August-Bibliothek): http://diglib.hab.de/drucke/21-phys/start.htm

 

Ein Beispiel: Der Biber

 

Schaut man sich ein konkretes Beispiel an, so verschwimmen die Gattungsgrenzen: dieselbe Geschichte erscheint in Enzyklopädien, in Fabelsammlungen, christlicher Moralität, Emblematik usw.

Heidnisch-antike Literatur

Plinius, nat. hist. VIII, xlvii, 109: Easdem partes sibi ipsi Pontici amputant fibri periculo urgente, ob hoc se peti gnari; castoreum id vocant medici. — Ebenso beissen sich die pontischen Biber bei drohender Gefahr die Geschlechtsteile selbst ab, weil sie wissen, dass man sie deshalb verfolgt: die Ärzte nennen es Bibergeil.

Aelian De natura animalium 6,34 (dt. Übers. in: Älian, Die tanzenden Pferde von Sybaris. Tiergeschichten. Übersetzt von Ursula Treu und Kurt Treu, Reclam, Leipzig 1978 (= RUB 747)): Der Biber […] versteht sehr wohl, warum ihm die Jäger nachsetzen. Dann wendet er sich nach hinten, beisst sich die Hoden ab und wirft sie ihnen hin, so wie ein kluger Mann, der unter die Räuber fällt, all seine Habe als Lösegeld für seine Rettung hingibt. […]

Phaedrus (?) Appendix Perottina 30 [Perry Nr. 118].  Moral: Multi viverent, si salutis gratia parvi facerent fortunas. Viele lebten, wenn sie, um ihr Leben zu retten, ihren Besitz geringachteten.

Juvenal (1./2. Jh.) verwendet das Verhalten bereits als poetisches Gleichnis in seiner 12.Satire: Ein Freund des Dichters namens Catullus hat ein Schiffsunglück überlebt, und J. möchte zum Dank den Göttern opfern. J. schildert den Unfall, bei dem C. alle Güter über Bord warf, um das Schiff vor dem Untergang  zu bewahren; dazu bringt er das Gleichnis (Verse 34ff.):
[…] ganz so wie der Biber, der sich selber kastriert, um durch den Verlust seiner Hoden  zu entkommen; er weiß nämlich, dass man ihm das Bibergeil rauben will. – imitatus castora, qui se eunuchum ipse facit cupiens euadere damno testiculi: adeo medicatum intellegit inguen. – ›All meine Güter werft rasch über Bord‹, so drängte Catullus, bereit, sich vom Schönsten zu trennen […]. Dann kappt er den Mast usw.

Burchard Waldis (um 1490–1556) ersetzt in seiner Übersetzung (Esopus, Erstdruck: Frankfurt am Main 1548) das instinktmässige Verhalten des Tiers durch eine intellektuelle Leistung; dann wird daraus eine Fabel im Sinne Lessings:

Der biber ist ein tier vierfüßig, Lauft zu land, ist auch waßerflüßig. Sein hoden sein zur medicin, Für pestilenz und all venin; Dieselben nennt man bibergeil Und hats in apoteken feil: Derhalben wird es oft geplagt.

Eins mals ward im auch nachgejagt, Und sahe, daß er nit mocht entgan, Schnitt dhoden aus und lief davon; Denn er wist wol, daß er so hart Der hoden halb gedrungen ward. Drumb er sein bruder [die Testikel heissen Brüder, wie Zwillinge] gar verflucht, Daß er das leben retten mocht.

Schwert, feur und alles ist zu leiden, Wo man des todes far mag meiden; Auf daß du retten mögst das leben, Soltest ein königreich aufgeben.
 

Christliche Literatur

Griechischer Physiologus (Kap. 27)

Wenn der Biber gejagt wird und nicht mehr entrinnen kann, so beisst er, da er weiss, dass man ihn seiner testiculi wegen verfolgt, die zu Arzneimitteln verwendet werden, diese ab und wirft sie dem Jäger hin, der ihn dann gehen lässt. So sollen wir, um dem Teufel, der uns jagt, zu entrinnen, alle Unreinigkeit aus dem Herzen reissen und ihm hinwerfen, so dass er uns weiter nichts anhaben kann.

Der altdeutsche Physiologus (Millstätter Handschrift); hg. Friedrich Mauerer (altdeutsche Textbibliothek 67) Tübingen 1967.

112 Abir ist ein andir tier,    daz heizzet Castor, Piber.
ez ist vil milte   unde darzuo senfte.
sine geil [die Geschlechtsteile] ist nuzze unde guot,   ze erzenie man si tuot.
113: Phisiologus von sinem geslehte saget,   er sprichet: so der Piber sihet, daz man in
unde er enphliehen niene mage,   so bizzet er sin gemeht [die Genitalien] abe.
zehant vliuhet er, so nimet der jeger   die gemeht unde jaget niht mer.
114: So sculen [sollen] alle die gebaren [sich verhalten],   die mit got wellent varen.
si sculen sniden abe in selben   alle achust [Arglist, Tücke] ir herzen
unde ir lichnam [des Leibes]   unde werfen si dem tievil [Teufel als Allegorese des Jägers] an,
der si zallen ziten jaget,   so lebent si mit got, also die buoch sagent.
[…] 

http://titus.fkidg1.uni-frankfurt.de/texte/etcs/germ/mhd/physiol/physiol...

 Die Allegorese ist also folgendermassen strukturiert:

Signifikans Signifikatum
der Biber der Mensch (der Christ)
der Jäger der Teufel
die Hoden Lust auf Böses
die Hoden abbeissen sich vom Bösen trennen
am Leben bleiben die Seele retten

 

Petrus Berchorius bringt das Verhalten in seiner für Predigtzwecke gedachten Enzyklopädie: 

[Castor] quando sentit venatorem ipsum propter genitalia insequentem/ seipsum cum dentibus castrat/ et illam partem corporis propter quam est in periculo/ truncat cum dentibus/ vt euadat […]. Tales sunt religiosi et clerici: […] Isti dicuntur a castrando: quia vere seipsos debent castrare per castitatem/ quando vident quod venator diabolus eos insequitur propter testes/ hoc est dictu/ propter actum carnis/ vt eos per luxuriam capiat et occidat/ cum dentibus .i. cum verbis/ scilicet emittendo votum castitais/ et membra genitalia .i. actus carnales totaliter  abdicare. vnde Matth. xix. Sunt eunuchi qui castraverunt seipsos popter regnum celorum.

Reductorii moralis fratris Petri Berchorii libri quatuordecim, Parrisijs: apud Claudium Cheuallon, 1521; Lib. X, Cap. xxv de castore = fol. CXCIIII verso. — Die allegorische Ebene ist in die Sach-Ebene eingeflochten; hier farbig hervorgehoben. — P.B. ist bestrebt, jede Deutung mit einem Schiftwort zu belegen, hier kommt ihm Matth. 19,12 entgegen.

 

Die Geschichte ist mit oder ohne Auslegung weit herum bekannt, z.Bsp.:

Das Verhalten des Bibers ist nahezu sprichwörtlich, vgl.

Tertullian († um 220), Fünf Bücher gegen Marcion, I,1
Wäre wohl ein Biber in dem Grade darauf versessen, das Fleisch zu kastrieren, als er, der das Heiraten abgeschafft hat?

Konrad von Megenberg, Buch der Natur (hg. F.Pfeiffer 1861), III, A, 10: VON DEM PIBER

Castor ze latein haizt ze däutsch ain piber und spricht Aristotiles, daz des pibers mannesgezeuglein haiz castorium, az haizt ze däutsch pibergail. […] daz pibergail st ze vil erznei guot, und wænt der piber, man jag in allain durch der gailn willen. […] daz pibergail macht haiz und trucken und hât die kraft, daz ez die gaist und die fäuhtin vertreibet, die den krampf machent. ez ist auch nütz den die hend pidment von der krankhait der âdern. […] daz tier hât die art, wenne ez der jäger jagt, sô peizt ez im selber sein gailn auz und læzt die ligen, wan ez wænt, daz man ez niht jage danne durch der gailn willen.

Hugo von Trimberg († nach 1313; »Renner« 19529ff.) kennt ebenfalls die zweigfipflige Version: Einmal beisst sich der Biber die Hoden (mhd. geilen) ab; wenn der Jäger wieder sieht, so spreizt er die Beine und zeigt, dass er keine Hoden mehr hat. Moral: Wer die Hoden seiner Vergehen (missetat) bereits entfernt hat (durch das Beichtsakrament?) braucht nicht zu klagen, wenn ihn der Tod jagt.

Sô man den biber jaget sô sêre
Daz er geloufen mac niht mêre,
Sô bizet er selber sîn geilen abe,
Daz der jeger im die habe
Und in dennoch lâze genesen:
Wer sölte im denne ungenêdic wesen?

Swenne er aber dar nâch wirt gejaget,
Sô sitzet er nider und verzaget
Und wirfet diu bein ûf und lêt sehen,
Waz wunders an im sî geschehen:

Wol im der sîner missetât
Geilen wol abgebizzen hât,
Swenne in der tôt beginnet jagen:
Der darf dester minner klagen!

Hinweis: http://www.staff.ncl.ac.uk/henrike.laehnemann/renner/index.html

 

Die Deutung wird unterstützt durch die Pseudo-Etymologie des Worts für den Biber castor < castrare:

Isidor von Sevilla (um 570–636), Etymologiae XII,ii,21: Castores a castrando dicti sunt. Nam testiculi eorum apti sunt medicaminibus, propter quos cum praesenserint venatorem, ipsi se castrant et morsibus vires suas amputant. De quibus Cicero in Scauriana (2,7): "Redimunt se ea parte corporis, propter quod maxime expetuntur." Iuvenalis (12,34): "[imitatus castora] qui se | eunuchum ipse facit, cupiens evadere damno | testiculi, [adeo medicatum intelligunt inguen]"

Verwendungen in der Frühneuzeit:

Sebastian Brant (1458–1521):

Hier (und bei Alciati) liegt das Signifikat im Rückgriff auf die heidnisch-antike Tradition nicht im geistlichen Bereich, sondern im profanen.

Wenn ein Reicher zu den Sternen aufsteigen will, soll er den Biber nachahmen, der sich selbst zum Eunuchen macht mit dem Wunsch, durch den Verlust seiner Hoden zu entkommen […]. So soll der Begüterte seinen Reichtum weit von sich werfen, damit er frei und ohne Last in den Himmel eingehen kann.

De castroeo ingenio = Kapitel 128 in:  Esopi appologi sive mythologi cum quibusdam carminum et fabularum additionibus Sebastiani Brant, Basel 1501 – Sebastian Brant, Fabeln. Carminum et fabularum additiones Sebastiani Brant – Sebastian Brants Ergänzungen zur Aesop-Ausgabe von 1501. Mit den Holzschnitten der Ausg. von 1501, hrsg., übers. und mit einem Nachw. vers. von Bernd Schneider, Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog 1999 (Arbeiten und Editionen zur mittleren deutschen Literatur. Neue Folge, Band 4).

Auch in der Emblematik kommt das Verhalten des Bibers vor:

Andrea Alciato (1492–1550, auch Alciati), Emblem Nr. 135

Der Holzschnitt von Virgil Solis aus einer Ausgabe 1567; der folgende Text in Knittelversen von Wolfgang Hunger aus der ersten bebilderten Ausagbe 1531:

Der Biber ein faul und schwer thier,
Damit er sein leben erhalt,
Wann in die hunnd erjagen schier,
Beyßt er im auß die hoden bald,
Der man begert mit allem gwalt.
Wer gelt nit spart, gar weyßlich thuet,
Woelchs fur das leben wird bezalt:
Das bluet ist wolfayl umb das guet.

Joachim Camerarius (1534-1598)

Joachim Camerarius, Symbolorvm et Emblematvm Ex Animalibvs Qvadrvpedibvs Desvmtorvm Centvria Altera, 1654; Nr. 93 mit der Subscriptio: Vt vivat Castor sibi testes amputat ipse, | Tu quoque, si qua nocent, abjice, tutus eris.

Digitalisat: https://archive.org/stream/symbolorumetembl131came#page/n603/mode/2up

 

Es gab aber immer auch Kritiker, welche das Verhalten des Bibers für eine Erfindung hielten:

Albertus Magnus, lib. XII, tract. 2, cap. 1, ¶ 39 (ed. Stadler, Band 2, S. 1370) Dicitur autem castor a castrando, non quod seipsum castret ut dicit Ysidorus, sed quia ob castrationem maxime quaeritur. Falsum enim est quod agitatus a venatore castret seipsum dentibus et proiciat castoreum [das Bibergeil] […]

Sir Thomas Browne (1605–1682) hat eine Enzyklopädie von Irrtümern zusammengestellt: Pseudodoxia Epidemica or Enquries into very many received tenets and commonly presumed truths, 1646 — Kommentierte Ausgabe (der 1672er-Edition): ed. Robin Robbins, Oxford: Clarendon Press 1981 (2 vols.) — http://penelope.uchicago.edu/pseudodoxia/pseudo34.html#b2

Book III. Chapter iv ist betitelt: That a Bever to escape the Hunter, bites off his testicles. Browne korrigiert die isidorische Etymologie, man sei deceived by the Name, deriving Castor à castrando, whereas the proper Latine word is Fiber, and Castor but borrowed from the Greek, so called quasi γάστωρ, that is, Animal ventricosum, from his swaggy and prominent belly. — Er gibt zwar zu: to sit down in the enjoyment of the greater good, though with the detriment and hazard of the lesser: we may hereby apprehend a real and useful Truth. — Aufgrund der Anatomie von Rondelet sagt er, dass die Hoden im Körper liegen und so gar nocht abgebissern werden könnten: The Testicles properly so called, are of a lesser magnitude, and seated inwardly upon the loins: and therefore it were not only a fruitless attempt, but impossible act, to Eunuchate or castrate themselves. Das Medikament Bibergeil stamme gar nicht aus den Hoden, sondern aus damit verwechselten Drüsen: hi tumores testes non sunt, sed folliculi membrana contecti […] being not the Testicle, or any spermatical part; but rather a collection of some superfluous matter deflowing from the body.— Damit ist das Verhalten als fabulös entlarvt.

 



Literaturhinweise

Meinolf SCHUMACHER, Der Biber – ein Asket? Zu einem metaphorischen Motiv aus Fabel und ›Physiologus‹, in: Euphorion 86 (1992), S. 347–353.

Thesaurus proverbiorum medii aevi. Lexikon der Sprichwörter des romanisch-germanischen Mittelalters: A-Birne: Band 1 (1995), S. 465ff. s.v. Biber

 


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