Tiere in der Bibelexegese

 

 

Grundsätzlich:

Frage das Vieh, und es wird dich lehren, die Vögel des Himmels, und sie werden es dir kundtun, … und die Fische des Meeres werden es dir erzählen; wer wüsste nicht, dass die Hand des Herrn all dies geschaffen hat. (Hiob 12, 7–9)

Hugo von Sankt Viktor (Ende 11.Jh. – 1141), »Didascalicon« VII,3 = PL 176,814BC

Universus enim mundus iste sensibilis quasi quidam liber est scriptus digito Dei, hoc est virtute divina creatus, et singulae creaturae quasi figurae quaedam sunt non humano placito inventae, sed divino arbitrio institutae ad manifestandam invisibilium Dei sapientiam. Quemadmodum autem si illiteratus quis apertum librum videat, figuras aspicit, litteras non cognoscit: ita stultus et “animalis homo”, qui “non percipit ea quae Dei sunt” (1 Cor 2,14), in visibilibus istis creaturis foris videt speciem, sed intus non intelligit rationem. Qui autem spiritualis est et omnia dijudicare potest, in eo quidem quod foris considerat pulchritudinem operis, intus concipit quam miranda sit sapientia Creatoris.

Die ganze sinnlich wahrnehmbare Welt ist wie ein Buch, geschrieben vom Finger Gottes, das heisst geschaffen von der göttlichen Kraft; und die einzelnen Geschöpfe sind wie Zeichen, die nicht nach menschlichem Beschluss, sondern durch den göttlichen Willen gesetzt worden sind, um die Weisheit des unsichtbaren Wesens Gottes zu offenbaren. So wie aber ein Ungelehrter, wenn er ein aufgeschlagenes Buch sieht, Figuren erblickt und die Buchstaben nicht erkennt, so sieht der törichte und ungeistige Mensch, der nicht durchschaut, was Gottes ist, an jenen sichtbaren Geschöpfen nur aussen die Erscheinung, doch erkennt innen nicht die Vernunft. Wer aber von Gottes Geist begabt ist und alles zu unterscheiden vermag, der begreift, wenn er aussen die Schönheit des Werks betrachtet, im Innern, wie sehr die Weisheit des Schöpfers zu bewundern ist.

 


Die Auslegung kann grundsätzlich typologisch geschehen oder allegorisch. Zur Erläuterung der Begriffe <hier>

 


Beispiele für allegorische Auslegung:

Augustinus (354–430) , »de doctrina christiana« II,xvi,24:

Rerum autem ignorantia facit obscuras figuratas locutiones, cum ignoramus vel animantium vel lapidum vel herbarum naturas aliarumve rerum, quae plerumque in Scripturis similitudinis alicuius gratia ponuntur. Nam et de serpente quod notum est, totum corpus eum pro capite obicere ferientibus, quantum illustrat sensum illum, quod Dominus iubet astutos nos esse sicut serpentes (Mt 10, 16), ut scilicet pro capite nostro, quod est Christus, corpus potius persequentibus offeramus, ne fides christiana tamquam necetur in nobis si parcentes corpori negemus Deum! Vel illud, quod per cavernae angustias coartatus, deposita veteri tunica vires novas accipere dicitur, quantum concinit ad imitandam ipsam serpentis astutiam exuendumque veterem hominem, sicut Apostolus dicit, ut induamur novo (Eph 4, 22-24; Col 3, 9-10); et exuendum per angustias, dicente Domino: Intrate per angustam portam! (Mt 7, 13) Ut ergo notitia naturae serpentis illustrat multas similitudines quas de hoc animante Scriptura dare consuevit, sic ignorantia nonnullorum animalium, quae non minus per similitudines commemorat, impedit plurimum intellectorem. Sic lapidum, sic herbarum, vel quaeque tenentur radicibus.

Mangel an Sachkenntnis aber macht bildliche Ausdrücke dunkel, wenn wir die Natur und Beschaffenheit der Tiere, Pflanzen oder anderer Dinge nicht kennen, die so häufig gleichnisweise in der Schrift aufgeführt werden. So ist es z. B. eine bekannte Tatsache, daß die Schlange jemandem, der nach ihr schlägt, gleich ihren ganzen Leib und nicht bloß ihr Haupt entgegenwirft: Was ist doch das für ein anschauliches Bild für das, was uns der Herr befiehlt, wenn er sagt, wir sollten klug sein wie die Schlangen? Auch wir sollen nämlich für unser Haupt, d. h. für Christus, den Verfolgern lieber den Leib anbieten, damit nicht der christliche Glaube (als das Haupt) in uns ertötet werde, wenn wir aus Schonung für den Leib Gott verleugnen. Man sagt auch, die Schlange zwinge sich in enge Höhlenritzen ein und streife so ihr altes Kleid ab und gewinne dadurch wieder neue Kraft: wie stimmt dies nicht zur Nachahmung dieser Schlangenklugheit, nämlich zum Ausziehen des alten und zum Anziehen des neuen Menschen, wie der Apostel sagt, und zwar zum Ausziehen vermittels der Engen (der Trübsal); sagt ja doch der Herr: "Geht ein durch die enge Pforte!" Wie nun die Kenntnis der Schlangennatur viele Gleichnisse beleuchtet, welche die Heilige Schrift von diesem Tier zu gebrauchen pflegt, so behindert die Unwissenheit bezüglich einiger Tiere, die ebenso gleichnisweise erwähnt sind, den Forscher im höchsten Grade, Dies gilt von Steinen, von den Kräutern und von allem, was immer fest im Boden wurzelt.

(Pseudo-)Hugo von Sankt Viktor, »De bestiis et aliis rebus« (nach 1141)

De bestiis et aliis rebus, PL 177, 15–164

Petrus Berchorius († 1362), »Reductorium morale«

Das Kapitel über den Frosch <hier als PDF>

 


Beispiele für typologische Auslegung:

Hebr. aqedah: Anstelle des zu opfernden Isaak wird ein Widder geopfert; dies wird als Realprophetie des Kreuzestods Christi gesehen. (Holzschnitt von Tobias Stimmer aus: Neue Künstliche Figuren Biblischer Historien Und zu Gotsförchtiger ergetzung andachtiger Hertzen mit artigen Reimen begriffen durch J. F. G M., grüntlich von Tobia Stimmer gerissen, Basel: Gwarin 1576.)

 

Jonas wird vom Walfisch lebendig wieder ausgespien (Jonas 2,11) — typologische Vorausdeutung von Christi Auferstehung (Matthäus 12,38–42: Wie Jona im Bauche des Fisches war, drei Tage und drei Nächte, so wird der Menschensohn im Herzen der Erde sein, drei Tage und drei Nächte.) Quelle: Elisabeth Soltész, Biblia Pauperum. Die vierzigblättrige Armenbibel in der Bibliothek der Erzdiözese Esztergom, Berlin (DDR) 1967 (Ausschnitt, auf der linken, hier nicht interessierende typologische Szene: Samson trägt die Türflügel von Gaza, Richter 16,2–3.

Konrad von Würzburg, »Goldene Schmiede« Vers 1616ff.:

Ein visch genant ist cete,
der sunder alle mâsen
in sich verslant Jonasen:
bi dem ist uns bezeichenheit
von Jesu Cristo für geleit,
wand er verslicket wart alsam.
in slant daz ertrich unde nam
mit libe und ouch mit herzen,
so daz deheinen smerzen
die gotheit davon nie gewan.
alsam der groze visch den man
dri tage in sinem libe dans,
[dinsen = gewaltsam tragen]
daz in verserte nie sin grans:
[Rüssel, Maul]
sich frouwe
[Maria ist angesprochen], also beleip din kint
zwo nahte an allez underbint
in dem ertrich und gesunt…

 

 


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