Personifikationen

Zur Beachtung:

Bei dieser Seite handelt es sich um eine Skizze, die noch mit Fehlern behaftet ist.

Die gültige (und einzig zitierbare) Version befindet sich im Buch

»Spinnenfuß & Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen«
Schriften zur Symbolforschung, hg. von Paul Michel, Band 16, 472 Seiten mit 291 schwarz-weißen Abbildungen
PANO Verlag, Zürich 2013
ISBN 978-3-290-22021-1

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Strebungen, Gefühle (Hass, Angst, Neid), natürliche Bedürfnisse (Hunger, Schlaf), unserer Willkür entzogene Mächte (Sünde, Tod, Gnade) werden gerne metaphorisch ausgedrückt: die Wut hat mich gepackt, die Sünde fesselt mich, das Gewissen plagt mich. – Das etwas blasse handelnde Abstraktum (die Wut) kann nun etwas Körper bekommen. Zum Beispiel  ist der Geiz mager und blass, ärmlich gekleidet, in der Hand hält er einen zugeknöpften Geldbeutel; d.h. die Personifikation wird ausgestattet mit Attributen eines Geizigen. Statt menschlichen Figuren sind oft auch Tiere die Träger der Personifikation. – Solche Attribute kann man der Figur in die Hand drücken oder neben sie auf den Boden stellen. Man kann die Figur aber auch aus diesen Attributen komponieren, und so wird die Personifikation ein Kompositwesen.

Vergil, Fama

Vergil (70 – 19) erzählt in der »Aeneis«, wie der Protagonist Aeneas von Troja kommend nach langer Reise durchs Mittelmeer in Karthago landet, wo die verwitwete Königin Dido ihn gastfreundlich aufnimmt. Aeneas’ Mutter, die Göttin Venus, möchte weitere Irrfahrten verhindern und sorgt deshalb dafür, dass sich Dido in den Gast verliebt. Mit einem Zauber-Trick gelingt ihr das. Allmählich erkennt Dido ihr Gefühl – und gesteht dies ihrer Schwester Anna – doch sie möchte die Gattentreue wahren. Anna rät ihr, nicht den Rest des Lebens als Witwe gramvoll zuzubringen; ferner erinnert sie an die bedrohlichen umliegenden Völker. Gewiss habe das Geschick der Götter Aeneas’ Flotte nach Karthago gelenkt. Diese Worte entzünden Didos Gefühl erst recht.  Dido zeigt alle Symptome der Liebeskrankheit und sie vernachlässigt die Staatsgeschäfte. Juno (die Göttin der Ehe) und Venus einigen sich nach einem Geplänkel auf den Plan, die beiden Verliebten während einer Jagd beim Gewitter in einer Höhle zusammenzugesellen. Dies geschieht. Dido und Aeneas kümmern sich nicht mehr um Anstand, die Liebe wird offenbar.

Dieses Offenbarwerden gestaltet Vergil in der Personifikation der Fama (das Gerücht): Das Gerücht verbreitet sich schnell – die Fama ist gefiedert. Das Gerücht nimmt alles auf – sie hat viele wachsame Augen. Es schwatz alles gleich weiter – Fama hat viele Zungen und Münder. Der unbekannte Illustrator der Vergilausgabe 1502 hat vor allem die Federn und Flügel realisiert, immerhin hat das Wesen vier Ohren und zwei Augen auf dem Bauch:

Bildquelle: Publij Virgilij maronis opera cum quinque vulgatis commentariis Seruii Mauri honorati gram[m]atici: Aelii Donati: Christofori Landini: Antonii Mancinelli & Domicii Calderini, expolitissimisque figuris atque imaginibus nuper per Sebastianum Brant superadditis, exactissimeque revisis atque elimatis, Straßburg: Grieninger 1502.

Die Stelle Vergil, Aeneis IV, 173ff., die man in jeder Ausgabe und im Internet leicht findet, geben wir hier in der Übersetzung von Thomas Murner wieder: »Vergilii maronis dryzehen Aeneadische Büecher von Trojanischer zerstörung vnd vffgang des Römischen Reichs», Straßburg: Johann Grüninger 1515; (hier nach der Ausgabe Jena 1606):

Wie durch gantz Libien ein Red ward der Vermehlung Didonis vnd Enee / vnd wie das Geschrey gestalt sey.

Das Gschrey von dieser Sach / die Red /
So bald sich ausgebreitet het.
Das Gschrey wir einem Thier vergleichend /
Das ist so geschwinde vnd behend /
Das dieses gantzes Erdreich treit
Keins daß jhm gleich an Bhendigkeit /
Vnbestendig / je mehr es rent /
Je mehr jhn Kräffte herzu gehnt /
Aus Forcht ist es im Anfang klein /
Erhebt sich darnach bald allein /
Geht auff dem Erdreich hin vnd her /
Sein Kopff stöst in die Wolcken ferr /
Ist es als wie die Fabeln sagn /
Dauon den Göttern sind verjagn
Die Risen / von der Götter Zorn
Hat die Erd dieses Thier erborn.
Allen Göttern nur zu Leid
Diß Schwester Ceo zu bereit /
Vnd Encelao auch darzu.
Diß thier hat nimmer Rast noch Ruh /
Es fleugt vnd hat behende Füß /
Vnd acht nicht wenn es thu Verdrieß.
Ein grausams vnd ein Wunderthier /
Daß so viel Augen brauchet schier /
Als es der Federn an jhm hat /
Das ist ein wunderliche that /
So viel Zungen vnd so viel Mund /
Ohren damit es hören kundt.
Am Himmel fleugts zu Mitternacht /
Daß mans hört fliegen mit seim Pracht /
Vnd gibt sein Augen nimmer Ruh /
So sitzts vnd hütet auch darzu /
Auff den Thürnen vnd auff dem Tach /
Daß es mög bringen Vngemach.
Erschreckt auch manche grosse Städt /
Mit Bösheit die es dichtet hett.
Es leuget viel / vnd sagt auch war /
Sein Art ist böß vnd schädlich zwar.
Dasselbig Thier bracht diese Mehr /
In die Völcker weit vnd auch ferr /
Frölich sagt was geschehen was /
Vnd log darzu aus Neid vnd Haß /
Wie Eneas von Troj erborn /
Hett zu eim Gemahl ausserkorn
Didonem die schön Königin /
Darumb leg er den Winter in /
Braucht sich nur jhr auch aller Frewd:
Darzu jhr keins mehr Sorge treit:
Vmb jhre Reich vnd jhre Land /
Allein behafftet sind mit Schand /
Der Bulschafft sind sie beyd gefangen.
Also war diese Red ausgangen /
Durch das Thier den schnöden Gott /
Das Dido bracht zu letzt in Tod.

Vgl. Edith und Gerhard Binder (Übers.): Aeneis. Latein/Deutsch (= Reclam Bibliothek)

 

Hans Weigel d. Ä. hat in seinem Holzschnitt (mit Versen von Hans Sachs, veröffentlicht um 1546) auch die Augen visualisiert; und vielleicht darf man die Federn auch als Zungen interpretieren.

http://images.zeno.org/Kunstwerke/I/big/HL61137a.jpg

Von Jost Amman und Tobias Stimmer gibt es Holzschnitte der Fama

A. Paul Weber (1893–1980), »Das Gerücht« (1943) mit politisch brisanter Aussage

http://www.weber-museum.de/werk/geskrt/images/geruecht_1953.jpg  <5.4.2013>

 



Cesare Ripa, Terrore

Cesare Ripa (um 1555 – 1622?) bringt in seiner »Iconologia« (Erstausgabe 1593 ; seit der  Ausgabe von 1603  mit Bildern ausgestattet) eine Personifikation des Schreckens (TERRORE). Es ist ein Mann mit einem Löwenkopf, denn die Eigenschaft des Löwen sei es, denjenigen Angst einzujagen, die ihn anfassen. – Das Charakteristikum wird mit einem Tiergleichnis ausgedrückt, und das Haupt des Tier wird – ähnlich wie bei den ägyptischen Gottheiten (vgl. den Beitrag von Eric Hornung) – auf die sonst eher undeutliche Personifikation verpflanzt.

 

Iconologia. Overo descrittione di diverse imagini cavate dall'antichità, e di propria inventione  trovate et dichiarate da Cesare Ripa […]. Di nuovo revista. Roma: Lepido Faci, 1603, p.485.

 


Rollenhagen, Concordia

Gabriel Rollenhagen / Crispin de Passe bringen im zweiten Teil ihres »Nucleus Emblematum« (1611/1613) ein Emblem, das den antiken Geryon in einer barocken Aufmachung zeigt. Die Überschrift lautet: CONCORDIA INSUPERABILS (unüberwindliche Eintracht). Der mythische Geryon hat drei Leiber besessen; hier werden sechs Arme gezeigt, die verscheidene Waffen tragen. Dies soll bedeuten, dass man durch gegenseitige Hilfe in einem Bündnis Erfolg hat. (Das Motiv hat bereits Andrea Alciati in seinem Emblembuch 1531 so verwendet.)

 

Gabriel Rollenhagen, Sinn-Bilder, hg. Carsten-Peter Warncke, (Bibliophile Taschenbücher 378), Dortmund 1983. II,45  – HAB Wolfenbüttel: http://diglib.hab.de/drucke/21-2-eth-2/start.htm?image=00093 (noch um © anfragen)

Die moderne Fassung der sechshändigen Personifikation ist dann eher häuslich-arbeitsethisch orientiert, mit einem leichten Beigeschmack von Geschlechterrolle...

 Lesen Sie bitte die Packungsbeilage.