Anatomie, Teratologie der Neuzeit

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»Spinnenfuß & Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen«
Schriften zur Symbolforschung, hg. von Paul Michel, Band 16, 472 Seiten mit 291 schwarz-weißen Abbildungen
PANO Verlag, Zürich 2013
ISBN 978-3-290-22021-1

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Von den Monstra zur Anatomie

Man hat Missgeburten nicht einfach so hingenommen, sondern immer wieder gefragt, woher es denn komme, dass gewisse Kinder oder Tierjunge nicht normal sind. Mit Problem der Entstehung menschlicher Missgeburten haben sich vor allem die Ärzte immer wieder abgemüht. Wir können nur einige wenige Dinge herausgreifen. Zunächst seien einige wichtige frühe Autoren chronologisch anhand der Erstdrucke ihrer Werke aufgelistet:

Jacob Rueff (1505–1558), Von den Empfengknussen und Geburten der Menschen 1543.

Johann Georg Schenck  (* um 1560–1620), Monstrorum historia memorabilis 1609.

Caspar Bauhin (1560–1624), De hermaphroditorum monstrosorumque partuum natura 1614.

Fortunatus Licetus (Liceti 1577–1657), De Monstruorum Natura 1616 — De monstris, postum 1665. 

Thomas Bartholin (1616–1680), Historiarum anatomicarum rariorum centuria I et II. 1641.

Zur Teratologie (die Lehre von den Ungeheuern, von griechisch τέρας) gibt es eine reiche wissenschaftsgeschichtliche Literatur. Man muss aufpassen, dass man nicht dem Klischee von einer historischen Entwicklung auf dem Leim geht, das besagt, der Aberglaube des finsteren Mittelalters sie in der Renaissance und in der Aufklärung überwunden worden.

Die Berichterstatter, die eine Missgeburt vor Ort sehen konnten, waren an einer empirischen Beschreibung interessiert. So berichtet ein Flugblatt aus dem Jahre 1512: Der muoter ich ein trinckgeld gab/ Gar freuntlich bat ich die frawen/ das sy michs ließ hindten beschawen. Sy want die kinder hyndten umb/ also gesach ichs umbedum. (zitiert bei Ewinkel S. 122) Albrecht Dürer hat 1512 eine zweiköpfige Geburt im Dort Ertingen gezeichnet; er schreibt dazu: … und sy wurden getawft das eine hawbt nant man elspett das ander margrett. (Oxford Asmolean Museum) –. Ärzte waren bestrebt, eine Missgeburt nach dem oft wenige Stunden nach der Geburt erfolgenden Tod zu sezieren. Überlebende Missgeburten waren auch an Jahrmärkten ausgestellt. Aber es war halt nicht immer ein Zeichner dabei, der den Befund im Bild festhalten konnte; und so wurden die Bilder oft aus den Berichten rekonstruiert, wobei die Clichées in den Köpfen den Zeichenstift führten.

In den einschlägigen Publikationen gab es trotz gelegentlicher empirischer Anschauung ein langes Neben- und Durcheinander von realistischen und phantastischen Vorstellungen.

Dass Conrad Lycosthenes sich aller verfügbaren Materialien bedient hat, um sein Prodigienbuch (1557) zusammenzustellen, ist irgendwie verzeihlich.

 

Wir staunen aber darüber, was erfahrene und praktisch tätige Leute als zusammengehörig empfunden (oder mindestens der Leserschaft zugetraut) haben. So stehen beispielsweise im 1554 erschienenen Hebammen-Lehrbuch des Zürcher Chirurgen Jacob Rueff (1505–1558), der doch einen realitätsnahen Blick auf die Sache gehabt haben muss, natürliche Missgeburten (wie siamesische Zwillinge) unmittelbar neben phantastischen Prodigia (Monstra von Krakau und Ravenna, das Mönchskalb, ein Elefantenhäuptiger) direkt und kritiklos nebeneinander (5. Buch, 3. Kapitel). Die Bilder hat er offensichtlich der illustrierten Ausgabe des Julius Obsequens (Basel 1552) entnommen.

Ein schön lustig Trostbüchle von den Empfengknussen und Geburten der Menschen unnd jren vilfaltigen Zuofälen und Verhindernussen / mit vil unnd mancherley bewärter Stucken unnd Artznyen, ouch schönen Figuren, darzuo dienstlich / zuo Trost allen gebärenden Frouwen und eigentlichem Bericht der Hebammen erst nüwlich zuosamen geläsen durch Jacob Rueff, Burger und Steinschnyder der loblichen Statt Zürych; Getruckt zuo Zürych by Christoffel Froschouer, im 1554. Jar.  [frühnhd. Trost = ›Hilfe‹] – Bild hier nach der späteren Ausgabe unter dem Titel »Hebammenbuch« Franckfurt: Feyerabendt 1563; Reprint Grünwald: Kölbl 1964.

Aber auch andere Erforscher des Monströsen mischen munter realistische und phantastische Wesen, so Pierre Boaistuau 1561, Ambroise Paré 1573, Fortunio Liceti 1616/1665, Ulisse Aldrovandi 1642.  

Ursachen (teratologische Aitiologie)

Im neuzeitlichen Sinne physiologische Überlegungen zur Entstehung der Missgeburten hat zuerst Aristoteles (384–322) in seiner Schrift über die Zeugung der Lebewesen (de generatione animalium IV,3–4) angestellt. Falsche Temperatur oder ein falsches Mengenverhältnis der männlichen und weiblichen Zeugungsstoffe sieht er als Ursachen, die verhindern, dass der entstehende Keim nicht zu seinem Ziel (zu seinem telos)  gelangen kann. Spätere Autoren hielten auch eine Vermischung von Arten (beim Menschen also durch Zooerastie) für möglich. Die Schrift des Aristoteles wurde im Mittelalter ins Lateinische übersetzt und fand Eingang in Traktate und Enzyklopädien (z.B. Vinzenz von Beauvais † 1264, »Speculum naturale«, 1624 gedruckt).

Aristoteles, De generatione animalium – Über die Zeugung der Geschöpfe, hg., übertragen und in ihrer Entstehung erläutert von Paul Gohlke, Paderborn: Schöningh 1959. (referiert bei Ewinkel 131ff.)

Die Ursachen der Missgeburten (Causæ conceptuum monstrosorum) hat der Basler Anatom Caspar Bauhin (1560–1624) in seinem Werk »De Hermaphroditorum monstrosorumque partuum Natura« 1614 taxonomisch klassifiziert:

Taxonomie der Gründe für monströse Empfängnis:

Ursachen der Oberwelt

der Zorn Gottes über einen Fehler in der Verbindung

Einfluss von Gestirnen

Einfluss des Südwindes

irdische Ursachen

innerliche Ursachen

Ursachen der Materie

beim Vater wegen fehlerhaften Samens

hinsichtlich der Menge (zu viel / zu wenig)

hinsichtlich der Qualität

an sich

wegen der Vermischung mit Auswurf im Uterus

bei der Mutter

wegen der Qualität des Samens

wegen der Menge des Blutes

Ursachen des Orts, schlechte Gestaltung des Uterus

Größe, Enge oder andere Form

Ursachen des Bewirkenden: schwächliche Anlage der Bildnerin

äuserliche Ursachen

von beiden Eltern

Vereinigung gegen die natürliche Ordnung

den Tieren ähnlich

während der Menstruation

mit einem Tier / einem Dämon

fehlende Begierde (libido)

Erbkrankheit

Ursachen mütterlicherseits

Versehen (imaginatio)

Schrecken

Sturz

schlechte Lebensweise bezüglich

Nahrung (Speisen / Getränke)

Luft

Caspari Bauhini De hermaphroditorum monstrosorumque partuum natura ex theologorum, jureconsultorum, medicorum, philosophorum, et rabbinorum sententia, Oppenheimii 1614. – Ich danke Volker Hartmann von der UB Bern für eine Fotografie der taxonomischen Tabelle. Die mit geschweiften Klammern realisierte Taxonomie ist hier typographisch umgesetzt druch verschieden weite Einzüge. Übersetzung vom Lat. ins Dt. von PM.

Interessant ist, dass er die Einwirkung eines Dämons oder das Beiwohnen eines Incubus nicht erwähnt, was etwa bei Ambroise Paré (»Des Monstres«, 1573) eine Rolle spielt.

Beim Aufbau des Buches folgt Bauhin nicht seinem Schema. Überhaupt haben sich diese Autoren offenbar auch zurechtgelegt, dass die verschiedenen Ursachen zusammen wirken können, zum Beispiel so: Die spielende Natur bzw. der unergründliche Gott bedient sich irdischer, physiologischer Ursachen, um ihr/sein Werk zu realisieren.

Jacob Rueff ist bemüht, übernatürliche (Gottes Strafe), psychische (Schrecken) und physiologische (schwacher Same) Ursachen in Einklang zu bringen:

 Wie aber söliche Monstra vnd verkeerte misßburten empfangen vnd vfgehebt werden mögind/ […] soltu mercken/ das sölichs nit on das vorwüssen Gottes/ zů unserer straaff/ warnung vnd besserung  geschähe. Dann so die eelichen werck der liebe/ die Gott zu der notturft verordnet/ vnd nit zum überfluß vnd der üppigkeit/ über die maß und wider die natur gebrucht werdend/ werdend die somen [Samen] schwach/ blöd vnnd mangelhafft/ […] Vnd diewyl dann an den somen manglet/ ist es natürlich vnd můß volgen/ daz ouch mangel an den geschöpfften vnd der selben glideren werden sölle vnd müsse. […] Also ouch so zwey rechte vnd onmangelhaffte kind empfangen/ wachsen vnnd werden söltend/ vnnd aber durch schräcken/ forcht/ fallen/ vnd anderen derglychen zůfälen/ die somen brächend vnd zerstört werdend dardurch sy zůsamen wallend vnd fliessend/ werdend die burten erschrockenlich vnd vnnatürlich […] Dannenhär dann natürlich volgen můß ein Monstrum vnd seltzame wunderbarliche geburt/ wieder den gemeinen bruch der natur. Welche burten [Geburten] allesampt Gott der allmächtig verhengt/ vnd darumb volgen laßt/ wie andere wunderwerck vnd wunderzeichen/ darmit er vnser sündtlich vnnd ergerlich läben straafe/ vns zů besserung reitze und ziehe.

Jacob Rueff, Ein schön lustig Trostbüchle, 1554; fol LXXr – LXXIr. – Verhängnis im älteren Deutsch: ›Zulassung, Einwilligung‹

Wir greifen im folgenden zwei Ursachen heraus: den Einfluss sündhaften Verhaltens und denjenigen psychischer Affekte.

Sünde

Dass sündhaftes Verhalten Gebresten beim Sünder selbst oder bei dessen Nachkommen Entstellung bewirkt, ist eine alte Vorstellung (vgl. z.B. Johannesevangelium 9,1f.). Soweit die Monstra in der Flugblattliteratur des 16. Jhs. nicht als Vorzeichen von Gottes Zorn verstanden wurden, wurden sie als Folge von Fehlverhalten gedeutet. Dabei gibt es zwei Varianten: die Schuld wird der ganzen Gemeinschaft zugewiesen oder den Eltern. Die erste ist relativ langweiilig: die Missgeburten werden als Folge der pandemischen Sündhaftigkeit gedeutet: Kirchenspaltung, politischer Aufruhr, übertriebener Luxus, Gotteslästern, Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen, generell Sittenzerfall.

Hier zwei Beispiele für den Fall, wo die Schuld direkt bei den Eltern gesucht wird:

 

Dieses Monster ist in Arnheim geboren worden. Es ist die Auswirkung der Gottlosigkeit eines Ehemanns, der seiner Frau Übel und Leid (quaidt = mhd. kât) angewünscht hat (gegen das 6. Gebot »Du sollst nicht schwören« 3.Mose 19,12; 4.Mose 30; Matth 5,33). Das Ereignis soll für alle Leute ein Spiegel sein. — Das Flugblatt ist datiert auf den 20. Juli 1579. – Vgl. Harms/Schilling: Deutsche illustrierte Flugblätter, Tübingen, 1997, VII, 126. Wickiana PAS II 16/7  Hier  aus Hans Fehr, Massenkunst im 16.Jahrhundert. Flugblätter aus der Sammlung Wickiana, Berlin 1924, S.24

Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658) bringt in einer Anleitung zum Briefeschreiben im Kapitel über »Nachsinnige Juristische Historische und Philosophische Briefe von seltnem Innhalt. Aus der Naturkündigung und Sittenlehre genommen« einen Muster-Brief "Von einer Mißgeburt in Catalonia" (»Der teutsche Secretarius, das ist, Allen Cantzleyen- Studir- und Schreibstuben nützliches fast nohtwendiges und zum vierdten Mal vermehrtes Titular- und Formularbuch, …« Nürnberg: Endter [1.1655; hier zitiert nach der Ausgabe] 1661I.Band, Kapitel X, Nummer 31; Hin und wieder finden sich Berichte von Monstren in abgelegenen Quellen).

Der Brief berichtet von einer "Abbildung einer fast unerhörten und scheußlichen Mißgeburt", die 1654 in Catalonien gefunden worden sei. "Dieses Monstrum hat 7. Köpffe/ 13. Augen/ 7. Arme und Hände/ an dem mitlern Kopff nur ein Aug/ rüllet und brüllet mit unvernemlicher Stimme/ ist unterhalb der Brust einem Geisbock nicht ungleich." Der (fingierte) Briefpartner bittet den Schreiber um eine Beurteilung. Dieser antwortet: "Es ist gar vermuthlich ein Spanischer Hirt habe sich mit einer geilen Gemse vermischt/ und […]  ist zu glauben/ daß diese Mißgeburt daher eine halbe menschliche und halb viehische Gestalt genommen." Die Pointe ist indessen nicht so sehr eine naturkundliche, sondern eine  moralische, es geht um die Zooerastie: "sich mit dem geilen Viehe zubeflecken/ welches GOtt der Herr mit dem Feuer zu straffen befohlen." [vgl. Wer mit einem Tier Verkehr hat, wird mit dem Tod bestraft. 2 Mose 22,18] Dann folgen Auszüge aus vielen Naturwissenschaftler zur Frage der Vermischung der Arten. Die Mehrköpfigkeit wird physiologisch erklärt aus der Beschaffenheit des männlichen Samens. Harsdörffer kann sich zum Schluss eine allegorische Auslegung nicht verklemmen. 

Abbildung auf einem Flugblatt: Wickiana PAS II 15/37 = Harms VII,112 = Ewinkel S.237–247.

Versehzauber

Lange Zeit war man davon überzeugt, dass heftige Affekte, Phantasien der Frau oder das Sehen bestimmter äusserer Erscheinungen bei der Empfängnis oder während der Schwangerschaft einen Einfluss auf das werdende Kind hätten.

Das deutsche Wort ›Versehen, sich versehen‹, vgl. Grimmsches Wörterbuch, Band XII/I, Spalte 1256, meint nicht ›to provide with‹, sondern das Präfix ›ver-‹ drückt wie bei ›sich ver-laufen, sich ver-schreiben‹ aus, dass das vom Verb Gemeinte falsch herauskommt. Das Wort scheint bei Christoph Irenäus, De monstris von seltzamen Wundergeburten (1584) das erste Mal belegt zu sein.  Das Phänomen wird im Lateinischen als ›imaginatio gravidarum‹, im Englischen als ›maternal impression‹ bezeichnet.

Isidor von Sevilla († 636) – der bedeutende Vermittler antiken Wissens ins Mittelalter – berichtet, dass man, wenn man Stuten deckt, ihnen edle Pferde zeigt, damit sie Ähnliche empfangen und werfen können. Ebenso verordnen Ärzte den Schwangeren,

nichts Schändliches anzuschauen, wie Kynokephalen oder Affen, damit sie nicht etwas Ähnliches gebären wie das, was sie gesehen hatten. Dies ist nämlich die Natur der Frauen, dass sie in der überschwänglichen Wallung der Lust, wenn sie empfangen, einen solchen Nachkommen gebären wie das, was sie sehen oder im Geiste hegen. (Hanc enim feminarum esse naturam ut quales perspexerint sive mente conceperint in extremo voluptatis aestu, dum concipiunt, talem et sobolem procreent.) Denn ein Lebewesen vermittelt beim Geschlechtsverkehr äussere Gestalten nach innen, und wenn es mit damit erfüllt ist, reisst es deren Anblick in die eigene Beschaffenheit. (Etymologiae XII, i, 59)

Fasizinierend an der Idee war einerseits, dass die Eltern eine Erklärung für Missgeburten bekamen, und dass die Intellektuellen einen Beweis für den Einfluss des (hierarchisch höher rangierten) Psychischen auf das (nierigere) Physische hatten. Vor allem im 17.Jahrhundert wruden viele Theorien aufgestellt, wie die Impression über die Körpersäfte einen Einfluss auf das Sperma oder den Fötus haben könne; im 19. Jh. hat der »magnetische Rapport« nochmals ein Deutungsmuster abgegeben.

Solche Vorstellungen haben dazu geführt, die Schuld an Missbildungen den Frauen anzulasten, und sie haben die Disziplinierung der Frauen verstärkt, die zur Häuslichkeit angehalten wurden. (Solche gender-bezognene Aspekte beleuchtet Ewinkel im Kapitel 6.1)

Conrad Lycosthenes berichtet zum Jahr 1282:

Ein edle fraw dem Bapst mit plůt verwandt/ gpar dis jars ein rauch zotächtig kind mit hend vnd füessen wie ein bär/ der bapst erschrack ließ alle bären bilder außkratzen/ die er fand in seinem gmach. Der vrsach das die frau in der entpfencknus jro dis thier so gar ingebildet. (»Wunderwerck« 1557, deutsche Ausgabe Seite ccccxvij)

Was die mit dem Papst – damals Martin IV. – verwandte Dame in seinen Gemächern gesucht hat? Ob dessen Vorgänger Nikolaus III., mit bügerlichem Namen Gian Gaetano Orsini, dort hatte Bilder von Bären (italien. ›orsi‹) anbringen lassen, an denen sich die Frau versah?

Die Entstehung von Monstres qui se font par imagination kennt auch Ambroise Paré 1573. Man achte darauf, wie sorgfältig er die Beobachtung durch Ortsangaben und Nennung von Personen abstützt:

L’an mil cinq cent dix-sept, en la paroisse de Bois-le-Roy, dans la forêt de Biere, sur le chemin de Fontainebleau, naquit un enfant ayant la face d’une grenouille, qui a été vu et visité par maître Jean Bellanger, chirurgien en la suite de l’Artillerie du Roi, en présence de messieurs de la justice de l’Harmois à savoir honorable homme Jacques Bribon, procureur du Roi dudit lieu, et Etienne Lardot, bourgeois de Melun, et Jean de Vircy, notaire royal à Melun et autres : le père s’appelle Esme Petit et la mère Magdaleine Sarboucat. Ledit Bellanger, homme de bon esprit désirant savoir la cause de ce monstre, s’enquit au père d’où cela pouvait procéder : lui dit qu’il estimait que sa femme ayant la fièvre, une de ses voisines lui conseilla pour guérir cette fièvre qu’elle prît une grenouille vive dans sa main, et qu’elle la tînt jusques à ce que ladite grenouille fût morte : la nuit, elle s’en alla coucher avec son mari, ayant toujours ladite grenouille en la main, son mari et elle s’embrassèrent, et conçurent, et, par la vertu imaginative, ce monstre avait été ainsi produit.

Ambroise Paré, Des Monstres et prodiges. Edition critique avec introduction et commentaires par J. Céard, Genève: Droz 1971; Chap. IX (p.37); hier nach der Ausgabe in moderner französicher Orthographie: Ambroise Paré, Des monstres, des prodiges, des voyages. Texte établi et présenté par Patrice Boussel, Paris: Livre club du libraire 1964. (p. 201) – Vgl. S. Louryan, Ambroise Paré et la grenouille, in: Rev Med Brux 2006 / 27. p.533–5, wo ein Fall von Makrostomie beschreiben und mit dem Froschkind in Beziehung gebracht wird.

 

Abbildung in der Ausgabe von Céard, Fig. 28. {Bild noch nicht in der Erstausgabe 1573, vgl. http://web2.bium.univ-paris5.fr/livanc/?p=385&cote=35181&do=page sondern in spärteren}

Die Vorstellung des Versehens wurde von einigen Medizinern aber auch schon früh als Hirngespinst abgelehnt. Ein Beispiel dafür ist die 1727 ertmals erschienene Schrift »The strength of the imagination of pregnant women examined, and the opinion, that marks and deformities are from them, demonstrated to be a vulgar error« von Jacob August Blondel († 1734), deren Argumente dann Albrecht von Haller in seiner Physiologie 1766 wieder aufnehmen wird.

In der »Oeconomischen Enzyklopädie« von Johann Georg Krünitz und seinen Nachfolgern findet sich in Band 216 (1853) folgendes zum »Versehen«:

Versehen ist auch die Bezeichnung einer nicht abzuleugnenden Thatsache, die bei schwangeren Frauen vorkommt, wenn die gewaltsam aufgeregte Phantasie gewisse lebendige Eindrücke auf sie macht, deren Folgen sich sichtbar auf die Leibesfrucht übertragen. Hierher sind namentlich die Fälle zu rechnen, wo der die Mutter heftig ergreifende Anblick von Mißgestalten mannigfacher Art in dem Kinde ähnliche Mißgestaltungen hervorgerufen hat. Das Versehen hat zu vielfachen Streitigkeiten Veranlassung gegeben, indem Einige die Wirklichkeit, ja die Möglichkeit solcher Fälle ganz zu leugnen und wegzudemonstriren bemüht waren, dahingegen Andere auch die abenteuerlichsten Fälle der Art ohne Kritik stets für wahr anerkannten. Als Hauptgrund gegen die Meinung von der Möglichkeit des Versehens hat man aufgestellt: den Mangel einer Nervenverbindung zwischen Mutter und Kind; allein man legt hierauf zu viel Gewicht, denn es bedarf der Nerven keinesweges zur Uebertragung gewisser Empfindungen. Das Kind und die Mutter sind noch ein Organismus, die Frucht lebt nur in der und durch die Mutter; dies kann zur Erklärung der Sympathie zwischen beiden mehr gelten, als das Vorhandensein einiger Nervenfäden. Das Factum des Versehens ist wohl außer allem Zweifel; es liegen zu viele Thatsachen, von achtbaren, unbefangenen Männern beobachtet, vor, als daß sie ganz weggeleugnet werden könnten, wenn man auch den Vorgang des Versehens selbst nicht genügend erklären kann. […]

Arthur Schnitzler hat den Versehzauber in »Andreas Thameyers letzter Brief « (1900 entstanden, 1902 erschienen) spöttelnd aufgenommen. Der Briefschreiber rechtfertigt darin, dass das schwarze Kind seiner Frau nicht auf ausserehelichen Beischlaf, sondern eben auf ein Versehen – im Tiergarten, wo Neger ihr Lager aufgeschlagen hatten – zurückzuführen sei. Er zitiert unter anderem Welsenburg – von dessen eben erschienenen Büchlein sich der Arztkollege Schnitzler wohl hat anregen lassen.

Gerhard von Welsenburg [Psedonym für Iwan Bloch], Das Versehen der Frauen in Vergangenheit und Gegenwart und die Anschauungen der Aerzte, Naturforscher und Philosophen darüber, Leipzig: Barsdorf 1899.

Fritz Kahn, Das Versehen der Schwangeren in Volksglaube und Dichtung, Inaugural-Dissertation zur Erlangung der medizinischen Doktorwürde an der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin, Frankfurt a.M.: Sauerländer 1912.

Maria Teresa Monti, Epigenesis of the Monstrous Form and Preformistic ›Genetics‹ (Lémery – Winslow – Haller), in: Early Science and Medicine, Vol. 5, No. 1 (2000), pp. 3–32.

Isidore Geoffroy Saint-Hilaire

Isidore Geoffroy Saint-Hilaire (1805–1861) setzt in seiner umfangreichen »Histoire générale et particulière des anomalies de l’organisation chez l’homme et les animaux« (1832–37) neu an. Er geht davon aus, dass es für jede Art einen Bauplan, ein Organisationsgesetz gibt, von dem Individuen abweichen können. Zur Erklärung dienen ihm Fehlentwicklungen in der Embryogenese.

Beate Ochsner, DeMONSTRAtion. Zur Repräsentation des Monsters und des Monströsen in Literatur, Fotografie und Film, Heidelberg: Synchron, Wissenschaftsverlag der Autoren 2010; Kapitel 1.

›Siamesische Zwillinge‹

Der damalige Herausgeber der von Johann Georg Krünitz begonnenen »Ökonomisch-technologischen Enzyklopädie«, Heinrich Gustav Flörke, fügt im 101. Theil (1806) im Artikel »Naturspiel« einen Passus über Naturspiele der Menschen ein.

Unter den Naturspielen zeichnen sich besonders diejenigen aus, wo mehrere Körper mit einander zusammen hangen. Er zitiert aus der Büffonschen »Naturgeschichte des Menschen« (Übersetzung von Friedrich Wilhelm von Ulmenstein; eben in Berlin 1806 erschienen; der Stich gegenüber Seite 608 wird abgekupfert) und erwähnt die zwey Mädchen, welche an den hinteren Theilen zusammen hingen, und am 26sten Octob. 1701 zu Tzoni in Ungarn geboren wurden. […] Die eine dieser Zwillingsschwestern hieß Helene, die andere Judith. Es werden einige Pudenda beschrieben, u.a. dass die beiden ein gemeinschaftliches Bedürfnis zum Stuhlgange hatten. Beim Harnlassen war das aber nicht der Fall. Auch alle Krankheiten hatte jede allein für sich. Sie starben vor der Erreichung des 22. Altersjahres. Bey der Zergliederung fand man, daß jede dieser Zwillingsschwestern ihre ganz vollständigen Eingeweide, und sogar jede einen besondern Kanal zur Ausleerung des Kothes hatte, welche aber zu einem gemeinschaftlichen Ausgange des Hintern führten.

 

Nach der Einschaltung über die siamesischen Zwillinge fährt das Lexikon dann fort mit dem Artikel »Naturspiele bey Thieren, welche einige Theile zu viel hatten«: eine in Weingeist aufbewahrte Eidechse mit zwey Köpfen, Berichte von Aelian, Aristoteles, Fortunato Liceti u.a.

Die Quelle ist: Georges-Louis Leclerc, Comte de Buffon (1707–1788): Histoire naturelle générale et particulière ...  1750–79; Illustrations de Histoire naturelle générale et particulière, servant de suite à l’histoire naturelle de l’homme, Supplément, tome quatrième, (1777), Tafel  V, Seite 582.

Zum Begriff ›Naturspiel‹ vgl.

Marie-Theres Federhofer (Hg.), Naturspiele: Beiträge zu einem naturhistorischen Konzept der frühen Neuzeit, (Cardanus; Band 6), Heidelberg: Palatina Verlag 2006.

Natascha Adamowsky, Hartmut Böhme, Robert Felfe (Hgg.), Ludi naturae. Spiele der Natur in Kunst und Wissenschaft, München: Fink 2011.

Seltsame Probleme

Bei menschlichen Missgeburten stellten sich Probleme, an die wir heute weniger denken. Sie entstehen, wenn etwas Widernatürliches einem kirchliche Dogma – das auf den Normalfall ausgerichtet ist – in die Quere kommt.. Für einen ausserhalb des Begründungszusammenhang stehenden Beobachter erscheinen diese Probleme oft recht absurd, und fragwürdig erscheint dann eher diese dogmatische Lehre als das (nicht wegzudisputierende) ausser-ordentliche Wesen. 

Augustinus (###) behandelt in seinem »Enchriridion« (das ist ein Handbüchlein des Christentums für einen gebildeten Römer; verfasst um 421) die Auferstehung:

xxiii, 87. Auch das wird man nicht leugnen dürfen, daß auch die Missgeburten, die zur Welt kommen und die, wenn auch nur für kurze Zeit, tatsächlich leben, auferstehen werden, […] Ferne sei es von uns, zu meinen, jenes Doppelwesen, das kürzlich im Morgenland geboren wurde und von dem durchaus glaubwürdige Brüder nach eigenem Augenschein erzählt haben, werde als ein Doppelmensch und nicht vielmehr in zwei Personen getrennt auferstehen, wie es ja auch der Fall gewesen wäre, wenn sie als Zwillinge geboren worden wären. Und so wird es auch in anderen Fällen geschehen: wo die einzelnen Geburten ein Glied zu viel oder eines zu wenig haben oder wo man sie wegen allzu großer Unförmlichkeit als Mißgeburt bezeichnen muss, da werden sie bei der Auferstehung wieder in regelmäßige Menschengestalt gebracht werden, so dass jede Seele ihren eigenen Leib erhält. Keiner ist dann mehr mit einem andern verwachsen, mögen sie bei ihrer Geburt auch verwachsen gewesen sein wie nur immer; dann besitzt vielmehr jeder Körper für sich allein seine eigenen Glieder, so wie sie zur Vollständigkeit eines richtigen Menschenleibes gehören.

Des heiligen Kirchenvaters Aurelius Augustinus ausgewählte Schriften (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 49; übersetzt von Sigisbert Mitterer), Kempten /  München: Kösel /  Pustet 1925.

Das andere Problem betrifft die Taufe von zusammengewachsenen Zwillingen. Der in Zürich monatliche erscheinende »Historische und politische Mercurius« berichtet zum 31. August 1698, in Frankreich habe eine Frau ein Kind mit 2 Köpfen/ 4 Aermen/ drey Beinen/ und 2 Männlichen gliedern/ mit einem einigen Leib und einem einigen Bauch geboren. Das Kind sei mittlerweile zwanzig Daumen hoch und werde an der Messe zu S. Lorenz gezeigt. Inzwüschen wird gefraget/ ob dises Kind zwo Seelen habe/ und wann dieses/ ob beyde getauft worden. Dann die Hebamm/ welche selbiges im vorbey gehen getauft [offenbar eine Nottaufe wegen der schwierigen Geburt] / hat vermeint/ sie tauffe nur ein Kind.

Übrigens ist die Frage noch 1917 aktuell. Im (bis 1983 gültigen) Codex Iuris Canonici steht Can. 748: Monstra et ostenta semper baptizentur saltem sub conditione; in dubio autem unusne an plures sint homines, unus absolute baptizetur, ceteri sub conditione. – Missgeburten und Missbildungen werden immer getauft, wenigstens sub conditione [unter Vorbehalt, wenn es fraglich ist, ob der Täufling überlebt]; im Zweifel aber, ob es einer oder mehrere Menschen sind, wird einer auf jeden Fall, die andere sub conditione getauft.

 

(Zur Frage des Taufens: Ewinkel S.208–226)

Im Supplément zur Encyclopédie (Tome troisième, 1778, p.955 sq.) steht ein Artikel »Monstre (Médecine légale)«, in dem die Frage aufgeworfen wird, Wann Missgeburten als Menschen gelten sollen und dem entsprechende rechtsfähige Personen seien – allerdings ohne dass die Sache klar entschieden würde.

 

Solche Bilder geistern auch heute immer wieder durch die Presse und das World Wide Web und irritieren uns:

 

Hier – um niemanden zu verletzen – der Bicephalus aus Witzenhausen (1522) – Vgl. PAS II 12/27

Die  zusammengewachsenen Zwillinge Abigail und Brittany Hensel (geboren 7. März 1990) erfreuen sich bester Gesundheit, spielen Klavier, treiben Sport, haben die Autofahrprüfung bestanden – wie man sich auf YouTube versichern kann.

Das Phänomen berührt uns vielleicht deshalb, weil wir irritiert sind über der Frage, ob hier zwei Menschen zusammengewachsen oder ein Mensch in zwei Köpfe gespalten sei. Hat dieses Wesen einen einzigen Führerschein? Und wer ist schuld, wenn es/sie einen Unfall baut/bauen? Aber jeder der Köpfe hat sicher ein eigenes Cell Phone, oder? Spürt der linke Teil (oder die linke Person?) den Arm des rechten Teils, wenn sie ihn anfasst, als eigen oder fremd? Wie spielen sie Klavier? (Doch wohl so wie normale Menschen vierhändig spielen.) Können sie Meinungsverschiedenheiten bezüglich Zielen haben? Wenn das rechte Hirn demselben Bein befiehlt, es  solle sich beugen, aber das linke Hirn, es solle sich strecken, was tut das Bein dann? Was bei einer Affizierung des unteren, gemeinsamen Leibes geschieht, wagt man sich nicht auszudenken: Wer empfindet dann was und dasselbe? Das Phänomen rührt mithin an die Frage, was ein Individuum oder eine Person ausmache.

Mit dem Ansatz von John Locke (1632–1704) kommt man da nicht weit: "to find wherein personal identity consists, we must consider what person stands for; which, I think, a thinking intelligent being, that has reason and reflection, and can consider itself as itself, the same thinking thing, in different times and places; which it does only by that consciousness which is inseparable from thinking." (»An Essay Concerning Human Understandig«, Book II, Chapter xxvii, § 9: Of Identity and Diversity)

 

 

Literaturhinweis:

Irene Ewinkel, De monstris. Deutung und Funktion von Wundergeburten auf Flugblättern Deutschlands des 16. Jahrhunderts, (Frühe Neuzeit 23), Tübingen: Niemeyer 1995.