Satyrn

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Die gültige (und einzig zitierbare) Version befindet sich im Buch

»Spinnenfuß & Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen«
Schriften zur Symbolforschung, hg. von Paul Michel, Band 16, 472 Seiten mit 291 schwarz-weißen Abbildungen
PANO Verlag, Zürich 2013
ISBN 978-3-290-22021-1

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Satyrn in der Antike und ihre Rezeption

Ursprünglich waren Pan, die Faune und Satyrn unterschiedliche Gestalten; die römischen Schriftsteller haben sie durcheinandergebracht und stellen sie dar mit Hörnern und vom Bauch an abwärts als Ziegen.

Die Doppelnatur des Pan ist bereits früh Thema. Sokrates (gest. 399 v.u.Z.) nimmt sie zum Anlass einer Neckerei: Er provoziert den Hermogenes, dessen These es ist, das die Beziehung zwischen den Wörtern und ihren Bedeutungen auf Übereinkunft gründen, indem er ihm weiszumachen versucht, dass der Name des Halbgottes Pan sich zwingend aus dessen Charakter ergebe:

Sokrates: Dass Pan, der Sohn des Hermes, so zwitterhaft ist, das lässt sich sehr gut begreifen. […] Du weisst doch, dass die Rede Alles, ›pan‹, andeutet, und immer umher sich wälzt und geht, und daß sie zwiefach ist, wahr und falsch? […] Also das wahre an ihr ist glatt und göttlich, und wohnt oberhalb unter den Göttern; das falsche aber unterhalb unter dem großen Haufen der Menschen, und ist rauh und böckisch, […]. Mit Recht also ist der Alles andeutende und immer wandelnde ›Pan‹ genannt worden, der zwitterhafte Sohn des Hermes, oberhalb glatt, unterhalb aber rauh und bocksähnlich. Und offenbar ist doch Pan die Rede oder der Bruder der Rede, wenn er ein Sohn des Hermes ist, und daß Geschwister einander ähnlich sehn, ist ganz natürlich.

(Plato, Dialog »Kratylos« 408 b–d; Übersetzung von F. Schleiermacher; die Etymologie ist von heute aus gesehen falsch: der Gott Πᾶν – aber το πάν ›alles‹; der Götterbote Hermes galt als für die Redgabe zuständig.)

Silius Italicus (um 25 bis um 100 n. Chr.), der Verfasser des mit viel gelehrtem Wissen aufgeputzten 14’000 Verse langen Epos »Punica« (das wohl kaum je im Lateinunterricht gelesen wird), beschreibt eine kriegerische Szene, die Einnahme der (zu Hannibals Truppen übergelaufenen) Stadt Capua, wo plötzlich die siegreichen römischen Soldaten Bedenken tragen, Stadt und Tempel in Asche zu legen, weil Jupiter ihnen das eingibt. Dazu hat er Pan geschickt, der folgendermaßen beschrieben wird:

Jupiter schickt den Pan […], der beinahe keine Spuren mit seinem Bocksfuß auf den Erdboden setzte […]. Aus der rötlichen Stirne sprießen winzige Hörner, die Ohren stehen empor, von der Kinnspitze geht ein struppiger Bart aus. Einen Hirtenstab hat der Gott, und an der Seite umhüllt ihn das Fell eines zierlichen Hirschkalbs. Keine Klippe so steil, dass der darauf nicht […] den Hornfuß setzte […]. Manchmal schaut er lächelnd nach hinten und freut sich über das Spiel des Schwanzes am Rücken.

Titus Catius Silius Italicus, Punica. Das Epos vom Zweiten Punischen Krieg; lateinischer Text mit deutscher Übersetzung von Hermann Rupprecht, Mitterfels: Stolz, 1991. XIII. Gesang, Verse 302 ff.

Diese Stelle zitiert Vincenzo Cartari (ca. 1531 – ca. 1569) in seinen epochemachenden Werk »Imagini De Gli Dei Delli Antichi« (Erstausgabe 1556). Seit der Ausgabe von Bolognino Zalteri 1571 ist das Buch mit Bildern ausgestattet. Diese Bilder haben auf die Darstellung antiker Götter einen gewaltigen Einfluss gehabt.

Le Imagini dei de gli Antichi. Nelle Quali Si Contengono gl'Idoli, Riti, Ceremonie, & altre cose appartenenti all Religione de gli Antichi, Racolte dal Sig. Vincenzo Cartari, con la loro espositione, & con bellissime & accommodate figure […], in Lione apresso Stefano Michele 1581. – Links ist Jupiter dargestellt, ws hier nicht interessiert.

Für die Erschaffung einer Bildtradition des Satyrs ist aber wohl ebenso bedeutsam die Szene, die Ovid (43 vor bis 17 nach Chr.) in den »Metamorphosen« (I, 691–712) erzählt: Die Nymphe Syrinx wird vom Gott Pan erblickt, der, enflammiert, ihr folgt; sie flieht und gelangt zu einem Fluss; wie Pan nach ihr greifen will, hält er nurmehr Schilfrohr in den Händen. Er seufzt, sein Atem fährt durch die Halme, und so erfindet er die Panflöte.

Einen Anlass zur (oft anzüglichen) Gestaltung  gab sodann immer wieder die mythologische Erzählung von Zeus/Jupiter, der sich in die Gestalt eines Satyrn verwandelt und Antiope im Schlaf überrascht und vergewaltigt (vgl. Ovid, Metamorphosen VI, 108–111). Diese Szene mag der Autor der »Hypnerotomachia Poliphili« (Der Traumliebeskampf des Vielliebenden bzw. Polia Liebenden) vor Augen gehabt haben. Der Protagonist namens Poliphilo erzählt einen Traum, in dem er den Weg zu seiner Geliebten findet. Er durchwandert eine Kunst- und Architekturlandschaft, durch zauberhafte Wälder, Grotten, Ruinen, Triumphbögen, ein Labyrinth; er begegnet Elefanten und Drachen, Göttern und Göttinnen, Personifikationen. Die Orte, Gebäude und Kunstwerke werden ausführlich beschrieben und mit mit bedeutungsvollen Anspielungen versehen. Ein Erotizismus durchwaltet das Werk; alle Schattierungen der vielgestaltigen Liebe klingen an. Einmal gelangt er an einem wonnevollen Ort in einer Waldlichtung zu einem Marmorgebäude, an dem ein in Stein gehauenes Relief angebracht ist (J. Godwin p. 70ff.) Es zeigt eine wunderschöne, unter einem Arbutus-Baum schlafende Nymphe – die detailreich geschildert wird – und zu ihren Füßen einen in geiler Lust entbrannten Satyr (in lasciuia pruriente & tutto commoto) mit Bocksfüßen und und Ziegennase, ein Mischwesen aus Mensch und Ziege (effigie tra caprea & humana adulterata). Mit der einen Hand hebt er galant Zweige des Baums empor, um der Nymphe Schatten zu spenden, mit der andern zieht der den Vorhang vor der Schlafenden weg. Das zugehörige Bild zeigt noch ein zusätzliches Detail. 

Francesco Colonna (1433–1527) zugeschrieben: Hypnerotomachia Poliphili, Aldus Manutius, 1499 – Francesco Colonna, Hypnerotomachia Poliphili. The strife of love in a dream; the entire text translated for the first time into English with an introduction by Joscelyn Godwin.With the original woodcut illustrations,  London: Thames & Hudson 1999.  ---  Vgl. das Digitalisat der HAB: http://diglib.hab.de/inkunabeln/13-1-eth-2f/start.htm?image=00001

Fast beeindruckender ist der Holzschnitt in der französichen Ausgabe: Hypnerotomachie, ou Discours du songe de Poliphile, Déduisant comme Amour le combat à l'occasion de Polia. Soubz la fiction de quoy l'aucteur monstrant que toutes choses terrestres ne sont que vanité, traicte de plusieurs matieres profitables, & dignes de memoire, Combat d'amour en songe, Paris: Pour Iaques Kerver, imprimé par Marin Massellin 1546 (Faksimile Paris: Payot 1926).

Die Inschriften: Im Text steht: ΠΑΝΤΑ ΤΟΚΑΔΙ ("alle Dinge der Mutter [Dativ]; von τοκάς ›geboren habend‹) – die Bildunterschrift dagegen lautet: ΠΑΝΤΩΝ ΤΟΚΑΔΙ ("der Mutter [Dativ] aller Dinge"). Deutung?

Isidor von Sevilla († 636) beschreibt in seinem Kapitel über die ungeheuern Wesen (de portentis) auch die Satyrn. Interessanterweise bezieht er sein Wissen nicht direkt aus dem heidnisch-antiken Schrifttum, sondern aus des Hieronymus »Vita sancti Pauli primi eremitae« Kap. 8. Die Stelle wird von mittelalterlichen Enzyklopädien und Wörterbüchern weitertradiert.

Satyri homunciones sunt aduncis naribus; cornua in frontibus, et caprarum pedibus similes, qualem in solitudine Antonius sanctus vidit. Qui etiam interrogatus Dei servo respondisse fertur dicens: ›Mortalis ego sum unus ex accolis heremi, quos vario delusa errore gentilitas Faunos Satyrosque colit.‹

Die Satyrn sind Menschlein mit gekrümmten Nasen, Hörnern auf der Stirn, und an den Füßen den Ziegen ähnlich. Sie sah der heilige Antonius in der Einöde. Einer soll, so wird berichtet, auf die Frage eines frommen Mannes gesagt haben: ›Ich bin ein Sterblicher, einer der Wüstenbewohner, welche die Heiden verehren.‹ (Etymologiae XI,iii,21)

Auch Pierre Boaistuau kennt diese Geschichte und lässt den Satyr in den »Histoires prodigieuses« (1560; Chapitre XIIII: Histoire d’un Monstre … lequel apparut à sainct Anthoine au desert) abbilden. Sie gibt ihm Gelegenheit über Incubi zu sprechen.

Pierre Boaistuau, Histoires prodigieuses, (Édition de 1561), édition critique établi par Stephen Bamforth et annoté par Jean Céard, Genève: Droz, 2010 (Textes littéraires français 605): p. 451ff. 

Erscheinungsweisen der Satyrn in Renaissance und Barock

• Bildvorlagen für Künstler. Der Herausgeber des Werkes von Vitruv, »Zehn Bücher über Architektur« (1. Jh. v.u.Z.), Walter Hermann Ryff (†1548), hat das Buch ins Deutsche übersetzt, kommentiert und mit Holzschnitten versehen. Im ersten Buch fordert Vitruv vom Architekten, dass er umfassend gebildet sein müsse, dazu gehört neben Geometrie u.a. Wissensgebieten auch die Geschichte, da die Erbauer öfters Zierate an den Bauwerken anbringen, deren Bedeutung der Architekt kennen muss und aus der Geschichte erfährt. Als Beispiel erwähnt er die Karyatiden. Ryff bildet einige solcher stützender Frauengestalten ab, und darüber hinaus quasi als Zugabe noch eine Künstliche auffreissung der beyden Satyri/ welche als sonderliche künstliche Antiquitet/ noch heutigs tags zu Rom gesehen werden.

Es handelt sich um eine abgewandelte Darstellung zweier antiker Skulpturen aus dem 2. Jh. u.Z., die schon im 15. Jahrhundert in Rom belegt sind, bekannt als »Satiri della Valle«. Etwa 1490 sind die Satyrn im Cortile des Palazzo della Valle zu besichtigen. Es gibt auch schon frühe Skizzen. Es sind karyatydenähnliche, ursprünglich in die Architektur eingebundene Skulpturen und sie eignen sich bestens als Beispiel im Vitruv-Kontext. (Freundlicher Hinweis von Darko S.)
 

Vitruvius Teutsch: Nemlichen des aller namhafftigisten vnd hocherfarnesten, Römischen Architecti, und Kunstreichen Werck oder Bawmeisters, Marci Vitruuij Pollionis/ Zehen Bücher von der Architectur vnd künstlichem Bawen. Ein Schlüssel vnd einleytung aller Mathematischen künst/ […]. verteutscht vnd in Truck verordnet Durch D. Gualtherum H. Rivium, Nürnberg: Johan Petreius 1548; fol. XIX recto. – Hier nach der Ausgabe Basel: Henricpetri 1614; S. 36 --- Frühere lateinische und italienische Ausgaben enthalten zwar die Karytidenbilder, aber nicht die Satyrn

Allegorisierung. Cesare Ripa (um 1555 – 1622?) sieht Pan in seinem für die Bilderwelt des 17. Jhs. wichtigen Buch »Iconologia« aufgrund der alten (falschen) Etymologie (der Gott Πάν –  πᾶν ›alles‹) [das ist im Buch ein Druckfehler] als Verkörperung des Alls: Pan è voce Greca, & in nostra lingua significa l’universo. Man könne MONDO allegorisieren als Pan, wie ihn Boccaccio in der »Genealogia Deorum« beschrieben und gedeutet hat. Die himmelragenden Hörner bedeuten den Einfluss von Sonne und Mond; der fleckige Pantherüberwurf die achte Himmelssphäre mit den Fixsternen; sein Stab das Regiment über die  Natur; die Panflöte mit den sieben Rohren bedeutet die himmlische Harmonie, das struppige Ziegenfell unterhalb des Nabels bedeutet die irdische Welt mit ihrer höckrigen Oberfläche, Sträuchern und Bäumen; usw. Alle Züge Pans werden so auf das All hin gedeutet, und wenn ein Maler dieses symbolisch darstellen will, kann er einen Satyr darstellen.

 

 

Iconologia. Overo descrittione di diverse imagini cavate dall'antichità, e di propria inventione trovate et dichiarate da Cesare Ripa […]. Di nuovo revista. Roma: Lepido Faci, 1603 (italien. Erstausgabe 1593 ) unter dem Stichwort MONDO – Die erste Ausgabe der Iconologia erschien noch ohne Illustrationen 1593, Erst die  Ausgabe von 1603 wurde mit Holzschnitten versehen.

• Naturkunde. Selbstverständlich fehlen die Satyrn nicht in der »Monstrorum Historia« des Ulisse Aldrovandi (1522–1605; 1642 postum erschienen). Er zitiert antike Quellen und meint dann erleichtert, solche Halbmenschen oder Halbgötter seien ja zum Glück für Christen als Einbildungen des Teufels durchschaubar. Dann plagt ihn aber doch ein Bedenken (nos premit difficultas): Zur Zeit des Kaisers Constantin sei ein in Salz konservierter Satyr in Antiochia gezeigt worden. Albertus Magnus berichtet, dass in den sächsischen Wäldern ein behaartes Monstrum aufgegriffen worden sei, das er in die Gattung der Satyrn einordne. Dem Antonius sei in der Wüste ein Satyr begegnet. Jesiais (13, 21–22) propehezeit, dass im vom Herrn dereinst zerstörten Babylon haarige Wesen hüpfen werden (Et pilosi saltabunt ibi), die von den Auslegern als Satyrn gedeutet werden. – Und so bildet er einen Satyr ab, damit der Leser selbst abklären könne, ob es sich bei den von Ptolmäus beschriebenen Wesen in Indien tatsächlich um Satyrn handle: ad superandem hanc difficultatem aliam Satyri speciem eleganter delineatam lectori offeremus, ut illa diligenter examinata videat num ... Sehr seltsam.

Vlyssis Aldrovandi Patricii Bononiniensis Monstrorvm Historia. Cvm Paralipomensis Historiæ Omnivm Animalivm Bartholomaeus Ambrosinvs […], Bononiae: Marco Antonio Bernia 1642; Seite 23–26, insbes. 26B. – Gutes Digitalisat der UB Strasbourg: http://imgbase-scd-ulp.u-strasbg.fr/displayimage.php?album=256&pos=3

Satire und Satyrspiel

1658 erscheint anonym ein Werk, als dessen mutmaßlichen Autor die Forschung Franciscus Veiras, einen in der protestantischen Schweiz im Exil lebenden Glaubensflüchtling, erschlossen hat. Der Text gibt sich als eine Reise durch die Schweiz (HELVETIA, im Titel absichtlich entstellt zu HEVTELIA). Veiras entwirft die Utopie einer einheitlichen reformierten Kirche und – trotz satirischer Invektiven gegen das Pappsttum – eines Friedens zwischen Katholiken und Protestanten. Die Reiseteilnehmer diskutieren auch die beste Regierungsform, wobei freilich nur Details wie die Verhinderung des Practicirens, geheime Wahlen u. dgl. behandelt werden, nicht wirklich andere Staatsformen als das Regiment der Patrizier.

Die Reisebeschreibung und die Dialoge der Reisegefährten untereinander und mit den lokalen Kommunikationspartnern sind eine literarische Technik, die es dem Autor ermöglicht, zurückzutreten und einerseits möglichst unbefangen ein detailliertes Bild der Gesellschaft zu schildern, anderseites auf satirische Weise seine Ansichten darzustellen.

Kupfertitel von: Heutelia, das ist: Beschreibung einer Reiß, so zween Exulanten durch Heuteliam gethan […], Getruckt im Jahr nach Chrsiti Geburt M.D.C.LIIX. [auf dem Kupertitel: Lutetiae Anno M.DC.LVIII]

Um zu wissen, was die Satyrn auf den Titelblättern von Schriften des 17. und 18. Jahrhunderts zu suchen haben, braucht man nichts über die Satyrspiele im antiken Griechenland zu wissen (die ohnehin nur fragmentarisch überliefert sind) und sich nicht allzu ernsthaft um eine moderne Gattungsbestimmung des Satirischen zu kümmern. Es standen andere Quellen im Vordergrund.

Satyrspiel:

Horaz (65 – 8) erzählt in seinem berühmten Brief (II,3) an die Pisonen, der sog. »Ars Poetica«, wie die Dichter auf die Idee gekommen seien, den ernsthaften Tragödien heitere, unproblematische Nachspiele beizugeben:

Der Sänger, der am Bacchusfeste,
um einen schlechten Bock, mit Heldenspielen
zu streiten pflegte, kam bald auf den Einfall,
das ernste Stück mit etwas abzuwechseln,
das, ohne völlig aus dem vorigen Ton
zu kommen, muntern Scherz mit Ernst vermählte;
und so entstand ein neues Spiel, worin
halb nackte Satyrn, vom Silen geführt,
den Chor vertraten. Denn es war dem Dichter bloß
darum zu tun, ein ro
hes trunknes Volk,
das, nach vollbrachtem Gottesdienst, den Rest
des Feiertages sich erlustigen wollte,
durch etwas Neues, seinen bäurischen
Geschmack piquierendes, zu seiner Bude
herbei zu locken. 

(Verse 220ff.; in der Übersetzung von Ch. M. Wieland – Am Bacchusfeste: Horaz spielt darauf an, dass die Tragödien ursprünglich an den Dionysoskult geknüpft waren. Die Herkunft des Worts Tragödie ist umstritten, am meisten Wahrscheinlichkeit  hat die Annahme, dass man den Ausdruck mit ›Gesang anlässlich eines Bock-Opfers‹ wiedergeben kann.)

Satire: Die Literaturtheoretiker der Barockzeit gingen von einem Satz des Evanthius (oder Euanthius, gest. 358 u.Z.), eines Kommentators der antiken Komödien des Terenz aus. Er schrieb:

Die literarische Gattung der Satire (satyra) wird von den Satyrn her so bezeichnet, von denen wir wissen, dass es immer zu Scherzen und Frechheiten  aufgelegte Götter sind. Die Satire war nämlich von der Art, dass sie mit sehr hartem und derbem Spott von den Lastern der Bürger – wenn auch ohne deren Namen zu nennen – dichtete.

Der Traktat »De fabula« (auch »De comoedia« genannt) wird zusammen mit dem Terenz-Kommentar des Donat überliefert. Ausgabe: Aeli Donati qvod fertvr Commentvm Terenti, hg. Paul Wessner, Leipzig: Teubner 1902, Bd. I, S. 16f.—

http://www.archive.org/stream/aelidonatiquodf00donagoog#page/n66/mode/2up

 

Johann Michael Moscherosch (1601–1669) [genauer: ein Fortsetzer]: Wunderliche und warhafftige Gesichte Philanders von Sittewald/ Das ist Straff-Schrifften Hanß-Michael Moscherosch von Wilstädt : In welchen Aller Weltwesen/ Aller Mänschen Händel ... als in einem Spiegel dargestellet und gesehen werden. Jetzo wider von neuem auffgelegt/ vermehret/ gebessert/ mit Bildnussen gezieret/ und ... in Truck gegeben, Straßburg: Städel 1677 — Permalink: http://diglib.hab.de/drucke/xb-6652-1s/start.htm

Sätze wie der von Moscherosch sind Erweiterungen des Texts von Evanthius:

Solcher Satyren oder Heydnischer Wald-Götter Art war: daß sie jedem Mänschen was jhm übel anstunde/ alle Laster und Untugenden/ ungeschewt under gesicht sagten: und was sonst Niemand auß forcht sagen dorffte oder sagen wolte/ das thaten Sie/ mit lächerlichen hönischen geberden/ mit grossem gelächter/ sperrten das Maul auff spannenweit. (Vorrede 1650; zitiert bei W.E.Schäfer S. 259)

Eine andere Herleitung der Gattung ›Satyre‹ bietet Magnus Daniel Omeis, »Gründliche Anleitung zur Teutschen accuraten Reim- und Dicht-Kunst […]«, Nürnberg 1704 (S. 223): Es seien in alten Zeiten Hirten in die Städte gekommen, hätten dort das  üppige Leben gesehen und die Bürger mit solchen Gedichten gefoppt. Dargegen diese/ weil ihnen die Ausfilzung weh getan/ die Hirten mit dem Namen der Satyren beschimpfet; als von welchen hernach diese Gedichte ihren Namen empfangen.

Sehr hübsch ist die Begründung, die der berühmte Dichtungstheoretiker Scaliger (1484–1558) gibt. Die Satyrn im Gefolge des Dionysos führen ja den Thyrsos-Stab mit sich. Die Thyrsosspitze war mit Efeu bedeckt, den man nicht fürchtete;  mit der Spitze, die man nicht sah, wurden die Einsichtslosen gezüchtigt. Genau so bringt die Satire – getrarnt durch die freimütige Rede – ihre ›Pointe‹ an. 

Iulius Caesar Scaliger, Poetices libri septem [1561 postum veröffentlicht] = Sieben Bücher über die Dichtkunst, lat. / deutsche Parallelausgabe, übersetzt von Luc Deitz, Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog 1994–2011; Band 1 (Liber I, Caput xii)

Wie immer dem sei. Der aus menschlichen und animalischen Teilen zusammengesetzte Satyr als Symbol des Satirischen: er sieht mit der rationalen Seele die viehischen Begehrlichkeiten des (ebenfalls komponierten) Menschen.

Satyrn bevölkern in der Renaissance- und Barockzeit die Titelblätter auch nicht-satirischer Texte. (Die Datenbank des British Museum bringt mit den Schlagwörtern ›Satyr‹ und ›title-page‹ 58 Einträge, <Zugriff 12.2.12>) 

Paul Flemmings teutsche Poemata, Lübeck: Jauch, [erschlossen: 1646] .

Kalt und warm aus einem Munde blasen

Seit Avianus (um 400 u.Z.) wird die Geschichte vom Satyr erzählt, der einen Wanderer in seine Höhle einlädt, um sich zu wärmen, und ihm eine heisse Mahlzeit vorsetzt. Der Wanderer bläst zuerst in die Hände, um sie zu wärmen, dann auf die Speise, um diese abzukühlen. Der Satyr erschrickt über die Fähigkeit, aus einem Munde zwei so verschiedene Dinge tun zu können, und jagt den Wanderer davon. (Äsop-Corpus, Perry # 35 »de viatore et satyro«)

 

Holzschnitt des Virgil Solis (1514–1562) aus: Fabulæ variorum auctorum nempe Aesopi […] Francofurti, apud Christ. Gerlach & Sim. Beckenstein MDCLX

Die Geschichte ist während des ganzen Mittelalters bekannt. Der Berner Dominikaner Ulrich Boner (bezeugt zwischen 1324 uns 1350) nimmt sie in seine Fabelsammlung auf (Ulrich Boner, Der Edelstein, hg. Franz Pfeiffer, Leipzig 1844; Nr. XCI). Bei Boner ist es ein Mann, der im strengen Winter im Wald arbeitet, der von einem waltman aufgenommen wird, welcher ihm heissen Wein anbietet. Boner moralisiert so: Der Mensch solle sich vor zweizüngigen Leuten hüten: wie mag ieman sicher sîn | vor dem, der ganzer triuwe schîn | vor [vorne] in dem munde treit | und hinden nicht wan arges seit [sagt].

Im der frühen Neuzeit werden die antiken Fabelsammlungen intensiv rezipiert und in die Volkssprachen übersetzt. Und selbstverständlich bearbeitet auch Hans Sachs (1494–1576) diesen Stoff.

Hans Sachs erzählt in seiner am 3. Januar 1559 abgefassten »Fabel vom waldtbuder mit dem Satyrus« (Werke, hg. von Adelbert von Keller und Edmund Goetze, Stuttgarter Litterarischer Verein 105; 1870, S. 180ff.) dass ein Pilger in einen Schneestrum gerät und kurz bevor er erfriert von einem Satyr gefunden wird:

Das gar kleine waldtmännlein sein | Die haben geißfüß all gemein | und kleine hörnlein an der stiern. Er führt ihn in seine Hütte, wo der Pilger in die Hände haucht, um sie zu erwärmen. Der Satyr bringt un einen Becher mit heissem Wein, den der Pilger mit Blasen abkühlt. Dar Satyr darauf: »Ich merck, das dein mund auff den tag | Widerwertige ding vermag, […]: Das kalt das kanstu machen heiß | Und das heiß kanstu machen kalt. | Darumb raum mir mein hütten baldt […] Du machest uns wol alle yrr | Mit deiner zwyfachen zungen gschirr« [›Organ‹].

Auch Hans Sachs moralisiert, dass man sich vor zwyzüngigen lewten hüten soll, die einerseits schmeicheln  und hinterrücks Böses reden.

Die barocken Prediger verwenden den Stoff, wenn sie das Laster der Zweizüngigkeit anprangern wollen. — Noch Jean de La Fontaine erzählt 1668 die Geschichte, gegen die katzbuckelnden und tratschenden Höflinge gewandt (Fabeln, V,6)

Moderne Forscher nehmen auch den Satyr ins Visier und erkennen so eine zweite Pointe der Geschichte: Er durchschaut die unterschiedliche Wirkung des physikalischen Phänomens nicht, sondern ahnt sofort etwas Zauberisches am Verhalten des Gastes. Der Satyr macht sich vor allem dadurch lächerlich, dass er – der dem Gast das Doppelwesen vorwirft – selbst zwei Gestalten hat.

Auf dem Bild von Dietricÿ scheint gerade der Satyr die lächerliche Person abzugeben.

Kupferstich von Christian Wilhelm Ernst Dietrich (auch Dietricy, 1712–1774), 1764. Privatbesitz R.St. in Z.

Grimmelshausen

1667 erscheint, anonym, ein seltsamer Text, als dessen Autor Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622–1676) erweisbar ist.

Der seltsame Traktat umfasst in kunterbunter Reihe zwanzig Artikel. Diese sind jeweils dreigliederig: Im Ersten Satz werden die positiven Eigenschaften (Güte, Nutzen) einer Sache (von den Bauern; vom Geld; vom Tanzen; vom Wein; von der Schönheit; von den Priestern; von den Weibern usw.) zusammengetragen; im Gegensatz die negativen (Schädlichkeit,und Missbrauch); dann folgt ein Nachklang, in dem der Autor seine unmäßliche Meinung auch darzu nennt; die sprachlogische und funktionale Bestimmung dieser dritten Partie ist etwas unklar und differiert von Kapitel zu Kapitel; gelegentlich erhebt sich der Text auf eine höhere Ebene.

In der Vorrede tritt Momus (die Personifikation des Tadels) auf und verspottet den Autor, indem er auf die oben erwähnten Erzählung Bezug nimmt:

Man solt diesen ja so elenden als frevlen Schreiber jenem Satyro schicken/ welcher einen Pilger den Er zuvor freundlich zur Herberg uffgenommen / keiner andern Ursach halber wider außjagte/ als weil er zu erwärmung seiner erstarreten Händ warm hauchet: und zur kühlung der heisen Speis kalt bliesse; Damit er ungehobelter Schreiber der Gebühr nach auch mit Spott und Schaden von Ihm lernete/ was es sey/ Schwart und Weiß auß einer Feder schreiben/ und Kalt und Warm auß einem Mund blasen. Gleichwie nun anfangs der Titul eine schändliche Mißgeburt ist/ als wird ohnzweiffel das Corpus selbst ein erschrecklichs Monstrum seyn […].

Satyrischer Pilgram / Das ist: Kalt und Warm/ Weiß und Schwartz / Lob und Schand / über guths und böß / Tugend und Laster ... der Zeitlichen und Ewigen Welt / ... von Neuem zusammen getragen durch Samuel Greifnson, vom Hirschfeld, Daselbst druckts Hieronymus Grisenius, und in Leipzig Bey Georg Heinrich Frommanne Buchhändlern zufinden/ Anno 1667. Digitalisat: HAB Wolfenbüttel http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=drucke/lo-2305

Im oberen Bereich des Titelkupfers erkennt man den Pilger und den Satyr. Während der tadelnde Momus die Position des Satyrs vertritt, stellt sich der autor auf die Seite des Pilgers und ist der meinung, man müsse von jeder Sache die Vor- und Nachteile benennen. (Eine detailliertere Interpretation bei Schäfer.)

Vom Satyr zum Orang-Utang

Der Anatom Nicolaes Tulp (1593–1674), der durch Rembrandts Bild zur Berühmtheit gelangt ist, fügt am Ende seiner medizinischen Beobachtungen (1641) noch ein Kapitel nicht-medizinischen Inhalts an: er bespricht den Satyrus Indicus, den Prinz Friedrich Heinrich von Oraniengeschenkt bekommen hatte und der von den Einheimischen Orang-outang sive homo sylvestris (Waldmensch) genannt werde. Er berschreibt das Wesen, offenbar aus eigener Anschauung, und gibt eine Abbildung in einem Kupferstich.

 

Nicolai Tulpii Observationum medicarum libri tres, cum aeneis figuris, Amsterdam: Elzevir, 1641; Caput LVI; Tab. XIIII

Er geht insbesondere auf die Ähnlichkeit bzw. Verschiedenheit mit dem menschlichen Aussehen ein: die Augen unterscheiden sich nicht von denen des Menschen, aber die Nase ist die eines Affen. Der Orang geht meist aufrecht, er trinkt artig aus einem Becher und geht zu Bette wie  ein höfischer Mensch. Vom Kenner Borneos, Samuel Blommaert, hat er auch von der sexuellen Potenz des Orang gehört, der Menschen-Frauen raubt und notzüchtigt – wie man es von der Geilheit der alten Satyrn kenne. Diesen gleiche er überhaupt sehr; und hier zitiert Dr.Tulp Plinius (der Text entspricht aber nicht genau der Stelle nat. hist. VII, iii, 24!): ein Wesen mit menschlichem Angesicht, aber mit Bocksfüßen (humana effigie & pedibus caprinis), am ganzen Körper behaart, ohne menschliches Gebaren. – Sodann zitiert er die Stelle aus Hieronymus [vgl. oben bei Isidor]  – die er natürlich nichht direkt kennt, sondern irgend einer Enzyklopädie entnimmt: da sah er in einem felsigen, rings von Bergen umgebenen Tal ein kleines Menschlein mit einer gekrümmten Nase und Hörnern an der Stirn; der untere Teil des Körpers lief in Bocksfüße aus. – Tulp erwähnt auch dichterische Beschreibungen der Satyrn (Horaz) und überlegt dann: Der Orang passt hinsichtlich vieler Eigenschaften zum Satyr, doch hat er keine Hufe, keine Hörner, die beschriebene Behaarung ist anders.

Dann folgert er messerscharf: Entweder gibt es in der Natur keine Satyrn, oder wenn es welche gibt, dann ist dieses Lebewesen ganz gewiss einer (Insumma, vel nullus est in rerum natura Satyrus; vel si quis est, erit procul dubio illud animal. S.278)

Die Unstimmigkeiten zwischen den antiken Beschreibungen und dem empirischen Befund erklärt er so: Plinius habe sich bei seiner Beschreibung von poetischen Fiktionen verleiten lassen, statt neugierig nachzuforschen. Wichtig scheint, dass der Menschenaffe (mit diesem Komposit-Wort öffnet sich dann eine weitere Problematik) aus Borneo an eine altehrwürdige Tradition angebunden werden kann.

Literaturhinweise

Erika Simon: Silenoi. In: Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae (LIMC). Band VIII, Zürich/München: Artemis 1997, S. 1108–1133.

Roscher IV (1915), Spalte 444–531

http://www.theoi.com/Georgikos/Satyroi.html

Walter Ernst Schäfer, Der Satyr und die Satire. Zu Titelkupfern Grimmelshausens und Moscheroschs; in: Literatur im Elsass von Fischart bis Moscherosch. Gesammelte Studien, hg. von Wilhelm Kühlmann / Walter E. Schäfer, Tübingen: Niemeyer 2001; S. 245–287. (Zuerst erschienen in: Rezeption und Produktion zwischen 1570 und 1730. Festschrift für Günther Weydt zum 65. Geburtstag, hg. von Wolfdietrich Rasch, Bern: Francke 1972.)

Elfriede Moser-Rath, Artikel »Heiß und kalt aus einem Mund«, in: Enzyklopädie des Märchens, Band VI (1990), 717–721.