Götter fremder Völker

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Die gültige (und einzig zitierbare) Version befindet sich im Buch

»Spinnenfuß & Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen«
Schriften zur Symbolforschung, hg. von Paul Michel, Band 16, 472 Seiten mit 291 schwarz-weißen Abbildungen
PANO Verlag, Zürich 2013
ISBN 978-3-290-22021-1

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Seit dem Zeitalter der Entdeckungsreisen sind die christlichen Europäer mit fremden Religionen in Kontakt gekommen. (Vorher war die Auseinandersetzung mit der heidnischen Antike, dem Judentum und dem Islam ein Feld zur Herausbildung des rhetorischen Rüstzeugs.) Für Angehörige einer dogmatisch streng ausformulierten Religion war es schwierig, eine gänzlich fremde Religion zu verstehen oder gar gelten zu lassen. Es haben sich verschiedene Interpretationsmuster entwickelt: • Man kann die fremden Götter als Ausgeburten einer wilden Phantasie verstehen und so als belanglos abtun. • Man kann die fremden Götter verteufeln, das heisst konkret als Erscheinungsform des eigenen Teufels ausgeben; damit werden sie diskreditiert. • Man kann die fremden Götter als primitive Vorstufe der eigenen Religion anerkennen, vergleichbar mit Lessings »Erziehung des Menschengeschlechts«. • Man kann annehmen, die fremde Kultur verehre dieselbe Gottheit, nur unter einer anderen Gestalt. Das haben die Römer so gehalten, indem sie z.B. die keltischen Gottheiten, die ähnliche Funktionen wie die ihren hatten, mit römischen identifizierten und sie so das fremde Pantheon einverleibten (sog. interpretatio romana, vgl. Tacitus, Germania 43 --- Caesar, bellum Gallicum, VI, 17)  • Es bedeutet eine gewaltige Leistung, das gleich-gültige Nebeneinander verschiedener Kulturen einzusehen und zuzugeben. Ob es überhaupt möglich ist, ›den Andern als Andern zu denken‹, scheint fraglich, weil das Verstehen immer von einer Basis ausgehen muss, und die bringt ein erwachsener Mensch eben aus seiner Kultur mit. Immerhin kann diese hermeneutische Regel reflektiert werden.

Die Einsicht ist nicht ganz neu. Francis Bacon (1561–1626) schreibt im »Novum Organon« (1620): Der menschliche Verstand gleicht einem hinsichtlich der Strahlen der Dinge unebenen Spiegel, der seine Natur mit der Natur der Dinge vermischt, sie entstellt und verdirbt. (Est intellectus humanus instar speculi inaequalis ad radios rerum, qui suam naturam naturae rerum immiscet, eamque distorquet et inficit.; I,41) Im berühmten Artikel »Préjugé« schreibt der Chevalier de Jaucourt 1765: l’esprit humain, loin de ressembler à ce crystal fidele, dont la surface égale reçoit les rayons & les transmet sans altération, est bien plutôt und espece de miroir magique, qui défigure les objets, & ne présente que des ombres ou des monstres.

Francis BACON, Neues Organon (1620), hg. von Wolfgang Krohn, Hamburg: Meiner 1990 (lat. Text der Ausgabe von James Spedding et al., 1858; dt. Übersetzung Rudolf Hoffmann, Berlin [DDR] 1962).

[Diderot / d’Alembert] Encyclopédie, Band 13 (1765), S. 284.

Wir lächeln heute gerne darüber, wie Reisende, Missionare, frühe Ethnologen fremde Kulturen mit den mitgebrachten Kategorien ›voreingenommen‹ beschrieben haben oder gar diese dem Halbverstandenen übergestülpt haben, und wir führen dann Postkolonialismus und Intercultural competence als Schlagwörter ins Feld.

Hier eine Fallanalyse anhand einer indischen Gottheit.

 

Ludovico de Varthema (c. 1470–1517) bereiste zwischen ca. 1502 und 1507 den Nahen Osten und Indien. Sein Bericht ist früh übersetzt worden; eine lateinische Ausgabe erschien 1532. Vom König von Kalkutta heisst es, dass er den Teufel anbetet:

Zuo wissen das der künig zuo Calicut die bildnuß des teyfels hält in seinem palast in ainem gepew [Gebäude] wie ain Capell die da weyt ist zwen schryt auff alle fyer ortt vnd dreyer schryt hoch mit ainer hültzen tür die alle durch schniten mit erhaben teyfelen. Und in der mitten dieser capell ist ayn sessel darauff sytzt ain teyfel gegossen von glogenspeyß vnd metall/ Hat ain kron auff dem kopff geleych wie ain bäbstliche kron myt dreyen kronen. Hat fyer hörner auff dem kopff/ Vnd fyer groß zen mit ainem vngestalten weyten offen maul/ Die naß vnd augen greylichen an zuo sechen/ Seine hend gemacht geleych wie die haggen/ Vnd die füeß wie aines hanen fuoß/ Alles so forchtsam gestalt das es erschrockenlich ist an zu sechen.

[Lodovico de Varthema] Die Ritterlich und lobwirdig rayß des gestrengen und über all ander weyt erfarnen ritters und Lantfarers herren Ludowico vartomans von Bolonia ..., Augsburg: Hans Miller 1515. Digitalisat der BSB: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00011589/image_5

Das Bild ist eine Kontamination der Beschreibung der Statue (beigegeben ein Priester, der ein Räucheropfer darbringt) mit dem folgenden Text-Abschnitt, in dem es heisst, es seien ausserdem Teufel an den Wänden gemalt, die mit der einen Hand eine Seele packen und mit der anderen eine zum Maul führen. (Die Darstellung von Seelen als Eidolon in Gestalt eines nackten Kindes, das gerichtet wird, ist dem Europäer von den Endgerichtsdarstellungen her geläufig.)

Die Bilder und ihre Deutung haben eine lange Tradition; sie tradieren sich selbständig von Buch zu Buch, ohne dass sie vor Ort überprüft worden wären.

Ein späterer Redaktor von Sebastian Münsters »Cosmographie« hat im 5. Buch, Cap.82 zum Volck von Calikuth den Text aus dem Buch von Ludovico de Varthema 1515 übernommen und das Bild neu schneiden lassen.

Das Bild und der Text schon in der Ausgabe Basel: Heinrich Petri 1545 (Seite dcclviij); hier aus der Ausgabe Basel 1588; Seite Mccclvj.

Pierre Boaistuau übernimmt den Calicuter Götzen in seine »Histoires prodigieuses« (1560) aus Vartomannus. Er schreibt zu diesem Prodige de Sathan u.a.:

Le second lieu où Sathan a tenu son throsne, et s’est faict revere avec grand merveille, et magnifier comme Dieu, est encore aujourd’huy en essence, c’est en Calicut, l’une des plus opulentes et fameuses citez des Indes […]. Soubz la plus hideuse et abhominable forme qu’on ayt accostumé de le despeindre il veult estre contemplé, et reveré des tous. L’effigie duquel le Roy tient en sa chappelle comme querlque sanctuaire, et est la figure du faulx Imposteur assise en une chaire de leton, portant sur sa teste unde couronne faicte comme un tyare, avec trois couronnes, mais elle a d’avantage quatre cornes, quatres dens avec une grand bouche ouverte, le nez et les yeulx de mesme, les mains comme un Singe, les piedz comme un Coc […].

Pierre Boaistuau, Histoires prodigieuses, (Édition de 1561), édition critique établi par Stephen Bamforth et annoté par Jean Céard, Genève: Droz, 2010 (Textes littéraires français 605); pp. 357–364 plus Kommentar.Die Wellcome Library in London besitzt eine Handschrift (Ms 136).

Jan Huygen van Linschoten (1563–1611), »Voyage ofte schipvaert van Jan Huyghen van Linschoten naer Oost ofte Portugaels Indien«, 1579-1592 kennt den Götzen ebenfalls (vgl. von Wyss-Giacosa Abb. 106) Der Kupferstecher und Verleger Johann Theodor de Bry (1561–1623) publizierte mit seinen Ost–Indischen Reisen Werke, die von weitgereisten Forschern geschrieben waren. Auch hier finden wir (in »India orientalis« III, 1599) das Götzenbild wieder, und zwar als Idolatria et superstitio Chinesium in Bantam (Kap. XXIV):

Hier aus: Icones Sive Expressae Et Artifitiosae Delineationes Quarundam Mapparum, Locorum Maritimorum, Insularum, Urbium, & populorum: quibus & horundem vitae, naturae, morum, habituumque descriptio adiuncta est: Veluti haec omnia, in Indica navigatione versus Orientem sucepta, diligenter observata, adeoque tribus hisce Indiae Orientalis descriptae libris inserta sunt : Ubi Mappis Et Iconibus Singulis brevis quaedam & necessaria explicatio seorsim subdita est / Omnia Scita Et Diligenti Industria In Aes Incisa, Et Ob Oculos Posita a Joan. Theod. & Joan. Israele de Bry fratribus & civibus Francofurtensibus ad Moenum, Francofurti: Bry / Becker 1601.

Der holländische Missionar Abraham Rogerius († 1649) lebte zehn Jahre in Indien und beschrieb den Glauben der Bramines nach seiner Rückkunft in seinem Werk »Gentilismus Reseratus«, holländisch: »De Open-Deure tot het verborgen Heydendom ofte Waerachtigh vertoogh van het leven ende zeden, mitsgaders de Religie ende Gotsdienst der Bramines op de Cust Chormandel ende der landen daar ontrent Leyden 1651«. Eine deutsche Übersetzung erscheint 1663. Der Übersetzer Christoph Arnold hat das Buch erweitert, indem er die ihm erreichbare Literatur über fremde Religionen zusammentrug. Hier berichtet er auch über die Götter der Chinesen, indem er Theophil Gottlieb Spitzel (Spizelius, 1639–1691) »De re literaria Sinensium commentarius« 1660 zitiert, der seinerseits sein Wissen aus Büchern der jesuitischen China-Missionare bezog. – Aber der alte Varthema scheint alle empirische Anschauung zu übertönen, wenn es heisst:

Nachmals aber haben sie nicht nur allein einen Gott in der Höhe/ zu dem sie sich alles guten versehen; sondern auch einen in der Tieffe geehret/ und angebetet/ damit er ihnen kein Ubel zufügen möchte. Dergleichen abscheulichen Teufelsbild sie in ihrem Tempeln/ an einem zwar erhabenen Ort/ jedoch aber finstern Winkel setzen; welches eine wunderbare Kron/ unt vier weithinausgehenden Hörnern aufhat; anstatt der Finger und Zähen sieht man grausame Klauen/ und ein thierisches Gesicht/ mit Bokks=hörnern unten an dem Leib: Wie solches Ungeheur vorstellig gemacht wird von Theoph. Spizelio, Sect. X. de Re Lit. Sin. pag. 191. Vor solchem Bild fallen sie mit gebogenen Knien auf ihr Angesicht nieder/ und stossen ihr Haubt etzlich mal wider die Erde: Nachmals setzen sie ihm allerhand hergebrachte Früchte/ und Speisen/ auf dem Altar vor/ zu seinen Füssen.

Abraham Rogers Offne Thür zu dem verborgenen Heydenthum: oder warhaftige Vorweisung deß Lebens und Sittens, samt der Religion und Gottesdienst der Bramines auf der Cust Chormandel, und denen herumliegenden Ländern; Mit kurtzen Anmerkungen, Aus dem Niederländischen übersetzt. Samt Christoph Arnolds Auserlesenen Zugaben, Von dem Asiatischen, Africanischen, und Americanischen Religions-Sachen, so in XL. Capitel verfasst ... Nürnberg: Endter & Wolfgang 1663; Seite 696 und Kupferstich gegenüber.

Und noch Eberhard W. Happel (1647–1690) beschreibt den Calecutischen Götzen=Dienst 1689 mit demselben abgeschriebenen Text. Dann ändert er: Der Mund ist weit aufgesperret/ woraus zum Theil ein kleines Kind hänget. In der einen Hand hält er ein ander Kind/ welches er gleicher Gestalt zu verschlucken drohet. Sie sagen [so lautet ja der Text bei Varthema 1515; aber die Vorstellung eines Menschopfer ist angetönt] diese Kinder seyen Seelen der Menschen

E. G. Happelii Vierter Theil. Grösseste Denkwürdigkeiten der Welt Oder so genandte Relationes Curiosæ. In welchen einfeführt […] Merckwürdige Seltzemkeiten […] Allen Liebhabern dieser Curiositäten auffgesetzt/ aus den bewehrtesten Scribenten zusammen getragen […] Hamburg 1689; Seite 669

 

Merkwürdig ist die zählebige Tradition der Texte und Bilder. Das kann ja darauf beruhen, dass die europäischen Reisenden tatsächlich Kenntnis derselben fremden Gottheit (in kleineren Variationen) hatten. Aber aufgrund unmittelbarer Anschauung oder vom Hören-Sagen? Sind die Bilder vor Ort gezeichnet oder sind sie nicht eher aus dem Text entwickelt und dann voneinander kopiert? Man wird das Gefühl nicht los, es handle sich um einen Selbstläufer, kolportiertes Wissen, nicht Emprie.

Literaturhinweise:

Paola von Wyss-Giacosa, Religionsbilder der frühen Aufklärung : Bernard Picarts Tafeln für die "Cérémonies et Coutumes religieuses de tous les Peuples du Monde", Wabern: Benteli 2006.

Ludovico de Varthema, Reisen im Orient, eingeleitet, übersetzt und erläutert von Folker Reichert, Sigmaringen: Thorbecke 1996.