Metamorphosen

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Die gültige (und einzig zitierbare) Version befindet sich im Buch

»Spinnenfuß & Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen«
Schriften zur Symbolforschung, hg. von Paul Michel, Band 16, 472 Seiten mit 291 schwarz-weißen Abbildungen
PANO Verlag, Zürich 2013
ISBN 978-3-290-22021-1

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In der mythischen Urzeit, in der die hier besporchenen Geschichten spielen, sind Übergänge von einem Wesen zu einem anderen als möglich gedacht, die Seelen können ihre Leiber austauschen. Dies gilt insbesondere für die Götter, die schon im griechischen Mythos in verschiedenen Tier-Gestalten den Menschen erscheinen.

Wer eine solche Verwandlung (bevor der Trickfilm erfunden wurde) graphisch darstellen will, macht am besten einen Schnappschuss, bei dem das betrachtete Wesen teilweise noch die ursprüngliche, teilweise schon die neue Gestalt hat. (Diese Idee hat  Max Nänny, 1932–2006, am Kolloquium 2005 geäussert.) J. Kräubig unterscheidet zwei Bildmuster: Das ›Baukastenprinzip‹, bei dem menschliche und tierische bzw. pflanzliche Teile kombiniert werden, und die ›Überblendung‹, bei der das Tier nach der Verwandlung eine menschliche Körperhaltung zeigt.

Die durch Kirke in Tiere verwandelten Gefährten des Odysseus

Nach dem Trojanischen Krieg strebt Odysseus (im Lateinischen heisst er Ulixes oder Ulysses) nach Hause zu seiner Frau Peneleope, wird aber von dem ihm zürnenden Meeresgott Poseidon immer wieder vom Weg abgebracht. Auf dieser Irrfahrt gerät er mit seinen Gefährten auf eine Insel. Kundschafter werden ausgeschickt. Auf der Insel begegnen ihnen zahme Wölfe und Löwen; sie werden von einem lieblichen Gesang angelockt, der aus dem Palast ertönt, dem sie folgen und so zur Herrscherin Kirke gelangen. Einzig Eurylochos bleibt, misstrauisch, zurück. Die von Göttern abstammende, schöne Kirke bewirtet die Gäste, doch mischt sie böse Kräuter in den Trank. Dann berührt sie die Männer mit einer Gerte und verwandelt sie: Sie bekommen die Gestalt und Stimme von Schweinen, aber ihr Verstand bleibt menschlich (Verse 277ff.). – Das erzählt Homer in der »Odyssee«, 10. Gesang, Verse 135ff.

Bild: Schwarzfigurige Kylix,  ca. 560/550 v.u.Z. (Museum of Fine Arts, Boston; Beazley Archive Number: 302569) The witch Kirke turns Odysseus’ men into beasts. They are shown partially transformed, with heads, forelegs and tails of animals http://www.theoi.com/Gallery/T35.6.html

Ovid hat in den »Metamorphosen« Teile der Odyssee für die latenische Lesern aufbreitet. Im 14. Buch (254ff.) lässt er einen der Gefährten, Macareus, die Circe-Geschichte erzählen. Er bescheibt, wie ihm nach der Berührung durch Circe Borsten wachsen und seine Stimme in ein Grunzen entartet, und auch wie er mithilfe Mercurs wieder zurückverwandelt wird.

Bildquelle: Holzschnitt des Virgils Solis, aus: PVB. OVIDII NASONIS Metamorphoseon libri XV. In singulas quasque fabulas argumenta, Francofurti ad Moenum MDLXVII.

Circe erscheint auch unter den berühmten Frauen in Govanni Boccaccios (1313–1375) Buch »De claris muleribus«. Er deutet die  antike Geschichte so: In Wirklichkeit soll es sich um eine starke Frau gehandelt haben, die bestrebt war zu bekommen, was sie wollte. Der Übersetzer Heinrich Steinhöwel schmückt den Text in seinem holprigen Frühneuhochdeutsch 1473 aus:Jeder ihrer Verehrer habe Hoffnung gehabt, sie zu erwerben,

"doch stuond allweg ihr gemüet sie am narren sail fieren/ vnd zuobehalten des leibs rainigkeit/ darumb das sy gedacht jre liebhaber mit geboten von ir zuosneden/ das sye nit vberwunden wurde. Verschafft darauff etlich auf das meer zuofaren vnd zuorauben/ deiselben hilet man als ob sie weren inn wölff verendert/ […] Etlich gebot sy Ritterschafft vmb jren willen zuopflegen/ die nun fraidiger vund stercker sich erzaigten wann jn jr eigne natur gegeben het/ darumb sy in Löwen verwandlet gesagt wurden. Den andern gebot sye bey ir zuowonen […] darumb sy in schwein verwandlet gesagt wurden/ wann sy zuo allen zeiten in vberflüssiger wollust trabtenn als die schwein. […] O leser vnd hörer diser geschicht/ vermerckt wieuil noch sollicher Circes vnd zauberin uaff erden sein […]. (zitiert nach der genannten Ausgabe von 1543)

 

Bildquelle: Ein Schöne Cronica oder Hystori bůch / von den fürnämlichsten Weybern so von Adams Zeyten an geweszt […]  Erstlich Durch Joannem Boccatium in Latein beschriben / Nachmaln durch Doctorem Henricum Steinhöwel in das Teütsch gebracht […] Mit schönen Figuren durch auß geziert / Gantz nutzlich / lustig vnd kurtweilig zů lesen. Gedruckt zu Augspurg / durch Hainrich Stayner / anno M.D.XXXXIII; fol. xxxi recto. – Text auch in: Giovanni Boccaccio, De claris mulieribus = Die großen Frauen. Lateinisch / deutsch. Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Irene Erfen und Peter Schmitt, Stuttgart: Reclam 1995 (Universal-Bibliothek 9341).

Der Satiriker Plutarch (um 45 bis um 125) hat einen Dialog zwischen Odysseus, Kirke und einem der von ihr in ein Schwein verwandelten Gefährten namens Gryllos ausgesonnen, in dem Kirke Odysseus mahnt, vorher zu fragen, ob die Männer überhaupt zurückverwandelt werden sollen. Sie verleiht ihnen die Gabe zu sprechen. Gryllos argumentiert, das die Seele der Tiere ihrer Natur nach die Tugend hervorbringe und sie überhaupt moralisch besser seien als die Menschen. – Plutarch wurde in der Renaissance wiederentdeckt.

Giambattista Gelli (1498–1563) hat unter dem Titel »La Circe« (1549 publ.) Dialoge geschrieben, in denen folgendes geschildert wird:  Odysseus erhält von der Zauberin die Erlaubnis, den von ihr Verwandelten die menschliche Gestalt wiederzugeben. (Mitzudenken ist hier, dass Circe die Gefährten in  Tiere verschiedener Arten verwandelt hat, nicht nur in Schweine.) Odysseus stößt aber bei fast allen auf Widerstand, weil sie inzwischen überzeugt sind, dass die Natur für die Tiere besser sorge, während der Mensch stets angestrengt sein Dasein führen muss.

Die philosophisch argumentierenden Tiere sind echte Kompositwesen aus menschlichem Geist und tierischem Leib.

Die Idee von Gelli hat Furore gemacht; hier eine deutsche Adaptation:

Peter Lauremberg (1585 – 1639), Neue und vermehrte Acerra philologica, Das ist: Sieben Hundert auserlesene, nützliche, lustige und denckwürdige Historien und Discursen, aus den berühmtesten griechischen und lateinischen Scribenten zusammengetragen [...],, 1. Auflage 1637; hier nach der Ausgabe Frankfurt am Main, Leipzig, 1717

II, 62. Ulyssis Gespräch mit dem Maulwurff.

Als Ulysses ein wenig fortgangen / hat er gesehen /ein kleines Hügelein aufgeworffener Erde vom Maulwurff / darinnen er auch gedachte / es würde einer von seinen Gesellen verborgen seyn / hat derwegen mit lauter Stimm dem Maulwurff geruffen und mit ihm zu reden angefangen.

Ulyss. Mein liebes Thier / mich deucht / du bist auch einer meiner Gefehrten und zuvor ein Mensch gewesen. Nun weil es in meiner Gewalt stehet / dich mit menschlicher Natur wieder zu begaben / so frage ich dich / ob du gesinnet / wieder nach deinem Vaterlande mit mir zu verreisen?

Maulwurff. Mein lieber Ulysses, davon habe ich mein Tage keinen Gedancken gehabt / dann so thäte ich ja thöricht.

U. Ist dann das Thorheit / einen glückseligen Stand annehmen?

M. Gar nicht / sondern mich deucht / das sey Thorheit / wann man das Böse dem Guten fürziehet / ich halte es dafür / daß mein Stand viel glückseliger und ruhiger sey / als der Menschen.

U. Was sind die Ursachen / darum du deinen Stand glückseliger schätzest / als den menschlichen? [...]

M. Du bekennest selber / Ulysses, daß die Erde mir / wie auch den andern Thieren die Speise gebe / und für uns zusähe / ob gleich der Acker für uns nicht gesäet wird. Dann wann ich essen will / so finde ich meinen Tisch bereit / in meinem verborgenen Pallast der Erden / da mich niemand verstöret / da die Würme mir besser schmecken / als euch die gebratenen Kapaunen. Ihr Menschen / wann ihr euch wolt von der Erde ernähren / so müst ihr durchs gantze Jahr das Erdreich bauen / und pflügen mit grossem Fleiß und Arbeit / welches ich erfahren habe / da ich ein Mensch gewesen.

U. O mein lieber Maulwurff / Acker pflügen /Bäume pflantzen / Wein schneiden / das ist nur eine Lust.

M. Ja eitel Mühe und Arbeit / voller Beschwerlichkeit. O wie offt habe ich mich gefürchtet für dem Regen und Ungewitter! Wie offt habe ich nur Stroh für Korn bekommen? Jetzt bedarff ich solches nicht mehr / habe weder Pflug noch Ochsen / noch was mehr darzu gehörig / vonnöthen. Darff auch dem Gesinde kein Essen noch Trincken geben / oder selbiges um groß Geld zur Arbeit miethen. Jetzund kan ich mit meinen blossen Händen die Erde umpflügen ohne einige Arbeit / und lustige Schlösser darein bauen.

U. Aber / lieber Maulwurff / weist du nicht / daß du des allerherrlichsten Zierraths beraubet bist / nemlich des Gesichts [d.h. des Sehvermögens] / bist derohalben nicht vollkommen; Dann du wandelst im finstern / kanst auch der Welt Schönheit nicht sehen.

M. O deßhalben bin ich nicht unvollkommen / ich achte das Gesichte nicht: Dann ausgenommen das hab ich alles / was mir von Natur nützlich / was bedarff ich der Augen in der dicken finstern Erde / darinnen ich wohne? die Würme / die ich esse / kommen von sich selber zu mir / ich kan sie auch im finstern finden. [...] Wir seynd vollkommen ohne das Gesichte / ebener massen als ihr Menschen vollkommen seyd ohne Flügel / ob ihr schon nicht fliegen könnet wie der Adler / habt auch nicht des Pfauen Federn. Auf diese Art seynd wir Maulwürffe vollkommen / ohne das Gesicht / das uns so viel nützet / als euch der Pfauen-Schwantz / begehrens auch nicht. Darum / lieber Ulysses, bemühe dich nur nicht / daß du mich wieder zum menschlichen Stande bringest / dann ich bin vollkommen. Und weil ich keine vernünfftige Gedancken habe / so bekümmere ich mich auch nicht auf der Welt zu leben / darum gehe nur hin und thue / was du zu thun hast / ich will wieder in die Erde kriechen.

 

Bildquelle: Des vortrefflichen römischen Poëtens Publii Ovidii Nasonis Metamorphoseon, Oder: Funffzehen Bücher Der Verwandlungen, Ehmalen durch den berühmten Wilhelm Bauer in Kupffer gebracht; ... – Ovidii Nasonis Metamorphosis Oder Ovidii Des Poeten Wvnderliche Verendervng Verschidener Gestalden / An Tag Gegeben Vnd Verlegt Dvrch Melchioren Kysell, Avgspvrg: Kysell, 1681 (Ausschnitt)

Ovid

Mythen erzählen oft, woher es kommt, dass etwas so ist, wie es ist, zum Beispiel warum die Frösche quaken, warum es Menschen mit schwarzer Hautfarbe gibt, warum sich die Pflanze Heliotrop nach der Sonne wendet, warum eine Gegend einen bestimmten Namen trägt, warum ist dem Apollo der Lorbeer heilig?  Man nennt das ätiologische Mythen (Ätiologie: Lehre von den Ursachen, von griech. aítion ›die Ursache‹). Der große Dichter von solchen Verwandlungsgeschichten ist  Publius Ovidius Naso (geboren 43 v.u.Z.; gest. etwa 17/18 u.Z.).

Ovid hat die Geschichten nicht erfunden, sondern er entnahm sie – umfassend gebildet und belesen wie er war – der Tradition, wandelte sie aber um. Man fragt sich, wieso Ovid sich diesen Stoffen zuwandte, der bis dahin mit seinen Liebeselegien, seiner »Liebeskunst«, seinen Liebesbriefen bekannt geworden war. Es geht ihm gar nicht so ums Mythische; es reizen ihn andere Dinge. Die Geschichten sind zunächst einmal voll poetischer Phantastik. Sodann bieten sie Gelegenheit, psychologische Studien zu treiben, die Seelenregungen der Helden und vor allem Heldinnen auszumalen, wenn sie etwas Katastrophales oder innige Liebeswonnen erleben, oder diese in ihren Monologen selbst aussprechen zu lassen; schmachtende Liebesklagen. Und schließlich ist es auch dichterisch reizvoll, den Verwandlungsprozess – wie ein Mann zu einem Hirsch wird oder eine Frau zu einem Baum – zu schildern. 

Anlass für eine Verwandlung kann der Wunsch einer bedrängten Person sein (Daphne, Myrrha) oder eine Strafe für einen Frevel (Niobe, Arachne). Das globale Thema ist die Macht des Eros, die durchaus auch Götter zur Vergewaltigung von Menschenfrauen treibt. 

Ovids Metamorphosen wurden während des ganzen Mittelalters und in der Renaissance gelesen – kein Wunder, denn in den biblischen Erzählungen oder den christlichen Legenden kommt kaum je ein psychologisches oder gar erotisches Moment vor; das musste man aus der heidnischen Literatur importieren. Ovid eignete sich vorzüglich, auch weil er keine tiefgründigen metaphysischen Gedenken wälzt, die mit dem christlichen Weltbild hätten in Konflikt kommen können.

Daphne

Die Szene der von Apoll verfolgten und sich in einen Lorbeerbaum verwandelnden Daphne wurde häufig dargestellt. Am bekanntesten ist wohl die Skulptur von Gian Lorenzo Bernini (1598–1680). Hier ein Kupferstich aus einer Folge von Ovid-Ilustrationen von Johann Wilhelm Baur (oder Bauer, 1607–1642):

Des vortrefflichen römischen Poëtens Publii Ovidii Nasonis Metamorphoseon, Oder: Funffzehen Bücher Der Verwandlungen. Ehmalen durch den berühmten Wilhelm Bauer in Kupffer gebracht;  ... [1639/40 entstanden]; hier als Nachstich von Melchior Küsel (1626–1683), Ausschnitt.

Zusammenfassung: Nach der großen Flut beklagen Deucalion und Pyrrha die Öde. Sie säen Steine, aus denen ein neues Menschengeschlecht wird. Aus Feuchte und Wärme der Erde entstehen unzählige Arten von Lebewesen, darunter auch die Schlange Python, die von Apollon getötet wird (Metamorphosen I, 438ff.). – Wie Apollo den Cupido einen Bogen spannen sieht, prahlt er mit dieser Tat und rät ihm, sich mit der Fackel zu begnügen. Cupido wettet, dass sein Pfeil sogar den Apollo besiege. Er erörtert die Wirkung der beiden Pfeile mit der goldenen (die Liebe entzündenden) und der bleiernen (die Liebe verscheuchenden) Spitze und verschießt sie auf Apollo und Daphne; die Wirkung stellt sich sofort ein (452–474). – Das Waldleben der Nymphe Daphne wird geschildert, die alle Bewerber zurückweist und von ihrem Vater erbittet, ewig Jungfrau zu bleiben (475–485). – Apollo sieht Daphne und ist sofort von der Liebe zu ihr ergriffen. Er täuscht sich hinsichtlich seiner eigenen Weissagungen. Es lodert Feuer in seiner Brust (490–96). – Er preist Daphnes körperliche Schönheit (497ff.). – Er ruft der Fliehenden nach, er verfolge sie nur aus Liebe; liebend besorgt, dass sie sich wehtut, fleht er, sie möge langsamer gehen, er mäßige dann seinen Gang ebenfalls; er sei doch kein garstiger Hirt – und er gibt sich mit allen seinen kultischen Beinamen zu erkennen, und indem er sich den Schöpfer der Musik nennt. Er muss eingestehen, dass dem Gott der Medizin jetzt jedes Kräutlein fehlt (504–524). – Daphne enteilt, in der Flucht erscheint sie noch anmutiger, Apoll wird dadurch noch mehr angetrieben sie zu verfolgen (505–532). – Vergleich mit einem Hund, der einen Hasen jagt (533–543). – Der Nymphe schwinden die Kräfte, sie bittet die Erde <in anderer Fassung ihren Vater, den Flussgott Penëus>, sie zu verwandeln (543–547). – Sofort findet die Metamorphose zum Lorbeerbaum statt, die detailliert beschrieben wird (548–552). – Apoll umschmiegt den Baum und gelobt, dass er ihm geweiht sein soll als Ehrenzeichen der Helden und Dichter (557–567).

Kommentar: Uns fasziniert das problematische Götterbild Ovids: Apoll ist gewalttätig und doch hilflos; sodann vermuten wir den Anflug eines monotheistischen Gedankens: Sogar der höchste Gott im Pantheon untersteht dem Gesetz der éinen Liebe. Ferner finden wir interessant die paradoxe, sich aufschaukelnde Situation: je mehr Daphne flieht, desto mehr verfolgt Apoll sie, desto mehr rennt sie weg usw. Sodann die Ironie, dass derjenige, der Pytho mit vielen Pfeilen niedergestreckt hat, nun selbst einem einzigen Pfeil Cupidos erliegt; dass der Seher Apoll als Verliebter blind ist; und dass der Patron der Arzneikunst sich selbst nicht heilen kann. Poetische Pointen sind: die Feuermetaphorik für Apolls Emotion – während Daphne die Hochzeitsfackeln verabscheut; die Rede des hinterherrennenden Apolls an die Fliehende, rhetorisch durchgeformt, pathetisch und doch mit geradezu abstrusen Einfällen (renn nicht so schnell, ich gehe dann auch langsamer); Apolls mondäne Ausdrucksweise (wenn diese Haare erst noch frisiert würden! 498); das Jagd-Gleichnis als Ausdruck von Angst und Hoffnung; die Erotik bei der Darstellung der Daphne (die Dornen zerkratzen ihr die Schenkel); der Kontrast zwischen dem Preis von Daphnes nackten Armen, Händen Fingern und deren Verwandlung ins Pflanzenhafte; stilistische Details, wie dass der coup de foudre mit einem Zweiwortsatz beschrieben wird: Phoebus amat. 

Actaeon (Aktaion)

Zusammenfassung: Sorglos durch den Wald streifend, betritt Actaeon eine Grotte, wo Diana und einige Nymphen gerade ein Bad nehmen. Unter dem Blick des Sterblichen errötet die Göttin, bespritzt Aktaion mit Wasser und ruft ihm zu: ›Nun sag, wenn Du kannst, du habest mich nackt gesehen!‹ Daraufhin wächst Aktaion ein Geweih auf der Stirn, seine Ohren werden länger und länger, Hände und Füße wandeln sich zu gespaltenen Hufen und ein geschecktes Fell bedeckt seinen Leib. Er ergreift die Flucht und als er schließlich sein Spiegelbild im Wasser erblickt, will er vor Erstaunen ausrufen, aber seine menschliche Stimme ist geschwunden, und nur ein Stöhnen entringt sich seiner Kehle. Er überlegt, was er tun soll. Noch während er sinnt, erspähen ihn seine Hunde und zerfleischen ihn.  (Ovid: Metamorphosen III, 137–252)

Holzschnitt des Virgil Solis (1514–1562), aus: PVB. OVIDII NASONIS Metamorphoseon libri XV. In singulas quasque fabulas argumenta, Francofurti ad Moenum MDLXVII. [Erstausgabe: 1563] – Man beachte die simultan dargestellte Szene hinten oben rechts: Der verwandelte Actaeon wird von seinen Hunden angefallen.

Ovid beschreibt, wie Diana dem Actaeon ein Geweih wachsen lässt, ihm den Hals in die Länge zeiht, die Hände mit Hirsch-Füßen vertauscht und ein Fell um den Leib zieht – dann lässt er den sich Verwandelnden aus subjektiver Perspektive schildern:  der Held … flieht und wundert sich, während er läuft, über die eigene Schnelligkeit. Und wie er Gesicht und Geweih im Wasser erblickt, wollte er schreiben ›Ich Armer!‹ – da gehorcht ihm die Sprache nicht, es kam ein Stöhnen, so klang jetzt seine Stimme. Tränen benetzten das Antlitz, das nicht mehr seines war; es blieb nur das vorherige Bewusstsein. (lacrimaeque per ora non sua fluxerunt; mens tantum pristina mansit.) Ein Mischwesen aus Tierleib und menschlicher Empfindung.

Ovid nennt übrigens keine Schuld Actaeons (non certis passibus errans ... sic illum fata ferebant  – planlos umherschweifend  ... so führt ihn das Schicksal; non scelus, error, ignotum errans). Offenbar führt allein schon die Tatsache, dass er eine Göttin nackt sieht, zu deren Zorn und seinem Untergang. – Andere antike Autoren kennen eine Verschuldung.

Apuleius’ (ca. 123 bis nach 170) »Goldener Esel«

In diesem burlesken, oft pikanten, auch für heutige Leser amüsanten Roman mit dem Titel »Metamorphosen« spielt die Umwandlung des Helden eine zentrale Rolle; sie ist jedoch ganz anders verwendet als bei Ovid. Ein Ich-Erzähler namens Lucius bewegt sich in halbwegs fantatischen Milieu in Thessalien, wo die Hexerei pandemisch verbreitet ist. Weil man alles nur als rapportierte Rede erfährt, weiss man als Leser nie so recht, was als Wirklichkeit gelten soll, wo der erzählende Held sich täuscht, was als literarischer Spaß des Autors gemeint ist. – Lucius gerät in das Haus einer Zauberin namens Pamphile, in deren Zofe Photis er sich verliebt (vgl. die Schilderung ihres Stelldicheins II,16–17). Nach turbulenten Abenteuern wünscht der stets neugierige (familiaris curiositas III,14), einmal bei magischen Praktiken der Pamphile zuschauen zu dürfen. Photis richtet das ein, und Lucius kann durch einen Türspalt beobachten, wie Pamphile sich durch Einreiben einer Salbe in einen Vogel verwandetl.(III,21). Lucius bettelt der Zofe etwas Salbe ab, und sie entwednet eine Büchse. Sie hat aber die falsche Salbe erwischt, und wie Lucius sie sich  einreibt, verwandelt er sich:

Und so mit allen Kleidern herunter, gierig die Hände in die Salbe, eine ganze Menge genommen, und über und über alle Glieder meines Leibes gerieben. Schon schwinge ich zu wiederholten Malen die Arme und versuche zu fliegen. Hoch klopft mir vor Verlangen das Herz, mich nun als Vogel zu sehen. Umsonst! Nicht Flaum, nicht Federn wachsen hervor. Zu kurzen Borsten erstarren alle Haare an meinem Leibe, statt der zarten Haut umhüllt mich ein dickes derbes Fell. Die Zahl der Finger und Zehen verliert sich an jeder Hand und jedem Fuße in einem Huf, und am Ende des Rückgrats hinten streckt sich ein langer Schwanz hinunter. Unförmig wird das Gesicht und dehnt sich je mehr und mehr. Mit großem Maule, weit offenen Naslöchern und schlotternden Lippen schließt es unten. Oben recken sich ein paar lange, rauhe, spielende Ohren empor. [...] Wie ich mich nun betrachte, seh ich mit Entsetzen, daß ich statt des Vogels zu einem Esel geworden bin. Ich wollte mich bei Photis beklagen, allein mit menschlicher Stellung und Gebärde hatte ich zugleich auch die Sprache verloren. Alles, was ich tun konnte, war, daß ich mit bebender Unterlippe und nassem Blick sie von der Seite ansah und also stillschweigend ihr Vorwürfe machte. [...] So vollkommen ich auch dem Äußern nach von Lucius zu Meister Langohr geworden, so war ich doch innerlich Mensch und ganz ich selbst geblieben – Ego vero quamquam perfectus asinus et pro Lucio iumentum, sensum tamen retinebam humanum. (Übersetzung nach Agust Rode 1783).

 

Johann Sieder, Ain Schön Lieblich, auch kurtzweylig gedichte Lutij Apuleij von ainem gulden Esel, darinn geleret, wie menschliche Natur so gar blöd, schwach, und verderbet, das sy beweilen gar vihisch, unverstendig und fleischlich, on verstand dahin lebet, gleich wie Pferdt und Maul, wie David sagt, auch herwiderumb sich möge auß Gottes beystand erholen, und auß ainem Esel ein Mensch werden, Gott gefellig, auffrecht und verstendig. Lustig zulesen, mit schoenen figuren zugericht, grundtlich verdeutscht, durch Herren Johan Sieder Secretarien, weilendt des hochwürdigsten Fürsten und herren Lorentzen von Biber, Bischoffen zu Würtzburg und Hertzogen zu Franken etc.. Augsburg 1538. Digitalisat: http://www.archive.org/details/apulgedichtevoneinemguldeneselsub

Bis Lucius zwecks Rückverwandlung Rosen fressen kann, muss er viel Mühsal erdulden. Die Verwandlung in einen Esel ist zunächst ein literarischer Trick des Satirikers, dem diese Perspektive die Möglichkeit gibt, allerlei üble Machenschaften der Menschen aufzuzeigen, bei denen das unverdächtige Tier Zeuge ist und doch als Mensch reflektieren kann; insofern ist das Werk des Apuleius ein Vorläufer der Picaro-Romane des 17. Jahrhunderts. Der entbehrungsreiche Weg kann aber auch als eine Stufe bei der Initiation zum Mysterienkult der Isis verstanden werden, womit der Text endet.

Die Wirklichkeit der Metamorphosen

Die Geshichte der von Kirke in Tiere verzaberten Gefährten des Odysseus ist Seemannsgarn, das sich einreiht in die andern Episoden bei Homer. – Ovid hat als aufgeklärter Intellektueller natürlich nicht geglaubt, dass die Metamorphosen mehr als ein literarisch geeigneter Stoff sind, um die psychischen Qualen seiner Heldinnen und Helden darzustellen. – Apuleius benutzt die Tiergestalt seines Helden als satirische Technik. – Ganz anders sieht es aus, wenn im 15./16. Jahrhundert die Frage gestellt wird, ob Werwölfe oder Hexen und Hexer tatsächlich ihre Gestalt ändern können. Der 1486 erstmals publizierte »Hexenhammer« fragt (I.Teil, Quastio 10; vgl. II. Teil, Kap. 8); "Ob sich die Hexen mit den Menschen zu schaffen machen, indem sie sich durch Gaukelkunst in Tiergestalten verwandeln." (An malefice operantur circa homines in bestiales formas prestigiosa arte illos transmutando). Die Argumentation ist einigermaßen konfus; immerhin wird eine Linie sichtbar: in Wirklichkeit findet keine Verwandlung statt, sondern dies ist nur eingebildet. Zitiert wird wie so oft Augustinus, der (Civ. Dei. XVIII, 17) sagt, "dass die Verwandlungen der Menschen in Tiere, die durch die Künste der Dämonen geschehen sein sollen, nicht in Wahrheit, sondern nur dem Scheine nach vorhanden gewesen sind." Ein anderer Autor bestätigt: "dass der Teufel manchmal die Phantasie des Menschen zum Zwecke der Täuschung bearbeite, besonders aber die Sinne."

Der Hexenhammer von Jakob Sprenger und Heinrich Institoris. Zum ersten Male ins Deutsche übertragen und eingeleitet von J. W. R. Schmidt, Berlin 1906.

 

Quellen und weiterführende Literatur

Kirke

Edmund Braun, Artikel "Circe" in RDK III (###) 778–788. 

Ovid

Publius Ovidius Naso, Metamorphosen, lateinisch/deutsch, hg. und übersetzt von Hermann Breitenbach, (Bibliothek der Alten Welt), Zürich: Artemis 1958, 2.Aufl.1964.

Hermann Fränkel, Ovid, ein Dichter zwischen zwei Welten [englisch 1945], Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 1970

Niklas Holzberg, Ovid. Dichter und Werk, 3., durchges. Aufl., München: Beck 2005.

Franz Bömer, P. Ovidius Naso, Metamorphosen. Kommentar zu Buch I–III. Heidelberg: Winter 1969, S. 487–514. 

Hermann Walter / Hans-Jürgen Horn, Die Rezeption der ›Metamorphosen‹ des Ovid in der Neuzeit: Der antike Mythos in Text und Bild, (Ikonographische Repertorien zur Rezeption des antiken Mythos in Europa, Buchreihe 1), Berlin: Mann 1995. 

Der verblümte Sinn. Illustrationen zu den Metamorphosen des Ovid ; Galerie der Stadt Kornwestheim Ausstellung vom 19. Oktober 1997 bis 5 Januar 1998. Hrsg. Galerie der Stadt Kornwestheim. Red.: Jens Kräubig, Kornwestheim 1997.

Paul Michel, Vel dic quod Phebus significat dyabolum. Zur Ovid-Auslegung des Petrus Berchorius, in: Hans Weder / P. Michel (Hgg.), Sinnvermittlung. Studien zur Geschichte von Exegese und Hermeneutik I, Zürich und Freiburg / Br.: Pano Verlag 2000, S. 293-353.

Gerlinde Huber-Rebenich, Sabine Lütkemeyer und Hermann Walter, konographisches Repertorium zu den Metamorphosen des Ovid. Die textbegleitende Druckgraphik. Bd. 1.1: Narrative Darstellungen, Berlin: Gebr. Mann Verlag  2011.

Christel Meier-Staubach, Metamorphose und Materialisierung: Zur Ovid-Illustration des späteren Mittelalters, in: Frühmittelalterliche Studien 44, 2010 [erscheint voraussichtlich 2012].

Apuleius

Edward Brandt / Wilhelm Ehlers: Apuleius. Der goldene Esel. Metamorphoseon libri XI. Düsseldorf / Zürich: Artemis & Winkler 1998.

Franziska Küenzlen, Verwandlungen eines Esels: Apuleius’ »Metamorphoses« im frühen 16. Jahrhundert; der Kommentar Filippo Beroaldos d. Ä.; die Übersetzungen von Johann Sieder, Guillaume Michel, Diego López de Cortegana und Agnolo Firenzuola; der Schelmenroman Lazarillo de Tormes, Heidelberg: Winter 2005 (GRM-Beiheft 25).