Wilde Leute

Bild aus: Joseph Strutt, The sports and pastimes of the people of England: Including the rural and domestic recreations, may games, mummeries, shows, processions, pageants, and pompous spectacles, from the earliest period to the present time, Printed for Thomas Tegg, 1838; p. 378: A Wodehouse.

Einleitung

Als ›Wilde Leute‹ bezeichnet man in der Frühneuzeit menschenähnliche, fast vollständig behaarte Wesen, die meist im Wald leben – damit erschöpft sich die Definition; sie erscheinen in verschiedenen Wissensbereichen, Denkfeldern, Kontexten (bis hin zu Spielkarten, aber kaum in Enzyklopädien) und haben dementsprechend verschiedene Symbolik. Die Forschung tut sich recht schwer mit ihnen.

Eine immer wieder aufscheinende Symbolik dieser Gestalten ist möglicherweise die, aufzuzeigen, was »unter der dünnen Firnisschicht« der kulturellen Formung »bedrohlich schlummert« (N. Ott, S. 495) – und aus Gründen der psychologischen Stabilität hinausprojiziert wird, in den Wald, an den Rand von Buchseiten oder der Erde in exotische Gegenden, ins Fiktionale.

Es ist klug, den Horizont möglichst offen zu halten und verwandte Figuren zu betrachten.

Der Waldgott Silvanus

Vergil ruft in der Einleitung seiner Dichtung vom Landbau, »Georgica« (entstanden zwischen 37 und 29 v.u.Z.) alle dem Landvolk hilfreichen Götter an, darunter auch Silvanus, der ein entwurzeltes Reis der Zypresse schwingt (et teneram ab radice ferens, Silvane, cupressum, I, 20)

Der Illustrator in der Vergil-Ausgabe 1502 zeichnet den Silvanus struppig behaart:

Publij Virgilij Maronis Opera cum quinque vulgatis commentariis ex politissimisque figuris… Straßburg: Grüninger 1502. – Fol. XXXIV recto. 

Heilige

Maria Magdalena

In diesem Zusammenhang ist der folgende Teil der Lebensbeschreibung wichtig: Maria gelangt nach der Auferstehung Christi in einem Schifflein in die Provence, wo sie sich in eine wilde Einöde begibt. Hier führt sie 30 Jahre lang ein Leben strengster Buße ohne irdische Nahrung, derer sie nicht bedarf, weil sie von Egneln alltäglich in den Himmel erhoben wird. – Das lange herabwallende Haar auf den Bildern ist aber nicht nur auf dieses Lebensweise zurückzuführen, sondern soll auch an die Szene erinnern, wo sie mit ihrem Haar die Füße Jesu abtrocknete (Lukas 7,38.41 und Johannes 12,3).

Schedelsche Weltchronik 1493, Fol. CVIII recto
> https://de.wikisource.org/wiki/Die_Schedelsche_Weltchronik_%28deutsch%29...
> http://dlib.gnm.de/item/2Inc266/260/html

Nach der auffart des herrn hat sie sich in massilia in ein scharpffe einsidelschafft begeben. vnd an einer statt. xxx. iar den menschen vnbekant gewonet vnd sie wardt taglich zu dem. vij tag zeiten von den engeln in die luft erhebt vnd in irn leiplichen orn von dem freuedenreichen gesang der himlischen choere erquicket. vnd also dauon ersatigt. dz sie einicherlay leiplichen narung nit bedorft. zu letst wardt sie durch einen aynsidel dem bischof maximino geoffenbaret der harret ir am suntag in der morgen roete als sie sterben solt do erschine sie zwen elnbogen hoh von der erden erhebt in dem mittel der engel mit großem liecht vmbgeben. mit dem heiligsten sacrament bewaret vnd sendet mit zehernn irnn gaist auff zu got.    

Weitere ähnliche Darstellungen:

Tiefenbronn, Magdalenenaltar von Lukas Moser (1431)

Skulptur von Hans Multscher um 1430

Tilman Riemenschneider: Münnerstadt Altar (1490/1492) 

Blog der British Library > http://blogs.bl.uk/digitisedmanuscripts/2017/04/hairy-mary.html {10.04.2017}

Der heilige Chrysostomus

Verkürzt dies (Texte aus der Ausgabe 1488): Der jugendliche Johannes soll zum Priester geweiht werden. Aber er fühlt: Ach herr ich bin noch zu iung vnnd ist sere wieder got das ich yetzund ein briester sol sein. Er nimmt sich vor: ich wil als bald in den wald geen vnd darinnen sein die wil ich leb. Er stiehlt sich weg und begibt sich in den Wald, baut sich einen Unterschlupf und ernährt sich von Wurzeln, Laub und Gras. In der Nähe befindet sich das Schloss des Kaisers. Die Tochter mit ihren Gespielinnen erlustieren sich im Günen, da wird die Tochter von einer wintzbraut (Windsbraut) zu des Einsiedlers Höhle geblasen. Nach mehreren Bitten lässt er sie ein, damit sie im Wald nicht umkommt. Er teilt die Zelle mit einem Strich am Boden. Das geht eine Weile gut, bis der böß leydig feind es bewirkt, dass Johannes zu der Junckfrawen gieng vnd vnbfieng sie lieblichen… Usw. Zur Buße gelobt er: ich wil auff henden vnnd auff füssen geen bis er Gottes Gnade wieder erlangt. Das tut er manches Jahr,

vnd sein gewand erfaulet schyer von im vnd ward rauch vber al seinem leyb das in yemant erkennen mocht ob er vih oder mensch was.

Nach 15 Jahren wird er für ein Tier gehalten. Die Geschichte ist im folgenden sehr spannend … : Die Legenda Aurea des Jacobus a Voragine, aus dem Lat. übersetzt von Richard Benz, Heidelberg 1955 (und Neuauflagen) S. 705–715.

Der Heiligen Leben, Sommerteil, Urach: Konrad Fyner 1481. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00034032/image_201

Der Heiligen Leben, Nürnberg: Koberger 1488, Fol. CCCXXV r und folgende; Bild aus Albert Schramm Schramm, Der Bilderschmuck der Frühdrucke. 23 Bde. Leipzig 1920–1943; Band 17, Nr. 271.

Schönes Digitalisat der Inkunabel > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00027260/image_658

Lucas Cranach und Albrecht Dürer und Hans Sebald Beham zeichnen eine Szene, wo die Königstochter mit ihrem kleinen Kind im Vordergrund und der tierische Chrystostomus im Hintergrund erscheint – zwei zeitliche Phasen der Geschichte ineinander. Vgl. Husband Nr. 24 mit Abb. 62–64.

Ein Büßer

Brandan trifft auf seiner Meerfahrt einen Büßer, der aussieht wie ein Wilder Mann.

 

 UB Heidelberg, Cod. Pal. germ. 60 (um 1460) > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg60/0351

Im Druck 1489 heißt es:

Hie kamen sy zuo einem heiligen menschen der saß auff einem felsen in dem mör. … [Auf einem Stein im Meer] saß ein mensch allein der was rauch als ein ber. [Auf die Frage Brandans sagt dieser:] ich bin auff diesem stain hundert vnd .iv. iar gewesen. vnd hat mir got der herr lassen wachssen mein gewand. — Mit Holzschnitt > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00025665/image_14

Vgl. Walter Haug, Artikel »Brandans Meerfahrt«, in: Verfasserlexikon – Die dt. Lit. des MAs., Band 1 (1978), Sp. 985–991.

St. Onophrios / Onuphrius

Der Fürstensohn wurde als Mönch erzogen und begab sich dann in die Wüste, wo er 60 Jahre als Einsiedler lebte. Er wird im 15./16.Jh. meist als am ganzen Körper behaart mit einem Blätterschurz dargestellt. Vgl. https://www.heiligenlexikon.de/BiographienO/Onuphrios.html

[Joseph François Bourgoin de Villefore], Lebens-Beschreibung der heiligen Altväter und derjenigen Frauenpersonen, welche sich in den ersten und nachfolgenden Jahrhunderten der Einsamkeit beflissen haben. Ein aus dem Französischen überseztes, und mit vielen künstlichen Kupferstichen geziertes Werk, welchem noch, als zween Anhänge, beygefüget sind Erstens: Die erbaulichen Reden und Thaten der Einsiedler ersterer Zeit. Zweytens: Eine Abhandelung von dem Einsiedler-Leben, wie es nach Gottes Wort und der alten HH. Einsiedler Leben anzustellen sey, [Band 1] Crems: Franz Xaver Dasenberger 1761. > http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bs...

Hier heißt es, daß er in einen solchen Zustand gerieth, da man ihn schwerlich vor einen Menschen würde erkannt haben. Er war wie die wilden Thiere mit langen Haaren bewachsen, und bedeckte seine Lenden mit einem von Blättern geflochtenen Schurze.  (Hinweis von Urs Herzog, 1942–2015)

Propheten

Propheten (Elia, vgl. 2Kön 1,8; Sach 13,4) sind in Felle gekleidet, was ihre Armut und Kulturferne andeuten soll. Johannes der Täufer trägt ein Gewand aus Kamelhaar (Markus 1,6; Matthäus 3,4). Haben sich diese Männer mit ihrer Kleidung abgesetzt vom priesterlichen Establishment, dem Gewänder aus Leinen (1.Sam 2,18; 2.Sam 6,14) oder Byssus vorgeschrieben waren (Exodus 28), während wollene Kleidung verboten war (Ezechiel 44,17)? Die Kleidersymbolik erhellt aus der Stelle Jesus Sirach 40,3f. wo von den großen Mühsalen der Menschheit die  Rede ist Von dem, der auf hohem Thron sitzt, bis zu dem, der in Staub und Asche sitzt; von dem, der Krone und Stirnreif trägt, bis zu dem, der ein Kleid aus Fellen trägt.

2Könige 1,8 Er trug einen Mantel aus Ziegenhaaren und hatte einen ledernen Gurt um die Hüften. … Das war Elija aus Tischbe.

Nach Lukas 1,80 hält sich der heranwachsende Johannes der Täufer bis zu seinem öffentlichen Auftreten in der Wüste auf. Matthäus 3,1: In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa »Kehret um!«  … 4 Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung. Jesus selbst stellt den Bezug zwischen Elias nd Johannes her: »Und wenn ihr es annehmen wollt – dieser [der Täufer] ist Elia, der kommen soll.« (Matthäus 11,14).

Stephan Fridolin, Schatzbehalter, Nürnberg: Anton Koberger 1491; die 34. Figur (aus einer öffentl. Bibliothek)

Vgl. Martin Schongauer, Johannes der Täufer

Vgl. die Plastik von Donatello in der Cappella di S.Giovanni, Siena 

Literaturhinweis: Petra Watermann zu Pelz/Fellen als Kleidung in der Bibel > http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/30675/ (erstellt: März 2012)

Sünder, Deprimierte, Geprüfte

Der babylonische König Nebukadnezar wird von höchter Instanz wegen seines Hochmuts in eine Art Wilden Mann verwandelt (Daniel 4,28ff.; hier in der Übersetzung der Zürcher Bibel 1531):

Dann vor zwölff monaten hat der künig gespatziert uff dem pallast deß künigreychs zuo Babel/ und sprach: Das ist die groß statt Babel/ die ich mir selbs zuo einem künigklichen hof gebuwen hab/ mit mächtigem guot/ meiner maiestet zuo eeren. Dise wort hatt der künig noch im mund/ do viel ein stymm herab vom himmel/ sprechende: O NebucadNäzar ein künig/ das laß dir gsagt sein: Das künigreych sol dir genommen werden/ unnd dich wirt man von den menschen verstossen/ das du dein wonung bey den thierenn deß välds haben wirst/ das man dich auch mit kraut wie die ochsen füeteren wirt: unnd sölichs muost du siben jar lang treyben/ bist du innen wirst/ daß der allerhöchst der menschen künigreychen gwaltig ist/ unnd sy dem/ der jm darzuo gefalt/ gibt. Grad in der selbigen stund ward der handel an NebucadNäzar erstattet/ das er von den menschen verstossen ward/ und kraut aß wie ein ochß. Sein leyb ward benetzt von deß himmels thouw/ biß das sein haar so groß als Adler fäderen/ unnd seine negel wie der vöglen klaawen wurdend.

In der Bibel-Illustration sind Darstellungen selten (vgl. T.Husband, 1981, Fig. 8 und 9); dagegen findet sich eine in Rudolf von Ems, »Weltchronik« (ca. 1400/1410):

Quelle: The J. Paul Getty Museum, Ms. 33, fol. 215v (nach einer Seite auf Tumblr)

Berühmt ist die Darstellung Nebukadnezars von William Blake (1757–1827).

Der Inhumane bei Cicero

Auch die heidnische Antike kennt die Vorstellung, dass man mit der ›humanitas‹ auch seine menschliche körperliche Beschaffenheit ablegt. Cicero fragt in »de officiis« (III,82): Gibt es einen Unterschied, ob sich ein Mensch in ein grausames Tier verwandelt oder ob er sich in menschlicher Gestalt so grausam wie ein Tier benimmt? – Quid enim interest, utrum ex homine se convertat quis in beluam an hominis figura immanitatem gerat beluae?

Der Petrarcameister, der die Übersetzung des Johann von Schwartzenberg illustriert hat, zeichnet dazu einen typischen Wilden Mann:

Wann vns verfüert die böß begyer / Verwandelt sich der mensch in thyer.

Officia M. T. C. Ein Buch So Marcus Tullius Cicero der Römer zu seynem Sune Marco. Von den tugentsamen ämptern vnd zugehörungen eynes wol vnd rechtlebenden Menschen in Latein geschriben, Welchs auff begere Herren Johansen von Schwartzenbergs etc. verteütschet Vnd volgens Durch jne in zyerlicher Hochteütsch gebracht. Mit vil Figuren vnnd Teütschen Reymen gemeynem nutz zu gut in Druck gegeben worden, Augspurg: Steyner 1531 . Fol. LXXXI verso oben
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00010109/image_179 

Iwein und der Liebhaber im »Busant«

Im »Iwein«-Roman des Hartmann von Aue lebt der Ritter Iwein nach der Verstoßung durch seine Frau Laudine als ein tôre in dem walde (Vers 3260), aber als ein edeler tôre (3347), bis er durch fremde Hilfe wieder resozialisiert wird.

Übersetzung: Max Wehrli, Hartmann von Aue, Iwein, Zürich: Manesse-Verlag 1988.
Vgl. Michael Graf, Liebe, Zorn, Trauer, Adel. Die Pathologie in Hartmann von Aues Iwein; eine Interpretation auf medizinhistorischer Basis Bern [etc.]: Lang 1989 (Deutsche Literatur von den Anfängen bis 1700; Band 7)

Auch in der Verserzählung »Der Busant« (Der Bussard, Anfang 14.Jh.) fällt der Held in Wahnsinn und wird zum Wilden Mann. Ein Königssohn verliebt sich in eine Königstochter, die aber bereits verlobt ist. Am Hochzeitstag folgt sie dem als Spielmann verkleideten Liebhaber. In einem Wald legen sie sich auf eine Maienwiese; sie entschläft in seinem Schoß. Er zieht ihr einen Ring vom Finger, um ihn zu betrachten. Da schießt ein Raunbvogel nieder und entführt den Ring. Der Mann verfolgt den Vogel, verläuft sich darüber und findet nicht mehr zur verlassenen Frau zurück:

Sîn leit, sîn jâmer was alsô stark
daz im hirn unde mark
Verswant, daz er von sinnen kam.
Der trôstlôs junge man
sîme lîbe manig laster bôt,
[er verwünschte sein Leben]
abe zarte er sîn gewant durch nôt;
Die wîle er rouwet an ein want,
niderliez er sich zehant
und gienc ûf allen vieren,
glîch den wilden tieren,
durch dorn und durch hüste,
der hôchgebôrne vürste.
Menschlîcher sin im gar verswant.
(Verse 605ff.)
Ausgabe: Gesamtabenteuer. Hundert altdeutsche Erzählungen, Ritter- und Pfaffen-Mären, Stadt- und Dorfgeschichten, Schwänke, Wundersagen und Legenden, hg. Friedrich Heinrich von der Hagen, Stuttgart/Tübingen 1850; Band I, Nummer XVI = S.337–366 (mit nhd. Inhaltsangabe).

Szenen der Erzählung sind auf Wandteppichen dargestellt (vgl. Rapp / Stucky Nr. 114), hier das Exemplar aus dem MetMuseum:

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Busant#/media/File:Two_scenes_from_Der...

Der Bärenhäuter

Der desolate Held schließt einen Pakt mit dem Teufel. Dieser verlangt: »Du darfst in den nächsten sieben Jahren dich nicht waschen, dir Bart und Haare nicht kämmen, die Nägel nicht schneiden, und kein Vaterunser beten.« Erfüllt er die Bedingungen, soll er Reichtum erlangen, andernfalls sein Seelenheil verwirken. So geht der Held in abstoßender Gestalt unter die Menschen:

Im ersten Jahr gieng es noch leidlich, aber in dem zweiten sah er schon aus wie ein Ungeheuer. Das Haar bedeckte ihm fast das ganze Gesicht, sein Bart glich einem Stück grobem Filztuch, seine Finger hatten Krallen, und sein Gesicht war so mit Schmutz bedeckt, daß wenn man Kresse hinein gesät hätte, sie aufgegangen wäre. Wer ihn sah, lief fort, …

In der Grimmschen Fassung ist der Held in der Probezeit mildtätig und gottesfürchtig; er hilft einem Armen, dessen jüngste Tochter sich ihm verlobt. Nach Ablauf der Probezeit muss der Teufel ihn säubern usw.

Brüder Grimm, Märchen KHM 101 (erstmals 1815 gedruckt, verändert in der 5.Auflage 1843) > https://de.wikisource.org/wiki/Der_Bärenhäuter_(1843)

In der Fassung von [vermutlch] Grimmelshausen, »Der erste Beerenhäuter« (1670) lautet der ensprechende Passus so:

Dann seine Haar wurden lauter Höllen-Zöpff/ die ihm umb die Achseln herumb hiengen wie Jndianische Schaffschwäntze; Sein Bart war S. H. von Rotz/ Geiffer und andern Unlust in einander gebicht / wie ein grober Filtzhut / seine Nägel hatten eine Gestalt wie Adlers-Clauen / und sein Angesicht lag so voller mistigem Unflaht / daß man dem gemeinen Sprichwort nach / gar wol hette Rubsamen hinein säen können. 

> http://diglib.hab.de/edoc/ed000133/start.htm 

Liminale Figuren

Im Iwein-Roman des Hartmann von Aue (Vers 418ff.) erzählt der Ritter Kalogrenant am Artushof eine Geschichte, die ihm widerfahren ist. Auf der Suche nach Abenteuer sei er einst in den Wald geritten. »Dort drang ich in die Wildnis und fand am späten Vormittag im Walde versteckt eine breite Rodung, doch ohne Leute. Hier bot sich mir zu meinem Schrecken ein schlimmes Schauspiel: Alle möglichen Tiere, die ich je habe nennen hören, sah ich in furchtbarem Streit miteinander kämpfen und ringen. Es kämpften da grimmig und greulich brüllend Wisente und Auerochsen. Nun hielt ich an, ich bereute, dass ich hergekommen war. Und, hätten sie mich wahr genommen, so hätte ich mich nicht anders getraut, mich zu wehren, als Gott um Hilfe zu bitten. Ich begehrte sehr, davonzukommen.«

Do gesach ich sitzen einen man
in allmitten unter in:
daz getrôste mir den sin.
dô ich aber nâher kam,
und ich sîn rehte war genam,
dô vorht ich in alsô sêre
sam diu tier, ode mêre.
sîn menneschlich bîlde
was anders harte wilde:
er was einem Môre gelîc
michel unde als eislîch
daz ez niemen wol beloubet.
zewâre im wars sîn houbet
groezer dan einem ûre.
ez hete der gebûr
ein ragendes hâr ruozvar:
daz was im vast unde gar
verwalken zuo der swarte
an houbet unde an barte,
sîn antlütze was wol ellen breit,
mit grôzen runzen beleit.
ouch wâren im diu ôren
als einem walttôren
vermieset zewâre
mit spannelangem hâre,
breit alsam ein wanne.
dem ungevüegen manne
wâren granen unde brâ
lanc rûch unde grâ;
diu nase als einem ohsen grôz,
kurz, wît, niender blôz;
daz antlütze dürre und vlach;
- ouwî wie eislîch er sach! -
diu augen rot, zornvar.
der munt hâte im gar
bêdenthalp diu wangen
mit wîte bevangen.
er was starke gezan,
als ein eber, niht als ein man:
ûzerhalp des mundes tür
rageten sî im her vür,
lanc, scharpf, grôz, breit.
im was daz houbet geleit
daz im sîn rûhez kinnebein
gewahsen zuo den brüsten schein.
sîn rücke was im ûf gezogen,
hoveroht und ûz gebogen.
er truoc an seltsaeniu cleit:
zwô hiute het er angeleit:
die heter in niuwen stunden
zwein tieren abe geschunden.
er truoc einn kolben alsô grôz
daz mich dâ bî im erdrôz.

Aber da sah ich einen Mann sitzen, mitten unter ihnen, das tröstete mich. Doch als ich ihm näher kam und ihn recht anschaute, bekam ich Angst vor ihm wie vor den Tieren, oder noch mehr. Seine menschliche Gestalt war denn auch unheimlich: er war wie ein Mohr, mächtig und so schrecklich, dass es nicht zu glauben ist. In der Tat war sein Kopf größer als bei einem Auerochsen. Dem Kerl starrte das Haar rußig, es war ganz und gar verfilzt bis zur Schwarte, an Kopf und Bart, sein Gesicht war gut eine Elle breit, mit tiefen Runzeln versehen, die Ohren aber wie bei einem Waldtoren richtig vermoost mit spannenlangem Haar und groß wie Tröge. Der riesige Mann hatte Grannen und Brauen lang, rauh und grau, die Nase breit wie die eines Ochsen, kurz, weit und ganz behaart, das Gesicht dürr und flach. Ach, wie schrecklich er dreinsah: die Augen rot, voll Zorn. Der Mund ging weit in die beiden Backen hinein. Er hatte starke Zähne, wie ein Eber, nicht wie ein Mensch, aus der Maulöffnung ragten sie ihm heraus lang, scharf, groß, breit. Der Kopf stand ihm so, dass seinrauhes Kinn an der Brust angewachsen schien. Sein Rücken war hochgezogen, höckerig und krumm. Er trug seltsame Kleider: zwei Felle hatte er umgelegt, die er nicht lang vorher zwei Tieren abgezogen. Er trug eine Keule, so groß, dass es mir recht ungemütlich dabei wurde. Als ich ihm nahe kam und er mich bemerkte, sah ich ihn sogleich aufstehen und auf mich zugehn. Ob er mir übel- oder wohlgesinnt war, wußte ich nicht sicher, war aber bereit, mich zu wehren. (Übersetzung von Max Wehrli, Hartmann von Aue, Iwein, Zürich: Manesse-Verlag 1988)

Der Waldmann lebt an der Grenze zwischen der Welt der höfischen Kultur und der unzivilisierten Welt. – In einem Fresko auf Schloss Rodenegg ist er dargestellt: https://de.wikipedia.org/wiki/Iwein#/media/File:Iweinwaldmensch.jpg

Literaturhinweis: Lambertus Okken, Kommentar zur Artusepik Hartmanns von Aue, Amsterdam: Rodopi 1993 (Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur 103). S.261–271.

›Groteske‹ Bilder am Rand von Manuskripten / Drucken

Im Luttrell-Psalter (1325-134; British Library Signatur Add MS 42130) findet sich unten auf Fol. 70recto) ein Wilder Mann:

Vorzügliches Digitalisat: http://www.bl.uk/manuscripts/FullDisplay.aspx?ref=Add_MS_42130  

Es fragt sich, ob es sich hier um ein reines Ornament handelt, oder ob ein Zusammenhang besteht mit der Textstelle, wo die Figur steht:  Psalm 36 [Vulgata], 10 Et adhuc pusillum, et non erit peccator ; et quæres locum ejus, et non invenies. (Ps. 37 [MT], 9–12: Denn die Bösen werden ausgetilgt; die aber auf den Herrn hoffen, werden das Land besitzen. Eine Weile noch und der Frevler ist nicht mehr da; schaust du nach seiner Wohnung – sie ist nicht mehr zu finden. Doch die Armen werden das Land bekommen, sie werden Glück in Fülle genießen.)

Auch beim folgenden Beispiel fragt man sich, ob die im Rahmen vorkommenden Wilden Leute einen Zusammenhang haben mit dem Jesus taufenden Johannes im Fellkleid:

Das andechtig zitglögglyn des lebens vnd lidens nach den vviiii stunden vßgeteilt, Basel: Johann Amerbach 1492. > http://haab-digital.klassik-stiftung.de/viewer/image/925985775/110/

Allerdings kommt dasselbe Rahmen-Ornament auch auf anderen Seiten vor, was dagegen spricht; vgl. etwa hier > http://haab-digital.klassik-stiftung.de/viewer/image/925985775/28/

Im »Plenarium deutsch«, Strassburg: Martin Schott, 18.VIII.1483 ist das Blatt zum ersten Tag im Kirchenjahr (erster Sonntag im Advent) bildlich reich ausstaffiert: Ein Bild illustriert die Szene des Tages-Evangeliums (Jesus schickt die Jünger, die Eselin zu holen, Matthäus 21,1ff.); eine Initiale (B zu Brüeder) in Gestalt von zwei Drachen (wiederholt auf fol. IX recto, xix recto); ferner Bordüren, unten an der Seite mit Wilden Leuten. Auch sie haben wohl keinen inhaltlichen Bezug auf die Tages-Epistel (Römerbrief 13,11ff. wo Paulus rät lasset uns ablegen die Werke der Finsternis).

Ausschnitt; die ganze Seite hier > 

http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00030603/image_7 

Exoten in geographischen Beschreibungen

Der einen Reisebericht in den Orient vorspiegelnde Jean de Mandeville (verfasst ca. 1357 bis 1371) will den Wilden Leuten dort begegnet sein. In den frühen Drucken werden sie gezeigt:

Jean de Mandeville [übersetzt von Otto von Diemeringen]: Johannes Von Montuilla/ Ritter, Straßburg: Johannes Prüß 1488. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00083137/image_105

Diodorus Siculus, ein griechisch schreibender Geschichtschreiber (1. Jh. u.Z.), berichtet über Völker in Libyen (Bibliotheca historica III,31) – wir zitieren eine deutsche Übersetzung aus dem Jahre 1554:

Zuo ausserst gegen Mittemtag/ do whonen leüth/ die von den Griechen Cynamolgi/  von den andern Waldtleuth geheissen werden. dise haben grosse lange bärth/ vnd ziehen grosse hauffen wilder hund/ zu schutz ires lebens.

Als ›Abbildung‹ dieses Volkes dient ein Holzschnitt wilder Leute, dessen Bildformel längst bekannt ist.

Diodori des Siciliers / vnd berümptesten Geschicht schreybers/ vonn angfang der Weldt biß zuo jrer bewonung/ vnd rhuomreichen herrschunge fürgefallener geschichten, in: Johannes Herold, Heydenweldt vnd irer Götter anfängklicher vrsprung,  […], Basel: H. Petri 1554; fol. cxxxiiij

(Spätestens) in der 1588 ebenfalls in Basel (bei Sebastian Henricpetri) gedruckten Ausgabe von Sebastian Münsters »Cosmographey« dient der Holzschnitt dazu, ein Volk zu illustrieren, dem Alexander der Große auf seinem Marsch durch den Osten begegnet sei (pag. Mcccxlviij):

Nach disem sind sie fürbaß gezogen vnnd in ein ander gegenheit kommen/ vnd da gefunden Harechtige leut/ Mann vnnd Frawen/ gleich wie die wilden Thier/ ohn alle Kleyder/ neun Schuh lang. Die Jndianer heissen sie Ichthiophagos/ dz sind Fischfresser ...

Conrad Lycosthenes (1518–1561), genauer: sein Übersetzer Johannes Herold (1514–1667) erklärt, wie die Wildleute überhaupt enstanden sind – die Nachkommen Adams müssten ja alle gleich aussehen wie die Protoplasten. Beim Turmbau von Babel hat Gott nicht nur die Sprachen verwirrt (Genesis, Kap. 11), sondern (das steht freilich nicht in der Bibel) auch das Aussehen der Menschen. In der Reihe der seltsamen Gestalten erscheinen die Wildleute zuerst:

Vnd darmit solche zerströuwung die von Babylon jren nammen bekommen/ nitt allein der spraachen halb außkäm […]/ verhänget Gott/ das seltzame vermischungen/ wunderbare geburten härfür brächtind/ Ettliche aber in wüestinen/ von andern mentschen abgescheyden/ gar an gstalt vnnd synnen verwildet. Deren fürnemblich die/ so man Wilde männer nennet/ am meysten vnd ersten gesehen worden. gantz harig/ mit langen bärten/ eben an händen/ füessen/ elbogen/ knüscheiben/ im angesicht/ arßbacken bloß/ sunst rauch/ an alle andre kleidung/ dann das sie die scham mit laub bhäncken.

Wunderwerck oder Gottes unergründtliches vorbilden, das er inn seinen gschöpffen allen, so Geystlichen, so leyblichen ... von anbegin der weldt, biß zu unserer diser zeit, erscheynen ... lassen: Alles mit schönen Abbildungen gezierdt ..., durch Johann Herold ... Verteütscht, Basel: Petri 1557. > http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/0009/bsb00090910/images/

Bei Ulisse Aldrovandi (1522–1605) erscheinen die Waldleute in der »Historia Monstrorum«, ambig eingeordnet nach den Pilosi – das sind Menschen mit Hypertrichose – und vor den Kynokephalen und Satyrn:

Vlyssis Aldrovandi Patricii Bononiniensis Monstrorvm Historia. Cvm Paralipomensis Historiæ Omnivm Animalivm Bartholomaeus Ambrosinvs … Marcus Antonius Bernia in lucem edidit. Proprijs sumptibus ... cum indice copiosissimo, Bononiae: typis Nicolai Tebaldini 1642, S. 19ff.

> http://amshistorica.unibo.it/archivio/000127/000029.jpg

> http://gdz.sub.uni-goettingen.de/dms/load/img/?PID=PPN624580660|LOG_0006&physid=PHYS_0030

Er beschreibt Waldmenschen (homines syluestres), die schon Lycostehenes genannt habe, und dazu Leute eines Volkes, das er Cinnamius populus nennt, die am ganzen Köper behaart seien. (Es gab eine Cinium benannte Kolonie der Lateiner auf den Balearen, vgl. Plinius nat.hist. III,xi,77)

Bei Lycosthenes beruhe vieles nur auf Erzählungen, nicht auf Fakten; er hingegen bringe das Bild eines behaarten Mannes (homo hirsutus), der wirklich vorkomme: Homo villosus manugradus (zottiger auf Händen schreitender Mann):

Im Zusammenhang mit den Entdeckungen der Frühen Neuzeit glaubt man dann auch solche ›Wilden Leute‹ in der Natur zu sehen.

Der Anatom Nicolaes Tulp (1593–1674) bespricht in seinen medizinischen Beobachtungen (Erstausgabe 1641) – nach teratologischen Erscheinungen – in Kapitel LVI den Satyrus Indicus, den Prinz Friedrich Heinrich von Oranien geschenkt bekommen hatte und der von den Einheimischen Orang-outang sive homo sylvestris (Waldmensch) genannt werde: Erat autem hic satyrus quadrupes; sed ab humana specie, quam præ se fert, vocatur Indis orang-autang, sive homo sylvestris. Er beschreibt das Wesen offenbar aus eigener Anschauung, und gibt eine Abbildung in einem Kupferstich, der dann Furore macht. Er geht insbesondere auf die Ähnlichkeit bzw. Verschiedenheit mit dem menschlichen Aussehen ein: das Gesicht täuscht das eines Menschen vor, aber er ist plattnasig: Facies mentiebatur hominem, sed nares simæ. Der Orang geht meist aufrecht, er trinkt artig aus einem Becher und geht zu Bett wie ein höfischer Mensch. Vom Kenner Borneos, Samuel Blommaert, hat er auch von der sexuellen Potenz des Orang gehört, der Menschen-Frauen raubt und notzüchtigt – wie man es von der Geilheit der literarischen Satyrn kenne. Diesen gleiche er überhaupt sehr; und hier zitiert Dr. Tulp antike Quellen…

Nicolai Tulpii Amstelredamensis Observationes medicae, apud Ludovicum Elzevirium, 1652, S. 283–291 > https://books.google.ch/books?id=TCBiAAAAcAAJ&hl=de&source=gbs_navlinks_...

Travestie höfischer Lebensformen

(Travestie: Verspottung von etwas Ernstem durch Beibehaltung des Inhalts und dessen Wiedergabe in einer unpassenden Gestalt, so dass die Diskrepanz zwischen Form und Inhalt lächerlich wirkt.)

Motive der höfischen Minne sind ins Wildleute-Mileu übertragen worden: Turnier, Tanz, Spiel, Jagd – Darstellungsort sind Luxus-Artikel wie Elfenbeinkästchen, Kissenbezüge u.dgl. — Vgl. N. Ott bes. 499–510Rapp Buri / Stucky-Schürer — zur Erstürmung der Minneburg T.Husband Nr. 12–14.

••• Der Kontrast zwischen dem höfischen Tänzerischen und der äußeren Erscheinugnsform wird hier ausgekostet:

Holzschnitt in der Staatsbibliothek München, um 1490; aus: Kurt Pfister, Die primitiven Holschnitte, München, Holbein 1922.

••• Der »Bal des ardents«. Für den gemütskranken Karl VI. (1368–1422) wurde an seinem Namenstag (28. Januar 1393) zur Erheiterung ein Maskenball veranstaltet. Er selbst wollte zusammen mit fünf adligen Freunden als ›Wilde Männer‹ auftreten. Sie schmierten sich mit Pech ein, bedeckten sich mit Federn und Werg und ketteten sich aneinander.

Verkleidung als Wilde Leute als lustvolles, spielerisches Aussteigen aus der Konvention, in die man aber nach dem Ausziehn des Fellkleids wieder bequem zurückkommt?

Wie einem eine Fackel zu nahe kam, entzündete sich die Montur – Löschversuche mit Wasser und Weinkannen taugten wenig – vier der sechs Vermummten verbrannten jämmerlich.

Bild aus einer mittelalterlichen Chronik: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b1/Le_Bal_des_Ardents.jpg

Noch in der Barockzeit wurde über diesen Unfall berichtet:

Bild aus: [Barthold Feind d. J. (1678–1721)], Relationes curiosae, Oder Denckwürdigkeiten der Welt/ worinnen allerhand remarquable Seltenheiten ........ zusammengetragen werden. .... Daß also diese Arbeit gar füglich E. G. Happelii Continuation seiner hiebevor gedruckten curieusen Relationen genannt werden könne. Hamburg, Reumann 1707.

Ein ähnlicher Unfall ereignete sich an der Fasnacht 1570 auf Schloss Waldenburg. In einem Bericht heißt es: … vermummten sich die Herren und der Adel mit einem scheußlichen Habit, ließen an ihre Hosen und Wammes, Arm und Beinen, dick Werg von Flachs mit Faden stark annähen und knüpfen, daß sie hereintraten zotticht und zerlumpt, …

> https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Waldenburg_%28Hohenlohe%29#Waldenb...

Die zeitgenössischen Bilder zeigen eindeutig eine Verkleidung als ›Wilde Leute‹. Hier die Zeichnung in der Sammlung von Johann Jacob Wick (1522–1588):

Das ganze Bild hier > http://www.e-manuscripta.ch/zuz/content/pageview/5674

••• Turnier: Statt der Lanzen halten die Wilden Männer Baumstämme. Bild des Hausbuchmeisters (= Meister des Amsterdamer Kabinetts, ca. 1475/80) Rijksprentenkabinet, Rijksmuseum, Amsterdam

(Aus  ©opyrightgründen hier abgelichtet aus Heinz Thiele, Leben in der Gotik, München. K.Desch 1946, Tafel 16) – Israhel van Meckenem hat die Szene »Gevecht tussen twee wildemannen te paard« in Kupfer gestochen.

••• Die Jagd hat ihrerseits eine vieldeutige Symbolik. Ist gemeint: die Wilden Leute treiben keine Ackerbaukultur, sondern sind Jäger und Sammler? Oder ist es Spott über die Jagd der Adligen?

Wandteppich Wilde Leute auf der Hirschjagd, Wandbehang (Basel, Historisches Museum; auf Wikimedia)

Ureinwohner und Aussteiger

Die Wilden Leute können einen urtümlichen Kulturzustand symbolisieren. Das illustriert möglicherweise dieses Bild eines namentlich unbekannten Monogrammisten:

Quelle?

Jean Bourdichon (ca.1457–1521) malt vier Bilder mit Entwicklungsstufen der Menschheit, modern so benannt:  L’Homme sauvage ou l’État de nature. L’Homme misérable ou l’État de pauvreté – L’Artisan ou Le Travail — L’Homme riche ou La Noblesse. – Man beachte den Kontrast zu den Schlössern im Hintergrund:

École Nationale Supérieure des Beaux-Arts > https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Jean_Bourdichon#/media/File:...
Vgl. dazu Husband Nr. 32 mit Farbtafel X und Abb. 80–83.

Hans Sachs (1494–1576) dichtet Anno salutis 1530. am 2. tag Junij die »Klag der wilden holzleut über die ungetreuen welt«.  Die Wilden Leute schildern eine – unsere – verderbte Kultur.  Daraus einige Verse:

Ach got, wie ist verderbt all welt,
wie stark ligt die untreu zu felt,
wie hart ist grechtigkeit gefangen,
wie hoch tut ungrechtigkeit prangen,
wie sitzt der wucherer in eren,
wie hart kan arbeit sich erneren,
wie ist gemeiner nutz so teuer,
wie füllt der eigen nutz sein scheuer,
wie nimt überhant die finanz,

wie ist die zucht so gar ein spot,
wie ist keuschheit so ellent tot,
wie ist einfalt so gar verdorben,
wie gar ist all freuntschaft gestorben,
wie ist leibes wollust so mechtig,
wie ist hoffart so groß und prechtig,
wie herrscht schmeichlerei so gewaltig,

und in kurz, summa summarum,
was in der welt ist schlecht und frum,
muß von der welt durchechtet werden;
was aber listig ist auf erden,
verschalkt, vertrogen auf all ban,
heißt die welt ein geschickten man.
seit nun die welt ist so vertrogn,
mit untreu, list ganz überzogn,
so seien wir gangen daraus,
halten im wilden walde haus
mit unsern unerzognen kinden,
das uns die falsch welt nit mög finden,
da wir der wilden frücht uns nern,
von den würzlein der erden zern
und trinken einen lautern brunnen.

ein steine höl ist unser haus,
da treibet keins das ander aus,
unser gsellschaft und jubiliern
ist im holz mit den wilden tiern;
so wir denselben nichts nit tan,
laßens uns auch mit friden gan.
also wir in der wüsten sint,

also in einfeltigem mut
vertreiben wir hie unser zeit,
bis ein enderung sich begeit
in weiter welte umb und um,
das jederman wirt treu und frum,
das stat hat armut und einfalt;
den wöll wir wider aus dem walt
und wonen bei der menschen schar.
wir haben hie gewart vil jar,
wenn tugnt und redlichkeit aufwachs.
das balt geschech, wünscht uns Hans Sachs.

(Hans Sachs, Dichtungen. Zweiter Theil: Spruchgedichte, Leipzig 1885, S. 44-48. — Der ganze Text in modernisierter Schreibweise bei http://www.zeno.org/nid/20005573017)

Hans Schäuffelein hat dazu für den Drucker Guldenmundt in Nürnberg 1545 einen Holzschnitt (25 x 27 cm) geschaffen:

Wieder abgedruckt in: Hans Sachs im Gewande seiner Zeit, oder Gedichte dieses Meistersängers; in derselben Gestalt wie sie zuerst auf einzelne, mit Holzschnitten verzierte Bogen gedruckt, […], Gotha: Becker 1821; Nr. XIV.

Fasnachts-Gestalten

Die Fasnacht hat u.a. die Funktion, die eigene Identität durch eine zeitlich eingeschränkte Etablierung einer Gegenwelt zu stärken. (Die Literatur zum Thema Fasnacht, das Karnevalistische ist unübersehbar.)

Zu den drei Figuren Löwe – Vogel Gryff – Wild Maa vgl. den Artikel von Mike Stoll: http://www.baselinsider.ch/jahreshighlights/vogel-gryff/wild-maa.html {zuletzt aufgerufen 14.12.2016}

Bei den Silvesterkläusen in Appenzell Ausserrhoden gibt es die Wüeschte, die den Wilden Leuten ähneln. Es handelt sich dabei um eine junge Mode, die als Vegetationsritus gedeutet wurde. Vgl. Regina Bendix und Theo Nef, Silvesterkläuse in Urnäsch, St. Gallen: Verlagsgemeinschaft 1984; S. 94.

Hierhin gehören die Schembartläufer. – Quellentexte dazu bietet das Grimmsche Wörterbuch (Band 15, 1899, Sp. 1486ff.) unter dem Stichwort Schönbart.

Hans Sachs dichtet am 27. Januar 1548 einen »scheinpart-spruch«. (Er schreibt etymologisierend scheinbart, weil das Wort von Maske, Larve, d.h. scheinbares Angesicht herkommen soll.) Daraus der Beginn, nachher folgt die Geschichte von der Einrichtung des Schembartlaufs:

Als fünffzehen hundert jar
Und neun und dreissig war,
Am montag vor faßnacht,
Als ich gehn Nürnberg bracht
Etlich wahr
[Ware, H.Sachs war ja Schuhmacher] zu verkauffen,
Sach ich ein grosses lauffen
Am marckt für das rath-hauß.
Ich dacht: Was wirdt darauß?
Und macht mich auch hin-auff.
Getrenget stund der hauff.
Ich fragt: Was wirdt geschehen?
Keyner wolt nichtsen jehen,
[Auskunft geben]
Als werens all bethört.
Inn dem ich aber hört
Ein pfeifen unnd ein trummel
Sambt eym grossen gethummel,
Lautem gekleng mit schellen,
Viel fewerwercks ergellen,
Zinck, platz, puff, zinck, platz, puff.
Mit dem eylend her-luff
On alle Ordnung sehr,
Samb wers das wütend heer,
Ein wunder-grosse schar.
Waren vermummet gar.
Das man ir keynen kendt.
Voran im spitz her rendt
Etwas bey neuntzig paren,
Die all geklaydet waren
Inn fechschwentz
[Pelzwerk] rauch vnnd zottet,
Ir scheinpart wüst unnd knottet
Gleich den löwen unnd katzen,
Unnd andern grewling fratzen,
Aller sach unnd gestalt,
Wie man die teuffel malt.
Hetten an ihn schaf-glocken,
Warfen fewer erschrocken.
Die machten raum der schar.
[sie machen der Schar Platz]
Auch loffen etlich par
Holtz-mender
[-Männer] unnd holtz-frawen.
Darundter thet ich schawen
Riesen, die trugen gfangen
Zwerglein an eyßren Stangen.

[…]

Hans Sachs, hg. von Adelbert von Keller; 4. Band,  Litt. Verein Stuttgart 1870, S. 200–208. > https://archive.org/stream/hanssachs18sachgoog#page/n207/mode/2up
 

Schembartbuch der Pickertschen Sammlung. Handschrift, Nürnberger Stadtbibliothek, Nor. K. 444 > https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Schembartlauf?uselang=de#/me...

Sinnbild für rohe Gewalt und sexuelle Potenz

••• In der Heldendichtung »Sigenot« befreit Dietrich von Bern einen Zwerg aus der Gewalt eines Wilden Manns. (Der Zwerg Baldung wird ihm dafür einen Zauberstein schenken, mit dem Dietrich dann im Kampf gegen Sigenot lange Zeit bestehen wird.)

[Der Wilde] het weder harnisch noch wat [Gewand] | Als es auch noch geschryben stat | Wenn das er nur mit hare | Gantz über all bedeckt was | So kleyn [fein] als ist eyn faden.

Die Heidelberger, durchgehend wie ein Trickfilm bebilderte Handschrift Cod. Pal. germ. 67, (um 1470) zeigt diese Szenen schön:

> http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg67/0043

Vgl. den Inkunabeldruck Historia Sigenot, Heinrich Knoblochtzer 1490 – Staatsbibliothek zu Berlin; Preußischer Kulturbesitz > http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0000A92500000013

Literaturhinweise: Joachim Heinzle, Artikel »Sigenot« in Verfasserlexikon Band 8 (1995), Sp. 1236–1239. — Henrike Lähnemann / Timo Kröner: Die Überlieferung des ›Sigenot‹. Bildkonzeptionen im Vergleich von Handschrift, Wandmalerei und Frühdrucken. Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein-Gesellschaft 2003/2004, S. 175–188.

••• Der Held im mit phantastischen Einprengseln durchzogenen Text »Wolfdietrich« (Fassungen B und D) gerät einmal an eine Wilde Frau, genannt die Rauhe Else*, die ihn umarmen (und mehr) möchte und, wie er sich wehrt, zu diesem Zweck dann verzaubert. *) Rauh von mittelhochdeutsch rûch = haarig, struppig [deshalb ist die moderne Ortografie rau dumm].

(Kapitelüberschrift) Hie kam die rauch Elß zuo Wolffdietherichen in den wald. do sy lagen bey dem feüre. Vnnd bezaubert jn mit jrem tzuo gan. vnnd fürt jn mit jr. vnnd bitt jn das er bey jr schlaffe. si wölle jm ein gantz künigkreich geben.

Sie wird so geschildert:

Sy gieng auff allen fieren
recht als ein wilder ber
»Bist du von wylden tieren
Wo magst du kommen her.«
Do sprach die rauhe elße
»Ich bin geheüre
[lieblich, angenehm] gar
Ach edeler fürst mich helße
[umhalse mich]

Das helden buch mit synen figuren, Hagenaw: H.Knoblauch 1509. > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00008027/image_1
Literaturhinweis: Wolfgang Dinkelacker, Artikel ›Wolfdietrich‹, in: Verfasserlexikon, Band 10 (1999), Sp. 1309–1322.

••• Ein Festspiel für den jugendlichen Herzog Karl (später Kaiser des HHR Karl V.) mit dem Titel »Voluptatis cum virtute disceptatio: Carolo Burgundiae duce ... Viennae Pannoniae coram Maria Hungarorum regina […] a Benedicto Chelidonio [† 1521] heroicis lusa uersibus«, Wien bei Johannes Singrenius 1515 hat als Thema die Entscheidung des Herkules für den tugendhaften Weg. Der Titelholzschnitt zeigt indessen den Kampf des Herkules/Karl (beachte die Wappen auf den Schilden) gegen einen zweiköpfigen (?) Wilden Mann.

••• Die mittelalterliche ›Minne‹ ist ein komplexes Phänomen: Ohne emotionalen Antrieb kommt sie ebensowenig zustande wie ohne höfische Zucht. In der Geschichte des Minnesangs gibt es ein Oszillieren: Bald überwiegt die Zurückhaltung, bald das Triebhafte, in den interessantesten Texten verschränken sich die beiden Bestreben paradox. Gerne wird das Verhältnis der beiden Kräfte allegorisch dargestellt, vgl. Ingeborg Glier. Artes amandi, (MTU 34) München 1971.

Auf einem Bildteppich wird gezeigt, wie eine tugendreiche Dame einen Wildmann an einer Kette führt, wozu dieser sagt: ich wil iemer wesen wild, bisz ich zemt ein frouwen bild (Rapp / Stucky Nr. 31).

Denkbar, dass Darstellungen, wo Wilde Leute eine Burg zu erobern suchen, auf deren Zinnen edle Damen weilen, diese Wechselbeziehung darstellt.

Die Erstürmung einer Burg durch Wilde Männer ist dargestellt auf einem Bildteppich (Elsaß ca. 1400–1430), der im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (Objekt / Inventarnr.: Gew3807) aufbewahrt wird. Seltsamerweise sind auch die Verteidiger als Wilde Männer dargestellt – wie ist das psychologisch zu deuten?

> http://objektkatalog.gnm.de/objekt/Gew3807 – online gestellt mit freundlicher Bewilligung des Germanischen Nationalmuseums.
Vgl. Husband Nr. 13 und 14 und die Interpretation von Anjah Kregloh, in: Monster. Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik, (Begleitband zur Ausstellung im GNM), Nürnberg 2015, S.222–225.

Abnormität

Im Anhang zum Kapitel von den wunderlichen Brunnen bringt in seinem »Buch der Natur« Konrad von Megenberg († 1374) eines über die Wundermenschen (Ausgabe Franz Pfeiffer 1861, S. 486–494). Er unterscheidet seelenlose und beseelte, zu den letzten gehören diejenigen, die geprechen haben von gewonheit, daz sint die in den wälden erzogen werdent verr von den vernünftigen läuten und lebent sam daz vieh. (Sie sind also nicht durch astralen Einfluss oder durch physiologische Komplikationen wunderlich, sondern infolge ihrer Lebensweise.) 

Im Cod. Pal. germ. 300 (Werkstatt Diebold Lauber, um 1442–1448?) sind einige dieser Wesen gezeichnet:

Digitalisat der Universitätsbibliothek Heidelberg > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg300/0754

In die Nähe der Wilden Leute kommt der ›Forstteufel‹, der im 16. Jh. Popularität erlangt. Im Gegensatz zu den Wilden Leuten hat er auch Tierfüße und einen Schwanz.

Conrad Gessner (1516–1565) bringt die Geschichte vom Forstteüfel, der 1531 im Bisthuomb zuo Saltzburg/ im Hanßberger Forst beobachtet worden sei. (In Forrers Übersetzung 1563): Wiewol dises thier von niemants mer gesehen worden/ dann eben zuo vnsern zeyten/ vnd gefangen im jar nach Christi geburt M.D.XXXI. [… ist es] on zweyfel ein erschrockenliche bedeütliche wundergeburt gewesen.

Gessner hat es auf einem Flugblatt kennengelernt, da ihm Georg Fabricius samt einer Beschreibung zugesandt hat. Das Monstrum macht sodann Furore: Johann Jacob Wick lässt es für seine Prodigiensammlung zum Jahr 1531 aus Gessners Buch abzeichnen; Pierre Boaistuau übernimmt es in seinen »Histoires Prodigievses« (1568); auf Flugblättern erscheint es in Frankreich und Italien (Vgl. Ingrid Faust, Zoologische Einblattdrucke und Flugschriften vor 1800, Stuttgart: Hiersemann, 1998-2010; Band 5, # 760).

Conradi Gesneri historiae animalium lib. I. de quadrupedibus viviparis, Tiguri: apud Christ. Froschoverum, anno 1551, S. 978 (im Kapitel De Satyro); – deutsche Übersetzung: Thierbuoch. Das ist ein kurtze bschreybung aller vierfüssigen Thieren/ so auff der Erden und in wassern wonend, sampt jrer waren Conterfactur: a[…]  yetzunder aber durch D. Cuonrat Forer zuo mererem nutz aller mengklichem in das Teütsch gebracht, Getruckt zuo Zürych bey Christoffel Froschower im Jar als man zalt M.D.LXIII; fol. XIr.

Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang nochmals die Hypertrichose. Don Pedro Gonzalez  (ca. 1537 bis ca. 1618), vollkommen behaart, stammte aus Teneriffa und lebte als Knabe am französischen Hof als Bediensteter, und gründete eine Familie. Vier Portraits des Don Pedro, seiner (normalen) Frau sowie zwei seiner ebenfalls behaarten Kinder gelangten über Herzog Wilhelm V. Bayern in die Ambraser Sammlung, d.h. in die Wunderkammer Erzherzog Ferdinands II. (1529–1595). In der  »Monstrorum Historia« von Ulisse Aldrovandi (1522–1605) kommen die behaarten Menschen dann vor. Interessant ist der Ort, wo sie ins Buch eingefügt sind: zwischen den homines sylvestres (Waldmenschen) und den Cynocephali.

Ulisse Aldrovandi, Monstrorum historia, Bologna 1642.

Der Wilde Mann für Karikaturen verwendet

••• In der bildpublizistisch geführten Konfessionspolemik zwischen Katholiken und Lutheranern wird der Papst 1545 halb als Teufel, halb als Wilder Mann gezeichnet (Kupferstich von Melchior Lorck). In der Beischrift steht: Der babst heist recht der wildeman | Der durch sein falsches schalckes ban | Al vngluck hat gerichtet an | Das got vndt menschen nicht leiden kann.

Hier (ungenügende Qualität, da Vorlage gerastert) aus: Hartmann Grisar / Franz Heege, Luthers Kampfbilder. Bd. 4: Die Abbildung des Papsttums und andere Kampfbilder in Flugblättern 1538–1545, Freiburg/Br. 1923; Tafel II. — Dasselbe Bild als Holzschnitt von Lucas Cranach d.J.

••• Die Geilheit des alten um ein junges Mädchen buhlenden alten Mannes ist ein beliebtes Motiv. Johann Theodor de Bry, Emblemata secularia, Oppenheim, 1611, fol. 13r inszeniert es so: Eine als Rückenakt dargestellte üppige Frau wird liebkost vom geflügelten Amor – im Hintergrund kriecht ein alter haariger Mann auf allen Vieren aus dem Wald.

Non sene lascivo monstrvm est deformivs vllvm (Kein Monster ist hässlicher als ein lüsterner Greis.)

Pikant: Es handelt sich um eine (seitenverkehrte) Kopie des Bilds von Hans Sebald Beham von ca.1541/45, das S. Iohannes.Crisostomvs darstellt.

••• Eine ganz andere Genealogie (!) hat die Karikatur eines unbekannten Graphikers von Charls Darwin aus »The Hornet« (1871):

 

> https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Editorial_cartoon_depicting_Char...

Vgl. dazu: Janet Browne, Darwin in caricature: A study in the popularisation and dissemination of evolution, in: Proceedings of the American Philosophical Society 145(4), 2001, pp. 496-509. > http://nrs.harvard.edu/urn-3:HUL.InstRepos:3372264

Heraldik

Die wilden Leute kommen oft vor in der Heraldik.

Hier stehen sie als Gemeine Figur für den Familiennamen (Ruch, Hartmann, Tanner, Bartels o.ä.) oder sie versinnbildlichen als Wappenhalter möglicherweise Schutz der Familie oder evozieren deren Zeugungsfähigkeit.

Druckermarke des Verlegers Sigmund Grimm († ca. 1530), aus: Augsburgs Buchdruckergeschichte nebst den Jahrbüchern derselben/ verfasset, herausgegeben und mit literarischen Anmerkungen erläutert von Georg Wilhelm Zapf  [1747–1810], Augsburg: bey Christoph Friedrich Bürglen, Buchhändler, [Band I] 1786 > http://www.e-rara.ch/zuz/content/pageview/11814586

Wenn die Wappen der Drei Bünde (> https://de.wikipedia.org/wiki/Drei_Bünde) nebeneinander dargestellt wurden, konnte das Wappen des Zehngerichtebunds so aussehen: Der Wilde Mann allein, eine Tanne haltend.

Auf dem Graffito an der Hauswand am Plaz d’Ora in Santa Maria (Foto von R.Günthart) von links nach rechts: Grauer Bund — Gotteshausbund — Zehngerichtebund. Ist der Wilde Mann hier eine Personifikation der Libarta … in Etern (vgl. den Text unter dem Wappen)?

Als Schildhalter:

Glasfenster auf der Kyburg (Foto von P.Michel)

Am bekanntesten ist wohl der Wilde Mann als Schildhalter auf Dürers Wappen mit dem Totenkopf (Kupferstich 1503); schwer zu deuten.

Möglicherweise ist auch der Wilde Mann auf dem Revers von Münzen hier einzuordnen:

 

Taler des Münzmeisters Henning Schlüter, 1636. Wilder Mann mit Tanne, Umschrift in deutscher Sprache: ALLES.MIT.BEDACHT.ANNO.1636 (Welter 817, Davenport 6335). — Alles mit Bedacht war das Motto von Herzog August dem Jüngeren, 1635-1666 Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel. Wie es sich auf die Figur des Wilden Mannes bezieht?

Vielleicht kann man Wirtshausnamen ebenfalls hier subsumieren; vom Wappen der Hauseigentümer wäre nur der Schildhalter übrig geblieben:

(Foto von P. Michel Zürich)

Literaturhinweise

Richard Bernheimer, Wild Men in the Middle Ages. A Study in Art, Sentiment and Demonologie. Cambridge Harvard University Press 1952.

Lise Lotte Möller, Die Wilden Leute des Mittelalters. Ausstellung vom 6. September bis zum 30. Oktober 1963, Hamburg: Museum für Kunst und Gewerbe, 1963.

Ilse Wirth, Fellkleid als Attribut, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. VII (1980), Sp. 1170–1210. > http://www.rdklabor.de/w/?oldid=89326

Timothy Husband, The Wild Man. Medieval Myth and Symbolism, New York: Metropolitan Museum of Art 1981.  [14 Farbtafeln und 134 Bilder]

Lucas Wüthrich, Die Wandgemälde im Haus ›Zum Paradies‹ in Zürich (Kirchgasse 38), in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 41 (1984), S 176–192. > http://dx.doi.org/10.5169/seals-168399

Anna Rapp Buri / Monica Stucky-Schürer, Zahm und wild. Basler und Strassburger Bildteppiche des 15. Jahrhunderts (Katalog zur Ausstellung im Historischen Museum Basel),  Mainz: von Zabern 1990.

Norbert H. Ott, Travestien höfischer Minne. Wildleute in der Kunst des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, in: Europäische Ethnologie und Folklore im internationalen Kontext. in: Festschrift Leander Petzoldt zum 65. Geburtstag, hg. von Ingo Schneider, Frankfurt a.M. usw. 1999, S. 489–511.

P. J. Blumenthal, Kaspar Hausers Geschwister. Auf der Suche nach dem wilden Menschen, 2. Auflage Wien: Deuticke 2003. 

Michael Curschmann, Konventionelles aus dem Freiraum zwischen verbaler und visueller Gestaltung, in: Literatur und Wandmalerei II. Konventionalität und Konversation. Burgdorfer Colloquium 2001, hg. von Eckart Conrad Lutz, Johanna Thali und René Wetzel, Tübingen 2005, S. 237–252.

G. Ulrich Großmann, Wilde Leute im Wandel der Zeiten, in: Monster. Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik, Bearb. von Peggy Große, G. Ulrich Großmann, Johannes Pommeranz. Begleitband zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum vom 7. Mai bis 6. September 2015, Nürnberg 2015, S. 205–220.

Hübsch ist der Blog von Egidija Čiricaitė: http://www.blog.egidija.com/2013/12/hairy-men-wild-men-woodwose.html {zuletzt abgerufen am 13.12.2016}

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilder_Mann

http://demonagerie.tumblr.com/tagged/wild-men {26.03.2017}

Hunderte von – unkommentierten! – Bildern erreicht man mittels einer Suche im WWWeb etwa mit dem Stichwort woodwose.

Dank an Romy G. für viele Anregungen!