Tiere in Satire und Karikaturen

Tiere als Darstellungs-Technik für Satire und Karikatur

 

Walther von der Vogelweide
Hans Sachs
Günter Kunert
Grandville
Grobianus
David Hess
Wilhelm Naschinski
Käthe Olshausen-Schönberger
Lenepveu
Luther Melanchthon Cranach
William Kentridge

 

Satire

Walther von der Vogelweide

Zweiter Spruch im Reichston (Lachmann 8,28–9,15). Hintergrund ist der Machtkampf zwischen den Staufern (Philipp von Schwaben) und Ottonen (Otto von Braunschweig) bei der Nachfolge Heinrichs VI († 1197). Walther ergreift Partei für Philipp, den er ermuntert, seine königliche Gewalt zu ergreifen und die nicht zum Regiment Bestimmten sich ihm unterzuordnen –  und der im September 1198 tatsächlich gekrönt wird, d.h. die Kaiserkrone mit dem unvergleichlichen Edelstein (dem weisen) aufsetzt.

Ich hôrte ein wazzer diezen
und sach die vische fliezen;
ich sach swaz in der welte was,
welt valt loup rôr unde gras.
swaz kriuchet unde fliuget
und bein zer erde biuget,
daz sach ich, unde sage iu daz:
der keinez lebet âne haz.
daz wilt und daz gewürme
die strîtent starke stürme,
sam tuont die vogele under in,
wan daz si habent einen sin:
si dûhten sich ze nihte,
si enschüefen starc gerihte.
si kiesent künege unde reht,
si setzent hêrren unde kneht.
sô wê dir, tiuschiu zunge,
wie stât dîn ordenunge!
daz nû diu mugge ir künec hât,
und daz dîn êre alsô zergât.
bekêrâ dich, bekêre!
die cirkel sint ze hêre,
die armen künege dringent dich:
Philippe setze en weisen ûf, und heiz si treten hinder sich.

Für die Tiersymbolik wichtig die Verse der keines lebent âne haz ff.. Übersetzung: Kein Tier lebt ohne Feindschaft. Die wilden Tiere, die Kriechtiere, die fechten harte Kämpfe untereinander, und ebenso die Vögel. Doch in einem haben sie die Vernunft bewahrt: sie wären nicht lebensfähig, hätten sie nicht ein starkes Regiment geschaffen; sie wählen Könige und setzen Rechtsordnungen ein, sie bestimmen, wer Herr und wer Knecht sein soll. Dagegen: Weh dir, du deutsches Land, wie steht es um deine Staatsordnung, dass die Biene ihren König hat, und dein Ansehen so schwindet.

Die Tiere sind vernünftiger als die Menschen, insofern sie den von Gott gesetzten ordo wahren. Dazu nur diese Hinweise:

Pax omnium rerum tranquillitatis ordinis. Ordo est parium dispariumque rerum sua cuique loca tribuens dispositio. —  Der Friede für alle Dinge ist die Ordnung. Ordnung ist die Verteilung der gleichen und ungleichen Dinge, die jedem seinen Platz zuweist. – Augustinus, Civitas Dei XIX, 1.

[…] ordinem creaturarum a summa usque ad infimam gradibus iustis decurrere […] — Die Ordnung der Geschöpfe führt vom Höchsten bis zum Niedersten in gerechter Stufenfolge hinab. Augustinus, de libero arbitrio, lib.III, ix,2

Wenn ein Geschöpf seine eigene und ihm gleichsam vorgeschriebene Ordnung (praeceptum ordinem) – sei es von Natur oder aus Vernunft – wahrt, so sagt man, dass es Gott gehorcht und ihn ehre, und das vornehmlich bei der vernünftigen Kreatur, der es gegeben ist zu verstehen, was sie soll. Will sie, was sie soll, so ehrt sie Gott; nicht weil sie ihm etwas schenkt, sondern weil sie sich freiwillig seinem Willen und seiner Anordnung unterwirft und ihren Platz im All der Dinge und die Schönheit dieses Alls wahrt (in rerum universitate ordinem suum et eiusdem universitatis pulchritudinem servat).
Anselm von Canterbury (1033/4 – 1109), Cur Deus homo, Cap. XV.

Die Bienen (in Walthers Gedicht: mugge) sind seit alters berühmt für ihre "Staats"-Ordnung.

Plinius, nat.hist XI, iv,11: rem publicam habent; mores habent.

Johannes von Salisbury (um 1115–1180), »Policraticus« VI,21 sagt, ut vita civilis naturam imitetur, quam optimam uiuendi ducem saepissime nominauimus (dass das Gemeinwohl die Natur nachahmen soll, die wir oftmals als beste Führerin genannt haben) und zitiert dann über 40 Verse aus Vergils Georgica, IV

Ps.-Hugo von St.Viktor »de bestiis« III,38 (PL 177,98B): Ipsae sibi regem faciunt et ordinant. Ipsae populos creant. [Quelle wahrscheinlich: Ambrosius, Exameron V. Tag, xxi, 68]

Konrad von Megenberg (1309–1374) III, F, 1 die peinn [Bienen] machent under in ainen küng und ain volk, daz dem küng gehôrsam ist, und wie daz sei, daz si all under aim küng sein, iedoch sint si frei und habent ain wirdikait und ain vorêr in irm geriht und in irr beschaidenhait und ain andæhtig gir zuo ganzen trewen, wan si habent irn küng liep, den si gesetzet habent, und êrent in mit sô grôzem vleiz, daz si nümmer wider in getuont und in nümmer erzürnent, und daz ist pilleich, wan der küng hât sunderleich sänftikait gegen dem volk, sô behelt daz volk sein gehôrsam gegen dem küng auch pilleich. die peinn habent sunderleich samnung und vliegent scharot zuo irm weisel.

Die Sekundärliteratur ist beträchltich. Nur ein Hinweis: Thomas Cramer "Ich sach swaz in der welte was". Die Ordnung des Kosmos in Walthers zweitem Reichsspruch, In: Zeitschrift für deutsche Philologie Bd. 104 (1985) S. 70–85.

 

Hans Sachs

»Die wittembergisch nachtigal, die man iez höret überal« (Anno salutis 1523. am 8. tage Julij)

http://diglib.hab.de/drucke/115-2-quod-16s/start.htm?image=00001

http://www.zeno.org/Literatur/M/Sachs,+Hans/Gedichte/Spruchgedichte+%28A...

 

Günter Kunert (geb. 1929) 

Die Schreie der Fledermäuse

Während sie in der Dämmerung durch die Luft schnellen, hierhin, dorthin, schreien sie laut, aber ihr Schreien wird nur von ihresgleichen gehört. Baumkronen und Scheunen, verfallende Kirchtürme werfen ein Echo zurück, das sie im Fluge vernehmen und das ihnen meldet, was sich an Hindernissen vor ihnen erhebt und wo ein freier Weg ist. Nimmt man ihnen die Stimme, finden sie keinen Weg mehr; überall anstoßend und gegen Wände fahrend, fallen sie tot zu Boden. Ohne sie nimmt, was solst sie vertilgen, überhand und großen Aufschwung: das Ungeziefer.
(wann zuerst publiziert? 1979 bei Hanser in München?)

G. Kuntert lebte in der DDR. 1977 wurde Wolf Biermann aus der DDR ausgewiesen, was die dissidenten Intellektuellen in eine Krise stürzte;
vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Wolf_Biermann#Ausbürgerung_aus_der_DDR

Hintergrundswissen:

»Staunenerregend ist die Feinheit ihres Gefühls, womit besonders das äußere Ohr und die Nasenblätter begabt sind, das sie in den Stand setzt, auch geblendet jedes annähernde Hinderniß im Fluge zu spüren u. ihm auszuweichen (Spallanzanis Versuche).«  Herders Conversations-Lexikon, Freiburg/Br. 1854, Band 2

Kunert nimmt nicht genau Bezug auf Lazzaro Spallanzani (1719–1799), der den Fledermäusen Kappen über den Kopf zog, wobei dass sie sich nicht mehr orientieren konnten, während Tiere, die er geblendet hatte, Hindernisse umfliegen konnten, und Louis Jurine (1751–1819), der den Tieren die Ohren verstopfte und dabei bemerkte, dass sie hilflos wurden, – sondern schreibt: Nimmt man ihnen die Stimme, ... Es geht ihm offensichtlich um andere Lebewesen: die Schriftsteller. Und wer mit dem Ungeziefer gemeint ist, das hat der Staatssicherheitsdienst wohl schon gemerkt.

 



Karikaturen I

Ia Tiergesicht auf Menschenleib

Die Karikaturen vor ca. 1780 zeigten allgemeinmenschliche Typen mit ins Tierische verformten Gesichtern (z. B. der Knausrige) oder sie veräppelten Modetorheiten (aufgetürmte Frisuren); Personen der hohen Politik waren an Attributen erkennbar (der Papst trägt die Tiara) oder dann wurde der Name absichtlich falsch metaphorisch verstanden (der Papst Leo wurde als Löwe dargestellt). Die Physiognomien der gemeinten Personen waren ja nicht durch Massenmedien bekannt. Ein Ausnahme bildet Martin Luther, der immer wieder porträtiert wurde.

Im Printmedium vervielfältigte Portrait-Serien berühmter Leute gibt es – abgesehen von Flugblättern – erst iim späteren 16. Jahrhundert: Paulo Giovio, Elogia virorum bellica virtute illustrium, Basel 1575 und Nikolaus Reusner, Contrafacturbuch. Ware und lebendige Bildnussen etlicher weitberhumbten u. hochgelehrten Männer in Teutschland, Straßburg 1587.

Erst zur Zeit Napoleons setzen sich übertrieben gezeichnete Gesichtszüge als Mittel der Karikatur durch (sog. personale Individualkarikatur, vgl. ital. caricatura ›Übertreibung‹).

Grandville

Einer der größten Karikaturisten war Grandville (Jean Ignace Isidore Gérard, 1803–1847). Seinen Durchbruch erzielte er mit den Farblithographien in »Les Métamorphoses du jour« (1828/29), wo er Menschen mittels aufgesetzten Tierköpfen charakterisierte. Die Physiognomie, die eine Analogie zwischen Gesichtszügen und Persönlichkeitsmerkmalen postulierte, war damals wieder in Mode.

Beispiel: Das Bild zeigt eine Eine Katze, die am Totenbett einer Maus ins Taschentuch heult – dazu der Text: Misére, hypocrisie, convoitise.

In den Jahren nach der Julirevolution zeichnete Grandville politische Karikaturen. Als die restriktiven Pressegesetze unter König Louis-Philippe nach 1835 politische Karikaturen verunmöglichten, illustrierte Grandville mehrere belletristische Bücher und wandte sich satirischen Darstellungen zu, die allgemeine Unzulänglichkeiten und Torheiten des Lebens geisseln.

So versah er die 1840–1842 erschienen satirischen Beiträge mehrere Autoren (worunter Balzac, Charles Nodier, George Sand) »Scènes de la vie privée et public des animaux. Études de mœurs contemporaines« mit ›Vignettes‹. – 1846 erschien unter dem Titel »Bilder aus dem Staats- und Familienleben der Thiere« eine deutsche Adaptation des Buchs von August Diezmann (Neusatz  als insel taschenbuch 214, Frankfurt/M. 1976)

Daraus ein Beisplpiel: Die Lebensgeschichte eines Hasen (Histoire d’un lièvre) beschreibt die Schicksale in der Maske von Tieren; die Technik der Verfremdung ist ein altes literarisches Werkzeug der Satiriker. Die Hasenwelt ist vollkommen menschlich dargestellt, die Menschen handeln dagegen bestialisch. Der Hase macht dennoch die Bekanntschaft mit einem liebenswerten Menschen. Dieser, vollkommen verarmt, erkrankt und stirbt bald darauf. Um den Hauswirt zu bezahlen, der ein sehr harter Mann war und Herr Geier heisst, werden nun die Habseligkeiten des Armen verkauft: On vendit son lit, sa table et sa chaise, pour payer le médecin, le cercueil et le propriétaire, un homme très-dur, qui s’appelait Monsieur Vautor.– Hier kehrt sich die Polarität um: die Züge des als Leichenfledderer verhassten Vogels werden dem geldgierigen Hauswirt übergestülpt, und Grandville bekommt sein Mischwesen:

Scènes De La Vie Privée Et Publique Des Animaux. Études De Mœurs Contemporaines, Publiées Sous La Direction De M. P.-J. Stahl, Avec La Collaboration De Messieurs De Balzac ... Vignettes Par Grandville, Paris: J. Hetzel Et Paulin, Éditeurs 1840–1842.

Im Hintergrund steht wie erwähnt die Physiognomie. Hierzu ein Abschnitt aus demgrundlegenden Werk von Giambattista Della Porta (1535–1615) »De humana physiognomia« (1586). Hier stellt er das Profil eines Adlers einem Portrait des Kaisers Galba gegenüber:

De humana physiognomia Ioannis Baptistae Portae Neapolitani, Libri IIII, qui ab extimis, quae in hominem corporibus conspicuntur signis, ita eorum naturas, mores & consilia ..., M. D. XCIII Hanoviae, Apud Guilielmum Antonium.

Qui nasum aduncum habet, a fronte bene articulatum, magnanimi inde coniiciuntur, exempo quauilarum ...

Menschen mit von der Stirn gut abgesetzten Hakennasen stellt Aristoteles an Großmut den Adlern gleich. Polemon und Adamantius halten Hakennasen für ein Zeichen von Großmut. Albertus eignet nach Loxus den Großmütigen die Nase eines Adlers zu, wie man solche Nasen ja gemeinhin Adlernasen zu nennen pflegt. sie gewissermaßen für königlich hält.. da der Adler als König der Vögel gilt. und ihnen einen herrlichen, vornehmen Sinn zuschreibt. Bei den Persern galten solche Nasen als eine große Zierde, wie Xenophon und Plutarch in ihren Geschichten von Cyrus erwähnen. und noch heute kann bei ihnen niemand ohne eine gute Nase zu hohen Würden kommen. Den Cyrus priesen die erwähnten Schriftsteller wegen seiner Großmut und Kühnheit. Artaxerxes, der große Perserkönig aus des Cyrus Geschlecht. hatte eine Hakennase und war sehr freigebig: er erwiderte oft die geringsten Geschenke mit viel Gold, ja sogar mit Städten und ganzen Provinzen. […]. Der Türkenkaiser Mahomet II. hatte eine sehr krumme, beinahe die Oberlippe berührende Nase und war sehr hochsinnig. […] Eine ähnliche Nase hatte der Perserkönig Ismael Sophus und lebhafte, glänzende Augen: er war freigebig, ehrgeizig, kriegerisch und in Gefahren froh und zuversichtlich.

moderne dt. Übersetzung: Johannes B. Porta, Die Physiognomie des Menschen; zur Deutung von Art und Charakter der Menschen aus den äusserlich sichtbaren Körperzeichen, Radebeul/Dresden: Madaus, 1930.

Martin Blankenburg: “Physiognomik, Physiognomie”, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hg. Joachim Ritter u. Karlfried Gründer, Basel, Darmstadt 1971ff., Bd. 7 (1989), Sp. 955–963.

Claudia Schmölders, Das Vorurteil im Leibe. Eine Einführung in die Physiognomik, Berlin 1995.

Johannes Saltzwedel, Das Gesicht der Welt. Physiognomisches Denken in der Goethezeit. München 1993.

Die anthropologische Grundlage liefert Konrad Lorenz:

Hier referiert von Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Grundriß der vergleichenden Verhaltensforschung, München / Zürich: Piper 1967.

Tiere eignen sich – weil bestimmte Kulturgemeinschaften bestimmten Tierarten fixe ›Charakter‹-Eigenschaften zuordnen – hervorragend zur Visualisierung von menschlichen Verhaltens-Stereotypen.

Die Tradition ist lang und vermengt sich mit den Personifikationsallegorien und der Tierfabel.

Als Titelbild zeigt der Grobianus-Traktat trunkene Studenten und schreibt dazu Liß wol diß büechlin offt vnd vil/ Vnd thuo allzeit das widerspil.:

Grobianus/ Von groben sitten/ vnd vnhöflichen geberden/ Erstmals in Latein beschriben/ durch den wolgelerten M. Fridericum Dedekindum/ vnd jetzund verteutschet durch Casparum Scheidt von Wormbs, Worms: Gregor Hoffman 1551. – [Nachdruck  der lat. und dt. Texte mit einem Vorwort von Barbara Könneker; Darmstadt: wbg 1979].

Der Zürcher Kritiker der nachrevolutionären Verhältnisse und demokratischer Bestrebungen, David Hess (1770–1843), karikiert 1831 den "Geist unserer Zeit" als teuflisches Wesen, das Plakate zur Souverenitaet des Volks, zur PressFreyheit u.a.m. aufhängt und die Symbole der Religion mit (Bocks-)Füßen tritt:

Bildnachweis: John Grand-Carteret, Les moeurs et la caricature 1885, Fig. 222

In »Des Lahrer Hinkenden Boten neuer historischer Kalender für den Bürger und Landmann auf das Jahr 1881« findet sich ein launiger Artikel von Wilhelm Naschinski zum Thema Die Injurie. Der Illustrator hat sich inspiriert an den Sätzen:

"Unerforschlich durchforscht der Mensch alle Reiche der Natur nach Sinnbildern, die sich zur Kennzeichnung seines Nebenmenschen eignen. Die größte Ausbeute liefert ihm natürlich das Thierreich, dessen nahe Verwandtschaft mit uns nachgewiesen zu haben das unsterbliche Verdienst Darwin’s ist. Namentlich unsere nützlichen Hausthiere, als Ochs, Esel, Schaf, Gans, Hund, Katze ... lassen sich so bequem zur treffenden Schilderung unserer Nächsten gebrauchen." (S.5)

 

Von liebenswürdiger Delikatesse sind die Zeichnungen der genialen Illustratorin Käthe Olshausen-Schönberger (1881–1968), die immer wieder gesellschaftliche Rollen mit Tier-Mensch-Komposita karikiert hat. Hier der Chor der Mauerblümchen:

Bildnachweis: Fliegende Blätter Band CXXVI (München: Braun und Schneider 1907), Nr. 3213, S. 95.

Von solchen Bildern mag diese Karikatur angeregt sein:

Die verschiedenen Typen der Teilnehmer einer Diskussionsrunde; Kursunterlagen unbekannter Herkunft (aus der Typographie zu erschließen: Deutschland,  ca. 1950er Jahre). 

Ib Menschenkopf auf Tierleib

Wenn nicht Rollen, sondern Individuen karikiert werden sollen, muss das Verfahren umgedreht werden: dann wird ein menschlicher Kopf auf einen Tierleib gesetzt.

Die in Wien erscheinende Satirezeitschrift »Kikeriki« karikierte am 29. August 1870 nach dem  Deutsch-Französischen Krieg Bismarck als Pfau. Die Federn sind angeschrieben mit den Kriegsschauplätzen, an denen Preussen erfolgreich war: Wörth, Mars-la-tour, Gravelotte, Vionville, Metz u.a. 

(Ed. Fuchs, Karikatur, Band 2, Abb. 247; Digitalisat der ÖNB: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=kik&datum=18700829&seite=4&zo... )

Der französische Hauptmann Alfred Dreyfus (1859–1935) wurde der Spionage für Deutschland beschuldigt und 1894 zu lebenslänglicher Verbannung verurteilt. Nachdem seine Unschuld immer offensichtlicher wurde, strengten liberale Kreise ein Revisionsverfahren an, so dass der Prozess 1899 nochmals aufgerollt wurde. – Im Zusammenhang mit der Dreyfus-Affäre erschien zwischen 1899 und 1901 eine Serie von 51 antisemitischen Plakaten, die sich als »Musée des Horreurs« anpries und mit denen die Vertreter derjenigen Franzosen diffamiert wurden, die den Justizirrtum brandmarkten, vor allem Politiker und Publizisten. Als Zeichner firmiert ein ›Victor Lenepveu‹, dessen Identität bis heute nicht ausgemacht wurde. Die Karikaturen folgen dem Typ, der ein realistisches Porträt auf den Leib eines negativ konnotierten Tiers setzt.

Auf dem Plakat »Le Roi des porcs« wird Emil Zola karikiert, der mit seinem an den Staatspräsidenten gerichteten offenen Brief  »J’Accuse ...!« (in: L’Aurore, 13 janvier 1898) auf die skandalöse Rechtsbeugung aufmerksam gemacht hatte. Zola besudelt als Schwein mit seinen Exkrementen die Landkarte Frankreichs.

Quelle: http://fr.wikipedia.org/wiki/Fichier:Musée_des_Horreurs_4.jpg (Cette image est dans le domaine public car son copyright a expiré.)  Alle Plakate in der Alfred Dreyfus Collection Ms 422 Special Collections, Milton S. Eisenhower Library, The Johns Hopkins University: http://www.flickr.com/photos/hopkinsarchives/sets/72157623336737108/   

 

Literaturhinweise

John Grand-Carteret, Les moeurs et la caricature en Allemagne, en Autriche, en Suisse, Paris: Westhausser 1885.

Eduard Fuchs, Die Karikatur der europäischen Völker. 1: Vom Altertum bis zur Neuzeit – 2: Vom Jahre 1848 bis zur Gegenwart, Berlin: Hofmann 1901/03.

Karl Storck, Musik und Musiker in Karikatur und Satire. Eine Kulturgeschichte der Musik aus dem Zerrspiegel, Oldenburg: Stalling 1910.

Bild als Waffe. Mittel und Motive der Karikatur in fünf Jahrhunderten, hg. von Gerhard Langemeyer, Gerd Unverfehrt, Herwig Guratzsch und Christoph Stölzl, München: Prestel 1984.

Walter Koschatzky [u.a.], Karikatur & Satire. Fünf Jahrhunderte Zeitkritik, Münche: Hirmer 1992 .

Gisold Lammel, Deutsche Karikaturen vom Mittelalter bis heute, Stuttgart: Metzler 1995.

 



Karikaturen II

Von anderer Art sind die Karikaturen vom Typ der Allegorien

Papstesel

1523 pulizierten Luther und Melanchthon gemeinsam eine 15 Seiten umfassende Bilderkampfschrift mit dem Titel »Deuttung der czwo grewlichen Figuren Bapstesels czu Rom und Munchkalbs zu Freyberg ynn Meysßen funden«, Wittemberg: Grunenberg, 1523 (VD 16 M 2989).

In seiner Chronik »Annali Veneti« zitiert der Venzianische Kapitän und Senator Domenico Malipiero (1428–1515) einen Brief des Gesandten in Roms an die Signorie, wonach man 1496 im Tiber ein Monstrum gefunden habe mit dem Kopf eines Esels und dem Leib einer Menschenfrau, der rechte Hand habe am Ende einen Elefantenrüssel, es habe ein Adlerfuß und ein Ochsenfuß; am Hintern ein bärtiges  Männergesicht und einen in einen Schlangenkopf endenden Schwanz. – Es gibt einen Kupferstich des Wenzel von Olmütz, datiert 14. Januar 1496 (ROMA CAPUT MUNDI, Lehrs VI.243.65 = British Museum AN75552001), der diesenBericht genau visualisiert. Hier war das Monstrum noch nicht satirisch gemeint, sondern als Prodigium, wie wir es aus der zeitgenössischen Flugblattliteratur kennen. Die Figur wird durch Raum-Chiffren nach Rom lokalisiert: Im Hintergrund am einen Ufer des Tiber die Engelsburg mit der päpstlichen Fahne, am anderen die Torre di Nona.

Der den Stich kopierende Holzschnitt der Kampfschrift von 1523 stammt vermutlich von Lukas Cranach. (Er wurde 1523 bis 1535 mehrfach umgezeichnet und abgedruckt.)

Neu ist der polemische Text. Das Wesen sei – richtig gedeutet – ein Hinweis Gottes auf den Untergang des Papsttums. Luther und Melanchthon instrumentalisieren die gängige Prodigienliteratur (wonach Gott in solchen Missgeburten seine Meinung kundtut oder künftige Ereignisse andeutet) für die politische Propaganda. Die einzelnen Gliedmaßen werden wie bei den Lasterallegorien allegorisch gedeutet.

¶ Auffs erst, bedeutt der Esels kopff den Bapst, denn die kirche ist ein geystlicher leyb … Darumb sol und kan sie kein leyplich heupt … haben, Sondern allein Christum, der ynnwendig im geyst durch den glauben in den hertzen regirt …

Nu aber hat sich der Bapst selbs zu eußerlichem leyplichen heupt der kirchen auffgeworffen. Darumb ist er durch disen esels kopff auff dem menschlichen leybe bedeut. Denn gleich wie sich ein Esels kopff auff ein menschen leyb reymett, so reymett sich auch der Bapst zum heupt uber die kirche.
¶ Auffs ander, die rechte hant ist gleich einem Elephanten fuß, bedeut aber das geystlich regiment des bapsts, damitt er zutritt alle schwache gewissen …
¶ Auffs dritte, die lincke menschliche hand bedeut des bapsts weltlich regiment. Denn wie wol sie keyns haben solten, … so hats der bapst doch … zu wegen bracht, das er nicht allein weltlich regiment hatt mehr dann kein konig, sondern ist auch datzu uber alles weltlich regiment der uberst …
¶ Auffs vierde, der rechte fuß ist ein ochssen fuß, bedeutt des geystlichen regiments diener, die das Bapstum in solchem unterdrucken der seelen erhalten und tragen: das sind die bepstliche lerer, prediger, pfarrer und beychtvetter, sonderlich aber die Theologi Scolastici. …
¶ Auffs funffte, der lincke fuß ist gleich wie ein greyssen klawe, bedeut des weltlichen regiments diener, die Canonisten, … die selbst bekennen, das die lieben Canones noch eyttel geytz stincken …
¶ Auffs sechst, der weybisch bauch und brust bedeut des Bapsts corper, das sind Cardinal, bischoff, pfaffen, munch, studenten und der gleichen hurn volck und mast sew. …
¶ Auffs sibent sind sich schuppen an den armen, beynen und hals unnd nicht an der brust noch bauch, bedeutten die weltlichen fursten unnd herrn. denn das meer yn der schrifft bedeutt dise welt fisch bedeutten die weltliche menschen, wie sant Peters netz Christus selb deuttet … So bedeutten die schuppen das ankleben unnd an hangenn, … Also haben allzeit gehangen und hangen noch die fursten und herrn und was weltlich ist am Bapst und seinem regiment.
¶ Auffs achte, der alte mans kopff auff dem hindersten bedeut das abnemen unnd ende des Bapstums, denn yn der schrifft deuttet das angesicht komen und der rucke oder hinderst das weg gehn. …
¶ Auffs neunde, der trach, der das maul aufz seynem hyndersten auffsperret oder fewer speyet, bedeut die gifftigen grewlichen bullen und lester bucher, die ytzt der Bapst und die seynen yn die wellt speyen, damit si jederman fressen wöllen. …
¶ Das zehende, das dißer Bapstesel zu Rom unnd nicht anderswo funden ist, Bestettiget alle das vorige, das mans von keiner andernn herschafft verstehn kan denn von der zu Rom. …
 
(Vgl. den verwandten Fall des Porcus Marinus -Flugblattes1537.)
 
Nachleben: 2016 hat der südafrikanische Künstler William Kentridge in Rom auf  550 Metern Tibermauer unter dem Motto »Trionfi e Lamenti« die Geschichte Roms in etlichen Verrätselungen und mit Gags versehen angebracht. Der Papstesel schenkt ein mit der ›Moka Express‹ des Alfonso Bialetti …
  (Foto PM)

 

Literaturhinweise:

Hartmann Grisar S.J. / Franz Heege S.J., Luthers Kampfbilder, Teil 3: Der Bilderkampf in den Schriften von 1523 bis 1545, Freiburg im Breisgau 1923 (Luther-Studien 5).

Robert Scribner, For the sake of simple folk. Popular propaganda for the German Reformation. Cambridge 1981.

Georg Piltz, Ein Sack voll Ablaß. Bildsatiren der Reformationszeit.  Berlin (DDR): Eulenspiegel-Verlag 1983.

Eduard Fuchs, Die Karikatur der europäischen Völker vom Jahre 1848 bis zur Gegenwart, 2 Bände (1: Vom Altertum bis zur Neuzeit – 2: Vom Jahre 1848 bis zur Gegenwart), Berlin: Hofmann 1904/1906.

Bild als Waffe. Mittel und Motive der Karikatur in fünf Jahrhunderten, hg. von Gerhard Langemeyer, Gerd Unverfehrt, Herwig Guratzsch und Christoph Stölzl, München: Prestel 1984.

 

(Update 22.12.2016)

 


Dies ist ein umgearbeitetes Kapitel aus dem Buch
»Spinnenfuß & Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen«
Schriften zur Symbolforschung, hg. von Paul Michel, Band 16, 472 Seiten mit 291 schwarz-weißen Abbildungen
PANO Verlag, Zürich 2013
ISBN 978-3-290-22021-1

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