Allerlei Hundsköpfige

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Die gültige (und einzig zitierbare) Version befindet sich im Buch

»Spinnenfuß & Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen«
Schriften zur Symbolforschung, hg. von Paul Michel, Band 16, 472 Seiten mit 291 schwarz-weißen Abbildungen
PANO Verlag, Zürich 2013
ISBN 978-3-290-22021-1

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Hier verfolgen wir eine formale Gestalt, um darzulegen, dass deren alleinige Betrachtung zu wenig trennscharf ist. Das Volk der Kynokephalen darf nicht mit den oft gleich dargestellten Werwölfen und ähnlichen Gestaltungen verwechselt werden. Genealogie muss an die Stelle reiner Morphologie treten.

Kynokephalen

Kynokephalos (griechisch) heisst ›hundsköpfig‹; der Leib und die Seele sind die eines Menschen, einzig das Haupt hat die Gestalt eines Hundskopfes.

Herodot (ca. 480 bis ca. 425) berichtet wohl als erster ganz knapp, im östlichen Teil von Libyen gebe es Riesenschlangen, Löwen, Elefanten, Bären, Giftschlangen, Esel mit Hörnern, Leute mit Hundeköpfen und ohne Kopf, Tiere mit den Augen auf der Brust usw. (Historien, 4. Buch § 191). Die Kynokephalen werden also mitten zwischen Tieren genannt. – Auch andere antike Schrifsteller (Ktesias, Strabon, der Alexanderroman u.a.) kennen die Kynokephalen.

Ratramnus von Corbie († um 868) verfasste einen Traktat, in dem er dafür eintritt, die Leute mit Hundeköpfen als Menschen anzusehen (Epistola de Cynocephalis, in: Patrologia Latina 121, Spalten 1153-56).

Ratramnus wurde gefragt, ob die Kynokephalen von Adam abstammen oder Tierseelen hätten (utrum de Adae sint stirpe progeniti, an bestiarum habent animas). Aufgrund der äusseren Erscheinung scheint es sich um Tiere zu handeln: sie haben im Gegensatz zum Menschen längliche, zum Boden geneigte Köpfe und sprechen nciht, sondern bellen (et forma capitis et latratus canum, non hominibus sed bestiis similes ostendit. Hominum denique est rotundum vertice coelum aspicere, canum vero oblongo capite rostroque deducto terram intueri. Et homines loquuntur, canes vere latrant.) Nach Ausweis eines ihr Wesen beschreibenden Begleitschreibens scheinen sie dennoch Vernunft zu haben: Sie leben in Gemeinschaft, bestellen das Feld und sammeln Früchte, sie domestizieren Tiere, sie bedecken im Gegensatz zu Tieren ihre Scham. Es scheint also, dass sie einen Gemeinsinn (consensus communis), eine Moral kennen. Der Ackerbau und die Vorratshaltung sowie die Fähigkeit Stoffe zu weben deuten auf ein logisches Vermögen. Diese Beobachtungen deuten darauf hin, dass sie Verstand haben (haec enim omnia rationalem quodammodo testificari videntur eis inesse animam ... apud Cenocephalos videri, rationalem eis inesse mentem reipsa testificamini) und mithin eher als Menschen denn als Tiere einzuschätzen sind (Quae, quod videtur inesse his de quibus loquimur, homines potius quam bestiae deputandi videntur). – Es scheine sich bei den Kynokephalen wie auch bei Christophorus um Abkömmlinge des Menschengeschlechts zu handeln, bei denen eine monströse Geburt in der Genaologie vorgekommen sei, wie man das ja öfters lesen könne.

Mandeville

Auch John de Mandeville – der bei der Verwendung seiner Quellen nicht wählerisch ist –  beschreibt Kynokephalen: Die lút in der selben ynsel, wib und man, hond alle hundes höpter, und sie haissent sich dört Canafales, und ist beschaiden volck und wol verstandes. Reisebeschreibung des Sir John Mandeville, in mhd. Übersetzung von Michel Velser, hg. Eric John Morrall, (Deutsche Texte des Mittelalters LXVI), Berlin 1974. Seite 121

Das buch des ritters herr hannsen von monte villa [aus dem Franz. übers. von Michel Velser] Augsburg: Anton Sorg 1481 [unpaginiert]
digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00029868/image_1

 

Lykaon

Verschiedene Quellen der griechischen Mythologie berichten von einem gottlosen arkadischen König Lykaon, der durch einen schauerlichen Test herausfinden will, ob der Fremde, den die Leute anbeten, wirklich ein Gott sei: Er tötet einen Menschen und tischt dem Gast das Menschenfleisch auf. Jupiter bemerkt das sofort, zündet das Haus des Lykaon an und verwandelt ihn – dem Namen gemäß – in einen Wolf (griechisch lykos). Die Illustrationen zu Ovids Metamorphosen (I, 198ff.) stellen die Übergangsgestalt dar. Diese Geschichte gab den Werwolfgeschichten immer wieder Nahrung.

Bildquelle: Holzschnitt des Virgils Solis, aus: PVB. OVIDII NASONIS Metamorphoseon libri XV. In singulas quasque fabulas argumenta, Francofurti ad Moenum MDLXVII.

Christophorus 

Von einer ganze anderen Kategorie ist der heilige Christopherus, der in der Ostkirche als hundsköpfig beschrieben und auf Ikonen dargestellt wurde. Die Hundsköpfigkeit des Heiligen wird auf verschiedene Art hergeleitet bzw. weg-erklärt. Wir widmen ihm einen Passus im Intermezzo "Demontage ".

Bild des hundsköpfigen Christophoros nach: http://www.hellenica.de/Griechenland/Ikone/Christoforos01.html (Zugriff 10.10.11)

Anubis

Anubis wird in der ägyptischen Mythologie hundsköpfig dargestellt. Weil er wie der griechische Gott Hermes/Mercur als Seelenführer in das Land der Toten gilt, wird der von den Römern später mit diesem gleichgesetzt (Synkretismus). Apuleius (ca. 123 bis nach 170) beschreibt in einer Schilderung des Isiskults Anubis, laevae caduceum gerens (Anubis, der in der Linken den Heroldsstab hält, d.h. den Caduceus von Mercur; Metamorphosen XI,xi,1). Christoph Arnold erklärt 1663 eine Münze des Kaisers Valentinian [wohl Valentinian II., 4.Jh.] so: Auf deren einen Seite steht Anubis oder Cynocephalus, zu teutsch der Hundskopf/ der ein klinglendes Instrument in der rechten Hand [ein Sistrum, d.i. eine beim Isis-Kult verwendete Handklapper] und in der Linken des Mercurii Schlangenstab hat.

Bildnachweis: Abraham Rogers Offne Thür zu dem verborgenen Heydenthum […] Samt Christoph Arnolds Auserlesenen Zugaben, Von dem Asiatischen, Africanischen, und Americanischen Religions-Sachen, Nürnberg: Endter & Wolfgang 1663; S. 904.

Werwölfe

Es gibt nach der Ansicht gewisser Leute Männer, die sich in Wölfe und wieder zurück verwandeln können: Werwölfe. Im Wortbestandteil Wer- steckt das germanische Wort für Mann (verwandt mit lat. vir); die Wortkomposition bildet das Kompositwesen als Mensch und Wolf genau ab.

Plinius der Ältere (*ca. 23 bis 79) gibt den Bericht eines älteren Autors (Varro) wieder, wonach durch das Los bestimmte Männer aus Arkadien  zu einem bestimmten Teich geführt werden, den sie, nachdem sie die Kleider an eine Eiche gehängt haben, durchschwimmen, sich dann in eine Einöde begeben, wo sie in einen Wolf verwandelt werden, so neun Jahre lang leben und – wenn sie in dieser Zeit kein Menschenfleisch gegessen haben – das frühere Aussehen wieder annehmen und die Kleider wieder anziehen (naturalis historia VIII, xxxiv,81). Während sich Plinius über die Leichtgläubigkeit der Griechen (Graece credulitas) entsetzt, überliefern seine Leser sie später als wahr.  Sebastian Brant findet die Geschichte 1501  mitteilenswert, lässt sie aber unkommentiert.

Hier der entsprechende Holzschnitt aus Esopi appologi sive mythologi cum quibusdam carminum et fabularum additionibus Sebastiani Brant [Impressi Basilee] : [opera et impensa Iacobi de Phortzheim], [Anno 1501] Link: http://astronomie-rara.ethbib.ethz.ch/bau_1/ch16/content/pageview/172249...

Augustinus

AUGUSTINUS (354–430) spricht in »de civitate Dei« (XVIII, 17–18) von in Tiere verwandelten Menschen. (Er zitiert die Klassiker: Odysseus’ Kirke und Apuleius’ Roman »Der goldene Esel«, aber auch die Geschichte aus Varro/Plinius) Er ist der Auffassung, dass sich Kreaturen nicht verändern können, dass also weder der Leib noch die Seele wirklich in ein Tier verwandelt wird, hingegen die Einbildungskraft der Menschen sich dies vorstellt; dies vor allem im Schlaf, wobei die Dämonen allerlei Tricks einsetzen um den Menschen zu nasführen. Diese Lehre von den Phantasiebildern wird durch das Mittelalter hindurch bis zur Hexenprozess-Zeit tradiert.

Marie de France

In einer ihrer Versnovellen (sog. ›Lai‹) erzählt MARIE DE FRANCE († um 1200) die Geschichte vom Bisclavret (das ist bretonisch für Werwolf):

In der Bretagne lebte einst hochgeachtet ein Ritter. Seine Gemahlin ist beunruhigt, weil er drei Tage in der Woche fernbleibt. Auf ihr inständiges Fragen gesteht er, dass er während dieser Zeit im Wald als Werwolf lebt. Sie bestürmt ihn, ihr zu sagen, ob er nackt oder bekleidet zum Werwolf würde, und wohin er dann seine Kleider lege – eine verfängliche Frage, denn, sobald er seine Kleider verliert, muss er auf immer Werwolf bleiben. Er glaubt an ihre Lauterkeit und nennt ihr den Ort. – Die Frau glaubt nicht mehr mit ihm zusammenleben zu können und verspricht einem einst von ihr zurückgewiesenen Mann ihre Gunst, wenn er die Kleider beseitige. So geschieht es, und Bisclavret lebt ein Jahr lang im Wald. Auf einer Jagd wird ihm von den Hunden arg zugesetzt, und er flüchtet zum König, dem er Bein und Fuß küsst. Der König gewährt ihm Schutz und wählt ihn als Begleiter. Als die untreue Gattin einmal dem König ihre Aufwartung macht, springt Bisclavret sie an und beisst ihr die Nase ab. Sie wird in Gewahrsam genommen und klärt schließlich die Sache auf. Die Kleider werden herbeigeschafft, Bisclavret verwandelt sich zurück, und die Frau wird aus dem Land vertrieben.

Die Lais der Marie de France, hrsg. von Karl Warnke. Mit vergleichenden Anmerkungen von Reinhold Köhler. 2. verb. Aufl., Halle: Niemeyer 1900. Digital bei openlibrary

Deutsche Übers.: Marie de France, Novellen und Fabeln, aus dem Altfranzösischen übersetzt von Ruth Schirmer, Auswahl und Nachwort von Kurt Ringger, Zürich, Manesse (Manesse Bibliothek der Weltliteratur), 1977.

Manfred Bambeck, Das Werwolfmotiv im Bisclavret, in: Zeitschrift für romanische Philologie 89 (1973), 123–147

Auch wenn die Autorin am Schluss des Texts versichert, die Geschichte sei wahr – es handelt sich doch um ein Stück Literatur! Das Werwolf-Dasein ist als Motiv schwach, es dient vor allem dazu, die Frau in eine psychologische Extremposition zu bringen, so dass sich die Zuhörer fragen: Ist der (ehelichen) Liebe alles zumutbar, oder gibt es Grenzen dafür, was man zu ertragen hat? Damit reiht sich der Text in die Motivik der Liebesprobe ein.

Geiler von Kaysersberg

Der wortgewaltige Johann Geiler VON KAYSERSBERG (1445–1510) liebt es, seine Predigten mit Hexen und Unholden zu bevölkern. In seiner Predigtsammlung »Die Eimeis« (erschienen in Straßburg 1517) nimmt er für den Sonntag Oculi (d. i. der vierte Sonntag vor Ostern in der Fastenzeit) die Werwölffe zum Anlass. Er unterscheidet sieben Ursachen, weshalb die Wölfe Kinder und Menschen fressen. Die ersten fünf sind natürliche, dann nennt er übernatürliche:

Zuo dem sechßten so kummet es von dem teuffel her/ das er sich etwan verwandlet/ vnd ein wolffs gestalt an sich nymt. […] Zuo dem sybenden so kummet es von gots ordenung/ das got etwann durch die wölf etliche land vnnd dörffer wil straffen.

Am darauf folgenden Montag fragt er, was davon zu halten sei, dass Hexen Menschen in Wölfe, Schweine oder Vögel verwandeln können. Er zitiert die genannte Passage des Augustinus und sagt (zum Leser), das du nüt daruff solt halten/ das kein mensch weder in ein wolff noch in schwein verwandlet würdt/ dan es ist ein gespenst und ein schein vor den augen oder in dem kopf gemacht. – Der Holzschnitt zeigt einen Menschen anfallenden Wolf, nicht zwingend einen Werwolf.

Die Emeis. Dis ist das buch von der Omeissen […] Und gibt underweisung von den Unholden oder Hexen/ und von gespenst der geist/ und von dem Wütenden Heer wunderbarlich/ und nützlich zewissen/ was man daruon glauben und halten soll. Vnd ist von dem hochgelerten doctor Joanes Geiler von Keisersperg […], Straßburg: Johannes Grüninger 1517.

Weyer

Es gibt eine reichhaltige Werwolf-Literatur aus dem 16. und 17. Jahrhundert. In diesen Kontext gehört das einflussreiche Buch von Johann WEYER († 1588), »De praestigiis Daemonum«, Basel 1563 (bereits 1575 ins Deutsche übersetzt: »Von den Teuffeln, Zaubrern, Schwartzkünstlern, Teuffels beschwerern, Hexen oder Unholden und Gifftbereitern …«), wo im III. Buch das 10.Kapitel  die Verwandlung von Menschen in Tiere behandelt wird. Die Beerwölff, die in Livland herumstreifen, deutet er als ware natürliche Wölff/ zu solchem Spiel von dem Teuffel abgerichtet. Dann bringt er eine interessante psychopathologische Erklärung: er kennt eine kranckheit Lycanthropia (giechisch lykos ›Wolf‹ und anthropos ›Mensch‹) und beschreibt, wie diese Einbildung zustande kommt:

Daß nemlich der böse Geist die Humores und Spiritus so zu solchem fatzwerk tüglich [die Körper-Säfte, die zu solchen Flausen fähig sind]/ bewegt/ vorab so [wenn] das Hirn von dämpffen/ so auß der Melancholey auffsteigen/ verwüstet ist/ …

Und so finde man Leute, die sich in Wölfe verwandelt glauben und Kinder zerreissen und Vieh schädigen, von tiefem Schlaf umfangen, denen der alte bößwicht diese Bilder eingegeben habe.

Bodin

Die Prediger wollten mit der Trugbildtheorie den einfachen Leuten den Glauben an die Wolfsverwandlung ausreden. Es ist dies nur ein Irrglauben, ihm anzuhängen ist dumm oder gar eine Sünde. Unter den Theoretikern ist offenbar einzig Jean BODIN († 1596) in seinem Werk »De Magorum Daemonomania« (das Johann Fischart 1586 ins Deutsche übersetzte) der Meinung, es gebe reale Verwandlungen in Wölfe. Im 2. Buch, Cap 6: Von der Lycanthropia oder Wolffssucht / vnd ob der Teuffel die Menschen inn Viech vnnd Thier verwandeln könne führt er eine ganze Reihe von Werwölfen auf. Auch begründet er die Möglichkeit der Verwandlung in einen andere Körper ausführlich, wobei er Biblisches (Nebukadnezar), heidnisch-antike Schriftsteller, Reiseberichte (Olaus Magnus), Gerichtsprotokolle seiner Zeit und Stellen aus Thomas von Aquin munter mischt. Beispiel: ein Urteil über den Zauberer genant Gilles Garnier von Leon aus dem Jahre 1574, der

an S. Michels tag/ als er inn ein Nachtwolff verwandelt gewesen/ ein junges Töchterlein von zehen oder zwölff jaren bei dem Höltzlein von der Serre/ in einen Weingart/ bei dem Kebberg von Chastenoy ein viertheil Meilwegs von Dole habe auffgefangen/ vnnd daselbst getödtet oder ermördet/ beydes mit seinen Händen/die Wolfftapen scheineten sein/ vnn auch den Zänen/ vnd dz fleisch von dem Hindern vnn den Armen gessen/ vnn seinem weib auch daruon gebracht. […] Ist derwegen hierumb zum Fewr/ jhn lebendig zuverbrennen/ vervrtheilt worden. Wie dann auch solch Vrtheil zur vollziehung kommen.

Lauremberg

Noch Peter LAUREMBERG (1585–1639) spricht in seiner Sammlung »Acerra philologica« (1637; III, 46) von den Weer-Wölffen.

Man erzehlet für gewiß/ daß in Leyland und den benachtbarten Gräntzen/ etliche Menschen sich selber in Wölffe verwandeln/ auf eine gewisse Zeit des Jahrs/ nemlich in den 12. nechsten Tagen nach Christmeß/ und alsdann im Lande herumlauffen /grausamlich wüten/ Menschen und Vieh anfallen/und an Leib und Leben Schaden zufügen: Hernacher aber wiederum zu Menschen werden/ und ihre vorige Gestalt wieder bekommen. So ihnen in währender Verwandelung irgendwo eine Wunde wird in Leib geschlagen/ behalten sie dieselbe/ wann sie ihre Menschliche Gestalt wieder angenommen. Auf was Art und Weise solche Veränderung geschehe/ und durch was Mittel/ davon sind unterschiedliche Meynungen.

Dann kommentiert er die naiv aus Bodin entnommene Geschichte ganz im Sinne des Augustinus:

Ich lasse einen jeglichen hievon glauben was er wil/ meines Erachtens ist unmüglich/ daß der Teuffel […] eines Menschen Leib wesentlicher Weise in ein ander Thier verschöpffen kan. Schöpffen gehöret GOtt allein zu/ keinem Engel keinem Teuffel. Wann nun ein Mensch warhafftig solte zum Wolff gemacht werden/ müste solches durch eine neue Schöpfung geschehen/ die GOtt allein zugehöret. Der Teuffel hat nicht Macht eine Lauß zu machen/ wie aus Pharaonis Zäuberern zu ersehen. Folget derohalben/ daß diese Veränderung der Menschen in Wolffs-Gestalt/ entweder nur ein Einbilde sey/ und Melancholische Phantasey/ die der Teuffel seinen Dienern eingeust; Entweder er/ der Teuffel/ macht um den Menschen ein Gespenst und äusserlichen Schein eines Wolffes/ wie er dann meisterlich allerley Gestalt anzunehmen weiß; Oder aber der Teuffel treibet leibhafftig die warhafftigen natürlichen Wölffe/ daß sie rasend werden/ und Schaden thun: Unterdessen bildet er den Menschen ein/ daß sie meynen/ sie haben alles gethan und verrichtet/ was die Wölffe.

Solches Teuffels-Spiel sei nicht neu – hier hat Lauremberg Gelegenheit, seine Kenntnisse der antiken Literaturgeschichte auszubreiten.

Vorsicht vor falschen Werwölfen!

Das Titelblatt zur Predigt »Wie man die falschen Propheten erkennen/ ja greiffen mag« des Urbanus RHEGIUS (1489–1541, Anhänger Luthers), Wittenberg 1539, scheint Werwölfe zu zeigen:

Digitalisat der BSB bei Google Books

Rhegius spricht über die Perikope Matthäus 7,15 Sehet euch fur/ fur den falschen Propheten/ die in Schaffskleidern zu euch komen/ inwendig aber sind sie reissende Wolff.

Dazu passt das Bild überhaupt nicht, sondern zu Jesu Worten: Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe (Mt 10,16 par.) oder Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied reißende Wölfe zu euch kommen, die die Herde nicht verschonen werden. (Apg 20,29; vgl. Ez 22,27; Zef 3,3). – Von Werwölfen ist nirgends die Rede; die Visualisierung der falschen Propheten als Wölfe gehört ins Kapitel von Grandvilles Karikaturen.

Einen Wolfpriester bildet auch ein antikatholisches Flugblatt aus dem Jahre 1555 ab. Wickiana PAS II 1/4a = Harms VI,66 = Fehr Tafel 70.

 

Hypertrichose

Merkwürdigerweise berichten auch Autoren, die mit ziemlicher Sicherheit ihre Reisen aufgrund von Erfahrungen aufgeschrieben haben, von Hundsköpfigen.

Marco Polo beschreibt die Hundsköpfigen im (1298 diktierten) »Divisament dou monde» (Die Vielfalt der Welt; auch »Milione« genannt) als scheussliche Menschenfresser:

Von wundirlichin luytin [Leuten] mit hundis houbtin. – Si han keyn korn, sie essin rys, des han si vil, und trinkin milch und essin allirleye vleysch, czu vorduirst menschin vleysch, … sy han houbte czu mole glich den rodin [Rüde, großer Hund], ougin unde czenze czumole glich den hundin. 

Der mitteldeutsche Marco Polo, hg.  von Tscharner (DTM 40), S. 57f.

Die Illustratoren der Handschiften haben solche Textstellen dann mit blühender Phanstasie und aufgrund der Kenntnis der traditionellen Bilder ausgestaltet.

Kynokephale (im Bild oben rechts mit dem Schild) – Bildquelle: Marco Polo,  Li Livres du Graunt Caam (Oxford, Bodleian Library MS. Bodl. 264) http://image.ox.ac.uk/images/bodleian/ms.bodl.264/260r.jpg

Das folgende Bild aus Marco Polo, Livre des merveilles, BNF ms fr 2810 fol-76v bei http://www.flickr.com/photos/28433765@N07/3375985831/ (Zugriff 10.10.11) stammt wahrscheinlich aus dem Faksimile:

Marco Polo, Das Buch der Wunder: Handschrift Français 2810,der Bibliothèque nationale de France. Kommentar: François Avril, Marie-Thérèse Gousset, Jacques Monfrin, Jean Richard, Marie-Hélène Tesnière, Luzern: Faksimile Verlag (2 Bände) 1995-1996.

Odorico da Pordenone († 1331) trifft ebenfalls Hundsköpfige an: "Daselb sind die lewt an dem antlúcz hunden gar geleich, also daz sie nicht gar menschlich noch gar hunttisch amplikch habn" (Zeile 314).

Konrad Steckels deutsche Übertragung der Reise nach China des Odorico de Pordenone, krit. hrsg. v. Gilbert Strasmann, Berlin: E. Schmidt 1968 (Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit 20).

Man fragt sich, ob diese Reisenden nicht Menschen angetroffen haben, die an Hypertrichose litten, einer Erbkrankheit, die zu übermäßiger Behaarung an sonst unbehaarten Stellen führt und familiär gehäuft auftritt. Aus der Neuzeit sind einige Fälle wohlbekannt:

Don Pedro Gonzalez  (ca. 1537 bis ca. 1618), vollkommen behaart, stammte aus Teneriffa und lebte als Knabe am französischen Hof als Bediensteter, und gründete eine Familie. Vier Portraits des Don Pedro, seiner (normalen) Frau sowie zwei seiner ebenfalls behaarten Kinder gelangten über Herzog Wilhelm V. Bayern in die Ambraser Sammlung, d.h. in die Wunderkammer Erzherzog Ferdinands II. (1529–1595). Ulisse Aldrovandi hat offenbar eine Tochter in Bologna untersuchen können. In seiner postumen »Monstrorum Historia« (1642) kommen die behaarten Menschen dann vor, samt Holzschnitten, die als Bilder zweier Töchter und zweier Söhne ausgegeben werden. Interessant ist der Ort, wo sie untergebracht sind: zwischen den "homines sylvestres" (Waldmenschen) und den Cynocephali.

Puella pilosa, aus: Ulisse Aldrovandi, Monstrorum historia; préface de Jean Céard, Nachdruck der Erstausgabe  Bologna 1642.

Der aus Polen stammende Stephan Bibrowsky (1891–1932) bereiste unter dem Markenzeichen »Lionel der Löwenmensch« als Zirkusattraktion die Welt.

Roberto Zapperi, Der wilde Mann von Teneriffa. Die wundersame Geschichte des Pedro Gonzalez und seiner Kinder, München: Beck 2004.

 

Literaturhinweise zu den Kynokephalen:

Marco Polo, Il Milione – Die Wunder der Welt. Übersetzung aus altfranzösischen und lateinischen Quellen und Nachwort von Elise Guignard, Zürich: Manesse 1983.

Der mitteldeutsche Marco Polo. Nach der Admonter Handschrift hg. von Eduard Horst von Tscharner, Berlin 1935  (Deutsche Texte des Mittelalters 40).

Marina Münkler, Marco Polo: Leben und Legende, München: C.H.Beck 1998 (Beck’sche Reihe Wissen, Band 2097).

Nicole Steidl, Marco Polos »Heydnische Chronik«. Die mitteldeutsche Bearbeitung des »Divisament dou monde« nach der Admonter Handschrift Cod. 504) Aachen: Shaker 2010.

Lecouteux (1982), Band II = Dictionnaire, pp. 20–28 und 164f.

Literaturhinweise zu den Werwölfen

Wilhelm Hertz, Der Werwolf. Beitrag zur Sagengeschichte, Stuttgart: Kröner 1862  [sehr materialreich, gut dokumentiert, hütet sich vor Spekulationen]

Charlotte F. Otten (Ed.), A lycanthropy reader. Werewolves in western culture, Syracuse / N.Y.: Univ. Press 1986. [nicht eingesehen PM]

Basil Copper, The Werewolf in Legend Fact & Art, New York: St. Martin's Press 1977. [nicht eingesehen PM]

Elmar M. Lorey, Henrich der Werwolf. Eine Geschichte aus der Zeit der Hexenprozesse mit Dokumenten und Analysen, Anabas-Verlag 1998. [nicht eingesehen PM]

Elmar M. Lorey, Wie der Werwolf unter die Hexen kam. Zur Genese des Werwolfpozesses online   <2004>

Theophil Laube, Dialogi und Gespräch, von der Lycanthropia, Oder Der Menschen In Wölff-Verwandlung: ... Mit Beyfügung allerhand dergleichen erschröcklichen und entsetzlichen Geschichte... Vorderist aber... Von einem Wolff in dem Fürstl. Onoltzbachischen Gebiete..., mit sonderm Fleiß beschrieben, ###: Heyl 1686.

Rudolf Leubuscher, Über die Wehrwölfe und Thierverwandlungen im Mittelalter. Ein Beitrag zur Geschichte der Psychologie
Berlin: Reimer 1850.
 

Postscript:

Christian Morgenstern, Der Werwolf