Einführung zum Thesaurus

 

Dieser Thesaurus (griech./lat. ›Vorrat, Schatz, Magazin, Speicher, Vorrat, Fundgrube‹) enthält Artkel über Metaphern, Metonymien, Symbole, Allegorien vor allem aus älteren Epochen (Bibel, heidnische Antike, Kirchenväterzeit, deutsche Literatur vom Mittelalter bis ins Barock). Er ist im Aufbau begriffen, vorläufig erst recht skizzenhaft. Ungeduldige orientieren sich hier:

  • Ralf Konersmann (Hg.), Wörterbuch der philosophischen Metaphern, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007.
  • Metzler Lexikon literarischer Symbole, Herausgegeben von Günter Butzer und Joachim Jacob; Stuttgart/ Weimar: Verlag J. B. Metzler 2008.

Eine Baustelle!

Inhaltsübersicht:

Alphabetisches / systematisches Register / Einträge

Signifiants und Signifiés

Systematische Verzeichnisse, Taxonomien

Tradition und Innovation von Zeicheninventaren

Alphabetisches / systematisches Register / Einträge

Der Thesaurus wird erschlossen durch zwei Register: ein alphabetisches und ein systematisches = taxonomisches. (Vor- und Nachteile dieser Erschließungstypen sind hier zusammengestellt.)

Alphabetische Register sind sprachgebunden. (Hier wird das Deutsche als Behelf gewählt). Sie trennen Zusammengehöriges künstlich auf (die zum selben Bildfeld gehörenden Stichworte brennen, Feuer, Rauch werden an verschiedenen Orten aufgelistet).

Systematische Register sind nicht sprachgebunden, sie zerreissen Zusammenhänge weniger, haben dafür aber andere Nachteile: Sie sind gewöhnungsbedürftig.

Die Links des alphabetischen wie des systematischen Registers in unserem Thesaurus führen zu den Einträgen zu spezifischen Symboliken.

 

Oft führen verschiedene Links aus dem alphabetischen Register zum selben Eintrag (in diesem Beispiel: von Blume und Tau).

Gelegentlich gelangt man von verschiedenen Endpunkten der Taxonomie zum selben Eintrag, je nach Kontext. Beispiel:

  • Tiere >>> Vögel >>> Ei
  • Mensch >>> menschliche Bedürfnisse >>> Nahrungsmittel >>> Ei

Beim Suchen können sich Schwierigkeiten ergeben: Finde ich Sünde unter "B.II.e Moral" oder unter "B.IV.g.1 Religion"? Im Gegensatz zur strikten Taxonomien werden hier Einträge (wie z.B. Sünde) an zwei verschiedenen Zweigen angebunden.

Der Treppenwitz der Bibliothekare, die sich beim Beschlagworten mit Dewey oder andern Systemen herumquälen: Wo stelle ich die Karteikarte mit dem Buch über Menschenfresser ein? Antwort: Unter »Tischsitten«. 

Signifiants und Signifiés

Das System Hallig / von Wartburg ist ja darauf hin ausgerichtet, den ganzen Wortschatz einer Sprache zu erfassen und vergleichbar zu machen, es ist nicht für Metaphorologen oder Symbolforscher gedacht und unterscheidet daher nicht zwischen Wörtern, die die typischerweise als Signifiants bzw. als Signifiés fungieren. Das Alphabet unterscheidet dies genau so wenig. – Das stört aber nicht. Ein Teil der Einträge führt eben zu Signifiants, ein anderer zu Signifiés. Dabei ist es zwingend, dass ein Pfad von einem Signifiant (z.B. Rad) und ein Pfad von einem Signifié (z.B. Fortuna ∆) sich treffen bei einem Artikel (Rad der Fortuna). – Das beigesetzte Dreieck ∆ dient in Zweifelsfällen dazu, Signifiés zu bezeichnen.

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Systematische Verzeichnisse, Taxonomien

Ordnungen des Wortschatzes ›nach Sachgruppen‹, sogenannte onomasiologische Wörterbücher möchten einen bequemen Zugriff auf den Sprachschatz (copia verborum) gewähren, oft haben sie auch den Anspruch eines Catalogus mundi, oft auch den Anspruch, ein übersprachliches Begriffssystem als Fundament einer Universalsprache zu finden. Sie haben eine lange Tradition.

  • Johann Amos Comenius, Janua Linguarum Reserata (1. Fassung 1631; 2. Fassung 1649). Comenius ist nicht der erste, vor ihm haben 1611 William Bate S.J. und 1624 Isaac Habrecht solche Wörterbücher publiziert; nach ihm ist bedeutsam dasjenige von Joannes Joachim Becher (1670) und die darauf aufbauende Enzyklopädie von Michael Pexenfelder (1704).
  • Peter Mark Roget, Thesaurus of English words and phrases (1911er Version ) <Links geprüft am 18.08.2105>  – Darauf beruhend: Hugo Wehrle, Deutscher Wortschatz. Ein Wegweiser zum treffenden Ausdruck, 11. Auflage, Stuttgart: Klett 1954
  • Franz Dornseiff, Der deutsche Wortschatz synonymisch geordnet, 1933; seit 1934 ›nach Sachgruppen‹; 8. Auflage 2004.
  • Rudolf Hallig / Walther von Wartburg, Begriffssystem als Grundlage für die Lexikographie. Versuch eines Ordnungsschemas, 2. Auflage, Berlin (DDR): Akademie-Verlag 1963.

Es gibt so viele Systematiken wie es Erfinder von Systematiken gibt. Das heisst auch, dass man am besten keine neue Systematik ersinnt, sondern sich einer bestehenden anschliesst. Für unseren Zweck bietet sich die der beiden Sprachwissenschaftler Hallig / von Wartburg an, die bereits dem Romanisten Walter Ziltener zum Aufbau seines Repertoriums von Metaphern und Gleichnissen der altfranzösischen Literatur gedient hat.

Werner Ziltener, Repertorium der Gleichnisse und bildhaften Vergleiche der okzitanischen und der französischen Versliteratur des Mittelalters, Bern: Francke 1972–1989. (Das Repertorium umfasst 799 Seiten in Großoktav; anschließend ist das Hallig / von Wartburgsche System auf dt./frz. abgedruckt.)

Wie dagegen ein alphabetischer Metaphern-Thesaurus aussieht, zeigt Michael Egerding, Die Metaphorik der spätmittelalterlichen Mystik, 2 Bde., Paderborn: Schönigh 1997.

Tradition und Innovation von Zeicheninventaren

(1) Metaphern (ausgebaut zu Gleichnissen und Allegorien, bildnerisch umgesetzt) entstehen in einem ›geistigen Klima‹. Umgekehrt präformieren sie das Denken in dieser Welt. (Blumenberg, Paradigmen...)

So z.B. gedeiht die Vorstellung der Welt als eines Theaters im Rahmen der antiken Stoa, die das Leben der Menschen bestimmt sieht von einem mächtigen göttlichen Gesetz, in dem der freie Wille nur wenig Möglichkeiten hat. Das Christentum teilt mit der Stoa gewisse Züge, und deshalb wird die Vorstellung hier gut tradiert.

(2) Es gibt einen in sich zusammenhängenden europäischen Kultur–Zeit–Raum von der Antike bis ins 18. Jh. (und natürlich darüber hinaus) und von Griechenland und Sizilien bis Island bzw. von Spanien bis Polen (und darüber hinaus: der arabische Raum bereits im Mittalter).

In diesem Raum gibt es ein ›Gespräch‹ zwischen den Texten über Generationen hinweg: Abkupfern, Anspielungen, Parodieren usw. (literaturtheoretisch gefasst unter dem Stichwort ›Intertextualität‹).

(3) Vor der Geniezeit (vgl. Goethes »Werther«), in der dann das Innovative höhergeschätzt wurde als das Traditionelle, war es nicht ehrenrührig, sich aus einem riesigen Bild-Inventar von bestehenden Stoffen und Motiven / vorfabrizierten Gedanken / bereits geprägten Metaphern, Gleichnissen / Klischees usw. zu bedienen.(vgl. den von Curtius so verwendeten Begriff des ›Topos‹). Sie stehen den Autoren ähnlich wie die Wörter und grammatischen Muster einer Sprache zur Verfügung, bilden quasi eine Erweiterung der ›langue‹ im rhetorisch-poetischen Bereich.

Die zeitgenössischen Literaturtheoretiker formulieren die Lizenz zur Übernahme gelegentlich explizit. Nicolaus Caussinus (De eloquentia, 1657) bringt es so auf den Punkt nutrix inventionis eruditio est (etwa: Die Bildung [d.h. eben die Kenntnis der Tradition] nährt uns beim Finden des Stoffes.). Georg Philipp Harsdörffer 1607–1658) schreibt: Der jüngeren große Kertze ist von der älteren kleinen Lampen angezündet worden/ und leuchtet viel heller als jene.

Es gab Sammlungen von Geschichten (Exempla), Metaphern, Sentenzen, Emblemen u.a.m., die ausdrücklich dazu gedacht waren, dass man sich daraus bedient.

Und die Autoren haben sich aus solchen Sammlungen wie aus anderen Texten weidlich bedient: für ihre Liebesgedichte, Tragödien, Romane, Predigten, Panegyriken, Leichabdannckungen, Erbauungsliteratur usw.

(4) Wenn ein dem Thesaurus entnommenes Element in einem Text verwendet / in den Text eingefügt wird, so verändert es nicht nur den Text (durch die Information, die es einbringt), sondern wird auch vom Kontext (von der Diskurswelt, der Gattung, dem Verwendungszweck, der rhetorischen Aussageabsicht usw.) beeinflusst. (Das hat Ernst Robert Curtius zu wenig beachtet.)

Gerade die polyvalenten ›Symbole‹ sind in dieser Hinsicht interessant: Jeder aufnehmende Text nutzt diese Potential anders, pointiert gewisse Züge, blendet andere aus.

Es galt aber den Zeitgenossen als schülerhaft, die Älteren einfach zu imitieren. Die ästhetische Leistung bestand darin, das geeigente Element aus dem Repertoire zu suchen und es witzig zu variieren und zu placieren. Dazu kommt die einfallsreiche Kombinatorik von Elementen.

Qu’on ne dise pas que je n’ai rien dit de nouveau: la disposition des matières est nouvelle; quand on joue à la paume, c’est une même balle dont joue l’un et l’autre, mais l’un la place mieux. (Blaise Pascal, 1623-1662, »Pensées«, ed. Chevalier Nº 65; ed. Brunschvicg Nº 22)


(5)
Die Autoren haben ihre Texte unter Beizug von solchen Thesauri verfertigt – umgekehrt können wir als Interpreten die Kenntnis von Thesauri und überhaupt der Tradition als Heuristik verwenden. Wir fragen: Welches Bild / welche Form / welches Muster hat NN gewählt, um seinen Gedanken auszudrücken? Wie hat er das Potential genutzt, transformiert, modifiziert, (mittelhochdeutsch gesagt:) erniuwet?

Es gibt zwei sich ergänzende Forschungsrichtungen, jenachdem ob man auf die Ebene der ›langue‹ oder auf die der ›parole‹ fokussiert: Auskundschaftung des Thesaurus (wie es z.B. Henkel und Schöne für die Emblematik gemacht haben) — Interpretation des individuellen Texts vor dem Hintergrund des Thesaurus.

(6) Ein solcher Thesaurus erfüllt seinen Zweck, insofern damit Literatur- / Kunstdenkmäler erschlossen werden, die einer vormodernen Rhetorik / Poetik / Ikonographie folgen, wo Symbole die Funktion von Modellen haben, mit denen etwas (aus verschiedenen Gründen) nicht Sagbares dennoch und sogar mit einem Sinnüberschuss ausgesprochen werden kann. Das trifft zu für die klassische Antike, die mittelalterliche Mystik, Shakespeare, die petrarkistische Lyrik, die Emblematik, die Barockpredigt u.a.m. Hier ist die Kenntnis der Tradition und des Umfelds hilfreich bei der Interpretation, auch und gerade wenn ein Autor davon abweicht oder dunkel spricht. – Allein, welche Hilfe mag ein solcher Thesaurus zu bieten bei Autoren, die damit rechnen, dass die Leser den Textelementen ihren je eigenen Sinn beilegen? Was nützt er bei der Deutung der modernen Lyrik (Rimbaud, Mallarmé), wo die Phantasie absolut geworden ist und evokativ gesetzte Wörter nicht mehr auf Dinge in der Alltagswirklichkeit zurückgeführt werden wollen, die als Modell dienen würden? Wenn man der modernen Lyrik – was auch bestritten wird – hermetische Verselbständigung oder Aufhebung des Referentiellen beimisst, so muss für ihre Deutung das ›Format‹ Lexikon aus strukturellen Gründen versagen.

 

Literaturangaben:

Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Bern 1948, 6. Auflage 1967; 10. Auflage 1984.

Wilfried Barner, Barockrhetorik. Untersuchungen zu ihren geschichtlichen Grundlagen, Tübingen: Niemeyer 1970.

Peter Jehn (Hg.), Toposforschung, (Respublica Literaria 10), Frankfurt/M.: Athenäum 1972.

Arthur Henkel / Albrecht Schöne (Hgg.), Emblemata. Handbuch zur Sinnbildkunst des XVI. und XVII. Jahrhunderts, Stuttgart 1967; Supplement 1976.

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