Mühle

Eine Text-Quelle:

aus dem »Liederbuch der Clara Hätzlerin«, hg. Carl Haltaus, (Bibliothek der gesammten deutschen National-Literatur), Quedlinburg/Leipzig, 1840. Nr. II/39

hier als PDF-File Δ (mit Wort-Erläuterungen; so nicht zitierfähig)

und noch eine:

»Tirol und Fridebrant«, hg. A. Leitzmann / I. Reiffenstein (ATB 9), 3.Aufl. Tübingen 1962.

Dâniêl wunders mêr geschach:
eine starke müle er sach
diu lac an einem wâge tief.
der under stein vaste umbe lief,
der ober kunde stille ligen.
wiez umbe die müle sî getân,
daz wære mir schedelîch verswigen.

Daz rat, daz an der müle gât,
zwô und sibenzic kamben ez hât:
die sint von alsô maniger par.
eines wirt man dâ gewar,
der ist von lignum âlôê:
nie reiner holz ûf erde wart.
weistû, wiez umb die müle stê?

Der selben müle phlac ein man,
der nie vleisch noch bein gewan.
der hete ein kint daz wart enein,
daz ez den undern mülstein
druhte, daz er stille Iac.
von einem kleinen wezzerlin
der ober grôzer snelle phlac.

Daz kint daz hâte knappen zart.
dô der ober stein kam an die vart,
ez sprach: ir sult iuch des bewegen,
daz ir des steines künnet phlegen.
ob der under welle streben,
den drücket, als ich hân getân:
ich wil iu Iôn dar umbe geben.'

'Herre, ir habt wunderlîchen muot,
daz jr gegen mir die vrâge tuot.
von ritterschefte wiste ich baz,
wâ jener gelac, wâ der gesaz,
wâ sich die spæne ûz helme kluben
von swerten über die schilte,
dar under sich die recken smugen.

Êdoch welt ir sîn niht enbern,
sô wil ich iuch der müle wern.
der under stein ist diu alte ê:
diu kumt vürbaz niemer mê,
die hât der megde sun verdrucket.
der ober stein daz ist der touf,
dâ mit diu niuwe ist ûf gezucket.

Welt ir wizzen, wiez umb die kamben stât?
zwô und sibenzic sprâche diu werlt hât:
der einen der man dâ wirt gewar,
diu dâ ist von sô süezer par,
daz ist diu magt von Jesse erborn,
die got, al der werlte herre,
zeiner muoter hât erkorn.

Die knappen, die der müle phlegen,
daz sint die priester, die den segen
habent über des toufes zil,
wære iu der rede niht ze vil.
got gap den phaffen ûf ir eit,
daz si ungelouben druhten
und ûfeten die kristenheit

Welt ir dan wizzen umb den man,
der nie vleisch noch noch bein gewan?
des kint truoc einer megde lîp:
die juden jâhen, si wære ein wîp.
Dâniêl mit beiden handen swuor,
daz si mit dem gelouben varn,
als Adâm umb den aphel vuor.

 


Literaturhinweise:

Christoph GERHARDT, Euphorion 77 (1983), bes. S.85ff.
Eva KIEPE-WILLMS, Zs f deutsches Altertum 105 (1976), 204-209 (Textparallele)
dies. Artikel »Geistliches Mühlenlied« in: Verfasserlexikon Bd. 2, 1169ff.
A. THOMAS, Artikel Mystische Mühle, in: Lexikon der christlichen Ikonographie (hg. E. Kirschbaum) III, 297-299.

 


»Beschribung der götlichen Müly« Zürich: Froschauer 1521