»Anfang und Ende«

Kleine Notiz: Das Thema scheint auch andernorts einzuschlagen. So fand vom 24.–26. März 2010 ein mediävistische Tagung Anfang und Ende statt: PDF-Flyer hier zum Download

 

Arbeitstagung vom 1. Juli 2006

Kolloquium vom  24. /  25. August 2007

 

Januskopf

Quellenangabe: Emblemata D. A. Alciati, denuo ab ipso Autore recognita ac imaginibus locupletata, Lugd[uni Batavorum] apud Rovilium 1551. »Sapientia sedem habet in capite. Proinde biceps Ianus Sapientem signat: cui est præteritorum memoria & futurorum prouidentia.«

 

••• Die schriftlichen Versionen werden hier (zum Teil kopiergeschützt) vorauspubliziert. Klicken Sie auf den farbigen Titel ! Der Aufsatz erscheint als PDF-Datei in einem neuem Fenster.

Programm der ersten Tagung:

Samstag, 1. Juli 2006
10:30 Uhr Ueli Gyr : Ende und Anfang. Verortungen des modernen Wohnungswechsels. Erschienen in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 103 (2007), S. 269–283.
11:30 Uhr Martin Städeli : Vom Huhn und vom Ei. Zum Verhältnis von Anfang und Ende beim Schreiben
14:30 Uhr ••• Andras Horn : Aristoteles über den Anfang und das Ende von »Geschichten« (7. Kapitel der Poetik) 
15:15 Uhr ••• Hans Kuhn : Von der Realität in die Fiktion und zurück. Zu den isländischen rímur (14. – 19. Jh.) 
16:15 Uhr ••• Katalin Horn : Eingangs- und Schlussformeln und ihre symbolischen und psychologischen Funktionen im Märchen 
17:15 Uhr Ursula Ganz-Blättler : Wieder- und Weitererzählen in amerikanischen Fernseh-Serien
17:00 Uhr Hans Meierhofer : Introduktion, Praeludium, Ouvertüre – Halbschluss, weiblicher Schluss, Trugschluss. Anfang und Ende in der Musik

 

 

 

Programm der zweiten Tagung:

Freitag, 24. August 2007
10:15 Uhr ••• Wolfgang Marx: Der Mythos vom lauten Anfang und vom leisen Ende
11:00 Uhr ••• Erwin Sonderegger: Was ist Anfang und Ende des Menschen ? (Aristoteles, Nikomachische Ethik. Buch I, Kap. 6 und Buch X, Kap. 6-9)
11:45 Uhr Hermann Jung: Schöpfung und Apokalypse – Vom Anfang und Ende der Welt in der Musik
  Mitagspause
14:15 Uhr Detlev v. Uslar: Anfang und Ende im Spiegel des Traums
15:00 Uhr Doris Lier: C. G. Jungs Wiederbelebung von Freuds ›archaischem Rest‹. Das Konzept des Seelischen als unaufhörlichen Stroms archetypischer Bilder
15:45 Uhr Kaffeepause
16:15 Uhr Angela Graf-Nold: Wenn das Ende im Ursprung liegt. Ausgang und Rückkehr in denselben Grund im Neuplatonismus
17:00 uhr Eberhard Wolff: Links und rechts der Müeslischüssel. Rituale und Symbole im Sanatoriumsalltag
anschließend Ordentliche Mitgliederversammlung 2007
Samstag, 25. August 2007
9:45 Uhr Ulrike Thierfelder: Harry Potter – Die endlose Folge der Anfänge
10:30 Uhr Diskussion des am 1. 7. 06 von Herrn András Horn vorgestellten Texts »Aristoteles über den Anfang und das Ende von ›Geschichten‹ (7. Kapitel der Poetik)«
11:30 Uhr ••• Volker Klotz: Anfangen, Fortfahren, Beenden, Abbrechen . Beobachtungen an geräumigen Erzählwerken
  Mittagspause
14:15 Uhr ••• Heinrich Lüssy: Beginn ist nicht Anfang –  Zum ersten Wort der Tora
15:00 Uhr ••• Christoph Dejung: Anfang und Ende – allgegenwärtig. Zur Geschichtsphilosophie von Sebastian Franck
15:45 Uhr Kaffeepause
16:15 Uhr Johannes Fehr: Die sogenannte ›Goethe-Eiche‹ im Konzentrationslager Buchenwald
17:00 Uhr Hanspeter Ernst: Walter Benjamins 9.These über den Begriff der Geschichte – Das Referat musste  wegen einer unvorhergesehenen Auslandreise des Referenten ausfallen

 

Exposés (alphabetisch):

Christoph Dejung: Anfang und Ende – allgegenwärtig. Zur Geschichtsphilosophie von Sebastian Franck.

Als mystischer Theologe versuchte Sebastian Franck (1499-1542) die Geschichte als eine »ewige Allegorie« zu denken und damit jeden historischen Sinn einer »Heilsgeschichte« zu untergraben. Es geschieht nach seiner Auffassung zu jeder Zeit »alles«, und von Adam bis zum Jüngsten Gericht sind alle Gestalten und »Geschehnisse«, die in den Heiligen Schriften berichtet und prophezeit wurden, nichts als Symbole für das, was in jedem Augenblick überall geschieht. So werden ihm alle Gegensätze hinfällig, die etwa zwischen Altem und Neuem Testament, zwischen Juden, Christen und Muslimen, zwischen Torheit und Weisheit, zwischen Freiheit und Unfreiheit, zwischen Tun und Lassen aufgerichtet scheinen. Nur das »Sündige« nimmt an der göttlichen Gleichmacherei nicht teil.
Folgerichtig versucht Franck auch zu denken, dass Anfang und Ende nur Schein wären (er drückt dies auch in verschiedenen Passagen aus). Daraus entstehen nicht nur logische, aber insbesondere derartige Probleme. Mein Referat versucht ein Verständnis zu entwickeln, das zwar den Paradoxien ihr Recht lässt, die Gedanken Francks aber doch als sinnvoll zu erweisen bemüht ist. Die Geschichte bekommt in diesem Licht den Sinn einer nichtzeitlichen Bewegung, die man als »Gelassenheit im (Mit-)Leiden« bezeichnen könnte.

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Hanspeter Ernst: Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, These IX

Mein Flügel ist zum Schwung bereit
ich kehrte gern zurück
denn blieb ich auch lebendige Zeit
ich hätte wenig Glück

Gerhard Scholem, Gruß vom Angelus
Es gibt ein Bild von Paul Klee, das »Angelus Novus« heisst. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

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Johannes Fehr: Die sogenannte ›Goethe-Eiche‹ im Konzentrationslager Buchenwald

Es geht um einen Zeitungsartikel von 1945 zur sog. «Goethe-Eiche» im Konzentrationslager Buchenwald, verfasst von einem Häftling 4935 (aus dem Nachlass von Ludwik Fleck). Die Thematik von Anfang und Ende kommt in diesem Text am Symbol der Goethe-Eiche auf eindrückliche Weise zum Ausdruck. Und es gibt vieles, was ich in meinem Kommentar nur antippen oder gar nicht ansprechen konnte. So heisst es etwa im Erfahrungsbericht des Häftlings, der Strunk der Eiche sei nach deren Brand ausgegraben worden. Doch in der Buchenwald-Gedenkstätte kann man diesen Strunk noch immer besichtigen, was mir dann postwendend ein Leserbriefschreiber bestätigte. Wenn für den Häftling, wie er schreibt, Goethe durch Himmler ausgelöscht wurde, so lässt sich offenbar das Symbol der Eiche nicht ohne weiteres aus der Welt schaffen. Die Frage von Anfang und Ende stellt sich aber auch noch in anderem Zusammenhang: Die Frage der Verfasserschaft des Textes ist ungeklärt. Zwar gibt es vieles, was auf Ludwik Fleck hinweist, doch ein Beweis fehlt, und als Leser ist man mit der Frage konfrontiert, was es überhaupt heisst, bei einem Text, als dessen Verfasser ein Häftling 4935 zeichnet, die Frage nach der Urheberschaft zu stellen.

Artikel von J.Fehr mit Übersetzung des Dokuments in der NZZ  4./5. November 2006, NZZ  (Download beim Collegium Helveticum ETH)

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Ursula Ganz-Blättler: Wieder- und Weitererzählen in amerikanischen Fernseh-Serien

Gemäss Umberto Eco ist das Wiederholen bereits bekannter und bewährter dramaturgischer Muster das A und O des seriellen Erzählens in den Massenmedien. Serienhelden sind aus seiner Sicht als notorische "Wiederholungstäter" zu betrachten, die sich von einer Episode zur nächsten im Kreis drehen, um sich dabei – gewissermassen als Gefangene im Kompositionsmodell eines Gustav Freytag – stets aufs neue der Exposition einer Geschichte, ihrem Höhepunkt und der daraus resultierenden Katastrophe inklusive Konfliktlösung zu stellen. Das würde im Einzelfall bedeuten, dass uns einzelne Folgen etwa der unvergänglichen Columbo-Serie gerade aufgrund ihrer Vorhersehbarkeit gefallen: Wir wissen immer schon zum voraus, dass sich zwischen dem arroganten und zumindest scheinbar vom Glück begünstigten Verbrecher und dem bescheidenen und zumindest am Anfang im Dunkeln tappenden Polizeikommissar mit dem abgetragenen Regenmantel ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel entwickeln wird, und wir kennen aufgrund unserer bisherigen Seh-Erfahrungen auch bereits den Ausgang dieses Spiels.
Demgegenüber betont der amerikanische Filmtheoretiker Roger Hagedorn, dass Fernsehserien ihren Erfolg der Unterbrechung des Erzählflusses – und das heisst, der Unterteilung des Dramas in einzelne Segmente bzw. Fragmente und der daraus resultierenden Unvorhersehbarkeit des Ausgangs der jeweils gerade erzählten Geschichte – verdanken. Wir schauen dann, etwa im Fall einer "Seifenoper" oder den zurzeit gerade im Vorabendprogramm aktuellen "Telenovelas", auch beim nächsten Mal wieder vorbei, um unsere Neugierde zu befriedigen, wie es weitergeht.
Auf den ersten Blick scheinen die beiden Ansichten nicht kompatibel zu sein; oder dann ist wohl die Rede von zwei unterschiedlichen Serienkonzepten, wobei im einen Fall die "ganze Geschichte" in der jeweiligen Einzelfolge erzählt wird, im anderen Fall aber erst über einen Zeitraum von mehreren bis unzählig vielen Serienfolgen hinweg. Erst bei näherer Betrachtung und mit Hilfe eines erzähltheoretischen Kunstgriffs lassen sich aus den hier skizzierten Divergenzen Gemeinsamkeiten herausschälen – und zwar über die Einführung des Begriffs der Diegese als Handlungswelt.

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Angela Graf-Nold: Wenn das Ende im Ursprung liegt: Ausgang und Rückkehr in denselben Grund im Neuplatonismus

 

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Ueli Gyr: »Züglete«. Wo das Ende mit dem Anfang ...

Vor dem Wohnen kommt das Zügeln, und nach dem Wohnen steht irgendwann ein nächstes Zügeln wieder an. Ende und Anfang liegen bei der ›Züglete‹ (Wohnungswechsel, Umzug) nahe beieinander. Wo das eine aufhört und das andere beginnt, ist nicht immer eindeutig festlegbar – mit fliessenden Übergängen, durchlässigen Grenzen und allerlei Vermischungen ist zu rechnen. Hier setzt der Vortrag ein: Er nimmt sich vor, den Wohnungswechsel aus alltagskultureller Sicht zu thematisieren, das heisst als ›gängiges‹ Erfahrungsmuster zu beschreiben mit dem Ziel, dieses aufschlussreiche Stück Lebenswelterfahrung und -bewältigung auf einer allgemeineren Ebene zu verorten. Es reizt der Versuch, nach möglichen Gründen einer augenfälligen wissenschaftlichen ›Ausklammerung‹ des hier aufgegriffenen Gegenstandsbereichs zu fragen, gerade weil der Wohnungswechsel unter symbolanalytischen und symbolkommunikativen Aspekten äusserst interessante Strukturmerkmale enthüllt. Sie bestimmen einen rite de passage der besonderen Art, indem sie einen liminalen ›Ausnahmezustand‹ zwischen Ende und Anfang konfigurieren. Er gilt temporär für die betroffenen Akteure ebenso wie für eine Vielzahl von (symbolbesetzten) Objekten, die während der Zügeltage einer eigenen Wertedynamik ausgesetzt werden, bevor sie in anderen Ordnungen neu funktionieren.

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András Horn: »Aristoteles über den Anfang und das Ende von ›Geschichten‹ (7. Kapitel der Poetik)«

Die Aristotelische Bestimmug des Anfangs und des Endes von »Geschichten« im 7. Kapitel seiner Poetik (»Ein Anfang ist, was selbst nicht mit Notwendigkeit auf etwas anderes folgt, nach dem jedoch natürlicherweise etwas anderes eintritt oder entsteht. Ein Ende ist umgekehrt, was selbst natürlicherweise auf etwas anderes folgt, und zwar notwendigerweise oder in der Regel, während nach ihm nichts anderes mehr eintritt«) erweckt den Anschein, als bräche an den Rändern einer Geschichte jegliche Notwendigkeit ab. Demgegenüber soll anhand von Beispielen gezeigt werden, dass vor dem Auftreten und nach dem Aufhören jener Ereignisse, die durch die ›Natur‹ einer literarischen Gestalt oder einer literarisch dargestellten Welt bedingt sind und insofern ›wesensnotwendig‹ genannt werden können, eine ›einfache‹, nicht streng wesensrelevante Kausalität sehr wohl am Werke sein kann. In beiden Fällen erweckt indessen die kausal so oder anders festgefügte Handlung den Eindruck, wie wenn die Geschichte selber sich erzählen, wie wenn sie ihre Grenzen gleichsam selber bestimmen würde. Wenn nun die Hegelsche Bestimmung zu Recht besteht, wonach im Anderen bei Eigenem zu sein das gleiche ist, wie frei sein, wenn des weiteren Schiller mit seiner Definition, Schönheit sei Freiheit in der Erscheinung (wobei in »Erscheinung« sowohl die Versinnlichung als auch die Scheinbarkeit mitschwingt), ebenfalls Recht behielte, dann könnten wir die Aristotelische Bestimmung des Anfangs und des Endes ästhetisch begründen, d. h. verständlich machen, warum Aristoteles (der Sache, nicht notwendig seiner subjektiven Intention nach) Anfang und Ende auf die obige Art bestimmte, warum er überhaupt die Forderung nach Ganzheitlichkeit aufstellte und warum grosse Literatur auch unabhängig von ihm eher zur Ganzheitlichkeit tendiert als zum Gegenteil, warum uns – mit einem Wort – abgerundete Geschichten gefallen. Hier den PDF-File herunterladen (Copy & Paste sowie Ausdruck nicht möglich!)

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Katalin Horn: Eingangs- und Schlussformneln und ihre symbolischen und psychologischen Funktionen im Märchen

»Das Märchen ist]eine kürzere volksläufig-unterhaltende Prosaerzählung von phantastisch-wunderbaren Begebenheiten und Zuständen aus freier Erfindung ohne zeitlich-räumliche Festlegung.« (Sachwörterbuch der Literatur) Und doch werden Märchen von Vielen als bildhafte Wiedergabe der Wirklichkeit betrachtet. Das heisst u.a. dass von Psychologen und Psychiatern in diesen Erzählungen seelische Wirklichkeiten wahrgenommen werden. Die anthropologisch-literaturwissenschaftliche Forschung erblickt in der Textsorte Märchen auf der anderen Seite eine »existenzerhellende Wesensbestimmung des Menschen« (Max Lüthi). All dies schliesst nicht aus, dass zwischen (Zauber)märchen und Lüge doch immer wieder eine Verbindung wahrgenommen wird. (Vgl. etwa die Redewendung: »Erzähl mir keine Märchen!«).
Trotz allem können und müssen wir zwischen Zaubermärchen und Lügenmärchen unterscheiden. Letztere erscheinen nun - mehr oder weniger verkürzt - nicht selten in Form von Eingangs- und Schlussformeln in den europäischen und orientalischen Märchen. Das Referat möchte nach den symbolischen und (literatur)psychologischen Funktionen dieser Formeln fragen. Der Aufsatz als Internet-Vorauspublikation als PDF-File (Copy&Paste sowie Ausdrucken nicht möglich).

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Hermann Jung: Schöpfung und Apokalypse. Vom Anfang und Ende der Welt in der Musik

Die Musik ist im Gegensatz zu den Bildenden Künsten und zur Dichtung ein klingendes Phänomen, das sich im Ablauf von Zeit entfaltet und dessen vollständiges Erscheinungsbild sich erst mit ihrem Ende erschließt. Sie hat Topoi für ihr Beginnen und Enden herausgebildet, über die Hans Meierhofer bei der Arbeitstagung 2006 berichtete.
Musik hat aber auch Teil an den großen Mythen der Menschheit, wie das Entstehen der Welt vonstatten ging und wie sich einst ihr Ende gestalten wird. Die Geschichte der europäischen Musik bietet hierfür eine Fülle von Werken, die, basierend auf den biblischen Schriften der Genesis und der Offenbarung des Johannes, Anfang und Ende der Welt und der Menschheit thematisieren (Chaos und Schöpfung, die ersten Menschen – Apokalypse, Dies irae, Jüngstes Gericht, Himmlisches Jerusalem). Eine kleine Auswahl von ganz unterschiedlichen musikalisch-kompositorischen Prägungen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert wird vorgestellt, kommentiert und auf ihre symbolische Relevanz hin untersucht und gedeutet.

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Volker Klotz: Erzählen: Anfangen, Fortfahren, Beenden, Abbrechen.

Die Infinitive heben hervor: Erzählen steht hier zur Debatte als Tätigkeit, sogar als potentiell infinite. Beobachtet wird sie an geräumigen Großkonstruktionen: an Epen wie der Odyssee, an Romanen wie Don Quijote, an Novellen-Zyklen wie dem Decamerone. Dabei fällt allemal ein bemerkenswertes Ungleichgewicht auf zwischen dem poetischen Aufwand des Anfangens und des Endens. Dies wäre ebenso zu erklären wie das Verhältnis von erzählendem Nacheinander und erzählendem (scheinbaren) Nebeneinander. Beides bietet Anhaltspunkte für die Frage nach Anfang und Ende.

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Hans Kuhn: Von der Realität in die Fiktion und zurück

In einer Sammlung von Interpretationen mündlich vorgetragener Dichtung stellte der schwedische Literaturwissenschafter Lars Lönnroth 1978 fest, dass der Vortragende fast immer eine Brücke baut zwischen der Wirklichkeit, in welcher sich er und sein Publikum befinden, und der Fiktionswelt, die er dem Publikum glaubhaft machen will, und oft erinnert er es auch am Schluss an die Vortragssituation, z.B. indem er sich verabschiedet. Nirgends ist dieses Markieren von Anfang und Ende so institutionalisiert wie in der gesungenen Rimur-Dichtung, die auf Island ein halbes Jahrtausend lang die produktive Form von Epik war. Eine Rima ist ein Vortragsabschnitt, und in den ersten 10-15 Strophen spricht der Dichter/Sänger in eigener Person. Die Bezeichnung dafür, Mansöngur (Liebeslied), deutet auf eine Konvention im Umkreis höfischer Liebesdichtung; ebenso oft rekflektiert der Sänger aber über Gott und die Welt und seine eigene Situation, erinnert das Publikum an das, was in der Geschichte vorangegangen ist, oder nimmt das Kommende voraus. Oder er bietet einen Apparat von poetischen Wörtern und mythologischen Bildern auf, um zu sagen "Ich dichte" und sich so von der Alltagswelt abzugrenzen. Auch der Abschluss einer Rima, meist nur 1-2 Strophen, kleidet die Feststellung "Nun höre ich auf" gern in mythologische Metaphern ein. Der Aufsatz als Internet-Vorauspublikation als PDF-File (Copy&Paste sowie Ausdrucken nicht möglich).

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Doris Lier: C. G. Jungs Wiederbelebung von Freuds »archaischem Rest«. Das Konzept des Seelischen als eines unaufhörlichen Stroms archetypischer Bilder

Am Anfang von C. G. Jungs psychologischer Arbeit stehen die experimentellen Assoziationsstudien, die Jung in seinen Lehrjahren an der Psychiatrischen Universitätsklinik ›Burghölzli‹ in Zürich durchführte.
Was geht in den Geisteskranken vor? Diese Frage war es, die Jung damals interessierte und im folgenden nie mehr loslassen sollte. Jung war überzeugt, dass uns im Geisteskranken »nichts Neues und Unbekanntes« begegnet, vielmehr der »Untergrund unseres eigenen Wesens«. Im Gesunden wie Kranken liegt Unverarbeitetes. Bei beiden wirken abgespaltene gefühlsbetonte Komplexe als Störungen ins Alltagsleben hinein. Der Unterschied zum Gesunden besteht einzig darin, dass sich die Komplexe in der Psychose nicht mehr der Wirklichkeit anpassen, dass sich vielmehr eine »ältere Form des Denkens« gleichsam »vikarisierend« einstellt, eine Form, die mythologische Bilder zutage fördert. Die Annahme einer solchen, ursprünglich dem Mythos zugehörigen Phantasietätigkeit bildet die Basis von Jungs Archetypenkonzept: Was Freud somit als »archaischer Rest« zur Seite legte, wird bei Jung zum archaischen Apriori alles Seelischen. Die menschliche Gefühls- und Phantasiewelt ist letztlich – wenn auch phylogenetisch wie ontogenetisch vielfach variiert – auf Archetypisches zurückbezogen.

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Heinz Lüssy: Beginn ist nicht Anfang. Zum ersten Wort der Tora

Weshalb beginnt der Text Genesis 1, der vom Anbeginn kündet, in der Ursprache mit dem zweiten Buchstaben (Bet), und nicht vielmehr mit dem ersten (Alef) des Alefbets? Sowohl der Talmud als auch die Kabbala schenken dem Wort »Bereschit« (»Im Anfang«) allerhöchste Beachtung, und die eingangs gestellte Frage findet ganz verschiedene Antworten und Begründungen, die jedoch alle gleichermaßen dazu dienen, das Wort wirksam zu machen. Im Talmud wird zum Beispiel diskutiert, ob Gott zuerst den Himmel und dann die Erde schuf oder umgekehrt, oder ob er alles auf einmal schuf. In der Kabbala wird davon ausgegangen, dass schon im Anfang eine Zweiteilung bestand und der Vorgang der Schöpfung deshalb an zwei Orten stattfand, einem mystischen oben und einem materiellen unten. Die Argumente für solche Lehrmeinungen stützen sich unter anderem auf die Wortbedeutung der Buchstaben und deren Zahlenwert. Das Referat soll das eigentümliche jüdische Nachdenken über Anfang und Schöpfung näher bringen.

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Wolfgang Marx: Der Mythos vom lauten Anfang und vom leisen Ende

In diesem Beitrag soll vieles von folgenden Themen verhandelt werden: der Urknall, der Wärmetod des Universums und natürlich auch die Ewigkeit. Das alles soll im Rahmen der Textsorte Essay geschehen, wo es darum geht, von Problemen zu erzählen. Dabei soll vermittelt werden, dass auch das Weltbild der Naturwissenschaften eine Große Erzählung von Anfang und Ende aller Dinge ergibt, eine Kosmogonie, die den Vorzug hat, zugleich Kosmologie zu sein und also ohne Nachteil fundamentalistisch gelesen werden zu dürfen, da sie jederzeit revisionsfähig ist und also immer nur den Anspruch einer vorläufigen Wahrheit hat. Wenn neues Wissen erworben worden ist, kann sie, ja muss sie ergänzt, vielleicht sogar grundlegend verändert werden. Dieser fundamentale Unterschied zwischen offenbartem (und damit ewig gültigem) und selbst erworbenem (und damit immer relativem) Wissen führt in unserem Alltagsleben jedoch keineswegs zu einer neuen Praxis im Umgang mit solchen Geschichten. Die Pointe meines Versuchs besteht vielmehr gerade darin zu zeigen (nicht zu erklären), wie wir uns inzwischen in der neuen Großen Erzählung eingerichtet haben als sei sie ein veritabler Mythos. Wir gehen mit ihr nicht wesentlich anders um als beispielsweise die Menschen des Mittelalters mit den Schöpfungsberichten der Genesis.

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Hans Meierhofer: Anfang und Ende in der Musik

Introduktion, Präludium, Ouvertüre – Halbschluss, weiblicher Schluss, Trugschluss: Wie beginnen Musikstücke, wie hören sie auf?
Gerade diese zeitlichen "Randpositionen" sind entscheidend für die Überzeugungskraft eines Musikstückes - der Rest ergibt sich daraus dem Komponisten sozusagen von selbst; indem wir Anfang und Ende vieler Klangbeispiele genauer unter die Lupe nehmen, erfahren wir viel über die innere Dynamik der ganzen Werke.
Es zeigt sich, dass dabei immer wieder ähnliche Riten ins Spiel kommen (z.B. dass viele Musikstücke "doppelt" anfangen und sozusagen immer mit einer mit einer traditionellen Kadenz schliessen).
Umso interessanter ist es, individuelle Lösungsansätze ausfindig zu machen, etwa bei neueren Komponisten. Als Meister der Schlüsse wird sich jedoch Beethoven herausstellen...
Das Referat möchte nach den symbolischen und (literatur)psychologischen Funktionen dieser Formeln fragen.

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Erwin Sonderegger: Ursprung Ziel des Menschen nach Aristoteles – mit einem epikureischen Nachsatz

Der Mensch bestimmt sich in verschiedenen Epochen verschieden. Er sieht sich einmal als Maß aller Dinge, dann als Geschöpf Gottes, einmal als Mängelwesen, dann als animal rationale, er hält sich für einen solus ipse, für den Traum eines Schattens, er reduziert sich darauf, Erbringer und Konsument wirtschaftlicher Leistungen zu sein,
Auch Aristoteles entwickelt in der Nikomachischen Ethik eine Bestimmung des Menschen. Er benutzt dabei nicht die Methode der Definition, sondern er fragt danach, was die eigentliche Leistung des Menschen sei. Er findet dies dem Menschen völlig Eigene in der Wirklichkeit der Seele. Wann aber, wie, unter welchen Bedingungen sind wir ›wirklich‹? Unsere Wirklichkeit besteht in Wahrnehmung und Denken, weiter auch im Handeln und Herstellen; im Vollzug davon besteht unser Leben. Diese Wirklichkeit in Wahrnehmungen und Gedanken, in Handlungen und Arbeit zu leben, nicht einfach so, sondern in hervorragender Ausführung, auch nicht bloß das eine oder andere Mal, sondern mit einer gewissen Dauer, die der Endlichkeit des Menschen Rechnung trägt, mit guten und schönen Inhalten - das ist das letzte Ziel des Menschen. In dieser Art Wirklichkeit besteht die Eudaimonie. In diesem Gelingen stellt sich die Hedone ein. Die Hedone ist nicht irgendwie ein Zusatz, ein Gefühl bei Tätigkeiten, sondern der Effekt davon, dass der Betreffende bemerkt, dass er ›ist‹, dass er in der Weise der Eudaimonie wirklich ist; in Eudaimonie und hedone ist der Menschen eigentlich. Daher passt hier die Methode Senecas, viele seiner Briefe an Lucilius mit einem Epikurzitat zu schließen vorzüglich: Die hedone ist arche und telos des glücklichen Lebens: Lust und Freude sind Ursprung und Ziel des Menschen.

Martin Städeli: Vom Huhn und vom Ei. Zum Verhältnis von Anfang und Ende beim Schreiben

Literaturwissenschaft befasst sich in der Regel mit Fertigem. Eine Erzählung liegt vor, sie lässt sich mit anderen vergleichen, zergliedern, auf ihre Varianten hin untersuchen und – hoffentlich – darauf noch mehr geniessen. Für einmal nun soll aber nicht das Fertige im Mittelpunkt stehen, sondern die Vorarbeit. Aus der ursprünglichen Idee zu einer Geschichte muss eine Handlung entstehen, Figuren sollen die Geschichte bevölkern – und eben: an einem Punkt muss die Geschichte einsetzen und an einem anderen Punkt aufhören. Wer eine Geschichte erzählen will, muss vor dem Erzählen Anfang und Ende kennen. Allerdings zeigt sich, dass Anfang und Ende zunächst gar nicht so klar getrennt sind: Der Schluss kann am Anfang stehen, der Anfang in der Mitte und die Mitte in den Sternen. Ein grosser Teil der Arbeit beim Schreiben besteht darin, eine Ordnung herzustellen oder die Gesetze der Geschichte zu entdecken. Anhand eines Beispiels versuche ich zu zeigen, wie aus einer Idee eine Geschichte entsteht, welche Bedeutung dabei Anfang und Ende haben und wie sie aufeinander einwirken. Dabei sollen auch einige anerkannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu Wort kommen und von ihren Erfahrungen berichten.

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Ulrike Thierfelder: Harry Potter und die endlose Folge der Anfänge

Die Harry Potter Serie ist als literarische Reihe ein eher seltenes Phänomen. Es handelt sich nicht (nur) um eine Serie von Büchern, die sich um individuelle und klar voneinander abgrenzbare Abenteuer einer Hauptperson drehen, sondern vielmehr um ein einziges Werk, welches in aufeinander aufbauenden Episoden angeordnet ist: eine sogenannte Cumulative Narrative.
Die Cumulative Narrative definiert sich besonders durch den sowohl episodischen wie auch fortlaufenden und damit open-ended Charakter. Diese Doppelgesichtigkeit hat zur Folge, dass die Anfänge, Mittelteile und Enden der jeweiligen Bücher nicht immer das sind, was sie scheinen. Betrachtet man die Reihe aus der Perspektive des Mediums, so haben natürlich alle sieben Bücher der Harry-Potter-Heptalogie einen physischen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende. Inhaltlich betrachtet jedoch definieren sich Anfang, Mittelteil und Ende im Verlauf der sieben Bücher immer wieder neu.
Im Referat wird das Augenmerk insbesondere auf die zwei literarischen Hauptzeitlinien gelegt, nämlich:
1. die linear-chronologische Linie, verstanden als Abfolge der ›plots‹ innerhalb der sieben Bücher. Es handelt sich dabei um die chronologische Erzählzeit, so wie sie der Protagonist Harry erlebt: Für ihn fangen die Bücher jeweils am Anfang an und enden am Ende.
2. die cumulierend-narratologische Linie, verstanden als logischer Aufbau der ›story‹, so wie sie sich für Harrys Antagonisten, Lord Voldemort, über die sieben Bände hinweg ergibt. Dessen Geschichte hat eine ganz anders geartete, wenn nicht gegensätzliche Zeitfolge: Sie baut immer wieder neue Anfänge auf und orientiert sich einzig an dem feststehenden finalen Showdown zum Ende des siebten und letzten Buches – welches seinerseits einen für beide Parteien offenen Ausgang präsentiert, da sich hier beide Zeitlinien treffen.
Betrachtet man die Heptalogie als eine fortlaufende Geschichte und damit als Gesamtwerk, so haben die beiden Zeitlinien zur Folge, dass sich Joanne Rowlings Harry Potter konstant neu definiert: Es gibt immer wieder einen neuen Anfang und gleichzeitig ein zeitlich undefiniertes Ende, welches sich nach hinten verschiebt.

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Detlev v.Uslar: Anfang und Ende im Spiegel des Traums

Von aussen gesehen scheint der Traum Anfang und Ende zu haben, wobei das Ende oft mit dem Erwachen identisch ist. Von innen gesehen aber ist es anders: Wahrend wir träumen, wissen wir in der Regel gar nicht, dass es ein Traum ist. Wir sind in einer wirklichen Welt, in der wir uns irgendwie vorfinden, und die mit einer bestimmten oder unbestimmten Vergangenheit verbunden ist, genau wie die Welt im Wachen. Und das Ende wird dem Traum gleichsam von aussen durch das Erwachen gesetzt. Solange wir noch träumen, steht uns immer noch eine Zukunft bevor, die auch betont sein kann, zum Beispiel in Angstträumen, wo etwas Gefährliches auf uns zu kommt. Aus der wiederum anderen Perspektive der Deutung aber können sich Anfang und Ende symbolisch im Traum spiegeln, zum Beispiel in Geburtsträumen, in denen wir aus Höhlen oder Gängen hervorkriechen. Träume spiegeln unsere Wandlung zwischen Anfang und Ende. Das Weltende kann sich in Anspielungen an das Jüngste Gericht im Traum ankündigen. Aber diese Bedeutungen werden in der Regel erst in der Durchdringung der Welten des Traums und des Wachens sichtbar, die im Erwachen geschieht.

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Eberhard Wolff: Links und rechts der Müeslischüssel. Symbole und Ritualisierungen im Sanatoriumsalltag

Das Sanatorium »Lebendige Kraft« des Zürcher Naturheilarztes und Müesli-Erfinders Max Bircher-Benner zählte im frühen 20. Jahrhunderten zu den weltweit erfolgreichsten und berühmtesten Einrichtungen seiner Art. Dort praktizierte Bircher-Benner mit seinen Patienten die von ihm so genannte »Ordnungstherapie«. Zur vegetarischen und auf Rohkost ausgerichteten Verpflegung sowie physikalischen Therapien mit Licht und Wasser kam ein recht strenger Tagesablauf mit früher Tagwacht, Spaziergängen, Freiluftübungen und frühem Zubettgehen. Der Patient Thomas Mann nannte das Sanatorium 1909 ein »hygienisches Zuchthaus«. Auch der Anfang und das Ende des Sanatoriumsaufenthalts waren in diesem Sinne streng formalisiert. Insbesondere der Eintritt in die Klinik war ein mit Symbolen angefülltes Ritual: Das eigenhändige Ausfüllen des Dossiers durch den Patienten, das Eingangsphoto, die Eingangsuntersuchung und die symbolische Aufnahme in die Klinikgemeinschaft durch Übergabe des personalisierten Pflichtenheftes mit den »Kurvorschriften«. Der Erfolg der Klinik dürfte nicht zuletzt auf diese Symbolisierungen und Ritualisierungen zurückzuführen sein, die den Patienten einen festen Orientierungs- und Interpretationsrahmen vorgaben.

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Auch diese Tagung und ihre spätere Publikation wurde finanziell unterstützt von der SAGW: