Mitra-Fisch

 

Andreas Hebestreit

War die bischöfliche Mitra ursprünglich ein Fisch-Symbol?

 

Bild: Abtei St.Ursanne (Foto AH)

 

Was es bislang über die traditionelle bischöfliche Kopfbedeckung, die so genannte Mitra, zu sagen gab, hat Joseph Braun S.J. bereits 1907 in magistraler Weise zusammengefasst. Aus seinen Ausführungen geht zunächst hervor, dass wir praktisch keine Darstellungen pontifikaler oder episkopaler Kopfbedeckungen – geschweige denn Originale derselben – kennen, die wesentlich älter wären als das Jahr 1000. Daraus könnte man zunächst einmal schließen, dass die Bischöfe der vorangegangenen Jahrhunderte dergleichen liturgischen Zierrat nicht verwendet haben. Und tatsächlich erscheint Bischof Maximian auf dem bekannten Mosaik in San Vitale, Ravenna, ebenso barhäuptig wie dann lange nach ihm die Bischöfe (oder Erzbischöfe?) auf den Fresken des serbisch-orthodoxen Klosters von Sopocani. (13. Jahrhundert). Freilich könnte man hier bereits einwenden, dass weder Bischof Maximian noch die Bischöfe von Sopocani beim Zelebrieren einer Eucharistiefeier dargestellt sind. Sie treten zwar machtvoll in Erscheinung, aber nicht eigentlich als Offizianten.

Die ersten bildlich dokumentierten Bischofsmützen stammen laut J.Braun aus dem frühen 11. Jahrhundert und haben gemäß dem, was sich den sehr einfachen Zeichnungen bei genauerer Betrachtung entnehmen lässt, in der Regel Kegel- oder Kalottenform, im Original pileus/pileolus und galerus genannt. Im zwölften Jahrhundert verbreiten sich dann vom Osten her liturgische Kopfbedeckungen, von denen Braun annimmt, dass sie seitlich aufragende Bausche trugen, die sich dann an manchen Orten zu eigentlichen ›Hörnern‹ auswuchsen. Die klassische Form der Mitra mit einem vorderen, leicht höheren ›Schild‹ und einem hinteren, niedrigeren, erscheint in Abbildungen erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts. Wie J.Braun in dem Zusammenhang ausführt, hat es bereits Kommentatoren gegeben, die die (scheinbar) seitlich aufragenden ›Hörner‹ der Mitren aus einer besonderen Darstellungsweise der Miniatoren erklärten. Doch das lehnt J.Braun grundsätzlich ab. Die Idee, dass man eine Figur so darstellt, dass dem Betrachter jeweils die charakteristischsten Aspekte zugewandt sind, dass also Frontalansicht und Profil, wie etwa in der altägyptischen Malerei, durchaus in einer Figur miteinander kombiniert werden können, scheint ihn nicht überzeugt zu haben. Andererseits hat er keine plausible Erklärung dafür, weshalb die Mitren dann ausgerechnet gegen Ende des 12. Jahrhunderts um 90 Grad gedreht worden sein sollten. Die charakteristische Einkerbung dieser liturgischen Kopfbedeckungen, die (nach seiner Überzeugung) zunächst von der Stirn und Nacken verlief, verläuft seither bekanntlich von Ohr zu Ohr.

Der Umstand, dass wir keine Mitren-Darstellungen vor der Jahrtausendwende kennen, bedeutet noch längst nicht, dass die katholischen Bischöfe zwangsläufig barhäuptig amtiert hätten. Schließlich gibt es da noch die so genannte Inful (lat. infula) als Pendant zur griechischen mitra und von dieser gewöhnlich im Nacken verknoteten Stirnbinde nimmt man an, dass sie im christlichen Kult seit frühester Zeit in Gebrauch stand. Die sakrale Dimension dieser infulae erstreckt sich im Übrigen sogar noch bis weit ins Mittelalter hinein, wenn von der Gesamtheit des kaiserlichen Kopfschmucks, einschließlich der Krone, als den infulae imperiales (Goldene Bulle, 1356) gesprochen wird. 

Nun wissen wir aber, dass diese infulae im Prinzip keine christliche Neuerung waren. Sie waren bereits im altrömischen Kult in Gebrauch. Wenn das zutrifft, dann ließe sich aber auch annehmen, dass die christlichen infulae, wenn sie schon übernommen wurden, zumindest von der Art und/oder der Bindung her um eine deutliche Differenz bemüht sein mussten. In Ermangelung von bildlichen Darstellungen ist anzunehmen, dass sie leicht anders gebunden, anders geknüpft waren, als die heidnisch-römischen. Und auch die Art der Bänder, namentlich ihre Breite, dürfte zur Differenzierung beigetragen haben. Schmale Bänder, wie wir sie in der heidnisch-römischen Religion auch an Altären, Opfertieren und sakralen Gebäuden erkennen, haben vor allem die symbolische Bedeutung zu binden und zu ver‘binden. Die enge Verbundenheit der Kultteilnehmer ist immer und überall die logische Voraussetzung für die Verbindung mit der Gottheit. 

Im frühen Christentum, das sich grundsätzlich außerhalb der traditionellen Familien- oder Geschlechterbindungen bewegt, kommt da noch eine weitere Funktion hinzu. Die Teilnehmer einer Eucharistiefeier sind keine Verwandten, keine gens, sondern sie bilden eine allein durch Glauben und Sakrament verbundene Herdeunus christianus nullus christianus. Eine Herde, die als solche eines Hirten bedarf. Die bevorzugte Heilsgestalt der Gemeinden ist der ›Gute Hirte‹; ihr geistliches Oberhaupt ist ein umsichtiger ›Aufseher‹ (episkopos). Bei einem ›Aufseher‹ macht es nun aber semiotisch durchaus Sinn, wenn seine Stirn als Sitz von Entschlossenheit, Wissen und Würde optisch hervorgehoben wird. Und zwar am einfachsten durch ein helles, breites Band, das die Stirn nach oben hin verbreitert. Mit anderen Worten: Die christliche Inful musste breiter sein als beim heidnisch-römischen Opferpriester. Möglicherweise so breit, dass beim Binden eines einigermaßen steifen Gewebes ein zylindrisches Objekt entstand, eine Art Tubus, ganz ähnlich dem Kamilavkion der griechisch-orthodoxen Priester. Während ein Kamilavkion (wörtlich ›Nackendecke‹) aber erstens schwarz und zweitens ›zugedeckelt‹ ist, bleibt eine ungefärbte Inful nach oben vollkommen offen. Tatsächlich sieht H.Wüscher-Becchi im griechisch-römischen camelaucum »die erste Form der bischöflichen Mitra« (S.104).  

J.Braun schreibt: »Man hat die Ansicht ausgesprochen, es sei die Mitra anfänglich bloß ein Tuch gewesen, das man um den Kopf des Bischofs gelegt und dann mittels einer Binde befestigt habe. Dabei habe man die Zipfel hinten auf den Nacken herabfallen lassen.« Doch diese Erklärung hält der Gelehrte für »ganz unzutreffend‹, weil man eine Binde – im Unterschied zu einer Mütze – nicht ohne weiteres ab- und wieder anlegen könne. Wie es doch der kirchliche Ritus manchmal vorschreibe. Man könnte aber auch umgekehrt argumentieren: Der Übergang von der Kopfbinde zur eigentlichen, d.h. einigermaßen ›stabilen‹ Mütze nach der Jahrtausendwende hat unter anderem deshalb stattgefunden, weil man nun ein möglichst problemloses Auf- und Absetzen einer Kopfbedeckung ins Ritual integrieren wollte.

Die entscheidende Frage ist nun aber: Woran erinnert ein durch Tücher und/oder Binden erzeugter, nach oben offener Tubus? Was suggeriert er? Worauf spielt er an? – Denn eines muss ganz klar sein: Wenn die offizielle Kopfbedeckung eines wichtigen Amtsträgers eine bestimmte Form hat, dann ist das niemals etwas Zufälliges oder Beliebiges, keine phantasievolle Inspiration eines klerikalen Modisten, sondern immer ein sehr wohl durchdachtes und begründetes Ergebnis. Und diese Begründungen richten sich jeweils danach, woran diese Kopfbedeckung die Entscheider erinnert, respektive woran sie sie auf keinen Fall erinnern sollte. (›Aber ich darf doch nicht aussehen wie ein …!‹) Auch wenn diese Überlegungen nicht unbedingt publik gemacht oder schriftlich festgehalten werden – statt finden sie ganz sicherlich. – Nach diesen vorsichtigen Präliminarien sei hier also eine etwas ungewöhnliche Deutung gewagt: Ein durch Tücher und/oder Binden erzeugter, nach oben geöffneter Tubus erinnert an eine große, weite Mundöffnung und insbesondere an ein zum Himmel emporgestrecktes Fischmaul. – Gewissermaßen an ein os semper orans – einen zu unablässigem Gebet gen Himmel erhobenen Mund. Bischof Diadochus von Pontike (gest. v. 486) empfahl die Rezitation einer permanenten Gebetsmantra, die vor allem in einer Wiederholung der Formel »Herr Jesus« bestehen sollte. Weitere Stichworte sind Oratio infusa, Hesychasmus und ›Ewige Anbetung‹. – Im Kloster von Cluny wurden im 11. Jahrhundert angeblich täglich die 150 Psalmen gebetet.

Und damit befinden wir uns unmittelbar vor dem wohl wichtigsten Symbol der frühen Kirche, dem Symbol des Fisches, dem bekanntlich Franz Joseph Dölger sein monumentales Werk gewidmet hat. In den römischen Katakomben sind Fisch-Darstellungen häufiger als jede andere; gezählt wurden an die siebzig. Bekannt ist auch eine Deutung, die aus dem griechischen Wort für Fisch ichthys ein Akrostichon für ›Jesus Christus Gottes Sohn Heiland‹ herauslesen wollte. Und von den Priestern heißt es wiederholt, sie sollten in personam Christi gerere – ›die Rolle Christi spielen‹. Oder vielleicht genauer: ›die Maske Christi tragen‹. Denn die erste Bedeutung von persona war in der Antike ›Maske‹, und das Verb gerere hat die Grundbedeutung ›tragen‹.

Das Bedürfnis nach einer auch von den Bischöfen buchstäblich ›(mit-) getragenen‹ Fisch-Symbolik dürfte also in den Gemeinden durchaus vorhanden gewesen sein. Trotzdem könnte die hier entwickelte Deutung der bischöflichen Inful als zu weit gegriffen verstanden werden. Tatsächlich hätten wir sie wohl nicht gewagt, wenn es da nicht eine gewisse  historische Parallele gäbe. Freilich, wie gleich zu betonen wäre, nicht als direkte, unmittelbar nachgeahmte Vorlage, sondern lediglich als historische Analogie. Ähnliche Voraussetzungen haben zu ähnlichen Ergebnissen geführt. Wenn wir uns nämlich in der assyrisch-babylonischen Religion umsehen, dann stoßen wir dort auf Darstellungen hochrangiger Priester, die sich offenbar als ›Fische‹ gekleidet haben. Ihr Ornat ist mit großen, (vermutlich) glänzenden Schuppen bedeckt und auf dem Kopf tragen sie helmartige Gebilde (aus getriebenem Metall?), die ganz eindeutig aussehen sollen wie zum Himmel gereckte Fischköpfe mit Augen, Kiemen und weit geöffneten Mäulern.  Auch eine ›Nackendecke‹, die wohl in einem ausgefransten, atrophierten ›Fischschwanz‹ enden soll, fehlt nicht.

 

Priester aus dem Ninurta-Tempel in Kalhu, Illustration nach einem Steinrelief (Umzeichnung des Verf.)

So eine künstlerisch elaborierte Kopfbedeckung, wie sie das Relief des Ninurta-Tempels zeigt, kommt auch im Zweistromland nicht einfach aus dem Nichts. In der Religiongeschichte hat grundsätzlich alles seine Vorläufer oder Vorbilder, und so müssen auch die elaborierten Kopfbedeckungen der assyrischen Priester ihre Vorläufer gehabt haben, aus denen sie sich mit der Zunahme der technischen Fähigkeiten entwickelt haben. Diese Vorläufer waren aber sicherlich kunstvoll geschlungene diademartige Kopfbinden, wie man sie auch von den Herrschern des Vorderen Orients kennt. Wie man aber ein steifes quadratisches Tuch so zusammenfaltet, dass daraus eine veritable Bischofsmütze entsteht, das weiß eigentlich jeder und jede, der/die einmal eine gute Ausbildung im Gastgewerbe genossen hat.

So weit wie die mesopotamischen Fischkopf-Hüte oder -Helme ist man in der christlichen Fisch-Symbolik freilich nicht gegangen. So realistisch wollte man nicht sein. Also keine aufgemalten oder aufgestickten ›Augen‹ auf der Mitra, keine ›Kiemen‹ und statt eines langen ›Fischschwanzes‹ die wesentlich kürzeren, dafür aber absolut unerlässlichen vittae. Stilisierte Andeutungen sollten genügen. Und auch das hat wiederum einen ganz bestimmten Grund. Es hängt zusammen mit der Notwendigkeit einer Abgrenzung. Mit dem Kult einer Dea Syria (Atargatis), die unter anderem auf einem Relief im Bel-Tempel von Palmyra mit einem Fischleib dargestellt wird und in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung einigen Zulauf fand, wollte man sicherlich nichts zu tun haben. 

Im Übrigen hat das christliche Fisch-Symbol auch eine etwas andere Qualität als das assyrisch-babylonische. In Mesopotamien sind nur die Angehörigen einer bestimmten Priesterkaste ›Fische‹; im Christentum ist man da wesentlich offener. Die Gemeinschaft der Getauften besteht gemäß Tertullian aus lauter lebendigen, fruchtbaren, sich fleißig vermehrenden pisciculi. Für Clemens Alexandrinus sind die Getauften Fische, weil das Wasser das natürliche Element ihrer Erneuerung ist.

 

Zitierte Literatur:

Joseph Braun, Tracht und Attribute der Heiligen in der deutschen Kunst, Stuttgart 1943, Nachdruck 1964. 

Heinrich Wüscher-Becchi, Ursprung der päpstlichen Tiara und der bischöflichen Mitra, aus den antiken Monumenten erklärt, Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte Bd. 13 (1899) S. 77–108.

Franz Josef Dölger, Ichthys, Das Fischsymbol in frühchristlicher Zeit, 5 Bände, Münster 1922–1943.

Hinweis:

http://www.mysterybabylon-watch.blogspot.ch/2011/10/something-fishy-abou... <zuletzt besucht am am 19.10.15>

 

Verfasst und © 7.9.2105 AH – online gestellt 21.10.2015 pm