Artifizielle Menschen

Projekt des Kolloquiums 2021 — Eine Ideensammlung

       

(links: PLAYMOBIL, Foto P.M.)                            (rechts LEGO, Quelle)

 

(ugb) Was lässt ein Wesen lebendig erscheinen? Sind es irgendwelche sensorischen Wahrnehmungen, die wir ihm zutrauen, oder ist es die Fähigkeit, zu atmen / die Fähigkeit, sich aus eigenem Antrieb fortzubewegen? Braucht es die Idee einer selbständigen Existenz, die uns hinlänglich versichert, dass wir es mit Leben zu tun haben … was ja neben den genannten motorischen skills zumindest Spuren eines kognitiven Erkennens und kreatives Ersinnens voraussetzen würde?

Und, wenn alle diese Voraussetzungen erfüllt sind: Darf sich dann auch künstliches Leben "Leben" nennen?

Schon nur aufgrund solcher Fragen eröffnet sich die doppelte Natur der Faszination für etwas, was sich je nachdem, "künstliches Leben" oder "künstliche Intelligenz" nennt.

• Das eine Erkenntnisinteresse ist vordergründig technischer Natur und beschäftigt sich mit den Chancen und Risiken – und vor allem auch mit den Grenzen – dessen, was menschlicher Erfindergeist hinsichtlich des Nachbaus oder sogar hinsichtlich der Verbesserung bestehender lebendiger Systeme vermag – und zwar durchaus im Wettbewerb mit anderen schöpferischen Kräften und mit der entsprechenden Anmassung.

• Das andere Erkenntnisinteresse hat viel stärker die Wahrnehmungsseite im Blick und versteht die Kunst der Simulation als Grenzüberschreitung im Sinne von Transzendenz. So hat etwa Cynthia Bréazal vor zehn Jahren lernfähige Roboterköpfe entwickelt, die wie Säuglinge auf menschliche Gesichtsausdrücke reagieren konnten. Das Wiedererkennen auf beiden Seiten stand hier im Zentrum, und die kognitionspsychologische Forschungsfrage war, wie sich Empathie – hier im Spiegel des nichtmenschlichen Gegenübers – entwickelt und zu einem sozialen "Miteinander" beiträgt.

(mw) Der artifizielle Mensch (Roboter, oder Homunkulus, aber auch virtuelle "Personen" wie Avatare oder Spiel-Idenditäten bei Gamern) beleuchtet unser Selbstverständnis kritisch. Unsere alltägliche Gewissheit, zu leben und existent zu sein, wird in Frage gestellt, wenn da ein Gegenstand ist, der sich so benimmt wie wir und der nach äusserem Urteilen von uns lebenden Individuen nicht gut zu unterscheiden ist. Artifizielle Menschen sind geeignet, die selbstverständliche Identität, unsere Einzigartigkeit zu hinterfragen. (Das tun auch philosophische Konzepte oder der Buddhismus.) Gibt es Möglichkeiten, die so aufgeworfenen Fragen zu entkräften?

(pm) Seit der Steinzeit verfertigt der Homo artifex Werkzeuge. Dies Artefakte konnte man immer in den Ruhezustand versetzen: den Steinkeil weglegen; den Ottomotor abstellen; schlimmstenfalls den Stecker ziehen (to unplug). Der Erzeuger behielt immer die Oberhand. Mit der gegenwärtig grassierenden Technik verschwindet die Verfügungsgewalt des Erzeugers allmählich. Was in den Geschichten vom zum Wasserträger verwandelten Besen oder dem Sännetuntschi, oder in Frankenstein noch als fantastische Geschichte erschien, wird nun Realität: Wir laufen Gefahr, die Kontrolle über unsere Erfindungen zu verlieren. Das Verhältnis von Artifex und Artefactum könnte sich umkehren. Fremdbestimmt zu werden ist schon unangenehm; aber selbst erzeugte Fremdbestimmtheit macht erst recht Angst.

Wer einen künstlichen Menschen fabriziert, reflektiert zwingend auf die Natur / Organisation / Eigenart des wirklichen Menschen, von dessen Eigenschaften er sich inspiriert. Insofern sind künstlich verfertigte androide Wesen eine Erkenntnisform der Anthropologie im Spiegel. Sie regen zur Frage an, wodurch wir uns von ihnen unterscheiden, d.h. was den Menschen wesentlich ausmacht. (Sind sie moralisch / juristisch schuldfrei?)

In Erzählungen davon wird der Erzeuger meist zum Opfer. Es entsteht ein Oszillieren zwischen Faszination und Horror.

  • Alle bildenden Künstler und Schriftsteller generieren ständig Menschen-Figuren (Effie Briest, Madame Bovary, usw.), die insbesondere im 19.Jahrhundert realistisch gestaltet sind. Poesie kommt von von "poiesis", das bedeutet das Hervorbringen eines materiellen Gegenstands aus dem Nichtseienden ins Sein. Diese Gestalten haben indessen kein "automatisches" Leben; und als Betrachter/Leser erkenne ich nur schon am Buchtitel, dass sie Figuren eines Romans oder einer Novelle u.dgl. sind, d.h. literarische Ausgeburten; mitunter werden ihnen auch bestimmte Fiktionalitäts-Marker beigegeben.
  • Es gibt in mythologischen oder fabulösen Erzählungen u.dgl. imaginierte Androide, z.Bsp. Pygmalion, die zum Leben erweckte Venusstatue, den Homunculus bei Goethe, das Tanzpaar bei Grandville
  • Es gibt virtuelle Automaten, z.Bsp. das Programm, das mich bei einer Suchanfrage darauf aufmerksam macht: »Andre Benutzende fanden auch XYZ interessant.«
  • Es gibt die körperlich ausgestalteten, dem natürlichen Menschen sehr ähnlichen Roboter, z.Bsp. Fluteur Automate, L’Écrivain; heutzutage: Androide Roboter
  • Wenn Götter Menschen oder menschenähnliche Wesen erzeugen, so kann das positive Folgen haben (Prometheus), aber auch negative (Pandora).
  • Wenn Menschen willentlich künstliche menschenähnliche Wesen konstruieren, so kann das verschiedene Motive haben: Übermut (Sännetuntschi); intellektueller Stolz und Schöpferdrang (Homunculus); Bequemlichkeit (der wasserschöpfende Besen; z.T. auch der Golem); Amusement, Fun, Jux (Fluteur Automate); Hoffnung aufs Jenseits (Terracotta-Armee), usw.
  • Mitunter passiert es Menschen auch unwillentlich, dass sie ein menschenähnliches Wesen erzeugen (Pygmalion, Marmorbild)
  • Schriftsteller/Graphiker entwerfen künstliche menschenähnliche Wesen als satirische Zerrbilder (Grandville, evtl. auch Arcimboldo, Jean Paul)

Der (wirkliche) Mensch ist bereits artifiziell, ein Geschöpf des Prometheus

Nach Ovid, Metamorphosen I, Vers 76ff. ist nicht genau festzustellen, ob der Mensch aus göttlichem Samen oder aus der Erde stammt, oder ob er ein ›artifizielles‹ Gebilde von des Iapetos Sohn (= Prometheus) ist.

aus: Metamorphoseon libri XV. Raphaelis Regii Volaterrani luculentissima explanatio, cum nouis Iacobi Micylli... additionibus. Venedig: J.Gryphius 1565.

aus: Die Verwandlungen des Ovidii in zweyhundert und sechs und zwantzig Kupffern. In Verlegung Johann Ulrich Krauß, Kupferstechern in Augspurg [ca. 1690].

Ovid schreibt: Während die andern Geschöpfe sich gebückt zur Erde neigen, gab er [Prometheus] dem Menschen erhabnes Gesicht und ließ ihn den Himmel schauen und das Antlitz emporrichten zu den Sternen gewendet.

Der Fabeldichter Babrios (2. Jh. u. Z.?) weiß mehr:

Der Götter einer war Prometheus in der Urzeit. Er schuf den Menschen, sagt man, als der Tiere Herr, aus Ton. Darauf baute er zwei Ranzen [lat. pera aus dem Griech.] und hängte sie ihm um, gefüllt mit aller Bosheit im vordern Ranzen mit der fremden, im hintern mit der eigenen, die weit größer. So kommt's, daß wir die fremden Schwächen scharfsichtig sehen, die eigenen aber ignorieren.

Literaturhinweis: Wolfgang Storch / Burghard Damerau, Mythos Prometheus. Texte von Hesiod bis René Char, Leipzig: Reclam1995.

Zeus lässt einen künstlichen Menschen verfertigen

Aus Rache für den Diebstahl des Feuers durch Prometheus lässt Zeus Pandora anfertigen; die verführerisch ausgestattete künstliche Frau wird dann den Menschen zum Verhängnis; mehr dazu hier > https://de.wikipedia.org/wiki/Pandora

Die grundlegenden Texte stammen von Hesiod (zwischen 750 und 650 v.u.Z.):

Ohne Verzug dann hieß er den herrlichen Künstler Hephaistos
Erde mit Wasser vermengen, mit menschlicher Stimme und Stärke
Weiter begaben und ähnlich den Göttinnen selber von Antlitz
Formen ein hold Jungfrauengebild; dann sollte Athene
Weislich sie lehren, vor allem des Webstuhls künstliche Arbeit;
Aber ums Haupt sollt' ihr Aphrodite, die goldene, hauchen
Anmut, bangendes Sehnen und gliederzehrende Sorgen;
Ihr noch keckes Gebaren und gleißenden Sinn zu verleihen
Trug er dem Hermes auf, dem geleitenden Argoswürger.
Also Zeus; und jene gehorchten sogleich dem Gebieter.
Schleunigst erschuf aus Erde der herrliche Bildner Hephaistos
Züchtiger Jungfrau ähnlich ein Bild nach dem Wunsch des Kroniden
[…]

»Werke und Tage« 62ff. Übersetzung nach H.Gebhardt (1861) bearbeitet von E.Gottwein
> https://www.gottwein.de/Grie/hes/ergde.php

Alsbald sann zum Entgelt für das Feuer den Menschen er Unheil.
Denn nach dem Rate Kronions erschuf Hephaistos, der Hinker,
Jetzt ein Gebild aus Erde, vergleichbar züchtiger Jungfrau;
Diese dann gürtet Athene, des Zeus lichtäugige Tochter,
Schmückt sie mit glänzendem Kleid und befestigt köstlichen Schleier
Ihr mit ordnender Hand am Scheitel, ein Wunder dem Anblick;
Liebliche Kränze sodann, frischduftend von Blüten der Fluren,
Legte dazu noch ordnend ums Haupt ihr Pallas Athene;
Endlich umwand ihr die Stirn mit goldener Binde Hephaistos,
Die mit kundiger Hand er selber, der hinkende Künstler,
Hatte gefertigt, um Zeus willfährig zu sein, dem Erzeuger.
Kunstvolles zeigte sich vieles daran, ein Wunder dem Anblick,
Manches Getier, wie Land und Meer sie ernähret in Menge.
Davon brachte er viele da an – Reiz strahlte vom Ganzen –
Alle bewundernswert, als hätten sie Leben und Stimme.

»Theogonie« 570ff. Übersetzung nach H.Gebhardt (1861) bearbeitet von E.Gottwein
> https://www.gottwein.de/Grie/hes/thgde.php

John Flaxman (1755–1826) zeichnete, wie Pandora ausgestattet wird:

> https://commons.wikimedia.org/wiki/File:John_Flaxman_-_Pandora_Attired.jpg

Homunculus

Goethe, Faust I (1808 erschienen), Verse 2045ff.: Mephisto schreibt, maskiert in der Gestalt eines Gelehrten, dem Studenten ins Stammbuch: Eritis sicut Deus scientes bonum et malum (Das sagt die Schlange zu Eva Genesis 3,4) und sagt dazu: Folg nur dem alten Spruch und meiner Muhme der Schlange, Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange. – Diese eingeschaltete Schülerszene spiegelt das Thema der Haupthandlung.

Faust II (1832 erschienen), Zweiter Akt. Laboratorium = Verse 6’818–7’004. Vgl. dazu den Kommentar von Albrecht Schöne (Deutscher Klassiker-Verlag 1999), S.508–518.

Homukulus wird erzeugt durch den Papiergelehrten Wagner (der alte Pergamente entfaltet, vgl. Vers 6989);, kristallisieren steht organisieren gegenüber (6859f); er nennt Mephistopheles Herr Vetter (6885); er zerschellt am Muschelwagen der Meernymphe Galatee (8472).

Wagner: […] Nun läßt sich wirklich hoffen,
Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen
Durch Mischung – denn auf Mischung kommt es an –
Den Menschenstoff gemächlich komponieren,
In einen Kolben verlutieren Und ihn gehörig kohobieren,
So ist das Werk im stillen abgetan.
> http://www.zeno.org/nid/20004853121


Wagner mit Homunkulus in der Phiole, dahinter Mephistopheles. – Holzstich, um 1880/90, nach einer Zeichnung von Franz Simm (1853–1918); aus: Goethes Werke, Hg. Heinrich Düntzer, Stuttgart und Leipzig: Dt. Verlags-Anstalt o. J.
> www.goethezeitportal.de

Pygmalion

Pygmalion von Ovid (Metamorphosen 10, Verse 243 ff.): Pygmalion möchte ehelos leben. Er bildet aus Elfenbein eine der Natur sehr ähnliche weibliche Figur und verliebt sich in das eigene Gebilde (operisque sui concepit amorem). Dann:

In Entzücken verloren, Fasst zu dem scheinbaren Leib Pygmalion glühende Liebe.
Oft legt prüfend die Hand er daran, ob Leib das Gebilde oder ob Elfenbein,
und er gibt nicht zu, dass es Elfenbein ist.
Küsse auch gibt er und glaubt sie erwidert und spricht und umarmt sie,
Wähnt gar, dass sich die Haut den berührenden Fingern bequeme,
[…]
Sorgsam legt er sie hin auf den Pfühl von sidonischer Farbe,
Nennt sie Genossin des Betts…
[Nach einem Opfer für Venus, die interveniert:]
Wie er daheim, ging jener sogleich zum Bilde des Mägdleins,
Neigte sich über das Bett und küsste sie.
Wärme verspürt er. Wiederum nahte sein Mund;
mit der Hand auch prüft er den Busen.
Siehe, das Elfenbein wird weich, und befreit von der Starrheit
Sinkt an den Fingern es ein, fügsam wie Wach
s usw.

> https://www.gottwein.de/Lat/ov/met10de.php (Übersetzung nach R.Suchier bearbeitet von E.Gottwein)
> https://www.textlog.de/35365.html Übersetzung von Joh. Hch. Voß
Lateinischer Text hier > https://www.thelatinlibrary.com/ovid/ovid.met10.shtml

 

Kupfer von Crispijn de Passe (1589–1637), der zwei Phasen simultan zeigt; hier aus: Les Metamorphoses d’Ovide. De nouueau traduites en françois, Et enrichies de figures chacune seolon son subiect. Avec XV. Discours, Conenans l’Explication morale des fables. A Paris Chez la veufe M. Guillernot... 1622.

Viele Bilder erhält man bei einer Suchmaschine mit den Begiffen "Pygmalion Galatea"

Exkurs: Der sie liebende Professor Jacob Henle [1809–1885] liess Elise Egloff [1821–1848] von einer einfachen Frau zur in der bürgerlichen Gesellschaft tauglichen Gattin umerziehen. Gottfried Keller hat den Stoff in seiner Novelle »Regine« (1881) teilweise verwendet. Mit dem bei F.v.Logau aufgeschnappten Sinngedicht ›Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen? / Küß eine weiße Galatee: sie wird errötend lachen.‹ knüpft er an den Pygmalion-Stoff an, denn dessen verlebendigte Statue heißt in der Tradition Galatea. — G.B. Shaw hat sich für seine Komödie »Pygmalion« (1912) evtl. hier anregen lassen, woraus dann das Musical »My Fair Lady« (1956) entstand.

Literaturhinweise:

Heinrich Dörrie, Pygmalion. Ein Impuls Ovids und seine Wirkungen bis in die Gegenwart, (Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, 167. Sitzung), Opladen: Westdeutscher Verlag 1974.

Fritz Gutbrodt, Pygmalion: Von der Ästhetik als Modellierung der Gefühle, In: Johannes Fehr / Gerd Folkers (Hgg.), Gefühle zeigen: Manifestationsformen emotionaler Prozesse. Zürich: Chronos Verlag, 2009 (Edition Collegium Helveticum 5), S. 215–242.
> https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/31853/2/Gutbrodt_Gef%C3%BChle_zeigen_2009V.pdf

Die zum Leben erwachte Venus-Statue

William von Malmesbury (ca. 1095 – ca. 1143) erzählt diese Geschichte:

In Rom lebte ein junger reicher Ritter, der mit seiner Braut Hochzeit feierte, beim Ballspiel aber mehrmals den Brautring vom Finger verlierend denselben deshalb einer Bildsäule der Venus ansteckte. Als man zur Tafel gehen und er den Ring von der Statue nehmen wollte, war der Finger gekrümmt (invenit statuae digitum usque ad volam curvatum), so dass er jenen nicht abstreifen konnte. Kurz darauf war der Finger wieder gestreckt, jedoch ohne Ring (extentus et annulus subreptus).
Als er Nachts mit seiner Braut im Brautbett weilte, bewegte sich zwischen beiden ein Nebel (quiddam nebulosum et densum inter se et illam, quod posset sentiri, nec poset videri), der immer dichter wurde und endlich in das reizendste Frauenbild sich umwandelte. Er hörte eine Stimme, die sagte: "Umarme mich, denn du hast mich heute geheiratet; ich bin Venus, an deren Finger du den Ring gesteckt hast; ich habe ihn und werde ihn nicht zurückgegeben (ego sum Venus cuius digito apposuisti annulum, habeo illum nec reddam).
Als er darüber erschrak, verschwand es, doch blieb der Nebel zwischen dem Brautpaare.
Da war ein Priester Palumbus zu Rom, der Schwarzkunst kundig, dem sich die Braut anvertraute. Palumbus schrieb einen Brief, in welchem der Ring zurückgefordert wurde, und zog um Mitternacht auf dem Kreuzwege seine Zauberkreise. Da kam ein Zug von monströsen Tieren und Gestalten zu Fuß und zu Ross. Einer aber erschien auf stattlichem Wagen.
Dann erschien auf einem Maultier ein halb nacktes Weib mit goldenem offenem Haar und schamlosen Gebärden. Der dämonische Wagenlenker nahm den Brief entgegen und rief aus: "Allmächtiger Gott, wie lange willst du die Verbrechen des Priesters Palumbus dulden?" Teuflische Gestalten nahmen dann Venus den Ring weg und erstattetenn ihn dem Jüngling zurück; Palumbus tötete sich selbst.

• Willelmi Malmesbiriensis monachi de gestis regum Anglorum, ed. from manuscripts by William Stubbs (1887/89), ¶ 205.
• Text auch in Migne, Patrologia Latina 179,1190A–1191C. Hier als PDF
• Englische Übersetzung von J. A. Giles: William of Malmesbury's Chronicle of the kings of England. London 1847. Book II, Chap. 13 = pp. 232 ff.
> https://archive.org/stream/williamofmalmesb1847will#page/232/mode/2up

In der mittelhochdeutschen »Kaiserchronik« (Mitte 12. Jh.) wird die Geschichte anders erzählt: Der Jüngling verlobt sich dem heidnischen Götterbild, in dem sich der Teufel verbirgt, willentlich:

Die Rede ist hier von einem den wahren Glauben verachtenden, Abgötter verehrenden Jüngling namens Astrolabius. In der Statue, die in honore Veneris errichtet ist, wirkt der Teufel (vâlant). Der sie betrachtende Astrolabius verliebt sich in sie: der jungelinch wart sô harte enzundet, daz er verwandelt alle sîne sinne, daz pilde begund er minnen. Der Teufel rät ihm, den Ring ihr zu geben, und: daz vingerlîn zôch er ab der hant, er gap im sînen gemähelschaz, vil tiure gehiez er dem pilde daz, daz erz iemer minne wolte alse lang er leben solte. In der Folge ist er vom Teufel besessen, und: er wânde daz daz pilde bî im læge. Astrolabius beichtet das dann einem Priester. Dieser kann in einem langen Dialog dem Teufel den Ring wieder abnötigen und erfährt von diesem auch die Wirkunsgsweise: Ein Kraut (ein wurze) unter der Statue bewirkt, dass swer daz pilde oben an sihet der muoz ez iemer minnen. Die Staute wird entfernt und Astrolabius getauft.

Deutsche Kaiserchronik, hg. Edward Schröder, (MG, Scriptores qui vernacula lingua usi sunt, I,1), 1892; Verse 13’101–13’368.
> https://www.dmgh.de/mgh_dt_chron_1_1/index.htm#page/319/mode/1up

Ernst Friedrich Ohly, Sage und Legende in der Kaiserchronik. Untersuchungen über Quellen und Aufbau der Dichtung, Münster/Westf. 1940, S. 203–210.

Weitere Stellen bei Hans F. Massmann, Der keiser und der kunige buoch oder die sogenannte Kaiserchronik, Band 3, Leipzig 1854, S. 923–928.
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/massmann1854bd3

Joseph von Eichendorff kennt das Motiv seiner Ballade »Die zauberische Venus« aus dem Buntschriftsteller Eberhard G. Happel: »Die Teufflische Venus«. Daraus die Verse:

Als er seinen Ring dem Finger
Jenes Bildes will entziehen —
Aber Schrecken zum Vergehen
Fühlt er durch die Adern schießen!
Denn die feuchten Augen sehen
Sich die Hand von Marmor schließen.

Die Folgen sind andere als bei den eben erwähnten Texten.
> http://www.deutsche-liebeslyrik.de/balladen/balladen_eichendorff.htm#g10

Eichendorff nennt (in seinem Brief an Fouqué vom 2. Dezember 1817) als entfernte Veranlassung für sein »Marmorbild« irgendeine Anekdote aus einem alten Buche, ich glaube, es waren Happels Curiositates. Dies bezieht sich auf die Geschichte »Die seltzahme Lucenser-Gespenst« (bei Happel a.a.O. S. 510ff.).

E. G. Happelii grösseste Denkwürdigkeiten der Welt Oder so genannte Relationes Curiosæ. […], Dritter Theil/ Einem jeden curieusen Liebhaber zur Lust und Erbauung in Druck verfertiget/ und mit erforderten schönen Kupfern und andern Figuren erläutert, Hamburg: Wiering 1687. Happel fasste (S. 470) die Erzählung von William von Malmesbury prägnant zusammen, den er auch präzis zitiert: Wilhelm. Malmesburens. Histor. Angl. ad Ao. 1045. > Digitalisat hier.

Eine zusammenfasende Nacherzählung von William von Malmesbury findet sich sodann bei Christian Franz Paullini, Philosophische Lust-Stunden, Oder, Allerhand schöne, anmutige, rare, so nützlich- als erbauliche, Politische, Physicalische, Historische, u. d. Geist- und Weltliche Curiositäten / Männiglich zur beliebigen Ergetzung wohlmeinend mitgetheilt von Chr. Fr. Paullini, Franckfurt und Leipzig, 1706–1707, 2. Teil, Nr. XIV : Vom Geschwätz der Statuen. S. 113–115.

Besen, sei’s gewesen!

Lukian von Samosata (2. Jh. u.Z.), »Der Lügenfreund« – Darin über den Zauberer Pankrates

Sobald wir in ein Wirthshaus kamen, nahm er einen hölzernen Türriegel, oder einen Besen, oder den Stößel aus einem hölzernen Mörser, legte ihm Kleider an und sprach ein paar magische Worte dazu. Sogleich wurde der Besen, oder was es sonst war, von allen Leuten für einen Menschen wie sie selbst gehalten; er ging hinaus, schöpfte Wasser, besorgte unsre Mahlzeit, und wartete uns in allen Stücken so gut auf als der beste Bediente. Sobald wir seiner Dienste nicht mehr nöthig hatten, sprach mein Mann ein paar andere Worte, und der Besen wurde wieder Besen, der Stößel wieder Stößel, wie zuvor.

Dem Erzähler (Eukrates) gelingt es die Zauberformel aufzuschnappen, und er versucht es in Abwesenheit des Zauberers auch. Aber der Besen lässt sich beim Wasserschöpfen nicht aufhalten, weil Eukrates die Formel für das Zurückzaubern nicht kennt. Er haut den Besen mit einer Axt entzwei, da beginnen beide Teile Wasser zu schöpfen. Der zurückkommende Pankrates kann dem Besen die ursprüngliche Gestalt zurückgeben.

Übersetzung von Christoph Martin Wieland (1788/89)
> https://lueersen.homedns.org/!gutenb/lukian/luegen/lueg017.htm

Vgl. die Übersetzung von August Friedrich Pauly, ¶ 35ff.
> https://de.wikisource.org/wiki/Der_Lügenfreund_oder_der_Ungläubige

Goethe hat sich hier inspiriert für seine Ballade »Der Zauberlehrling« (1797; ganzer Text hier)

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!

Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.

Goethes Zauberlehrling, auf einer Postkarte illustriert von Erich Schütz (1886–1937):

> www.goethezeitportal.de/index.php?id=3671

Vgl. die Illustration von Ferdinand Barth (1842–1892) 1882
> https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tovenaarsleerling_S_Barth.png

Die musikalische Burleske »L’Apprenti Sorcier« von Paul Dukas (Paris, 1865–1935) ist auf YouTube zu hören. Die Musik wurde verwendet im von Walt Disney 1940 produzierten Film »Fantasia«.

Golem

Die Textgeschichte ist sehr komplex. Hier wird auf eine der Varianten verwiesen, (die unter dem nichtssagenden Titel Entstehung der Verlagspoesie erschien):

Die polnischen Juden machen nach gewissen gesprochenen Gebeten und gehaltenen Fasttägen, die Gestalt eines Menschen aus Thon oder Leimen, und wenn sie das wunderkräftige S c h e m h a m p h o r a s darüber sprechen, so muß er lebendig werden. Reden kann er zwar nicht, versteht aber ziemlich was man spricht und befiehlt. Sie heißen ihn G o l e m , und brauchen ihn zu einem Aufwärter, allerley Hausarbeit zu verrichten, allein er darf nimmer aus dem Hause gehen. An seiner Stirn steht geschrieben [hebr.] taw-mem-aleph aemaeth (Wahrheit, Gott) er nimmt aber täglich zu, und wird leicht größer und stärker denn alle Hausgenossen, so klein er anfangs gewesen ist. Daher sie aus Furcht vor ihm den ersten Buchstaben auslöschen, so daß nichts bleibt als [hebr.] taw-mem maeth (er ist todt) worauf er zusammenfällt und wiederum in Ton aufgelöst wird. — Einem ist sein Golem aber einmal so hoch geworden und hat ihn aus Sorglosigkeit immer wachsen lassen, daß er ihm nicht mehr an die Stirn reichen können. Da hat er aus der großen Angst dem Knecht geheißen, ihm die Stiefel auszuziehen, in der Meinung, daß er ihm beim Bücken an die Stirne reichen könne. Dies ist auch geschehen, und der erste Buchstab glücklich ausgethan worden, allein die ganze Leimlast fiel auf den Juden und erdrückte ihn.

Mitgetheilt von Jakob Grimm in Cassel.

Achim von Arnim, »Zeitung für Einsiedler«, Heft 7; 23. April 1808; Nr. 4.

Beizuzuiehen sind die Anmerkungen in: Ludwig Achim von Arnim Zeitung für Einsiedler. Herausgegeben von Renate Moering, Berlin/Boston: de Gruyter 2014, S. 866–870:

Die Quelle des Texts stammt aus dem Jahr 1689. — Schemhamphoras gehört zu schem ›der Name‹ (G’ttes, den man nicht ausspricht) und ha-mɘforaš ›bestimmt, explizit‹ (vgl. den Artikel hier) — Goläm steht in der Bibel nur (flektiert) in Psalm 139 [MT],16 und wird übersetzt als ›Ungestaltetes‹, ›unperfect substance‹. — ’ämät bedeutet: ›Festigkeit, Treue, Wahrheit‹ und steht für Gott. — mēt bedeutet ›Leichnam‹.

Spezialliteratur: Beate Rosenfeld, Die Golemsage und ihre Verwertung in der deutschen Literatur, Breslau 1934. — Sigrid Mayer, Golem: Die literarische Rezeption eines Stoffes. Bern-Frankfurt/M. 1975. — dies., Artikel »Golem« in: Enzyklopädie des Märchens, Band 5 (1987).

Das Sännetuntschi

Das getaufte Sennentunscheli der Gescheneralp.

Alte, vergilbte Chroniken sollen melden, dass in grauer Vorzeit gleich hinter den Häusern von Geschenen die Alp begonnen habe. Der Weiler Abfrutt bestand damals noch nicht.

In dieser Alp lebten übermütige Knechte, die ein wüstes Leben führten, nicht zu beten riefen und über heilige Sachen und göttliche Gebote spotteten. Einst machten sie aus Lumpen einen Dittitolg oder, wie man auch sagt, einen Tunsch, Tunggel, Dittitunsch oder Tschungg, trieben mit ihm allen Unfug, strichen ihm Nidel und Milchreis an und gingen so weit, dass ihn der Senn taufte. Jetzt wurde er lebendig und fing an zu reden. Nachdem sie sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatten, fuhren sie fort mit ihrem Unfug und taten immer wüster. Nach und nach ging der Toggel nachts auf's Hüttendach und trabte da herum wie ein Ross. Bei der Alpabfahrt im Herbst vergassen sie den Melkstuhl; als sie es aber merkten, wollte keiner zurück, ihn zu holen, denn sie hatten Angst. Da warfen sie das Los – si hennt g’findlet, – und es traf den Schlimmsten aus ihnen. Er ging zurück. Die Andern zogen mit dem Vieh fort, und als sie auf der Höhe beim jetzigen Abfrutt zurückschauten, sahen sie, wie ein Gespenst die Haut ihres Kameraden auf dem Hüttendach ausspreitete.

Seitdem hauste da ein scheussliches Gespenst und die Alp konnte nicht mehr benutzt werden.

[Erzähler:] Johann Wipfli, Chucheler, Erstfeld

Josef Müller, Sagen aus Uri, Bd. 2, Basel: G. Krebs 1929, S. 252–253 (Nr. 879).
> http://www.zeno.org/nid/20007906374

(Hinweis < rg)

Bunte Liste von künstlichen Menschen

Johannes Praetorius (1630–1680), Anthropodemus plutonicus. Das ist eine neue Welt-Beschreibung, Magdeburg: Johann Lüderwald 1666/67

1. Teil, Kap. 5: Von Erzimmerten Menschen
> http://www.zeno.org/nid/20005493315 — Daraus:

2. […] von S. Niclas Wettlauff. Zu Gripswalde in Pommern stunde in einer Kirchen S. Nicolaus Bild / da steiget bey Nachte ein Dieb hinein / den Gottes-Kasten zuberauben / und spricht zu S. Nicolaus: O Herr Nicolae / ist das Geld dein oder mein? komm wir wollen einen Wettlauff darumb halten / wer am ersten zum Gotts-Kasten kömpt / soll gewonnen haben. Was geschicht? das Bild beginnet zu lauffen / und überläuffet den Dieb zum dritten mahl / der antwortet und spricht: Mein Herr Nicol / du hast redlich gewonnen / aber das Geld ist dir kein nütze / denn du bist Holtz / und darffst kein Geld / ich will es zu mir nehmen / und einen guten Muth darbey haben. Bald hernach stirbt der Kirchen-Räuber / und wird begraben / aber die Teuffel haben seinen Leib auß dem Grabe genommen / und denn / bey den geraubeten Gottes-Kasten geworffen / endlich für der Stadt an eine Windmüle gehencket / die hernach immer lincks soll umbgelauffen seyn. […]

Die Terracotta-Armee des Kaisers von China

Die rund 8000 Teracotta-Krieger sind ›artifizielle Menschen‹, die als symbolische Armee dem Ersten Kaiser möglicherweise die Eroberung der jenseitigen Welt sichern sollten.


Bild aus Wikipedia

Grabbeigaben auf tönernen Füssen (Marc Winter, Universität Zürich)

Der Erste Kaiser von China (221–210 v.Chr.) hat sich bekanntlich fürs Jenseits eine symbolische Armee von Terracotta-Kriegern fertigen lassen, die in menschlicher Originalgrösse und Kampfaufstellung neben seinem Tumulus in die Erde eingegraben wurden. Augenscheinlich nicht dazu bestimmt, ihren Kaiser im Diesseits zu verteidigen, wurde die Terracotta-Armee von künstlichen Menschenfiguren von ca. 8000 Figuren weder um das Grab herum aufgestellt, noch gab es in den historischen Schriften einen Hinweis auf deren Produktion. Weniger bekannt ist, dass auch die Kaiser der folgenden Dynastie sich ein grosses Gefolge von Figuren aus gebranntem Lehm mit ins Grab geben liessen. Der Jing-Kaiser (reg. 156–141 v.Chr.) liess sich einen Hofstaat mit 40'000 Figuren fertigen, die allerdings deutlich kleiner waren als tatsächliche Menschen. Es steht zu vermuten, dass auch die anderen Kaiser der Han-Dynastie sich mit einem symbolischen Gefolge aus Terracotta-Homunculi beisetzen liessen.

Auch Bauern nahmen Terracotta- oder Holz-Figürchen mit ins Grab, etwa von Nutztieren oder Gebäuden, aber auch von Menschen. Und das Grab von Mawangdui zeigt, dass dies eine in ganz China verbreitete Sitte war. Gleichzeitig gibt es in dieser Zeit keinen Diskurs über Jenseitsvorstellungen, zu denen die Existenz grosser Gefolgschaften aus Ton oder Holz passen würden und daher stellt sich die Frage, was die Absicht gewesen sein mag, solche umfangreichen Projekte zu initiieren, wenn sie weder für die Nachwelt festgehalten noch den religiösen Vorstellungen entsprechend im Jenseits einen Nutzen hatten. Hinzu kommt die bemerkenswerte Reduktion an Grösse in einem Zeitraum von lediglich rund 70 Jahren.

Der Brauch von Terracotta-Grabfiguren als Beigaben wurde längere Zeit beibehalten, noch in der buddhistisch geprägten Tang-Dynastie (7.–10. Jh.) wurden Verstorbenen Tonfiguren mit ins Grab mitgegeben. Die Sinologie ist sich uneins darüber, was die Absicht dahinter gewesen sein mag und im Beitrag werden diesbezügliche Thesen vorgestellt und diskutiert.

Sind nicht auch Fabeltiere artifizielle Menschen?

Eine Anregung, diesmal nicht aus Aesop / Phaedrus, sondern von Bidpai (dem vermutlichen Verfasser des Panchatantra):

Antonius von Pforr [Übersetzer], Buch der Beispiele der alten Weisen, Nachdruck der Ausgabe von Lienhart Holl, Ulm 1484, Unterschneidheim: Uhl, 1970.

Vgl. das Digitalisat > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00029362/image_1

Und die Handschriften (um 1475ff.) der Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 466 und cgp 84

Misslungene Metamorphosen

Die Verwandlung in einen Menschen gelingt nicht immer vollständig.

••• Die (blinde) Glücksgöttin hat hier einen Affen in einen Menschen, und zwar in einen gekrönten König verwandelt – aber seine Art bleibt erhalten.

Fortuna non mutat genus

Q. Horatii Flacci emblemata. Imaginibus in æs incisis, notisque illustrata, studio Othonis Væni, Batauolugdunensis. Antverpiæ ex officina Hieronymi Verdussen 1607. — Kupfer von Otto van Veen (1556–1629); Ausschnitt
> https://archive.org/stream/qhoratiflacciemb00veen#page/155/mode/2up

••• Jean de la Fontaine (1621–1695) hat diese Fabel ersonnen: Ein Mann ist vernarrt in seine Katze. Durch Zauberei und Hexenkunst kann er sie in eine Frau verwandeln, die er jetzt noch närrischer liebt. Wie diese aber einmal ein Mäuschen erblickt, regt sich die katzenartige Jagdlust … — Grandville (1803–1847) illustriert das so; vgl. das winzig kleine Mäuschen in der linken untern Bildecke:

Fables des La Fontaine. Illustrations par Grandville, Paris: Garnier 1839; Livre II, Fable 18: La Chatte métamorphosée en femme
> http://www.lesfables.fr/livre-2/la-chatte-metamorphosee-en-femme

Und hier die geniale deutsche Übersetzung von Ernst Dohm, 1877:
> https://www.projekt-gutenberg.org/fontaine/fabeln1/chap041.html

Künstlicher Mensch als Satire

Jean Paul, »Auswahl aus des Teufels Papieren« (1789), Dritte Zusammenkunft mit dem Leser, IV. Einfältige aber gutgemeinte Biographie einer neuen angenehmen Frau von bloßem Holz, die ich längst erfunden und geheirathet
> https://www.projekt-gutenberg.org/jeanpaul/teufel/teuf341.html

Womit man beschäftigt ist, dazu wird man...

Giuseppe Arcimboldo ca. 1565:

> http://www.zeno.org/nid/20003868583

Nicolas II de Larmessin (1632–1694) hat – in der Nachfolge von Arcimboldo – eine Reihe von Handerwerker-Bildern gezeichnet, die aus deren Werkzeugen zusammengesetzt sind:

L’Arcimboldo dei Mestieri. Visioni fantastiche e costumi grotteschi nelle stampe di Nicolas De Larmessin, Prefazione di Stefano Benni, Milano: Mazzotta 1979.

Vielleicht gehört auch dieser Spaß hierhin:

 

Stephanie H. Chanteau and James M. Tour, Synthesis of Anthropomorphic Molecules: The NanoPutians > https://pubs.acs.org/doi/10.1021/jo0349227

Humanoide Roboter in der Geschichte

Jacques de Vaucanson (1709–1782) konstruierte einen flötenspielender Schäfer, einen Trommler und eine Ente und führte sie 1738 vor:

Le Mécanisme Du Fluteur Automate. Avec La description d'un Canard Artificiel, mangeant, beuvant, digerant & se vuidant ... imitant en diverses manières un Canard vivant ... ; Et aussi Celle d'une autre figure ... jouant du Tambourin & de la Flute, suivant la rélation, qu'il en a donnée dépuis son Mémoire écrit, Paris: Guerin 1738.

Beschreibung eines mechanischen Kunst-Stucks und Avtomatischen Flöten-Spielers, so denen Herren von der Königlichen Academie der Wissenschaften zu Paris durch den Herrn Vaucanson Erfinder dieser Machine überreicht worden, samt Einer Description sowohl einer künstlich-gemachten Ente, die von sich selbst das Essen und Trincken hinein schluckt ... und all dasjenige verrichtet/ was eine lebendige Ente thun kan: Als auch Einer andern gleichfalls wunderbaren Figur, welche mit der einen Hand die Trommel rühret, und mit der andern 20 unterschiedliche Arien auf einer Provence-Pfeiffe spielt und bläset. Nach dem Pariser-Exemplar übersetzt und gedruckt ... Augspurg : Maschenbaur 1748.
> http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001C42C00000000

• Der Schachroboter, der 1769 von Wolfgang von Kempelen konstruiert wurde, vgl. den interessanten Artikel auf Wikipedia

A. de Roches, L’automate joueur d’échecs, in: La Nature. Revue des sciences et de leurs applications aux arts et à l'industrie. Journal hebdomadaire illustré. Deuxième année 1882, p. p.397.
> http://cnum.cnam.fr/CGI/fpage.cgi?4KY28.19/401/100/432/8/420

Dazu: Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte (1940):

I. Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzuge erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasserpfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man ›historischen Materialismus‹ nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.
> https://www.textlog.de/benjamin-begriff-geschichte.html

Pierre Jaquet-Droz, L’Écrivain (1772/4); ähnlich: Le Dessinateur

›L'automate souffle de temps en temps sur son travail pour en enlever les éclats de mine de crayon…‹

Musée d'art et d'histoire de Neuchâtel
Bild < https://www.timeandwatches.com/p/our-visit-to-ateliers-jaquet-droz.html

Karikatur

Grandville (1803–1847): Deux danseurs à ressorts articulés

aus: Un autre monde. Transformations, visions, incarnations, ascensions, locomotions, explorations, pérégrinations, excursions, stations, cosmogonies, fantasmagories, rêveries, folâtreries, facéties, lubies, métamorphoses, zoomorphoses, lithomorphoses, métempsycoses, apothéoses, et autres choses; par Grandville, Paris: H.Fournier 1844. p.56.
> http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k3120537

Woher stammen die ›Roboter‹ ?

Die Figur des Menschen als phantastischer Maschine geht zurück auf Robot "Fronarbeiter" seit Karel Čapeks Schauspiel R.U.R. (»Rossum’s Universal Robots«, 1920). – Poln., tschech, robota "Fronarbeit, Zwangsdienst" (aus aslaw. rabota "Knechtsarbeit" zu rabŭ  "Knecht") dringt im 14. Jh. von Osten ein und ergibt spätmhd. robāt(e), robot, rowolt. [nach Kluge, Etymolog. Wörterbuch 1963]; im heutigen Russischen: рабо́та.

Vgl. dazu Lexer, Mhd. Wörterbuch, s.v. robâte, robâter; Grimmsches Wörterbuch BandXIV, 1087f. s.v. Robat.

Hochinteressante Studie dazu: Franz August Brauner, Von der Robot und deren Ablösung für den böhmischen und mährischen Landmann, Verlag Kronberger u. Pziwnatz, 1848
> https://books.google.ch/books?id=Q0xDAAAAcAAJ&dq=robot&hl=de&source=gbs_navlinks_s

Der Sieg der Technik schon früh karikiert:

 

Beide Abbildungen aus: Hans Wettich, Die Maschine in der Karikatur. Ein Buch zum Siege der Technik, Berlin: Verlag der Lustigen Blätter 1916.

Artificial intelligence avant la lettre

Jonathan Swift, Gulliver’s Travels (1726) Part 3 (Reise nach Laputa, Lagado usw.), Chapter 5 beschreibt eine Maschine, mit der sich das ganze Wissen der Welt automatisch generieren lässt – auch dasjenige, das man noch gar nicht weiß:

Der Rahmen enthielt zwanzig Quadratfuß und befand sich in der Mitte des Zimmers. Die Oberfläche bestand aus einzelnen Holzstücken von der Form eines Würfels, von denen jedoch einzelne größer als andere waren. Sie waren sämtlich durch leichte Drähte miteinander verbunden. Diese Holzstücke waren an jeder Fläche mit Papier überklebt, auf dem alle Worte der Landessprache in Konjugationen und Deklinationen, jedoch ohne alle Ordnung aufgeschrieben waren.
Der Professor bat mich, achtzugeben, da er seine Maschine in Bewegung setzen wolle. Jeder Zögling nahm auf seinen Befehl einen eisernen Griff zur Hand, von denen vierzig am Rande befestigt waren. Durch eine plötzliche Wendung wurde die ganze Anordnung verändert. Dann befahl er sechzehn Knaben, die verschiedenen Zeilen langsam zu lesen, und wenn sie drei oder vier Worte herausgefunden hatten, die einen Satz bilden konnten, diktierten sie diese vier anderen Knaben, welche sie niederschrieben. Diese Arbeit wurde drei- oder viermal wiederholt.
Die Maschine war aber so eingerichtet, dass die Worte bei der Umdrehung einen anderen Platz einnahmen, sobald das ganze Viereck sich von oben nach unten drehte.
[…] Aus diesem reichen Material werde er einen vollständigen Inbegriff aller Wissenschaften und Künste bilden.

Englischer Text (mit Bild) > https://www.gutenberg.org/files/829/829-h/829-h.htm
Deutsche Übersetzung > http://www.zeno.org/nid/2000575822X

Swift karikiert hier die kombinatorischen Techniken von Ramon Lull und Athanasius Kircher (die das aber ernst gemeint haben):

Athanasii Kircheri e Soc. Iesu Polygraphia nova et vniuersalis ex combinatoria arte detecta, Romae: ex typographia Varesij 1663.

Vgl. dazu Wilhelm Schmidt-Biggemann, Topica universalis, Hamburg: Meiner 1983; bes. S. 155ff.

Mitsuku

Meet Kuki! – a conversational chatbot. > https://pandorabots.com/kuki/

Chat now — und finde heraus, wie man herausfindet, dass es ein Roboter ist!

Moderne humanoide Roboter:

KENGORO
> https://techxplore.com/news/2017-12-team-japan-advanced-humanoid-robot.html (26.07.2020)

PEPPER
> https://de.wikipedia.org/wiki/Pepper_(Roboter) (und viele weitere Hinweise im WWWeb)

ATLAS
> https://www.bostondynamics.com/atlas

Segensroboter BlessU-2 (Zugriff im Otkober 2020 – Die Kommentare beachten!)

> https://www.youtube.com/watch?v=Qrpl6KW1Epc
> https://www.youtube.com/watch?v=mQMVQEK-Vj8

Kotaro

https://de.wikipedia.org/wiki/Roboter#/media/Datei:Ars_Electronica_2008_Kotaro.jpg

Unheimliches Tal / Uncanny Valley (Münchener Kammerspiele): https://vimeo.com/291694284 (26.07.2020)

Cynthia Breazeals Roboter Kismet (MIT A.I. Lab) (YouTube, 07.09.2011): https://www.youtube.com/watch?v=8KRZX5KL4fA (23.12.2019)

Mini cheetah is the first four-legged robot to do a backflip
> http://news.mit.edu/2019/mit-mini-cheetah-first-four-legged-robot-to-backflip-0304 (Mai 2020)

Boston Dynamics Robots > https://www.bostondynamics.com (Juli 2020)

Hinweise auf Romane, Novellen, Schauspiele, Filme


Übersicht in: Elisabeth Frenzel, Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte, (Kröners Taschenausgaben 301), 6., überarbeitete und ergänzte Auflage 2008; Artikel "Mensch, Der künstliche" (leider ohne präzise Quellenangaben) Hier als PDF zum Download {Dez. 2020}

 

Mary Shelley, »Frankenstein or The modern Prometheus« (1818)

Beate Schappach (Institut für Theaterwissenschaft der Universität Bern) weist hin auf die die Inszenierung »Frankenstein« des National Theatre London. Sie wird derzeit (Mai 2020) online gezeigt:

https://www.youtube.com/channel/UCUDq1XzCY0NIOYVJvEMQjqw

»Diese Bühnenadaption ist interessant, weil sie die Geschichte aus Sicht der Kreatur erzählt. Frankenstein ist für einmal nicht Protagonist der Handlung, sondern sein Geschöpf. Indem die Inszenierung die Kreatur nicht in den Bereich des Monströsen verbannt, wie das viele Verfilmungen getan haben, kommt das Potential des Romans wieder zum Vorschein.

Desweiteren ist es eine interessante Arbeit, weil die beiden Schauspieler, die Frankenstein und sein Geschöpf spielen, sich jeweils abgewechselt haben. Es gibt also zwei Versionen der Inszenierung jeweils mit vertauschten Rollen. Dieser Ansatz setzt einen Akzent darauf, dass Schöpfer und Geschöpf spiegelbildlich lesbar sind.«

E.T.A .Hoffmann, »Der Sandmann« (1816): Der singende Automat Olimpia – vgl. die Oper von Jacques Offenbach »Les Contes d’Hoffmann«, zweiter Akt.

Sehr hübsch, wo das Uhrwerk des Automaten mitten in der Arie aufgezogen werden muss: https://www.youtube.com/watch?v=F2SI0N6Iflc {Zugriff im Dez. 2020}

Arno Meteling, E.T.A. Hoffmann und die Automaten online hier {Zugriff im Dez. 2020}

Auguste de Villiers de L’Isle-Adam [1838–1889], »L’Ève future«, 1886. — Edisons Weib der Zukunft, [Übers. von Annette Kolb] München: Weber, 1909.

https://blog.hnf.de/die-eva-der-zukunft/

Gustav Meyrink [1868–1932], »Der Golem«, München: Kurt Wolff 1915.

Text > http://www.zeno.org/nid/20005379377

Vgl. den Artikel > https://de.wikipedia.ord/wiki/Golem

Caspar Battegay, Katalog der Ausstellung »Golem« 23.9.2016 – 29.1.2017, Jüdisches Museum Berlin > https://www.jmberlin.de/das-geheimnis-des-cyborgs

Golem. Von Mystik bis Minecraft. , hg. Emily D. Bilski und Martina Lüdicke im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin 2016 > https://www.kerberverlag.com/de/1388/golem

Karel Čapek, R.U.R. – Rossum’s Universal Robots (tschechisch: Rossumovi Univerzální Roboti), 1920 — Karel Čapek: W.U.R., Werstands universal Robots: Utopistisches Kollektivdrama in 3 Aufzügen (Übersetzt von Otto Pick). Prag: Orbis, Prag / Leipzig: Cnobloch 1922.

https://de.wikipedia.org/wiki/R.U.R.

Fritz Lang, »Metropolis« 1927

 

»Blade Runner« (1982; Final Cut 2015) Film des Regisseurs Ridley Scott nach dem Roman »Do Androids Dream of Electric Sheep?« von Philip K. Dick (1968).

In der fernen Zukunft von 2019 macht Rick Deckard (gespielt von Harrison Ford) Jagd nach Replikanten, die sich bis auf zwei Merkmale nicht von realen Menschen unterscheiden: Sie haben keine Erinnerungen, und sie haben eine Lebensdauer von nur vier Jahren. Produziert werden die künstlichen Menschen von der Tyrell Corporation, deren Motto lautet: »More Human than Humans«. Der Film gipfelt in einem Showdown zwischen dem Blade Runner Deckard und dem Anführer der Replikanten, die mehr sein wollen als Maschinenmenschen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Blade_Runner
https://en.wikipedia.org/wiki/Blade_Runner

Ian MacEwan, »Machines like me«, 2019.

https://www.perlentaucher.de/buch/ian-mc-ewan/maschinen-wie-ich.html

Emma Braslavsky, »Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten«, Berlin: Suhrkamp 2019.

https://www.perlentaucher.de/buch/emma-braslavsky/die-nacht-war-bleich-die-lichter-blinkten.html

Jeanette Winterson, »Frankissstein. Eine Liebesgeschichte«, Zürich: Kein und Aber 2019.

https://www.perlentaucher.de/buch/jeanette-winterson/frankissstein.html

HR Giger (1940–2014) ist der Gestalter der Aliens.

Sein Biomechanoid No. 17/49 ist hier zu sehen
> https://www.sikart.ch/Werke.aspx?id=14166149

Literaturhinweise

(ugb und pm)

Das Verzeichnis der Schweizer Bibliotheken bringt zum Schlagwort "Künstlicher Mensch" derzeit {Dez. 2020} 239 Titel.... Wir haben nicht alle gelesen.

Auswahl

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DRUX, Rudolf (Hg.): Menschen aus Menschenhand. Zur Geschichte der Androiden – Texte von Homer bis Asimov, Stuttgart: Metzler 1988.

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[Mehrere Herausgebende]:

Automaten, Androiden, Avatare : Diskurse zu Technik und Lebendigkeit, hg. von Natascha Adamowsky, Anna Maria Tekampe, Wien : Turia + Kant 2020

Künstliche Menschen : Transgressionen zwischen Körper, Kultur und Technik, hg. von Wolf-Andreas Liebert ... [et al.], Würzburg: Königshausen & Neumann 2014.

»Wir und die Maschinen« im Magazin der Universität Zürich, Heft 2019/2, Seiten 28–48 > https://www.magazin.uzh.ch/de/issues/magazin-19-2.html#0-0

Weblinks

https://en.wikipedia.org/wiki/Cyborg

https://de.wikipedia.org/wiki/Androide

 

Beiträge von Ursula Ganz-Blättler, Marc Winter, Thomas Honegger, Vivianne Berg, Paul Michel, Jean Ignace Isidore Gérard Grandville und anderen