Kolloquium am 18. September 2021:

Artifizielle Menschen / Anthropomorphe Maschinen / Androide Rꄳbꀏter

 

Zertifikatspflicht!

Gemäss Anordnung des Bundesamts für Gesundheit gilt für Innenbereiche von Restaurants und Veranstaltungen im Innenbereich (Konzerte, Vereinsanlässe, …) eine Zertifikatspflicht. Das Zertifikat dokumentiert eine Covid-19-Impfung, eine durchgemachte Erkrankung oder ein negatives Test-Ergebnis (Geimpft / Genesen / Getestet).

Bringen Sie also bitte einen entsprechenden Ausweis mit! (Ein auf Papier ausgedruckter QR-Code taugt.)

Das ServiceTeam des 25hours wird die Zertifikate am Vormittag und am Nachmittag (für diejenigen, die erst dann kommen) kontrollieren. Kommen Sie also bitte rechtzeitig zur Reception!

 

Der Eintritt ist frei. — Gäste sind (unter den angegebenen Bedingungen) willkommen.

 

Programm

(Die angegebenen Zeiten sind Richtwerte. Klick auf > Exposé führt zu demselben.)

9:45 Marc Winter: Grabbeigaben auf tönernen Füssen (Die Terracotta-Armee des Kaisers von China) > Exposé
10:45 Pia Holenstein: Wenn das Männlein im Pferdemist wächst. Der paracelsische Homunculus > Exposé
11:45 Martin Städeli: Eine Kurzgeschichte, begleitet von einem ebenfalls kurzen Werkstattbericht > Exposé
12:30 Mitgliederversammlung — Mittagspause
14:15 Penny Paparunas: Wer ist hier der (künstliche) Mensch? Das Prekäre in Ian McEwans »Machines Like Me and People Like You« (2019) aus ästhetischer und ethischer Sicht > Exposé
15:15 Wolfgang Marx: Der simulierte Mensch aus der Sicht der Kognitionspsychologie > Exposé
16:15 Kaffepause
16:45 Andreas Kotte: Der Roboter frisst seine Eltern. Zur frühen Aufführungs-geschichte des Theaterstücks »Werstands Universal Robots« von Karel Čapek > Exposé
17:45 Ursula Ganz-Blättler: Unsere nächsten Nachbarn? Maschinenmenschen im Film > Exposé

 

Ort: 25hours Hotel Zürich West, Pfingstweidstrasse 102, 8005 Zürich. Der Raum ist dort ausgeschildert.

Anfahrt mit ö.V.: Tram 4 von der Haltestelle »Bahnhofquai« in Richtung Bahnhof Altstetten bis zur Haltestelle »Toni-Areal« (13 Minuten) und dann 50 Meter weiter zu Fuß. — Ticket: Tarifzone 110.

 

 

Eine Ideensammlung

 

(u.g.b.) Was lässt ein Wesen lebendig erscheinen? Sind es irgendwelche sensorischen Wahrnehmungen, die wir ihm zutrauen, oder ist es die Fähigkeit, zu atmen / die Fähigkeit, sich aus eigenem Antrieb fortzubewegen? Braucht es die Idee einer selbständigen Existenz, die uns hinlänglich versichert, dass wir es mit Leben zu tun haben … was ja neben den genannten motorischen skills zumindest Spuren eines kognitiven Erkennens und kreatives Ersinnens voraussetzen würde?

Und, wenn alle diese Voraussetzungen erfüllt sind: Darf sich dann auch künstliches Leben "Leben" nennen?

Schon nur aufgrund solcher Fragen eröffnet sich die doppelte Natur der Faszination für etwas, was sich je nachdem, "künstliches Leben" oder "künstliche Intelligenz" nennt.

• Das eine Erkenntnisinteresse ist vordergründig technischer Natur und beschäftigt sich mit den Chancen und Risiken – und vor allem auch mit den Grenzen – dessen, was menschlicher Erfindergeist hinsichtlich des Nachbaus oder sogar hinsichtlich der Verbesserung bestehender lebendiger Systeme vermag – und zwar durchaus im Wettbewerb mit anderen schöpferischen Kräften und mit der entsprechenden Anmassung.

• Das andere Erkenntnisinteresse hat viel stärker die Wahrnehmungsseite im Blick und versteht die Kunst der Simulation als Grenzüberschreitung im Sinne von Transzendenz. So hat etwa Cynthia Bréazal vor zehn Jahren lernfähige Roboterköpfe entwickelt, die wie Säuglinge auf menschliche Gesichtsausdrücke reagieren konnten. Das Wiedererkennen auf beiden Seiten stand hier im Zentrum, und die kognitionspsychologische Forschungsfrage war, wie sich Empathie – hier im Spiegel des nichtmenschlichen Gegenübers – entwickelt und zu einem sozialen "Miteinander" beiträgt.

• Was erkennen wir in diesen Figuren als menschähnlich und deswegen identifikationswürdig?

(m.w.) Der artifizielle Mensch (Roboter, oder Homunkulus, aber auch virtuelle "Personen" wie Avatare oder Spiel-Identitäten bei Gamern) beleuchtet unser Selbstverständnis kritisch. Unsere alltägliche Gewissheit, zu leben und existent zu sein, wird in Frage gestellt, wenn da ein Gegenstand ist, der sich so benimmt wie wir und der nach äusserem Urteilen von uns lebenden Individuen nicht gut zu unterscheiden ist. Artifizielle Menschen sind geeignet, die selbstverständliche Identität, unsere Einzigartigkeit zu hinterfragen. (Das tun auch philosophische Konzepte oder der Buddhismus.) Gibt es Möglichkeiten, die so aufgeworfenen Fragen zu entkräften?

(m.st.) Roboter sollen wie Menschen sein. Das ist das Ideal. Auf der anderen Seite wollen Menschen die Eigenschaften von Robotern haben (auswechselbare Ersatzteile, grenzenloses Gedächtnis, stupende Rechenleistung). Wenn nun Roboter nach Menschlichkeit streben und Menschen nach Mechanik, wer ist dann noch Vorbild, wonach soll man streben? Wer ist wer?

(pm) Seit der Steinzeit verfertigt der Homo artifex Werkzeuge. Diese Artefakte konnte man immer in den Ruhezustand versetzen: den Steinkeil weglegen; den Ottomotor abstellen; schlimmstenfalls den Stecker ziehen (to unplug). Der Erzeuger behielt immer die Oberhand. Mit der gegenwärtig grassierenden Technik verschwindet die Verfügungsgewalt des Erzeugers allmählich. Darin, dass die Diskontinuität von Verfertiger und Produkt aufgehoben ist, liegt ein Kränkungspotential.

Was in den Geschichten vom zum Wasserträger verwandelten Besen oder dem Sännetuntschi, oder in Frankenstein noch als fantastische Geschichte erschien, wird nun Realität: Wir laufen Gefahr, die Kontrolle über unsere Erfindungen zu verlieren. Das Verhältnis von Artifex und Artefactum könnte sich umkehren. Fremdbestimmt zu werden ist schon unangenehm; aber selbst erzeugte Fremdbestimmtheit macht erst recht Angst.

Wer einen künstlichen Menschen fabriziert, reflektiert zwingend auf die Natur / Organisation / Eigenart des wirklichen Menschen, von dessen Eigenschaften er sich inspiriert. Insofern sind künstlich verfertigte androide Wesen eine Erkenntnisform der Anthropologie im Spiegel. Sie regen zur Frage an, wodurch wir uns von ihnen unterscheiden, d.h. was den Menschen ausmacht.

  • Ist der Roboter bei seiner Arbeit Stimmungs-Schwankungen unterworfen wie wir? Können sie Freude empfinden? – Was sind denn (bei uns sog. Menschen) Stimmungen?
  • Können Roboter etwas vergessen? – Worin besteht die Funktion des Vergessens (bzw. Verdrängens nach Freud)?
  • Haben die verschiedenen Roboter je eine eigene Persönlichkeit? – Was ist das? (Woran würde man diese erkennen?)
  • Können Roboter schuldhaft werden? (Wenn mein sich-selbst-steuerndes Auto einen Unfall baut...)
  • Der Mensch verfügt über Phantasie, d.h. er kann sich in andere Bedingungen und Rollen versetzen, sich solche "einbilden" – wohl wissend, dass es Einbildungen sind. Das ist die Basis des Schöpferischen. Er kann schräge Analogien ersinnen, das ist die Basis der Symbolik.
  • Können Roboter über Witze lachen?

In Erzählungen wird der Erzeuger meist zum Opfer. Es entsteht ein Oszillieren zwischen Faszination und Horror.

  • Alle bildenden Künstler und Schriftsteller generieren ständig Menschen-Figuren (Effi Briest, Madame Bovary, usw.), die insbesondere im 19.Jahrhundert realistisch gestaltet sind. Poesie kommt von von "poiesis", das bedeutet das Hervorbringen eines materiellen Gegenstands aus dem Nichtseienden ins Sein. Diese Gestalten haben indessen kein "automatisches" Leben; und als Betrachter/Leser erkenne ich nur schon am Buchtitel, dass sie Figuren eines Romans oder einer Novelle u.dgl. sind, d.h. literarische Ausgeburten; mitunter werden ihnen auch bestimmte Fiktionalitäts-Marker beigegeben.
  • Es gibt in mythologischen oder fabulösen Erzählungen u.dgl. imaginierte Androide, z.Bsp. Pygmalion, die zum Leben erweckte Venusstatue, den Homunculus bei Goethe, das Tanzpaar bei Grandville.
  • Es gibt die körperlich ausgestalteten, dem natürlichen Menschen sehr ähnlichen Roboter, z.Bsp. Fluteur Automate, L’Écrivain; heutzutage: Androide Roboter
  • Wenn Götter Menschen oder menschenähnliche Wesen erzeugen, so kann das positive Folgen haben (Prometheus), aber auch negative (Pandora).
  • Wenn Menschen willentlich künstliche menschenähnliche Wesen konstruieren, so kann das verschiedene Motive haben: Übermut (Sännetuntschi) — intellektueller Stolz und Schöpferdrang (Homunculus) — erotischer Antrieb (Pygmalion) — Bequemlichkeit, Arbeitsentlastung (der wasserschöpfende Besen; z.T. auch der Golem) — Amusement, Fun, Jux (Fluteur Automate) — Hoffnung aufs Jenseits (Terracotta-Armee) — usw.
  • Mitunter passiert es Menschen auch unwillentlich, dass sie ein menschenähnliches Wesen erzeugen (Marmorbild) oder dass so eines entsteht (Komtur).
  • Schriftsteller/Graphiker entwerfen künstliche menschenähnliche Wesen als satirische Zerrbilder (Grandville, evtl. auch Arcimboldo, Jean Paul)

Der (wirkliche) Mensch ist bereits artifiziell …

… ein Geschöpf des biblischen Gottes

Hier der hebräische Text

Vulgata: formavit igitur Dominus Deus hominem de limo terrae et inspiravit in faciem eius spiraculum vitae

Zürcher Bibel 1531: Vnd Gott der HERR machet den menschen auß kath von der erden/ vnnd bließ in sein angsicht einn läbendigen athem

Lutherbibel 1545: VND gott der HERR machet den menschen aus dem Erdenklos/ vnd er blies jm ein den lebendigen Odem in seine Nasen

Die Illustration in der (auf ca. 1530/1540 zu datierenden) Handschrift des Johann von Schwarzenberg zeigt sehr schön die Metamorphose vom E{r}denkloß zu Adam:

Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden in Trogen, Ms 13
> https://www.e-codices.unifr.ch/de/cea/0013/2r/0/

… oder ein Geschöpf des Prometheus

Nach Ovid, Metamorphosen I, Vers 76ff. ist nicht genau festzustellen, ob der Mensch aus göttlichem Samen oder aus der Erde stammt, oder ob er ein ›artifizielles‹ Gebilde von des Iapetos Sohn (= Prometheus) ist.

aus: Metamorphoseon libri XV. Raphaelis Regii Volaterrani luculentissima explanatio, cum nouis Iacobi Micylli... additionibus. Venedig: J.Gryphius 1565.

aus: Die Verwandlungen des Ovidii in zweyhundert und sechs und zwantzig Kupffern. In Verlegung Johann Ulrich Krauß, Kupferstechern in Augspurg [ca. 1690].

Ovid schreibt: Während die andern Geschöpfe sich gebückt zur Erde neigen, gab er [Prometheus] dem Menschen erhabnes Gesicht und ließ ihn den Himmel schauen und das Antlitz emporrichten zu den Sternen gewendet.

Der Fabeldichter Babrios (2. Jh. u. Z.?) weiß mehr:

Der Götter einer war Prometheus in der Urzeit. Er schuf den Menschen, sagt man, als der Tiere Herr, aus Ton. Darauf baute er zwei Ranzen [lat. pera aus dem Griech.] und hängte sie ihm um, gefüllt mit aller Bosheit im vordern Ranzen mit der fremden, im hintern mit der eigenen, die weit größer. So kommt's, daß wir die fremden Schwächen scharfsichtig sehen, die eigenen aber ignorieren.

Nach Laktanz († nach 317) »Epitome divinarum institutionum« (Auszug aus den göttlichen Unterweisungen, Kapitel 20) hat Prometheus nicht einen Menschen erschaffen, sondern ein Menschen-Bild; durch ein Missverständnis wurde er zum Bildner des wirklichen Menschen:

Der Mensch ist das Werk Gottes, das Götterbild aber ist das Werk des Menschen; man darf also nicht dem menschlichen Werke vor dem göttlichen den Vorzug geben; und wie Gott der Vater des Menschen ist, so ist der Mensch der Urheber des Bildes. Es ist demnach töricht und unverständig, das anzubeten, was man selbst gefertigt hat.

Urheber dieser verabscheuenswerten und ungebührlichen Kunstfertigkeit war Prometheus, der Sohn des Japetus, des väterlichen Oheims Jupiters. Als nämlich Jupiter gleich nach Erlangung der Oberherrschaft sich zum Gott zu erheben und sich zu Ehren Tempel zu erbauen gedachte, suchte er nach einem Künstler, der die menschliche Gestalt im Bilde auszudrücken vermöchte. Da trat Prometheus auf, um das Abbild des Menschen aus fettem Lehm zu gestalten; und er tat es so lebenswahr, dass die Neuheit und Feinheit der Kunst Verwunderung erregte.

Darum haben ihn seine Zeitgenossen und nachher die Dichter für den Bildner des wahren und lebendigen Menschen ausgegeben, gleichwie auch wir zum Lob kunstreich gefertigter Bilder sagen, dass sie leben und atmen.

Bild eines antiken Sarkophags (Wikipedia)

Literaturhinweis: Wolfgang Storch / Burghard Damerau, Mythos Prometheus. Texte von Hesiod bis René Char, Leipzig: Reclam 1995.

Die Geschichte ist älter: Das älteste uns in Keilschrift erhaltene Epos, das sumerisch-akkadische Atra[m]hasis-Epos, beginnt mit einem Arbeiterstreik. Die Theokraten in ihrem Palast sind zunächst zutiefst besorgt, aber dann liefert ihnen der Trickster-Gott Enki den rettenden Einfall: An die Stelle der Streikenden sollen künftig "Menschen" treten. Und diese "Menschen" sollen von einer Geburtsgöttin aus Ton geformt werden. (Mitgeteilt von Andreas H. in Z.)

Die Sorge erschafft einen Menschen

Der (nicht genauer bekannte) spätantike Schriftsteller Hygin beschreibt das so:

Die Sorge (Cura) findet an einem Flussufer Lehm und beginnt gedankenvoll daraus eine Figur zu formen. Da tritt Jupiter hinzu, und sie bittet ihn, dem Klumpen Leben (spiritus) einzugeben. Nun möchte sie dem Wesen einen Namen geben, aber Jupiter verlangt, dass ihm sein eigener Name (J.) gegeben werde. Sie streiten, und da mischt sich noch Tellus (die Gottheit der Erde) ein, verlangend, dass ihr Name gegeben werde, denn sie habe dem Wesen ja den Leib gegeben. – Sie erküren Saturn zum Richter, und der entscheidet: Jupiter möge nach dem Tod des Wesens dessen Seele (anima) erhalten, da er es ja belebt hat; Tellus, der den Leib (corpus) geliefert hat, bekomme diesen nach dem Tod zurück. Aber die Sorge, die das Wesen gebildet hat, soll es besitzen, solange es lebe. Die Uneinigkeit bezüglich des Namens wird so gelöst: Es heisse Homo (Mensch), weil es aus Humus (Erde) besteht.**

Cura cum quendam fluvium transiret, vidit cretosum lutum, sustulit cogitabunda et coepit fingere <hominem>*. Dum deliberat secum quidnam fecisset, intervenit Iovis; rogat eum Cura, ut ei daret spiritum, quod facile ab Iove impetravit. Cui cum vellet Cura nomen suum imponere, Iovis prohibuit suumque nomen ei dandum esse dixit. Dum de nomine Cura et Iovis disceptarent, surrexit et Tellus suumque nomen ei imponi debere dicebat, quandoquidem corpus suum praebuisset. – Sumpserunt Saturnum iudicem; quibus Saturnus aequus videtur iudicasse: "Tu, Iovis, quoniam spiritum dedisti, animam post mortem accipe; Tellus, quoniam corpus praebuit, corpus recipito. Cura quoniam prima eum finxit, quamdiu vixerit, Cura eum possideat; sed quoniam de nomine eius controversia est, homo vocetur, quoniam ex humo** videtur esse factus."
> https://www.thelatinlibrary.com/hyginus/hyginus5.shtml#cura

*) hominem wegzulassen ist sinnvoll, das Wort verpatzt die Pointe.

**) Die Etymologie "homo ex humo" bei Isidor († 636), »Etymologiae«, Liber X,1 sicut homo ab humo, unde proprie homo est appellatus.

Eine dt. Neudichtung stammt von Johann Gottfried Herder, »Das Kind der Sorge« (1787) https://de.wikisource.org/wiki/Das_Kind_der_Sorge

Ertausgabe von Hygin: Basel 1535; Kritische Textausgabe: Herbert Jennings Rose 1934.

Zeus lässt einen künstlichen Menschen verfertigen

Aus Rache für den Diebstahl des Feuers durch Prometheus lässt Zeus Pandora anfertigen; die verführerisch ausgestattete künstliche Frau wird dann den Menschen zum Verhängnis; mehr dazu hier > https://de.wikipedia.org/wiki/Pandora

Die grundlegenden Texte stammen von Hesiod (zwischen 750 und 650 v.u.Z.):

Ohne Verzug dann hieß er den herrlichen Künstler Hephaistos
Erde mit Wasser vermengen, mit menschlicher Stimme und Stärke
Weiter begaben und ähnlich den Göttinnen selber von Antlitz
Formen ein hold Jungfrauengebild; dann sollte Athene
Weislich sie lehren, vor allem des Webstuhls künstliche Arbeit;
Aber ums Haupt sollt' ihr Aphrodite, die goldene, hauchen
Anmut, bangendes Sehnen und gliederzehrende Sorgen;
Ihr noch keckes Gebaren und gleißenden Sinn zu verleihen
Trug er dem Hermes auf, dem geleitenden Argoswürger.
Also Zeus; und jene gehorchten sogleich dem Gebieter.
Schleunigst erschuf aus Erde der herrliche Bildner Hephaistos
Züchtiger Jungfrau ähnlich ein Bild nach dem Wunsch des Kroniden
[…]

»Werke und Tage« 62ff. Übersetzung nach H.Gebhardt (1861) bearbeitet von E.Gottwein
> https://www.gottwein.de/Grie/hes/ergde.php

Alsbald sann zum Entgelt für das Feuer den Menschen er Unheil.
Denn nach dem Rate Kronions erschuf Hephaistos, der Hinker,
Jetzt ein Gebild aus Erde, vergleichbar züchtiger Jungfrau;
Diese dann gürtet Athene, des Zeus lichtäugige Tochter,
Schmückt sie mit glänzendem Kleid und befestigt köstlichen Schleier
Ihr mit ordnender Hand am Scheitel, ein Wunder dem Anblick;
Liebliche Kränze sodann, frischduftend von Blüten der Fluren,
Legte dazu noch ordnend ums Haupt ihr Pallas Athene;
Endlich umwand ihr die Stirn mit goldener Binde Hephaistos,
Die mit kundiger Hand er selber, der hinkende Künstler,
Hatte gefertigt, um Zeus willfährig zu sein, dem Erzeuger.
Kunstvolles zeigte sich vieles daran, ein Wunder dem Anblick,
Manches Getier, wie Land und Meer sie ernähret in Menge.
Davon brachte er viele da an – Reiz strahlte vom Ganzen –
Alle bewundernswert, als hätten sie Leben und Stimme.

»Theogonie« 570ff. Übersetzung nach H.Gebhardt (1861) bearbeitet von E.Gottwein
> https://www.gottwein.de/Grie/hes/thgde.php

John Flaxman (1755–1826) zeichnete, wie Pandora ausgestattet wird:

> https://commons.wikimedia.org/wiki/File:John_Flaxman_-_Pandora_Attired.jpg

Der durch sein Hinken beeinträchtigte göttliche Schmied Hephaistos stellt Dreifüße her, die auf goldenen Rädern von selber zu den Gästen rollen können; ferner wird er unterstützt von goldenen Mägden, die lebenden Menschen gleichen und blühend wie Jungfrauen und mit menschlichem Verstand und Stimme begabt sind (Ilias, 18. Gesang, 370ff., 418ff., 468ff.)

Homunkulus

Goethe, Faust I (1808 erschienen), Verse 2045ff.: Mephisto schreibt, maskiert in der Gestalt eines Gelehrten, dem Studenten ins Stammbuch: Eritis sicut Deus scientes bonum et malum (Das sagt die Schlange zu Eva Genesis 3,4) und sagt dazu: Folg nur dem alten Spruch und meiner Muhme der Schlange, Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange. – Diese eingeschaltete Schülerszene spiegelt das Thema der Haupthandlung.

Faust II (1832 erschienen), Zweiter Akt. Laboratorium = Verse 6’818–7’004.

Homukulus wird auf chemischem Weg (ohne weibliches und männliches Element) erzeugt durch den Buchgelehrten Wagner (der alte Pergamente entfaltet, vgl. Vers 6989); Homukulus nennt Mephistopheles Herr Vetter (6885; 7002).

Wagner: […] Nun läßt sich wirklich hoffen,
Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen
Durch Mischung – denn auf Mischung kommt es an –
Den Menschenstoff gemächlich komponieren,
In einen Kolben verlutieren Und ihn gehörig kohobieren,
So ist das Werk im stillen abgetan.

Das Artifizielle an H. erkennt Wagner indessen:

Und was sie [die Natur] sonst organisiren ließ,
Das lassen wir krystallisiren.
(6860f)

Schon jetzt prognostiziert Homunkulus: Indessen ich ein Stückchen Welt durchwandre | Entdeck’ ich wohl das Tüpfchen auf das I. (6993)

Homunkulus hat einen durchdringenden Verstand, ist historisch und mythologisch gebildet und ist medial begabt (er kann Fausts Traum von Leda und dem Schwan und der Zeugung der Helena deuten 6903ff.) – er ist aber nur in einem Glaskolben (Phiole) daseinsfähig. Mit Mephisto und Faust entschwindet er in die Walpurgisnacht.

Homunkulus fühlt das Unvollkommene seines Daseins, und sehnt sich nach leiblicher Gestalt: Er möchte entstehen. Das Wort ist bei Goethe naturwissenschaftlich konnotiert, vgl.: Die schönste Metamorphose des unorganischen Reiches ist, wenn bei’m Entstehen das Amorphe sich in’s Gestaltete verwandelt. (> https://www.woerterbuchnetz.de/GWB)

H.: Ich schwebe so von Stell’ zu Stelle
Und möchte gern im besten Sinn entstehn,
Voll Ungeduld mein Glas entzwey zu schlagen;
[…] (7830ff.)

Die beiden Naturphilosophen Anaxagoras (er steht für die These, alles sei aus Feuer geworden: Plutonismus) und Thales (er steht für die These, alles sei aus Wasser geworden: Neptunismus; zwei zur Goethezeit diskutierte Theorien) werden beigezogen. Homunkulus folgt dem Thales: Laßt mich an eurer Seite gehn, | Mir selbst gelüstet’s zu entstehn! (7857f).

Der Meergott Nereus soll weitere Auskunft geben. Dieser verweist auf Proteus, den sich ständig Verwandelnden, der die ewig sich umgestaltende Natur versinnfälligt * : Der Knabe da wünscht weislich zu entstehn (8133); Fragt den Wundermann, | Wie man entstehn und sich verwandeln kann. (8153)

(* vgl. Hederich, Mytholog. Lexikon 1770, s.v. Protêvs, ¶ 7: »Einige deuten ihn auf die Materie der Dinge, als die sich so oft verändert, als Arten der Thiere, Gewächse und anderer Creaturen sind.«)

Thales: Es fragt um Rath, und möchte gern entstehn.
Er ist, wie ich von ihm vernommen,
Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.
Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.
Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
Doch wär’ er gern zunächst verkörperlicht
. (8246ff.)

In Gestalt eines Delphins nimmt Proteus den Homunkulus auf den Rücken [immer noch in der Phiole? Oder wie sitzt H. darauf?] Sie nähern sich dem Muschelwagen der Galatee. Homunkulus [die Phiole oder H. selbst?] zerschellt daran und ergießet sich (8473). Diese Selbstaufgabe ist wohl die Möglichkeit, sich im Element Wasser höher zu entwickeln. [Das wird aber im Text nicht explizit ausgeführt, wenn man nicht diese Stelle beizieht, wo Thales verkündigt:] Im Feuchten ist Lebendiges erstanden. (7856). Proteus hatte schon vorausgesagt:

[…] nur strebe nicht nach höhern Orden:
Denn bist du erst ein Mensch geworden,
Dann ist es völlig aus mit dir.
(8331ff.)

Deutung?


Wagner mit Homunkulus in der Phiole, dahinter Mephistopheles. – Holzstich, um 1880/90, nach einer Zeichnung von Franz Simm (1853–1918); aus: Goethes Werke, Hg. Heinrich Düntzer, Stuttgart und Leipzig: Dt. Verlags-Anstalt o. J.
> www.goethezeitportal.de

Paracelsus

Pia Holenstein Weidmann: Wenn das Männlein im Pferdemist wächst: Der paracelsische Homunculus

Wenn Johannes Praetorius im 17. Jh. das lächerliche Rezept des gottslästerlichen Mannes Paracelsus vom Männlein im Glas erwähnt*, bezieht er sich auf eine Stelle in »De Generationibus Rerum Naturalium« von Paracelsus. Dessen Echtheit ist bis heute umstritten.

Die Homunculi bei Theophrastus von Hohenheim sind eigentlich andere Konzepte, hauptsächlich Bilder oder Nachbildungen; vorgefundene (Alraunen), natürlich entstandene (sogenannte Missgeburten, Kreuzungen, Wunderleut wie Riesen oder Zwerge), künstlich geformte Atzmännchen (was die Hexen aus Erde, Wachs oder Brot machen, um jemanden zu quälen). Erst die Nachwelt hat Paracelsus zum Hokuspokus-Nigromanten und den Homunkulus im Alchemistenlabor zum ›Paracelsischen‹ gemacht, und erst dieser entfesselt die Fantasie.

Die Gebärung eines kleinen Männchens scheint zunächst so einfach, wie man ein Vogelei unter der Achselhöhle ausbrüten könne, wird aber doch recht aufwendig. Der männliche Same soll in eine Retorte mit Pferdemist gegeben werden, in deren Wärme sich ein durchsichtiges Klon-Lebewesen entwickle. Dieses muss gefüttert und gewartet werden und am Schluss bleibt es immer noch ganz klein; keine Rede davon, dass es seine Hersteller begrüssen würde.** Aber wenigstens ist es ganz ohne Hilfe des Weibs fabriziert.

Man möchte fragen: Was können diese mit viel Aufwand hergestellten künstlichen Wesen? Wozu diese verschwenderische alchemische Kunst?

Der Text: De Natura Rerum; Liber primus: De Generationibus Rerum Naturalium, in: Sechster Theil Der Bücher und Schrifften, des Edlen, Hochgelehrten und Bewehrten Philosophi unnd Medici, Philippi Theophrasti Bombast von Hohenheim, Paracelsi genannt, […] an tag geben durch Iohannem HVSERVM […]. In diesem Tomo seind begriffen solche Bücher, in welchen deß mehrer theils von Spagyrischer Bereitung Natürlicher dingen, die Artzney betreffend, gehandelt wirt. Item, ettliche Alchimistische Büchlin, so allein von der Transmutation der Metallen tractiren, Basel: Waldkirch 1590, S. 258–267, bes. 259f.
> http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00022506/image_268 :

Es ist auch zu wissen / dz also Menschen mögen geboren werden / ohne natürliche Vätter vnd Mütter: Das ist / sie werden nit von Weiblichem Leib auff natürliche Weiß / wie andere Kinder geboren / sondern durch Kunst vnd eines Erfahrenen Spagyrici geschickligkeit / mag ein Mensch wachsen vnnd geboren werden / wie hernach wirdt angezeigt / etc.

*) Johann Prætorius, Anthropodemus plutonicus (1666; III. Von Chymischen Menschen, S.157): Es ist nicht allein lächerlich/ sondern auch gottloß/ des Paracelsi (eines verdammten Menschen) seine Meynung/ von der Geburt und Empfängnüß eines Männleins im Glase. (Der Text hier.)

**) Goethe, Faust II (Homunkulus begrüßt Mephisto): Du aber, Schalk, Herr Vetter, bist du hier? Im rechten Augenblick, ich danke Dir. (6885–6886).

Zu Paracelsus: https://www.paracelsus-project.org/
(hier auf Browse > HE6 > 20 klicken)

Pygmalion

Pygmalion von Ovid (Metamorphosen 10, Verse 243 ff.): Pygmalion möchte – weil er gesehen hat, dass die Frauen ihr Leben in Schande zubringen (per crimen agentes), und durch ihre Fehler aufgebracht (vitiis offensus) – ehelos leben. Ein Mal (interea ≈ "nun aber", einen Neubeginn in der Geschichte markierend; nicht: "deshalb"!) bildet er aus Elfenbein eine der Natur sehr ähnliche weibliche Figur ohne Laster und verliebt sich in das eigene Gebilde (operisque sui concepit amorem). Dann:

In Entzücken verloren, Fasst zu dem scheinbaren Leib Pygmalion glühende Liebe.
Oft legt prüfend die Hand er daran, ob Leib das Gebilde oder ob Elfenbein,
und er gibt nicht zu, dass es Elfenbein ist.
Küsse auch gibt er und glaubt sie erwidert und spricht und umarmt sie,
Wähnt gar, dass sich die Haut den berührenden Fingern bequeme,
[…]
Sorgsam legt er sie hin auf den Pfühl von sidonischer Farbe,
Nennt sie Genossin des Betts…
[Nach einem Opfer für Venus, die auf Pygmalions Gebet hin interveniert:]
Wie er daheim, ging jener sogleich zum Bilde des Mägdleins,
Neigte sich über das Bett und küsste sie.
Wärme verspürt er. Wiederum nahte sein Mund;
mit der Hand auch prüft er den Busen.
Siehe, das Elfenbein wird weich, und befreit von der Starrheit
Sinkt an den Fingern es ein, fügsam wie Wach
s usw.

> https://www.gottwein.de/Lat/ov/met10de.php (Übersetzung nach R.Suchier bearbeitet von E.Gottwein)
> https://www.textlog.de/35365.html Übersetzung von Joh. Hch. Voß
Lateinischer Text hier > https://www.thelatinlibrary.com/ovid/ovid.met10.shtml

Die Beschreibungen sind erotisch-sinnlich, auch psychologisch feinsinnig, und doch weicht Ovid allem Symbolismus und Tiefsinn aus.

 

Kupfer von Crispijn de Passe (1589–1637), der zwei Phasen simultan zeigt; hier aus: Les Metamorphoses d’Ovide. De nouueau traduites en françois, Et enrichies de figures chacune seolon son subiect. Avec XV. Discours, Conenans l’Explication morale des fables. A Paris Chez la veufe M. Guillernot... 1622.

Viele Bilder erhält man bei einer Suchmaschine mit den Begiffen "Pygmalion Galatea"

1.Exkurs: Johann Jacob Bodmer [1698–1783] schrieb die Erzählung »Pygmalion und Elise« (1747); Focus ist die sittliche Unterweisung der geschaffenen Frau. — Der sie liebende Professor Jacob Henle [1809–1885] liess Elise Egloff [1821–1848] von einer einfachen Frau zur in der bürgerlichen Gesellschaft tauglichen Gattin umerziehen. — Gottfried Keller hat den Stoff in seiner Novelle »Regine« (1881) teilweise verwendet. Mit dem bei F.v.Logau aufgeschnappten Sinngedicht ›Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen? / Küß eine weiße Galatee: sie wird errötend lachen.‹ knüpft er an den Pygmalion-Stoff an, denn dessen verlebendigte Statue heißt in der Tradition Galatea. — G.B. Shaw schreibt die Komödie »Pygmalion« (1912); die Frau heißt hier Eliza. — Daraus entstand dann das Musical »My Fair Lady« (1956). — Das Wort "Bildung" meint beides: Verfertigen einer formalen Gestalt und Ausformung des Charakters, des Wissens.

2.Exkurs: »Die schöne Galathée«, Operette, Musik von Franz von Suppè (1819–1895). Text von ›Poly Henrion‹, Uraufführung 1865:
Im Atelier des Bildhauers Pygmalion. Pygmalion hat die Figur einer perfekten weiblichen Schönheit aus Stein geschaffen und sich so sehr in die Statue verliebt, sodass diese zum Leben erwacht. Aber nicht nur er ist von Galathée hingerissen, sondern auch sein Diener Ganymed [als Hosenrolle!] und der reiche Kunstmäzen Mydas. So steht die schöne Galathée zwischen drei Männern. Galathée entpuppt sich als mannstoller Vamp, und Pygmalion wird wütend…. Nun muss er die Göttin der Liebe Venus um Hilfe bitten, damit sie die Metamorphose rückgängig macht. Als die schöne Galathée wieder zu Marmor erstarrt ist, verkauft Pygmalion die Statue an den Kunstliebhaber Mydas.
Quelle > https://www.operetten-lexikon.info/?menu=236&lang=1

Literaturhinweise:

Heinrich Dörrie, Pygmalion. Ein Impuls Ovids und seine Wirkungen bis in die Gegenwart, (Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften. Vorträge Geisteswissenschaften G 195), Opladen: Westdeutscher Verlag 1974.

Andreas Blühm, Pygmalion. Die Ikonographie eines Künstlermythos zwischen 1500 und 1900, Frankfurt am Main u.a.: Lang 1988, (Europäische Hochschulschriften. Reihe 28, Kunstgeschichte; Bd. 90).

Mathias Mayer / Gerhard Neumann,(Hgg.): Pygmalion. Die Geschichte des Mythos in der abendländischen Kultur; Freiburg: Rombach 1997 [enthält 22 Aufsätze].

Fritz Gutbrodt, Pygmalion: Von der Ästhetik als Modellierung der Gefühle, In: Johannes Fehr / Gerd Folkers (Hgg.), Gefühle zeigen: Manifestationsformen emotionaler Prozesse. Zürich: Chronos Verlag, 2009 (Edition Collegium Helveticum 5), S. 215–242.
> https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/31853/2/Gutbrodt_Gef%C3%BChle_zeigen_2009V.pdf

 

Honoré Daumier (1808–1879): Pygmalion (in: Charivari, 28.12.1842):

Die Statue hat sich belebt und beugt sich nieder, um beim Künstler eine Prise Tabak zu erbitten ...

Die Karikaturistin Franziska Bilek (1906–1991) und Walther Foitzick (1886–1955) scheinen die Geschichte von Pygmalion mit derjenigen des Golem (sieh unten) zu überblenden:

    

 

Heiterer Olymp. gezeichnet von Fr. Bilek. Beschrieben von Peter Simpel, Stuttgart: Spemann 1940, S. 36–37.

Die zum Leben erwachte Venus-Statue

William von Malmesbury (ca. 1095 – ca. 1143) erzählt diese Geschichte:

In Rom lebte ein junger reicher Ritter, der mit seiner Braut Hochzeit feierte, beim Ballspiel aber mehrmals den Brautring vom Finger verlierend denselben deshalb einer Bildsäule der Venus ansteckte. Als man zur Tafel gehen und er den Ring von der Statue nehmen wollte, war der Finger gekrümmt (invenit statuae digitum usque ad volam curvatum), so dass er jenen nicht abstreifen konnte. Kurz darauf war der Finger wieder gestreckt, jedoch ohne Ring (extentus et annulus subreptus).
Als er Nachts mit seiner Braut im Brautbett weilte, bewegte sich zwischen beiden ein Nebel (quiddam nebulosum et densum inter se et illam, quod posset sentiri, nec poset videri), der immer dichter wurde und endlich in das reizendste Frauenbild sich umwandelte. Er hörte eine Stimme, die sagte: "Umarme mich, denn du hast mich heute geheiratet; ich bin Venus, an deren Finger du den Ring gesteckt hast; ich habe ihn und werde ihn nicht zurückgegeben (ego sum Venus cuius digito apposuisti annulum, habeo illum nec reddam).
Als er darüber erschrak, verschwand es, doch blieb der Nebel zwischen dem Brautpaare.
Da war ein Priester Palumbus zu Rom, der Schwarzkunst kundig, dem sich die Braut anvertraute. Palumbus schrieb einen Brief, in welchem der Ring zurückgefordert wurde, und zog um Mitternacht auf dem Kreuzwege seine Zauberkreise. Da kam ein Zug von monströsen Tieren und Gestalten zu Fuß und zu Ross. Einer aber erschien auf stattlichem Wagen.
Dann erschien auf einem Maultier ein halb nacktes Weib mit goldenem offenem Haar und schamlosen Gebärden. Der dämonische Wagenlenker nahm den Brief entgegen und rief aus: "Allmächtiger Gott, wie lange willst du die Verbrechen des Priesters Palumbus dulden?" Teuflische Gestalten nahmen dann Venus den Ring weg und erstattetenn ihn dem Jüngling zurück; Palumbus tötete sich selbst.

• Willelmi Malmesbiriensis monachi de gestis regum Anglorum, ed. from manuscripts by William Stubbs (1887/89), ¶ 205.
• Text auch in Migne, Patrologia Latina 179,1190A–1191C. Hier als PDF
• Englische Übersetzung von J. A. Giles: William of Malmesbury's Chronicle of the kings of England. London 1847. Book II, Chap. 13 = pp. 232 ff.
> https://archive.org/stream/williamofmalmesb1847will#page/232/mode/2up

In der mittelhochdeutschen »Kaiserchronik« (Mitte 12. Jh.) wird die Geschichte anders erzählt: Der Jüngling verlobt sich dem heidnischen Götterbild, in dem sich der Teufel verbirgt, willentlich:

Die Rede ist hier von einem den wahren Glauben verachtenden, Abgötter verehrenden Jüngling namens Astrolabius. In der Statue, die in honore Veneris errichtet ist, wirkt der Teufel (vâlant). Der sie betrachtende Astrolabius verliebt sich in sie: der jungelinch wart sô harte enzundet, daz er verwandelt alle sîne sinne, daz pilde begund er minnen. Der Teufel rät ihm, den Ring ihr zu geben, und: daz vingerlîn zôch er ab der hant, er gap im sînen gemähelschaz, vil tiure gehiez er dem pilde daz, daz erz iemer minne wolte alse lang er leben solte. In der Folge ist er vom Teufel besessen, und: er wânde daz daz pilde bî im læge. Astrolabius beichtet das dann einem Priester. Dieser kann in einem langen Dialog dem Teufel den Ring wieder abnötigen und erfährt von diesem auch die Wirkunsgsweise: Ein Kraut (ein wurze) unter der Statue bewirkt, dass swer daz pilde oben an sihet der muoz ez iemer minnen. Die Staute wird entfernt und Astrolabius getauft.

Deutsche Kaiserchronik, hg. Edward Schröder, (MG, Scriptores qui vernacula lingua usi sunt, I,1), 1892; Verse 13’101–13’368.
> https://www.dmgh.de/mgh_dt_chron_1_1/index.htm#page/319/mode/1up

Ernst Friedrich Ohly, Sage und Legende in der Kaiserchronik. Untersuchungen über Quellen und Aufbau der Dichtung, Münster/Westf. 1940, S. 203–210.

Weitere Stellen bei Hans F. Massmann, Der keiser und der kunige buoch oder die sogenannte Kaiserchronik, Band 3, Leipzig 1854, S. 923–928.
> https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/massmann1854bd3

Joseph von Eichendorff kennt das Motiv seiner Ballade »Die zauberische Venus« aus dem Buntschriftsteller Eberhard G. Happel: »Die Teufflische Venus«. Daraus die Verse:

Als er seinen Ring dem Finger
Jenes Bildes will entziehen —
Aber Schrecken zum Vergehen
Fühlt er durch die Adern schießen!
Denn die feuchten Augen sehen
Sich die Hand von Marmor schließen.

Die Folgen sind andere als bei den eben erwähnten Texten.
> http://www.deutsche-liebeslyrik.de/balladen/balladen_eichendorff.htm#g10

Eichendorff nennt (in seinem Brief an Fouqué vom 2. Dezember 1817) als entfernte Veranlassung für sein »Marmorbild« irgendeine Anekdote aus einem alten Buche, ich glaube, es waren Happels Curiositates. Dies bezieht sich auf die Geschichte »Die seltzahme Lucenser-Gespenst« (bei Happel a.a.O. S. 510ff.).

E. G. Happelii grösseste Denkwürdigkeiten der Welt Oder so genannte Relationes Curiosæ. […], Dritter Theil/ Einem jeden curieusen Liebhaber zur Lust und Erbauung in Druck verfertiget/ und mit erforderten schönen Kupfern und andern Figuren erläutert, Hamburg: Wiering 1687. Happel fasste (S. 470) die Erzählung von William von Malmesbury prägnant zusammen, den er auch präzis zitiert: Wilhelm. Malmesburens. Histor. Angl. ad Ao. 1045. > Digitalisat hier.

Eine zusammenfassende Nacherzählung von William von Malmesbury findet sich sodann bei Christian Franz Paullini, Philosophische Lust-Stunden, Oder, Allerhand schöne, anmutige, rare, so nützlich- als erbauliche, Politische, Physicalische, Historische, u. d. Geist- und Weltliche Curiositäten / Männiglich zur beliebigen Ergetzung wohlmeinend mitgetheilt von Chr. Fr. Paullini, Franckfurt und Leipzig, 1706–1707, 2. Teil, Nr. XIV : Vom Geschwätz der Statuen. S. 113–115.

Ferer: P. Merimßee, La Venus d’ille

Literaturhinweis:

Julia Genz, Ein anderer Pygmalion – Techniken der Kunstbelebung in Joseph von Eichendorffs »Das Marmorbild«, Oscar Wildes »The Picture of Dorian Gray« und Georg Heyms »Der Dieb«, in: arcadia (de Gruyter) 2013, S. 411–435.
> https://doi.org/10.1515/arcadia-2013-0027

Die Erscheinung des Steinernen Gastes

Wolfgang Amadée Mozart / Lorenzo Da Ponte, »Don Giovanni« (Premiere: 29. Okt. 1787)

Zweiter Akt, 11. Szene: Loco chiuso in forma di sepolcreto. Hier befindet sich nebst anderen eine Statue des Komturs (Il Commendatore), den Don Giovanni im Duell getötet hatte.

Von Don Giovanni aufgefordert, liest der Diener Leporello die Inschrift auf dem Sockel: »Dell’empio che mi trasse al passo, estremo qui attendo la vendetta.« (Ich erwarte die Rache an dem Ruchlosen, der mich erschlug.) Don Giovanni befiehlt dem Diener die Statue zum Abendessen einzuladen (Duett: »O statua gentilissima«). Die Statue nickt mit dem marmornen Kopf mehrmals; darauf Don Giovanni: »Parlate se potete: Verrete a cena?« Die Statue antwortet: »Sì.« Leporello fällt vor Angst beinahe in Ohnmacht, aber Don Giovanni verlangt, das Essen vorzubereiten.

In der 15.Szene erscheint dann der Komtur: »Don Giovanni, a cenar teci; m’invitasti, e son venuto.« – Der Komtur lädt nun umgekehrt Don Giovanni zum Essen ein. – Leporello rät dringend ab; D.G. will zusagen. – Der Komtur verlangt D.Gs. Hand zum Pfand: »Dammi la mano in pegno!« D.G. reicht sie ihm furchtlos und scheit laut wegen deren Kälte. Er widersetzt sich der dringenden Aufforderung des Komturs, seine Tat zu bereuen. Dann wird seine Seele zerrissen und er wird in die Hölle gezerrt.

Besen, sei’s gewesen!

Lukian von Samosata (2. Jh. u.Z.), »Der Lügenfreund« – Darin über den Zauberer Pankrates

Sobald wir in ein Wirthshaus kamen, nahm er einen hölzernen Türriegel, oder einen Besen, oder den Stößel aus einem hölzernen Mörser, legte ihm Kleider an und sprach ein paar magische Worte dazu. Sogleich wurde der Besen, oder was es sonst war, von allen Leuten für einen Menschen wie sie selbst gehalten; er ging hinaus, schöpfte Wasser, besorgte unsre Mahlzeit, und wartete uns in allen Stücken so gut auf als der beste Bediente. Sobald wir seiner Dienste nicht mehr nöthig hatten, sprach mein Mann ein paar andere Worte, und der Besen wurde wieder Besen, der Stößel wieder Stößel, wie zuvor.

Dem Erzähler (Eukrates) gelingt es die Zauberformel aufzuschnappen, und er versucht es in Abwesenheit des Zauberers auch. Aber der Besen lässt sich beim Wasserschöpfen nicht aufhalten, weil Eukrates die Formel für das Zurückzaubern nicht kennt. Er haut den Besen mit einer Axt entzwei, da beginnen beide Teile Wasser zu schöpfen. Der zurückkommende Pankrates kann dem Besen die ursprüngliche Gestalt zurückgeben.

Übersetzung von Christoph Martin Wieland (1788/89)
> https://lueersen.homedns.org/!gutenb/lukian/luegen/lueg017.htm

Vgl. die Übersetzung von August Friedrich Pauly, ¶ 35ff.
> https://de.wikisource.org/wiki/Der_Lügenfreund_oder_der_Ungläubige

Goethe hat sich hier inspiriert für seine Ballade »Der Zauberlehrling« (1797; ganzer Text hier)

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!

Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.

Goethes Zauberlehrling, auf einer Postkarte illustriert von Erich Schütz (1886–1937):

> www.goethezeitportal.de/index.php?id=3671

Vgl. die Illustration von Ferdinand Barth (1842–1892) 1882
> https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tovenaarsleerling_S_Barth.png

Die musikalische Burleske »L’Apprenti Sorcier« von Paul Dukas (Paris, 1865–1935) ist auf YouTube zu hören. Die Musik wurde verwendet im von Walt Disney 1940 produzierten Film »Fantasia«.

Golem

Die Textgeschichte ist sehr komplex. Hier wird auf eine der Varianten verwiesen, (die unter dem nichtssagenden Titel Entstehung der Verlagspoesie erschien):

Die polnischen Juden machen nach gewissen gesprochenen Gebeten und gehaltenen Fasttägen, die Gestalt eines Menschen aus Thon oder Leimen, und wenn sie das wunderkräftige S c h e m h a m p h o r a s darüber sprechen, so muß er lebendig werden. Reden kann er zwar nicht, versteht aber ziemlich was man spricht und befiehlt. Sie heißen ihn G o l e m , und brauchen ihn zu einem Aufwärter, allerley Hausarbeit zu verrichten, allein er darf nimmer aus dem Hause gehen. An seiner Stirn steht geschrieben [hebr.] taw-mem-aleph aemaeth (Wahrheit, Gott) er nimmt aber täglich zu, und wird leicht größer und stärker denn alle Hausgenossen, so klein er anfangs gewesen ist. Daher sie aus Furcht vor ihm den ersten Buchstaben auslöschen, so daß nichts bleibt als [hebr.] taw-mem maeth (er ist todt) worauf er zusammenfällt und wiederum in Ton aufgelöst wird. — Einem ist sein Golem aber einmal so hoch geworden und hat ihn aus Sorglosigkeit immer wachsen lassen, daß er ihm nicht mehr an die Stirn reichen können. Da hat er aus der großen Angst dem Knecht geheißen, ihm die Stiefel auszuziehen, in der Meinung, daß er ihm beim Bücken an die Stirne reichen könne. Dies ist auch geschehen, und der erste Buchstab glücklich ausgethan worden, allein die ganze Leimlast fiel auf den Juden und erdrückte ihn.

Mitgetheilt von Jakob Grimm in Cassel.

Achim von Arnim, »Zeitung für Einsiedler«, Heft 7; 23. April 1808; Nr. 4.

Beizuzuiehen sind die Anmerkungen in: Ludwig Achim von Arnim Zeitung für Einsiedler. Herausgegeben von Renate Moering, Berlin/Boston: de Gruyter 2014, S. 866–870:

Die Quelle des Texts stammt aus dem Jahr 1689. — Schemhamphoras gehört zu schem ›der Name‹ (G’ttes, den man nicht ausspricht) und ha-mɘforaš ›bestimmt, explizit‹ (vgl. den Artikel hier) — Goläm steht in der Bibel nur (flektiert) in Psalm 139 [MT],16 und wird übersetzt als ›Ungestaltetes‹, ›unperfect substance‹. — ’ämät bedeutet: ›Festigkeit, Treue, Wahrheit‹ und steht für Gott. — mēt bedeutet ›Leichnam‹.

Spezialliteratur:

Beate Rosenfeld, Die Golemsage und ihre Verwertung in der deutschen Literatur, Breslau 1934.

Sigrid Mayer, Golem: Die literarische Rezeption eines Stoffes. Bern-Frankfurt/M. 1975.

dies., Artikel »Golem« in: Enzyklopädie des Märchens, Band 5 (1987).

 

Im Jahr 2029 verkündet der Megacomputer Golem XIV in dem ihm eigenen Pathos das posthumane Zeitalter: Der Mensch könne sich nur dadurch retten, indem er sich von den »Ketten aus Aminosäuren« befreie und die Grenzen des »Codes« erweitere. — Siehe den Beitrag von Caspar Battegay im Ausstellungskatalog GOLEM (2016) mit weiteren Hinweisen !
> https://www.jmberlin.de/node/4690

Das Sännetuntschi

Das getaufte Sennentunscheli der Gescheneralp.

Alte, vergilbte Chroniken sollen melden, dass in grauer Vorzeit gleich hinter den Häusern von Geschenen die Alp begonnen habe. Der Weiler Abfrutt bestand damals noch nicht.

In dieser Alp lebten übermütige Knechte, die ein wüstes Leben führten, nicht zu beten riefen und über heilige Sachen und göttliche Gebote spotteten. Einst machten sie aus Lumpen einen Dittitolg oder, wie man auch sagt, einen Tunsch, Tunggel, Dittitunsch oder Tschungg, trieben mit ihm allen Unfug, strichen ihm Nidel und Milchreis an und gingen so weit, dass ihn der Senn taufte. Jetzt wurde er lebendig und fing an zu reden. Nachdem sie sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatten, fuhren sie fort mit ihrem Unfug und taten immer wüster. Nach und nach ging der Toggel nachts auf's Hüttendach und trabte da herum wie ein Ross. Bei der Alpabfahrt im Herbst vergassen sie den Melkstuhl; als sie es aber merkten, wollte keiner zurück, ihn zu holen, denn sie hatten Angst. Da warfen sie das Los – si hennt g’findlet, – und es traf den Schlimmsten aus ihnen. Er ging zurück. Die Andern zogen mit dem Vieh fort, und als sie auf der Höhe beim jetzigen Abfrutt zurückschauten, sahen sie, wie ein Gespenst die Haut ihres Kameraden auf dem Hüttendach ausspreitete.

Seitdem hauste da ein scheussliches Gespenst und die Alp konnte nicht mehr benutzt werden.

[Erzähler:] Johann Wipfli, Chucheler, Erstfeld

Josef Müller, Sagen aus Uri, Bd. 2, Basel: G. Krebs 1929, S. 252–253 (Nr. 879).
> http://www.zeno.org/nid/20007906374

(Hinweis < rg)

Die Sicht der Kognitionspsychologie

Wolfgang Marx »Der simulierte Mensch«

Wenn man die Fülle des Materials zum Thema ›Künstliche Menschen‹ durchmustert, dann wird einem bewusst, wie lange schon und wie vielfältig Fantasien, Geschichten und Spekulationen zu diesem Thema Menschen beschäftigt haben und immer noch beschäftigen. Dazu möchte ich einige Anmerkungen aus der Perspektive eines an der Wissenschaftstheorie und Methodik der Naturwissenschaften orientierten Kognitionspsychologen machen. Dabei soll dargelegt werden, warum aus Pygmalions Statue ein isomorphes Modell einer Frau geworden ist, der Golem ein physikalisches Wunderwerk ist, nämlich ein perfektes Perpetuum mobile, und wie es bei einem Hochleistungsrechner – dem Computer HAL 9'000 aus der von Stanley Kubrick verfilmten »Odyssee im Weltraum« – zu einem ›menschlichen‹ Versagen gekommen ist.

Bunte Liste von künstlichen Menschen

Johannes Praetorius (1630–1680), Anthropodemus plutonicus. Das ist eine neue Welt-Beschreibung, Magdeburg: Johann Lüderwald 1666/67

1. Teil, Kap. 5: Von Erzimmerten Menschen
> http://www.zeno.org/nid/20005493315 — Daraus:

2. […] von S. Niclas Wettlauff. Zu Gripswalde in Pommern stunde in einer Kirchen S. Nicolaus Bild / da steiget bey Nachte ein Dieb hinein / den Gottes-Kasten zuberauben / und spricht zu S. Nicolaus: O Herr Nicolae / ist das Geld dein oder mein? komm wir wollen einen Wettlauff darumb halten / wer am ersten zum Gotts-Kasten kömpt / soll gewonnen haben. Was geschicht? das Bild beginnet zu lauffen / und überläuffet den Dieb zum dritten mahl / der antwortet und spricht: Mein Herr Nicol / du hast redlich gewonnen / aber das Geld ist dir kein nütze / denn du bist Holtz / und darffst kein Geld / ich will es zu mir nehmen / und einen guten Muth darbey haben. Bald hernach stirbt der Kirchen-Räuber / und wird begraben / aber die Teuffel haben seinen Leib auß dem Grabe genommen / und denn / bey den geraubeten Gottes-Kasten geworffen / endlich für der Stadt an eine Windmüle gehencket / die hernach immer lincks soll umbgelauffen seyn. […]

Die Terracotta-Armee des Kaisers von China

Die rund 8000 Teracotta-Krieger sind ›artifizielle Menschen‹, die als symbolische Armee dem Ersten Kaiser möglicherweise die Eroberung der jenseitigen Welt sichern sollten.


Bild aus Wikipedia

Marc Winter: Grabbeigaben auf tönernen Füssen

Der Erste Kaiser von China (221–210 v.Chr.) hat sich bekanntlich fürs Jenseits eine symbolische Armee von Terracotta-Kriegern fertigen lassen, die in menschlicher Originalgrösse und Kampfaufstellung neben seinem Tumulus in die Erde eingegraben wurden. Augenscheinlich nicht dazu bestimmt, ihren Kaiser im Diesseits zu verteidigen, wurde die Terracotta-Armee von künstlichen Menschenfiguren von ca. 8000 Figuren weder um das Grab herum aufgestellt, noch gab es in den historischen Schriften einen Hinweis auf deren Produktion. Weniger bekannt ist, dass auch die Kaiser der folgenden Dynastie sich ein grosses Gefolge von Figuren aus gebranntem Lehm mit ins Grab geben liessen. Der Jing-Kaiser (reg. 156–141 v.Chr.) liess sich einen Hofstaat mit 40'000 Figuren fertigen, die allerdings deutlich kleiner waren als tatsächliche Menschen. Es steht zu vermuten, dass auch die anderen Kaiser der Han-Dynastie sich mit einem symbolischen Gefolge aus Terracotta-Homunculi beisetzen liessen.

Auch Bauern nahmen Terracotta- oder Holz-Figürchen mit ins Grab, etwa von Nutztieren oder Gebäuden, aber auch von Menschen. Und das Grab von Mawangdui zeigt, dass dies eine in ganz China verbreitete Sitte war. Gleichzeitig gibt es in dieser Zeit keinen Diskurs über Jenseitsvorstellungen, zu denen die Existenz grosser Gefolgschaften aus Ton oder Holz passen würden und daher stellt sich die Frage, was die Absicht gewesen sein mag, solche umfangreichen Projekte zu initiieren, wenn sie weder für die Nachwelt festgehalten noch den religiösen Vorstellungen entsprechend im Jenseits einen Nutzen hatten. Hinzu kommt die bemerkenswerte Reduktion an Grösse in einem Zeitraum von lediglich rund 70 Jahren.

Der Brauch von Terracotta-Grabfiguren als Beigaben wurde längere Zeit beibehalten, noch in der buddhistisch geprägten Tang-Dynastie (7.–10. Jh.) wurden Verstorbenen Tonfiguren mit ins Grab mitgegeben. Die Sinologie ist sich uneins darüber, was die Absicht dahinter gewesen sein mag, und im Beitrag werden diesbezügliche Thesen vorgestellt und diskutiert.

Sind nicht auch Fabeltiere artifizielle Menschen?

Eine Anregung, diesmal nicht aus Aesop / Phaedrus, sondern von Bidpai (dem vermutlichen Verfasser des Panchatantra):

Antonius von Pforr [Übersetzer], Buch der Beispiele der alten Weisen, Nachdruck der Ausgabe von Lienhart Holl, Ulm 1484, Unterschneidheim: Uhl, 1970.

Vgl. das Digitalisat > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00029362/image_1

Und die Handschriften (um 1475ff.) der Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 466 und cgp 84

Misslungene Metamorphosen

Die Verwandlung in einen Menschen gelingt nicht immer vollständig.

••• Die (blinde) Glücksgöttin hat hier einen Affen in einen Menschen, und zwar in einen gekrönten König verwandelt – aber seine Art bleibt erhalten.

Fortuna non mutat genus

Q. Horatii Flacci emblemata. Imaginibus in æs incisis, notisque illustrata, studio Othonis Væni, Batauolugdunensis. Antverpiæ ex officina Hieronymi Verdussen 1607. — Kupfer von Otto van Veen (1556–1629); Ausschnitt
> https://archive.org/stream/qhoratiflacciemb00veen#page/155/mode/2up

••• Jean de la Fontaine (1621–1695) erzählt diese Fabel: Ein Mann ist vernarrt in seine Katze. Durch Zauberei und Hexenkunst kann er sie in eine Frau verwandeln, die er jetzt noch närrischer liebt. Wie diese aber einmal ein Mäuschen erblickt, regt sich die katzenartige Jagdlust … — Grandville (1803–1847) illustriert das so; vgl. das winzig kleine Mäuschen in der linken untern Bildecke:

Fables des La Fontaine. Illustrations par Grandville, Paris: Garnier 1839; Livre II, Fable 18: La Chatte métamorphosée en femme
> http://www.lesfables.fr/livre-2/la-chatte-metamorphosee-en-femme

Und hier die geniale deutsche Übersetzung von Ernst Dohm, 1877:
> https://www.projekt-gutenberg.org/fontaine/fabeln1/chap041.html

Die Geschichte ist älter.

Difficile es naturam mutari – Es ist schwierig, <sich> seine Veranlagung zu ändern.

Esopi appologi sive mythologi: cum quibusdam carminum et fabularum additionibus Sebastiani Brant. Basel: Jacob Wolff von Pfortzheim 1501.

Künstlicher Mensch als Satire

Jean Paul, »Auswahl aus des Teufels Papieren« (1789), Dritte Zusammenkunft mit dem Leser, IV. Einfältige aber gutgemeinte Biographie einer neuen angenehmen Frau von bloßem Holz, die ich längst erfunden und geheirathet
> https://www.projekt-gutenberg.org/jeanpaul/teufel/teuf341.html

Womit man beschäftigt ist, dazu wird man...

Giuseppe Arcimboldo ca. 1565:

> http://www.zeno.org/nid/20003868583

Nicolas II de Larmessin (1632–1694) hat – in der Nachfolge von Arcimboldo – eine Reihe von Handerwerker-Bildern gezeichnet, die aus deren Werkzeugen zusammengesetzt sind:

L’Arcimboldo dei Mestieri. Visioni fantastiche e costumi grotteschi nelle stampe di Nicolas De Larmessin, Prefazione di Stefano Benni, Milano: Mazzotta 1979.

Vielleicht gehört auch dieser Spaß hierhin:

 

Stephanie H. Chanteau and James M. Tour, Synthesis of Anthropomorphic Molecules: The NanoPutians > https://pubs.acs.org/doi/10.1021/jo0349227

Humanoide Roboter in der Geschichte

Jacques de Vaucanson (1709–1782) konstruierte einen flötenspielender Schäfer, einen Trommler und eine Ente und führte sie 1738 vor:

Le Mécanisme Du Fluteur Automate. Avec La description d'un Canard Artificiel, mangeant, beuvant, digerant & se vuidant ... imitant en diverses manières un Canard vivant ... ; Et aussi Celle d'une autre figure ... jouant du Tambourin & de la Flute, suivant la rélation, qu'il en a donnée dépuis son Mémoire écrit, Paris: Guerin 1738.

Beschreibung eines mechanischen Kunst-Stucks und Avtomatischen Flöten-Spielers, so denen Herren von der Königlichen Academie der Wissenschaften zu Paris durch den Herrn Vaucanson Erfinder dieser Machine überreicht worden, samt Einer Description sowohl einer künstlich-gemachten Ente, die von sich selbst das Essen und Trincken hinein schluckt ... und all dasjenige verrichtet/ was eine lebendige Ente thun kan: Als auch Einer andern gleichfalls wunderbaren Figur, welche mit der einen Hand die Trommel rühret, und mit der andern 20 unterschiedliche Arien auf einer Provence-Pfeiffe spielt und bläset. Nach dem Pariser-Exemplar übersetzt und gedruckt ... Augspurg : Maschenbaur 1748.
> http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001C42C00000000

• Der Schachroboter, der 1769 von Wolfgang von Kempelen konstruiert wurde – ein Fake! Vgl. den interessanten Artikel auf Wikipedia

A. de Roches, L’automate joueur d’échecs, in: La Nature. Revue des sciences et de leurs applications aux arts et à l'industrie. Journal hebdomadaire illustré. Deuxième année 1882, p. p.397.
> http://cnum.cnam.fr/CGI/fpage.cgi?4KY28.19/401/100/432/8/420

Deep Blue war ein von IBM entwickelter Schachcomputer. Deep Blue gelang es 1996, den damals amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow in einer Partie … zu schlagen.
> https://de.wikipedia.org/wiki/Deep_Blue

 

Pierre & Henri-Louis Jaquet-Droz, L’Écrivain (1772/4), Le Dessinateur und La Musicienne

›L'automate souffle de temps en temps sur son travail pour en enlever les éclats de mine de crayon…‹

Musée d’art et d'histoire de Neuchâtel
Bild < https://www.timeandwatches.com/p/our-visit-to-ateliers-jaquet-droz.html

Und wie hätte ein Graphologe (etwa Max Pulver 1931) die Handschrift des Écrivain eingeschätzt?

(aus: Simmen 1967; vgl. dort die Erzählung von Maurice Sandoz, S.46–49.)

Die mechanische Puppe tanzt nie geziert oder affektiert

Heinrich von Kleist, Über das Marionettentheater (Dezember 1810)

Der Gesprächspartner des Berichterstatters, der Marionetten-Spieler, meint

Inzwischen glaube er, daß auch dieser letzte Bruch von Geist, von dem er gesprochen, aus den Marionetten entfernt werden, daß ihr Tanz gänzlich ins Reich mechanischer Kräfte hinübergespielt, und vermittelst einer Kurbel, so wie ich es mir gedacht, hervorgebracht werden könne.

Er lächelte, und sagte, er getraue sich zu behaupten, daß wenn ihm ein Mechanikus, nach den Forderungen, die er an ihn zu machen dächte, eine Marionette bauen wollte, er vermittelst derselben einen Tanz darstellen würde, den weder er, noch irgendein anderer geschickter Tänzer seiner Zeit […] zu erreichen imstande wäre.

Der Berichterstatter fragt: Und der Vorteil, den diese Puppe vor lebendigen Tänzern voraushaben würde?

Der Vorteil? Zuvörderst ein negativer, mein vortrefflicher Freund, nämlich dieser, daß sie sich niemals zierte. – Denn Ziererei erscheint, wie Sie wissen, wenn sich die Seele (vis motrix) in irgendeinem andern Punkte befindet, als in dem Schwerpunkt der Bewegung. Da der Maschinist nun schlechthin, vermittelst des Drahtes oder Fadens, keinen andern Punkt in seiner Gewalt hat, als diesen: so sind alle übrigen Glieder, was sie sein sollen, tot, reine Pendel, und folgen dem bloßen Gesetz der Schwere; eine vortreffliche Eigenschaft, die man vergebens bei dem größesten Teil unsrer Tänzer sucht.

Der ganze Text hier < http://www.zeno.org/nid/20005169771

Nicht alles was aussieht wie ein Roboter, ist einer.

 

Das Buch »L’Homme Machine« von Julien Offray de La Mettrie (1747) ist keine Analyse eines humanoiden Roboters, sondern eine materialistische Anthropologie. La Mettrie kennt die Ente und den Flötenspieler von Vaucanson; der menschliche Körper ist seiner Meinung nach nur eine viel komplizierter gebaute Maschine. Die Gleichung M=M wurde dann freilich in Art eines Umkehrschlusses auf die Automatenmenschen übertragen. (Text in deutscher Übersetzung > hier)

 

Die Bilder von von Fritz Kahn (1888–1969) darf man enbenfalls nicht als biomorphe Automaten missverstehen. Sein Anliegen war es, mit iatromechanischen* Modellen das Leben des Menschen (so der Buchtitel seines fünfbändigen Werks 1922–1931) verständlich zu machen.

Fritz Kahn, Das Leben des Menschen. Eine volkstümliche Anatomie, Biologie, Physiologie und Entwicklungsgeschichte des Menschen, Stuttgart: Franck, Band III (1926), Tafel XV

*) Die Iatromechanik (griech. iatros: Arzt) bezeichnet eine medizinische Lehre, nach der das Funktionieren des Organismus physikalisch und mechanisch erklärt wird.

Unzählige Male ist »Der Mensch als Industriepalast« (1926) reproduziert; vgl. die Homepage
> http://www.fritz-kahn.com/gallery/man-as-industrial-palace

Karikatur

Grandville (1803–1847): Deux danseurs à ressorts articulés

aus: Un autre monde. Transformations, visions, incarnations, ascensions, locomotions, explorations, pérégrinations, excursions, stations, cosmogonies, fantasmagories, rêveries, folâtreries, facéties, lubies, métamorphoses, zoomorphoses, lithomorphoses, métempsycoses, apothéoses, et autres choses; par Grandville, Paris: H.Fournier 1844. p.56.
> http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k3120537

Eine grausige Karikatur des Kriegs findet sich bei Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658):

Der Gesprächspartner Reymund schildert eine sonderbare Abbildung des Krieges.

Wie man sonsten aus Blumen/ Früchten und Büchern ein Antlitz zusammensetzt [eine Anspielung auf Arcimboldo]/ also war das Bild des Krieges/ von allerley Waffen/ Rüstungen und Geschützen/ gleich einem Rhinocerot/ (jedoch ausser dem Nasenhorn) zusammen geordnet. Seine Zunge war eine Feldschlange/ sein Haubt ein Harnisch: seine Augen Helm: seine Schuppen Petarden/ goldgläntzende Schild und eiserne Schwerter/ u.d.g. – Später nennt er das ungeheure Tier Jammerkrieg und Behemoth.

Frauenzimmer=Gesprächspiele, Siebender Theil, Nürnberg: Endter 1647; das Bild gegenüber S. CCLIII / 14.

Woher stammen die ›Roboter‹ ?

Die Figur des Menschen als phantastischer Maschine geht zurück auf Robot "Fronarbeiter" seit Karel Čapeks Schauspiel R.U.R. (»Rossum’s Universal Robots«, 1920). – Poln., tschech, robota "Fronarbeit, Zwangsdienst" (aus aslaw. rabota "Knechtsarbeit" zu rabŭ  "Knecht") dringt im 14. Jh. von Osten ein und ergibt spätmhd. robāt(e), robot, rowolt. [nach Kluge, Etymolog. Wörterbuch 1963]; im heutigen Russischen: рабо́та.

Vgl. dazu Lexer, Mhd. Wörterbuch, s.v. robâte, robâter; Grimmsches Wörterbuch BandXIV, 1087f. s.v. Robat.

Hochinteressante Studie dazu: Franz August Brauner, Von der Robot und deren Ablösung für den böhmischen und mährischen Landmann, Verlag Kronberger u. Pziwnatz, 1848
> https://books.google.ch/books?id=Q0xDAAAAcAAJ&dq=robot&hl=de&source=gbs_navlinks_s

(b.sch.) Der Begriff Roboter wurde 1920 von dem tschechischen Autor Karel Čapek in dem Theaterstück »Rossums Universal Robots« eingeführt. Sowohl der Begriff als auch das Stück erlebten sogleich grossen Erfolg. Zu älteren Begriffen wie Automate, Homunculus, Golem gesellt sich ein neuer Begriff hinzu, der das Feld neu ordnet. Neues bringt Čapek auch in die Gestaltung des Motivs ein: Statt einem einzelnen Künstler oder Ingenieur, der einen einzelnen artifiziellen Menschen erschafft, werden die Roboter in R.U.R unter den Bedingungen der modernen Massenproduktion als Massenware produziert und von einer Gruppe Ingenieure weiterentwickelt. Der Aufstand der künstlichen Menschen richtet sich in dem Stück gegen die ganze Menschheit. Bei Čapek finden wir eine der ganz frühen, vielleicht die früheste Gestaltung dieses Motivs.

https://de.wikipedia.org/wiki/R.U.RMehr dazu hier unten.

Der Sieg der Technik, schon früh karikiert:

 

Beide Abbildungen aus: Hans Wettich, Die Maschine in der Karikatur. Ein Buch zum Siege der Technik, Berlin: Verlag der Lustigen Blätter 1916.

Den ersten wirklich funktionsfähigen Industrieroboter UNIMATE konstruierten Joseph Engelberger und George Devol 1956. — Engelberger soll die Anregung durch die Lektüre eines Roboter-Romans von Isaac Asimov (»Robbie« 1940; »Ich, der Robot« 1950) bekommen haben.

 

Artificial intelligence avant la lettre

Jonathan Swift, Gulliver’s Travels (1726) Part 3 (Reise nach Laputa, Lagado usw.), Chapter 5 beschreibt eine Maschine, mit der sich das ganze Wissen der Welt automatisch generieren lässt – auch dasjenige, das man noch gar nicht weiß:

Der Rahmen enthielt zwanzig Quadratfuß und befand sich in der Mitte des Zimmers. Die Oberfläche bestand aus einzelnen Holzstücken von der Form eines Würfels, von denen jedoch einzelne größer als andere waren. Sie waren sämtlich durch leichte Drähte miteinander verbunden. Diese Holzstücke waren an jeder Fläche mit Papier überklebt, auf dem alle Worte der Landessprache in Konjugationen und Deklinationen, jedoch ohne alle Ordnung aufgeschrieben waren.
Der Professor bat mich, achtzugeben, da er seine Maschine in Bewegung setzen wolle. Jeder Zögling nahm auf seinen Befehl einen eisernen Griff zur Hand, von denen vierzig am Rande befestigt waren. Durch eine plötzliche Wendung wurde die ganze Anordnung verändert. Dann befahl er sechzehn Knaben, die verschiedenen Zeilen langsam zu lesen, und wenn sie drei oder vier Worte herausgefunden hatten, die einen Satz bilden konnten, diktierten sie diese vier anderen Knaben, welche sie niederschrieben. Diese Arbeit wurde drei- oder viermal wiederholt.
Die Maschine war aber so eingerichtet, dass die Worte bei der Umdrehung einen anderen Platz einnahmen, sobald das ganze Viereck sich von oben nach unten drehte.
[…] Aus diesem reichen Material werde er einen vollständigen Inbegriff aller Wissenschaften und Künste bilden.

Englischer Text (mit Bild) > https://www.gutenberg.org/files/829/829-h/829-h.htm
Deutsche Übersetzung > http://www.zeno.org/nid/2000575822X

Swift karikiert hier die kombinatorischen Techniken von Ramon Lull und Athanasius Kircher (die das aber ernst gemeint haben):

Athanasii Kircheri e Soc. Iesu Polygraphia nova et vniuersalis ex combinatoria arte detecta, Romae: ex typographia Varesij 1663.

Vgl. dazu Wilhelm Schmidt-Biggemann, Topica universalis, Hamburg: Meiner 1983; bes. S. 155ff.

Wie sagte schon Wagner in Goethes Faust II? Und so ein Hirn, das trefflich denken soll, Wird künftig auch ein Denker machen. Und Mephisto: Am Ende hängen wir doch ab Von Creaturen die wir machten.

›Algorithmen‹ erzeugen Kunst:

 

••• Textgenerierung

• Dazu brauchte man keinen Computer. Mit einem Würfel und einer Tabelle, die auf die Dialogtexte im Büchlein verweist, vermag Georg Nikolaus Bärmann (1785–1850) 999 und mehr Lustspiele zu generieren; jedes Spiel ist eine Premiere:

Neunhundert neun und neunzig und noch etliche Almanachs-Lustspiele durch den Würfel. Das ist, Almanach dramatischer Spiele für die Jahre 1829 bis 1961; ein Noth- und Hülfs-Büchlein für alle stehenden, gehenden, und verwehenden Bühnen/ so wie für alle Liebhabertheater und Theaterliebhaber Deutschlands von Simplicius der freien Künste Magister, Zwickau: im Verlage der Gebrüder Schumann 1829.

(Das Digitalisat ist unbrauchbar, weil die Wurf-Tabelle nicht eingescannt ist. Kompletter Reprint mit gutem Nachwort von Konrad Kratzsch: Edition Leipzig 1972.) (Danke, Alex Sch. für das Geschenk!)

• Eine Volvelle schafft 6000 linke oder rechte Phrasen:

••• David Cope

Bach-style Fugue 1 from the Well-Programmed Clavier by Experiments in Musical Intelligence computer program

https://www.youtube.com/watch?v=Lt7fEchgFrU {März 2021}

Und hier noch ein "Vivaldi": https://www.youtube.com/watch?v=2kuY3BrmTfQ {März 2021}

••• Digital Painting

compart center oft excellence digital art {derzeit 1388 artworks}

https://de.wikipedia.org/wiki/Digitale_Kunst

Ein mittels KI gemaltes Bild wurde bei Christie’s im Jahr 2018 für $ 432’500 ersteigert: https://en.wikipedia.org/wiki/Edmond_de_Belamy

••• Simon Colton

Painting Fool, A computer program that aspires to be an artist: http://www.thepaintingfool.com/

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Solche von Robotern produzierte Texte / Musikwerke / Bilder regen zur Frage an, worin denn "eigentlich" die Genialität eines natürlichen Schriftstellers* / Komponisten* / Malers* bestehe.

Könnte ein Roboter* solche Gags / Überraschungseffekte erzeugen wie

• In Kleists »Der zerbrochene Krug«:

Ja, seht. Zum Straucheln braucht’s doch nichts, als Füße.
Auf diesem glatten Boden, ist ein Strauch hier?
Gestrauchelt bin ich hier; denn jeder trägt
Den leid'gen Stein zum Anstoß in sich selbst.

• Die Generalpause in 4. Satz von Haydns 90. Sinfonie – wo viele Konzertbesucher glauben, es sei der Schluss und zu applaudieren beginnen. > https://haydn107.com/de/Sinfonien/90

• Die Parodie eines Bilds wie hier desjenigen von Egon Schiele?

   

Kann man kaufen bei > https://www.duckomenta-shop.de/shop/poster

Mit welchem Test erkenne ich einen Roboter ?

 

••• E.T.A. Hoffmann »Der Sandmann« (1816)

Die Gäste beim Ball, wo Professor Spalanzani seinen Automaten Olimpia vorgeführt hatte, sinnieren später:

Um nun ganz überzeugt zu werden, daß man keine Holzpuppe liebe, wurde von mehrern Liebhabern verlangt, daß die Geliebte etwas taktlos singe und tanze, daß sie beim Vorlesen sticke, stricke, mit dem Möpschen spiele u.s.w., vor allen Dingen aber, daß sie nicht bloß höre, sondern auch manchmal in der Art spreche, daß dies Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden voraussetze.

••• Das Chinesische Zimmer

Das Gedankenexperiment von John Searle (*1932)

> https://de.wikipedia.org/wiki/Chinesisches_Zimmer
und weitere Artikel unter diesem Begriff

••• Mitsuku – Meet Kuki! – a conversational chatbot.

> https://pandorabots.com/kuki/

Chat now! — und finde heraus, wie man herausfindet, dass es ein Roboter ist!

••• Im Roman »Do Androids Dream of Electric Sheep?« von Philipp K. Dick (1968) werden Androide von einem Kopfgeldjäger namens Rick Deckard gejagt und zur Abklärung, ob es nicht Menschen sind, einem Test unterzogen, in dem Empathie eine wichtige Rolle spielt. Vgl. den Ausschnitt in Jutta Kähler (2020), S. 102–107.

••• Immer wieder fordert uns eine Website, wo wir etwas downloaden möchten, auf zu sagen, dass wir kein Roboter sind. Das geschieht mit einem CAPTCHA = Completely Automated Public Turing test to tell Computers and Humans Apart. (Turing geht zurück auf den Informatiker Alan Turing, 1912–1954.)

So soll ich auf dem Bild hier anklicken, auf welchen Teil-Bildern ich eine Brücke erkenne:

Freilich ist die Künstliche Intelligenz heute so weit entwickelt, dass das auch ein Roboter kann .....

Erkenntniswert

:

Es geht nicht so sehr ums Technische. Solche Testfragen führen mitten hinein in die Frage nach den Wesenszügen des (natürlichen) Menschen. Wenn der/die Roboter/in als solche/r bei einer Auffälligkeit oder Unfähigkeit ertappt wird, dann handelt es sich bei diesem Merkmal um ein anthropologisches Basis-Element.

Moderne humanoide Roboter:

 

➜  KENGORO (26.07.2020)
      > https://techxplore.com/news/2017-12-team-japan-advanced-humanoid-robot.html

➜  PEPPER
      > https://de.wikipedia.org/wiki/Pepper_(Roboter) (und viele weitere Hinweise im WWWeb)

➜  ATLAS
      > https://www.bostondynamics.com/atlas

➜  Segensroboter BlessU-2 (Zugriff im Otkober 2020 – Die Kommentare beachten!)

      > https://www.youtube.com/watch?v=Qrpl6KW1Epc
      > https://www.youtube.com/watch?v=mQMVQEK-Vj8

➜  Es gibt auch einen Roboter der Tora-Rollen schreibt. (Koscher sind diese Rollen freilich nicht.)

      > https://www.jmberlin.de/bios-torah-roboter-schreibt-tora-rollen

➜  Kotaro

      > https://de.wikipedia.org/wiki/Roboter#/media/Datei:Ars_Electronica_2008_Kotaro.jpg

  Unheimliches Tal / Uncanny Valley (Münchener Kammerspiele)
      > https://vimeo.com/291694284 (26.07.2020)

➜  Cynthia Breazeals Roboter Kismet (MIT A.I. Lab) (YouTube, 07.09.2011):
      > https://www.youtube.com/watch?v=8KRZX5KL4fA (23.12.2019)

  Mini cheetah is the first four-legged robot to do a backflip (Mai 2020)
      > http://news.mit.edu/2019/mit-mini-cheetah-first-four-legged-robot-to-backflip-0304

➜  Boston Dynamics Robots
      > https://www.bostondynamics.com (Juli 2020)

➜  Roboter Sophia hat bereits vor der UNO gesprochen, ist in der "Tonight Show" aufgetreten und hat sich mit Angela Merkel unterhalten. Ein von ihr veredeltes Porträt wurde für fast 700’000 Dollar versteigert. (März 2021)
      > https://en.wikipedia.org/wiki/Sophia_(robot)
      > https://www.hansonrobotics.com

➜  TeoTronico – ein Klavier spielender Roboter – im Wettbewerb mit dem Pianisten Roberto Prosseda; das ist schon einige Jahre alt und erinnert an das mechanische Klavier der Firma Welte-Mignon (1904!). Interssant ist, was der menschliche Klavierspieler dazu sagt > auf YouTube

  HR Giger (1940–2014) ist der Gestalter der Aliens. Sein Biomechanoid No. 17/49 ist hier zu sehen
      > https://www.sikart.ch/Werke.aspx?id=14166149

Hinweise auf Romane, Novellen, Schauspiele, Filme


Übersicht in: Elisabeth Frenzel, Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte, (Kröners Taschenausgaben 301), 6., überarbeitete und ergänzte Auflage 2008; Artikel "Mensch, Der künstliche" (leider ohne präzise Quellenangaben) Hier als PDF zum Download {Dez. 2020}

 

Mary Shelley, »Frankenstein or The modern Prometheus« (1818)

Illustration zu einer Theateraufführung London 1850: Der mit Talar und Doktorhut bekleidete Alchemist Frankenstein in seinem Labor hat das Wesen zum Leben gebracht und erschrickt: By the glimmer of the half-extinguished light, I saw the dull, yellow eye of the creature open; it breathed hard, and a convulsive motion agitated its limbs, ... I rushed out of the room.

Dieses und weitere Bilder zum Text/Film auf > https://frankensteinmeme.com/the-frankenstein-meme-project/literary-images-of-frankenstein-what-does-the-creature-look-like/

Beate Schappach weist hin auf die die Inszenierung »Frankenstein« des National Theatre London. Sie wird {Mai 2020} hier online gezeigt:

https://www.youtube.com/channel/UCUDq1XzCY0NIOYVJvEMQjqw

»Diese Bühnenadaption ist interessant, weil sie die Geschichte aus Sicht der Kreatur erzählt. Frankenstein ist für einmal nicht Protagonist der Handlung, sondern sein Geschöpf. Indem die Inszenierung die Kreatur nicht in den Bereich des Monströsen verbannt, wie das viele Verfilmungen getan haben, kommt das Potential des Romans wieder zum Vorschein.

Desweiteren ist es eine interessante Arbeit, weil die beiden Schauspieler, die Frankenstein und sein Geschöpf spielen, sich jeweils abgewechselt haben. Es gibt also zwei Versionen der Inszenierung jeweils mit vertauschten Rollen. Dieser Ansatz setzt einen Akzent darauf, dass Schöpfer und Geschöpf spiegelbildlich lesbar sind.«

E.T.A .Hoffmann, »Der Sandmann« (1816): Der singende Automat Olimpia

http://www.zeno.org/nid/20005074649

Vgl. die Oper von Jacques Offenbach »Les Contes d’Hoffmann« (1881), zweiter Akt. — Sehr hübsch, wo das Uhrwerk des Automaten mitten in der Arie aufgezogen werden muss: https://www.youtube.com/watch?v=F2SI0N6Iflc {Zugriff im Dez. 2020}

Arno Meteling, E.T.A. Hoffmann und die Automaten online hier {Zugriff im Dez. 2020}

Auguste de Villiers de L’Isle-Adam (1838–1889), »L’Ève future«, 1886. — Edisons Weib der Zukunft, [Übers. von Annette Kolb] München: Weber, 1909.

https://blog.hnf.de/die-eva-der-zukunft/

Robert Hamerling (1830–1889), Homunculus. Modernes Epos in zehn Gesängen, Hamburg 1888.

http://www.zeno.org/nid/20004992717

Gustav Meyrink (1868–1932), »Der Golem«, München: Kurt Wolff 1915.

Text > http://www.zeno.org/nid/20005379377

Vgl. den Artikel > https://de.wikipedia.ord/wiki/Golem

Caspar Battegay, Katalog der Ausstellung »Golem« 23.9.2016 – 29.1.2017, Jüdisches Museum Berlin > https://www.jmberlin.de/das-geheimnis-des-cyborgs

Golem. Von Mystik bis Minecraft. , hg. Emily D. Bilski und Martina Lüdicke im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin 2016 > https://www.kerberverlag.com/de/1388/golem

Karel Čapek, R.U.R.: Rossum’s Universal Robots (tschechisch: Rossumovi Univerzální Roboti), 1920 — Karel Čapek: W.U.R., Werstands universal Robots: Utopistisches Kollektivdrama in 3 Aufzügen (Übersetzt von Otto Pick). Prag: Orbis, Prag / Leipzig: Cnobloch 1922.

Andreas Kotte: Der Roboter frisst seine Eltern. Zur frühen Aufführungsgeschichte des Theaterstücks »Werstands Universal Robots« von Karel Čapek

Die Bibel verlegt eine dystopisch-utopische Gesamtausrottung der Menschheit in die Zukunft. Die Erzählung vom Jüngsten Gericht soll schlechte Menschen das Fürchten lehren, guten Menschen aber Hoffnung verheißen. In Čapeks Stück braucht es keinen Gott. Roboter liquidieren die Menschen. Und das gegenwärtig auf der Bühne. Was uns seither aus Science-Fiction-Filmen bis zum Überdruss bekannt erscheint, kennt man vor 1920 nicht: Kommt es in W.U.R. womöglich zur ersten Vernichtung der Menschheit durch produzierte Wesen? Wird in den frühesten deutschsprachigen Inszenierungen und Kritiken die Vernichtung der Menschheit durch hergestellte Wesen schon aufgegriffen? Hat man zeitgenössisch erkannt, was in diesem Stück steckt?

Über die Brutalität seiner Lösung legt der Dramatiker scheinbar einen Schleier des Religiösen. Durchschauen die Kritiker das? Erlöst Čapek die Menschheit wirklich durch die Liebe, wenn bei ihm Androide übrigbleiben, also Maschinen? Offenbart W.U.R. eine neue Konsequenz in der Ausgestaltung des Motivs der künstlichen Menschen, indem diese in die Wirtschaftsordnung integriert werden? Der Vortrag möchte aufzeigen, dass sich in den Dutzenden von Inszenierungen auch Schwankungen im Verständnis des artifiziellen Menschen zwischen fast menschlich und überwiegend maschinell spiegeln.

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Ursula Ganz-Blättler: Unsere nächsten Nachbarn? Maschinenmenschen im Film

Der Begriff des ›Parahumanen‹ bezeichnet menschenähnliche Wesen sowie menschlich anmutende Funktionen, die gegenüber dem lebenden und atmenden Original technische oder genetische Verbesserungen erfahren haben – und das nicht etwa von göttlicher oder anderer extraterrestrischer Seite, sondern auch wieder von menschlicher Hand. Von Algorithmen gesteuerte Kameras üben bereits heute den ›parahumanen Blick‹, genauso wie mathematisch programmierte Konstruktionsprogramme ›parahumane Designs‹ entwerfen (… mit der berechtigten Anschlussfrage, was daran zwingend besser bzw. über-menschlich sei). Und gerade die schon jetzt industriell gefertigten Roboter (im Doppelsinn der Definition als menschenähnliche oder schlicht mobile Computer) üben eine Vielzahl parahumaner Tätigkeiten aus, die vom Staubsaugen und Rasenmähen über den Auto- und Häuserbau bis zur Minensuche reichen – aber auch zur Nachahmung zwischenmenschlicher Kommunikationsmuster oder zu den explorativen Studien im Rennen und Klettern, für die etwa die wendigen Forschungsroboter von Boston Dynamics berühmt sind.

Wenn wir uns statt im Real Life in der filmischen Fiktion als ›Reel Life‹ umsehen, verschwimmt der Begriff des Parahumanen mit dem des Anthropomorphen zu einem vielfältigen Sammelbegriff von Simulakren, der sehr viel mehr umfasst als das Kerngebiet technischer Tüftelei und mechanischer Dienerschaft. Hier geht es sehr schnell um das artgerechte Leben von Menschmaschinen und damit um alle die Sinnfragen, die der Verantwortung für die lebende Kreatur seit jeher mit eingeschrieben sind. In den einschlägigen Abenteuergeschichten der Populärkultur teilt sich denn auch der Roboter mit den Gott-/Mensch-Zwittern der Superheldensagen und einer Vielzahl hochgezüchteter Monster aus der Schwarzen Romantik – und mit den Aliens aus fernen Galaxien – dieselbe Arena, wo menschliche Überlegenheitsdünkel als Hybris entlarvt und einschlägige Schöpfungsgelüste ebenso wie Untergangsängste auf die Couch des Filmsoziologen gelegt werden.

Wenn also im vorliegenden Fall von ›Robotern im Film‹ die Rede ist, handelt es sich durchwegs um in futuristisch anmutenden Forschungslaboratorien gezeugte Lebensformen, die als parahumane solche in Erscheinung treten und dabei a) Züge von eigenständig agierenden ›player characters‹ annehmen können (… so nennt man im Computerspiel Figuren, die von menschlichen Spielern in Eigenregie geführt werden) oder b) Züge von subhumanen, fremdgesteuerten ›nonplayer characters‹. Diese Doppelgestalt des Roboters erlaubt es den Filmemachern einerseits, utopische Szenarien mit Anleihen beim Entwicklungsroman zu entwerfen (… wenn sich die künstlichen Geschöpfe vom Schöpfer emanzipieren und als weitaus ›bessere Menschen‹ erweisen); und auf der anderen Seite stehen die dystopischen Szenarien einer unabwendbaren Fremdkolonisation (… wie etwa im Fall der Matrix-Trilogie, wo die Menschen zur ausgebeuteten Spezies eines hochintelligenten Supercomputers mit chronischem Energiemangel geworden sind).

In meiner Betrachtung einiger für die Entwicklung des Maschinenmenschen im Film wichtigen Schlüsselwerke geht es mir primär um Fragen der Kontaktaufnahme und Kommunikation innerhalb der präsentierten fiktionalen Welt selbst (gemeint: zwischen unterschiedlich ›menschlich‹ erscheinenden Lebensformen) sowie um Fragen des Perspektivenwechsels: Wann und wo beginnen wir als Publikum für die parahumanen Konstrukten Gefühle zu entwickeln … und sind das möglicherweise jene Momente, in denen wir uns selber im Spiegel begegnen?

An den filmisch umgesetzten Maschinenmenschen interessiert mich letztlich dieselbe Magie, die alle animierten Fiktionen auszeichnet: Wie lässt sich imaginiertes Leben glaubhaft leben, aber auch lebhaft glauben?

Fritz Lang, »Metropolis« 1927

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Erich Kästner (1899–1974), Der synthetische Mensch

https://www.lyrikline.org/de/gedichte/der-synthetische-mensch-14382

Roger Zelanzy, »For a Breath I Tarry« (1966) – Zusammenfassuung in Wittig (1997); S. 106–116.

»Blade Runner« (1982; Final Cut 2015) Film des Regisseurs Ridley Scott nach dem Roman »Do Androids Dream of Electric Sheep?« von Philip K. Dick (1968).

In der fernen Zukunft von 2019 macht Rick Deckard (gespielt von Harrison Ford) Jagd nach Replikanten, die sich bis auf zwei Merkmale nicht von realen Menschen unterscheiden: Sie haben keine Erinnerungen, und sie haben eine Lebensdauer von nur vier Jahren. Produziert werden die künstlichen Menschen von der Tyrell Corporation, deren Motto lautet: »More Human than Humans«. Der Film gipfelt in einem Showdown zwischen dem Blade Runner Deckard und dem Anführer der Replikanten, die mehr sein wollen als Maschinenmenschen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Blade_Runner
https://en.wikipedia.org/wiki/Blade_Runner

Ian MacEwan, »Machines like me«, 2019.

Penelope Paparunas, Wer ist hier der (künstliche) Mensch? Das Prekäre in Ian McEwans »Machines Like Me and People Like You« (2019) aus ästhetischer und ethischer Sicht

Ian McEwans Roman Machines »Like Me and People Like You« (2019 erschienen) reiht sich ein in eine ganze Vielzahl von Texten des zeitgenössischen kulturellen Imaginären  — (z. B. Martina Clavadetschers »Die Erfindung des Ungehorsams« (2021), Raphaela Edelbauers »Dave« (2021), Kazuo Ishiguros »Klara and the Sun« (2021) oder Jeannette Wintersons »Frankissstein« (2019), usw. —, die sich mit der motivischen Konstante des künstlichen Menschen im einundzwanzigsten Jahrhundert eindringlich auseinandersetzen.

In McEwans epischer Variante wird nicht nur eine kontrafaktorische Historie verhandelt, spielt doch der Roman 1982 in einem England, das soeben den Falklandkrieg verloren [!] hat, in welchem die Beatles sich doch nochmals zusammenraufen und in welchem der ›Übervater‹ der künstlichen Intelligenz, Alan Turing [gest. 1954], am Leben ist und mit dem Icherzähler Charlie Friend zusammentrifft. Dieser Protagonist, Anfang dreissig, gibt nämlich beinahe sein ganzes Vermögen aus, um einen aussergewöhnlichen Roboter namens Adam zu erstehen; überdies eine ausgesprochene Rarität, da es überhaupt nur rund ein Dutzend solcher künstlicher Adams und Evas gibt. Gemeinsam mit seiner Nachbarin Miranda, in die er heimlich verliebt ist, übernimmt Charlie eine Art ›digitale Elternschaft‹ für den Androiden, indem beide die Charaktereigenschaften von Adam aussuchen respektive programmieren; erst nach dieser individuellen Programmierung entfaltet Adam seine eigentliche distinkte Persönlichkeit, mit anderen Worten, wird er geboren. In dieser fragilen Dreieckskonstellation rund um Charlie, Miranda und Adam entwickelt sich zunehmend ein komplexes Beziehungsgeflecht, das nicht nur ein queeres, prekäres Begehren in Gang setzt, sondern auf fundamentale Weise ethische, aber eben auch ästhetische Fragen aufwirft.

Im Anschluss an Levinas, Butler und Pewny, so die These, erweist sich die Dichotomie zwischen Mensch und Maschine nicht nur als brüchig, schwierig und ungesichert, kurz, prekär, indem der Roman die soziopolitische Position von Robotern auf vielschichtige Weise in den Blick nimmt, sondern performiert dieses Prekärsein überdies auch in formaler Hinsicht: Die alternative Geschichtsschreibung, die McEwan hier vorexerziert, wird gleichzeitig von der faktualen Wirklichkeit, wie wir sie kennen, durchquert, überblendet. »Machines Like Me and People Like You« belässt es also keineswegs dabei, prekäre respektive gefährdete Subjekte (vorrangig Adam, aber nicht nur) in den Blickpunkt zu nehmen und ihnen im Sinne der Identitätspolitik ein Sprachrohr zu geben. Der Roman verhandelt im weitesten Sinn einerseits die ethische Problematik der ›Sorge um den Anderen‹ (Levinas), entpuppt sich zugleich andererseits formal als fundamental widerspenstiger, ja, prekärer ästhetischer Text, da die Leser*in stetig nicht nur multiple Wirklichkeiten, aber auch rhetorische Polyvalenzen aushalten muss. So offenbart sich das Ungesicherte letztendlich als das einzig Sichere / Gesicherte.

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Emma Braslavsky, »Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten«, Berlin: Suhrkamp 2019.

https://www.perlentaucher.de/buch/emma-braslavsky/die-nacht-war-bleich-die-lichter-blinkten.html

Die Kurzgeschichte von Emma Braslavsky »Ich bin dein Mensch« ist 2020 verfilmt worden.

Trailer > https://www.berlinale.de/de/programm/202103036.html

Jeanette Winterson, »Frankissstein. Eine Liebesgeschichte«, Zürich: Kein und Aber 2019.

https://www.perlentaucher.de/buch/jeanette-winterson/frankissstein.html

Kazuo Ishiguro, »Klara and the Sun« 2021 — »Klara und die Sonne«. Übersetzt von Barbara Schaden, Blessing, München 2021.

Jean-Stéphane Bron, »THE BRAIN - CINQ NOUVELLES DU CERVEAU« – Premiere an den Solothurner Filmtagen 2021.

 

Martin Städeli: Eine Kurzgeschichte, begleitet von einem ebenfalls kurzen Werkstattbericht

Wir tauchen in eine der unzähligen denkbaren Parallelwelten ein.
Eine Hackergruppe macht vertrauliche Dokumente zur ebenso umstrittenen wie beliebten Fernsehshow «Mensch!» öffentlich zugänglich. Die Unterlagen zeigen, dass an der Show gar keine Menschen teilnehmen. Die Enthüllungen führen zum Rücktritt des Fernsehdirektors und der Medienministerin. Sogar der Staatspräsident gerät unter Verdacht, eine Maschine zu sein. In der Bevölkerung wächst das Misstrauen. Mit einem drastischen Schritt versucht die Regierung die Lage zu beruhigen. Bald aber verbreiten sich abenteuerliche Gerüchte …

Roboter als Kindespielzeug und im Trickfilm

 

    

Links: PLAYMOBIL ca. 1988, Foto P.M.

Rechts: Der Müll-aufräum-Roboter WALL-E aus dem von Andrew Stanton gedrehten Trickfilm 2008

Prof. J. J. Berns (vgl. die Literaturhinweise!) hat viele Jahre lang über 300 Spielzeugroboter gesammelt. Diese sind im Deutschen Technikmuseum Berlin zu sehen > https://www.franke-steinert.de/portfolio_page/robotervitrine/

Literaturhinweise in Auswahl

(ugb und pm)

Das Verzeichnis der Schweizer Bibliotheken bringt zum Schlagwort "Künstlicher Mensch" derzeit {Dez. 2020} 239 Titel.... Wir haben nicht alle gelesen.

 

Automaten, Androiden, Avatare. Diskurse zu Technik und Lebendigkeit, hg. von Natascha ADAMOWSKY, Anna Maria TEKAMPE, Wien: Turia + Kant 2020

BERNS, Jörg Jochen, Technomonster. In: Monster. Zur ästhetischen Verfassung eines Grenzbewohners. Hg. v. Roland Borgards, Christiane Holm und Günter Oesterle. (Stiftung für Romantikforschung, Bd. XLVIII). Würzburg: Koenigshausen-Neumann 2010. S. 77–102. — Wieder abgedruckt in: Die Jagd auf die Nymphe Echo. Zur Technisierung der Wahrnehmung in der Frühen Neuzeit (Presse und Geschichte, Neue Beiträge, Bd. 53). Bremen 2011, S. 457–479.

BINZEGGER, Lilli: Robidog lebt! Wie sich der Roboterhund Aibo in mein Herz schlich. In: NZZ-Folio: Sonderheft Roboter. Unsere nächsten Verwandten. Ausgabe Juni 2000, S. 16–18.

BODEN, Margaret Ann: The Philosophy of Artificial Life. Oxford: Oxford University Press 1996.

BREAZEAL, Cynthia L.: Designing Sociable Robots. Cambridge, Mass.: MIT Press 2002.

BROOKS, Rodney: Flesh and Machines. How Robots Will Change Us. New York: Pantheon 2002.

COHEN, John: Les robots humains dans le mythe et dans la science. Paris: J. Vrin 1968 (Etudes de psychologie et de philosophie 19).

DREYFUS, Hubert L.: Intelligence artificielle. Mythes et Limites. Frz. ersch. Paris: Flammarion 1984.

DRUX, Rudolf (Hg.): Menschen aus Menschenhand. Zur Geschichte der Androiden – Texte von Homer bis Asimov, Stuttgart: Metzler 1988. (Gute Anthologie)

DRUX, Rudolf (Hg.): Der Frankenstein-Komplex. Kulturgeschichtliche Aspekte des Traums vom künstlichen Menschen, Frankfurt/Main: Suhrkamp 1999.

FEBEL, Gisela u.a. (Hrsg.): Menschenkonstruktionen. Künstliche Menschen in Literatur, Film, Theater und Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Göttingen: Wallstein Verlag 2004.

FIÉVET, Cyril: Les robots. Paris: PUF 2002.

GENDOLLA, Peter: Die lebenden Maschinen. Zur Geschichte der Maschinenmenschen bei Jean Paul, E.T.A. Hoffmann und Villiers de l’Isle Adam, Marburg/Lahn: Guttandin und Hoppe, 1980 (Reihe Métro; Bd. 10).

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Weblinks

https://en.wikipedia.org/wiki/Cyborg

https://de.wikipedia.org/wiki/Androide

Artoo-Detoo (aus Star Wars 1977) > https://en.wikipedia.org/wiki/R2-D2

Wer gewinnt beim Tischtennis? https://www.youtube.com/watch?v=J3gvpaNFvZU

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Boris Artzybasheff (Борис Арцыбашев 1899–1965) hat eine ganze Reihe fantastischer Körper-Maschinen-Hybride gezeichnet:

Der/die hier (1965) ist aus
> http://WahooArt.com/Art.nsf/O/AQZTL3/$File/Boris-Artzybasheff-Computer.jpg

Weitere hier:
> https://www.scaruffi.com/museums/artzybas/index.html
> https://animationresources.org/illustration-artzybasheffs-machinalia/

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Beiträge von Ursula Ganz-Blättler, Marc Winter, Thomas Honegger, Vivianne Berg, Beate Schappach, Romy Günthart, Paul Michel, Jean Ignace Isidore Gérard Grandville und anderen

Letztes Update 18.7.21 ★