Artifizielle Menschen

Projekt eines Kolloquiums 2021

Ideensammlung

Wer einen künstlichen Menschen fabriziert, reflektiert zwingend auf die Natur / Organisation / Eigenart des wirklichen Menschen. Insofern ergeben Roboter u.ä. Gestalten eine Erkenntnisform der Anthropologie im Spiegel ...

(ugb) Was lässt ein Wesen lebendig erscheinen? Sind es irgendwelche sensorischen Wahrnehmungen, die wir ihm zutrauen, oder ist es die Fähigkeit, zu atmen / die Fähigkeit, sich aus eigenem Antrieb fortzubewegen? Braucht es die Idee einer selbständigen Existenz, die uns hinlänglich versichert, dass wir es mit Leben zu tun haben … was ja neben den genannten motorischen skills zumindest Spuren eines kognitiven Erkennens und kreatives Ersinnens voraussetzen würde?

Und, wenn alle diese Voraussetzungen erfüllt sind: Darf sich dann auch künstliches Leben "Leben" nennen?

Schon nur aufgrund solcher Fragen eröffnet sich die doppelte Natur der Faszination für etwas, was sich je nachdem, "künstliches Leben" oder "künstliche Intelligenz" nennt.

• Das eine Erkenntnisinteresse ist vordergründig technischer Natur und beschäftigt sich mit den Chancen und Risiken – und vor allem auch mit den Grenzen – dessen, was menschlicher Erfindergeist hinsichtlich des Nachbaus oder sogar hinsichtlich der Verbesserung bestehender lebendiger Systeme vermag – und zwar durchaus im Wettbewerb mit anderen schöpferischen Kräften und mit der entsprechenden Anmassung.

• Das andere Erkenntnisinteresse hat viel stärker die Wahrnehmungsseite im Blick und versteht die Kunst der Simulation als Grenzüberschreitung im Sinne von Transzendenz. So hat etwa Cynthia Bréazal vor zehn Jahren lernfähige Roboterköpfe entwickelt, die wie Säuglinge auf menschliche Gesichtsausdrücke reagieren konnten. Das Wiedererkennen auf beiden Seiten stand hier im Zentrum, und die kognitionspsychologische Forschungsfrage war, wie sich Empathie – hier im Spiegel des nichtmenschlichen Gegenübers – entwickelt und zu einem sozialen "Miteinander" beiträgt

 

Der (wirkliche) Mensch ist bereits artifiziell, ein Geschöpf des Prometheus

Nach Ovid, Metamorphosen I, Vers 76ff. ist nicht genau festzustellen, ob der Mensch aus göttlichem Samen oder aus der Erde stammt, oder ob er ein ›artifizielles‹ Gebilde von des Iapetos Sohn (= Prometheus) ist.

aus: Metamorphoseon libri XV. Raphaelis Regii Volaterrani luculentissima explanatio, cum nouis Iacobi Micylli... additionibus. Venedig: J.Gryphius 1565.

aus: Die Verwandlungen des Ovidii in zweyhundert und sechs und zwantzig Kupffern. In Verlegung Johann Ulrich Krauß, Kupferstechern in Augspurg [ca. 1690].

Ovid schreibt: Während die Erde gebückt ansehen die andern Geschöpfe, gab er (Prometheus) dem Menschen erhabnes Gesicht und ließ ihn den Himmel Schauen und richten empor zu den Sternen gewendet das Antlitz.

Der Fabeldichter Babrios (2. Jh. u. Z.?) weiß mehr:

Der Götter einer war Prometheus in der Urzeit. Er schuf den Menschen, sagt man, als der Tiere Herr, aus Ton. Darauf baute er zwei Ranzen (lat. pera aus dem Griech.) und hängte sie ihm um, gefüllt mit aller Bosheit im vordern Ranzen mit der fremden, im hintern mit der eigenen, die weit größer. So kommt's, daß wir die fremden Schwächen scharfsichtig sehen, die eigenen aber ignorieren.

Und Francis Bacon in »The Wisdom of the Ancients« (1609): The ancients relate that man was the work of Prometheus, and formed of clay; only the artificer mixed in with the mass, particles taken from different animals. — Vgl. auch seine Explanation.

Homunculus

Goethe, Faust II (1832 erschienen), Zweiter Akt. Laboratorium = Verse 6’818–7’004. Vgl. dazu den Kommentar von Albrecht Schöne (Deutscher Klassiker-Verlag 1999), S.508–518.

Wagner: […] Nun läßt sich wirklich hoffen,
Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen
Durch Mischung – denn auf Mischung kommt es an –
Den Menschenstoff gemächlich komponieren,
In einen Kolben verlutieren Und ihn gehörig kohobieren,
So ist das Werk im stillen abgetan.
> http://www.zeno.org/nid/20004853121


Wagner mit Homunculus in der Phiole, dahinter Mephistopheles. – Holzstich, um 1880/90, nach einer Zeichnung von Franz Simm (1853–1918); aus: Goethes Werke, Hg. Heinrich Düntzer, Stuttgart und Leipzig: Dt. Verlags-Anstalt o. J.
> www.goethezeitportal.de

Pygmalion von Ovid (Metamorphosen 10, Verse 243 ff.) über die literarischen Bearbeitungen des Stoffs bis zu »My Fair Lady«

Kupfer von Crispijn de Passe (1589–1637), hier aus: Les Metamorphoses d’Ovide. De nouueau traduites en françois, Et enrichies de figures chacune seolon son subiect. Avec XV. Discours, Conenans l’Explication morale des fables. A Paris Chez la veufe M. Guillernot... 1622.

Bunte Liste von künstlichen Menschen

Johannes Praetorius (1630–1680), Anthropodemus plutonicus. Das ist eine neue Welt-Beschreibung , Magdeburg: Johann Lüderwald 1666/67

1. Teil, Kap. 5: Von Erzimmerten Menschen
> http://www.zeno.org/nid/20005493315

Die Terracotta-Armee des Kaisers von China

Die rund 9000 Teracotta-Krieger sind ›artifizielle Menschen‹, die als symbolische Armee dem Ersten Kaiser möglicherweise die Eroberung der jenseitigen Welt sichern sollten. (M.Winter)


Bild aus Wikipedia

Sind nicht auch Fabeltiere artifizielle Menschen?

Eine Anregung, diesmal nicht aus Aesop / Phaedrus, sondern von Bidpai (dem vermutlichen Verfasser des Panchatantra):

Antonius von Pforr [Übersetzer], Buch der Beispiele der alten Weisen, Nachdruck der Ausgabe von Lienhart Holl, Ulm 1484, Unterschneidheim: Uhl, 1970.

Vgl. das Digitalisat > http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00029362/image_1

Und die Handschriften (um 1475ff.) der Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 466 und cgp 84

Misslungene Metamorphose

Die (blinde) Glücksgöttin hat hier einen Affen in einen Menschen, und zwar in einen gekrönten König verwandelt – aber seine Art bleibt erhalten.

Fortuna non mutat genus

Q. Horatii Flacci emblemata. Imaginibus in æs incisis, notisque illustrata, studio Othonis Væni, Batauolugdunensis. Antverpiæ ex officina Hieronymi Verdussen 1607. — Kupfer von Otto van Veen (1556–1629); Ausschnitt
> https://archive.org/stream/qhoratiflacciemb00veen#page/155/mode/2up

Humanoide Roboter in der Geschichte

Jacques de Vaucanson (1709–1782) konstruierte einen flötenspielender Schäfer, einen Trommler und eine Ente und führte sie 1738 vor:

Le Mécanisme Du Fluteur Automate. Avec La description d'un Canard Artificiel, mangeant, beuvant, digerant & se vuidant ... imitant en diverses manières un Canard vivant ... ; Et aussi Celle d'une autre figure ... jouant du Tambourin & de la Flute, suivant la rélation, qu'il en a donnée dépuis son Mémoire écrit, Paris: Guerin 1738.

Beschreibung eines mechanischen Kunst-Stucks und Avtomatischen Flöten-Spielers, so denen Herren von der Königlichen Academie der Wissenschaften zu Paris durch den Herrn Vaucanson Erfinder dieser Machine überreicht worden, samt Einer Description sowohl einer künstlich-gemachten Ente, die von sich selbst das Essen und Trincken hinein schluckt ... und all dasjenige verrichtet/ was eine lebendige Ente thun kan: Als auch Einer andern gleichfalls wunderbaren Figur, welche mit der einen Hand die Trommel rühret, und mit der andern 20 unterschiedliche Arien auf einer Provence-Pfeiffe spielt und bläset. Nach dem Pariser-Exemplar übersetzt und gedruckt ... Augspurg : Maschenbaur 1748.
> http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001C42C00000000

• Der Schachroboter, der 1769 von Wolfgang von Kempelen konstruiert wurde, vgl. den interessanten Artikel auf Wikipedia

A. de Roches, L’automate joueur d’échecs, in: La Nature. Revue des sciences et de leurs applications aux arts et à l'industrie. Journal hebdomadaire illustré. Deuxième année 1882, p. p.397.
> http://cnum.cnam.fr/CGI/fpage.cgi?4KY28.19/401/100/432/8/420

Grandville (1803–1847): Deux danseurs à ressorts articulés

aus: Un autre monde. Transformations, visions, incarnations, ascensions, locomotions, explorations, pérégrinations, excursions, stations, cosmogonies, fantasmagories, rêveries, folâtreries, facéties, lubies, métamorphoses, zoomorphoses, lithomorphoses, métempsycoses, apothéoses, et autres choses; par Grandville, Paris: H.Fournier 1844. p.56.
> http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k3120537

• Schon früh karikiert:

Beide Abb. aus: Hans Wettich, Die Maschine in der Karikatur. Ein Buch zum Siege der Technik, Berlin: Verlag der Lustigen Blätter 1916.

Moderne humanoide Roboter:

KENGORO
> https://techxplore.com/news/2017-12-team-japan-advanced-humanoid-robot.html (26.07.2020)

PEPPER

> https://de.wikipedia.org/wiki/Pepper_(Roboter) (und viele weitere Hinweise im WWWeb)

ATLAS

> https://www.bostondynamics.com/atlas

Womit man beschäftigt ist, dazu wird man...

Giuseppe Arcimboldo ca. 1565:

> http://www.zeno.org/nid/20003868583

Nicolas II de Larmessin (1632–1694) hat – in der Nachfolge von Arcimboldo – eine Reihe von Handerwerker-Bildern gezeichnet, die aus deren Werkzeugen zusammengesetzt sind:

L’Arcimboldo dei Mestieri. Visioni fantastiche e costumi grotteschi nelle stampe di Nicolas De Larmessin, Prefazione di Stefano Benni, Milano: Mazzotta 1979.

Romane, Novellen, Schauspiele, Filme

Mary Shelley, »Frankenstein or The modern Prometheus« (1818)

Beate Schappach (Institut für Theaterwissenschaft der Universität Bern) weist hin auf die die Inszenierung »Frankenstein« des National Theatre London. Sie wird derzeit (Mai 2020) online gezeigt:

https://www.youtube.com/channel/UCUDq1XzCY0NIOYVJvEMQjqw

»Diese Bühnenadaption ist interessant, weil sie die Geschichte aus Sicht der Kreatur erzählt. Frankenstein ist für einmal nicht Protagonist der Handlung, sondern sein Geschöpf. Indem die Inszenierung die Kreatur nicht in den Bereich des Monströsen verbannt, wie das viele Verfilmungen getan haben, kommt das Potential des Romans wieder zum Vorschein.

Desweiteren ist es eine interessante Arbeit, weil die beiden Schauspieler, die Frankenstein und sein Geschöpf spielen, sich jeweils abgewechselt haben. Es gibt also zwei Versionen der Inszenierung jeweils mit vertauschten Rollen. Dieser Ansatz setzt einen Akzent darauf, dass Schöpfer und Geschöpf spiegelbildlich lesbar sind.«

E.T.A .Hoffmann, »Der Sandmann« (1816): Der musizierende Automat Olimpia – vgl. die Oper von Jacques Offenbach »Les Contes d’Hoffmann, zweiter Akt.

 

Auguste de Villiers de L’Isle-Adam [1838–1889], L’Ève future, 1886. — Edisons Weib der Zukunft, [Übers. von Annette Kolb] München: Weber, 1909.

https://blog.hnf.de/die-eva-der-zukunft/

Karel Čapek, R.U.R. – Rossum’s Universal Robots (tschechisch: Rossumovi Univerzální Roboti), 1920 — Karel Čapek: W.U.R., Werstands universal Robots: Utopistisches Kollektivdrama in 3 Aufzügen (Übersetzt von Otto Pick). Prag: Orbis, Prag / Leipzig: Cnobloch 1922.

https://de.wikipedia.org/wiki/R.U.R.

Fritz Lang, »Metropolis« 1927

Ian MacEwan, »Machines like me« (2019)

https://www.perlentaucher.de/buch/ian-mc-ewan/maschinen-wie-ich.html

Emma Braslavsky, »Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten«, Berlin: Suhrkamp 2019.

https://www.perlentaucher.de/buch/emma-braslavsky/die-nacht-war-bleich-die-lichter-blinkten.html

Jeanette Winterson, »Frankissstein. Eine Liebesgeschichte«, Zürich: Kein und Aber 2019.

https://www.perlentaucher.de/buch/jeanette-winterson/frankissstein.html

Literaturhinweise

(ugb und pm)

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GOIFFRET, Philippe: Robot habilis, robot sapiens. Histoire, développements et futurs de la robotique. Paris: Hermès 1993.

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[verschiedene Autoren]: »Wir und die Maschinen« im Magazin der Universität Zürich, Heft 2019/2, Seiten 28–48 > https://www.magazin.uzh.ch/de/issues/magazin-19-2.html#0-0

 

Weblinks

https://en.wikipedia.org/wiki/Cyborg

https://de.wikipedia.org/wiki/Androide

https://de.wikipedia.org/wiki/Roboter#/media/Datei:Ars_Electronica_2008_Kotaro.jpg

Unheimliches Tal / Uncanny Valley (Münchener Kammerspiele): https://vimeo.com/291694284 (26.07.2020)

Cynthia Breazeals Roboter Kismet (MIT A.I. Lab) (YouTube, 07.09.2011): https://www.youtube.com/watch?v=8KRZX5KL4fA (23.12.2019)

Mini cheetah is the first four-legged robot to do a backflip
> http://news.mit.edu/2019/mit-mini-cheetah-first-four-legged-robot-to-backflip-0304 (Mai 2020)

• Boston Dynamics Robots > https://www.bostondynamics.com (Juli 2020)