Antonius und die Dämonen

Als Folge der akedía, d.h. einer sich in der langen Einsamkeit einstellenden Mutlosigkeit, erscheinen den Wüstenmönchen gelegentlich Dämonen – oder gar der Leibhaftige.

Der bedeutendste Ahnvater des asketischen Lebens ist Antonios der Große, genannt »Stern der Wüste«. Er wurde ca. 251 in Mittelägypten geboren; die Eltern waren bereits Christen. Er verschenkte sein Erbe und begann am Rande seines Heimatdorfes ein asketisches Leben. Um dem Zulauf der Menge zu entfliehen, verlegt er später seinen Sitz in die Libysche Wüste, in eine Nekropole. Wiederum folgt die ihn verehrende Menge nach, und er zieht weiter auf einen Berg in die Einsamkeit. Im Alter von über 100 Jahren stirbt er (356).

Hier das Bild aus The Book of Hours, known as the ›Sforza Hours‹ (1490–1521), Fol 202v:

http://www.bl.uk/manuscripts/FullDisplay.aspx?ref=Add_MS_34294

Bekannt ist die Darstellung der Versuchung des hl. Antonius auf dem Isenheimer Altar des Mathias Grünewald (1506 / 1515):

http://www.wga.hu/art/g/grunewal/2isenhei/3view/3view2r.jpg

Hier der Kupferstich von Lucas Cranach dem Älteren (1472–1553) aus dem Jahr 1506:

> British Museum

Der Text, aus dem das Bild entwickelt wurde:

Athanasius der Große (298–373) hat eine Vita des Antonius verfasst. Da heisst es:

[Kap. 7] Daher ging er mit sich zu Rate, wie er sich an eine noch härtere Lebensführung gewöhnen könne. Gar viele bewunderten ihn, er selbst aber ertrug die Mühe leicht. Denn die Bereitwilligkeit seiner Seele, die ihr so lange innewohnte, hatte eine treffliche Verfassung in ihm zustande gebracht, so daß er, wenn er von anderen auch nur den kleinsten Anstoß erhalten hatte, daraufhin einen glühenden Eifer zeigte; er wachte so lange, daß er oft sogar die ganze Nacht schlaflos zubrachte, und dies nicht etwa einmal, sondern oft und oft; darüber wunderten sich dann die anderen. Nahrung nahm er einmal des Tages zu sich nach Sonnenuntergang; bisweilen aß er nur alle zwei, oft aber auch bloß alle vier Tage; er lebte von Brot und Salz, als Getränk diente ihm nur Wasser. Von Fleisch und Wein bei ihm nur zu reden ist überflüssig, da man dergleichen nicht einmal bei den anderen Frommen fand. Zum Schlafen begnügte er sich mit einer Binsenmatte; meist aber legte er sich auf die bloße Erde zur Ruhe.

[Kap. 8] So meisterte sich Antonius. Dann wanderte er weg zu Gräbern, die weit von dem Dorfe lagen, einen von seinen Bekannten bat er, ihm von Zeit zu Zeit, aber nur in langen Zwischenräumen, Brot zu bringen; dann ging er in eines der Gräber hinein und blieb, nachdem jener die Türe hinter ihm geschlossen hatte, allein drinnen. Da hielt es der böse Feind nicht aus, er fürchtete, Antonius möchte in kurzem auch die Wüste mit seiner Askese erfüllen, und so ging er in einer Nacht hin mit einer Schar von Dämonen und schlug ihn so heftig, daß er sprachlos vor Qualen auf dem Boden lag. Antonius versicherte nachher, die Schmerzen seien so grausam gewesen, daß man behaupten könne, Schläge von Menschenhand hätten niemals eine solche Pein verursacht. Durch Gottes Fürsorge aber – denn der Herr verläßt die nicht, welche auf ihn hoffen – erschien am nächsten Tage sein Freund, um ihm Brote zu bringen; er öffnete die Türe und sah ihn wie tot am Boden liegen; da hob er ihn auf und trug ihn in die Kirche des Dorfes und legte ihn auf die Erde. Viele von seinen Verwandten und die Leute aus dem Dorfe setzten sich neben Antonius, den sie tot glaubten. Um Mitternacht aber kam dieser zu sich, erwachte, und wie er sie alle schlafen sah, während nur sein Vertrauter wach war, da winkte er diesem, zu ihm zu kommen und bat ihn, er möge ihn wieder aufheben und zu den Gräbern bringen, ohne jemand aufzuwecken.

[Kap. 9] Er wurde von ihm weggetragen und war so wieder allein innen, nachdem die Türe wie vorher verschlossen worden war. Stehen konnte er wegen der Schläge nicht, also betete er im Liegen; nach dem Gebete aber rief er laut: ›Hier bin ich wieder, Antonius; ich fürchte eure Schläge nicht; wenn ihr mich auch noch ärger quält, nichts wird mich trennen von der Liebe zu Christus‹. Dann stimmte er den Psalm an: ›Wenn sich auch aufstellt ein Heerlager gegen mich, nicht wird sich fürchten mein Herz‹. So dachte und sprach der Asket; der höllische Feind aber, voll Haß gegen das Gute, wunderte sich, daß Antonius es nach den Schlägen gewagt hatte, wiederzukommen; er rief seine Hunde zusammen und rief berstend vor Zorn: ›Seht ihr, daß wir ihn weder durch den Geist der Unzucht noch durch Schläge zum Schweigen gebracht haben! Im Gegenteil, er ist sogar noch frech gegen uns. Wohlan, wir wollen ihm anders beikommen!‹ Denn leicht ist es für den Teufel, alle möglichen Gestalten zur Sünde anzunehmen, Da machten sie nachts einen solchen Lärm, daß der ganze Ort zu erbeben schien. Es war, als ob die Dämonen die vier Mauern des kleinen Baues durchbrechen und eindringen wollten; dazu verwandelten sie sich in die Gestalten von wilden Tieren und Schlangen; und gar bald erfüllte sich der Platz mit Erscheinungen von Löwen, Bären, Leoparden, Stieren und Nattern, Aspisschlangen, Skorpionen und Wölfen. Jedes von diesen Untieren bewegte sich nach seiner besonderen Art: Der Löwe brüllte, als wollte er anspringen, der Stier schien mit den Hörnern zu stoßen, die Schlange ringelte sich, aber sie kam nicht, der Wolf stürmte los, blieb aber wie festgebannt; der Lärm aller dieser Erscheinungen zugleich war wirklich schrecklich und ihre Wut grimmig. Antonius, von ihnen zerpeitscht und zerstochen, fühlte zwar heftigen körperlichen Schmerz, aber ohne Zittern und wachsam in seiner Seele lag er da; er seufzte infolge seiner leiblichen Pein, aber klaren Geistes und voll Hohn rief er: ›Wenn ihr Macht hättet, genügte es, wenn auch nur einer von euch käme. Aber da der Herr euch die Kraft genommen hat, versucht ihr durch eure Menge vielleicht Furcht einzuflößen. Ein Zeichen eurer Schwäche ist es, daß ihr die Gestalt von wilden Tieren nachahmt.‹ Und voll Mut sagte er weiter: ›Wenn ihr es vermögt und Gewalt empfangen habt gegen mich, dann zaudert nicht, sondern kommt heran! Wenn ihr aber nicht könnt, warum verwirrt ihr euch selbst umsonst? Denn ein Siegel ist für uns und eine sichere Mauer der Glaube an unseren Herrn.‹ Sie aber versuchten alles Mögliche und knirschten mit den Zähnen gegen ihn, weil sie sich selbst verspotteten und nicht den Antonius.

[Kap. 10] Der Herr aber vergaß auch da nicht seines Ringens, sondern kam zu seinem Beistand. Denn als Antonius aufblickte, sah er das Dach geöffnet, und ein Lichtstrahl kam auf ihn herab. Die Dämonen wurden plötzlich unsichtbar, die Pein in seinem Körper hörte sogleich auf, und das Haus war wieder unbeschädigt wie zuvor. Antonius aber merkte die Hilfe, atmete auf, er wurde von seinen Schmerzen erleichtert und fragte die Erscheinung: ›Wo warst du? Warum bist du nicht zu Anfang gekommen, um meine Qualen zu beendigen?‹ Und eine Stimme ertönte zu ihm: ›Antonius, ich war hier, aber ich wartete, um dein Kämpfen zu sehen. Da du den Streit bestanden hast, ohne zu unterliegen, werde ich dir immer hilfreich sein, und ich werde dich berühmt machen allerorten‹. Als er dies hörte, stand er auf und betete. Er gewann soviel Kraft, daß er merkte, jetzt mehr Stärke zu besitzen als vorher. Damals war er nahe an fünfunddreißig Jahre alt.

Athanasius, Leben des heiligen Antonius = Ausgewählte Schriften Band 2. Aus dem Griechischen übersetzt von Anton Stegmann. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 31) München 1917.

In der »Legenda aurea« findet sich ein Reflex:

… ex virtute animi ad conflictum daemones excitabat. Tunc illi in formis variis ferarum apparuerunt et cum iterum dentibus, cornibus et unguibus crudelissime laceraverunt. Tunc subito splendor mirabilis ibi apparuit et daemones cunctos fugavit, Antonius autemn continuo sanatus est.

… er reizte mit der Kraft seines Herzen die bösen Geister wiederum zum Kampf. Darauf erschienen jene in Gestalt verschiedener Tiere und verwundeten ihn mit ihren Zähnen, Hörnern und Krallen auf fürchterliche Weise. Dann entstand plötzlich eine wunderbare Helligkeit um ihn herum und vertrieb alle bösen Geister. Antonius wurde sofort gesund.

Jacobus de Voragine, Legenda aurea, lat./dt., Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Rainer Nickel, Stuttgart 2005 (RUB 8464), S. 86ff.

Hier der Stich von Martin Schongauer (um 1450 – 1491):

(Wikimedia/commons

Literaturhinweis:

Michael Philipp, (Ausstellung und Katalog), Schrecken und Lust. Die Versuchung des heiligen Antonius von Hiernonymus Bosch bis Max Ernst, München: Hirmer 2008. [mit 70 interpretierten Bildern]

 

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